Alea iacta est

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
06.06.2019
06.06.2019
1
1944
 
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Bjaldorn, Nordwalser Höhen,  1. Hesinde 1022 BF...

Der Schnee knirschte unter Ravienas kleinen Füßen. Mit schnellen Schritten huschte sie durch den Wald, drehte sich immer wieder um sich selbst bis ihr schwindelig wurde. Durch den Schwung ihrer letzten Drehung konnte sie ihr Gleichgewicht nicht mehr halten und landete mit einem Mal im Schnee. Kichernd saß sie für einige Momente da und sah zu, wie sich die Umgebung und die  großen, dunkle Bäume um sie herum drehten. Erst nach Minuten wurde der Tanz der Nadelbäume langsamer und sie richtete sich auf. Mit ihren kleinen Händen strich sie ihren roten Umhang glatt und klopfte sich den Schnee aus den Kleidern, zog den frischen Duft des Waldes und des Schnees tief ein führte ihren Spaziergang fort. Immer tiefer in den Wald führte sie ihr Weg und weder die Kälte, welche ihre Wangen rot färbte, noch das bedrohliche Dunkel des Waldes hielt sie davon ab. Dieser Teil des Waldes war neu für sie und genau das war es, was sie hier her verschlug. Unbekannte Dinge hatten sie schon immer in ihren Bann gezogen und je finsterer und unheimlicher das ganze war, umso größer war das Verlangen des Mädchens dem ganzen auf den Grund zu gehen.
Wie so oft hatte sie sich aus Bjaldorn geschlichen um mehr Zeit in den dunklen Teilen der Nordwalser Höhen zu verbringen. Ein Großteil dieser Hügel waren mit dem Wald des Nornja bedeckt – ein Waldgebiet, bestehend aus dicht stehenden Nadelbäumen, Totholz Riesenfarn und Dornicht. Und obwohl gerade wegen diesen Umständen ein Großteil des Waldes unpassierbar ist, fand Raviena immer wieder ein Weg im Unterholz um tiefer in diesen von Menschen unberührten Urwald einzudringen.

Sowohl ihre Mutter als auch ihr Ziehvater hatten sie mehr als einmal vor den Gefahren innerhalb dieses Waldes gewarnt. Dabei handelte es sich jedoch nicht um Goblins, welche schon seit geraumer Zeit ihren Weg in die Gelbe Sichel gefunden hatten und hier nicht mehr vertreten waren, sondern um Wölfe, Elche und angeblich auch Waldschrate. Zu ihrem Bedauern hatte Raviena bisher nur Geschichten über diese beseelten, menschenähnliche Bäume gehört. Zu gerne würde sie einen von ihnen sehen, anfassen und mit ihm reden können. Die Waschweiber im Dorf erzählten immer wie gefährlich diese Schrate seien, sie sollen sogar ahnungslosen Wanderern auflauern und sie dann mit Haut, Haar und Gepäck verschlingen. Doch wenn das stimmen würde, woher kamen dann all die Geschichten über diese Wesen, wenn sie doch niemanden am Leben lassen? Eine Frage, die sich das Mädchen so oft bei den ganzen Ammenmärchen stellte, in denen Menschen einfach verschwinden und nie jemand lebend zurückkehrt.

Immer wieder blieb der Umhang des Mädchen an kleinen Ästen und Büschen hängen. Auch nach ihrem langen, ebenholzfarbenem Haar griffen die Zweige der dunklen Bäume, hielten sie fest und erschwerten ihr den Weg durch das Unterholz. Raviena versuchte die Äste nie abzubrechen und so dauerte das entknoten von Haar oder Umhang immer länger und hielten sie auf einer Stelle fest. Bei all ihren bisherigen Ausflügen ist sie noch nie auf ein Wolfsrudel oder ähnliches getroffen. Das schlimmste was ihr bisher passiert ist, war ein Sturz der sie einen kleinen Abhang hinunter trug. Dabei schürfte sie sich lediglich ihre Hände auf und zog sich kleinere Schrammen im Gesicht zu. Als Fjadir sie dank Laromir, ein großer dunkler Bornländer mit zotteligem Fell gefunden hatte, musste sie sich erst einmal einen Vortrag über ihr alles andere als mädchenhafte Verhalten anhören und für die Zeit von zwei Wochen durfte sie das Haus ohne Begleitung nicht mehr verlassen. Für Ronaya, ihre Mutter, war sie etwas ganz besonderes. Das war etwas, das Raviena noch nie wirklich verstanden hatte. Waren nicht alle Hexen etwas besonderes? Und wenn sie doch etwas ganz besonderes war, warum durfte sie dann keinem davon erzählen? Nur Fjadir, Tante Liwinja und Großmutter Libussa wussten von dem kleinen Geheimnis, dass ihre Mutter und sie so besonders machte. Das ganze hatte es ihr schon immer schwer gemacht, mit den anderen Kindern in Bjaldorn zu spielen. Sie konnte ihre Magie noch nicht richtig kontrollieren und so war die Gefahr zu groß, dass dieses kleine Geheimnis ans Licht kommen würde. Dennoch zügelte sich Raviena nicht immer und zahlte es den Kindern im Dorf heim, wenn sie sie ärgerten. Das endete meistens damit, dass sie einen von ihnen dazu brachte, wie von selbst in den Letta zu springen. Zum Glück wussten sie danach nie warum sie das getan hatten und so kamen sie meist mit Frostbeulen, einer Unterkühlung und einem Vortrag ihrer Eltern davon.
Gerade als sie ihren Umhang aus dem Geäst befreit hatte, hörte Raviena ein lautes Knacken einige Meter von ihr entfernt. Voller Erwartung drehte sie ihren Kopf ruckartig nach rechts. Vielleicht war es diesmal ein Waldschrat. Doch das einzige was sie sah war ein riesiges Geweih, welches an einigen der Ästen vorbei schürfte. Der Elch hatte eine Schulterhöhe von mindestens zwei Schritt. Stolz stampfte er durch den Schnee nur einige Meter von dem kleinen Mädchen entfernt. Er hinterließ auf dem weißen Boden des Waldes tiefe Spuren. Das rotbraune Fell des Elches war lang und zerzaust, was Raviena an das Fell von Laromir erinnerte. Ebenso mächtig wie das Tier war sein Geweih, welches ebenfalls eine Spannweite von ca. zwei Schritt aufwies. Mit großen Augen betrachtete das Mädchen das schöne Tier, wagte sich aber nicht auch nur zu zucken. Noch nie hatte sie einen Elch aus nächster Nähe gesehen. Neben dem riesigen Leisetreter fühlte sie sich wie eine Maus neben einer Katze. Ihre Augen folgten dem Tier, welches anfing an einigen Zweigen zu kauen und auf der Stelle stehe blieb. Obwohl Raviena wusste, dass diese Tiere normalerweise friedfertig waren und eher das Weite suchten, wenn ihnen etwas nicht passte, so rührte sie dennoch keinen Muskel. Auch ihren Atem hielt sie flach, wenn auch nicht mit Absicht.

Kauend drehte das Tier mit dem riesigen Geweih den Kopf in die Richtung, wo das dunkelhaarige Mädchen noch immer reglos stand. Als er sie erblickt hatte fuhr sein Kopf hoch und er machte einen großen Schritt nach hinten, seine Ohren schnellten hoch und standen steif gen Himmel. Beide schauten sich mit großen Augen an und auch der Elch bewegte sich für einige Sekunden nicht mehr. Wie durch einen Reflex griff Raviena nach ihrer Tasche und nach kurzem Kramen hatte sie ihren Brotbeutel gefunden, zog ihn heraus und schon kullerten die ersten kleinen Beeren herunter. Mit einem kurzen Aufschnaufen folgte das Tier den Beeren mit seinen Augen, von denen einige im Schnee landeten. Langsam streckte sie ihre kleine Hand, welche mit den blauen Beeren gefüllt war, nach dem Elch aus. So hoch sie konnte hielt sie ihm das Essen entgegen. Nach einem weiteren Schnaufen machte das Tier drei große Schritte auf sie zu uns streckte den Hals nach der Hand aus. Sie spreizte ihre Finger als sie die Lippen des Elches spürte und schon gleich darauf fuhr auch schon die raue Zunge aus seinem Maul und leckte die mittlerweile zermatschten Reste der Beeren von ihrer Hand ab. Zuerst stellten sich sämtliche Haare der Hexe zu Berge, doch sie konnte nicht anders als noch eine Hand mit Essen zu füllen und sie dem Riesen wieder hinzustrecken. Der Elch hatte mittlerweile zwei weitere Schritte auf sie zugemacht und stand nur genau vor dem Kind. Als sie ihm noch eine Hand, diesmal mit kleinen Brotstückchen entgegen hielt, nahm er ihre ganze Hand in sein Maul, welche schließlich bis zu ihrem Handgelenk in dem Schlund des Tieres verschwand und dazu beitrug, dass sich eine Gänsehaut auf ihrer Haut ausbreitete. Als sie ihre Hand wieder aus dem Mund gezogen hatte, griff sie erneut kichernd in den Beutel und zog den Rest ihres Vorrates hervor. Da auch dieser schnell von dem Tier aufgefressen wurde vergnügte sich Raviena damit, dem Tier über die Nüstern zu streicheln, welche der Elch jedoch jetzt in ihrer Tasche vergrub. Durch den plötzlichen Ruck nach unten taumelte sie einen Schritt zur Seite und landete wieder im Schnee. Als sich der Elch sicher war, auch wirklich jeden noch so kleinen Krümel aus der Tasche gezogen zu haben schaute er das Kind ein letztes Mal an und drehte sich um. Mit knirschenden Schritten verschwand der Riese wieder im Wald.

Noch immer ganz aufgeregt saß Raviena im Schnee. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und  ihre Wangen brannten wie Feuer. Glücklich darüber, das Tier gefüttert und sogar gestreichelt zu haben rappelte sie sich auf und klopfte sich noch einmal den ganzen Schnee von den Kleidern. Noch eine Weile schaute sie in die Richtung, in die der Elch verschwunden war, folgte dann aber wieder ihrem eigenen Weg. Immer tiefer folgte sie ihrem eigenen Pfad durch das Unterholz des dunklen Waldes, kämpfte sich den Weg zwischen dem Farn und den Büschen frei und stand schließlich auf einer kleinen Lichtung. Erst jetzt bemerkte sie, dass es mittlerweile bereits dunkel wurde. Doch noch wollte sie nicht zurück. Hier war es viel zu schön, um einfach so zu gehen. Wer weiß, vielleicht würde sie diese Lichtung nie wieder sehen. Bisher hatte Raviena es nicht geschafft, zwei mal am selben Ort raus zukommen. Was natürlich bei diesem Urwald nicht verwunderlich war. In der Ferne hörte sie das ihr bekannte Knacken von Ästen, den Gesang der Vögel und das Peitschen der Zweige größerer Bäume. Auch das ständige Pfeifen des Windes zog sie in seinen Bann und so machte sie wie von alleine einen Schritt nach dem anderen, immer weiter in die Mitte der Lichtung. Dort angekommen stand sie einfach nur da und starrte in den Himmel. Kleine Schneeflocken rieselten herunter und setzten sich langsam in ihren Haaren fest. Nach einiger Zeit wanderte ihr Blick über die Lichtung und blieb an einem alten, umgefallen Baumstamm hängen. Zielsicher steuerte sie darauf zu. Mit ihren kleinen Händen schaufelte sie den Schnee von dem toten Holz und setzte sich, den Blick wieder gen Himmel gerichtet. Auch in ihren langen, dunklen Wimpern sammelten sich immer wieder einzelne Schneeflocken, welche sie nach einiger Zeit mit ihren Fingern verwischte. Sie knöpfte den warmen Mantel so weit es ging zu und saß ohne sich groß zu bewegen, eingepackt auf dem Stamm und starrte in den Himmel. Ihre veilchenblauen Augen folgten den vorbeiziehenden Wolken, welche immer wieder neue Formen annahmen.

Manche sahen aus wie Menschen, manche wie Tiere und andere wie schreckliche Dämonenfratzen – Fratzen, die sie bereits aus ihren Träumen kannte. Was ihr in der Nacht immer Angst machte, verlief sich hier draußen im Wald meistens in ihren Gedanken. Hier draußen war es immer so schön ruhig und friedlich. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass keiner außer ihr die wahre Schönheit des Nornja erkannte. Viele sahen ihn einfach nur als Urwald, der zu groß und finster war, um ihn zu erkunden. Wie gerne würde sie diesen wunderschönen Anblick den sie gerade hier sah mit Fjadir teilen. Er war der einzige, der sie wenigstens zum Teil verstand. Mit ihm war sie schon einmal durch den tiefen Wald spaziert, ganz ohne einem Weg zu folgen. Von ihm wusste sie auch alles, was sie bisher über den Wald, das Spurenlesen und die Tiere gelernt hatte. Im Gegensatz zu ihrer Mutter wollte er ihr alles zeigen was er bereits konnte, denn er wusste, dass Raviena sich nie verbieten lassen würde, den Wald weiterhin zu betreten. Mit Fjadir fühlte sie sich schon immer mehr verbunden als zu ihrer Mutter, die sie am liebsten immer nur zu Hause oder im Auge behalten würde. Warum konnte sie nicht einfach genau wie die anderen Kinder herumtollen, sie mit Stöcken bekämpfen oder einfach in eine Schlammpfütze springen? Immer wieder sagte ihre Mutter zu ihr, dass dieses Verhalten nicht damenhaft genug wäre und nur ihre Schönheit verunstalten könnte.

Doch Raviena hatte schon Hexen gehört, die mit ihren großen Wagen durch die Lande streiften, Kunststücke vollbrachten und alles andere als damenhaft waren. Und dann gab es da noch die alten Hexen, die wie ihre Raben mit krächzender Stimme Fremden ihre Zukunft prophezeiten. Diese Hexen waren meist alles andere als schön, hatten Warzen auf ihren Nasen und einen buckeligen Rücken genau wie der Elch. Aber dennoch waren diese Hexen genau wie sie Kinder von Satuaria...