Hüttengaudi II

von Maybe44
GeschichteDrama / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert OC (Own Character)
07.06.2019
12.07.2019
10
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Waren sie zunächst noch in größerer Gruppe unterwegs gewesen, hatte sich diese mit jeder Weggabelung verkleinert, die lauten Rufe der Suchenden nach dem vermissten Mädchen waren leiser und leiser geworden, als sich der Abstand immer mehr vergrößerte.
Nun waren nur noch Anja und Hubsi übrig. Die Anzahl der Suchenden war nicht aufgegangen, also waren die beiden schlussendlich nur zu zweit weitergeritten. Nun machten sie dicht nebeneinander im gemächlichen Trab der Westernpferde, die sie unter dem Sattel hatten, schnell Strecke. Die Gangart ließ sie flott vorankommen, ermüdete jedoch weder Pferd noch Reiter allzu schnell.

Hubsi griff nach Anjas Hand und sagte "Eigentlich schee, mal wieder mit dir allein auszureiten. Wenn der Anlass nur a anderer wär." Er lächelte seiner Frau zaghaft zu.

Anja erwiderte sein Lächeln für einen kurzen Moment. "Irgendwie scho. Sag, hast a Idee wo Nora hinwollen könnt?"

Hubert schüttelte betrübt den Kopf. "Ned wirklich. So arg weit reitet ihr doch sonst ned. Sie kennt sich da im Wald ja ned wirklich aus."

"Na. Aber weißt noch wie wir mal über die Berghütten weiter oben geredet haben? Da hat's gefragt ob man da übernachten könnt. Und wir ham ja gsagt und ihr versprochen, dass wir irgendwann mal hinreiten. Vielleicht will's da hin."

"Des könnt sein. Dann dat l sagen wir klappern die Hütten nach und nach ab."

Ein Knacken des Funkgerätes unterbrach Hubsi. Hansis Stimme ertönte "Mustang 1 für Mustang 2, bitte Kommen!"

Die Pferde spitzten ihre Ohren und Hubsi runzelte die Stirn. "Mustang? Meint der uns?"

Schon ertönte erneut Hansis ungeduldige Stimme. "Mustang 1 für Mustang 2! Kommen! Herrschaft, Hubsi!"

Anja konnte sich trotz all ihrer Sorge um Nora kaum das Lachen verkneifen.

"Hubert hört." antwortete Hubsi kopfschüttelnd.

"Und?" plärrte Hansi durch das Funkgerät.

"Was, und?"

"Habts was gefunden?"

"Na."

"Na gut. Vergessts ned, wieder Meldung zu machen! Mustang 1 Ende!"

Immer noch kopfschüttelnd verstaute Hubert das Funkgerät wieder in seiner Satteltasche. Dann warf er erneut einen bangen Blick gen Himmel. Die dunklen Wolken waren bereits bedrohlich nahe.

Auch Anja beobachtete den Himmel sorgenvoll. Hoffentlich hielt das Wetter noch eine Weile. Nicht auszudenken, wenn Nora und ihr Pony schutzlos in ein Gewitter gerieten. Das Pony war zwar nervenstark und nicht besonders leicht aus der Ruhe zu bringen, aber es war immer noch ein Fluchttier. Und als solches konnte es, insbesondere da es allein, ohne seine Herde, in unbekanntem Gelände unterwegs war, jederzeit scheuen und kopflos davon laufen. Und Nora läge dann vielleicht verletzt, hilflos und voller Angst irgendwo im Wald...

Hubsi beobachtete Anja verstohlen von der Seite. Er konnte ihr ansehen, was ihr durch den Kopf ging. Ähnliche Gedanken plagten ihn ganz genauso. Ihr kleines Mädchen, alleine irgendwo da draußen in der Wildnis. Natürlich würde sie hier in Oberbayern zumindest nicht von einem Bären gefressen werden - trotzdem barg die weitestgehend unberührte Natur mehr als genug Gefahren für ein neunjähriges Kind, das mit seinem Pony ganz allein unterwegs war.

Erneut blickte er sorgenvoll gen Himmel. Die dunklen Wolken waren rasch näher gekommen und ein kühler, unheilbringender Wind war zwischenzeitlich aufgekommen. Vermutlich wäre es vernünftiger, die Suche bald abzubrechen. Wie auf Kommando knackte wieder das Funkgerät in seiner Tasche.

Hansis Stimme schnarrte, immer wieder unterbrochen von kurzen Aussetzern der Funkübertragung, über den Äther.  "Mustang 1 für Mustang 2. Bitte Kommen!" Diesmal hielt Hansi sich nicht lange auf und schob sogleich nach "Hubsi, die ersten Suchtrupps kemma grad wieder zruck. Mir müssen abbrechen, s Unwetter wird glei losbrechen."

Hubert blickte zu Anja hinüber, die natürlich mitgehört hatte. Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst, die Stirn lag in Falten. Hubert kannte diesen Gesichtsausdruck seiner Frau nur zu gut. Er bedeutete: Diskussion zwecklos. Anja würde sich nicht umstimmen lassen. Er brauchte sie gar nicht lange fragen, was sie von Hansis Funkspruch hielt, ihr Blick war eindeutig. Also antwortete er "Hansi, mir brechen noch ned ab. Anja und l reiten noch a Stück weiter. Die erste Hütte is ned mehr weit."

Nach einer kurzen Pause, in der es aus dem Funkgerät rauschte und knackte, meldete sich Hansi wieder zu Wort, war jedoch kaum noch zu verstehen. "Seids ihr sicher? Hier fangts scho a zu regnen, des kann glei übel wern!"

Anja nahm Hubsi das Funkgerät aus der Hand. "Mir san ganz sicher. Ende!" Mit einem Knopfdruck brachte sie den Ansatz von Hansis Erwiderung zum Verstummen. Sie warf Hubsi einen kurzen herausfordernden Blick zu. "Oder hättest zruck gewollt?"

"Na." erwiderte dieser. "Ned ohne Nora."

Zufrieden nickte Anja.

Eine Viertelstunde später sah Anja lange nicht mehr so zufrieden aus. Heftiger Regen gepaart mit starken Windböen hatte eingesetzt und Ross und Reiter waren bereits nass bis auf die Haut.

Donnergrollen kam immer näher und die hellen Blitze erleuchteten den dunklen Himmel in immer kürzeren Abständen. Die Pferde wurden immer unruhiger. Hubsis Rappe tänzelte nervös und schnaubte immer wieder ängstlich. Hubsi hatte sichtlich Mühe, ihn im Zaum zu halten. Anjas Pferd war deutlich gelassener, aber auch ihm war anzusehen, dass es sich unwohl fühlte.

Das Heulen des Windes machte eine normale Unterhaltung mittlerweile unmöglich. Anja musste schreien, um sich Gehör zu verschaffen. "Sag, is a paar hundert Meter weiter ned endlich oane von die Hütten?"

"I glaub scho!" brüllte Hubsi zurück und tatsächlich, nach der nächsten Wegbiegung konnten sie in einiger Entfernung die Umrisse der kleinen schutzbringenden Holzhütte ausmachen.

Plötzlich schlug mit einem lauten Krachen unweit der beiden Reiter ein Blitz in einen Baum ein. Hubsis Pferd stieg angsterfüllt auf die Hinterbeine und gab ein schrilles Wiehern von sich. Irgendwie gelang es Hubsi, sich im Sattel zu halten und sein Pferd wieder zu beruhigen.
Anja hatte erschrocken aufgeschrien. Nicht auszudenken, wenn ihr Mann sich nun noch bei einem Sturz von seinem Pferd verletzte!

Nun jedoch horchte sie angestrengt in die Ferne. "Hubsi! Hast des gehört! Da hat's noch a andres Pferd gewiehert!"

Auch Hubsi lauschte angestrengt. Und tatsächlich - durch das laute Prasseln des Regens erklang kurze Zeit später erneut ein Wiehern.

"Des muss Jojo sein! Die andren sind ja alle zruck geritten!" rief Hubsi. "Aber wo kommt des her?"

Suchend blickten beide sich um. Durch die Geräusche des Unwetters war es unmöglich auszumachen, aus welcher Richtung der Ruf des anderen Pferdes gekommen war.

Schließlich hatte Anja eine Idee. Mighty stand mit aufmerksam gespitzten Ohren da und blickte in immer die gleiche Richtung. Anja ließ die Zügel locker auf den Hals des Pferdes gleiten und trieb es vorwärts. "Lauf, Mighty. Geh zur Jojo!"
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