May Only Death Tear Us Apart (Snippet)

von kweenron
KurzgeschichteRomanze, Angst / P16
08.06.2019
08.06.2019
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Was bisher geschah: Bianca Scully ist eine FBI Agentin, die im Team von Dan Mayson Verbrecher aller Art jagt, welche für die örtlichen Behörden eine Nummer zu groß sind. Nach der Vollendung des neusten Falls, kann sie endlich in den verdienten Urlaub entlassen werden. In Santa Cruz, Kalifornien angekommen, trifft sie bald auf den charismatischen Joshua, welcher nicht viele Worte braucht, um ihr den Kopf zu verdrehen. Sie verbringen drei Tage zusammen, bevor Bianca schlagartig bewusst wird, dass er nicht der Mann fürs Leben ist.


Ich hatte die Beschreibung, dass man mit einem Lächeln auf den Lippen aufwachte, immer dumm gefunden. Auch wenn ich kein Morgenmuffel war, hieß das nicht, dass ich morgens gerne von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen werde. Mit den meisten Menschen sollte man ja auf keinen Fall einen Kontaktversuch starten, bevor sie nicht ihren ersten Kaffee hatten. Doch wenn es so etwas wie ein Lächeln beim Aufwachen wirklich gab, dann hatte ich es heute sicherlich gehabt.
Der erste Gedanke, der mir kam war, dass ich Joshua heute wieder sehen würde. Und obwohl das letzte Mal noch nicht einmal einen ganzen Tag her war, freute ich mich darauf, wie als hätten wir uns Wochen lang nicht mehr gesehen. Das mit Joshua fühlte sich nicht wie eine Sommerliebe oder eine Urlaubsromanze an. Ich hatte das Gefühl, dass es mit ihm jetzt schon viel mehr war. Er ließ meinen Hass auf Fernbeziehungen komplett verschwinden und gleichzeitig regte er ihn an, wie kein anderer. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ich bald wieder zurück nach Washington gehen würde, um mein Leben dort fort zu führen. So glücklich wie hier, war ich seit Jahren nicht mehr gewesen.
Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, trat ich in die warme Sommerluft und atmete tief durch. Ich genoss es, die Sonne auf meiner Haut zu spüren. Obwohl ich dank meiner Arbeit viel unterwegs war, kannte ich hauptsächlich die Polizeiwachen des Landes. Vom Wetter oder der Vegetation bekamen wir selten viel zu sehen.
Als mein Handy klingelte, machte mein Herz einen Luftsprung, bevor es sich zusammen zog. Für einen Moment dachte ich, es wäre Joshua, bis mir einfiel, dass wir nie die Handynummern ausgetauscht hatten. Es gab nur eine weitere Person, die mich anrufen würde. Ich schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Doch anscheinend war meine jahrelange Abwesenheit in der Kirche nicht unbemerkt geblieben.

Eingehender Anruf von
Dan Mayson


Da war er wieder – der Fluch, der mir jedes Mal aufs Neue den Urlaub verdarb.
Für einen Moment dachte ich daran, gar nicht abzunehmen. Ich könnte es zu Ende klingeln lassen und es danach auf lautlos stellen und zurück in meine Tasche stecken. Zumindest für einen Tag könnte ich doch unverantwortlich sein und meine Pflichten ignorieren. Doch diesen Gedanken verwarf ich schneller als er gekommen war.
Ich hatte einen Eid geleistet und geschworen, meinem Land zu dienen. Als ich nach der Schule zur Armee gegangen war, hatte ich entschieden, dass mir die Vereinigten Staaten von Amerika wichtiger waren, als mein eigenes Leben. Wichtiger als mein Privatleben. Wichtiger als die Liebe. Meine Prioritäten hatte ich schon damals gesetzt und auch wenn es manchmal zu Herzschmerz geführt hatte, hatte ich sie nie vernachlässigt. Ich blieb meinen Prinzipien treu – auch wenn das bedeutete, mein Privatleben einmal mehr hinten an zu stellen.
Mit leiser Hoffnung, dass es nur der Hinweis auf ein Meeting am Montagmorgen war, nahm ich also doch ab. „Wie ist das Wetter in Washington?“, fragte ich.
„Regen, wie immer“, antwortete Dan und ich merkte schon an seiner Stimme, dass er diesen Anruf nicht zum Spaß tätigte. Mir war sofort klar, dass er mich anrief, um mir zu sagen, dass wir einen neuen Fall hatten und sie mich brauchten.
Ich seufzte. „Bitte tu mir das nicht an, Dan.“ Ich wusste, dass es nicht allein seine Entscheidung gewesen war. Und ich wusste auch, dass er nichts lieber getan hätte, als mir meinen Urlaub zu gönnen. Er fand sowieso, dass ich viel zu viel arbeitete. Manchmal hatte er mich abends schon fast aus dem Büro zerren müssen und mehr als einmal hatte er einfach den Stecker an meinem Computer gezogen.
„Du weißt, dass ich das muss.“
Ich fischte den Schlüssel wieder aus meiner Tasche, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück in den Hausflur. „Wann geht mein Flug?“
„Gar nicht. Wir kommen zu dir und ich bring dir deine Notfalltasche mit.“
„Geht es um die entführen Frauen?“, fragte ich, während ich die Tür meines Apartments auf schloss. In den letzten Tagen waren die Lokalnachrichten voll davon gewesen. Viele hatten vermutet, dass es unmöglich ein Zufall sein könnte, dass fünf Frauen zur selben Zeit verschwanden. Ich hatte mir schon gedacht, dass das einer unserer potentiellen Fälle sein könnte.
„Genau. Die Polizei hat gestern Abend den mutmaßlichen Täter fest genommen, aber er will nicht reden. Wir sollen dabei helfen herauszufinden, ob die Frauen noch leben und wo er sie versteckt hat.“
„Wann seid ihr da?“ Vielleicht hatte ich ja doch noch Zeit, meine Sachen zu packen und bei Joshua vorbei zu gehen. Wenn ich sie erst auf der Polizeiwache treffen würde, könnte ich ihm die Situation vorher vielleicht erklären und wir könnten weiter in Kontakt bleiben. So hatte ich nichts. Doch Dan machte meine Hoffnung zunichte: „In einer halben Stunde sind wir am Flughafen fertig und in einer Stunde bei dir.“
„In einer Stunde?!“ Ich blieb entrüstet stehen, auch wenn er das natürlich nicht sehen konnte. Erst jetzt fiel mir auf, wie laut es an seinem Ende der Leitung war. Das waren niemals die gedämpften Gespräche und das Klappern von Tastaturen, wie man es aus dem Büro kannte. „Hättest du das nicht etwas früher sagen können?“
„Ich wollte deinen Urlaub nicht früher beenden als nötig.“
„Na vielen Dank auch.“ Ich legte auf. Dann raufte ich mir die Haare und stieß einen frustrierten Seufzer aus.
Dass ich gerade jetzt zu einem Fall gerufen wurde, passte mir gar nicht. Natürlich war es gut, weil wir so die verschwundenen Frauen wieder zu ihren Familien zurück bringen konnten, oder ihnen zumindest eine letzte Ruhe in Frieden ermöglichen konnten, aber das bedeutete auch, dass wir einen Wettlauf gegen die Zeit führten. Wenn der Verdächtige schon gestern Abend verhaftet worden war, dann hatten wir noch zwei Tage, in denen sie eine realistische Überlebenschance hatten. Wir würden praktisch auf der Polizeiwache leben. Währenddessen mussten unsere Gedanken komplett auf den Fall konzentriert bleiben – da konnte ich mir eine Ablenkung durch Joshua nicht leisten. Ich musste ihn komplett aus meinem Kopf verdrängen.
Missmut machte sich in mir breit. Er war so nett und attraktiv und nun würde ich ihn nie wieder sehen. Irgendwie beschrieb das mein Leben ganz gut.

• • •


Meine Laune hatte sich nicht sonderlich gebessert, als ich draußen neben der Straße stand und auf die anderen wartete. Ich wusste nicht einmal, ob ich das verheimlichen wollte, obwohl ich normalerweise in solchen Situationen professionell war. Nur dieses einzige Mal hatte ich gehofft, meinen Urlaub genießen zu können. Nun fühlte es sich so an, als wäre ich nie weg gewesen.
Dan rief mich nur, wenn es nicht anders ging und trotzdem schaffte er es jedes Mal, das kurz vor oder während meines Urlaubs zu tun. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal eine ganze Woche frei gehabt hatte. Nicht einmal mein Sommerurlaub blieb verschont und so ging das ganze schon seit ich beim FBI angefangen hatte. Zwischen durch hatte ich geglaubt, dass es ihm Spaß machte, mich damit zu foltern, aber das hatte ich verworfen, nachdem wir uns einmal wegen meiner schlechten Laune so richtig in die Haare bekommen hatten. Das war wohl das einzige Mal, dass er die Drohung mit der Kündigung ernst gemeint hatte. Wir hatten danach bestimmt zwei Wochen nicht mehr miteinander geredet, als unbedingt nötig war.
Als der schwarze Wagen vor fuhr, straffte ich die Schultern. Ich verstaute meine Reisetasche im Kofferraum und schob mich dann neben Veronica, welche auf den Mittelsitz rutschte, auf die Rückbank. „Was haben wir bis jetzt?“, fragte ich und bemühte mich, nicht ganz so mies zu klingen, wie ich mich fühlte. Ryle reichte mir die Akte der verschwundenen Frauen. Eine Zusammenfassung der Entführungszeitpunkte und –orte, war auch dabei. Ich überflog sie schnell und sah durch die sechs Akten. Sie waren alle Mitglieder der Mittelschicht, schienen auf den ersten Blick aber keine Verbindung zu einander zu haben. „Inzwischen sind es sechs?“
„Gestern Nachmittag ist Corinna Demphis verschwunden“, bestätige Dan. „Die Polizei ist sich sicher, dass der Verdächtige, den sie gestern Abend fest genommen haben, auch der Täter ist. Anscheinend hat er für die Zeiträume der Entführungen keine Alibis und hat angedeutet, dass er etwas damit zu tun hat. Der Chief ist sich sicher, dass er den richtigen hat.“
„Sind wir uns sicher, dass sie alle noch leben?“, fragte ich. „Es erfordert einiges an Planung, um so viele Frauen zu entführen und zur selben Zeit gefangen zu halten.“
„Du weißt, wie die Statistik ist“, antwortete Veronica. „Wir gehen davon aus, dass er zumindest die ersten fünf schon getötet hat, aber die Polizei glaubt das nicht. Sie hoffen noch auf ein Happy End.“ Ich nickte. Die ersten vierundzwanzig Stunden waren in Entführungsfällen entscheidend und nur weil man noch keine Leichen gefunden hatte, hieß das nicht, dass sie noch am Leben waren.
„Warum redet der Verdächtige nicht? Will er einen Deal erzwingen oder macht es ihm einfach nur Spaß, die Kontrolle über uns zu haben?“
Meine Nebensitzerin zuckte mit den Schultern. „Ich vermute letzteres. Aber sicher können wir uns erst sein, wenn wir selbst mit ihm gesprochen haben.
Dean lenkte das Auto in einen Parkplatz vor der Polizeiwache und wir stiegen aus. Dan hatte mir wie versprochen meine Notfalltasche mit angemessenen Klamotten, meinem Ausweis und meiner Waffe mitgebracht. „Willst du dich erst umziehen, oder dich erst mit uns vorstellen?“, fragte er nun. Ich sah an mir herunter. Zwar trug ich Alltagsklamotten, doch es war nichts, was allzu sehr gegen unsere Richtlinien verstieß.
„Ich ziehe mich später um“, antwortete ich. Meine Kollegen musterten mich allesamt. „Außer ihr habt da eine andere Meinung.“ Mein Blick blieb an Dean hängen.
Leroy Dean kam ursprünglich aus England. Obwohl er nicht älter als wir war, hatten sich seine Haare schon komplett grau verfärbt. Mit seiner streng zurück gekämmten Frisur und den vornehmen Klamotten, die er immer trug, erinnerte er mich an einen alten Butler. Laut ihm, hatten seine Vorfahren auch schon im englischen Königshaus gearbeitet. Ich war mir sicher, dass er auch dort gelandet wäre, wenn seine Eltern nicht mit ihm in die USA ausgewandert wären. Der Name Leroy verstärkte meine Vorstellung nur noch, weshalb ich ihn immer Dean nannte – ansonsten hatte ich das Gefühl, vornehm mit ihm sprechen zu müssen.
Er schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg nach drinnen. Seine Wortkargheit hatte er sich sicher angewöhnt, weil man mit der Queen nur sprach, wenn man von ihr angesprochen würde.


Kapitel: Dessen Nummer ich nicht weiß, weil ich nicht an einem Stück schreiben kann
In der Wache herrschte geschäftiges Treiben. Nachdem schon sechs Frauen verschwunden waren, mussten die Polizisten unter großem Druck stehen, weil sie es erst jetzt geschafft hatten, den vermeintlichen Täter zu verhaften. An einer Pinnwand hingen die Bilder der Frauen, zusammen mit ihren Namen, den Entführungsorten und Zeitpunkten.
Wir wurden kritisch und neugierig beäugt, als wir durch das Büro liefen. Der Chief war gerade in seinem Büro und schien ein nicht ganz so freudiges Gespräch mit einem seiner Mitarbeiter zu haben: „Was hast du dir nur dabei gedacht? Es reicht nicht, dass ich mich mit den Idioten vom FBI rum schlagen muss, du denkst auch noch, dass du hier den Helden spielen kannst!“ Wir blieben vor der offenen Tür stehen und warfen uns viel sagende Blicke zu.
Wir wussten, dass nicht jeder unser Eingreifen begrüßte. Viele Polizisten und Ermittler sahen es als Herabstufung ihrer Fähigkeiten an und befürchteten die Kontrolle über den Fall abgeben zu müssen und dadurch den Ruhm bei Ergreifung des Verbrechers zu verlieren. Dabei kamen wir nur, wenn wir angefordert wurden oder es um die nationale Sicherheit ging. Wir bezogen die örtlichen Einsatzkräfte immer stark in unsere Ermittlungen ein – ohne sie, könnten wir das alles gar nicht bewerkstelligen.
„Du kannst nach Hause gehen. Ich will dich diese Woche hier nicht mehr sehen.“ Der Polizist schob sich mit gesenktem Blick an uns vorbei. Als sein Chef sich umdrehte, erstarrte er. Er musterte uns und der Anblick dürfte etwas absurd wirken. Immerhin trug der männliche Anteil meiner Kollegen Anzüge und Veronica eine schwarze Bluse und Stoffhose, während ich in heller Jeans und einem geblümten Top in deren Mitte stand. Jetzt bereute ich es, nicht auf die Begrüßung verzichtete und mich zuerst umgezogen zu haben. „Und wer seid ihr?“
„Die Idioten vom FBI, mit denen Sie sich herumschlagen müssen“, antwortete ich trocken. Dan hätte mir wohl am liebsten einen vernichtenden Blick zu geworden, doch er wollte das Fiasko nicht noch größer machen, als es sowieso schon war.
„Dan Mayson – wir hatten telefoniert“, stellte er sich unbeirrt freundlich vor. „Das sind die Agents Leroy Dean, Ryle Lane, Veronica Sanders und Bianca Scully.“
„Jason Grand“, stellte der Chief sich knapp vor und gab Dan die Hand. „Bitte folgen Sie mir. Wir haben Ihnen einen Raum frei gemacht.“
Jason führte uns in das Besprechungszimmer gleich neben seinem Büro. Es hatte zwar nur ein schmales Fenster nach draußen, aber eine Glasfront zum Büro hin, welche mit Vorhängen verhängt werden konnte.
Während wir unsere Taschen abstellten und die Laptops auspackten, beobachtete er uns kritisch. Ich legte zudem noch eine Hose und eine Shirt auf den Tisch, damit ich mich gleich umziehen konnte.
„Wo finde ich die Toiletten?“ Jason deutete wortkarg zum Eingang. Ich nickte, auch wenn ich gerade lieber die Augen verdrehen wollte. Dass er uns nicht hier haben wollte, könnte er ja zumindest professionell verbergen. „Danke“, sagte ich mit einem zynischen Unterton.
Danach ließ er uns allein und wir richteten unsere Arbeitsplätze fertig ein. Während ich unter den Tisch kroch, um dort alle Laptops an die Stromversorgung anzuschließen, rechte Veronica mir die Kabel durch eine Öffnung in der Mitte des runden Tisches. Rylee verteilte die Akten und Dean ging nach draußen, um sich die Akte des Verdächtigen zu besorgen. Dan kümmerte sich wahrscheinlich schon um die ersten E-Mails – immerhin musste er vor seinen Vorgesetzten rechtfertigen, warum wir gerade hier her gekommen waren, und nicht an einem anderen Fall saßen, wo noch kein Verdächtiger gefasst war. Solche Fälle waren immer heikel für uns.
Nachdem ich unter dem Tisch fertig war, setzte ich mich neben Veronica. „Du bist irgendwie angepisster als sonst“, meinte sie und musterte mich.
„Ist das so offensichtlich?“, fragte ich nicht weniger mies gelaunt als vor ihrer Bemerkung. Seufzend stützte ich den Kopf in die Hände und sah sie gedankenverloren an. Joshua fehlte mir jetzt schon. Vielleicht sollte ich nach Lösen des Falls zu seiner Wohnung gehen und doch noch nach seiner Handynummer fragen. Ich könnte Dan auch darum bitten, mir meine Urlaubstage gleich gut zu schreiben, damit ich länger hier bleiben konnte. Eine Unterkunft würde sich sicher finden, immerhin waren keine Schulferien.
„Was ist passiert?“ Sie rutschte auf den äußersten Rand ihres Stuhls und ich bewunderte, dass er nicht zur Seite kippte. „Hast du jemand kennen gelernt?“, fragte sie leise. Seid wir im selben Team waren, hackte sie auf meinem augenscheinlich erbärmlichen Liebesleben herum, weil ich ihr nie von meinen Bekanntschaften erzählte. Dass es dafür Gründe gab, war ihr egal. Jetzt nickte ich langsam und es war ein wirklich trauriges Nicken, dass ich im nächsten Moment schon wieder bereute. „Oh mein Gott, Ryle!“ Ich wunderte mich, dass sie nicht gleich aufgesprungen war, so euphorisch klang ihre Stimme. „Hast du das gesehen?“
Ryle nickte. „Das war eindeutig ein Nicken.“
Veronica strahlte mich an. „Ist das dein Ernst? Nach all den Jahren?“ Sie sah sich nach Leroy um, der gerade wieder ins Zimmer trat. „Hast du das gehört? Die zweitbegehrteste Jungeselin des FBIs hat endlich einen Lover!“
„Zweitbegehrteste?“, fragte ich und überging einfach mal, dass sie Joshua als Lover bezeichnete. „Warum bin ich nur die Nummer zwei?“
„Dan ist die Nummer eins“, antwortete sie und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war Dan darüber gar nicht glücklich.
„Ich glaube, ich muss dir das Gehalt kürzen.“ Veronica ließ sich davon nicht beirren: „Ich freue mich so für dich, Bianca. Es muss toll sein, nach so langer Zeit wieder jemanden zu haben.“ Fast erwartete ich, dass sie meine Hände nahm.
„Nur dass ich ihn nie wieder sehen werde, weil ich jetzt hier sitze und nicht bei unserem Date.“
„Manchmal hat das einen guten Grund. Wenn ich die Dates mit meiner Ex-Frau nicht gehabt hätte, hätte sie mich nicht betrügen können“, meinte Dan. „Zieh dich um – wir fangen schon einmal mit der Besprechung an.“
„Alles klar, Chef.“
Auf Grund der spärlichen Auskunft fragte ich auf meinem Weg eine der wenigen Polizistinnen, welche mich prompt auf die Toilette begleitete. Vor dem Waschbecken zog ich mich um, bevor ich mein Spiegelbild ansah. So sah man also aus, wenn man zwar Leben rettete, aber trotzdem lieber wo anders wäre.
Nachdem ich mir das Gesicht gewaschen hatte, nahm ich mir einen Moment um meine Gedanken zu ordnen. Ich hatte die Arbeit schon immer in den Vordergrund meines Lebens gestellt. Karriere war mir wichtiger als Beziehungen. Das hier war nicht anders, als alles andere davor. Ich hatte schon meinen letzten Freund verlassen, als ich zum FBI gegangen war, um mich darauf fokussieren zu können. Jetzt ließ ich Joshua hinter mir, um einen mutmaßlichen Mörder zu überführen.
Mit dem Verlassen der Toilette verbannte ich jeden Gedanken an Joshua aus meinem Kopf. Ich strafte die Schultern und ging wieder zurück in den Besprechungsraum. Inzwischen waren die anderen mit Jason in eine Diskussion verwickelt.
„Am besten breiten Sie sich nicht zu weit aus, das erspart Ihnen Zeit beim Einpacken“, sagte er gerade mit einer abwertenden Handbewegung, als ich mich an ihm vorbei schob und zu meinem Platz ging. Fragend sah ich Veronica an, doch sie zuckte nur mit den Schultern. „Er muss uns nur noch verraten, wo er die Leichen versteckt hat, dann sind wir hier fertig.“
„Dabei werden wir Ihnen selbstverständlich auch behilflich sein“, sagte Dan mit einem gezwungenen Lächeln.
„Hat er bis jetzt irgendwelche Forderung gestellt?“, fragte Veronica.
Jason Grand schüttelte den Kopf. „Bis jetzt noch nicht. Aber er sitzt seit gestern Abend im Verhör – es wird nicht mehr lang dauern, bis er schwach wird und darum bettelt, gehen zu können. Unsere Methoden haben sich schon oft bewährt.“
„Ich kann mir vorstellen, was Ihre Methoden sind, aber glauben Sie mir: Die meisten Psychopathen werden bei Verweigerung von Essen oder etwas zu trinken nicht schwach. Sie stecken stressige Situationen besser weg, als die meisten Menschen“, erklärte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir würden daher gerne keine Zeit mit Ihren altmodischen Methoden verschwenden.“
„Was meine Kollegin damit sagen will,“ griff Dan ein und warf mir einen unauffälligen Seitenblick zu, „ist, dass wir wissen, was funktioniert und unsere Methodik auf die jeweiligen Verhaltensmuster unserer Verdächtiger anpassen können. Darauf sind wir spezialisiert.“
„Wenn man ihren Psycho-Spielchen glauben schenken will...“
„Wie wäre es, wenn Sie mir den Verdächtigen zeigen, Chief.“ Dean begleitete ihn aus dem Raum und entschärfte damit die Situation.
„Weißt du noch, was ich über dein Verhalten gesagt habe?“, fragte Dan und legte mir die Akten der Opfer auf den Tisch.
„Was meinst du? Dass dir mein Verhalten allgemein nicht gefällt, oder dass ich das erste Mal in all der Zeit, die wir uns kennen, einen Strafzettel bekommen habe?“
„Wir gehen dann mal Kaffee holen.“ Veronica und Ryle ergriffen die Flucht.
„Ich weiß, dass du es nicht ausstehen kannst, wenn man dich nicht mag und dir das offen zeigt, so wie er das tut. Und ich weiß auch, dass du es hasst, dass dein Urlaub schon wieder unterbrochen wurde. Aber ich weiß auch, dass du professionell mit solchen Situationen umgehen kannst, also warum tust du das hier nicht?“ Ich fühlte mich ertappt. Veronica hatte wirklich Recht gehabt, als sie gesagt hatte, dass ich angepisster als sonst wirkte. Obwohl mir nicht bewusst gewesen war, dass es so offensichtlich war.
„Was willst du hören? Ich hatte eine wirklich gute Zeit und ich bin enttäuscht, dass ich das nicht zu Ende bringen konnte. Du hättest mir früher Bescheid geben sollen.“
„Als wir erfahren haben, dass wir zu dir kommen, war es mitten in der Nacht in deiner Zeitzone.“
„Die Uhrzeit hat dich bisher nie davon abgehalten, mir Bescheid zu sagen.“ Dan seufzte und setzte sich neben mich.
„Ich wollte dir so lang wie möglich Zeit geben, okay? Jeder von uns sieht, wie hart du arbeitest und ich finde, dass du zu viel arbeitest. Wir haben alle zusammen entschieden, dass wir dich erst anrufen, wenn wir in Santa Cruz gelandet sind.“
„Dann kann ich ja immerhin auf euch alle sauer sein“, murmelte ich und wandte mich den Akten zu. Ich musste aufholen, was die anderen während des Flugs gelesen hatten.
Irgendwann stand Dan auf, blieb aber an Ort und Stelle stehen. Erst als ich ihn fragend ansah, sagte er: „Ich bin froh, dass du weiter machen konntest.“ Fast wie aufs Stichwort kamen Ryle und Veronica wieder zurück.
Er war froh, dass ich weiter machen konnte? Ich schüttelte den Kopf und wandte den Blick wieder zu Corinna Demphis‘ Lebenslauf, bevor ich genervt seufzte und die Akte zu klappte. Das machte die Sache kein bisschen besser.


Kapitel: In dem alles den Bach runter geht
Wir hatten beschlossen, dass eine Frau beim Verhör dabei sein sollte. Veronica sah den Opfern zu ähnlich, deshalb durfte ich das übernehmen, obwohl ich noch ein paar Defizite hatte, was die Informationen über den Fall anging. Aber uns rannte die Zeit davon. Wenn zumindest eine der Frauen noch am Leben war, blieb ihr nicht mehr viel Zeit – außerdem könnte ein potentieller Partner, der plötzlich auf sich allein gestellt war, zu einem Amokläufer werden.
Dan trat zuerst in den Raum, dann Ryle und zuletzt ich. Erst nachdem ich bereits die Tür hinter mir geschlossen hatte fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, wie unser Verdächtiger überhaupt hieß. Ich hatte komplett vergessen, mir seine Akte an zu schauen. Und das bereute ich, als ich den Blick hob.
Oh nein.
Mein Herz setzt ein, zwei, drei Schläge aus. Ich war wie versteinert als sich unsere Blicke trafen. Das durfte nicht wahr sein. Eisblaue Augen sahen mich an. Er saß zurück gelehnt auf seinem Stuhl, hatte sie Arme vor der Brust verschränkt. Seine blonden Haare waren zerzaust und er trug noch dasselbe Shirt, wie gestern Abend.
Ich zwang mich dazu den Blick abzuwenden und straffte die Schultern. Die anderen durften mir nichts anmerken. „Joshua Hinks, ich bin Dan Mayson und das sind die Agents Scully und Lane.“
„Agent Scully?“, fragte Joshua und allein davon lief mir ein Schauder über den Rücken. „Wie Scully von den X Files?“ Er lehnte sich nach vorne, stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab und bettete den Kopf auf die Hände. „Sagen Sie bloß, Sie heißen Dana mit Vornamen.“ Ich warf einen kurzen Blick zu Dan, bevor ich erwiderte: „Mein Name ist Bianca.“
„Bianca.“ Ein schelmisches Lächeln erschien auf seinen Lippen. Dieses Lächeln, das ich so umwerfend gefunden hatte, stach jetzt wie ein Messer in mein Herz. Joshua war ein Mörder. Er hatte diese Frauen getötet. Er hätte mich töten können. Das perfekte Bild, was ich von ihm hatte, war wie eine Seifenblase zerplatzt. „Was machen Sie heute Abend, Agent Scully?“
Ich setzte eine möglichst kalte Miene auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Haben Sie das Ihre Opfer auch gefragt?“ Sein selbstsicheres Lächeln wurde noch breiter, wenn das überhaupt möglich war.
„Wollen Sie wissen, was ich mit Frauen mache, die ich in Bars treffe und mit nach Hause nehme? Eigentlich bin ich nicht der Typ für so etwas, aber Ihnen würde ich es anbieten.“ Er lehnte sich wieder zurück, ahmte die Haltung meiner Arme nach. „Die Frage ist nur, ob sie annehmen würden.“
„Hier geht es nicht um sie“, griff Dan ein und rettete mich damit. „Es geht um die sechs Frauen, die Sie getötet haben und deren Leichen Sie versteckt halten.“
„Fünf.“ Wir tauschten viel sagende Blicke aus. „Wenn, dann habe ich nur fünf von ihren verschwundenen Frauen umgebracht.“ Er versuchte nicht einmal seine Unschuld zu beteuern. Er sagte es klar heraus. Ich konnte nicht glaube, dass ich mich auf solch ein Monster eingelassen hatte. Wie hatte ich ihn sympathisch finden können? Warum hatte ich diese psychopathische Seite, die er offensichtlich hatte, nicht erkannt? Bei dem Gedanken daran, wurde mir schlecht.
„Warum sollten wir Ihnen glauben?“, fragte Ryle.
„Weil ich ein Alibi für Nummer sechs habe.“ Oh nein. Mir wurde erst heiß und in der nächsten Sekunde eiskalt. Wann war Corinna Demphis entführt worden? Fieberhaft dachte ich nach. In meinem Kopf ratterte es, doch es wollte mir nicht einfallen. Verdammt, ich hatte die Akte nie gelesen. Ich hatte sie aufgeklappt, aber nie gelesen. Mist. Es musste in den letzten Tagen gewesen sein – wie hoch war die Chance, dass Joshua mich mit diesem Alibi meinte? So groß, dass es eigentlich keine Gegenseite gab. Er würde mich auffliegen lassen. Und Dan würde mich abziehen und zurecht sauer sein und mir wieder mit der Kündigung drohen. Joshua würde mich in noch größere Schwierigkeiten bringen, als er selbst steckte. Ich hätte bei der Besprechung des Falls besser aufpassen sollen.
„Und was wäre?“ Joshua sah mich an, während er antwortete und sein Blick stach wie tausend Messer: „Ich war auf einem Date mit einer Frau, die ich in einer Bar kennen gelernt habe.“ Dann wandte er den Blick wieder meinen Kollegen zu. „Sie ist doch gestern verschwunden, oder?“ Er meinte mich. Er liebte es die Kontrolle über mich zu haben. Er genoss es merklich, mich um den Finger gewickelt zu haben und mit mir zu spielen. Er hatte mich völlig in der Hand und mir gefiel das gar nicht.
„Wie ist ihr Name?“, fragte Ryle nichts ahnend.
„Das… kann ich nicht sagen.“ Ich erwischte mich, wie ich fast erleichtert ausgeatmet hätte. „Das würde sie nur in Schwierigkeiten bringen.“ Das Lächeln verschwand nicht von seinen Lippen.
„Ich könnte mir keine größeren Schwierigkeiten vorstellen, als wegen Mordes verhaftete zu sein“, meinte Dan. „Verraten Sie uns den Namen Ihres angeblichen Alibis und die Orte, wo Sie die Opfer versteckt halten – ansonsten wandern Sie auf den elektrischen Stuhl.“ Er stützte sich auf der Lehne des Stuhls ab. Damit ging er in die Offensive. Für ihn mussten sich Joshuas Aussagen wie ein dummes Spiel anhören, mit dem er uns zum Narren halten wollte. Wenn er nur wüsste.
„Wenn ihr mich umbringt, erfahrt ihr nie, wo sie vergraben sind.“ Mit einem Kopfnicken deutete Dan uns an, den Raum zu verlassen. Hatte er jemals angedeutet, wo sie waren? Hatte er mir einen Hinweis gegeben? Das hätte er tun können. Immerhin hatte er bestimmt nicht geglaubt, dass man ihn schnappen würde und ausgerechnet ich dann mit dem Fall betreut werden würde.
Ich musterte ihn, während die anderen zwei an mir vorbei liefen, bevor ich mich ebenfalls abwandte und zur Tür ging.
„Was ist nun, Agent Scully?“ Ich hielt in der Bewegung inne. „Hätten Sie angenommen?“ Er kannte die Antwort. Er wusste ganz genau, dass ich ihm nicht widerstehen konnte. Das fragte er nur, weil er mich vor meinem Team bloß stellen wollte. Was erwartete er, dass ich sage? Sollte ich ihm um den Hals fallen und anhimmeln?
„Ich gebe mich nicht mit Mördern ab“, antwortete ich über die Schulter hinweg, bevor ich auf den Flur ging und die Tür hinter mir zu zog.
„… ist mir vollkommen egal. Ich will wissen, wo er war und wer sie ist.“ Dan legte auf, steckte das Handy weg und wandte sich uns zu. Er war merklich gestresst. Das lief absolut nicht nach seinem Plan.
„Sein Interesse an Bianca ist unlogisch. Sie passt nicht in seinen bevorzugten Typ“, begann Veronica mit der Analyse. „Lag es nur daran, dass sie die einzige Frau war oder versucht er sie zu beeindrucken?“ Dean widersprach: „Ich finde, das würde auch nicht passen. Sie hat keinerlei Reaktion auf seine Annäherungen gezeigt. Sie ist beim FBI und er sollte intelligent genug sein um zu wissen, dass sie nicht umsonst Verbrecher jagt. Ihm muss bewusst sein, dass sie von Kerlen wie ihm nichts hält.“ Immerhin schien keinem das Gefühlschaos in mir aufgefallen.
„Gibt es etwas, dass du uns verschweigst?“, fragte Dan und mit einem Mal fühlte ich mich ertappt. Ich musste es ihnen sagen. Noch konnte ich mich raus reden und sagen, dass ich das Verhör nicht abbrechen und ihm womöglich einen Vorteil geben wollte. Jetzt war der richtige Moment um zu gestehen, dass ich sein Alibi war und er der Mann ist, von dem Veronica jetzt schon so begeistert war. Wenn ich jetzt ehrlich war, dann dürfte ich vielleicht hier bleiben und würde nur von den Verhören ausgeschlossen werden – worüber ich nicht einmal enttäuscht wäre. Bestimmt wären alle froh, dass es mir gut ging und nicht ich sein sechstes Opfer geworden war.
Doch irgendetwas in mir sträubte sich dagegen. Ich wollte Joshua selbst zum Reden bringen und ihm nicht das Gefühl geben, er hätte gewonnen. Ich wollte ihm die Verstecke der Leichen entlocken. Wenn er mir tatsächlich einen Hinweis gegeben hatte, dann würde ich es in weiteren Gesprächen herausfinden können. Was, wenn die anderen diesen Vorteil aber nicht sahen und mich komplett abziehen wollten? Das würde den Opfern und ihren Familien wahrscheinlich ihren Frieden kosten. Sie sollten damit abschließen können. Und ich konnte ihnen das ermöglichen.
„Nein“, antwortete ich. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Ich hatte das Gefühl, dass die anderen mich längst durchschaut hatten. „Was sollte ich verschweigen?“
„Die Andeutungen, die er gemacht hat, ergeben für mich keinen Sinn“, erklärte Dan. „Bist du dir sicher, dass du ihm nicht schon einmal begegnet bist?“
„Immerhin warst du schon ein paar Tage vor uns hier“, fügte Ryle hinzu.
„Nicht dass ich mich erinnern könnte.“ Ich schüttelte den Kopf. „Natürlich hätte ich ihm über den Weg laufen können, aber er ist mir nicht bewusst aufgefallen.“ Dan nickte und damit war das Thema für ihn beendet.
„Du hattest sicher auch nur Augen für deinen neuen Freund“, meinte Veronica grinsend und ich verdrehte die Augen. Mein toller Freund saß in diesem Verhörzimmer und hatte fünf Frauen umgebracht. Warum hatte er mich nicht getötet?
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