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Between evil voices and innocent hearts

GeschichteDrama, Horror / P16 Slash
04.06.2019
12.08.2020
27
91.333
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05.06.2019 3.033
 
Ich liebte Kieran.
Seit ich ihn kannte, hatte ich das Gefühl, nicht mutterseelenallein mit meinen Problemen zu sein. Er war mir sehr ähnlich, und das gab mir in seiner Nähe eine Ruhe, dank der ich ein bisschen daran glauben konnte, dass es doch wirklich für jeden Menschen Hoffnung gab, auch für jemanden wie mich, einen durch und durch verkorksten Teenager.
Mich hinderte die Tatsache, dass Kieran, wie ich, ein Mann war, nicht daran, ihn zu lieben. Egal, wie meine Umwelt darauf reagieren würde, ich wollte ihm so nahe sein wie kein anderer. Verurteilt wurde ich für meine Existenz sowieso schon gefühlt mein Leben lang, also hielt ich ein paar anklagende Blicke und Sprüche mehr auch noch aus. Ich wäre dazu bereit gewesen, alles Negative auf mich zu nehmen und von Kieran abzuschirmen, solange er meine Liebe erwiderte.
Diese Hoffnung auf eine Zukunft, am besten mit ihm zusammen, hatte mir ungeahnte Kraft gegeben. Leider jagte mir das Leben dann aber wieder mal gnadenlos ein Messer in den Rücken. Diesmal war es eher ein ganzes Schwert, das ein Loch in meine Brust riss. Jedes Mal, wenn ich die beiden zusammen sah, ohne mich.
Ja, Kieran war inzwischen vergeben. Obwohl es dafür schon eine Weile deutliche Anzeichen gegeben hatte, konnte ich das nicht verhindern. Erst recht weil der andere, Kierans jetziger Partner, mein bester und einziger Freund war: Faren.
Ironischerweise stand Faren eigentlich nur auf Frauen, aber bei Kieran fühlte er anders, wie er mir erklärt hatte. Ausgerechnet bei der Person, für die auch ich mich interessierte. Statt ihm das zu sagen, schwieg ich über meine Gefühle und gab Faren auch noch Ratschläge, wie er vorgehen sollte. Schließlich konnte ich mich gut in Kieran hineinversetzen und dadurch als hervorragender Berater fungieren.
Dumm von mir, nicht wahr?
Nein, es ging einfach nicht anders.
Faren war ein großartiger Kerl, wirklich. An ihm gab es nichts auszusetzen.
Obwohl wir uns ziemlich ähnlich sahen, abgesehen von der Frisur und der Haarfarbe sowie dem Körperbau, war er ganz anders als ich. Optisch könnte Faren mein Zwilling sein, doch wir unterschieden uns. Alles an ihm strahlte stets vor Optimismus und Tatendrang, er war kontaktfreudig und hilfsbereit, voller Lebensfreude. Außerdem sah er umwerfend gut aus und kleidete sich, im Gegensatz zu mir, wie ein Model.
Was sollte Kieran denn mit mir anfangen? Sicher, genau wie ich zweifelte er an sich selbst, kam sich wertlos und überflüssig vor, und wünschte sich nichts sehnlicher, als nützlich zu sein, und Anerkennung zu gewinnen. Seine verzweifelten Gedanken deckten sich gut mit meinen, was vielleicht schlecht war. Schlecht für sein Wohl.
Ich besaß keinerlei Lebensfreude, wie Faren sie in sich trug. Mehrmals am Tag kämpfte ich gegen den Drang an, einfach vor ein Auto zu springen oder mich von einer Brücke zu stürzen. Bei jeder einzelnen Handlung oder Aussage von mir, befürchtete ich, etwas Falsches getan zu haben. An meiner Seite würde Kieran nur noch tiefer nach unten gezogen werden, ganz bestimmt.
Jemand wie Faren könnte ihn aufbauen und ihm Selbstvertrauen schenken. Tatsächlich zeigte sich das bereits nach wenigen Wochen, seit sie offiziell ein Paar waren. Oft wirkte Kieran genervt von Farens freizügigen Witzen und seiner aufdringlichen Art, lächelte dafür aber auch immer mehr, was ich vorher noch nie bei ihm gesehen hatte. So blass wie am Anfang war Kieran auch nicht mehr, mit jedem Tag schien es ihm besser zu gehen.
Auch heute.
Alleine saß ich heimlich draußen am Tisch eines Cafés herum, während die beiden auf der anderen Straßenseite gerade eine Imbissbude unsicher machten, wobei ich sie unbemerkt im Auge behielt. Genau genommen war Faren derjenige gewesen, der unbedingt dort essen gehen wollte, soweit ich wusste, um Kieran etwas Neues zu zeigen. Sie bestellten sich einen Haufen ungesundes Zeug, aber Fast Food schmeckte eben zu sehr, niemand konnte das leugnen.
Zuerst war Kieran alles andere als begeistert, doch nach den ersten Bissen eines Hamburgers und wenigen Wortwechseln, geschah es wieder: Er lächelte. Ganz dezent, man bemerkte es kaum, aber ich konnte es gar nicht übersehen. Verlegen hoben sich seine Mundwinkel minimal, seine Haltung war entspannt. Ihm ging es gut.
Das tiefschwarze, kurze Haar sah seidig weich aus und verdeckte noch immer sein linkes Auge komplett, weil es vorne auf einer Seite länger über die Stirn hinaus verlief, als auf der anderen. Sacht spielte der warme Sommerwind mit einigen Strähnen und brachte sie in Bewegung. Durch das Sonnenlicht wirkte das Dunkelbraun seiner Augen wesentlich heller als gewöhnlich, dabei mochte ich es, wenn man sich bei ihrem Anblick in die Tiefen seiner Seele verlor.
Trotz seines feminin erscheinenden Gesichts und der etwas geringen Größe, mangelte es Kieran nicht an Männlichkeit. Wie jeder harte Kerl konnte er offen seine Meinung sagen, zumindest bei Faren und einigen bestimmten Personen, sobald ihm etwas nicht in den Kram passte. Und doch lag in seinen ernsten Blicken stets eine gewisser Ausdruck verborgen, der mein Herz schwach werden ließ.
Ich wünschte, ich könnte einfach zu ihm gehen und meine Gefühle gestehen, aber damit würde ich alles kaputt machen. Mein gutes Verhältnis zu Faren und das Glück, von dem Kieran jede Sekunde verdient hatte. Ganz zu schweigen davon, dass ich so ein gutes Leben nicht verdiente. Mit mir verschwendete man nur seine Zeit, ich war nicht mehr zu verbessern.
Seufzend nahm ich einen langen Schluck von dem Wasser, das ich mir bestellt hatte – mein nächster Geburtstag würde mich endlich volljährig machen, dann durfte ich legal Alkohol trinken. Schweiß lief mir von der Stirn, ich verglühte in dieser Sommerhitze. Wäre ich an Farens Stelle, hätte ich mit Kieran eine Eisdiele aufgesucht, um für Abkühlung zu sorgen. Der Tag besaß noch einige Stunden, also kam das vielleicht noch.
„Boah, hoffentlich wird es gegen Abend etwas weniger heiß“, murmelte ich genervt vor mich hin.
Plötzlich vibrierte etwas in meiner Hosentasche, was bei einem jungen Mann wie mir nur eines bedeuten konnte: Mein Handy wollte mir etwas mitteilen – wäre Faren hier, hätten wir darüber jetzt eine schmutzige Bemerkung gemacht und gelacht.
Momentan war mir aber nicht zum Lachen zumute, doch ich konnte erschreckend gut schauspielern, wenn ich wollte. So gut, dass Faren nicht mal meine Gefühle für Kieran mitbekommen hatte. In letzter Zeit fiel es mir schwer, den gut gelaunten und sorglosen Ferris zu spielen. Von Jahr zu Jahr legte ich diese Fassade ab und blieb so, wie ich war. Unsicher, in mich gekehrt und freudlos.
Etwas zu fest stellte ich das Glas zurück auf den Tisch, das laute Klirren hallte unheilvoll in meinen Ohren nach, und ich holte das Handy hervor. Viele Kontakte besaß ich nicht, weil ich kein sozial eingestellter Typ war. Freunde strengten mich meistens nur an, Faren bildete eine Ausnahme. Er hatte mich letztes Jahr von einem Selbstmord abgehalten und mir seitdem die Freundschaft geschworen.
Viele Möglichkeiten, wer sich bei mir melden könnte, gab es also nicht, und meine größte Befürchtung wurde direkt bestätigt, kaum dass ich meinen Nachrichtenordner öffnete.
Wo bist du, ist alles in Ordnung? Ich hoffe, du hast einfach nur deinen Termin vergessen. Ruf mich bitte an oder komm in der nächsten halben Stunde vorbei, ich warte auf dich.
So lautete die Textnachricht – wann lernte diese Person wohl endlich, einen kostenlosen Messenger zu benutzen? Ich hatte es schon oft genug erklärt und tat das nicht noch einmal.
Statt weiter meine Gedanken für solche Kleinigkeiten zu verschwenden, warf ich rasch einen Blick auf die Uhrzeit. Anscheinend war ich eine Stunde zu spät dran. Da brachte mir auch die Erinnerung an diesen Termin nichts mehr, die auf dem Display aufleuchtete und ich bisher gekonnt ignoriert haben musste, weil ich mich nur auf Kieran konzentriert hatte.
„Ich hab echt keinen Bock auf diese dämliche Sitzung“, meckerte ich das Handy an, als könnte ich dadurch direkt mit der Person sprechen, von der die Nachricht stammte. „Das bringt doch eh nichts. Wann checkst du das mal? Du solltest es aufgeben, und deine Nachrichten nicht wie ein verliebtes Schulmädchen beenden.“
Dummerweise arbeitete mein schlechtes Gewissen ziemlich gründlich, weshalb ich von meinem Platz aufstand und dabei das Handy wieder einsteckte. Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie eine Bedienung aus dem Café eilte, um mich daran zu erinnern, dass ich noch zahlen musste. Geld hatte ich aber nicht dabei, keinen einzigen Cent.
Zu gern hätte ich noch einen letzten Blick auf Kieran erhascht, musste jedoch die Beine in die Hand nehmen und mich aus dem Staub machen, bevor die Bedienung in meine Reichweite kam. Fassungslos rief sie mir hinterher, doch ich beachtete sie nicht, sondern rannte geschwind davon. Bald lag das Café weit hinter mir und niemand schien mich zu verfolgen.
Natürlich meldete sich auch jetzt mein schlechtes Gewissen zu Wort, das ich grob zurückwies. Mit mir hatte man nichts als Ärger, so war das eben. Sollte man mich ruhig Mimimi-Ferris nennen, aber wenigstens dieser Rolle wollte ich gerecht werden, sonst blieb mir überhaupt nichts mehr. Davon abgesehen zahlte ich für ein lächerliches Glas Wasser sicher keinen überteuerten Preis.
Erschöpft hielt ich nach einer Weile an und schnappte nach Luft. Mir war furchtbar heiß, ich konnte den Sommer nicht ausstehen. Mein Körper verglühte, wogegen mein Schweiß nicht half. Tropfen für Tropfen fiel vor meinen Füßen zu Boden und bildete eine eigene, kleine Pfütze. Wäre die Sonne so gnädig, mich einfach anständig in Brand zu stecken, hätte das Café heute wegen mir kein Minus machen müssen.
„Ich bin so armselig“, lachte ich heiser. „Das hätte ich Kieran nicht zumuten können.“
Zwischen die Schweißtropfen mischten sich plötzlich noch einige Tränen. Schnell riss ich mich wieder zusammen und ging weiter, in einem normalen Schritttempo. Bei dieser Hitze war jeder mit sich selbst beschäftigt, also konnte ich mich einfach zwischen der Menge bewegen, ohne angesprochen zu werden. Wie immer war die Stadt an einem Werktag überaus lebhaft und aktiv, was ich etwas nervig fand.
Ohne andere Menschen wäre die Welt viel ruhiger und friedlicher. Frei von irgendwelchen Erwartungen und gesellschaftlichen Regeln, an die sich gehalten werden sollte, wollte man nicht ausgeschlossen werden.
Ich hasste das alles so sehr.
Ich wollte nicht mehr.
Um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, dachte ich unterwegs lieber an Kieran und nahm dabei den Schmerz in der Brust in Kauf. Dass ich an diesem Tag bereits ebenfalls von jemanden gestalkt wurde, so wie ich Kieran und Faren verfolgte, davon ahnte ich noch nichts.

***


Jedes Mal, wenn ich zwischen diesen Häuserreihen stand, wollte ich sofort zurückweichen und weglaufen. Ich passte nicht hierher, ganz und gar nicht. Ein Beweis dafür waren die misstrauischen Blicke der Bewohner in dieser Gegend, sobald sie mich sahen.
Kein Wunder, es handelte sich um eine ruhige und gepflegte Lage, wo nur Leute wohnten, die sich etwas leisten konnten. Nicht die Super-Reichen, arm war hier dennoch niemand. Es war wie eine eigene Welt, dabei konnte ich mich schon in die normale Gesellschaft nicht anständig eingliedern.
Kleine Häuser, gemütliche Vorgärten mit schneeweißen Zäunen, eigene Garagen und Gehwege, von denen man locker hätte essen können, so sauber wurden sie gehalten. Quasi das Spießerhausen der Stadt, wie aus zahlreichen Filmen entsprungen. Mein Weg führte mich zum Ende der leeren Straße, wo ein Gebäude lag, das etwas älter wirkte als die anderen in dieser Wohngegend.
Zwei Stockwerke, ein Keller und Dachboden, mit Garage. Der Garten befand sich hinter dem Haus, geschützt vor neugierigen Blicken der Nachbarn, daher sah der Eingangsbereich recht unspektakulär aus. Nicht mal Blumen dekorierten den vorderen Teil, worüber sich erstaunlich viele beschwerten – hatten die etwa sonst keine anderen Probleme? Einfach lächerlich.
Neben der Türklingel war ein Schild befestigt, das auf den Eigentümer des Hauses hinwies:
Vincent Valentine
Gesprächs- und Verhaltenstherapie
Termine nach telefonischer Absprache

Hier wohnte ich aktuell, seit ein paar Wochen. Habe nicht mitgezählt. Im Grunde war es wahrscheinlich nur eine von vielen vorläufigen Unterbringungen, bei denen ich bald an einem endlosen Hin-und-her-Spielchen mitmachen müsste, bis ich volljährig war und auf die Straße gesetzt werden konnte. Niemand nahm einfach so aus Nettigkeit jemanden bei sich auf, auch kein Therapeut. Für Vincent war ich nur ein Job von vielen.
Trotzdem behauptete er andauernd das Gegenteil, dass er mir aus freien Stücken helfen wollte. Er gehörte nicht zur naiven Sorte, so dachte ich, darum konnte ich ihm nicht glauben. Zu seinem Glück lebte niemand ewig, irgendwann erwischte es mich auch mal. Spätestens dann, wenn ich mich mit Alkohol abschoss.
Statt zu klingeln, schloss ich die Tür mit meinem Schlüssel auf und betrat das Haus. Drinnen war es nicht mehr so heiß wie draußen, es herrschte sogar eine angenehm kühle Temperatur. Auch die Einrichtung hatte den Charme der Vergangenheit, gemischt mit einigen modernen Elementen. Als Familienmensch hätte ich gerne auch in so einem Haus gelebt, es vermittelte Gemütlichkeit.
Zügig schritt ich geradeaus, durch die zweite Tür im Gang, und fing an zu sprechen, noch bevor ich richtig im Raum war. „Hey, Vince. Sorry, hab total die Zeit vergessen.“
Ähnlich wie Faren hätte auch Vincent locker als Model arbeiten können, nur dass er in dem Bereich mehr mit seiner Größe und der schlanken Statur punkten würde. Sein schwarzes Haar blieb stets kurz geschnitten, sah aber immer ungekämmt und etwas wellig aus. Alltagskleidung schien Vincent nicht zu kennen, denn ich habe ihn bislang nur in seinen schwarzen Anzügen und dem weißen Hemd herumlaufen sehen. Seit einer Anmerkung meinerseits verzichtete er wenigstens auf eine Krawatte.
Mit übereinander geschlagenen Beinen saß Vincent in einem Sessel vor einem übergroßen Aquarium – der Blickfang in diesem Behandlungszimmer – und war in eine Akte vertieft, die auf seinem Schoß lag, samt Füller. Natürlich musste das die Bibel zu meiner Wenigkeit sein, durch die Vincent Stück für Stück versuchte, den Kern meiner Probleme zu finden und zu beseitigen.
Als er den Kopf hob und mich ansah, verschmolz das helle Blau seiner Augen kurzzeitig mit dem Licht des Aquariums hinter ihm. Immerzu blieb Vincents Blick ausdruckslos, egal wie sehr ich ihn auch provozierte oder aus der Reserve zwingen wollte. Irgendwie vereinbarte sich das nicht so recht mit der Klarheit, die seine Augenfarbe besaß, und der Aufmerksamkeit, mit der Vincent jedes kleinste Detail bemerkte.
„Schön, dass du dich dazu entschlossen hast, doch noch zur Sitzung zu erscheinen, Ferris“, begrüßte Vincent mich, so geduldig und ruhig wie ich es von ihm kannte. Der melodische Klang seiner Stimme erinnerte mich ein wenig an Kieran. „Setz dich.“
Abwehrend hob ich die Hände. „Nee, lass mal. Ich bin nur gekommen, um dir zu sagen, dass ich kündige.“
„Bei einer Therapie kann man nicht kündigen“, wies Vincent mich darauf hin. Könnte er diese verdammte Nüchternheit nicht mal ablegen und zeigen, was er dachte und fühlte? Bei ihm wusste ich nie, woran ich war. „Du kannst die heutige Sitzung höchstens verschieben.“
„Toll, dann schiebe ich es nur etwas auf, aber muss den Mist so oder so mitmachen.“
„So sieht es aus.“ Ohne eine Miene zu verziehen, deutete Vincent mit dem Füller zu der Couch, die ihm gegenüber stand. „Also, setz dich.“
„Hartnäckige Nervensäge“, murrte ich leise.
„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite, Ferris.“
Widerwillig überwand ich die Distanz zwischen uns und ließ mich wie ein schwerer Sack auf die Couch fallen. Zwischen uns stand nur noch ein Glastisch, auf dem gerade nichts lag. Demonstrativ beugte ich mich etwas zur Seite, um nur das Aquarium hinter Vincent im Blick zu haben. Verschiedene Arten von Fischen lebten darin, manche schimmerten in bunten Farben, andere stachen mit ihrer außergewöhnlichen Gestalt hervor. Manchmal beneidete ich sie darum, dass sie Tag für Tag herumschwimmen konnten. Auf mich wirkte das ungemein beruhigend.
„Wie fühlst du dich?“, eröffnete Vincent die Sitzung – seine Standardfrage.
Aus Erfahrung wusste ich, dass es nichts brachte, ihn zu ignorieren und zu schweigen, also antwortete ich ihm sofort: „Die Frage nervt. Was soll ich darauf denn sagen? Liebeskummer ist scheiße.“
Ein leises Kratzen ertönte, er notierte sich etwas in der Akte. Ich musste den Blick nicht vom Aquarium lösen, um das zu wissen.
„Bist du heute Kieran und Faren gefolgt?“
Typisch, er sprach offen die wunden Punkte an. Ihm konnte man nichts vormachen, Vincent durchschaute alles, wie ein Gedankenleser.
„Ja, na und?“
„Warum hast du das getan?“
„Weiß ich nicht“, blockte ich ab. „Mir war danach.“
„Wie hast du dich dabei gefühlt?“
„Du immer mit deinen Gefühlen“, klagte ich stöhnend. „Scheiße habe ich mich gefühlt. Hört du mir denn nicht zu?“
Wieder begann er zu schreiben. Zögerlich lenkte ich den Blick zurück zu ihm und beobachtete ihn dabei. Jede seiner Bewegungen floss wie Wasser, seine Augen nahmen die geschriebenen Worte in sich auf. Mir war nicht danach, mit ihm zu reden. Gleich endete es sowieso wie gewohnt, weil er die Fragen stellte, die ich nicht hören wollte.
„Bist du ihnen deswegen gefolgt?“, wollte Vincent wissen und sah mich dabei abwartend an.
Kein Vorurteil, keine Erwartungen oder Forderungen. Nichts von alldem spiegelte sich in seinen Augen wider, nur eine Geduld, mit der ich nicht umgehen konnte. Automatisch wurde mein Tonfall patziger. „Worauf willst du damit hinaus?“
„Du neigst dazu, dich selbst zu verletzen, in dem Glauben, es verdient zu haben“, erklärte Vincent, womit er mir offenbarte, dass er mich durchschaut hatte. „So, dass es niemand sieht. Als du Kieran und Faren gefolgt bist, wolltest du dich schlecht fühlen.“
Also war heute einer dieser Tage, in denen Vincent in die Offensive ging. Mit dieser Taktik konnte ich noch weniger umgehen, das müsste er wissen. Automatisch fuhr ich von meinem Platz hoch und schrie ihn an.
„Tu nicht so, als wüsstest du, wie ich ticke! Niemand weiß das!“
Kieran war der einzige, der mich verstand, weil er ähnlich fühlte wie ich. Jetzt konnte ich mich ihm nicht mehr zuwenden, ohne seine Beziehung zu Faren zu stören. Ich war wieder alleine.
„Das hier bringt gar nichts! Wenn mir danach ist, haue ich einfach wieder ab!“
„So wie aus dem Waisenhaus?“, hakte Vincent nach.
Schnaubend wandte ich mich ab und stampfte Richtung Tür. „Du wirst froh sein, sobald du mich los bist, so wie jeder andere!“
Ein Knall hallte durch das Haus und ließ es leicht erzittern, zumindest in meiner Vorstellung. Aufgewühlt stieg ich die Treppe in den ersten Stock hinauf und zog mich in mein Zimmer zurück, wo ich mich vorerst einschloss. Schnell dröhnte mir über ein Paar Kopfhörer laute Musik in die Ohren, doch das reichte nicht aus, damit meine Gedanken sich in Luft auflösten.
Ich rollte mich auf dem Bett zusammen und fluchte innerlich. „Tut mir leid, Vincent … aber mir ist echt nicht mehr zu helfen.“
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