Und gemeinsam gehen wir unter...

von RamonaXX
GeschichteDrama, Familie / P18 Slash
Dean Winchester Jessica Moore John Winchester Sam Winchester
06.06.2019
25.09.2020
47
63.827
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16.09.2020 1.094
 
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Teil 10 – Kapitel 3 – POV Dean

„Zwei Cheeseburger. Einmal Pommes. Und das Chef-Spezial, extra scharf!“

Piiing!

Das schrille Klingeln der Tresenglocke weckte Dean aus seinem Tagtraum.

Das Diner in dem er sich wiederfand, war klein und beschaulich. Es gehörte zu keiner der großen Ketten und war offensichtlich ein von Latinos geführtes Familienunternehmen, da sämtliche Wortfetzen, die über die Gäste hinweg aus der Küche schwappten, spanisch waren.

Er konnte sich nicht entsinnen, was der Typ vom Küchenpersonal gerade den Kellnerinnen zugerufen hatte. Dennoch schaute er erwartungsvoll hin, als eine junge Frau mit langen dunklen Haaren erschien, sich die angepriesenen Speisen auf ihre Arme stapelte und zu den Tischen trug.

Wie ein Zuschauer aus einer anderen Realität, sah Dean ihr nach; ein wenig enttäuscht darüber, dass sie nicht zu ihm kam. Dabei hätte es ihm im Grunde egal sein sollen. Er hatte bereits gegessen.

Woraus seine Mahlzeit bestanden hatte, das konnte er nicht mehr benennen. Es war ein Gericht von der Karte gewesen. Irgendetwas vertrautes, dass er aus Gewohnheit bestellt hatte. Bestimmt ein Burger mit Zwiebeln.

Nicht sicher, wo die Grenze zwischen den Realitäten verlief und wie viele überhaupt existierten, fiel Deans Blick auf seine rechte Hand. Wie ein Fremdkörper lag sie am Rand seines Einwegtischsets auf dem mittig der Name des Diners prangte und links und rechts davon die Speisekarte abgedruckt war.

Ihm fiel auf, dass auf der oberen Ecke des Tischsets ein halb geleertes Glas mit einer gekühlten, schwarzen Flüssigkeit stand. Das Glas musste kühl sein, da es einen runden, feuchten Abdruck auf dem dünnen Papier hinterlassen hatte. Wenn also das Tischset sich wie ein gewöhnliches Blattpapier verhielt, dann war doch auch die Chance recht hoch, dass das Glas mit der Cola echt war? Oder nicht?


Seit zwei Tagen funktionierte Dean automatisch. Wie auf Autopilot. Schlaf. Nahrungsaufnahme. Und ein Mindestmaß an Körperhygiene. Zähneputzen, Waschen, saubere Kleidung. Das notwendigste.  

Er war nicht tot; noch nicht.

Aber etwas war da draußen auf der Brücke gestorben. Und hätte seine digitale Armbanduhr nicht diese kleine Datumsanzeige, hätte er nicht einmal gewusst, dass zwei Tage vergangen waren, seit er versucht hatte sich das Hirn wegzupusten.

Teilnahmslos glitt Dean Blick zur Seite und aus dem Fenster. Er wollte nicht daran erinnert werden. Aber das schwarze Nichts, das hinter der großen Scheibe lag, machte es ihm nicht leicht. Nur die Straßenlaterne an der Einfahrt zum Parkplatz des Diners erhellte die stockfinstere Nacht.

Dean fühlte sich an das Scheinwerferlicht seines Impalas auf der Brücke erinnert. Ihm wurde schlecht. Und irgendwie war es hilfreich, dass er seinen Wagen nicht vor dem Diner sehen konnte. Er hatte ihn außerhalb des Lichtkegels, ganz am Rand des Parkplatzes, abgestellt. Vielleicht ein Instinkt? Er wusste es nicht.

„Spiegeleier mit Speck. Kartoffelpuffer. Und Chili!“

Piiing!

Was sollte er nur tun?

Grundsätzlich standen ihm alle Optionen offen, aber das machte es keineswegs leichter eine Wahl zu treffen.

Von dem ziellos-irgendwo-Hinfahren hatte er endgültig die Schnauze voll. Es brachte ihn nicht weiter; hielt ihn nur fest in dem Gedankenstrudel, der aus nichts anderem als Schuldgefühlen und Selbstmitleid zu bestehen schien.

Alternativ konnte er wieder auf die Jagd gehen und das tun, wozu er ausgebildet worden war. Menschen retten. Das Böse jagen.

Aber nein, das war eine blöde Idee. In diesem Zustand, in dem er nicht einmal die Existenz von einem Glas Cola zweifelsfrei bestimmen konnte, war Jagen ausgeschlossen. Das erste Monster, das ihm über den Weg lief, würde es lächerlich leicht haben ihn zu killen. Jagen war keine Option.

Vielleicht sollte er einen Freund besuchen?

Ha-ha. Sehr witzig. Welche Freunde?

Nun, er war nicht ganz ohne Kontakte. Im Telefonbuch seines Handys, das seit Tagen abgeschaltet war, schlummerte nach wie vor die Nummer von Pastor Jim. Als er noch klein gewesen war, hatte er viele Wochen und Monate in Blue Earth, Minnesota verbracht.

Auch Caleb, ihr Waffenschieber, würde ihm bestimmt nicht die Tür vor der Nase zuschlagen, wenn er bei ihm aufkreuzte. Es war Ewigkeiten her, dass sie sich gesehen hatten. Genau genommen zu lange, um sich mir nichts, dir nichts blicken zu lassen, mit der Bitte ein paar Nächte auf der Couch pennen zu dürfen.

Blieb noch Onkel Bobby. Doch wenn Dean in dieser Verfassung bei Bobby aufschlug, würde der alte Knochen nicht lockerlassen, bis er alle Details erfahren hatte. Es würde erst eine saftige Standpauke geben und dann flaschenweise Bier und Scotch. Bobby war somit nicht der richtige Gesprächspartner für das Geständnis eines Suizidversuches; zu stark involviert, emotional.


„Darf es noch etwas sein?“

Eine weibliche Stimme holte Dean aus seinen Gedanken und wieder verschwammen die Grenzen verschiedener Realitäten. Er saß noch immer in der hintersten Nische dieses Diners. Seltsam.

Die Kellnerin schien zu bemerken, dass sie ihren Gast auf dem falschen Fuß erwischt hatte und überspielte den Moment höflich. Ihren kleinen Notizblock gezückt, deutete sie schweigend mit ihrem Stift auf sein Getränk.

Dean folgte der Geste mit seinem Blick und war überrascht. Ohne es zu merken, hatte er seine Cola ausgetrunken. Beunruhigt nahm er die Hände von Tisch und rieb sich über die Oberschenkel.

„Nein, danke“, brachte er über die Lippen und schaffte es zu der Frau aufzusehen. „Ich würde gern bezahlen.“

Freundlich nickte sie ihm zu, ließ den Notizblock in ihre Schürzentasche gleiten, klemmte sich den Stift hinters Ohr und verschwand hinter dem Tresen.

Wo war er doch gleich mit seinen Gedanken stehengeblieben?

Ach ja, richtig. Seine klägliche Bilanz hatte ergeben, dass es nichts mehr gab, was ihn an diesem Ort hielt. Also vielleicht das Land verlassen? Woanders von vorne beginnen? Neuer Name. Neue Identität.

Dean fand, dass diese schäbige Idee von allen, die er bis jetzt gehabt hatte, die beste war. Vielleicht konnte er vor seinem Schicksal ins Exil flüchten? Einen Versuch war es wert, wenn er schon nicht den Schneid besaß sein Leben beenden.

Er würde sich ins Auto setzen und losfahren. Immer geradewegs nach Norden, bis über die Grenze nach Kanada. So wie die jungen Männer in den Sechzigern, die nicht in den Vietnamkrieg hatten gehen wollen.

Dean war noch nie in Kanada.

„So...“, wieder diese Frauenstimme, die sich unbemerkt seinem Tisch genähert hatte, „das macht dann 16 Dollar 25, bitte.“

Dean fand zu sich und klopfte seine Jackentaschen ab. Verdammt. Wo war seine Geldbörse? Noch im Wagen?

Einen entschuldigenden Ausdruck auf dem Gesicht, griff er nacheinander in sämtliche Taschen seiner Jacke und kratzte seine Reserven zusammen. Was auf dem Tisch landete reichte nicht. In der Hoffnung in seinen Hosentaschen noch ein paar zerknüllte Geldscheine zu finden, lehnte Dean sich zurück und vergrub die Fäuste in seiner Jeans.

Über der Eingangstür ging das Glöckchen. Er schaute nicht auf.
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