Hüttengaudi II

von Maybe44
GeschichteDrama / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert OC (Own Character)
07.06.2019
12.07.2019
10
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Zielstrebig setzte sich das Tier in Bewegung. Hubsi folgte irritiert. "Was soll des bringen?" rief er.

"Pferde wollen zu ihrer Herde bei Gefahr. Und l denk der Mighty führt uns direkt zur Jojo!" erklärte Anja hoffnungsvoll.

Hubsi, der ihre Hoffnung nicht zerstören wollte, obgleich er selbst diesem Plan skeptisch gegenüber stand, ließ sein Pferd zügig hinterher stapfen.

Mighty hielt schnellen Schrittes auf die Hütte zu, als erneut ein Wiehern erklang, diesmal deutlich lauter. Die Pferde wurden schneller und tatsächlich! Als sie die Hütte umrundet hatten, stand die kleine Haflingerstute patschnass vor ihnen und schnaubte ihnen freundlich entgegen. Vor ihr am Boden, unter einem schmalen Dachvorsprung, kauerte Nora, zitternd und nass bis auf die Knochen.

Noch bevor sie ihr Pferd zum Stehen gebracht hatte, war Anja schon aus dem Sattel gesprungen und zu dem kleinen Mädchen geeilt.
"Nora, Liebling, was machst nur für Sachen!" rief sie, als sie das völlig unterkühlte Kind in ihre Arme zog und überglücklich an sich drückte.

Auch Hubsi fiel ein Stein vom Herzen, als er Nora weitestgehend unversehrt erblickte. Eilig sprang er vom Pferderücken und kauerte sich neben Anja. "Nora, wie geht's dir? Alles okay?" fragte er besorgt.

Das Mädchen zitterte am ganzen Leib und antwortete mit leiser Stimme "Ich hab euch gehört gestern Abend. Ich will nicht weg von euch. Und von Jojo!"

"Ach Spatzl... " Anja traten Tränen in die Augen.  "Niemals würden wir dich gehen lassen! Versprochen!"

"Versprochen!" Bekräftigte auch Hubsi und schloss die beiden in seine Arme.

Nora flüsterte "Ich hab auch gut auf Jojo aufgepasst. Und sie auf mich...." Dann fielen ihr vor Erschöpfung die Augen zu.

"Nora... Liebling! Hubsi, sie is völlig unterkühlt. Wir müssen sie dringend ins Warme bringen."

Hubsi schickte sich an, zur Tür der Hütte zu laufen um nachzuschauen, ob diese vielleicht offen war, doch Anja rief ihn zurück. "In der Hütte is es viel zu kalt! Wir müssen zruck."

Er blickte erneut nach oben. "S scheint heller zu werden. Meinst wir können es riskieren, zum Stall zu reiten?"

"Wir müssen." erwiderte Anja mit fester Stimme. "Hier draußen holt sie sich noch den Tod."

Gesagt, getan. Während Anja Jojo neben Mighty als Handpferd mitführte, hatte Hubsi Nora vor sich auf den Sattel gesetzt und hielt sie fest in seinen Armen. So würde sie den Rückweg sicher und vergleichsweise warm überstehen.

Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich am Reitstall ankamen, erwarteten ihre Freunde sie bereits ungeduldig. Dagmar nahm Anja die beiden Pferde ab, während Hansi Nora vorsichtig aus Hubsis Armen vom Pferderücken herunterzog.

"Mei, des Madl is ja eiskalt und klatschnass!"

Dagmar drückte Martin Riedl kurzerhand die Zügel der Pferde in die Hand und rief "Kommts mit in mei Stube. Da is schee warm und trocken!"

Während die ganze Mannschaft der Stallbesitzerin folgte und Riedl vor Schreck zur Salzsäule erstarrte, erbarmte sich wenigstens Sonja. "Na komm Riedl. Ich helf dir mit den Pferden."

Auch Kati, die ebenfalls tatkräftig bei der Suche mitgeholfen hatte, übernahm eines der erschöpften Tiere.

In Dagmars Wohnung war es wunderbar warm. Anja hatte Nora zusätzlich in mehrere dicke Decken gewickelt, nachdem sie sich zuvor noch einmal davon überzeugt hatte, dass ihr nichts ernstlich fehlte. Die Erschöpfung forderte jedoch ihren Tribut und Nora schlief nun tief und fest. Auch Anja und Hubsi steckte der anstrengende lange Ritt in den Knochen. Dankbar nahmen sie Handtücher und warmen Tee von Dagmar entgegen.

Dann wandte diese sich Hansi zu "Vielleicht solltens mal nach unsrem Gast schaun, jetzt wo alle wohlbehalten zruck san."

"Ach ja!" grinste Hansi. "Hubsi, geh mal mit!

Hubert folgte seinem Partner, der ihn quer über den Hof zur fensterlosen Futterkammer des Stalls führte.

"Schau wer vorhin doch noch hoam kemma is!" dröhnte Hansi, während er die Tür aufschloss.

Auf dem blanken Fußboden der Futterkammer saß John. Als er den beiden Polizisten gewahr wurde, blickte er auf. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Gesichtsfarbe aschfahl.

Hubert wedelte angeekelt mit der Hand hin und her. "Bah, hier drin stinkts ja wie in nem Schnapsladen! Wo kommt der denn her?"

"Der is vorhin auf einmal auf'n Hof getorkelt und wollt wissen was hier los is." erläuterte Hansi.
"Wennsd mi fragst hat der die ganze Nacht gesoffen. I hab ihn hier mal zur Ausnüchterung deponiert."

Vergeblich versuchte sich der Amerikaner von seinem unbequemen Sitzplatz zu erheben. Immer wieder sank er zurück, bis er es schließlich aufgab. Lallend fragte er "Is Nora back.. wieder da?"

"Jawoll" nickte Hubsi. "Zum Glück is nix Schlimmes passiert. Denk mal drüber nach, was du mit deinem Auftritt gestern Abend angerichtet hast!"

John sackte noch mehr in sich zusammen. "Ich brauche dringend Geld... und wenn Nora meine Tochter ist und so viel Geld hat, dachte ich..."

"Was dachtest du?" ertönte Anjas Stimme, die nun auch in der engen Futterkammer aufgetaucht war und sich, die Fäusten in die Seite gestemmt, vor dem Amerikaner aufgebaut hatte. "Dass du einfach ein fremdes Kind und dessen Sparbuch so mir nichts, dir nichts, mit nach Amerika nehmen kannst?"

Kleinlaut hob John die Schultern. Eine Antwort verkniff er sich wohlweislich, als Anja ihn wütend anstarrte.

Anja fuhr fort "I sag dir was. Wir machen den Vaterschaftstest. Damit Nora irgendwann, wenn sie alt genug is, a Gewissheit hat. Und wenn du wirklich ihr Vater bist, finden wir a Lösung, dass du sie langsam und unterunsrer  Aufsicht a bisserl kennenlernen darfst. Und wenn ned, dann schleichst di und lassts uns in Ruh. Hast mi?"

John blickte sie mit großen Augen an und nickte stumm.

Anja drückte Hansi ein Wattestäbchen in die Hand. "Des machst du." Dann nahm sie ihren Mann bei der Hand. "Und mir bringen unser Kind endlich nach Hause."

Wenige Tage später hatte sich Nora gut erholt und auch Hubsi und Anja hatten ihre unvermeidliche Erkältung auskuriert. Nora hatte selbstverständlich darauf bestanden, alsbald wieder ihr Pony im Reitstall besuchen zu dürfen.
John, der nur noch widerwillig bis zum Eintreffen des Testergebnisses von Dagmar auf dem Hof geduldet wurde, hatte dabei respektvoll Abstand zu dem Mädchen gehalten.

Es dauerte nicht lange, da flatterte auch schon ein großer weißer Umschlag ins Haus. Sie hatten den Vaterschaftstest an einem unabhängigen Institut vornehmen lassen, um nicht in Verdacht zu geraten, die Ergebnisse verfälscht zu haben.

Anja öffnete den Brief mit klopfendem Herzen, während ihr Hubsi gespannt über die Schulter blickte. "Also, hier steht... blabla...zu 99.999981 Prozent ist es ausgeschlossen, dass John der Papa von Nora is!"

Erleichtert fiel die Ärztin ihrem Mann um den Hals. "I bin so froh!"

"Und l erst!" bekräftigte dieser.

"Wer sagts ihm?"

"Ach" grinste Hubsi "I dat sagen des darf der Hansi machen. I glaub der hätt sei Freude dran. Und außerdem hab l des Gefühl, der dat die Dagmar ganz gern mal wiedersehen."

Anja lachte fröhlich und küsste Hubsi stürmisch.

"Worüber freut ihr euch denn so?" fragte auf einmal Nora hinter ihnen.

"Darüber, dass alles so bleibt, wie es is, Spatzl." sagte Hubsi und zog seine Ziehtochter mit in eine liebevolle Familienumarmung.

ENDE
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