Schubladendenken

OneshotRomanze, Familie / P16 Slash
Diego Hargreeves / Nr.2 / The Kraken Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance Luther Hargreeves / Nr.1 / Spaceboy
05.06.2019
05.06.2019
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Dieser Oneshot ist im Zusammenhang mit dem Projekt: Pride von Ririchiyo entstanden.
Dankeschön für die Inspiration :)

Pairing: Klaus Hargreeves x OCs
Weitere Anmerkungen am Ende des Oneshots.



Schubladendenken


Sein Outing findet mit knappen dreizehn Jahren statt, ausgelöst durch einen nebensächlichen Kommentar – Mein Promischwarm? Definitiv Orlando Bloom. Feuchte-Träume-Material vom Allerfeinsten – in einem der vielen Interviews.

Klaus kann sich noch allzu gut an die entsetzten (Ben und Diego), missbilligenden (Luther und der alte Hargreeves) und schockiert-entzückten (die meisten Reporter) Reaktionen erinnern.

Selbst wenn das öffentliche Outing für alle unerwartet kommt, überraschend ist die grundsätzliche Aussage für keinen seiner Geschwister; seit er begann, Allisons Röcke und Graces hochhackigen Schuhe zu stehlenauszuleihen! – und nicht mehr ohne schwarzen Eyeliner und Nagellack aufzufinden ist, zudem laut und schamlos von männlichen Körpern schwärmt – sehr zum Entsetzen und Leidwesen von Luther und Diego – ist es wie ein offenes Geheimnis, dass Klaus schwul ist. Schwul sein muss.

Ziemlich oberflächlich von seinen Geschwistern, findet Klaus, ihn in eine Schublade zu stecken nur anhand seines exquisiten, femininen Modegeschmacks und ein paar beiläufigen Kommentaren über gutaussehende Männer.

Übel nimmt er es ihnen allerdings nicht; sie sind jung und unerfahren – er ist jung und unerfahren und in eine festgelegte Schublade gesteckt zu werden vielleicht nicht einmal das Schlechteste, wenn man auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz in der Welt ist, wenn man nach Stabilität und Halt sucht.

Es gibt ihm das nötige Vertrauen und den Mut, seine Vorlieben – für das gleiche Geschlecht, für das Schminken, für seine feminine Seite – zu akzeptieren und sie auszuleben. Er muss sich nicht verstellen, schließlich erwartet keiner seiner Geschwister ein anderes Verhalten vom schwulen Bruder Klaus.

***

Mit fünfzehn Jahren stellt sich für Klaus heraus: Menschen und speziell deren Sexualität sind nicht so leicht zu kategorisieren, wie es seine Geschwister mit ihm gemacht hatten, und Schubladen, in denen man festsitzt, schwer zu öffnen, sind sie erst einmal fest verschlossen.

Nichtsdestotrotz rüttelt er immer wieder an der Schublade, versuchend, das Schloss, das sich in den letzten beiden Jahren darum gelegt hat, zu öffnen. Erfolglos.

Wenn Klaus sich also zu Diego und Luther gesellt, die mehr oder weniger heimlich irgendwelche Fashionmagazine durchblättern, um die weiblichen Promis nach dem Aussehen zu bewerten – die gefühlt einzige Beschäftigung, in denen die beiden einmal gemeinsam an einem Tisch sitzen, ohne sich gegenseitig anzufauchen; traurig, wenn man darüber nachdenkt – und Klaus seine eigene Meinung dazu kundtut, wird er nur mit abwertenden Blicken bedacht.

„Du bist doch nur hier wegen den Klamotten, Klaus”, entgegnet Diego eingeschnappt, als Klaus seiner 10-Punkte-Kandidatin nur eine schlappe 6 gibt.

Nicht nur, denkt Klaus, seltsamerweise gar nicht so überrascht von der Tatsache, wie sehr ihn ein weiblicher Körper anziehen und faszinieren kann. Grazil, elegant und weich, wo männliche Körper stark, muskulös und autoritär wirken; zumindest die Körper aus diversen, nicht ganz jugendfreien Magazinen, die Klaus in seinem Kleiderschrank unter den Röcken versteckt hält – wer kommt denn bitte noch auf die altmodische, durchschaubare Idee, verbotene Dinge unter dem Bett zu verstecken, hm?

„Du kannst da nicht mitreden, Klaus. Schließlich bist du…naja, du weißt schon. Andersrum.

Klaus mag es nicht, wenn ihm seine Meinung abgesprochen wird, ist es jedoch bereits so sehr gewöhnt, dass er nichts weiter als ein resigniertes Seufzen für Luthers ungeschickt gewählte Worte übrig hat.

Wenn du mich schon in eine Schublade steckst, könntest du wenigstens die Eier in der Hose haben, diese klar zu betiteln, liebster Bruder.

***

Mit frechen sechzehn Jahren hat Klaus endgültig die Schnauze voll und sprengt die Schublade mit einem lauten Knall einfach auf.

Er ist im Club mit Diego, Ben und Luther – letzterer musste förmlich hergeschleift werden; Klaus Versprechen, er würde für die nächsten Missionen ausnahmsweise mal auf den selbsternannten Anführer der Truppe hören, überzeugte ihn dann allerdings doch leichter als gedacht – und seit geraumer Zeit kann Klaus mit einen amüsierten Augenrollen beobachten, wie sowohl Diego als auch Luther schmachtend – ja, schmachtend, man mag es von den beiden verklemmten Idioten kaum erwarten – auf eine Blondine starren, die am Rand der Bar sitzt und an ihrem Cocktail nippt.

Sie ist eine Schönheit, schlanke Statur mit wohlgeformten Rundungen, ein angenehmes Lächeln, als sie sich von einer ihrer Freundinnen verabschiedet, welche danach mit einem braungebrannten Typen im Arm den Club verlässt.

Selbst Ben scheint seine Augen nicht komplett von ihr lassen zu können, auch wenn sein kleiner Bruder viel zu schüchtern und unsicher ist, um mehr zu tun als hin und wieder einen kurzen Blick auf sie zu werfen.

Aus dem amüsierten Augenrollen wird ein genervtes Seufzen. „O-M-G, kann einer von euch seine verlorenen Eier zusammensuchen und sie endlich ansprechen?”, ruft Klaus seinen Brüdern, vor allem Diego und Luther, über die dröhnende Musik zu. „Das kann ja keiner mit ansehen!”

Die Antwort ist ein Mix aus betretenem Schweigen, missmutigen Blicken und irgendwelchen Ausreden, die Klaus mit einer wegwerfenden Handbewegung diffamiert.

Dann:
„Kannst du sie nicht für uns ansprechen? Sie herholen–Ich meine, einladen?”

Klaus schenkt Diego ein breites Grinsen. „Endlich mal jemand, der meinen unendlichen Charme erkannt hat.”

„Was?! Nein, so war das nicht–” Diego reibt sich die Stirn, während Klaus sie runzelt, erst aus Verwirrung, dann aus leichter Verärgerung, als Diego zu einer Erklärung ansetzt: „Keiner sagt, dass du mehr Charme hast. Allerdings wirkt es weniger…aufdringlich, wenn du sie fragst.”

Klaus versteht die Andeutung, sie liegt glasklar auf der Hand, doch stellt sich dumm, fragt in einer provozierenden Ahnungslosigkeit nach, was Diego damit meine.

Angesprochener bleibt still, unangenehm berührt von Klaus direktem Blick, und ringt mit den Worten.

Luther springt ein.
„Er meint, weil du…schwul bist”, und Klaus möchte in einem Anfall von genervter Ironie klatschen, dafür, dass es der große Anführer endlich geschafft hat, das Wort auszusprechen, mit dessen Bedeutung er Klaus seit mehreren Jahren abstraft.

Wer sagt, dass ich schwul bin?

„Wer sagt, dass sie nicht an mir Interesse zeigt, wenn ich sie anspreche?”

Das erste Lachen kommt von Luther, Diego steigt etwas verzögert, wenngleich mit ähnlichem Spott mit ein. Nur Ben bleibt still.

„Ich glaub nicht, dass sie auf…feminine, schwule Typen steht”, fügt Diego hinzu und Luther nickt zustimmend.

Wer sagt, dass ich schwul bin??

Wer sagt, dass sie nicht auf feminine Typen steht?

„Ihr wollt, dass ich sie für euch klar mache, hm? Sie anspreche?” Klaus Grinsen ist etwas zu breit, beinahe wölfisch, als er mit übertrieben freundlicher Stimme zu seinen Brüdern spricht. „Kein Problem, für meine Lieblingsbrüder doch immer gern.”

Er gibt beiden einen festen Klaps auf die Schulter – verflucht innerlich Luthers straffen Körperbau, als dieser sich kein bisschen beeindruckt gibt und Klaus stattdessen nur die Hand wehtut – ehe er sich wegbewegt, mit einer verärgerten Entschlossenheit durch die Menge stöckelt, um dann sein charmantes Lächeln aufzusetzen, bevor er bei seinem Ziel ankommt.

Jetzt seht her und lernt, meine verklemmten Brüder.

„Gott, ich liebe deine Schuhe.”
Klaus muss für diesen Konversationsaufhänger nicht einmal lügen. Die schwarzen Plateauschuhe mit den Nieten sind gewagt, doch absolut nach Klaus persönlichem Geschmack. Gepaart mit einen von Allisons Lederröcken oder seiner engen Lederhose und einem Croptop würde er fabelhaft darin aussehen.

„Woher hast du die? Die sehen sooo toll aus”, fügt Klaus hinzu und versucht nicht einmal, den schwärmenden Unterton in seiner Stimme zu unterdrücken.

Der anfängliche abschätzende Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwindet und macht Platz für ein sanftes Lächeln.

Ihr Lächeln ist wirklich süß.

„Dankeschön.” Und eine angenehme Stimme hat sie auch. „Kennst du das Schuhgeschäft Velvet?” Er nickt. „Da habe ich die her.” Mit einem Blick auf seine hohen Schuhe: „Deine sehen aber auch toll aus. Du hast einen guten Geschmack.”

„Ich geb das Kompliment an meine Schwester weiter”, lacht er und fügt aufgrund ihres verwirrten Blickes hinzu: „Die gehören meiner Schwester. Ganz unter uns? Die Schuhe bringen mich um, viel zu klein für meine Füße, aber sehen einfach zu gut aus, um in Allisons Schrank zu verstauben. Wer schön sein will, muss leiden, oder so ähnlich”, er macht eine wegwerfende, übertriebene Handbewegung, bevor er ihr ein schiefes Grinsen schenkt. „Ich bin übrigens Klaus.”

„Lily”, lächelt sie ihm entgegen, scheinbar nicht abgeneigt von seiner redegewandten, extravaganten Art. „Was treibt dich in diesen Club?”

„Ein bisschen feiern, Schuhe bewundern, nach heißen Typen Ausschau halten”, Klaus zuckt lässig mit den Schultern. „Das Übliche eben.”

„Du bist also an Jungs interessiert?” Ihr Lächeln bleibt bestehen, trotzdem kommt Klaus nicht umhin, den leicht enttäuschten Unterton in ihrer Stimme wahrzunehmen.

Scheint, als hätte sie Interesse an…"femininen, schwulen Typen", hm?

„Nicht nur.”

Es sind nur zwei Worte, trotzdem fühlt es sich an, als würde ihm ein Stein vom Herzen fallen, eine Last, die er zu lange mit sich herumgeschleppt hat.

Es fühlt sich gut an, aus der Schublade auszubrechen, in seiner Gänze wahrgenommen zu werden, selbst wenn es nur durch eine fremde Person ist.

So gut, dass er sich auf den Flirt einlässt, ihr Komplimente macht und sie wenig später auf die Tanzfläche zieht, wo er einen Blick auf Diegos und Luthers fassungslose Gesichter werfen kann und sich nur denkt: Geschieht euch recht.

Den restlichen Abend befindet er sich in einem rauschähnlichen Zustand und das ausnahmsweise einmal komplett ohne den zusätzlichen Konsum von Alkohol oder Drogen.
Er tanzt mit ihr, ignoriert die abschätzigen, zum Teil neidischen Blicke, die ihm von manch anderen Clubbesuchern zugeworfen werden. Er ist es gewöhnt, angestarrt zu werden, Angelpunkt von Faszination und Bewunderung, aber auch Ekel und Missbilligung der anderen zu sein.
Nicht jeder ist so tolerant – oder aufgeklärt – schwule Menschen zu akzeptieren und die, die es sind, wenden sich spätestens dann ab, wenn der doch nicht ganz so schwule Kumpel sich plötzlich die heiße Braut krallt – Kannst du dich eigentlich nicht für eine Seite entscheiden? Musst du so gierig sein und mir auch noch die Weiber klauen?

Klaus interessiert es nicht. Er tanzt weiter, legt seine Arme um sie, feiert zur Musik, die seinen Körper belebt und in seinem Ohren widerhallt. Bevor er sich versehen kann, sind Lippen auf seinen eigenen – weiche, volle Lippen, weibliche Lippen – und Klaus küsst zurück, spürt förmlich die ungläubigen Blicke seiner Brüder in seinem Rücken und den Triumph in seinem Körper, der sich dort wie eine warme Flamme ausbreitet. Oder ist es dem Kuss zu verdanken?
Das Gefühl des Triumphs wird zweitrangig, als eine fremde, warme Zunge auf seine eigene trifft und sich ein warmer, graziler Körper an seinen eigenen schmiegt und Klaus sich denkt: Verdammt, das fühlt sich gut an.

Also zieht er sie näher an sich, erwidert den Kuss mit dem gleichen Enthusiasmus und nickt nur grinsend, als sie nach einer Weile zu ihm aufschaut und ihn flüsternd fragt, ob sie das nicht woanders fortführen mögen.

*

Am frühen Morgen schleicht er sich so leise wie möglich in sein Zimmer, umgeht im Flur nur um Haaresbreite Pogo und lässt sich dann zufrieden auf sein Bett fallen. Immer noch spürt er das Adrenalin durch seine Adern fließen, den Nervenkitzel der neuen Erfahrung und er ist wohl erschöpft, doch findet keinen Schlaf, zu euphorisch, um ruhig liegen zu bleiben.

Er greift nach seinem Handy und aktiviert es, grinst, als ihm bereits eine Nachricht entgegenblinkt.

Lily - 4.52
Hoffe, du bist gut nach Hause gekommen, Süßer :*
Für dein erstes Mal mit nem Mädchen warst du nicht einmal so schlecht ;)

Klaus - 4.56
Hallo, ich war super, geb's ruhig zu! XD

Lily - 4.57
Da ist aber jemand selbstbewusst, hm?

Klaus - 4.57
Hab ja auch allen Grund dazu ;)

Lily - 4.59
Du bist unverbesserlich XD

Nächstes Wochenende, gleicher Club? :)

Klaus - 5.04
Oh, vermisst du mich schon? ;)
Klar, werd da sein. Freu mich :*

*

„Was sollte das?”

Nach dem täglichen Training wird er von Diego und Luther in eine Ecke gezogen und mit bösen Blicken bedacht.

Innerlich rollt Klaus seine Augen über diese überspitzte Reaktion der beiden – da soll noch einer sagen, ich wäre die Dramaqueen in diesem Haus äußerlich jedoch stellt er sich dumm.

„Vielleicht könntet ihr mir erst einmal erklären, worum es geht, liebste Brüder?”, entgegnet Klaus gelassen, bevor er Diegos Hand von seinem Trainingsanzug abschüttelt. „Bevor ihr euren wehrlosen, armen Bruder einfach so in irgendeine Ecke drängt und–”

„Hör auf, dumm zu spielen, Klaus”, mischt sich Luther nun mit fester Stimme, aufgerichteter Körperhaltung und strengem Blick ein.

Klaus findet, er wirkt wie eine lächerliche Kopie von Reginald, verzweifelt versuchend, auch nur einen Bruchteil der Autorität des alten Herren auszustrahlen. Er nimmt es lachend wahr, was Luther vor Wut und Scham gleichzeitig erröten lässt.

„Du weißt, wovon wir reden.” Diego verschränkt seine Arme mürrisch vor der Brust. „Das gestern im Club war absolut unnötig und uncool von dir!”

„Was? Darf man nicht einmal mehr seinen Spaß haben?”, kontert er, mit kindlicher Sturheit auf seine beiden Brüder schauend.

„Spaß? Ach komm, Klaus! Jeder weiß, dass du nur mit ihr rumgemacht hast, um uns eins auszuwischen”, erwidert Diego und bevor Klaus zu einer Antwort ansetzen kann, fügt Luther in einem fast schon überheblichen Ton hinzu: „Schließlich weiß jeder, dass du nicht an Frauen interessiert bist.”

„Offensichtlich schon, wir hatten nämlich eine sehr laute und wilde Nacht”, kann er sich nicht mehr verkneifen, eine gewisse Genugtuung verspürend, als seine Brüder ihn mit tellergroßen Augen sprachlos anstarren.

„W-w-warte, du—Was?”

„Es gibt nicht nur schwarz und weiß, Brüderchen.” Mit einem amüsierten Grinsen klopft er Diego auf die Schulter, kann förmlich die Gedanken rasen hören. „Sondern abertausende Nuancen dazwischen. Denkt mal drüber nach, falls euer testosterongesteuertes Gehirn es zulässt”, zwinkert Klaus seinen Brüdern zu, während er schwungvoll auf dem Absatz kehrtmacht und die beiden Holzköpfe stehenlässt, sich seltsam befreit fühlend.

***

Mit 30 Jahren interessiert sich Klaus nicht mehr für die ganzen Schubladen, in denen er gelandet und eingesperrt ist. Menschen sind zu komplex, um sie in solch einfache Kategorien zu stecken und sie danach zu beurteilen, und wer das trotzdem tut, der tut Klaus wirklich leid.

Wie er einst zu Diego gesagt hatte: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern diverse Abstufungen von Grautönen. Und es gibt nicht nur Grautöne, sondern ein buntes Spektrum an Farben, ein Regenbogen der unterschiedlichsten Farbtöne, in welchen sich jeder Mensch irgendwo wiederfinden kann und welche in ihrer Gesamtheit etwas Wundervolles ergeben: Diversität und Einheit zugleich.

Wenn jemand Klaus fragen würde, auf welchem Farbspektrum er sich heutzutage sieht: Ein Mix aus Pink, Gelb und Hellblau trifft es ganz gut.

*

In den letzten Monaten dürften sich seine Geschwister schon daran gewöhnt haben, ständig unterschiedlichste Gäste in Klaus Zimmer verschwinden zu sehen, und selbst wenn sich einige nicht sonderlich begeistert von diesem Umstand zeigen – „Gott, willst du dieses Haus eigentlich in ein Bordell verwandeln? Du bist echt widerlich, Klaus.” - „Das sagst du nur, weil du ace bist, Five.” - „Nicht schon wieder diese hippe Jugendsprache! Was zur Hölle soll das wieder heißen?” - „Hach, jung und ahnungslos sollte man nochmal sein. Beinahe beneide ich dich, Brüderchen.” – hält sich Klaus auch heute nicht damit zurück, seinen Besuch mitten im Foyer zu verabschieden.

„Es war wie immer ein Vergnügen, Diana-Schatz”, flötet Klaus, während sein kurzes T-Shirt nach oben rutscht und einen Blick auf seinen flachen Bauch freigibt, als er seine Arme mit einem lauten Gähnen nach hinten streckt.

Dianas Augen bleiben amüsiert, spielend auf der freigelegten Haut liegen, bevor sich zwei erstaunlich kräftige Hände um seine schlanken Hüften legen und ihn näher an seine Spielgefährtin ziehen.

„Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Darling”, haucht sie mit tiefer Stimme gegen seinen Mund, fährt mit ihrer Zunge neckend über seine Unterlippe und reizt ihn soweit, dass Klaus ihre Zunge mit seiner eigenen abfängt, sie in einen heftigen Kuss verwickelt, welcher sein Verlangen neu entfacht. Seine Hände gleiten wie von allein über ihren Nacken, ihre Schultern hinunter, über die wohlgeformten Brüste – da hatte jemand hervorragende Arbeit geleistet – und die schlanke Taille, weiter hinunter zum Bund der Hose und–

Ein überdeutliches Räuspern hallt im Foyer wider und Diana beendet den Kuss, tritt ein wenig zurück.

„Nächstes Mal, Darling.”
Ihr Atem streift sein Ohr und sie lacht dunkel auf, als ihm ein gequältes Seufzen von den Lippen fällt und er sie widerwillig loslässt. Sie setzt sich mit einem letzten Zwinkern in Bewegung und Klaus kommt nicht umhin, ihr spielend nachzupfeifen, während er einen guten Blick auf den knackigen Arsch in der engen Jeans erwischen kann.

Ein paar Meter entfernt lehnt Diego an der Wand, unentschlossen, ob er seine Augen unangenehm berührt gen Boden wenden oder sich der Versuchung hingeben soll, ihren attraktiven Körper zu betrachten. Seine Entscheidung wird ihm abgenommen, als Diana provozierend nah an ihm vorbeistolziert und ihm eine neckische Kusshand zuwirft.

Missmutig ignoriert er sie, die aufkommenden Röte in seinem Gesicht spricht jedoch Bände.

Immer noch derselbe verklemmte Spielverderber wie früher, hm?

Die Eingangstür fällt hinter Diana zu und Klaus entflieht ein amüsiertes Lachen.
„Du bist rot wie ein kleiner Schuljunge, Diego. Hast du etwas gesehen, das dir gefällt?”

„W-W-Was?! N-N-Nein, du–Ich– D-Das ist doch kompletter–“

„Du stotterst”, unterbricht Klaus ihn mit wackelnden Augenbrauen. „Geb's zu, sie ist heiß.”

„D-das hab ich nicht…uh,” Diego seufzt unter seinem wissenden Blick auf, eine Hand in seinen Nacken gelegt. „Meinetwegen, okay? Ja, sie sieht gut aus. Zufrieden?“ Ein weiteres Seufzen. „Warum genau kriegst du immer die heißen Weiber ab?”

„Weil ich unglaublich attraktiv und charmant bin.” Klaus zuckt nonchalant mit den Schultern, ein Grinsen auf seinem Gesicht. „Außerdem wäre sie eh nichts für dich, Diego.”

„Ach, weil sie zu heiß für mich ist, oder was?”, gibt Diego mürrisch, beinahe eingeschnappt zurück, obwohl Klaus nicht einmal etwas in diese Richtung angedeutet hat.

„Nein”, Klaus verdreht sichtlich seine Augen, „Weil sie eine Überraschung für dich parat hätte, die dir vielleicht etwas zu…hart ist…da unten.” Wie zur Verdeutlichung nickt Klaus hinunter in seinen eigenen Schritt, bevor er Diegos geschockt-perplexes Gesicht sieht, vergnügt lachen muss und dadurch dazu beiträgt, dass die Wangen des anderen noch etwas an Röte gewinnen.

„D-Du–W-Willst du d-damit–Ich meine–”

„Was meinst du?” Mit einem unschuldigen Wimpernaufschlag erwidert er Diegos konfusen Blick mit gespielter Ahnungslosigkeit; zu viel Spaß macht es ihm, seinen Bruder aufzuziehen.

„Ich meine, uh”, Diego kratzt sich verlegen am Hinterkopf, sichtlich bemüht, die passenden Worte zu finden, „ähm…also ist sie ein…nun ja, ein er...da unten?”

Nur mit Mühe verkneift sich Klaus das Kichern, das in seiner Kehle heranwächst aufgrund von Diegos ungeschickter Wortwahl.

„Ja, sie hat einen Schwanz, falls du das meinst”, bestätigt Klaus schamlos und kann es doch nicht ganz lassen: „Ein wahres Prachtexemplar sogar, sehr–”

„Klaus!”

„Oh, Diego, mein unschuldiges Brüderchen”, kichert er, sichtlich amüsiert über die Prüderie seines Bruders, „Du musst echt mal lockerer werden.”

„Ich werd mich nie an dein vorlautes, freches Mundwerk gewöhnen können”, murmelt Diego in seinen nicht vorhandenen Bart und bekommt als Antwort nur ein „Hab dich auch lieb” und eine Kusshand zugeworfen.

Für einen Moment tritt Stille ein und Klaus wird das Gefühl nicht los, dass Diego noch etwas sagen möchte, wie immer jedoch keinen passenden Ansatz für seine Gedanken findet.

„Hast du ein Problem damit?”, fragt Klaus vorsichtig nach, den Blick nun etwas abgewandt. Er ist wohl mit sich selbst und seiner Sexualität im Reinen, allerdings wäre es gelogen zu sagen, dass ihm eine Ablehnung seitens Diego komplett an seinem süßen Allerwertesten vorbeigehen würde.

Sein Bruder scheint seine Unsicherheit zu bemerken, denn hastig setzt er zu einer Antwort an. „N-Nein, absolut nicht, ich…ähm, ich war bloß…überrascht? Ich meine, ist es, ah, ist es die weibliche Seite an ihr, die du anziehend findest oder…naja, du weißt schon…?” Beinahe verschämt deutet er nach unten, in seinen Schritt, doch Klaus hätte die Frage auch ohne Diegos Wink mit dem Zaunpfahl verstanden.

Ein leichtes, aufrichtiges Lächeln legt sich auf seine Lippen. Es ist beinahe schon süß, wie ahnungslos und unwissend sein sonst so gefasster Bruder ist.

„Ich finde Menschen anziehend, Diego”, erklärt er in einem sanften Ton, fast so als würde er mit einem kleinen Kind reden. „Ganz gleich welches Geschlecht. Ob nur Brüste oder nur Schwanz oder beides. Der Mensch an sich ist es, den ich anziehend finde. Da gibt es keine Vorauswahl aufgrund irgendwelcher körperlichen Merkmale.” Klaus macht eine kurze Pause, betrachtet Diegos gerunzelte Stirn. „Klingt das bescheuert für dich?”

Diegos blinzelt ein paar Mal, überrascht über diese Frage. „N-Nein! Nein, tut es nicht. Es…”, er atmet einmal durch, ehe sich doch tatsächlich der Anflug eines Lächelns auf sein sonst so stoisches Gesicht legt. „Es passt zu dir. Irgendwie. Hör mal, Klaus…” Diego überbrückt die Distanz zwischen ihnen und nun ist es Klaus, der sich überrascht zeigen kann aufgrund der Hand, die sich sanft auf seine Schulter legt, dem beinahe liebevollen Blick aus braunen Augen. „Mir ist es egal, auf wen oder was du stehst, du bleibst mein kleiner Bruder. Und ich bin stolz auf dich, okay? I-Ich weiß, das wir–ich dich im Stich gelassen habe über die ganzen Jahre hinweg und das war verdammt noch mal scheiße von mir. Und ich…ich will einfach nur, dass du weißt, ich stehe hinter dir, okay?”

Klaus kann nicht antworten, spürt den Kloß in seinem Hals, die Gefühle, die ihn übermannen, die Tränen, die sich in seinen Augen ansammeln wollen und nur seine verdammten Eyeliner verschmieren würden.

All die Jahre hatte er sich eingeredet, keine Bestätigung seiner Geschwister zu brauchen, dass es ihm egal war, was sie von ihm hielten, dass sie ihn als Junkie, als Nichtsnutz abstempelten und ihn nicht ernst nahmen. Er hatte sich an die Geringschätzung gewöhnt, an die missbilligenden Blicke, die nur noch von den tadelnd-mitleidigen Blicken getoppt werden konnten.
Er hatte sich damit abgefunden, die größte Enttäuschung der Familie Hargreeves zu sein.

„W-Wer hätte gedacht, d-dass du so sentimental sein kannst, Brüderchen?”, scherzt Klaus, seinen Gefühlsausbruch überspielen wollend, doch seine Stimme klingt zu brüchig, zitternd und die ersten Tränen bahnen sich bereits ohne weiteres Zutun ihren Weg über seine Wange.

„Ach, sei einmal in deinem Leben still, Klaus.”

Und mit einer entschlossenen Bewegung wird er von seinem Bruder in eine feste Umarmung gezogen.
Die erste seit langem.


***

1. Da in der Serie Klaus Sexualität nie genau definiert wurde, hab ich ihn persönlich als pansexuell eingestuft. Das finde ich irgendwie am passendsten zu seinem Auftreten und dem Charakter und den Einstellungen, die er so mit sich bringt.
2. Ich werde mir nicht anmaßen, die verschiedenen Sexualitäten (speziell Pansexualität) komplett richtig dargestellt zu haben, jedoch habe ich das Bestmögliche aus meinem vorhandenen Wissensstand gemacht. Sollte ich irgendetwas falsch oder unzureichend dargestellt haben, gern in den Kommentaren berichtigen, thanks :)
3. Ich habe versucht, die Personen so gut wie möglich in-character zu schreiben und hoffe, dass mir das einigermaßen gelungen ist.

4. Hoffe, es hat ein wenig gefallen. Über Kommentare (Lob, konstruktive Kritik, etc.) würde ich mich selbstverständlich freuen.
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