The Only Exception

von Siarah
GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16
Dexter Vex Saracen Rue Skulduggery Pleasant Walküre Unruh / Stephanie Edgley
06.06.2019
01.08.2020
19
58.567
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01.08.2020 4.268
 
Deutsche Gastfreundschaft


xXx


Die letzten Gäste verließen Starks Grundstück gegen drei Uhr nachts, doch die Angestellten wuselten noch mehr als eine weitere Stunde umher, um das Gröbste aufzuräumen, sodass sie unter enormem Zeitdruck standen, als sie endlich mit der Ausführung ihres Plans beginnen konnten. Dank Dexters gutem Gedächtnis und Saracens vorheriger Auskundschaftung der Villa war es kein Problem, in das Gebäude einzudringen, doch es dauerte seine Zeit, die äußeren Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen. Somit blieb ihnen nur noch eine Dreiviertelstunde bis zum Sonnenaufgang, als sie endlich im Foyer standen.

„Sie“ waren alle Mitglieder des Teams außer Donegan und Gracious. Die beiden waren draußen zurückgeblieben und hielten sich an zwei strategischen Standpunkten mit Scharfschützengewehren bereit, sodass sie in dem unwahrscheinlichen Fall, dass doch etwas schief gehen sollte, eingreifen konnten. Trotz des Zeitdrucks war Dexter somit höchst zufrieden mit ihrem Plan, unbemerkt an den Dolch zu kommen. Paradoxerweise bereitete ihm jedoch gerade diese Zufriedenheit Sorgen. Die Dinge verliefen nie so reibungslos, wie es diesmal den Anschein hatte. Das ließ nur einen Schluss übrig: Sie hatten irgendetwas vergessen. Was, das konnte er sich jedoch bei bestem Willen nicht vorstellen.

Das Innere der Villa war mindestens genau so pompös wie das Äußere, doch im rötlichen Schein ihrer Taschenlampen wirkten die riesigen Räume gespenstisch. Alle Zimmer, durch die sie kamen, waren totenstill und verlassen. Teilweise wurden sogar die Geräusche ihrer eigenen Schritte von den zahlreichen Teppichen und Fellen auf dem Boden geschluckt. Was Dexter jedoch am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass es zwei Bereiche in dem Haus gab, über welche Saracen mit seiner Magie nichts aussagen konnte: Starks Büro und den Raum mit seiner Artefakt-Sammlung. So etwas war schon einige Male vorgekommen und es hatte nie etwas Gutes verheißen.

Je tiefer sie in das Innere der Villa vordrangen, desto unheimlicher wurde die Atmosphäre. Auf halbem Weg hätte Dexter am liebsten umgedreht, doch er schluckte sein Unbehagen herunter und führte die anderen weiter, obwohl es offensichtlich war, dass auch ihnen – mit Ausnahme von Skulduggery – mulmig zumute war. Saracens Blick huschte unentwegt die Wände entlang, als wolle er den Anblick ihrer Umgebung aufsaugen und nach jeglicher Gefahr absuchen. Aurora hielt ihre Pistole die ganze Zeit im Anschlag – bereit jederzeit zu schießen. Es hätte professionell gewirkt, hätten ihre Hände sich nicht so verkrampft um den Griff der Waffe geklammert. Valkyrie unterdessen hatte die Hände zu Fäusten geballt und drehte unentwegt an dem schwarzen Totenbeschwörerring, der ihren linken Mittelfinger zierte. Dexter hoffte inständig, dass der Ring diese Nacht nicht kalt werden würde…

Die Treppen nach oben waren der kritischste Teil ihres Weges, da sie dort Starks Schlafzimmer im ersten Stock am nächsten kamen, doch auch dort verlief alles nach Plan. Alles war ruhig. Nirgendwo brannte ein Licht. Das Haus und alle seine Bewohner schliefen friedlich. Das ungute Gefühl jedoch blieb.

Der Raum mit den kostbareren von Starks Sammlerstücken befand sich im zweiten Obergeschoss oder besser gesagt: der Raum war das zweite Obergeschoss. Als sie dort ankamen stand die Tür sperrangelweit offen. Dexter runzelte die Stirn und blieb stehen. Die Tür sollte nicht offen sein. Es gab keinen Grund dafür, dass sie offen war, außer dass Stark sich gerade in dem Raum befand. Drinnen jedoch war es stockdunkel. Allein das trübe Licht des Mondes machte die Umrisse der zahlreichen Glasvitrinen erkennbar. Was war hier los? Er leuchtete mit seiner Taschenlampe in das Innere des Raumes. Die Bereiche, die er damit erreichen konnten, schienen vollkommen unverdächtig, doch der Netzhautscanner neben der Tür blitzte im Licht der Taschenlampe auf wie eine Warnleuchte. Jemand, der sich ein solches Sicherheitssystem zulegte, dachte daran, die Tür zu seiner Schatzkammer zu schließen.

Unschlüssig wandte Dexter sich zu den anderen um. Diese waren hinter ihm stehen geblieben und warfen ihm nun fragende Blicke zu. Er führte sie von der klaffenden Öffnung der Tür weg und bedeutete Skulduggery, etwas zu tun, um ihre Geräusche zu dämpfen. Erst als dieser mithilfe der Luft eine Barriere um sie errichtet hatte, durch welche keine Schallwellen nach außen dringen konnten, fing Dexter an zu reden. „Etwas stimmt hier nicht“, sagte er eindringlich. „Die Tür sollte nicht offen sein.“

„Eine Falle?“, fragte Valkyrie.

„Das würde voraussetzen, dass Stark uns erwartet“, erwiderte Skulduggery.

Aurora schüttelte den Kopf. „Wie denn? Er kann noch nicht von den anderen beiden Diebstählen erfahren haben.“ Sie wandte sich an Saracen. „Ist irgendjemand in dem Raum?“

„Ich kann mir nicht sicher sein, aber ich glaube nicht.“

Skulduggery neigte den Kopf, als hätte er diese Antwort bereits erwartet. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Unser Zeitfenster ist begrenzt und wir brauchen den Dolch unbedingt.“

„Verdammt“, fluchte Dexter. „Du hast Recht. Vielleicht haben wir ja Glück und er hat nur vergessen die Tür zu schließen, nachdem er bei seinen Gästen mit seinen Schätzen angegeben hat…“

Nicht einmal Dexter selbst war von diesem Satz überzeugt, doch Skulduggery hatte Recht: Sie hatten keine Wahl. Selbst wenn es eine Falle war, konnten sie es sich nicht leisten, diese zu umgehen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als blind drauf los zu stürmen. Wie Dexter solche Situationen liebte.

Bevor die Zweifel Fuß fassen konnten, ging er voran und trat durch die Tür. Nichts. Keine Sigillen, die plötzlich aufleuchteten. Kein Alarm. Keine Selbstschussanlage. Nichts. Er leuchtete den kompletten Raum aus. Noch immer nichts. Alles war leer. Die anderen folgten ihm. Saracen war der Letzte. Sein Fuß blieb an der Türschwelle hängen, als er hindurchlief, sodass er strauchelte und sich an der Wand festhalten musste. Seine Hand streifte einen Knopf an der Wand und plötzlich fiel die Zimmertür ins Schloss. Alle fünf fuhren überrascht herum. Saracen trat an die Tür heran und versuchte sie zu öffnen, indem er erneut auf den Knopf drückte. Nichts geschah. „Keine Chance“, sagte er. „Wir sind hier eingesperrt.“ Er und Dexter wechselten einen beunruhigten Blick.

Schließlich war es Skulduggery, der das angespannte Schweigen durchbrach. „Wir können uns später über einen Ausgang Gedanken machen. Zuerst müssen wir uns den Dolch holen.“

„Okay“, erwiderte Dexter. „Aber wir müssen die Monsterjäger informieren, dass etwas nicht stimmt und sie wachsam bleiben müssen.“

Nachdem Dexter das erledigt hatte, teilten sie sich auf, um ihr Zielobjekt möglichst schnell in der riesigen Halle zu finden. Dexter bereute, dass er keine Zeit hatte, um sich die zahlreichen magischen Artefakte genauer anzuschauen. Es gab Waffen, Bücher und haufenweise andere Sachen, die er auf den ersten Blick nicht identifizieren konnte. Es war eine Schande, dass Stark all diese Schätze in seiner Villa versteckt hielt, wo nur er sie bewundern konnte, anstatt sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dexter betrachtete gerade neugierig ein antikes Buch über die Theorie der drei Namen, als von woanders Auroras Stimme erklang. Sie hatte den Dolch gefunden. Dexter warf dem Buch noch einen letzten wehmütigen Blick zu, bevor er zu ihr hinüberlief. Von Bildern her wusste er, dass es sich bei dem unscheinbaren Dolch, neben dem sie stand, tatsächlich um den Göttermörder handelte. Er war auf einem Sockel drapiert und wurde durch eine scheinbar gläserne Vitrine geschützt. Nur wenn man genau hinsah, konnte man die vier kleinen Symbole erkennen, die in die Seiten der Vitrine geritzt worden waren. Es waren dieselben Sicherheitsmaßnahmen wie beim letzten Mal, als Dexter hier gewesen war. Wenigstens gab es dabei keine unerfreulichen Überraschungen.

Skulduggery machte sich sofort daran die Symbole durch die jeweiligen Gegensymbole zu entkräften, während Dexter und der Rest der Gruppe sich um ihn herum verteilten, um alle Bereiche des Raumes im Auge zu behalten. Skulduggery arbeitete so schnell es gefahrlos ging, doch aufgrund der erforderlichen Präzision würde der Vorgang voraussichtlich trotzdem fast eine Viertelstunde dauern.

Je länger Dexter wartete und in die Dunkelheit starrte, desto unbehaglicher wurde ihm zumute. Seine Gedanken liefen auf Hochtouren, während er nach einem möglichen Ausgang suchte. Bei der einzigen Tür handelte es sich um eine Sicherheitstür aus magisch verstärktem Stahl, die nur durch einen Scan von Starks Netzhaut geöffnet werden konnte. Sie hatten geplant die Türsteuerung mit einem Gadget der Monsterjäger kurzzuschließen, doch dafür mussten sie an die Kontrollstation, die außen angebracht war. Innen gab es keine, soweit Dexter das erkennen konnte. Somit war ihre Möglichkeit, die Tür kurzzuschließen, dahin. Die Fenster sahen zwar normal aus, aber er würde wetten, dass sie irgendwie verstärkt waren. Dadurch blieben ihnen zwei Möglichkeiten: Entweder sie konnten die Monsterjäger als Verstärkung herbeordern, um die Tür von außen zu öffnen, oder sie konnten Gebrauch von dem Göttermörder machen, um diese einfach aufzuschneiden. Beide Möglichkeiten waren suboptimal.

Dexter war noch immer dabei, die Pros und Contras abzuwägen, als hinter ihm ein Klicken ertönte, gefolgt von Skulduggerys typischem „Ah“. Er drehte sich um und sah gerade noch, wie sich die Glasvitrine öffnete.

„Das war doch gar nicht schwer“, kommentierte Valkyrie.

Dexter schüttelte den Kopf. „Das dachte ich auch, als ich den Bogen hatte und dann ist plötzlich alles den Bach runter gegangen.“

„Ein weiterer Beweis für den Vex-Rue Fluch“, erwiderte Aurora trocken.

„Den was, bitte?“, fragte Dexter.

Saracen machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, sie hat sich diese verrückte Idee in den Kopf gesetzt, dass man immer Pech hat, wenn man mit einem von uns unterwegs ist.“

„Ah. Eine berechtigte Theorie“, sagte Skulduggery. „Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass sich der Fluch in seiner Intensität verdoppelt, wenn man mit euch beiden zusammen unterwegs ist.“

Dexter schnaubte. „Das ist absolut lächerlich. Die ganze Idee an sich ist lächerlich.“ Er wandte sich Valkyrie zu. „Bitte sag mir, dass du den beiden diesen Schmarrn nicht abkaufst.“

Bevor sie antworten konnte, erklang plötzlich ein Aufschrei. Dexter fuhr herum. Skulduggery lag am Boden. Rauchfahnen stiegen von einem seiner Handschuhe auf und es roch nach verbranntem Leder. Um den Dolch leuchtete ein weißliches Energiefeld. Es musste einen weiteren versteckten Schutzmechanismus gegeben haben, den Skulduggery versehentlich ausgelöst hatte, als er nach dem Dolch gegriffen hatte.

Im nächsten Moment brach totales Chaos aus. Die Tür öffnete sich und fünf Ripper strömten hindurch, die Sensen drohend erhoben. Dexter, Saracen, Aurora und Valkyrie stellten sich vor den Dolch und Skulduggery, der noch immer daneben auf dem Boden lag, als die Ripper auf sie zuschritten und etwa fünf Meter vor ihnen stehenblieben. Obwohl ihre Waffen noch immer gezückt waren, machten sie keine Anstalten anzugreifen. Dexters Hand fuhr zu seiner Waffe, einer Beretta 92, auch bekannt als M9. Die Rüstungen der Ripper waren zwar kugelsicher, doch ein guter Schütze (oder jemand mit ausreichend Glück) konnte sie an den Händen oder am Hals treffen, wo sie nicht von der Rüstung geschützt wurden.

Hinter sich hörte er, wie Skulduggery sich auf die Beine kämpfte. „Ich brauche fünf Minuten, um an den Dolch heranzukommen“, stöhnte er. „Solange müsst ihr sie von mir fernhalten.“

„Das wird nicht passieren, Mr. Pleasant“, ertönte eine Stimme hinter den Rippern. Dexter erkannte die Stimme sofort, noch bevor die Ripper zu Seite traten, um Platz für den Neuankömmling zu machen. Johann Stark. „Ich hatte zwar gehofft, die neuste Addition zu meinem Sicherheitssystem würde Ihnen endlich den Garaus machen, aber so lästig Ihr Überleben auch sein mag, es wird Ihnen nichts helfen. Sie halten sich alle für so schlau, aber nachdem Ihre Komplizin mich letzten Abend über den Dolch ausgefragt hat und dann verschwunden ist, war mir gleich klar, dass etwas nicht stimmt. Nachdem ich Sie nun in flagranti bei dem Versuch erwischt habe, den Dolch zu stehlen, werden Ihnen nicht einmal Ihre Freunde im irischen Sanktuarium mehr helfen können.“

„Johann“, erwiderte Skulduggery, „so schön es auch ist, Sie mal wieder zu sehen, muss ich Sie trotzdem darum bitten, jetzt still zu sein. Der nächste Teil ist etwas knifflig. Da muss sogar ich mich konzentrieren.“

Ein kurzer Blick über die Schulter verriet Dexter, dass Skulduggery bereits wieder am Sockel des Dolches herumfuhrwerkte. Jetzt war Zeitschinden angesagt. Noch während er das dachte, sagte Stark etwas für ihn Unverständliches zu den Rippern und diese griffen an. Dadurch, dass Skulduggery aus dem Rennen war, waren ihnen die Ripper nicht nur kräftemäßig sondern auch zahlenmäßig überlegen. Darum war Dexter sich auch nicht zu schade dafür, schmutzige Tricks anzuwenden, als ihre fünf Gegner mit erhobenen Sensen auf sie zustürmten. Bevor diese sie erreichen konnten, zog er in einer einzigen einstudierten Bewegung seine M9 hervor und zielte auf die Hände des nächsten Rippers. Die ersten paar Schüsse gingen daneben, doch der vierte saß.

Anstatt die Sense fallen zu lassen, nahm der Ripper diese jedoch einfach nur in die andere Hand und führte seinen Ansturm fort. Dexter fluchte und musste im nächsten Moment zur Seite springen, um dem singenden Blatt der Sense auszuweichen. Die Klinge rauschte nur wenige Millimeter an seinem Arm vorbei. Er spürte sogar den Luftzug. Dadurch, dass der Ripper einhändig kämpfen musste, konnte er den Kurs der Sense nicht schnell genug korrigieren, sodass sie krachend durch die Holzdielen des Bodens schlug und dort stecken blieb. Dexter schlug nach der unverletzten Hand seines Gegners, doch dieser zog sie blitzschnell weg. Dafür musste er jedoch die Sense loslassen. Bevor er sie wieder an sich nehmen konnte, schlug Dexter erneut auf ihn ein und drängte ihn so zurück. Ein Ripper ohne Waffe war immer noch ein ernstzunehmender Gegner, doch immerhin hatte sich das Spielfeld nun geebnet.

Oder auch nicht. Dexter spürte mehr, als dass er es sah, wie die Sense eines zweiten Rippers von hinten auf ihn zuraste. Er schaffte es gerade noch so, sich zu ducken, sonst hätte ihn der Hieb mit Sicherheit in zwei geteilt. Im nächsten Moment wurde er auch schon von beiden Seiten attackiert. Er musste einen fiesen Fausthieb in die Magengrube hinnehmen, um der weitaus gefährlicheren Sense erneut zu entkommen. Jetzt wäre der Zeitpunkt für einen taktischen Rückzug gewesen, doch nachdem Skulduggery noch immer mit der Glasvitrine beschäftigt und somit schutzlos war, kam dies nicht in Frage. Ihre einzige Chance auf Entkommen war, die Ripper abzuwehren, bis Skulduggery den Dolch hatte und dann in den Flur zu fliehen, wo Donegan und Gracious ihre Gegner ins Visier nehmen konnten, ohne von geschützten Scheiben behindert zu werden.

Dexter zog kurz in Erwägung, seine M9 einzusetzen, um auf die ungeschützten Hälse der Ripper zu zielen, doch verwarf den Gedanken augenblicklich wieder. Mal ganz davon abgesehen, dass er nur tötete, wenn es absolut keinen anderen Ausweg gab, würden Tote diesen politischen Albtraum ins Unermessliche steigern. So verzweifelt war er noch nicht. Trotzdem war es Zeit, seine Angreifer unschädlich zu machen. Leichter gesagt als getan, nachdem er zunehmend akrobatisch herumtänzeln musste, um ihren Attacken zu entgehen. Seine Ausweichmanöver wurden immer knapper, bis ihn der gepanzerte Ellbogen des verletzten Rippers schließlich an der Schläfe traf. Sein Kopf wurde von der Wucht des Schlags zur Seite geworfen. Weiße Blitze explodierten vor seinen Augen. Einen Moment lang taumelte er benommen zurück, doch dann setzte der Schmerz ein und schärfte seine Sinne wieder. Er sah die Sense erneut auf sich zu sausen. Im letzten Augenblick tauchte er blitzschnell darunter hinweg und sprang auf den unverletzten Ripper zu, um ihm mit der Handkante gegen den Hals zu schlagen. Der Getroffene gab nicht einmal mehr einen Laut von sich. In einem Augenblick stand er noch und im nächsten sackte er auch schon zu Boden, schlaff wie eine Stoffpuppe.

Dexter hatte keine Zeit zu triumphieren. Der verletzte Ripper hatte die Waffe seines gefallenen Kameraden aufgehoben und schlug mit der Spitze des Sensenblatts nach seinem Oberkörper. Dexter drehte sich weg, doch der Hieb traf seinen Oberschenkel. Ein gurgelnder Schrei entwich ihm, als der kalte Stahl durch sein Fleisch fuhr. Diesmal setzte der Schmerz umgehend ein. Es war ein brennender, allumfassender Schmerz, der ihm den Atem raubte. Seine Beine gaben unter ihm nach und er fiel hart auf den Boden. Den Aufprall spürte er nicht einmal. Dexter kniff die Augen zusammen und versuchte verzweifelt, wieder Herr über seinen Körper zu werden. Am Rande seines Bewusstseins nahm er wahr, wie Saracen seinen Namen rief. Er spürte einen Luftzug über sich und rollte stöhnend zur Seite, als eine Sense auf die Stelle zuraste, wo gerade noch sein Hals gewesen war.

Es war ein Augenöffner. Dexters Gedanken begannen zu rasen. Die Ripper beabsichtigten nicht, sie als Gefangene zu nehmen. Sie wollten sie umbringen. Stark hatte wohl die Möglichkeit gesehen, sich endgültig drei der Toten Männer zu entledigen und diese mit Freude ergriffen. Sofort kam Sorge um die anderen in ihm auf. Außer Valkyrie hatte niemand von ihnen Schutzkleidung und zu dritt waren sie den inzwischen nur noch vier Rippern nicht gewachsen. Die Sorge verlieh ihm die Kraft, sich wieder auf seine Umgebung zu konzentrieren. Elegante Lederschuhe tauchten in seinem Blickfeld auf. Er hob den Kopf und sah Saracen vor sich stehen. Sein Freund hielt eine Sense in der Hand, die er irgendwie an sich genommen haben musste, und parierte damit nach Kräften die Schläge eines Rippers.

„Wir haben hier ein kleines Problem“, erklang plötzlich Donegans Stimme über das Funkgerät in seinem Ohr. „Ripper. Mindestens zehn. Sie sind auf dem Weg zu euch nach oben.“

„Noch mehr?“, stöhnte Dexter. „Wir haben bereits Gesellschaft. Haltet euch bereit. Die Situation wird gleich noch unschöner.“

Er kniff die Zähne zusammen und zwang seinen Körper dazu, sich aufzusetzen. Der Anblick seines blutüberströmten Beines löste Übelkeit in ihm aus. Die Sensenspitze hatte sich wie ein Dolch in seinen Oberschenkel gebohrt und war dann schräg nach unten herausgezogen worden, sodass eine große klaffende Wunde entstanden war. Zu seinem Glück jedoch war der Oberschenkelknochen unverletzt und auch die Beinschlagader war nicht getroffen worden. Dexter zog seine Jacke aus und wickelte sie begleitet von schmerzerfülltem Fluchen um die Verletzung, um so die Blutung zu stillen. Dann machte er sich an die noch unschönere Aufgabe, aufzustehen. Es tat verdammt weh, doch seine Beine trugen ihn wieder. Soweit so gut.

Er blickte sich um und sah, dass Valkyrie und Aurora inzwischen Rücken an Rücken standen und gegen drei Ripper auf einmal ankämpften. Auroras ehemalig weißes T-Shirt klebte rot an ihrem Körper. Ohne zu zögern zog Dexter seine M9 und feuerte auf die Angreifer. Die meisten Kugeln verfehlten ihr Ziel und die die trafen, prallten an den Rüstungen der Ripper ab. Trotzdem lenkte die neue Gefahr die drei Ripper ab, sodass Valkyrie es schaffte, einem von ihnen den Helm abzureißen und ihn mit einem Schlag gegen den Kopf niederzustrecken. Nun waren die Gewinnchancen vertauscht. Vier von ihnen gegen drei Ripper.

Auch Stark erkannte, dass die Situation sich geändert hatte. „Ihr traut euch vielleicht etwas!“, schrie er wütend. „Einbruch in das Haus eines deutschen Ältesten. Dafür wird es einen Krieg geben! Das ist der Tropfen, der das Fass endlich zum Überlaufen bringt.“

Dexter drehte sich zu ihm um. Das war seine Chance. Durch sein Funkgerät hörte er Donegans Warnung, dass die anderen Ripper sie gleich erreicht hatten. Der Kampf musste zu Ende sein, bevor die Verstärkung eintraf. Sonst hatten sie verloren. „Wissen Sie, Johann. Wenn man gerade am Verlieren ist, ist es sehr ungeschickt, so eine große Klappe zu haben.“

Stark stürzte auf ihn zu. Er war ja so berechenbar. Die Jahre des Komforts und des Wohlstands machten sich bei seiner Kampftechnik erkennbar. Getrieben von Wut, waren seine Bewegungen unkoordiniert. Dexter wich mehreren ungeschickten Fausthieben aus. Die Wunde an seinem Bein pochte schmerzhaft, sodass seine unbeholfenen Bewegungen nicht komplett vorgetäuscht waren. Er hielt sich in der Defensive, sodass Stark immer siegessicherer und somit leichtsinniger wurde. Einmal ließ er sogar zu, dass ein Hieb seinen Oberarm streifte. Zu spät fiel ihm wieder ein, was Starks magische Disziplin war. Der Schlag traf ihn so hart als wäre die Faust seines Angreifers aus Granit. Hätte sie seinen Oberarm voll getroffen, wäre mit Sicherheit der Knochen gebrochen worden, doch auch so schmerzte es genug, dass Dexter sich wieder mehr auf seine Ausweichmanöver konzentrierte.

Er rechnete schon damit, jeden Moment von Starks Verstärkung überwältigt zu werden, als sich endlich die Chance ergab, auf die er gewartet hatte. Nachdem er einem besonders ungestümen Schlag ausgewichen war, arbeitete Starks Schwung gegen ihn. Er geriet aus dem Gleichgewicht und musste einige Schritte nach vorne taumeln, um nicht sofort vorneüber zu kippen. Dexter schlug ihm mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter, sodass Stark nach vorne fiel. Er landete auf Händen und Knien. Bevor er sich wiederaufrichten konnte, packte Dexter ihn an den Haaren und zog seinen Oberkörper in eine aufrechte Position. Er feuerte mit seiner M9 eine Salve Kugeln in Richtung Decke, um die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zu ziehen. „Waffen runter“, rief er und presste die Mündung der Pistole gegen Starks Schläfe, der ein Wimmern von sich gab.

Außer Skulduggery rührte sich niemand mehr, doch die Ripper legten ihre Waffen auch nicht weg. Dexter presste die Pistole noch fester gegen Starks Kopf, bis dieser schließlich nachgab. „Gott, legt die Waffen weg. Runter damit!“

Die Ripper folgten sofort. In einer simultanen Bewegung traten sie alle einen Schritt zurück und ließen ihre Sensen fallen. Keinen Augenblick zu früh. Im nächsten Moment traf ihre Verstärkung ein. Die Neuankömmlinge warfen einen Blick auf ihren noch immer am Boden knieenden Anführer, bevor auch sie ihre Waffen niederlegten.

Dexter seufzte erleichtert auf. „Skulduggery?“, fragte er.

„Eine Minute“, antwortete dieser. Während er weiter an der Glasvitrine herumfuhrwerkte, scharten sich die anderen um Dexter und Stark. Die Ripper verfolgten jede ihrer Bewegungen mit Argusaugen. Der kleinste Fehler und sie würden eingreifen, das war Dexter klar. Sie waren nur sicher, solange Starks Leben in Gefahr war.

„Wie geht´s deinem Bein?“, fragte Saracen. Dexters Blick wandte sich zu ihm. Sein Anzug war zerknittert und stellenweise zerrissen. Die sonst so sorgfältig gestylten Haare standen in alle Richtungen ab. Die teuren italienischen Lederschuhe waren blutbesudelt. Und trotzdem strahlte er eine unangebrachte Lässigkeit aus, wie nur die Wenigsten sie unter diesen Umständen aufbringen konnten. Der vertraute Anblick beruhigte auch Dexter.

„Ich werd´s überleben“, antwortete er. „Was ist mit dir, Aurora?“

„Nur ein Kratzer.“ Ihr blutgetränktes Shirt und die Tatsache, dass sie sich beim Laufen auf Valkyrie stützte, machten die Aussage alles andere als glaubwürdig, doch Dexter wusste, dass Aurora nie das Team in Gefahr bringen würde, indem sie über ihren gesundheitlichen Zustand log. Wenn sie sagte, dass sie klarkam, dann war das auch so.

Ein angespanntes Schweigen setzte ein. Die gegnerischen Parteien musterten einander argwöhnisch. Beide warteten nur darauf, dass die anderen einen Zug oder gar einen Fehler machten. Erst das Zischen der Energiekuppel um den Dolch, als diese verschwand, durchbrach die Stille. Alle Augen richteten sich gespannt auf Skulduggery, der erneut nach dem Dolch griff. Dexter rechnete schon damit, dass wieder etwas schief gehen würde, doch dem war nicht so. Skulduggerys Hand erreichte den Dolch ungestört und konnte ihn ohne Widerstand von seinem Sockel entfernen. Erleichterung machte sich in ihm breit.

„Nichts wie raus hier“, sagte Saracen und setzte sich in Richtung der Tür in Bewegung.

Dexter zog Stark auf die Füße und folgte ihm. Sein Bein schmerzte bei jedem Schritt. Ohne das ganze Adrenalin, das seinen Körper durchflutete, hätte er wahrscheinlich nicht laufen können. Die anderen waren dicht hinter ihm. Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihm, dass auch die Ripper ihnen in einigen Metern Abstand folgten. Skulduggery behielt sie beim Laufen im Blick, damit sie sie nicht überrumpeln konnten.

Sie passierten das Treppenhaus ungestört. Sobald sie im Erdgeschoss ankamen, begannen zwei rote Punkte auf Starks Stirn zu tanzen. Donegan und Gracious hatten sie wieder im Visier. Die großzügigen Fensterfronten, die fast jedes Zimmer zierten, kamen ihnen zugute. So schritt die ganze Prozession zur Eingangshalle. Einige Meter vor der Haustüre blieben sie stehen. Dexter zog Starks Kopf an dessen Haaren zu sich heran, bevor er dicht an seinem Ohr raunte: „Ich werde Sie jetzt loslassen. Dann werden ich und meine Freunde das Haus verlassen, ohne dass Sie uns daran hindern. Zwei Scharfschützen haben derzeitig ihre Gewehre auf Sie gerichtet. Sollten Sie auch nur den Anschein erwecken, uns aufhalten zu wollen, werden sie nicht zögern zu schießen. Ist das klar?“

Stark antwortete nicht. Dexter verstärkte den Griff an seinen Haaren, bis er schließlich ein gepresstes „Ja“ von sich gab.

„Sagen Sie den Rippern, dass sie uns gehen lassen sollen.“

Stark verzog das Gesicht, doch er gehorchte. „Lasst sie gehen“, rief er den Rippern zu.

Dexter nickte den anderen zu. Erst als diese durch die Haustüre getreten waren, ließ er Stark los. „Danke für die Gastfreundschaft, Johann“, rief er noch und folgte ihnen. Sie eilten die Einfahrt hinunter, bis sie das Grundstück verlassen hatten. Am Horizont war bereits der erste Hauch von Orange zu sehen, doch glücklicherweise waren die Straßen noch leer. Sie stiegen in den Minivan, mit welchem sie bereits hergekommen waren und warteten auf die Monsterjäger. Gracious stieg in den Fahrersitz, während Donegan es sich neben ihm auf dem Beifahrersitz bequem machte. Dann rasten sie auch schon los. Kurz bevor sie um eine Kurve verschwanden, sahen sie noch wie die Ripper aus Starks Grundstück herausstürmten und in ihre eignen Fahrzeuge sprangen, um die Verfolgung aufzunehmen. Doch nicht einmal sie konnten es mit Gracious´ halsbrecherischem Fahrstil aufnehmen. Der Minivan flog förmlich durch die leeren Straßen. Dexter konnte nur beten, dass sie keine Geschwindigkeitskontrolle passierten und die Zähne zusammenbeißen, wenn sein verletztes Bein bei jeder Kurve gegen die Tür des Wagens gepresst wurde. Sie hatten den Dolch und niemand war gestorben. Das war alles, was zählte.

Mit diesem Gedanken im Kopf erlaubte er es sich, in den Sitz zurückzusinken und weg zu driften. Ob er ohnmächtig wurde, jetzt wo das Adrenalin aus seinem Körper verschwand, oder einfach nur einschlief, weil ihn die letzte Nacht erschöpft hatte, wusste er dabei selbst nicht so genau. Er war einfach nur froh, dem Pochen in seinem Bein und dem Geplänkel der Monsterjäger zu entkommen. Vor allem Letzterem.

xXx


Hallo zusammen! Hier ein - mal wieder - sehr verspätetes neues Kapitel.
Dafür habe ich jetzt eine Beta-Leserin, was euch wahrscheinlich schon an der plötzlich besseren Qualität aufgefallen ist. ;)
Die liebe Viperzahn hat dieses Kapitel für mich Korrektur gelesen (und dabei einige Fehler aufgedeckt). Außerdem arbeite ich mit ihrer Hilfe gerade daran, die alten Kapitel zu überarbeiten. Vor allem die Ersten haben das dringend nötig...
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