Hüttengaudi II

von Maybe44
GeschichteDrama / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert OC (Own Character)
07.06.2019
12.07.2019
10
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"Tante Anjaaaaaaa!" schallte an einem sonnigen Sonntagvormittag lautstark Noras ungeduldiger Ruf durch das Haus.

"Jahaaa, l bin ja glei fertig!" rief Anja zurück und drückte ihrem Ehemann rasch einen Kuss auf die Lippen.

Dieser umfasste schnell, bevor sie davon eilen konnte, ihre Hüfte und zog sie an sich. "I vermiss di jetzt scho, mein Engel." flüsterte Hubsi ihr verheißungsvoll ins Ohr.

Anja kicherte. "Du könntest immer noch mitkemma. Vielleicht finden wir ein ruhiges Plätzchen im Heuschober..." raunte sie ihm verführerisch ins Ohr.

Hubsi grinste. "Der Gedanke is verlockend. Aber machts ihr zwoa mal in Ruhe euren Mädelstag im Reitstall." Er küsste Anja zärtlich. "I freu mi einfach auf heute Abend..."

"Tante Anjaaaaaa! Wo bleibst du denn?" ließ sich erneut Noras Stimme vernehmen, diesmal mit einem deutlich genervten Unterton.

Widerstrebend löste sich Anja aus Hubsis Armen und blickte ihn entschuldigend an.

"Geh nur. Bevor die kloane Prinzessin noch an Tobsuchtsanfall bekommt, weils ned rechtzeitig bei ihrem Pony is."

Gerade als Nora erneut zu einem lautstarken Ruf ansetzen wollte, erreichte Anja endlich die Haustür. Sie griff nach ihrer Jacke und ihrer Tasche und drückte dem kleinen Mädchen noch dessen bunt gemusterte Bommelmütze in die Hand. "Auf geht's Spatzl. Aber nur mit Mütze, s is fei frisch heut."

Lächelnd blickte Hubert den beiden hinterher, als sie zum Auto gingen.

Anja, in Jeans und Boots, hatte ihre Haare heute zu einem lockeren Zopf gebunden und das blonde Kind hatte es ihr gleich getan, war jedoch in Reithose und glänzende schwarze Reitstiefel gekleidet. Immer noch verblüffte ihn die Ähnlichkeit der beiden.

Nora war mittlerweile neun Jahre alt. Seit zwei Jahren lebte sie nun, nach dem tragischen gewaltsamen Tod ihrer Mutter, bei ihrer Tante Anja - und bei ihm.

Der Ausflug in die Berge, den sie damals anlässlich Girwidz' Geburtstags unternommen hatten, hatte eine Kette von dramatischen Ereignissen in Gang gesetzt.
Am Ende jedoch hatte er nicht nur seine Exfrau zurückgewonnen, sondern auch noch eine eigene kleine Familie bekommen. Die kleine Familie, die er sich insgeheim immer gewünscht hatte. Hubert liebte seine Ehefrau, seine große Liebe, unendlich. Und auch Nora hatte damals sein Herz im Sturm erobert. Er bewunderte noch heute, wie tapfer das kleine Mädchen mit dem Verlust seiner Mama fertig geworden war. Und er bewunderte, wie aufopferungsvoll Anja zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihre Nichte gesorgt hatte.

Anja war offiziell als Noras Vormund eingesetzt, da auch ihr Vater bereits früh verstorben war. Da ihre Eltern äußerst wohlhabend gewesen waren und ihr gesamtes Vermögen ihrer einzigen kleinen Tochter vermacht hatten, hatten sie ihr im vergangenen Jahr ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen können: Ein eigenes Pony.
Und Nora liebte ihre Haflingerstute Jojo heiß und innig. Da sie schon als kleines Mädchen Reitstunden genommen hatte, war sie mittlerweile eine sichere Reiterin und umsichtige Hüterin ihres Ponys. Marie, Noras verstorbene Mutter, war ebenfalls passionierte Reiterin gewesen und so hatte ihr einziges Kind schon im Mutterleib erste Reiterfahrung gemacht.
Jede freie Minute verbrachte Nora nun im Reitstall, zumeist begleitet von Anja, die die willkommene Gelegenheit nutzte und ebenfalls wieder häufiger auf dem Pferderücken saß.

Selbst Hubert war ab und an mit von der Partie und genoss die gelegentlichen Ausflüge zu Pferd mit seinen Lieben. Trotzdem war der Reitstall nicht seine Welt. Also hatte er es heute vorgezogen, mit seinem kleinen Boot auf den See hinaus zu fahren und die Zeit bis zur Rückkehr seiner beiden Herzensdamen mit dem Auswerfen seiner Angel zu überbrücken.

Auf dem Reiterhof, welcher umgeben von Feldern, Wiesen und Wald idyllisch außerhalb von Wolfratshausen gelegen war, saß Anja auf einer der Holzbänke am Putzplatz und blinzelte träge in die Sonne. Während Nora noch immer hingebungsvoll ihr Pony striegelte, stand Anjas Pferd bereits fertig gesattelt neben ihr. Genau genommen war es nicht ihr eigenes Pferd, sondern gehörte den Stallbesitzern.
Anja konnte sich den Wallach Mighty jedoch jederzeit ausborgen, wenn es sie mit ihrer Ziehtochter hinaus ins Gelände zog.

Während Nora nun auch endlich Sattel und Zaumzeug heran schleppte, gesellte sich eine junge Frau zu Anja auf die Bank.

"Servus Anja! Na, gehts ihr zwoa noch ausreiten?"

"Griaß di, Kati! Ja, wenn die Madame heit noch fertig wird..."

Kati prustete los. "Ganz die Mama. Die Marie is früher regelmäßig zu spät zum Reitunterricht kemma, weils ned fertig worden is. So gründlich wie sie hat hier koaner sei Pferd geputzt."

Anja lächelte. Sie vermisste ihre Cousine und der Schmerz über ihren viel zu frühen Tod war noch immer gegenwärtig. Trotzdem dachte sie immer häufiger mit einem Lächeln im Gesicht, anstelle von Tränen in den Augen, an sie zurück.

Kati fuhr fort "Hast eigentlich scho gehört dass der Johnny wieder im Lande is?"

Anja schaute sie fragend an "Johnny? Sagt mir nix."

"Der John, aus Amerika. Der war früher hier Reitlehrer, is dann aber wieder zurück in sei Heimat. Stimmt, du wirst ihn ned kenna. Der hat an rechten Narren an der Marie gefressen ghabt, damals. I woas gar ned ob's der überhaupts weiß, dass sie nimmer lebt."

"Mhm." brummte Anja leidlich interessiert und stand auf, da Nora soeben auf ihr Pony geklettert war, endlich bereit zum Abritt. "I muss los. Pfiati Kati!" rief sie ihr zum Abschied zu, während sie ihrerseits auf ihr Pferd stieg und neben der fröhlich plappernden Nora vom Hof ritt.

Nach gut zwei Stunden kehrten Anja und Nora von ihrem ausgedehnten Ausritt zurück auf den Hof.

Jojo und Mighty wurden sogleich abgesattelt und konnten alsbald zurück in ihre Herde auf den geräumigen Paddock. Wie üblich steckte Nora ihrem Pony noch ein Leckerli zum Abschied zu und kuschelte ausgiebig mit ihm. Sie konnte sich stets nur schweren Herzens trennen, am liebsten hätte sie Jojo mit nach Hause genommen.

Anja nutzte die Zeit und schaute den Reitern, die ihr Training auf dem weitläufigen Reitplatz absolvierten, einen Moment lang zu. Ein schlanker, groß gewachsener, Mann, etwa in ihrem Alter, vielleicht ein bisschen jünger, stach ihr sofort ins Auge. Sie hatte ihn noch nie zuvor auf dem Hof gesehen, dessen war sie sich sicher, ritt er doch mit einer unvergleichlichen Eleganz und Leichtigkeit. Plötzlich stand Kati wieder neben ihr. "Schau, des da is der Johnny. Toll, oder?"

"Ja, scheint ein wirklich guter Reiter zu sein."

Kati grinste schelmisch. "Und ned nur des, wie man so hört. Die Madln haben Schlange gestanden früher..."

Anja lächelte. "Also als Mann interessiert der mich ehrlich gsagt überhaupts ned."

Kati stupste sie in die Seite. "Dich ned. Du hast ja auch einen tollen Kerl dahoam!"

Anjas Lächeln wurde breiter. "Ganz genau. Und deswegen foahrn mir jetzt auch hoam, bevor der tolle Kerl uns noch verhungert. Nora, kommst du?"

Sie bemerkte nicht, dass John sein schnaubendes Pferd auf dem Reitplatz angehalten hatte und ihnen aufmerksam hinterher schaute, als sie zu ihrem Auto gingen.
"Liebling, des Essen war grandios. Sogar Nora war begeistert von deinem Fisch. Dankeschön." sagte Anja einige Stunden später und schmiegte sich eng an ihren Ehemann. Er hatte sie mit einem leckeren Essen überrascht, als sie vom Reitstall zurückgekehrt waren. Manchmal fragte Anja sich wirklich, womit sie diesen wunderbaren Mann verdient hatte, der sie so verwöhnte.

Hubsi erwiderte die Umarmung und zog sie näher an sich. "I hab halt ned nur Glück in der Liebe, sondern auch beim Angeln." erwiderte er, während er zärtlich mit Anjas Haaren spielte.

Anja schlang ihre Arme um Hubsis Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Hubsi erwiderte den Kuss nicht minder stürmisch. Außer Atem murmelte er "Wieviel Zeit haben wir?"

"Noch fast eine Stunde... Wenn Nora die „Pferdeprofis“ im Fernsehen schaut, ist sie völlig versunken." kicherte Anja.

"Das hört sich gut an..." gab Hubsi zurück und dirigierte seine Frau sanft aber mit Nachdruck in Richtung ihres Schlafzimmers, ohne dabei seine Lippen von den ihren zu lösen.
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