Eine Nachricht für Weißlauf

KurzgeschichteAllgemein / P12
06.06.2019
06.06.2019
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„Und diese Informationen sind bestätigt?“

„Das sind sie, General.“ Die Stimme der Soldatin vor ihm blieb fest und ruhig, auch wenn sie solch düstere Nachrichten überbrachte.

General Tullius unterdrückte ein Seufzen, ebenso wie den stetig zunehmenden Drang, sich die Schläfen zu reiben. Mögen die Daedra diese verfluchten Rebellen holen! Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig geschlafen, und noch länger war es her, dass er das Gefühl hatte, irgendetwas würde nach Plan laufen.

Um genau zu sein, war alles ab dem Zeitpunkt schiefgegangen, als ein götterverdammter Drache die Hinrichtung des Verräters Ulfric unterbrochen hatte. Ein Drache! Waren diese Bestien nicht eigentlich ausgestorben gewesen? Er hatte schon mit dem kriegszerrütteten Himmelsrand genug zu tun, da brauchte er nicht auch noch mythische, geflügelte Echsen, die alles und jeden angriffen – ohne sich darum zu kümmern, ob es Kaiserliche oder Sturmmäntel waren – und dieses Land noch mehr ins Chaos stürzten.

Als ihn der Kaiser in den Norden des Reiches geschickt hatte, war sich Tullius sicher gewesen, die Rebellion rasch niederschlagen zu können. Sicherlich, sein Gegner hatte einen beeindruckenden Ruf als Held des letzten großen Krieges, aber letztendlich würden seine Truppen gegen die Macht der kaiserlichen Legionen nicht bestehen können.

Zu seiner Schande musste er zugeben, dass er sich geirrt hatte.

Zwar hatten sie die Kontrolle über vier der neun Jarltümer erlangt, aber der selbsternannte Großkönig beherrschte vier weitere. Nur der Jarl von Weißlauf, Balgruuf der Ältere, hatte sich bislang hartnäckig geweigert, Partei zu ergreifen. Solange sich dies nicht änderte, würde keiner von ihnen die Oberhand gewinnen – immerhin bildete Weißlauf das Zentrum von Himmelsrand und grenzte an beinahe alle anderen Jarltümer.

Am Ende, das wusste Tullius, würde derjenige, der Weißlauf unter seine Kontrolle brachte, mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Krieg für sich entscheiden. Ihm war ebenso bewusst, dass der Verräter nicht anders dachte.

Und nun schien es, als hätte Ulfric Sturmmantel endgültig genug von Balgruufs Neutralität.

Tullius verfügte über zu viel Selbstbeherrschung, um sich vor seinen Untergebenen zum Fluchen hinreißen zu lassen. Nur sein versteinerter Gesichtsausdruck und der schnelle Rhythmus, in dem seine Finger auf den Kartentisch vor ihm trommelten, verrieten seinen inneren Tumult.

„Wir können es uns nicht leisten, Ulfric Weißlauf zu überlassen“, brummte er schließlich und studierte die Karte Himmelsrands kritisch. Er hatte nicht die Absicht, diesen Krieg zu verlieren.

„Aber was können wir tun, General?“ Seine Stellvertreterin, Rikke, lehnte sich vor und versuchte, seinen Blick aufzufangen. „Balgruuf hat sehr deutlich gemacht, dass er nichts mit uns oder diesem Krieg zu tun haben will.“

Wo sie Recht hatte… In gewisser Hinsicht bewunderte Tullius den Jarl. Es brauchte einiges an Mut und politischem Geschick, um seine Neutralität in einer derart verzwickten Lage zu wahren, und es war beeindruckend, dass er es so lange geschafft hatte. Aber jetzt … jetzt war dies nicht mehr möglich. Balgruuf hatte sich geweigert, eine Entscheidung zu treffen, um seine Untertanen aus diesem Krieg herauszuhalten – und nun trafen andere die Entscheidungen.

„Er hat keine Wahl mehr“, gab Tullius harsch zurück. „Ulfric wird ein Nein nicht akzeptieren. Die Frage ist nur, ob Balgruuf sich dem Verräter beugt, oder unserem Kaiser treu bleibt.“

Und er würde alles dafür tun, dass Letzteres geschah.

Das einzige Problem, das blieb, war… „Der Jarl wird keinen unserer Abgesandten empfangen, und selbst wenn, würde er ihnen keinen Glauben schenken“, merkte Rikke an.

Tullius nickte nur, während er in Gedanken alle Alternativen durchging, die ihm in den Sinn kamen. Sie konnten keinen der Ihren entsenden, zumindest nicht in offizieller Funktion – man würde sie abweisen. Aber einen Gesandten in Verkleidung zu schicken, kam noch weniger in Frage. Balgruuf musste ihnen vertrauen, und sich wie Spitzel in sein Jarltum zu schleichen, war wohl kaum geeignet, Wohlwollen zu erwecken.

Tullius knurrte beinahe unhörbar. Er war ein Soldat, kein verdammter Botschafter. Mit Diplomatie hatte er nur wenig zu tun, und all diese Spielchen frustrierten ihn. Aber die Situation in Himmelsrand war schon instabil genug. Falls es zum Äußersten kam, würde er versuchen müssen, Ulfrics Truppen abzufangen, bevor sie Weißlauf erreichten – doch es wäre ihm lieber, wenn er sich Balgruufs Unterstützung sicher sein konnte.

„Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, General?“ Er blickte hoch und runzelte die Stirn. „Sprecht, Legat.“ Rikke richtete sich auf und legte die Hände hinter dem Rücken zusammen. „Wenn wir einen Boten schicken würden – jemanden, auf dessen Ehrlichkeit sowohl wir als auch der Jarl vertrauen könnten…“

Tullius nickte langsam. Das könnte funktionieren … wenn sie so eine Person fanden, was fraglich war. „Habt Ihr auch einen Vorschlag, wen wir schicken könnten?“

Das schmale Lächeln, das über das Gesicht der Nord-Soldatin huschte, verschwand so schnell wie es gekommen war – beinahe glaubte er, es sich nur eingebildet zu haben. „Das habe ich, General… Was ist mit dem Drachenblut?“

Nur jahrelange Übung und eiserne Selbstbeherrschung sorgten dafür, dass ihm seine Überraschung nicht anzusehen war. Das Drachenblut?! „Wie kommt Ihr darauf, Legat?“, brachte er schließlich nach einem tiefen Atemzug heraus.

Oh, Tullius wusste von der Existenz dieses legendären Helden. Er gab zwar nicht viel auf alte Geschichten, aber die Rückkehr der Drachen war ein Fakt, ebenso wie die Tatsache, dass dieses Drachenblut – wer auch immer er sein mochte – mehrere Angriffe der geflügelten Echsen aufgehalten hatte. Etwas, das zu seinem Ärger bislang keine der ihm unterstellten Militäreinheiten geschafft hatte. Wieso gelang einem Einzelnen, woran die Soldaten des Kaiserreiches scheiterten?

Was die Identität dieses mysteriösen Kriegers anging, wussten sie so gut wie nichts über ihn, abgesehen davon, dass er ein Dunkelelf war. Als er den Bericht darüber und Ulfrics Reaktion über diese Enthüllung erhalten hatte, war er nicht in der Lage gewesen, sich ein schadenfrohes Grinsen zu verkneifen. Geschah dem Verräter recht…

Die wenigen kaiserlichen Agenten in Windhelm hatten ausführliche Berichte über die miserable Lage der Dunmer-Flüchtlinge aus Morrowind geschickt. Was er dort gelesen hatte, hatte in Tullius nichts als Verachtung für den selbsternannten „wahren Großkönig von Himmelsrand geweckt. Dass nun ausgerechnet das Drachenblut – eine verehrte Gestalt aus den Sagen der Nord – ein Dunkelelf war, der Ulfrics verzweifelten Versuch, ihn zu rekrutieren, ohne zu zögern abgeschmettert hatte, amüsierte Tullius zutiefst, auch wenn er das für sich behielt.

Rikke riss ihn aus seinen Gedanken. „Das Drachenblut ist gleichzeitig auch Thane von Weißlauf“, erinnerte sie ihn. „Wenn wir ihn überzeugen können, dann wird Balgruuf ihm Glauben schenken.“

Richtig… Das war ihm völlig entfallen. Aber trotz der Zeit, die er bereits in Himmelsrand verbracht hatte, waren ihm manche Aspekte der Nord-Kultur noch immer ein Rätsel. Er hatte eine ungefähre Ahnung, was ein Thane eigentlich war, und welche Stellung er innehatte, doch mehr nicht.

„Wird sein Wort ausreichen, falls wir ihn überzeugen können?“, fragte Tullius nach, noch immer skeptisch. Aber … es war die beste Chance, die sie hatten, um Balgruuf zu warnen und zu verhindern, dass Ulfric sich ein weiteres Jarltum aneignete – da hatte Rikke zweifellos Recht.

„Nun gut…“, gab er schließlich seine Zustimmung und nickte der Nord zu. „Einen Versuch ist es wert. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, Kontakt mit diesem Drachenblut aufzunehmen, dann tut es.“ Auch wenn er bezweifelte, dass es so einfach werden würde. Dieser mysteriöse Krieger reiste scheinbar quer durch Himmelsrand und blieb nie lange an einem Ort. Ihn zu finden, würde nicht leicht werden, und die Zeit war knapp.

Rikke salutierte. „Wie Ihr befehlt, General.“

Tullius tat, als würde er das wissende Lächeln auf ihrem Gesicht nicht sehen.



Er hätte ahnen müssen, dass seine Stellvertreterin bereits einen Plan hatte, dachte Tullius innerlich seufzend nur wenige Stunden später, und hob den Blick, um seinen Gast zu mustern.

Seine leichte Rüstung – gefertigt aus Leder und Kettengewebe – war abgenutzt, aber gepflegt. Einige Stellen wirkten beinahe, als wären sie angesengt worden, und auch der dunkle Kapuzenumhang trug Brandspuren. Wenig überraschend, wenn man bedachte, gegen welche Kreaturen ihr Träger antrat.

Der Dunkelelf ihm gegenüber zog nur die linke Augenbraue hoch – die auf der nicht vernarbten Hälfte seines Gesichts – und erwiderte den Blick aus blutroten Augen. Sein Gesichtsausdruck war unmöglich zu lesen.

„Nun, ich muss schon sagen – was für eine seltene … Ehre“, brach er schließlich das Schweigen, ein Anflug von Spott in seiner tiefen, heiseren Stimme. „Was könnte ein hochdekorierter General des Kaiserreiches nur von einem einfachen Wanderer wie mir wollen?“

Tullius schnaubte leise. „Wir wissen beide, dass Ihr kein einfacher Wanderer seid…“, gab er kühl zurück. Er würde nicht zulassen, dass dieser Elf Spielchen mit ihm spielte, Drachenblut hin oder her.

Der Dunkelelf neigte den Kopf und schob sich ein paar silberne Haarsträhnen, die sich aus seinem lockeren Zopf gelöst hatten, hinters Ohr. „Das ist wohl wahr…“, murmelte er, während sich ein schmales und überraschend verbittertes Lächeln auf seine Lippen schlich.

Tullius blinzelte überrascht, fasste sich jedoch schnell wieder. Trotzdem … irgendwie ergab es Sinn. Viele Nord verabscheuten Dunkelelfen, oder misstrauten ihnen zumindest. Die Bewohner Himmelsrands waren schon immer ein stures und engstirniges Volk gewesen. Nun war aber ausgerechnet ein Dunmer ihr prophezeiter Retter. Tullius mochte sich nicht vorstellen, wie viel Feindseligkeit und … ja, auch Neid ihm entgegenschlagen musste. Und diese undankbaren Menschen sollte er nun retten.

„So angenehm diese Unterhaltung auch ist … ich wüsste gerne, warum Ihr wirklich mit mir sprechen wollt“, riss ihn die raue Stimme seines Gegenübers aus seinen Gedanken. „Denn ich glaube nicht, dass Ihr einfach nur danach strebt, Eure Aufwartung zu machen.“

Er schüttelte ernst den Kopf. Mochte der Andere auch eine verdrehte Art von Humor in dieser Situation finden, für das Kaiserreich und ihn selbst stand zu viel auf dem Spiel, als das er sich darüber amüsieren könnte.

„Ihr wisst, wie es in diesem Krieg steht?“, fragte Tullius knapp. Innerlich betete er jedoch zu den Göttlichen, dass dieser verzweifelte Plan Früchte tragen würde. Nicht auszumalen, was geschah, wenn Ulfric Weißlauf für sich beanspruchen würde.

„Es … ist mir bewusst, ja.“ Der Dunkelelf verengte misstrauisch die Augen. „Worauf wollt Ihr hinaus?“

Tullius unterdrückte ein Seufzen. „Dann wisst Ihr auch, dass im Moment weder der Verräter noch wir die Oberhand haben – Ulfric kontrolliert Ostmarsch, Rift, Pale und Winterfeste, während Haafingar, Reach, Hjaalmarsch und Falkenring loyal geblieben sind.“

Das Drachenblut gab ein beinahe unhörbares Knurren von sich, während er sich versteifte. „Und Balgruuf hat sich geweigert, sich einer der Seiten anzuschließen. Geht es Euch darum?“

Tullius war kein Mann, der leicht einzuschüchtern war, aber in diesem Moment lag in den blutroten Augen des Anderen etwas, das ihn glauben ließ, dass „Drachenblut“ vielleicht mehr als nur ein Titel war. „Das Kaiserreich hegt nicht die Absicht, Balgruuf zur Kooperation zu zwingen“, brachte er schließlich ruhiger heraus, als er sich fühlte.

„Ich … verstehe.“ Das Drachenblut lehnte sich angespannt zurück und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Aber Ulfric wird da keine Skrupel haben, nicht wahr? Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn.“

Tullius nickte. Ja, genauso dachte der Verräter. „Für ihn gibt es nur Verbündete und Gegner – für Neutralität ist in seinem Denken kein Platz. Nicht mehr.“ Und von einem rein strategischen Standpunkt aus ergab sein Handeln sogar Sinn. Sollte Ulfric Weißlauf einnehmen, könnte er jedes der kaisertreuen Jarltümer angreifen, eines nach dem anderen, und würde außerdem seine Nachschubrouten sichern.

Er konnte es beinahe vor seinem inneren Auge sehen – erst würde Falkenring fallen, gefolgt von Reach und Hjaalmarsch, bis Ulfric zuletzt vor den Toren von Einsamkeit stand.

Aber das würde er nicht zulassen.

Niemals.

„Unsere Späher berichten, das Ulfric Truppen an der Grenze zu Weißlauf zusammenzieht“, sagte er leise, um das Schweigen zu brechen. „Für ihn geht es nur noch darum, zu gewinnen, um jeden Preis.“

„Er hat keine andere Wahl mehr“, gab der Dunkelelf grollend zurück. In seinen Augen funkelte kalte Wut. „Zinvu vax! Ich wusste, dass Ulfric ein Mann ist, der vor nichts zurückschrecken wird, um zu gewinnen, aber dass er so weit gehen würde… Ich … habe ihn scheinbar unterschätzt“, murmelte er mehr zu sich selbst. Ein unlesbarer Ausdruck huschte über sein Gesicht.

Tullius schwieg. Auch, wenn ihnen die Zeit davon rannte – das Drachenblut zur Eile anzutreiben, würde gar nichts bringen, dessen war er sich sicher. Der Mer schien nicht gerade jemand zu sein, der sich zu irgendetwas drängen ließ. Er musste diese Entscheidung selber treffen – was dem General nicht unbedingt gefiel, aber wenn er in seiner militärischen Karriere eines gelernt hatte, dann war es, mit dem zu arbeiten, was er hatte.

Nach einigen Minuten der Stille blickte der Dunkelelf wieder auf. „Und was für eine Rolle spiele ich in Eurem Plan?“, fragte er scharf.

Nun Eines musste Tullius dem Anderen lassen – auf den Kopf gefallen war er ganz sicher nicht.

„Balgruuf muss gewarnt werden, aber aufgrund seiner Neutralität kann ich offensichtlich keinen meiner eigenen Leute schicken.“ Er erwiderte den stechenden Blick seines Gegenübers ohne zu zögern und schob ein zusammengerolltes und versiegeltes Pergament über den Tisch. „Dennoch würde ich es vorziehen, wenn Ulfric nicht noch ein weiteres Jarltum in seine verräterischen Finger bekommt.“

„Ihr wollt mich als Boten senden, weil Ihr hofft, dass Balgruuf Euch Gehör schenkt, wenn ich Eure Nachricht überbringe.“ Der Dunkelelf schnaubte verächtlich. „Ihr wollt mich für Euren Krieg benutzen, genauso wie der Königmörder – Ihr aufgrund meiner Verbindung zu Balgruuf, er wegen meines Titels, wegen dem, was ich symbolisiere.“ Sein Mund verzog sich zu einem freudlosen Lächeln. „Inwieweit seid Ihr denn besser als er? Könnt Ihr mir das erklären, General?“

Tullius unterdrückte ein frustriertes Knurren. Langsam war er mit seiner Geduld am Ende. Ihnen lief die Zeit davon. „Ja“, gab er barsch zurück, „so ist es. Aber es herrscht Krieg. Ich kann es mir nicht leisten, nett zu sein. Und ob es Euch gefällt oder nicht, Drachenblut, Ihr seid eine wichtige Figur in Himmelsrand, Prophezeiung hin oder her, und jeder wird versuchen, Euch zu benutzen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Helft mir oder lasst es bleiben, aber hört auf, Eure Spielchen zu spielen, und denkt lieber darüber nach, ob Ihr mit der Schuld leben könnt, wenn der Verräter Weißlauf niederbrennt!“

Der Dunkelelf stand ruckartig auf, die Hände flach auf die Tischplatte gepresst, und beugte sich vor, während sein Stuhl über den steinernen Boden kratzte. „Ich war in Helgen!“, fauchte er wütend. „Ich hatte von meinem Platz auf dem Henkersblock einen wunderbaren Blick auf diese schwarze Bestie, bevor sie alles in Schutt und Asche gelegt hat! Ich weiß, warum und wogegen ich kämpfe, also wagt es ja nicht, mir etwas über mein Schicksal erzählen zu wollen!“

Sein Gegenüber bleckte die Zähne in der bedrohlichen Parodie eines Lächelns. „Und in diesen Krieg haben Eure Leute mich hineingezogen – Eure Soldaten, die mich, ohne einen Unterschied zu machen, gemeinsam mit den Sturmmänteln festnahmen, obwohl ich nichts anderes tat, als die Grenze zu überqueren. Also, wo genau, General, liegt der Unterschied zwischen Eurem Kaiserreich und den Sturmmänteln? Ihr alle seid blind für die, die nichts mit Eurem sinnlosen Krieg zu tun haben wollen. Macht mir keine Vorwürfe für einen Krieg, an dem ich keinen Anteil habe, sondern schaut lieber in den Spiegel und sucht die Schuld bei Euch selbst!“

Tullius hielt sich nur um Haaresbreite davon ab, vor der fast spürbaren Wut des Anderen zurückzuzucken. Die Luft um das Drachenblut herum schien beinahe zu flimmern. Oh verdammt… Der Dunkelelf war in Helgen gewesen? Als Gefangener? Angestrengt versuchte er sich zu erinnern. Ja … da war ein Dunmer in abgerissener Kleidung und mit derselben markanten Brandnarbe unter den Gefangenen gewesen. Nur hatte er damals nicht mehr als einen flüchtigen Gedanken an ihn verschwendet – Ulfric war wichtiger gewesen.

Seine Leute waren beinahe für die Hinrichtung des Drachenblutes verantwortlich gewesen. Tullius dankte den Göttlichen, dass er nicht zum Fluchen neigte. Seine Gedanken rasten. Was, wenn diese ganze Prophezeiung wahr war? Wenn das Drachenblut wirklich die Welt vor der Vernichtung retten würde? Tullius schluckte trocken.

„Ich … es tut mir leid“, brachte er schließlich leise hervor, und senkte den Blick auf die Tischplatte. „Ich bezweifle, dass Ihr irgendwas getan habt, um das zu verdienen. Alles, was ich tun kann, um das von Euch erlittene Unrecht wiedergutzumachen, ist, mich im Namen des Kaiserreiches bei Euch zu entschuldigen.“

„Und Ihr glaubt, dass wäre genug?“, hakte der Dunkelelf spöttisch nach, das Gesicht immer noch verfinstert. Seine Augen schienen beinahe zu glühen.

„Nein.“ Tullius schüttelte den Kopf. Natürlich nicht. „Nein, das glaube ich nicht. Aber…“ Er holte tief Luft und hob den Blick wieder, wenn auch zögernder, als ihm lieb war. „Aber es ist alles, was ich Euch anbieten kann.“

Er konnte nichts tun, um dieses Unrecht wiedergutzumachen. Die einzige Rechtfertigung, die er hatte, war, dass im Krieg kein Platz für Gnade war. Etwas, das er während des Kampfes gegen das Aldmeri-Dominion auf schmerzhafte Weise hatte lernen müssen. Und in jenem Moment hatte er einfach nicht an die anderen Gefangenen denken können – Ulfric war wichtiger gewesen, denn sein Tod hätte den Krieg beendet. Ohne ihren Anführer wäre die Sturmmantel-Armee zerfallen, und die einzelnen, versprengten Gruppen wären leichte Beute für die Legion gewesen.

Tullius würde sich nicht hinter dieser bitteren Wahrheit verstecken, ebenso wenig wie er seine Fehler verleugnen würde.

„Nun, wenigstens seid Ihr ehrlich“, riss ihn die überraschend leise und ruhige Stimme des Drachenblutes aus seinen düsteren Gedanken. Von seiner vorherigen Wut war nichts mehr zu spüren. Überrascht wandte sich Tullius dem Drachenblut zu. „Ich … was?“

„Ihr seid ehrlich. Und ich schätze Ehrlichkeit.“ Der Dunkelelf zuckte die Schultern und erwiderte seinen Blick gelassen. In seinen blutroten Augen lag eine Wärme, die zuvor nicht dagewesen war. „Ulfric belügt sich selbst, wenn er behauptet, er würde für Himmelsrand kämpfen. Ihm geht es nur um Macht, Ruhm und seinen verletzten Stolz – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“

Er schnaubte und blickte zu Boden. „Ich würde ihm bemitleiden, wenn ich ihn nicht so sehr verachten würde. Ihr hingegen… Ihr seid ehrlich. Und das … das ist etwas, das ich durchaus bewundern kann.“

Tullius blinzelte verwirrt. Was? Der abrupte Wechsel von – durchaus gerechtfertigtem – Zorn hin zu Verständnis und Akzeptanz erwischte ihn völlig unvorbereitet. Sprachlos starrte er sein Gegenüber an.

Das Drachenblut seufzte tief und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. „Ich werde nicht so tun, als verstünde ich Euren Standpunkt nicht. Im Krieg … bleibt nun einmal wenig Platz für Vertrauen, und noch weniger für Freundlichkeit, da habt Ihr durchaus Recht. Ich weiß, dass ich mich früher oder später für eine Seite entscheiden muss. Mir bleibt gar keine andere Wahl.“

Tullius hatte immer seine Schwierigkeiten damit gehabt, das Alter der Elfen zu schätzen. Auch wenn sie Jahrhunderte zählten, konnten sie doch noch jung aussehen. Aber sein Gegenüber … in diesem Moment wirkte er uralt – als hätte er bereits zu viel gesehen, zu viel erlitten.

Als er nicht antwortete, fuhr der Dunkelelf leise fort: „Wenn dieser Tag kommt… Wenn ich meine Entscheidung fällen muss… Ich kann Euch nicht sagen, wann es soweit ist, aber ich kann Euch Eines versprechen.“ Ein eisiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Meine Treue wird niemals Ulfric gehören. Ich werde niemandem folgen, der mich für das hasst, als was ich geboren wurde, mir jedoch gleichzeitig vorheuchelt, dass ich für ihn mehr sei als nur eine weitere Trophäe, die seinen sinnlosen Feldzug rechtfertigt.“

Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was genau der Andere da von sich gegeben hatte. Seine Treue würde niemals Ulfric gehören? Sollte das etwa heißen, dass…? Tullius merkte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er hätte nur äußerst ungern gegen das Drachenblut gekämpft. Er schien wie jemand, den man lieber nicht zum Feind haben wollte.

Der Dunkelelf schmunzelte leicht, beinahe, als würde er seine Gedanken lesen, und nahm vorsichtig das Pergament auf, das vergessen auf seinem Schreibtisch lag. Für einen langen Moment betrachtete er es, tiefe Nachdenklichkeit in seinen Gesichtszügen, bevor er es in seinem Beutel verstaute und sich wieder aufrichtete. „Ich werde Eure Warnung überbringen, General, und ich werde Balgruuf empfehlen, Eure Unterstützung zu akzeptieren.“

Dann jedoch musterte er Tullius ernst und fügte mahnend hinzu: „Aber auch wenn ich Euch mein Wort gegeben habe … erwartet nicht, dass ich in Weißlauf mit Euch kämpfen werde. Als Drachenblut kann ich es mir nicht leisten, in diesen Krieg hineingezogen zu werden – nicht, bevor ich getan habe, wozu ich bestimmt wurde.“

Er machte eine bedeutsame Pause. „Was ich Euch jedoch geben kann, ist ein Rat. Wendet Euch an einen Jäger namens Anoriath – er kennt das Land um Weißlauf herum besser als jeder andere. Wenn jemand Euch helfen kann, Ulfrics Truppen in eine Falle zu locken, dann er.“ Tullius nickte.

Nachdenklich rieb sich der Dunkelelf über das Kinn. „Das ist alles, was ich für Euch tun kann, General. Es sei denn…“ Für einen Augenblick starrte er ins Leere, während widerstreitende Emotionen über sein Gesicht wanderten. Tullius blickte angespannt zu ihm hoch.

„Versprechen kann ich nichts, aber … sobald Ihr oder Euer Stellvertreter in Weißlauf eintrefft, erkundet Euch in der ‚Beflaggten Mähre‘ nach einem hochelfischen Magier namens Tyr’vin und seinem Gefährten Calcifer, einem Dunmer-Krieger.“ Das Drachenblut zuckte unbehaglich die Schultern. „Ich kann nicht sagen, ob sie Euch helfen werden, aber wenn Ihr ihnen sagt, dass ich Euch geschickt habe… Vielleicht.“

„Ich verstehe... Und … danke.“ Tullius konnte nicht verhindern, dass ihm seine Erleichterung – in mehr als nur einer Hinsicht – deutlich anzuhören war. Jetzt hatten sie eine Chance, Ulfric aufzuhalten und am Ende als Sieger aus diesem sinnlosen Bürgerkrieg hervorzugehen. Und ein Neutralitätsversprechen, Hinweise sowie die Aussicht, dass sich das Drachenblut vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Kaiserreich verbünden würde, waren besser als nichts. Er blickte dem Anderen in die Augen. „Danke“, murmelte er noch einmal.

Der Dunmer schnaubte unmerklich, als er sich zum Gehen wandte. „Dankt mir, indem Ihr Balgruuf helft. Ich … schulde ihm noch etwas.“ Tullius runzelte die Stirn. Wovon redete er? Aber er hatte das Gefühl dass er darauf so schnell keine Antwort bekommen würde. Dennoch… „Ihr habt mein Wort, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werden, Drachenblut“, versprach er.

Im Türrahmen blieb der Elf noch einmal stehen und warf einen letzten, prüfenden Blick über die Schulter. „Nennt mich Kyr’ad“, sagte er schließlich leise.

Damit war er verschwunden.



zinvu vax – ehrloser Verräter
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