Der Prinz von Atlantis - Teil 2: Meeresrauschen

von Nellodee
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
06.06.2019
04.10.2019
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Ihr Lieben, zweiter Versuch - irgendwas ist beim ersten Upload schief gegangen. Ich hoffe, jetzt klappt´s, die Formatierung dieses Kapitels hat mich halb in den Wahnsinn getrieben...;-)
Hier kommt also wie angedroht ein kleiner Teaser für die Fortsetzung der Geschichte von Ella und Aris. Es ist das komplette erste Kapitel, allerdings noch nicht so poliert und ausgefeilt wie der bisherige Text - sagen wir, mal wieder Version 1...;-) Und nicht wundern, es ist konzipiert als der Beginn einer Fortsetzung, deren ersten Teil man vor längerer Zeit gelesen hat - da tut etwas "Was bisher geschah" ganz gut, dachte ich. Es macht euch hoffentlich trotzdem ein bisschen Spaß.

Leider ist mein Leben aktuell etwas kompliziert, deshalb habe ich kaum Zeit zum Schreiben - bis zur Fertigstellung von Teil 2 wird also noch definitiv viel Zeit vergehen. Um die Wartezeit zu überbrücken (und auch, weil das erste Kapitel nicht so wahnsinnig "teast"), könnte ich ggf. noch ein, zwei weitere bereits fertiggestellte Kapitel hochladen - aber vielleicht frustriert das eher, wenn dann nichts weiter kommt? Gebt mir gern Feedback hierzu.
Ach ja, und wer sich hierher verirrt hat, ohne den ersten Teil gelesen zu haben: Das zu tun, wäre durchaus empfehlenswert...;-)

So, genug der Vorrede. Ich wünsche euch viel Spaß beim Wiedersehen mit Ella.







Kapitel 1

Unter dem Meeresgrund

„Wenigstens werdet ihr zusammen ertrinken!“
Die höhnische Männerstimme hallt in meinen Ohren wieder. Ich stehe in einer immensen Höhle, hoch wie eine Kathedrale. In ihrer Mitte erhebt sich eine gigantische goldstrahlende Wassersäule.
Mein Blick fällt auf meine Füße: Sie sind blutbespritzt, aber ich weiß nicht, wieso.
Noch immer dröhnt das Echo der Stimme in meinen Ohren. Es wird lauter, erfüllt rauschend den ganzen Raum – und plötzlich umspült leuchtendes Wasser meine Beine, steigt höher und höher, reißt mich fort. Um mich herum ist alles erfüllt von goldenen Luftblasen.
Ich kann nicht atmen. Panik schießt in mir hoch, lähmt mich.
„Halt aus, Ella.“
Eine vertraute, ruhige Stimme erklingt direkt in meinen Ohren. Sie gehört Som. Vor mir im Wasser sehe ich sein weißes Gesicht mit den tiefschwarzen Augen. Doch es kommt nicht näher – die Strömung, die an mir zerrt, ist zu stark.
„Hab keine Angst. Mach es einfach so wie ich.“
Er versucht mir zu helfen, auch wenn ihn das Wasser immer weiter von mir wegzieht. Aber ich kann nicht stundenlang die Luft anhalten wie ein Statthalter. Sie geht mir schon jetzt aus. Verzweifelt schüttele ich den Kopf.
„Dann gehörst du nicht hierher.“
Seine Gestalt ist nur noch ein ferner, heller Schatten, seine Stimme ein trauriges Echo in meinem Kopf.
Und mir wird klar: Ich ertrinke.
Ich habe keine Chance.






An der Oberfläche

Nach Luft schnappend wachte ich auf. Der Mann auf dem Nachbarplatz warf mir einen ausgesprochen genervten Blick zu und verschanzte sich dann wieder hinter dem Bordmagazin.
„Meine Damen und Herren, in Kürze landen wir in Heraklion auf Kreta. Wir möchten Sie nun bitten, alle elektronischen Geräte wieder auszuschalten, Ihre Sitze senkrecht zu stellen und die Tische vor sich hochzuklappen. Das Wetter vor Ort…“
Ich setzte mich in dem unbequemen Sitz am Gang des Billigfliegers auf und rieb mir erleichtert über das Gesicht. Nur ein schlechter Traum. Wieder mal. Dabei hatte ich das doch mittlerweile ganz gut in den Griff gekriegt…                                                        
Fast ein Jahr war vergangen - seit dem Tag, als ich einen Unbekannten aus der Brandung meiner Lieblingsbucht in Cornwall gezogen hatte. Wenn ich gewusst hätte, was ich damit alles auslösen würde... hätte ich genauso gehandelt?          
Mach dich nicht lächerlich, meldete sich meine innere Stimme spöttisch. Natürlich hättest du. Schließlich bist du dadurch in das Abenteuer deines Lebens geraten. Und nicht zu vergessen: auch an die Liebe deines Lebens.
Das stimmt doch gar nicht!, zischte ich stumm zurück.
Ach was? Eine Reise an den Meeresgrund, in das legendäre Atlantis, mitten hinein in königliche Intrigen, mindestens dreimal fast gestorben und stattdessen am Ende eine Rückfahrtkarte erster Klasse, das ist kein Abenteuer?
Du weißt genau, was ich meine. Konnte man innerlich rot werden? Das mit der Liebe. Aris und ich können nie ein Paar sein. Schließlich wird er eines Tages seinem Vater auf den Thron folgen. Und - und ohnehin waren wir ja nur ein paar Tage zusammen. Also, nicht ‚zusammen‘ zusammen… miteinander unterwegs… Ich bin jedenfalls darüber weg.
Klar. Deshalb fliegst du ja jetzt auch nach Kreta. Wo die atlantische Kultur ihren Ursprung hat. Weil du darüber weg bist.
Klappe jetzt.

Wir landeten. Auf Kreta, der größten griechischen Insel, die ich ursprünglich nur aus schwärmerischen Urlaubserzählungen meiner Mutter gekannt hatte, und auf der jedes Jahr Scharen von Touris einfielen – für ausgiebige Strandferien, zum Partymachen, Wandern oder auch klassischen Bildungsurlaub. Soweit, so banal. Was ich aber vorher nicht gewusst hatte: Kreta war das geheimnisvolle Candia, das Aris mir gegenüber als Stammsitz seiner Vorfahren an der Oberfläche erwähnt hatte. Mittlerweile hatte ich durch ausführliche Recherchen herausgefunden, dass man hier Spuren der ältesten bekannten europäischen Hochkultur gefunden hatte. Spuren eines geheimnisvollen Volks, von dem man nicht einmal den wirklichen Namen kannte und das ein fantasievoller Archäologe kurzentschlossen ‚Minoer‘ getauft hatte – nach der Sage von König Minos, dessen Labyrinth sich angeblich auf Kreta befunden hatte. Auch sonst war nicht wirklich viel über dieses Volk bekannt. Es gab kaum schriftliche Zeugnisse, davon war der Großteil in einer Sprache verfasst, die noch niemand entschlüsselt hatte. Einst hatten diese Minoer wohl das gesamte Mittelmeer beherrscht, hatten auf ihrer Insel wunderschöne Kunstwerke und ausufernde Palastanlagen geschaffen – und waren dann vor etwa 3.000 Jahren spurlos verschwunden... Warum? Wohin? Dazu forschten die Archäologen immer noch.
Die Antwort kannte jetzt genau ein Mensch von der Oberfläche: Ella Keane aus Berlin, die zufällig eines Tages zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war. Die eine Welt unter dem Grund des Atlantiks gesehen hatte, dessen Geheimnis seine Bewohner mit ihrem Leben schützen. Die nur zu ihrer Familie zurückkehren durfte, weil sie dem Sohn des Königs das Leben gerettet hatte – zweimal, um genau zu sein -, und die bei Todesstrafe kein Wort über ihr Abenteuer verlieren durfte. Vor allem würde sie wahrscheinlich nie mehr in diese andere Welt zurückkehren...

Seufzend zog ich mein Handgepäck aus dem Fach über meinem Sitz und drängelte mich dann mit den anderen Reisenden hinaus.      
Strahlender Sonnenschein und ein tiefblauer Himmel begrüßten mich. The Island formerly known as Candia gab sich alle Mühe, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.
Eine gute halbe Stunde später hatte ich meinen großen grünen Wanderrucksack dem Gepäckband entrissen und stapfte hinaus in die Empfangshalle des kleinen, aber rummeligen Flughafens. Mein Blick glitt über diverse Werbeplakate an den Wänden, die die Sehenswürdigkeiten der Insel anpriesen. Eins davon sprang mich geradezu an. Es warb für einen Besuch im Archäologischen Museum von Heraklion und zeigte eins der kostbarsten Stücke seiner Sammlung: einen wunderschönen, fein gearbeiteten Goldanhänger. Er war Jahrtausende alt und bekannt als die ‚Bienen von Malia’.
Die Erinnerung traf mich wie ein Schlag in die Magengrube, auch, wenn ich das Schmuckstück natürlich schon während meiner Recherchen entdeckt hatte. Genauso einen Anhänger hatte ich vor nicht ganz zwölf Monaten um den Hals getragen – eine Leihgabe der Königin von Atlantis, Aris‘ Mutter. Es war ihre Art, dafür um Entschuldigung zu bitten, dass ich ihren Sohn nie wiedersehen durfte. So hatte ich mir das jedenfalls zurechtgelegt. Ich musste kurz stehenbleiben und Luft holen.
Reiß dich zusammen, Mädchen, rügte mich meine innere Stimme streng. Wenn hier alles bei dir so ein inneres Drama auslöst, werden das lange zwei Wochen. Und du wolltest doch auch Spaß haben, oder?

Der handfeste Beweis zum Thema Spaß begegnete mir im nächsten Moment: In der Traube der wartenden Menschen vor dem Ausgang stand auch jemand mit einer weißen Chauffeursmütze und einem Empfangsschild. Darauf stand, in einer wilden Parodie griechischer Buchstaben: „ELLA MORTADELLA“.
Einen Wimpernschlag später hing mir dieser Jemand um den Hals. „Ellaaa!“                                                       Meine beste Freundin Lisa – ein Jahr jünger als ich, extrem hübsch, blond, zum ersten Mal weg von Zuhause und deshalb offenbar in Bombenstimmung.
Ich erwiderte ihre Umarmung enthusiastisch, konnte mir aber einen theatralisch beleidigten Blick zu ihrem Schild nicht verkneifen. „Das ist ja irre lustig! Echt Kindergarten-Style!“
„Du musst grad reden!“ Sie grinste und zeigte auf mein T-Shirt. Darauf war, in ziemlich schlechter Druckqualität, das Abbild der ‚Mona Lisa‘ zu sehen – der Spitzname, den ich meiner Freundin in unserer Kindheit verpasst hatte.              
Ich grinste unschuldig zurück. „Was willst du? Das ist mein Lieblings-Top! Zieh ich immer an auf Flugreisen!“
„Klar!“ Lisa lachte ihr glockenhelles Lachen und gleich guckten noch ein paar mehr Kerle zu ihr rüber und bewunderten ihre Model-Figur. Wie immer bekam sie jedoch nicht einmal mit, was für Aufregung sie so um sich herum verbreitete.                                                      
Ich deutete neugierig auf Schild und Mütze. „Wo hast du denn das Zeug schon wieder her? Du bist doch nur `ne Stunde vor mir gelandet?“                                                      
„Das ist von Yannis, dem Typ von der Autovermietung. Der ist echt voll süß. Hab schon alles klar gemacht mit der Karre, du musst nur noch unterschreiben…“                                          
Voll süß?“, hakte ich streng nach. „Und was ist mit Nic?“

Ja, was war mit Nic? Denn man sage und schreibe: Lisa hatte endlich ihren Traumprinzen gefunden. Voller Name Nicolas Perrault, Franzose, seit einer schicksalhaften Backpacker-Tour durch Cornwall vor zwei Jahren heimlich in Lisa verliebt und am Ende des letzten Sommers endlich mutig genug, um sie anzusprechen. Mit durchschlagendem Erfolg, wie sie mir seitdem mindestens jeden zweiten Tag per WhatsApp versichert hatte.
Jedenfalls hoffte ich, dass das Ganze noch aktuell war…
Zum Glück sah mich meine Freundin gleichermaßen verständnislos und empört an. „Hey, ich hab den nicht angebaggert oder so! Der ist einfach nur nett! Und an Nic kommt eh keiner ran…“ In ihre braunen Augen trat ein verträumter Ausdruck. „Wenn er nur nicht so weit weg wohnen würde… Weißt du, dass er versucht, auf eine englische Uni zu wechseln? Für mich! Kannst du dir das vorstellen? Aber wir skypen jeden Tag…“
Ich war erleichtert. Auch, weil Yannis wirklich ziemlich süß war, aber überhaupt kein Problem damit hatte, dass die zwei Touri-Mädels keinen Kaffee mit ihm trinken sondern stattdessen gleich mit dem Mietwagen loswollten.
Wir warfen unser Gepäck in den schwarzen Fiat Panda und ich installierte das Navi meiner Mutter, welches ihrer Versicherung nach natürlich auch das kretische Straßennetz kannte. Tja, vielleicht, wenn man vorher das entsprechende Update gemacht hatte. Ich verdrehte die Augen. Mal wieder gut gemeint, Mama, aber nicht so gut gemacht. Chaos, dein Name ist Sophia Keane. Aber genervt oder gar böse konnte ich deswegen nicht sein: Erstens kannte ich ihre Art schon mein Leben lang… und zweitens hatte ich ihr im letzten Jahr mehr zugemutet, als sie je verdient hatte.
Tut mir Leid, Mrs. Keane, ihre Tochter ist ertrunken. Ja, wir suchen noch nach ihr, aber machen Sie sich keine Hoffnungen, der Atlantik gibt seine Toten nicht immer frei.
Überraschung, Mama! Da bin ich wieder! Kannst die Beerdigung abblasen! Wo ich war? Wie wäre es mit einer fadenscheinigen Erklärung, die du glauben musst, weil du keine andere bekommst?                                                  
Ich seufzte noch einmal tief, während ich unser kleines Auto nach Lisas Anweisungen – sie hatte natürlich problemlos eine Straßenkarte von Yannis bekommen – auf die Schnellstraße nach Osten manövrierte.  
Dann blickte ich kurz zu ihr herüber und fragte kleinlaut: „Sag mal, meinst du, Kenneth hat mir inzwischen verziehen?“                
Sie tätschelte mir beruhigend den Arm. „Süße. Er hat dich im Wasser verschwinden und nicht wieder auftauchen sehen. Und er weiß bis heute nicht wirklich, wie du das überleben konntest. Das ist schwer für ihn zu schlucken. Aber er war dir nie böse – er ist vor allem irre froh, dass du noch lebst. Wann glaubst du das endlich?“                      
„Ich weiß nicht… Wenn ich mich noch ein paar tausend Mal bei ihm entschuldigt habe, vielleicht…“, murmelte ich.                
„Also, wenn´s dir hilft, ich soll dich jedenfalls ganz herzlich von ihm grüßen. Und von den Bernhardts auch! Hey, wusstest du, dass Snowflake sie quasi adoptiert hat?“
Diese Nachricht heiterte mich sofort auf. Da lebten jetzt also die beiden abenteuerlustigen alten Damen, die Aris und mir so sehr geholfen hatten, mit einem gigantischen irischen Wolfshund unter einem Dach. Die zwei hatten sich in ihrem Leben noch von nichts unterkriegen lassen – nicht einmal von den unterseeischen Attentätern, die letztes Jahr hinter ihrem geheimnisvollen Pensionsgast her gewesen waren. Und jetzt hatte mein lieber dummer Snowflake ein neues Zuhause bei ihnen gefunden. Die Vorstellung, wie die kleinen Bernhardt-Schwestern mit einem Hund, der sie fast überragte, über die Klippen rund um das kleine Fischerdörfchen Greycove stapften, brachte mich vergnügt zum Lächeln.                                                          

Ich kitzelte noch ein bisschen mehr Gas aus unserem Kleinwagen heraus. Da die Klimaanlage nicht funktionierte, kurbelten wir unsere Fenster herunter und genossen, wie uns der Fahrtwind den Duft nach Meer, warmer Erde und wilden Kräutern hereinblies.
Lisa hatte ihren Sitz ganz nach hinten gerückt und bestaunte begeistert in die Landschaft um uns herum. Auch ich freute mich über die Aussicht: Rechts neben der mit rosarot blühenden Oleanderbüschen gesäumten Straße stiegen karge, von blassgrünem Gebüsch und silbergrauen Olivenbäumen bewachsene Berge empor, links dagegen leuchtete das tiefblaue Meer, auf dem hier und da strahlend die weißen Dreiecke von Segeln zu sehen waren. Je weiter wir nach Osten kamen, desto spärlicher wurde der Verkehr – was sicher auch daran lag, dass wir jetzt, Ende Mai, noch in der Vorsaison unterwegs waren und die großen Touristenströme erst später auf der Insel erwartet wurden. Im Radio dudelte irgendwelche griechische Popmusik, der perfekte Soundtrack für unsere Fahrt.  
„Das war eine super Idee von dir!“, jubelte Lisa. „Zwei Wochen Mädelsurlaub! Ich denk zwar immer noch, Ibiza wär vielleicht cooler gewesen, aber hier ist es auch sooo schön… Wie toll von deiner Mama, uns das Ferienhaus zu bezahlen…!“                                
Und wie toll, dass sie mich überhaupt hat fahren lassen, fügte ich in Gedanken hinzu. Obwohl sie wirklich überhaupt nichts dafür gekonnt hatte, machte sich meine Mutter immer noch riesige Vorwürfe, dass sie letztes Jahr zu spät zu unserem geplanten Mutter-Tochter-Urlaub nach Cornwall gekommen war, weil sich mal wieder etwas bei ihrem Einsatz für ‚Ärzte ohne Grenzen’ verkompliziert hatte. Sie war fest davon überzeugt: Hätte sie unsere Verabredung damals eingehalten, wäre nichts von alldem passiert, was ihrer Meinung nach passiert war. Die Tage, während derer sie geglaubt hatte, dass ihr einziges Kind irgendwo ertrunken im Atlantik trieb, hatten bei ihr einen tiefen Eindruck hinterlassen. Schuldgefühle und Angst um mich hatten fast verhindert, dass sie danach wieder ihre geliebte Chirurgenstelle im Berliner Westend-Krankenhaus antrat, ganz zu schweigen von ihrem jährlichen gemeinnützigen Einsatz. Und auch der neue Mann in ihrem Leben namens Lars – ja, auch meine Mutter hatte ihren Traumprinzen gefunden, was fast 20 Jahre nach dem Tod meines Vaters mehr als okay war –, auch Lars hatte sich erst einmal ganz weit hinten anstellen müssen. Ich hatte ihn inzwischen kennengelernt und fand ihn sehr nett. So eine Art schwedische Ausgabe von Kenneth, grundsympathisch und ein echter Fels in der Brandung. Leider wohnte er in Stockholm, aber wenn ich die Zeichen richtig deutete, konnte sich das durchaus ändern.
Es war harte Arbeit gewesen, meine Mutter davon zu überzeugen, dass ich nicht gleich wieder verschwinden würde, kaum dass sie die Tür hinter mir schloss. Dass sie ihr Leben weiterleben sollte und dass sie das Recht auf Glück jenseits unserer Mikrofamilie hatte. Mittlerweile ging das alles wieder einigermaßen. Sie war sogar schon ein ganzes Wochenende gemeinsam mit Lars weggewesen. Aber meine eigenen Schuldgefühle ihr gegenüber waren noch nicht weniger geworden...
So, jetzt ist aber Schluss mit dem Geheule!, rief mich meine innere Stimme zur Ordnung. Augen auf! Ist das da vorn nicht die Feriensiedlung?                                            

Wenigstens eine passte auf. Ich stupste Lisa an, die gerade aus vollem Hals bei ‚Three Lions‘ mitgrölte, welches der Radio-DJ aus unerfindlichen Gründen zwischen seine griechische Setlist geschummelt hatte. War schon wieder EM oder sowas? Egal.                                              
Ich parkte unser überhitztes, aber tapferes kleines Auto vor einer mit mannshohen Oleanderbüschen üppig umwachsenen Anlage, die aus vier kleinen weißen Bungalows mit roten Ziegeldächern bestand. Der linke war unserer und wir brauchten nicht lange, um die auf zwei Etagen geschickt in den Hang eingebauten Stockwerke in Beschlag zu nehmen. Lisa war von allem begeistert, vor allem, dass sie von ihrem Bett aus das Meer sehen konnte. Tatsächlich verfügte die Anlage über einen eigenen kleinen Zugang zum Wasser und wir rannten als erstes den Hang hinunter, balancierten über die rauen Felsen zu dem kleinen Steg und planschten mit den Beinen in den kristallklaren, frischen Fluten.
Von dieser Stelle aus konnte man auf der anderen Seite der Bucht das Nachbarörtchen mit seinem winzigen, von Tavernen gesäumten Hafen sehen. Machte echt einen netten Eindruck und wurde von uns sofort für den Abend vorgemerkt. Davor lag eine kleine karge Insel mit einer weißen Kapelle und einer – wie ich bereits herausgefunden hatte – minoischen Ausgrabungsstätte. Die waren wirklich überall auf der Insel verstreut, und dabei hatte man bestimmt noch längst nicht alles entdeckt... ganz zu schweigen von der Welt unter dem Meeresgrund, wo sich die gesamte geheimnisvolle Kultur seit Jahrtausenden vor dem Rest der Menschheit verborgen hielt...
Dann krähte Lisa „Erfrischung!“, schubste mich vom Steg und sprang hinterher, in voller Erwartung meiner Rache, die dann auch gleich kam. Glücklicherweise schien keiner der anderen Bungalows vermietet – unser Gekreische hätte bestimmt für Panik und Polizeieinsätze gesorgt…

Schließlich schafften wir es lachend wieder aus dem Wasser heraus und zurück in den Bungalow. Duschen, auspacken, umziehen und stylen stand jetzt auf der Tagesordnung, schließlich wollten wir nachher auf ein paar Drinks und einen Happen zu Essen ins Dorf.
Ich entschied mich, Lisa das Bad zu überlassen und meine blonden Haare einfach an der Luft zu trocknen. Sie waren länger geworden seit letztem Jahr. Ich hatte sie wachsen lassen, warum, wusste ich selbst nicht so genau. Irgendein Wunsch nach sichtbarer Veränderung, vielleicht. Jedenfalls reichten sie mir mittlerweile knapp bis zu den Schultern, aber eine richtige Frisur war das noch nicht wirklich. Ich schlüpfte in Jeans-Shorts und griff nach einem mintgrünen Top mit flachem U-Boot-Ausschnitt. Bevor ich es mir überstreifte, blieb mein Blick in der verspiegelten Schranktür hängen und ich wurde wieder nachdenklich.
Bist dünner geworden, Schätzchen, und nicht grad auf vorteilhafte Weise. Der BH saß schonmal besser.
Dann sah ich auf die blasse, vielleicht drei Zentimeter lange Narbe in meiner linken Brust, wo mich der vergiftete Dolch von Aris‘ Onkel getroffen hatte. Guter Wurf, Evros. Er hatte seinem Neffen gegolten und stattdessen mich vier Tage ins Koma befördert. Es war eine Heidenmühe gewesen, diese Wunde vor meiner Mutter geheim zu halten. Aber mir war partout keine harmlose Erklärung dafür eingefallen – erst recht keine, die eine erfahrene Ärztin überzeugt hätte.                                          
Tja, kein tiefes Dekolleté mehr für dich, Fräulein.
Und noch etwas verbarg ich durch meinen neuen hochgeschlossenen Look: Eine goldgestreifte Muschel, die ich an einem Lederband befestigt um den Hals trug und so gut wie nie abnahm. Das Abschiedsgeschenk von Aris und die einzige handfeste Erinnerung an ihn. Mit einer schon fast automatischen Bewegung umfasste ich sie mit meiner Hand und drückte sie kurz ans Herz.
Darüber hinweg. Ha.

„Hey, schick!“, begrüßte mich Lisa, als wir uns wenig später abmarschbereit oben auf der Terrasse trafen. Das Kompliment konnte ich nur zurückgeben. Sie trug ein leichtes, rotweißes Sommerkleid, das ihre Figur toll zur Geltung brachte, ohne billig zu wirken. Ihre goldblonden Locken trug sie ausnahmsweise offen und nicht zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.                                
„Aber ich glaube, da fehlt noch was!“, fuhr sie verheißungsvoll fort… und im nächsten Moment hatte ich noch eine Kette um den Hals hängen. Eine Kette aus riesigen grellgelben ovalen Perlen, voneinander getrennt durch neongrüne gezackte Scheiben.        
Zwanzig Sekunden später hatte ich die Erklärung – und kannte Lisas neueste Leidenschaft: Sie wollte Designerin für Modeschmuck werden. Mit Statement-Ketten sollte es losgehen, natürlich erstmal so auf Probe, ‚bisschen Instagram und Etsy, du weißt schon, wenn´s gut läuft ein eigener kleiner Webshop, an die Perlen komme ich günstig ran, und sag mal, sieht die nicht echt cool aus?                      
Freundschaft bedeutet, auch bei nicht so tollen Geschenken in begeisterten Jubel auszubrechen. Ich jubelte also und bedankte mich überschwänglich für die, wie ich sie insgeheim taufte, Atom-Zitronen-Kette. Wahrscheinlich leuchtete sie im Dunkeln. Ehrlich gesagt fand ich sie furchtbar – aber ich war jetzt auch nicht gerade der Trendscout in Sachen Modeschmuck. Wer weiß, vielleicht gab es ja echt Leute, die auf so etwas abfuhren? Und ich fand es supernett von Lisa, dass sie mir einfach so zwischendurch etwas schenkte.
Dann spazierten wir ins Dorf und suchten uns in der erstbesten Taverne einen Tisch am Meer, was überhaupt kein Problem war, da wirklich noch extreme Besucher-Dürre herrschte. Der Freundlichkeit der Kellner tat das überhaupt keinen Abbruch. Mittlerweile war ich zu dem Schluss gekommen, dass Griechen – oder speziell Kreter? - wohl einfach von Natur aus herzlich und gastfreundlich waren. Wir machten es uns auf den schmalen strohgeflochtenen Sitzflächen der bunten Stühle bequem, bestellten in einer Mischung aus Englisch und Deutsch und freuten uns über die schöne Abendstimmung am Meer.                              
Mit einem ersten Schluck Weißwein im Bauch traute sich Lisa endlich an ein ganz bestimmtes Thema. „Nun sag doch mal… Gibt´s was Neues von dem, dessen Namen wir nicht nennen?“    
„Du kannst seinen Namen nennen“, antwortete ich, die Augen verdrehend. „Du weißt doch, er heißt Aris.“                                    
Lisa beugte sich vor und raunte verschwörerisch: „Wenn das mal stimmt. Ich hab gegoogelt…“ Oh je, was kommt denn jetzt „Das ist kein arabischer Name! Eher was Griechisches!“

Es war nämlich so: Alle Menschen in meiner Umgebung hatten akzeptiert, dass die Geschichte über mein Verschwinden einige Leerstellen und Unwahrscheinlichkeiten enthielt. Die offizielle Version lautete, dass es mit einem jungen Mann zu tun hatte, dessen Identität geheim bleiben musste. Dass uns ein Boot – oder vielmehr eine Luxusjacht - aus seinem Heimatland aufgefischt hatte und mich erst zurückbringen konnte, nachdem er heil und sicher zuhause abgeliefert war. Dass ich die Zeit an Bord vor allem in meiner Kabine verbracht hatte, kein Mensch dort meine Sprache sprach und ich wirklich nichts über unser Reiseziel erfahren konnte. Nein, ich hatte keine Angst gehabt. Es war ja auch gar nichts passiert auf der Fahrt. Es war nur langweilig gewesen. Wie gesagt, das hatten alle akzeptiert. Oder zumindest fragten sie mittlerweile nicht mehr – Kenneth zum Beispiel.
Bei seiner Schwester allerdings funktionierte das überhaupt nicht. Sie löcherte mich ununterbrochen, kam praktisch jede Woche mit neuen, immer wilderen Theorien an, spielte Länder durch, die ihrer Meinung nach zu den Umständen passen könnten… Und als ich irgendwann aus Erschöpfung bei ‚Saudi-Arabien‘ nicht mehr protestiert hatte, war das für sie ein Zeichen gewesen, dass sie richtiglag.
Seitdem war Aris für sie ein saudischer Prinz, dessen traditionsbewusste Familie keine Beziehung mit einer Westlerin guthieß. Lisa war in ihrer Version meiner Geschichte die einzige, die die Wahrheit kannte und mich – wie immer – bedingungslos unterstützte. Wieder und wieder landeten Infos oder Links zu Artikeln in meinem Postfach, begleitet von Kommentaren wie ‚Hier lies mal, dieser neue Scheich da oder was will das Land jetzt voll reformieren, vielleicht geht da was für euch? XOXOXO!’ Das war zum Teil ziemlich schwer zu ertragen, aber ich wusste einfach nicht, wie ich Lisa bremsen sollte.

Ich hörte mir noch eine Zeitlang ihre aktuellen Spekulationen an, bis sie merkte, dass sie damit auch nicht weiterkam, mich aber traurig machte. Eilig drückte sie meine Hand und schenkte mir Wein nach. „Oh Süße, tut mir leid, das hilft dir alles nicht wirklich… Also hast du nichts gehört?“
„Nichts“, murmelte ich missmutig. „Und ich werde auch nichts hören.“
„Aber er hat es dir doch versprochen!“                            
Ich berührte verstohlen die Muschel unter meinem Top. Wenn ich sie mir ans Ohr hielt, konnte ich darin seine Stimme hören, wie Meeresrauschen... ‚Ella... Wir werden uns wiedersehen...’
Bedrückt sagte ich: „Ich glaub aber nicht, dass er sein Versprechen halten kann. Da - da seh ich echt keine Chance. Ich muss ihn mir… irgendwie aus dem Kopf schlagen… Aber ich schaffe es nicht!“ Ich nahm mein Weinglas und trank es mit einem Zug halb aus.
Lisa guckte beeindruckt und mitfühlend. „So schlimm?“      
Ich nickte. „Jeden Tag sag ich mir, sei vernünftig, mach endlich weiter mit deinem Leben, nimm dir was vor… Aber ich bin… irgendwie in der Warteschleife. Ich will ihn wenigstens noch einmal wiedersehen. Mit ihm sprechen. Fragen, wie´s ihm geht…“ Ich ließ meine Stirn theatralisch auf die Tischplatte vor mir sinken und grummelte undeutlich: „Ndchwllmthmnsbtt…“
Lisa zog à la Spock die Augenbraue hoch. „Wie war das bitte?“  
Etwas lauter zischte ich: „UndichwillmitihminsBett! Mann!“
Sie quietschte, entzückt und aufgeregt wegen meines peinlichen Geständnisses.
Ich hob den Kopf, leerte die andere Hälfte des Glases und jammerte: „Es war so wahnsinnig schön, ihn zu küssen… Wenn ich das hochrechne…!“        
„Aber hast du nicht gesagt, er hat quasi noch gar keine Erfahrung…?“, raunte sie verschwörerisch und schenkte mir nach.
„Naja, ich erwarte ja gar nicht, dass er gleich die perfekte Show abzieht…“, meinte ich verlegen. „Aber ich wette, er lernt schnell! Und beim nächsten Mal…“      
„Beim nächsten Mal, soso…“ Lisa kicherte beifällig.
Ich griff wieder nach meinem Glas, besann mich eines Besseren, nahm mir stattdessen ein Stück Weißbrot und seufzte: „Ist ja sowieso alles Blödsinn…“
Lisa stimmte in das Seufzen ein. „Naja, wenigstens hast du überhaupt schonmal…“
„Ach, mit Christoph, dem Blödmann…“    
„Aber im Bett hat´s Spaß gemacht, hast du doch gesagt!“      
„Ja schon“, gab ich gedehnt zu. „Wär nur schön gewesen, wenn ihn auch noch was außerhalb davon an mir interessiert hätte. Und ein super Timing mit der Trennung… Wegen dem hätte ich damals fast mein Abi verhauen…“ Dann skipte ich einen Moment zurück. „Warte mal. Heißt das, du und Nic habt noch gar nicht…? Aber du hast doch schon vor Weihnachten gesagt, du bist soweit?“
Lisa wurde rot. „Das ist echt sooo blöd… Die paar Mal, die er mich bisher besuchen konnte, waren wir ja immer bei uns zu Hause. Da hört man jeden Mucks, das – da kann man sich nie so richtig… entspannen. Und, und es soll doch romantisch sein...“ Sie senkte ihre Stimme. „Außerdem glaub ich, er hat Angst vor Kenny.“
Ich nickte weise. Sprach für Nics Intelligenz. Mit Kenneth, der Bären-Glucke, legte sich nur an, wer das dringende Bedürfnis nach Kielholen oder Kieferbruch hatte. Dass er überhaupt jemanden in die Nähe seiner kleinen Schwester ließ – vor allem nach dem, was letztes Jahr auf der Party von Tristan Prideaux passiert war…
Lisa hatte jetzt jedenfalls einen vielleicht noch wehmütigeren Ausdruck im Gesicht als ich. „Ich hoffe sooo sehr, dass das mit Nics Uni-Plänen klappt. Wenn die Stadt erstmal feststeht, dann kann ich mir da vielleicht auch was suchen… Aber wer weiß, wie lange das noch dauert! Er schreibt mir Gedichte, hab ich das schon erzählt? Auf Französisch… Und er hat sich einen zweiten Job gesucht, damit er sich die Trips zu mir leisten kann. Oh Mann, ich brauch auch unbedingt mehr Kohle... Das Kellnern bringt´s voll nicht...“
Sie verstummte und hing wie ich ihren Gedanken nach.

In diesem Moment trat jemand an unseren Tisch. Weder Lisa noch ich sahen auf. Dann sagte eine junge, männliche Stimme mit leichtem, unverkennbaren Akzent: „Darf ich mich zu den Damen setzen?“
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