Von Sünden anderer Ufer

von Alemana
GeschichteAllgemein / P16 Slash
06.06.2019
12.06.2019
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Nach dem Zwischenstopp bei Mr. und Mrs. Perkins bog Nicolas mit einem abgedroschenen Gebrauchtwagen in die nächste Wohngegend ein. Natürlich gehörte das Industriegebiet, welches er momentan sein Zuhause schimpfte, nicht zu den gehobenen Standards, denn anders als im Little Italy hausten hier hauptsächlich Familien mittleren Standes und Studenten, welchen das teure Stadtleben im Zentrum wohl noch eine Nummer zu groß war.

    Unter sternenlosem Himmel parkte Nicolas auf dem Abstellplatz vor dem Mehrfamilienhaus und schaltete den Motor des Gefährts ab. Ruhig ausatmend ließ er sich in die Rückenlehne fallen und starrte gegen die Wand des Gebäudes vor ihm. Dabei ließ er den Tag Revue passieren; schweifte zu Edwards Beziehung mit seiner Frau Mrs. Perkins ab, und empfand im selbigen Moment ein wenig Mitleid für ihn. Er selbst wurde als Kind Zeuge einer gescheiterten Ehe zwischen seinen Eltern, und wuchs daher im Unglauben über die Existenz und Beständigkeit von ewiger Liebe auf. Es war nicht so, dass er selbst nie verliebt gewesen war, nur konnte er sich auf Teufel komm raus nicht vorstellen, bis zum Ende seiner Tage mit der einen und selben Person das Bett zu teilen.  

    Sein Blick fiel auf sein Telefon, das er den lieben langen Abend unbeachtet auf dem Beifahrersitz hatte liegen lassen. Vom Licht des Bildschirms geblendet, zog er seine Augen zu kleinen Schlitzen. »Vier verpasste Anrufe«, nuschelte er perplex, nachdem er danach gegriffen hatte, und entschied sich letztendlich dazu, aus dem Wagen auszusteigen. Als er das Treppenhaus des Gebäudes betrat und ihm der leicht moderige Geruch des Holzgeländers in die Nase stieg, musste er feststellen, dass er sich an seine übergangstechnische Unterkunft bereits gewöhnt hatte. Denn obwohl sich Nicolas manchmal seine eigenen vier Wände herbeiwünschte, fühlte er sich hier - in der Wohnung seines festen Freundes - schon wie Zuhause.

    »Hallo schöner Mann«, wurde Nicolas keine Minute später für sein Kommen in der kleinen Zweizimmerwohnung begrüßt. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und ihm bot sich der Ausblick auf Omar, der gerade die Beine auf dem Zweisitzer langmachte und dabei seinen Rotwein locker aus dem Handgelenk schwenkte. Das Zimmer wurde durch ein paar Kerzen spärlich beleuchtet.
    Nicolas trat weiter in den Raum, stoppte vor dem Sofa, und fuhr dem Mann durch sein kurzes, dunkles Haar. Omars braune Augen trafen auf das matte Grün, welches nur noch schwer unter den müden Lidern von Nicolas zu erkennen war.

    »Tut mir leid, dass ich deine Anrufe nicht abgenommen habe«, sagte er in sanfter Lautstärke, »ich musste nochmal los, um einem Arbeitskollegen in seiner Küche unter die Arme zu greifen.«

    Kurz schloss Omar unter der Berührung seines Freundes die Augen, während seine Hand mit dem Weinglas im Schoß verweilte. »Bei wem?«, fragte er schließlich und sah ihn von unten herauf an. Dabei kam sein südländischer Teint durch das flackernde Kerzenlicht zum Vorschein.

    »Kennst du nicht«, antwortete Nicolas, bevor er sich zu ihm herunterbeugte und ihn küsste. Anschließend stützte er sich mit den Armen auf der Sofarückenlehne ab und musterte sein Gegenüber. Omar Díaz Flores war ein Latino wie er im Buche stand: von zimtfarbener Mischlingshaut und seinem spanischen Akzent untermalt, waren seine zentralamerikanischen Wurzeln unverkennbar. Als Costa-Ricaner zeugte er von klischeehaftem, heißblütigem Temperament, zu welchem sich Nicolas schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen stark angezogen gefühlt hatte. Omar war jemand, der kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es darauf ankam; selbst, wenn er dabei laut werden musste. Von Scham oder jeglicher Hemmung also keine Spur.

    Kaum hatte Nicolas diesen Gedanken zu Ende geführt, gab Omar ihm einen festen Klaps auf den Hintern. »Hat dein hübsches zweites Gesicht denn heute auch genug Aufmerksamkeit bekommen?«, griente er und verfestigte dabei den Druck, mit dem er seinen Po umfasste, »oder hat schon dieser Mister ‘Kennst du nicht‘ dafür gesorgt?«

    Nicolas entwich das Lächeln. »Was?«, kam es entrüstet von ihm. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er zu Omar hinunter, der seinen Blick unverfroren erwiderte. Da nun auch diesem sein Grinsen vergangen war, löste er den Griff an Nicolas Hinterteil und stellte sein Weinglas auf den Couchtisch vor ihm.
   
     »Das war ein Scherz oder?«, fragte der Blonde.

    Schwungvoll drehte Omar sich zu ihm: »Klang es denn wie einer?«, zischte er.

    Jetzt fing es wieder an, dachte Nicolas. Da war er wieder, dieser trotzige Kindskopf, der es liebte, ihn herauszufordern und ihn an die Grenzen seiner Geduld zu treiben. Omar war ein wahrer Streitkönig, und eifersüchtig noch obendrein.

    »Du hast es ja nicht mal für nötig gehalten, mir Bescheid zu sagen«, fuhr der Mestize ohne Pause fort, »ich frage mich, was genau dich so beschäftigt hat, dass du dein Handy nicht abnehmen konntest.«

    »Wie ich schon sagte, ich habe mir die Spülmaschine für einen Arbeitskollegen angeschaut. Er hat mich heute Morgen darum gebeten, und dann bin ich nach Feierabend zu seiner Frau gefahren. Er kam nach.« Nicolas beobachtete bewusst, wie sich Omars Haltung etwas entspannte, als er Edwards Frau erwähnte. Er ließ sich nun auf dem Zweisitzer nieder und legte einen Arm um den anderen, der ihm noch immer misstrauisch entgegenfunkelte.

    »Sag mir wenigstens wie er heißt.«

    »Warum?«

    »Sag es einfach!«

    Nicolas seufzte. »Edward. Edward Perkins.”
Für einen Moment lang passierte nichts, doch dann spürte er, wie Omar seinen Kopf an seine Schulter legte und sein ganzes Gewicht auf ihn lagerte.

    »Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, wo du bist, und mit wem«, sprach er nachdenklich.

Der junge Hausmeister lag nun auch seinen Kopf auf den seines Partners ab. »Ich weiß. Tut mir leid.«




Es war Freitagmorgen und das gesamte Personal der Nexus GmbH widmete sich dem Endspurt zum Wochenende. Hier und da flatterten Verträge und Rechnungen umher, während sich Formulare jeglicher Art stapelweise vor den Sekretärinnen anhäuften.
    Zu seinem Glück hatte Edward zwar immer viel zu tun, fühlte sich aber in dem Getümmel von Workaholics nie wirklich überfordert. Trotz der überragenden Menge an bevorstehenden Terminen, Meetings und Abgabefristen behielt sein Department ein stabiles und gesundes Arbeitsklima.

    Auf dem Weg zur Etage 12 prüfte der Manager die Uhrzeit an seinem schweizer Uhrwerk, während er geduldig auf einen der Fahrstühle wartete. Kaum war einer der Lifts einstiegsbereit, entzweiten sich dessen Metalltüren und offenbarten dahinter einen etwas mehr als kniehohen Kleinkühlschrank. Der Mann, der auf das Gerät aufpasste, war kein geringerer als Nicolas Montoya.

    »Na, das ging ja flott.« Mit einem großen Schritt betrat der Geschäftsmann den Fahrstuhl und stellte sich zu dem Jüngeren. »Hudson hat also endlich nachgegeben«, sagte er anschließend und deutete dabei auf die scheinbar nigelnagelneue Anschaffung, die vor Nicolas Füßen stand.

    Auch dieser schaute auf das Gerät unter ihm. »Heute tausche ich das alte Ding aus. Weiß Gott was mit dem Teil nicht gestimmt hat.«

    »War wohl nichts mehr zu machen«, sagte Edward anmerkend und schaute Nicolas dabei geradewegs entgegen, doch dieser wich seinem Blick aus und ließ ihren belanglosen Wortwechsel unkommentiert. Die restliche Fahrt über sagten sie nichts, ehe sich der Kleinere beim Öffnungssignal der Türen von der Spiegelwand abstieß und das Gerät mit einem schwungvollen Ruck vom Boden abhieb. Edward machte den Mund auf, um seine Hilfe anzubieten, doch blieben ihm bei dem Anblick die Worte im Hals stecken. Als trüge er ein Federkissen auf den Händen, stieg Nicolas mit dem kiloschweren Kühlschrank aus dem Fahrstuhl aus und ließ Edward mit einem ungläubigen Blinzeln zurück.

    In der Büroküche angekommen, stellte der Hausmeister mit Edward im Schlepptau den neuen Kühlschrank an seinen zukünftigen Platz. Gerade wollte Edward erneut das Wort erheben, da öffnete sich nochmals die Tür und Oberchef Mr. Hudson kam hereinstolziert. Als er sah, an was Nicolas gerade arbeitete, klatsche er euphorisch in die Hände.

    »Wenn das nicht mein Lieblingshausmeister Morris ist!«, jubelte er und beäugte das neue Kühlgerät wie ein Kleinkind zu Nikolaus.

    »Montoya, Sir.«, korrigierte der Blonde, schon längst an die Vergesslichkeit des dicklichen Mannes gewöhnt.

    Edward gab sich nicht einmal die Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen, da stand der kräftige Mann schon hinter ihm und klopfte ihm wie einem alten Gaul auf den Rücken. »Perkins«, kündigte er an, »heute gibt’s was zu feiern.« Fragend drehte sich dieser zu seinem Vorgesetzten um und wartete auf eine Aufklärung.

    »Collins hat den Köder gefressen. Er hat den Vertrag unterschrieben«, flötete Hudson, »mit ihm in unserem Repertoire werden sich die Verkaufszahlen verdreifachen!« Jetzt blitzte es auch in den Augen Edwards freudig auf und er stimmte der guten Laune seines Chefs ein. Nicolas derweil schien von Tuten und Blasen keine Ahnung zu haben und hielt es für besser, den beiden Männern schweigsam zuzusehen.

    »Sie, Junge!«, sagte Hudson nun, und Nicolas zuckte kaum merklich zusammen, »nach Feierabend wird angestoßen. Sie kommen doch mit, oder?« Nun war es sogar Edward, der ihn verwundert ansah.

    Der Blondschopf schien kurz nach den passenden Worten zu suchen, ehe er die Stimme erhob: »Ich gratuliere Ihnen zur erfolgreichen Lage, Sir. Aber ich denke nicht, dass mich der Anlass irgendetwas angeht.«

    »Ach, Papperlapapp! Nur keine falsche Bescheidenheit«, sprudelte es aus dem dickbäuchigen Geschäftsmann, »Perkins? Sie zeigen dem Jungen, wo wir uns treffen. Die anderen wissen Bescheid.« Ein letztes Mal warf Hudson dem neuen Kühlschrank noch einen abschätzenden Blick zu, ehe er pfeifend aus dem Raum verschwand. Übrig blieben nur noch die jungen Männer, die sich mit großen Augen ansahen. Nicolas schaute dem eleganten Anzugträger hilfesuchend entgegen, doch dieser zuckte lediglich mit den Schultern.



    Nachdem sich Nicolas zu Dienstende seiner Einheitskleidung entledigt und einen schlichten Hoodie übergezogen hatte, schaltete er noch alle Lichter des Facility-Offices aus und verriegelte die Tür. Jetzt, bei Sonnenuntergang, verließ er das Gebäude und sein Blick fiel durch die gläsernen Eingangstüren auf Edward, der auf ihn zu warten schien. Draußen angekommen, wehte den Männern ein kühler Wind entgegen. Der Blondschopf vergrub seine Nase unter dem Saum seines Kragens und machte sich anschließend zusammen mit Edward auf den Weg Richtung Parkplatz.
    Als er nach fünfzehnminütiger Fahrt aus seinem Auto gestiegen war und sich in dem Parkdeck des Trefforts umgesehen hatte, geriet Nicolas um ein Haar ins Wanken. Nicht, dass es ihm peinlich wäre, oder er sich in irgendeiner Weise minderwertig fühlte; doch spielte er hier, zwischen den protzigen Sportwägen und feinpolierten E-Klassen, offensichtlich in einer ganz anderen Liga. Schluckend suchte er das Deck nach Edwards Mercedes ab, und wurde auch sogleich fündig, als der Manager zwanzig Meter weiter winkend auf sich aufmerksam machte:

    »Hier drüben, Nicolas!«, vernahm ihn der Hausmeister, wie er ihn zum ersten Mal mit seinem Vornamen anredete, »wir müssen mit dem Aufzug fahren. Die anderen warten oben auf uns.«

    Oben… die anderen, hallte es in Nicolas Kopf wider, und er wunderte sich im selben Moment, zu was er sich an diesem Abend überhaupt hatte verleiten lassen. Da fiel ihm ein, dass er Omar noch gar nicht über den Zwischenfall benachrichtigt hatte, und um schlimmeres zu vermeiden, hinterließ er besagtem eine Nachricht für sein späteres Kommen.


    Im Obergeschoss eingetroffen, weiteten sich Nicolas wie von selbst die Augen. Vor ihm präsentierte sich ein gigantischer Raum, ausgelegt mit rotem Teppich, ausgiebiger Lichtausstattung und mit einer prächtigen, runden Bar genau in der Mitte. Außen rum befanden sich vereinzelte Sitzbereiche, welche gleichermaßen mit pompösen Sesseln und Zweisitzer versehen waren. Nicolas stellte mit Staunen fest, wie man aus allen Winkeln des Lokals eine ungehinderte Sicht auf das nächtliche Stadtpanorama hatte. Sogleich kam ihnen ein Ober entgegen, der den Männern zum Empfang ein Champagnerglas von einem runden Tablett anbot, doch im Gegenzug zu Edward lehnte der Hausmeister mit einer überrumpelten Geste ab.

    »Werde ich heute noch zum König gekrönt oder was verschafft mir die Ehre?«, sprach Nicolas mit hochgezogener Augenbraue zu seinem Begleiter, als der Ober sich wieder abgewandt hatte.

    Edward schmunzelte. »Dein erstes Mal in der Business-Class?«, fragte er.

    »Business-Class? «, lachte der Kleinere freigeistig auf, »wenn die Queen von England hier nicht mit ihrem Guten Abend-Tee in der nächsten Ecke sitzt, fress ich n‘ Besen.«  
   
    Edward presste ein heiteres Lachen hervor und schob Nicolas etwas vor sich her. »Hier treffen sich die Vorsitzenden einiger Firmen, um anzustoßen, oder auch um heiklere Themen zwischen Vertragspartnern zu besprechen. Die großen Entscheidungen werden nämlich selten auf nüchternem Magen gefällt.«

    »Aha«, gab Nicolas abwägend von sich und spürte, wie seine Haut unter Edwards Hand auf seinem Rücken leicht zu Kribbeln begann, »und was gibt es diesmal zu feiern?«

    »Wir haben einen langersehnten Kunden erworben – kurz gesagt«, erklärte der andere, »Collins hat sich lange nicht dazu durchringen können, uns als Hauptanbieter anzunehmen. Er vertreibt einige Telefonfilialen und wird in Kürze an zwanzig neuen Standorten inaugurieren. Wir beliefern ihn dann quasi mit allem Drum und Dran; Ton- und Lichtausstattung, Monitore für interne Werbezwecke… Für uns bedeutet das letztendlich ein Verkaufszuwachs wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten.«

    Nicolas nickte wortlos und ließ sich von dem Geschäftsmann zu dem nächstliegenden Sitzareal führen. Von weitem ertönte augenblicklich eine ihm vertraut vorkommende Stimme, und so wie erwartet, erkannte man Mr. Hudson, der glucksend in einem der gepolsterten Sessel saß. Zu seiner linken befanden sich zwei weitere Männer, ebenfalls im Anzug, die er nur vom bloßen Sehen aus der Firma kannte.

    »Da sind ja die zwei Sportsfreunde!«, grölte der dicke Mann wie eh und je, und klopfe auf das Polster neben sich, »setzen sie sich, setzen sie sich.«

    Als sich die jungen Männer zur Runde gesellt hatten, wurden ihre Gläser auch sogleich mit einer goldenen Flüssigkeit gefüllt. Nicolas griff nach dem Glas, um daran zu riechen und rümpfte dabei die Nase. Sein Blick flog durch die Anwesenden, welche allem Anschein nach nichts an dem Getränk auszusetze hatten; vor allem Edward schien den rauchig strengen Geschmack des Alkohols in vollen Zügen zu genießen. Als dieser aus dem Augenwinkel bemerkte, dass Nicolas ihn anschaute, drehte er seinen Kopf zu ihm.

    »Was ist? Magst du keinen Whiskey?«

    Nicolas schüttelte den Kopf und drehte sein Glas in seinen Händen umher. »Ich trinke allgemein nicht so oft.«

    »Mein lieber Scholli! Sind wir jetzt etwa schon beim Du?«, mischte sich Mr. Hudson lauthals in die Unterhaltung ein und hob sein Glas in die Luft, um Nicolas zum Anstoßen anzufordern. Dieser gab sich nach kurzweiligem Zögern geschlagen und stieß auch mit dem Rest der Runde an.



    Nach einer gefühlten Ewigkeit befanden sich die Männer noch immer an Ort und Stelle; tranken einen Whiskey nach dem anderen und unterhielten sich angeregt über diverse Themen: von Geschäftspolitik und Verkaufsstrategien bis hin zu den ach so reizenden Sekretärinnen des Abteils von Etage 12. Nur Nicolas hielt sich im Großteil aus der Unterhaltung raus; warf hier und da mal einen Kommentar ein - aber auch nur, wenn man ihn dazu einlud. Vor lauter Business Talk begann ihm schon der Schädel zu brummen, da wechselte Hudson auf einmal das Thema:

    »Nicolas! Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie Kinder?«

    Nicolas erstarrte für einige Sekunden, doch dann riss er sich selbst aus seiner Benommenheit: »Ähm«, machte er, »ich habe keine Kinder«. Er setzte sich etwas aufrecht, da sich nun alle Augen auf ihn richteten.

    Hudson machte einen verblüfften Laut. »Sind Sie also unverheiratet?«, hakte er ungeniert nach, und fing sich sofort einen zurechtweisenden Blick von Edward ein, »was ist? Darf man unter Kollegen keine Fragen stellen?«, verteidigte sich Hudson mit verschränkten Armen.

    »Ist schon in Ordnung«, gab der Blonde mit einem beschwichtigenden Lächeln von sich, »im Moment bin ich ledig.«

    Hudson brummte nachdenklich und deutete dann nickend zu Edward: »Und du? Du kriegst die Kurve nicht. Hast einen gutbezahlten Job, eine bildschöne Frau, ein Haus… Und trotzdem keine Kinder«, meckerte er seinen Sprössling an.

    Edward verdrehte die Augen. »Es ist noch genug Zeit dafür«, erklärte er, wie er es schon so oft vor seinem neugierigen Chef gemacht hatte, »Vanessa und ich wollen es langsam angehen.«

    Bei Vanessas Namen räusperte sich Nicolas kurz, ehe er sich entschuldigend erhob, um die Toilette aufzusuchen. Unwillkürlich musste er an die Diskussion denken, die er zwischen Mr. und Mrs. Perkins mitbekommen hatte, und kam sich dabei so vor, als wisse er über ein unaussprechliches Geheimnis.


    In der Herrentoilette angekommen, stellte er sich an eines der Pissoirs und verlor sich in dem Gedanken über seine unbegründeten Schuldgefühle. Er gab zu, dass seine ganze Schwärmerei für den Manager weder Hand noch Fuß hatte, und dass die Erfolgschancen bei ihm wahrscheinlich weit unter null standen. Außerdem fühlte er sich in seiner Beziehung mit Omar geborgen und hatte inzwischen eine ganze Menge für den hitzköpfigen Schönling übrig, sodass ein Seitensprung für ihn nicht in Frage käme. Trotz allem überkam ihm jedes Mal ein wohliger Schauer, wenn ihn der Geschäftsmann mit diesen markanten, aber auf gleicher Weise auch so unfassbar weichen Gesichtszügen ansah.

    Als hätte man seinen inneren Monolog kilometerweit mithören können, öffnete sich die Tür und Edward trat in den Raum hinein. Einen Wimpernschlag lang trafen sich ihre Blicke.
    Der Manager stellte sich zwei Pissoirs weiter an die Wand und öffnete seinen Gürtel, während Nicolas nur damit anfing, ein großes Loch in die weißen Wandfliesen vor sich zu starren. Nachdem er seine Blasee entleert hatte und sich auf das Waschbecken zubewegte, vernahm er den schließenden Laut von Edwards Reißverschluss und sah sich im Spiegel an. Kurz zupfte er sich an seinem Haar herum, und erkannte in der Spiegelung wie der große, schlanke Mann nun ebenso an das nebenanliegende Waschbecken trat. Als Nicolas kurz darauf nach dem Seifenspender greifen wollte, fuhr ihm die Hand von Edward dazwischen. Sofort entzweiten sich ihre Finger; wie zwei gleichnamige Pole, die sich voneinander abstießen.

    »Erst das Wasser, dann die Seife«, grinste ihn Edward auf halbem Meter Abstand entgegen.

    Nicolas blinzelte ihn an. »Was?«

    »Die Seife«, wiederholte der andere und deutete dabei auf den Spender, »du hast deine Hände noch nicht nass gemacht.«

    »Ach so. Ja«, entkam es dem Hausmeister nur halblaut, ehe er den Wasserhahn gehorsam aufdrehte, um sich seine Hände zu befeuchten. Auch Edward begann, sich seine Hände gründlich zu waschen.

    »Das ganze Gerede über die Arbeit vorhin hat dich bestimmt gelangweilt«, erhob Edward nun wieder das Wort, »es ist gar nicht so leicht vom Job abzuschalten; selbst wenn es gar nicht so rüberkommt, als bräuchte man Mal eine Pause von all dem.« Sich am Waschbeckenrand anlehnend, hörte Nicolas schweigend zu. Edward legte seinen Kopf in den Nacken und atmete langsam aus. »Oft versucht Vanessa etwas Neues mit mir zu unternehmen, damit unsere Ehe nicht so routinebelastet ist. Sie sieht es nicht gerne, wenn ich mich zu sehr in die Arbeit reinhänge. Aber das hast du ja mehr als deutlich mitgekriegt.« Er machte eine kurze Pause und schaute sich dabei auf die Füße, ehe er fortfuhr: »Manchmal fühle ich mich noch keine dreiunddreißig. Dreiunddreißig Jahre alt zu sein bedeutet verantwortungsbewusst zu sein und nicht vor seiner eigenen Ehefrau davonzurennen, wenn sie ein bisschen Zweisamkeit sucht.«

    Da stand er also vor ihm, hier in der Herrentoilette einer High Society-Bar, und schüttete Nicolas geradewegs das Herz aus. Der sagenumwobene Edward Perkins; der mit dem Traumjob, einer bildschönen Ehefrau und einer Eigentumswohnung in den Dachspitzen San Diegos. Doch wäre das nicht schon genug, wurde Nicolas auf einmal klar, dass er nun wohl oder übel den Tröstenden spielen musste, und trat unbeholfen von einem Fuß auf den anderen.

    »Wenn du Ablenkung brauchst«, fing er leise an und schluckte das bisschen Spucke herunter, das sich in seinem Mund angesammelt hatte, »ich meine… wenn du Mal über etwas anderes als über deinen Job reden möchtest, oder dich nicht mit deiner Frau unterhalten willst, dann können wir…« Nicolas sprach seinen Satz nicht zu Ende, da er sich seinen Worten plötzlich bewusst wurde. Hochrot schoss ihm die Peinlichkeit in den Kopf und das Gefühl von Reue wurde augenblicklich in seinem Brustkorb entflammt.

    »Warum nicht?«, hörte er dennoch Edwards Stimme unbekümmert sagen, »was hältst du von morgen Abend?« Sofort richtete Nicolas seinen Kopf wieder auf. »Ich kenne einen Pub, der dir vielleicht mehr zusagt als das hier«, schlug Edward vor und schenkte ihm ein Lächeln, welches der Blonde an jenem Abend nicht mehr so leicht aus dem Kopf bekommen würde.
 
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