Nimmerfahrt

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
Gillette James Norrington OC (Own Character)
06.06.2019
28.08.2020
22
56.528
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06.06.2019 1.049
 
Ein herzliches Hallo,

da die Karibikgefühle bei den Temperaturen derzeit fast schon von allein aufkommen, gibt es hier eine weitere Norrington-Geschichte mit gewissen Peter-Pan-Einschlägen. (Ich bin und bleibe Wiederholungstäterin.)

Diesmal spielt das Geschehen sogar im "Fluch der Karibik"-Universum, anstatt in einem AU.  
Handlungsmäßig befinden wir uns zwischen dem ersten und zweiten Teil. Das Ende ist bewusst offen gehalten; mit etwas Wohlwollen bei der Zeitlinie und einem freundlichen Augenzudrücken hinsichtlich der Besucher aus Nimmerland, könnte man sagen, wir bewegen uns beinahe im Canon. Jippieh!

Da ich mich mit Segelschiffen kein bisschen auskenne, habe ich etwas recherchiert und hoffe zumindest grobe Fehler vermieden zu haben. Wer welche entdeckt, dem wäre ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar.

Viel Spaß wünscht euch,
Bell

P.S.: Warum steht Gillette in der Charakterauswahl, aber nicht Groves? Dachte, die gibt es nur im Doppelpack zu kaufen. Denkt ihn euch einfach dazu, denn der Gute ist auf jeden Fall mit von der Partie.


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1

Seenot –



Ihre ersten an ihn gerichteten Worte lauteten: «Mich zu retten, war ein Fehler, den Ihr bereuen werdet.»
 
Zu diesem Zeitpunkt konnte Norrington die Wahrheit dieser düsteren Zukunftsprognose weder erahnen noch ermessen. Für ihn war es keine Weissagung, wie man sie mitunter in schmuddeligen Hafengassen von Zigeunern aufgedrängt bekam – für derartigen Schwachsinn hätte er ohnehin nichts übrig gehabt –, sondern eine befremdliche Äußerung, die ihn unwillentlich beeindruckte. Das mochte der Art geschuldet sein, wie sie zu ihm sprach, nämlich ruhig und sachlich, ganz so, als würde sie eine unumstößliche Tatsache formulieren. Eine Gewissheit. Dabei hatten seine Männer und er sie vor dem sicheren Tod bewahrt, es gab also keinen Grund, anzunehmen, ihre Rettung könnte ein schwerwiegendes Missverständnis gewesen sein. Immerhin hatte sie zitternd vor ihm gestanden und eine nicht unerhebliche Menge Salzwasser auf sein Deck tropfen lassen. Selbst ein eher träge arbeitender Verstand so wie der seines Ersten Offiziers war nach ausreichender Betrachtung der Lage zum selben Ergebnis gekommen wie er: Es bestand kein Zweifel an der Richtigkeit, sie aus dem Meer zu ziehen, aber man durfte sehr wohl daran zweifeln, ob sie noch all ihre Sinne beisammen hatte.
 
Mit ihrer Rettung hatte alles angefangen.
 
Sie, das war eine junge Frau, gerade einmal Anfang Zwanzig, wenn er das richtig schätzte. Ein solches Alter erlaubte mitunter noch allerhand dumme Einfälle, doch sich mit einem Strick an ein leeres Fass zu fesseln und damit durchs Meer treiben zu lassen, nahm auf der Rangliste an Möglichkeiten gewiss einen der vorderen Plätze ein. Wie lange sie bereits in den Wellen ausgeharrt hatte, wusste er nicht und er würde  vorerst auch nicht über die Umstände aufgeklärt werden, die zu dieser grotesken Situation geführt hatten.

Dennoch war es ihr gelungen, nahezu die gesamte Mannschaft eines Dreimasters aus ihrer Mittagsruhe zu reißen und an die Reling zu locken. Dort stapelten sich die Matrosen aufeinander wie Mauerziegel und auch die Marinesoldaten reckten ausgiebig die Hälse, um wenigstens einen Blick auf das Kuriosum im Wasser zu erhaschen. Von dem Lärm angezogen wie eine Motte vom Licht, (er hatte Ruhezeit für die Freiwachen angeordnet, die heute zum Nachtdienst antreten mussten und kam nicht umhin, zu hören, dass man seinen Befehl ignorierte,) war er ebenfalls an Deck getreten, wo ihm ein aufgeregter Erster Offizier mit erhobenen Händen entgegen gelaufen kam und dabei seinen Namen mit einer Inbrunst wiederholte, die ihm verdächtig erschien. Üblicherweise neigte Gillette (so der Name des Offiziers, der vielversprechender war als die Person, zu der er gehörte,) dazu, sein Anliegen in einem umständlichen Wortschwall herauszubringen, doch diesmal stolperten ihm lediglich einige unzusammenhängende Silben über die bebenden Lippen und er gestikulierte verzweifelt vor seinem Gesicht herum. Da dies nicht gerade aufschlussreich war, musste Norrington sich ein eigenes Bild der Lage machen und so schritt er zielstrebig auf die Matrosenschar zu, deren dröhnende Rufe in der windleeren Mittagsstille in der Luft festzuhängen schienen und daher umso unangenehmer in den Ohren widerhallten. Hinter ihm polterte es und er musste sich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, dass sein Erster Offizier ihm folgte. Keuchend und noch immer in einem Zustand äußerster Erregung.
 
Der Grund war, wie bereits erwähnt, eine im Meer treibende junge Frau und da sich das Gewimmel an der Reling bei seinem Anblick rasch in zwei einigermaßen ordentliche Reihen auflöste, stellte es keine Schwierigkeit dar, sich ein Stück vorzuneigen und sie mitsamt ihrer misslichen Lage flüchtig in Augenschein zu nehmen.
 
Das habe er ihm sagen wollen, schnaufte Gillette ihm ins Ohr und blickte ihn so erwartungsvoll an wie die übrigen Männer. Ihnen würde ein Kopfnicken genügen, nicht mehr, doch sie benötigten sein Einverständnis, obwohl es sich um eine Selbstverständlichkeit handelte, die Frau zu retten. Das oberste Gebot der Seefahrt lautete, einem Menschen in Not zu helfen, egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welcher Ruf. Ob Mörder oder Heiliger, ob Pirat oder Händler, er wurde aus dem Wasser gefischt. In seiner langen Dienstzeit hatte Norrington schon eine Vielzahl an Schiffbrüchigen an Bord geholt und bisher war es ihm nur in einem Fall zum Verhängnis geworden. Nämlich als er einem Jungen namens William Turner geholfen hatte, der es ihm dankte, indem er knapp ein Jahrzehnt später zum Seeräuber wurde und ihm – sozusagen nebenbei, denn allzu viel Aufwand hatte es offenbar nicht erfordert – seine Verlobte ausspannte. Die beiden sollen glücklich miteinander sein, hatte er gehört. Das war zu hoffen, immerhin wollte er nicht umsonst eine langwierige und strapaziöse Seereise auf sich genommen haben, nur, um während der Hochzeitvorbereitungen mit anschließender Trauung nicht in Port Royal zu verweilen, wo er sich viele Jahre lang eigentlich recht wohlgefühlt hatte.
 
Kurz und gut, es stand außer Frage, der jungen Frau mit ihrem Fass nicht zu helfen, selbst wenn ihre Rettung eine ähnliche Enttäuschung mit sich bringen würde. Nicht, dass er in diesem Moment darüber nachgedacht hätte, er war sogar denkbar weit davon entfernt, sich William Turners Namen und alles Unrühmliche, was sich damit verband, ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber in einer späteren, noch in weiter Ferne liegenden Stunde sollte ihn eine böse Erkenntnis ereilen. Nämlich, dass sich die beiden Fälle gar nicht so unähnlich waren. Zwar würde er diesmal nicht seine Verlobte verlieren –  wie auch, er hatte schließlich keine mehr vorzuweisen –, aber es würde dennoch in Enttäuschung, Schmerz und Bitterkeit enden. Er wusste es nur noch nicht und das sollte ihm alsbald zum Verhängnis werden.
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