Eine Nacht in Beutelsend

von alliask
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16 Slash
Balin Bilbo Beutlin Elrond Fili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
08.06.2019
15.06.2019
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Stolperfalle


__"Also wart Ihr es", stellte Eyða mit verschränkten Armen fest.
Zwischen den Brauen des Halblings erschien eine tiefe Furche. "Wie bitte, was?"
"Ihr habt damals vor der Schlacht den Arkenstein gestohlen!"
"Ähm…ja." Ein seltsames, kleines Naserümpfen bewegte das Gesicht des Hobbits. "Das stimmt. Das war ich."
Eyða schwieg. Einige Momente brachte sie damit zu, verkniffen ihren Bart zu kraulen und sich darüber klar zu werden, dass all ihre Phantasien über den legendären Raub des Arkensteins daneben gelegen hatten - zumindest insoweit, dass sie bisher immer diverse Verwandte verdächtigt hatte, den Stein gestohlen zu haben. (Nori zum Beispiel hatte sie nie richtig über den Weg getraut.) "Kein Wunder, dass mein Vater wütend war", befand die Jungzwergin, "Was Ihr getan habt, war Hochverrat!"
Entrüstet riss Bilbo die Augen auf. "Hochverrat?! Also, meinetwegen nennt es wie Ihr wollt, aber es war noch lange kein Grund, mir deswegen von Thorin solche Unverschämtheiten bieten lassen zu müssen. Ich habe mich damals ernsthaft gefragt, warum ich das Ding nicht lieber gleich in den See zu dem toten Drachen geworfen habe."
"Das Ding?!" Diesmal war es Eyða, die entrüstet ihr Auge aufriss. Wie konnte man das wertvolle Erbe Thrórs, das Herz des Berges, wie konnte man diesen einmaligen Edelstein ein Ding nennen?
Bilbo seufzte. "Ach ja, Entschuldigung. Ich wollte sagen, das Königsjuwel."
"Schon gut", schnaubte Eyða, so dass auf ihrem Tee ein paar kleine Wellen zitterten, "Ein Hobbit versteht so etwas eben nicht."
"Ja, vielleicht…", begann der Halbling, legte die Hand an die Seitentasche seiner senfgelben Weste und fuhr mit vorsichtigen Fingern darüber als befände sich darin ein geheimer, kleiner Schatz. "…vielleicht habt Ihr Recht."
Eyða musterte den abwesenden Auenländer einen Moment. Doch dann nahm dieser die Hand wieder von der Westentasche, griff stattdessen nach seinem Tee und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. "Nach dieser Nacht glaubte ich nicht mehr an ein gutes Ende", erzählte er weiter, "Ich befürchtete, dass nun, wo Thorin den Arkenstein zurück hatte, alles immer schlimmer werden würde, so wie Balin es vor der Schlacht vorausgesagt hatte. Aber am nächsten Abend machte uns Thorin auf einmal eine überraschende Mitteilung…"



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Ende Dezember im Jahre 2941 D.Z. - Abendessenszeit im Erebor

"Du hast was?!?", rief Dwalin durch den allgemeinen Aufruhr an der Tafel des Königs.
Thorin wartete einen Moment, bis sich seine Gefährten beruhigt hatten. Dann wiederholte er seine Worte mit aller Deutlichkeit: "Ich habe Bard den Arkenstein überlassen."
Wieder brandete eine Welle der Entrüstung über die Gemeinschaft der Zwerge.
"Warum, um alles in der Welt?", rief Dori.
"Der Stein ist das Geburtsrecht unseres Volkes!", rief Glóin.
"Das Königsjuwel!", rief Óin.
"Wie kommst du dazu", rief Fíli, "das Erbe unserer Ahnväter einfach zu verschenken?!"
"Ruhe!", donnerte Thorin, so dass es in den meterhohen Mauern und Pfeilern des Saales widerhallte. Die Zwerge verstummten. Verstört blickten sie ihren König an. Der machte seinen Rücken gerade und holte tief Luft. "Ich habe den Arkenstein nicht verschenkt. Ich habe ihn als Unterpfand unserer Freundschaft an die Menschen gegeben."
"Und welches Unterpfand seiner Freundschaft überlässt Bard uns?", fragte Dori.
Thorins Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. "Bard hat den Drachen getötet. Viele Seestädter starben, weil wir das Ungeheuer aufgeweckt haben. Wir stehen in der Schuld der Menschen, ob ihr es wollt oder nicht!"
Bilbo saß etwas eingesunken an der Tafel zwischen Bofur und Kíli und schaute zwischen den hitzig diskutierenden Zwergen hin und her. Er war mindestens so verblüfft wie die anderen, hatte er doch erst gestern Abend bei jenem unsäglichen Streit noch einen ganz anderen Thorin erlebt. Plötzlich bemerkte der Hobbit, wie Glóin auf ihn zeigte. "War es Bilbo, der dich dazu angestiftet hat, den Stein herzugeben?", rief der rothaarige Zwerg.
"W-w-w-was?!" Verstört zeigte der Hobbit auf sich selbst und blinzelte. "Ich? Ich wusste davon genauso wenig wie-"
Rumms. Wütend schlug Thorins Faust auf den Tisch, dass die Teller hüpften und das Bier schwappte. "Bilbo hat damit nichts zu tun!", brüllte er. Wieder wurde es still. Der Halbling schickte einen kurzen, fragenden Blick in Richtung des Zwergenkönigs, aber Thorin wich diesem aus.
"Wer hat dich sonst auf diese Idee gebracht?", wollte Nori wissen.
Der König lehnte sich in seinem Stuhl zurück, auch wenn sein Körper sichtbar unter Spannung blieb. "Ich habe diese Entscheidung alleine getroffen."
"Und es war die richtige Entscheidung!" Überrascht drehte sich die Gemeinschaft zu Balin um, der gerade durch das etwas in den Angeln hängende Tor der Halle schlüpfte und sich dann in Ruhe an den langen Tisch begab. "Ihr habt selbst die verhängnisvolle Wirkung des Arkensteins gesehen", erklärte der alte Zwerg, während er sich behäbig auf den freien Platz neben Thorin setzte. "In Thal ist der Stein sicher verwahrt. Ich komme gerade von dort. Das Juwel wurde unter meiner Aufsicht in die innerste Schatzkammer der Stadt verbracht. Der Arkenstein liegt dort unter dreifachem Verschluss. Bard ist ein ehrenvoller Mann. Er weiß den Stein als Symbol unserer Freundschaft zu schätzen. Und wir werden die Freundschaft zu den Menschen noch nötig haben. Ohne Frieden und Handel ist der ganze Erebor nichts wert."
Die Zwerge murmelten zustimmend, doch Dwalin sah alles andere als einverstanden aus. Langsam erhob sich der Krieger von seinem Stuhl und richtete sich zu seiner ganzen, Ehrfurcht gebietenden Größe auf. "Hat es nicht gereicht, dass wir ihnen fast ein Fünftel des Goldes überlassen haben? Hast du überhaupt bedacht, was das für deine Stellung bedeutet, Thorin? Ohne den Arkenstein bist du ein schwacher König! Die anderen sechs Zwergenstämme werden deine Macht nicht anerkennen!"
Wütend fuhr der schwarzhaarige Zwergenchef hoch, stemmte beide Hände auf die Tischplatte und bedachte Dwalin mit einem düsteren, zornfunkelnden Blick. "Da gibt es nichts anzuerkennen! Ich bin der Erbe Durins! Wer soll sonst König unter dem Berg sein?!"
Die Runde blieb still. Eine unangenehme Spannung lag über dem Raum - bis Balin sich leise räusperte. "Ich fürchte Dwalin hat Recht", begann der weißbärtige Zwerg in einem diplomatischen Ton, "Dass du den Arkenstein nicht mehr besitzt, schwächt deine Macht bei den Zwergenvölkern. Denk nur an die Steifbärte! Jetzt wo der Drache weg ist, wird Sven Spreizbart nur auf eine Gelegenheit warten, sich den Erebor unter den Nagel zu reißen. Du wirst deinen Anspruch als König unter dem Berg sichern müssen. Und zwar auf die altbewährte Weise."
Langsam setzte Thorin sich wieder hin und musterte seinen alten Vetter mit argwöhnischer Miene. "Was heißt das, auf die altbewährte Weise?"
Balin fuhr sich über den langen, gegabelten Bart, atmete leise seufzend durch und bedachte seinen König dann mit einem mitleidigen Lächeln. "Durch Heirat, mein Junge."
Für einen Moment schwieg Thorin. Ein deutlicher Anflug von Unlust war im Gesicht des Königs zu erkennen. Seine Augen verengten sich skeptisch, als Balin schließlich weiter sprach: "Dáins Tochter Freydis wäre gerade im richtigen Alter. Außerdem soll sie sehr schön sein."
"Aber Dáin entstammt der Linie Durins", erklärte Thorin unwillig, "Damit ist seine Tochter meine Cousine!"
"Das stimmt nicht", berichtigte Balin, "Dáin ist dein Cousin zweiten Grades. Folglich ist Freydis deine Nichte dritten Grades."
"Das klingt keinen Deut besser", knurrte der Oberzwerg.
Balin schüttelte ärgerlich den Kopf. "Unsinn! Glaub mir, da gab es schon ganz andere Verbindungen. Denk nach, Junge!", beschwor er den König, als der immer noch nicht überzeugt aussah, "Was, wenn die Orks wieder erstarken? Wer soll uns beistehen, wenn Azog eines Tages erneut angreift? Ich bezweifle, dass Thranduil uns in einem solchen Fall noch einmal Hilfe leisten würde, zumal seine Armee auf lange Zeit geschwächt ist. Wenn es soweit kommt, sind wir auf Hilfe aus dem Osten angewiesen und niemand hat soviel Einfluss auf die Zwergenstämme dort wie Dáin. Nur er könnte die Eisenfäuste und Steinfüße dazu bewegen, für uns in den Kampf zu ziehen. Wir brauchen dieses Bündnis, Thorin!"
Eine Zeit lang blieben Thorins Augen ratlos auf der hölzernen Tischplatte hängen.
Mitfühlend legte Balin ihm die Hand auf die Schulter. "Ich denke, dir wird nichts anderes übrig bleiben."
Thorin starrte noch immer vor sich hin, seine Finger drehten unentschlossen an dem einzigen Schmuckstück, das er noch trug, einem Siegelring mit den königlichen Insignien. Nach einigen Sekunden ließ er von dem Ring ab, legte die Hand fest auf den Tisch und nickte. "Dann wird es so sein", sprach er.


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__"Gleich am nächsten Morgen verkündete Thorin, dass es ein Fest geben werde, welches die Freundschaft mit den Zwergen aus den Eisenbergen feiern sollte", erzählte der Halbling, "Auch Dáins Tochter sollte eingeladen werden."
Eyða nickte, doch ihre Gedanken beschäftigten sich gerade noch mit etwas anderem. "Man nimmt es ihm bis heute übel", murmelte sie leise in ihren roten Bart.
Fragend guckte Bilbo über den Rand seiner Tasse auf seine junge Besucherin. "Das Fest?", fragte er, als er die Tasse absetzte.
"Quatsch!", antwortete die Zwergin mürrisch, "Nein, ich meine, dass mein Vater den Arkenstein weggegeben hat. Viele der Zwerge im Erebor finden es nicht richtig. Sie sagen, das Königsjuwel gehört wieder unter den Berg." Gedankenverloren lehnte Eyða sich zurück und fuhr mit den Fingern das Lederriemchen ihrer Augenklappe ab. Sie hatte den magischen, zwischen allen Farben oszillierenden Stein selbst einmal in der Schatzkammer von Thal besichtigt und es war ein Moment gewesen, den sie im Leben niemals wieder vergessen würde. Eyða bemerkte den kritischen Blick, der auf ihr ruhte. "Was war mit dem Fest?", fragte sie schnell, denn sie hatte kein Interesse daran, mit einem Auenländer Themen zu diskutieren, die diesen nicht das Geringste angingen.
Zum Glück ließ der Hobbit sich ablenken. "Ach, genau, das Fest. Es sollte erst im Frühling stattfinden. Am Sigartag", erklärte er, "Bis dahin blieben noch beinahe drei Monate Zeit, die es auch brauchte, um den Erebor halbwegs in Ordnung zu bekommen, nach allem was der Drache dort angerichtet hatte."
"Am Sigartag, mhm…", sagte Eyða, stürzte den inzwischen lauwarmen, für ihren Geschmack ziemlich faden Tee hinunter - ein Schuss Rum hätte dem Getränk nicht geschadet - und nickte wissend. Der Sigartag wurde im Erebor auch heute noch Jahr für Jahr ausgelassen gefeiert. Es war ein Feiertag zu Ehren siegreicher Helden mit dem gleichzeitig der Beginn der warmen Jahreszeit und damit der Handelssaison begrüßt wurde. Heuer hatte Eyða nicht mitgefeiert. Sie hatte, während die anderen singend, lärmend und saufend in der Festhalle tanzten und feierten, heimlich ihre Sachen gepackt, sich in der Heiligen Halle den Segen ihrer Ahnen erbeten und war noch vor dem Morgengrauen, als die Mehrheit der Festgesellschaft volltrunken unter den Tischen lag, aus dem Erebor verschwunden, um ihre Reise in den Westen zu beginnen.
"Mich ging das alles nichts mehr an", unterbrach der Halbling ihre Gedanken, "Ich hatte mich entschieden, doch nicht mehr bis zum Frühjahr mit meiner Abreise zu warten."
Eyða schaute auf. "Wieso?"
"Naja", begann der Hobbit seufzend, "Auch wenn Thorin sich vom Arkenstein getrennt hatte, seine Einstellung mir gegenüber hatte sich offenbar nicht geändert. Er ging mir seit dem nächtlichen Streit aus dem Weg, redete nur das Nötigste mit mir und meistens nicht einmal das. Ich wollte ihm unter diesen Umständen nicht länger auf der Tasche liegen. So wie viele andere Händler, die von dem plötzlichen Reichtum der ehemaligen Seestädter gehört hatten, war auch eine Gruppe von Pelzhändlern aus Dunland gerade in Thal. Sie wollten bald weiter bis über das Nebelgebirge und so vereinbarte ich mit ihnen, dass sie mich bei ihrer Abreise abholen und mitnehmen sollten..."


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Anfang Januar im Jahre 2942 D.Z. - Ein letztes (zweites) Frühstück im Erebor

Schweigsam mampfend saß Bilbo mit Dwalin, Bombur, Bofur, Bifur, Nori, Dori, Ori, Óin und Glóin beim Frühstück an dem gewaltigen, langgezogenen Eichenholztisch in dem nicht weniger gewaltigen Speisesaal neben der Küche. Mit halb geöffneten Lidern schaute der Hobbit sich in dem vom Drachenfeuer halbwegs unversehrt gebliebenen Raum um, ließ die müden Augen über die vergilbten Wandteppiche rechts und links der großen Flügeltüre gleiten und unterdrückte nach jedem zweiten heruntergeschluckten Bissen ein Gähnen. Er hatte fast nichts geschlafen. Am Vorabend hatte sich zuerst Balin bei ihm verabschiedet, weil dieser zu einem "geheimen Treffen" mit einer "Informantin aus dem Osten" aufbrechen musste. Nach diesem tränenreichen Abschied hatte Bilbo seine sieben Sachen gepackt und sich dann ins Bett gelegt. Dort aber hatte er sich nur hin und her gewälzt…
Bilbo ließ den Blick über die futternden Zwerge um sich herum schweifen, die ihm inzwischen so nahe standen wie ein große Familie. Die Vorstellung stattdessen mit diesen seltsamen Pelzhändlern unterwegs zu sein, war ihm nach wie vor nicht ganz geheuer, zumal es sich um Menschen von einem ungehobelten und gerissenen Schlag handelte. Aber immer noch besser als-
Pünktlich zu diesem Gedanken kam auch schon die Ursache für Bilbos überstürzte Abreise herein und rempelte fluchend das dick gepackte Bündel an, das Bombur vorhin seinem hobbitschen Freund in die Hand gedrückt hatte. Der gut beleibte Zwerg hatte Bilbo in ein Leinentuch jede Menge Proviant eingeschlagen: Am Boden zwei kleine Käseleibe, darüber in Papier eingewickelte Räucherwürste und gekochte Eier und oben drauf jede Menge Äpfel. Bilbo hatte das zu einem Sack verknotete Bündel dankbar an sich genommen und dann etwas ungeschickt im Eingangsbereich abgestellt, um erstmal einen Happen mit den anderen zu essen.
"Verdammt nochmal", murmelte Thorin, während er dem Bündel mit seinem eisenbeschlagenen Stiefel noch einen kleinen Tritt verpasste, ohne sich darum zu kümmern, um was es sich dabei überhaupt handelte.
Bilbo salzte energisch sein dick belegtes Käse-Tomaten-Brot nach, als der Zwergenkönig auf die von Bombur üppig gedeckte Tafel zu kam. "Guten Morgen", grüßte der Hobbit knapp, aber seiner Erziehung folgend höflich. Wie üblich erntete er dafür ein gebrummtes "Mm" und einen ausweichenden Blick.
Ungerührt biss Bilbo in sein Käsebrot, beobachtete aus dem Augenwinkel, wie der Zwerg sich einige Plätze weiter schwerfällig am Tisch niederließ.
Auch während der Tage als Thorin den Arkenstein bei sich trug, war er nicht gerade in einem berauschenden Zustand gewesen, aber seit er das Königsjuwel hergegeben hatte, sah er einfach nur noch erdrückt und niedergeschlagen aus. Heute schien es besonders schlimm zu sein. Die Haut auf seiner hohen Stirn wirkte fahl und grau. Die Augen unter den breiten Brauen waren rot geädert. Sein Mund war verkrampft und insgesamt wirkte er ganz und gar elend, wie er unmotiviert auf die vielen Speisen am Tisch starrte und sich schließlich eine kleine Menge aus der gußeisernen Rühreipfanne auf den Teller löffelte.
Der Käsebrotbissen in Bilbos Hals wollte sich nicht recht herunter schlucken lassen bei diesem Anblick. Doch was ging ihn das alles überhaupt noch an? Ihm konnte es egal sein, dass der sonst so streitbare Zwerg schon wieder lethargisch und in sich gekehrt an seinem Frühstück herum kaute, ihm konnten die hängenden Schultern Thorins egal sein und auch die Leere in seinem Blick.
Auf einmal unterbrach Dwalin die Stille am Tisch mit einem Räuspern. "Thorin, wie wäre es, wenn wir nach dem Frühstück nachschauen, ob wir unsere alte Kegelbahn wieder in Gang setzen können?"
Bilbo blickte auf. "Kegelbahn?"
"Für so etwas habe ich keine Zeit", brummte der Zwergenchef.
"Gab es dort nicht auch diese Bar, die sich gedreht hat, Thorin!?", rief Bofur, "Wir könnten doch nachher zusammen nachsehen, ob sie noch-"
"Schluss mit dem Unsinn. Es gibt Wichtigeres zu tun", murrte Thorin, während er sich lustlos eine Gabel voll Rührei in den Mund schob.
"Aber weißt du, Thorin", begann Bofur wieder, "Seit dieser ganzen Geschichte mit dem Arken- also ich meine, du kommst uns in letzter Zeit ein bisschen müde vor. Vielleicht täte es dir ganz gut, wenn du zur Abwechslung mal etwas machst, was Spaß ma-"
"Spaß?" Thorins Brust hob und senkte sich angestrengt, während er düster über den Tisch zu dem Zwerg mit den dunklen Zöpfen hinüberschaute. "Was denkt ihr eigentlich!? Wir sind nicht hergekommen für Spaß. Wir sind hergekommen, um-"
"Bilbo, sie sind da!" Völlig außer Atem kamen Kíli und Fíli durch die Flügeltür gerauscht, so dass die Köpfe von Thorin, Dwalin, Bombur und der übrigen, mampfenden Zwerge am Tisch hoch schnellten.
Bilbo nickte, schob sich den Rest seines Käsebrotes in den Mund, rieb sich die Hände ab und stand dann von seinem Stuhl auf.
"Wer ist da?", fragte Thorin misstrauisch und schaute dann ziemlich dumm, als ihm keiner der Zwerge eine Antwort gab. Stattdessen erhoben sie sich alle und gingen mit traurigen Mienen auf Bilbo zu.
Bofur war der erste, der den Meisterdieb umarmte. "Wir werden dich vermissen, Kumpel."
Dwalin klopfte dem Halbling auf den Rücken. "Alles Gute, mein Freund."
"Was hat das zu bedeuten?!", giftete Thorin unwirsch in die versammelte Traube aus Zwergen und Hobbit.
"Bilbo, reist heute ab", erklärte Kíli, seinem Onkel einen vorwurfsvollen Blick mitliefernd, "Die Pelzhändler von gestern nehmen ihn mit bis über's Nebelgebirge."
"Über's Nebelgebirge? Im Winter?! Mit diesen zwielichtigen Betrügern?!", rief Thorin. Ein völlig überrumpelter Ausdruck stand in seinem Gesicht, bis er sich mit einem Mal zusammennahm. "Unsinn!", erklärte er im Befehlston, "Der Halbling bleibt hier. Er kann nach dem Sigartag mit den Eisenbergezwergen gehen, wenn Dáin seine erste Händlerkarawane in den Westen schickt. Was glaubt ihr, wird passieren, wenn Gandalf hört, dass ich ihn bei Schnee und Eis mit ein paar verschlagenen Räubern in die Wildnis geschickt habe? Ich mache mir keinen Zauberer zum Feind!"
Entschlossen tappte Bilbo aus dem Kreis der Zwerge nach vorne und verschränkte die Arme vor der Brust. "Hättest du vielleicht die Güte, wenigstens direkt mit mir zu reden und nicht so zu tun, als wäre ich überhaupt nicht hier?"
"Wenn du willst!", frotzelte Thorin, "Aber es ist alles gesagt. Du bleibst bis zum Frühling."
"Ach, und du denkst, bei einer so freundlichen Einladung bleibt mir gar nichts anderes übrig, ja? Thorin, ich werde mir nicht noch drei Monate lang dein mürrisches Gesicht ansehen, nur damit Gandalf nicht-"
"Schluss jetzt! Ich schicke diese halbseidenen Pelzverschieber weg." Der Zwergenkönig sprang von seinem Stuhl auf und marschierte zügig Richtung Tür.
Bilbo eilte hinterher. "Oh, das wirst du schön bleiben lassen!", schimpfte er, "Es ist ja wohl meine Sache, wann ich gehe oder nicht! Ich bin doch hier kein Gefangener!"
"Ich bin der König und du tust was ich sage!", donnerte Thorin im Gehen über die Schulter und übersah dabei erneut Bilbos Proviantbeutel. Schwungvoll stolperte der royale Zwerg darüber. Der lockere Knoten des Bündels öffnete sich zeitgleich zu Thorins unaufhaltsamen Sturz, so dass die Äpfel sich kullernd über den steinernen Boden ergossen, während der Zwerg sich vornüber fallend in einem letzten Rettungsversuch in den alten Wandteppich neben der Türe krallte, welcher mit einem lauten Ratsch-Geräusch nachgab und zusammen mit dem Zwergenkönig ungebremst zu Boden ging.
"Hoppla", sagte Bofur.
Dann herrschte völlige Stille im Saal.
Bilbos Blick fiel zunächst auf die Wand hinter Thorin. Der herabgestürzte Wandbehang hatte dort eine Reihe seltsamer Runen freigelegt, die in den Stein geritzt waren. Als aber der gefallene König den Kopf hob, den Wandteppichhaufen grob zur Seite schubste und ächzend Anstalten machte sich aufzurappeln, vergaß Bilbo die Schriftzeichen und stürzte sofort zu ihm hin.
"Ist alles in Ordnung?", fragte Bilbo, während er Thorin so gut es ging auf die Beine half.
Der Zwerg zog seinen Arm aus Bilbos Händen, strich sich das nach vorne gefallene Haar zurück und trat dann wütend in das aufgelöste Bündel, so dass die letzten darin verbliebenen Äpfel wie auf der Flucht davon sprangen und die gekochten Eier hinausrollten. "Da siehst du, was dabei heraus kommt!", brüllte er Bilbo an.
Bilbo hatte nichts mehr zu verlieren. Mutig baute er sich vor Thorin auf. Noch einmal würde er sich von diesem Stinkstiefel von einem Zwergenkönig nicht so unerhört behandeln lassen. "Ist es jetzt auch noch meine Schuld, dass du die Augen nicht richtig aufma-"
"Und wer hat das hier mitten in den Weg gestellt?", motzte Thorin, wies auf das, was von dem Bündel übrig war, und schaute den Hobbit dabei auffordernd an.
Bilbo schluckte. In Thorins Augenwinkeln konnte er gut erkennen, dass der die Antwort längst erraten hatte. Widerwillig holte er Luft. "Das war-" Ein Räuspern aus dem Saal unterbrach ihn. Bilbo wandte sich zu Bombur und den anderen Zwergen um, die warnend den Kopf schüttelten und dabei verschiedene Grimassen zwischen Sorge bis hin zu aufkeimender Panik zogen. Der Halbling aber drehte sich entschlossen zurück. "Das war ich", gab er ohne Umschweife zu.
Statt des erwarteten Zornesausbruchs, kam von Thorin nur ein leises, resigniertes Schnaufen. Bilbo brachte das fast noch mehr zur Weißglut. "Thorin, wenn du mir jetzt auch noch diese dumme Kleinigkeit zum Vorwurf machen willst, meinetwegen! Es ist mir egal. Und weißt du warum? Weil ich jetzt gehen werde! Und es ist mir auch -"
"Bilbo, das ist-"
"Lass mich ausreden! Ich meinte, es ist mir auch egal, ob du wegen mir Scherereien mit Gandalf bekommst. Ich bin einfach nur froh, wenn ich endlich hier we-"
"Bilbo, hör mir-"
"Nein!", unterbrach der Hobbit wieder, "Thorin. Ich weiß, wie du seit der Sache mit dem Arkenstein über mich denkst und was du neulich zu mir gesagt hast-"
"Bilbo, es tut mir leid."
"- das war wirklich mehr als ich-" Bilbo stockte, als Thorins letzter Satz plötzlich in sein Bewusstsein vordrang. Entgeistert zog er das Kinn zurück und blinzelte. "Wie bitte?"
"Es tut mir leid", wiederholte Thorin, die dunkle Stimme nur ein leises Murmeln, "Glaub mir bitte, Bilbo, das was ich zu dir gesagt habe, ich…ich war nicht ich selbst, es war die Wirkung des Steins. Ich würde dir niemals etwas…Ich meine…" Thorin sah zur Seite. Nach einem Moment schluckte er, dann trat er zwischen den Äpfeln hindurch langsam näher, legte dem Hobbit beide Hände auf die Schultern und schaute ihm fest in die Augen. "Ich habe das alles nicht so gemeint."
Bilbo holte Luft. Kurz guckte er sich zu den Zwergen hinter sich um, welche die Szene gespannt beobachteten, dann blickte er zurück in Thorins Gesicht und atmete lange aus, spürte dabei das Gewicht der schweren, warmen Hände Thorins auf seinen Schultern. "Und warum hast du das nicht früher gesagt?", fragte er.
Eine Spur von Verwirrung ließ Thorins Augen schmäler werden. "Wie denn? Du hast dich einfach umgedreht und seit dem nicht mehr mit mir gesprochen."
"Was? Das ist doch Unsinn! Du hast nicht mehr mir-"
"Bilbo", unterbrach der Zwerg, ehe der Streit von neuem losgehen konnte. Versöhnlich drückte er Bilbos Schultern. "Verzeihst du mir?"
Eine Weile schaute Bilbo dem Zwergenkönig prüfend in die wasserblauen Augen und schwieg. Schließlich zuckte er mit den Achseln. "Natürlich", antwortete er.
Thorins Gesicht hellte sich unwillkürlich auf. "Heißt das, du bleibst bis zum Frühling?"
Bilbo nickte.

*

"Was ist das?", fragte Bilbo, als er alleine mit Dwalin im Speisesaal übrig geblieben war. Die anderen Zwerge hatten sich, nachdem sie Bilbos Einlenken ausgiebig bejubelt hatten, wieder an ihre Arbeit gemacht und Thorin war sogleich los gestapft, um "diese Räuberbande von sogenannten Pelzhändlern" fortzuschicken. Nur der raue, glatzentätowierte Krieger war geblieben, um zusammen mit Bilbo die verstreuten Äpfel aufzusammeln.
"Was?", fragte Dwalin.
"Da an der Wand." Bilbo zeigte auf die rätselhaften Runen, die an der Mauer hinter dem heruntergerissenen Wandbehang zum Vorschein gekommen waren. Die Schriftzeichen sahen ungewöhnlich krakelig und schief aus, nicht wie etwas Offizielles. Eher wie eine hektisch in den Stein geritzte, geheime Botschaft.
Dwalin warf nur einen flüchtigen Blick darauf. "Ach, das ist nichts."
"Nichts?", wiederholte Bilbo, "Ist es Khuzdul?"
"Nein, das ist...irgendwas", erwiderte Dwalin, während er mit seinen großen Pranken ein paar letzte Äpfel auf den Haufen legte und dann nach den Tuchzipfeln griff.
"Das heißt, du weißt nicht, was da steht?", fragte Bilbo stirnrunzelnd.
"Nein", antworte Dwalin nur kurz, packte das Bündel und stapfte damit Richtung Vorratskammer.




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