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Between evil voices and innocent hearts

GeschichteDrama, Horror / P16 Slash
04.06.2019
12.08.2020
27
91.333
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03.08.2020 3.604
 
Ferris' schlafendes Gesicht sah so entspannt aus, wie es immer hätte sein sollen. Er lag dicht neben mir und schnarchte ganz leise – zu süß. Sein warmer Atem kitzelte auf meiner Haut. Diese Nacht war die beste meines Lebens gewesen, was ich ohne jede Übertreibung sagen konnte. Derart friedlich hatte ich Ferris noch nie schlafen gesehen, der Anblick erfüllte mich, zu recht, mit Stolz, aber vor allem mit Glück.
Darum dachte ich gar nicht daran ihn zu wecken, sondern genoss es, ihn einfach schweigend zu beobachten. Aus der Nähe, nicht mehr länger aus der Ferne. Nach all den Jahren war dieser Moment endlich zur Realität geworden. Ich hatte es mir zwar oft vorgestellt, doch kam die Fantasie bei weitem nicht an die Wirklichkeit heran. Niemals hätte ich erwartet, dass Ferris meine Liebe schon so früh erwidern würde. Ich war mir sicher gewesen er bräuchte erst mal noch etwas Zeit, um mit allem zurechtzukommen, und ich hätte geduldig auf ihn gewartet.
Nun lag Ferris aber hier, bei mir. Ein großartiges Gefühl. Meine Mühen hatten endlich Früchte getragen und gaben mir genau das, was ich wollte. Glücklicher konnte ich gerade kaum sein. Hoffentlich blieb das so, denn nochmal könnte ich nicht so viel Geduld aufbringen. Davon war alles restlos aufgebraucht – auf diese Nähe wollte ich nicht mehr verzichten.
Durch das Fenster drang Sonnenlicht in mein Zimmer hinein, also könnte es schon Mittag sein. Das Blau von Ferris' Haaren strahlte noch mehr als sonst. Behutsam strich ich mit einer Hand über seinen Kopf und wischte ihm auch einige Strähnen aus dem Gesicht. Wunderschön, wie das Meer. Genauso beruhigend wie damals.
Plötzlich regte Ferris sich ein wenig und atmete einmal schwer aus, bevor er die Augen halb öffnete. Müde blinzelte er mich an. Zuerst schien er etwas irritiert und ohne jegliche Orientierung zu sein, aber das kannte ich schon von ihm. Als er sich dann an unsere gemeinsame Nacht erinnerte, schoss ihm prompt die Röte ins Gesicht und er verzog verschlafen das Gesicht.
„Grins nicht so“, nuschelte er peinlich berührt – wie unschuldig Ferris sein konnte, wenn er gerade erst aufgewacht war.
„Dir auch einen guten Tag, Schatz“, neckte ich ihn amüsiert. „Fühlst du dich gut, hm?“
„Mann, frag mich das nicht.“ Wie ein schüchternes Kind zog Ferris die Decke über den Kopf. „Ich ertrage so viel Coolness nicht direkt am Morgen.“
„Du meinst Mittag.“
„Ist doch egal.“
„Vincent würde das verneinen“, meinte ich belehrend, musste dann aber schon wieder schmunzeln. „Willst du noch etwas weiterschlafen?“
Unter der Decke ertönte ein zustimmender Laut und Ferris drehte sich träge auf die andere Seite. Am liebsten hätte ich ihn noch ein wenig mehr geärgert, indem ich ihm zeigen würde, dass mich nichts davon abhalten könnte ihn jederzeit anzufassen, doch ich hielt mich vorerst noch zurück. Zu gierig sollte ich nicht werden.
„Ich geh mir was zu trinken holen“, kündigte ich an und rutschte zum Bettrand. „Bleib du ruhig liegen. Ich komm gleich wieder.“
Gähnend antwortete Ferris mit einem leisen „Okay“.
Rasch zog ich mir etwas an, immerhin wohnte ich leider nicht alleine in diesem Haus. Sobald ich mit Ferris zusammenlebte, könnte ich tun und lassen was ich wollte – das beinhaltete auch ihn mit meinem Körper regelmäßig zu verführen. In Zukunft würde ich äußerst anhänglich werden.
„Ey“, hörte ich Ferris sagen, der die Decke wieder ein Stück nach unten zog, so dass sein Kopf hervorlugte. „Bringst du mir 'ne Cola mit?“
Ich lächelte breit. „Alles, was du willst. Das kostet dich aber mindestens einen Guten-Mittag-Kuss.“
„Lustmolch“, tat Ferris empört.
„Du wusstest, worauf du dich mit mir einlässt.“
„Ich verdurste hier“, drängte er mich zur Eile.
„Schon gut, mein Herzchen, bin unterwegs. Halte deine Lippen für mich bereit.“
Daraufhin murmelte Ferris etwas vor sich hin, das ich nicht verstand, aber ich schritt dennoch zufrieden aus dem Zimmer Richtung Küche.
Unterwegs machte ich Halt im Bad, für eine kurze Katzenwäsche und einen Toilettengang, ehe ich meinen Weg fortsetzte. Eine der Wanduhren verriet mir, dass es kurz nach Zwölf war. Für Ferris' Verhältnisse musste das tatsächlich noch viel zu früh sein. Praktischerweise hatte er momentan keine Pflichten wie Schule oder Arbeit, denen er nachkommen müsste, also konnte er meinetwegen ruhig so viel schlafen wie er wollte. Hauptsache er war bei mir.
Unten angekommen öffnete ich den Kühlschrank und fischte mir gezielt die Getränke heraus, die ich haben wollte. Im Nebenzimmer hörte ich jemanden reden, was ich zu ignorieren versuchte. Vom Klang her musste das mein Vater sein und den wollte ich gerade nicht sehen, Ferris war mir wichtiger. Also fuhr ich herum, nachdem ich hatte, was ich brauchte, und wollte nur noch schnellstmöglich zurück in mein Zimmer.
„Keine Sorge, Ferris geht es gut.“
Sofort blieb ich stehen. Warum redete mein Vater über Ferris? Und mit wem? In mir erwachte ein Groll, den ich seit meiner Kindheit mit mir herumschleppte. Egal, worum es genau ging, niemand sollte sich in meine Beziehung mit ihm einmischen. Niemand hatte das Recht uns zu beurteilen oder zu lästern. Niemand durfte über uns reden. Niemand nahm mir Ferris wieder weg.
Ich zwang mich dazu, mich zu beruhigen, statt mich gleich aufzuregen. Rückwärts ging ich einige Schritte näher zu der angelehnten Tür, die von der Küche ins Wohnzimmer führte. Dort hielt mein Vater sich gerade auf und unterhielt sich mit jemandem. Da ich einen vorsichtigen Blick riskierte, konnte ich sehen, dass er ein Telefonat führte und das Handy ans Ohr hielt. Mir genügten nur wenige weitere Wortfetzen und ich wusste wer sein Gesprächspartner war: Vincent.
„Ich glaube, sie schlafen noch“, berichtete mein Vater, eintönig wie eh und je – manchmal glaubte ich, er habe an nichts wirklich Interesse, weshalb er so etwas wie Begeisterung oder andere deutliche Stimmungen nicht kannte. „Ciar sorgt schon dafür, dass er anständig isst.“
Genervt rollte ich mit den Augen. Kaum durfte Vincent sich wieder offiziell als Ferris' Vater bezeichnen, übertrieb er es mit seiner Fürsorge. Allerdings musste auch ich zugeben, dass Ferris zu wenig aß und man ihn etwas zu oft dazu antreiben musste. Im Gegensatz zu Vincent wusste ich aber auf was er am besten ansprang. Nach dieser Nacht störte es mich extrem, Ferris mit diesem Therapeuten teilen zu müssen, dabei hatte ich mich zuvor eigentlich genau darauf eingestellt gehabt.
Es folgte Schweigen, sicher weil Vincent gerade derjenige war der sprach. Als sich die Stille mehr und mehr in die Länge zog wurde ich ungeduldig und wäre am liebsten ins Wohnzimmer gestürmt, doch ich beherrschte mich. Solcherlei Ausraster hätten nur zur Folge, dass man Ferris von mir trennen würde. So weit durfte es niemals kommen.
„Ich verstehe, das ist in der Tat eine schwere Entscheidung“, kam mein Vater dann endlich wieder zu Wort. Sein nachdenklicher Tonfall deutete auf nichts Gutes hin. „Laut Vane scheint sie momentan durchaus stabil genug dafür zu sein, aber wäre Ferris jetzt schon bereit dafür, seine Mutter wiederzusehen?“
Nein. Oh nein. Darüber unterhielten sie sich also. Angespannt knirschte ich mit den Zähnen und versuchte, kontrolliert zu atmen.
Das konnte nicht Vincents Ernst sein. Gerade er als Therapeut müsste wissen, dass es noch viel zu früh war schon über dieses Thema nachzudenken. Mir war es egal, ob Vincent Schuldgefühle hatte und seinem Sohn deshalb nichts mehr verschweigen wollte. Mich kümmerte es auch nicht, wie groß die Sehnsucht von Iris, der Mutter von Ferris, war. Es blieb ein Fehler. Er würde daran wieder erneut zerbrechen, davon war ich überzeugt. Dafür war er zu labil.
In meinem Kopf setzten sich bereits erste Bilder zusammen, wie ich jeden, der etwas darüber wusste, aus dem Weg schaffen könnte, um Ferris zu schützen. Dummerweise käme ich für jede dieser Ideen postwendend ins Gefängnis, lebenslänglich. Keine gute Option. Trotzdem ließen mich diese Gedankenspiele nicht los.
Obwohl Ferris nun mir gehörte, blieb alles in dieser Welt eine Gefahr für uns. Mit jeder Sekunde verstärkte sich dieser Gedanke und ließ mein Herz auf eine Größe anschwellen, die einen brennenden Schmerz in meiner Brust verursachte. So fühlte es sich jedenfalls an. Als könnte nur ein kleiner Nadelstich mich zum Explodieren bringen.
Mit solch einem inneren Druck konnte ich unmöglich zu Ferris zurück, vorher musste ich etwas dagegen tun. Es wäre wahrscheinlich vernünftiger, sich nicht in das Gespräch einzumischen, aber jetzt oder nie. Wie von selbst stellte ich die Flaschen auf eine der Ablagen und griff bereits entschlossen nach dem Türgriff, als mich eine vertraute Stimme innehalten ließ: „Hast du das gewusst?“
Ich drehte mich zur Seite: „... Ferris?“
Zuerst dachte ich, nein, betete ich dafür, mir das nur einzubilden. Wenige Schritte entfernt stand Ferris vor mir, in der Küche, dabei war er zum Aufstehen vorhin noch viel zu müde gewesen. Falls seine Sehnsucht nach mir ihn hierher getrieben hatte, war das der allerschlechteste Zeitpunkt für solch ein anhängliches Verhalten. Warum ausgerechnet jetzt?
„Du hast davon etwas gewusst, oder?“, wiederholte Ferris die Frage langsam.
Mist, hatte er es etwa auch gehört? Natürlich, die Stimme meines Vaters war durch unsere Arbeit besonders weitreichend und schien stets leise von Raum zu Raum zu wandern. In diesem Augenblick kam mir das wie die Melodie des Teufels vor, weswegen ich sie noch mehr hasste als sonst.
Ferris sah mich blass an, der Schock stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Mit seinem zerwühlten Haar und der zerknitterten Kleidung stand er verloren da, völlig fassungslos über das, was er gehört hatte. Nur vor einigen Minuten war er noch das genaue Gegenteil gewesen – genau das hatte ich vermeiden wollen. Mist.
„Hör zu, ich-“
„Erst die Sache mit Dad“, unterbrach Ferris mich, „dann unsere gemeinsame Vergangenheit und jetzt das. Warum verschweigst du mir solche wichtigen Dinge?“
„Ich weiß, das wird jetzt furchtbar dämlich und klischeehaft klingen“, erwiderte ich vorsichtig, aber ernst genug, um nicht so zu wirken als würde ich die Situation auf die leichte Schulter nehmen. „Ich wollte dich beschützen.“
Keinerlei Regung zeigte sich in Ferris' Gesicht, was mich ziemlich beunruhigte. Als er dann auch noch die Hand hob und sich wie in Trance über den Hals strich, erwachte in mir die Sorge, er könnte gleich anfangen sich selbst zu würgen. Deshalb hastete ich bereits einen Schritt auf ihn zu, doch er wich sofort zurück und schnaubte wütend.
„Bist du dir ganz sicher, dass das deine Antwort ist?“ Seine gesamte Körperhaltung war ablehnend mir gegenüber, während er das sagte. „Du spielst doch nur mit mir, oder? Macht es so mehr Spaß, statt einfach nur offen gemein zu mir zu sein?“
Statt mich zu rechtfertigen, ging ich weiter auf ihn zu, was ein großer Fehler war. Schon nach meinem nächsten Schritt fuhr Ferris herum und stürmte davon, auf die Haustür zu. Fluchend rannte ich ihm hinterher. Kurz darauf fand ich mich in einer Verfolgungsjagd durch die Stadt wieder und ließ Ferris nicht aus den Augen. Die Umgebung rauschte unscharf an mir vorbei, sämtliche Laute gingen in dem wilden Trommeln meines Herzens unter. Eisiger Wind peitschte mir ins Gesicht.
Jedes Mal, wenn ich dicht genug an Ferris herankam, so dass ich ihn greifen konnte, machte er plötzlich eine Kurve und bog um die nächste Ecke oder nutzte ein anderes Hindernis. So erwischte ich ihn einfach nicht. Seit wann war er so geschickt? Ich war viel schneller und trainierter als er, trotzdem bekam ich ihn nicht zu fassen. Das schien etliche Minuten so zu gehen. Auf meine Rufe reagierte er nicht. Warum? War ich für ihn nun auch nur noch ein Monster?
Kaum hatte mich dieser schreckliche Gedanke gepackt, endete unser Marathon endlich, auf einer Schrägseilbrücke. Sie führte über einen großen Fluss, der tosend wie eine Herde wild gewordener Tiere in eine Richtung davon strömte. Sogar mein Herzschlag war dagegen nur noch wie ein leises Wimmern und kaum noch zu hören.
„Ferris!“, keuchte ich atemlos – nicht aus Erschöpfung, sondern weil mein Innerstes Amok lief. „Was machst du da?!“
Flink war er auf das Geländer der Brücke geklettert, als hätte er sein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht. Er hielt sich an einem der Seile fest, das dort entlang verlief. Den Blick nach unten ins Wasser gerichtet. In mir brausten die Emotionen noch mehr auf.
„Hör auf damit.“ Ich klang tadelnd, dabei war ich gerade nur verrückt vor Sorge. „Lass uns in Ruhe reden, ja?“
Kein einziger Ton kam über Ferris' Lippen. Seine Augen blieben auf das Wasser fixiert. Erschrocken starrte ich auf die Würgemale an seinem Hals, die irgendwie größer geworden zu sein schienen und sich tiefer in seine Haut gebrannt hatten. Sie glühten und knackten wie ein richtiges Feuer, das nur darauf wartete mit seinen Flammen nach dem Himmel greifen zu können, um ihn in die Hölle zu verwandeln.
Der Hals von Ferris war nicht länger von einfachen Würgemalen übersät, sondern von Stichwunden, die sich wie eine Schlinge um ihn wickelten. Schon der Anblick ließ mich erahnen, wie schmerzvoll das sein musste. Brennend schmerzhaft.
„Ich kann nicht mehr“, hauchte Ferris furchtbar heiser und stotternd. „Ich halte das nicht aus.“
Noch bevor er das Seil loslassen und sich fallenlassen konnte, sprang ich los. Dachte gar nicht erst nach. Versuchte, ihn rechtzeitig zu erreichen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Egal, wie sehr ich mich abmühte und rannte, ich kam keinen einzigen Zentimeter näher an Ferris heran. Als würde ich auf der Stelle laufen.
Ehe ich begreifen konnte, was hier eigentlich los war, sah ich Ferris dann schon vom Geländer stürzen. In nicht mal einer Sekunde war er einfach verschwunden. In mir fiel alles zusammen wie ein Kartenhaus, dem genau das Stück entrissen worden war, auf dessen Grund das gesamte Konstrukt aufbaute.
Mit dem nächsten Wimpernschlag prallte ich dann schließlich selbst gegen das Geländer, das ich endlich erreicht hatte, nachdem es bislang unerreichbar gewesen war. Leider viel zu spät.
„Ferris!“
Einige weitere Sekunden lang war nicht dazu fähig etwas anderes zu tun, als hilflos dazustehen und in den Fluss hinab zu starren, in der Hoffnung, Ferris irgendwo entdecken zu können. Ich lehnte mich so weit dafür über das Geländer, dass ich bald ebenfalls stürzen könnte, doch das war mir egal. Tatsächlich entdeckte ich dann etwas in dem dunklen Wasser. Winzige Lichtpunkte. Mehrere. Nach und nach begannen sie hell zu strahlen. Rot. Wie die Herzen der Echos.
Erst da realisierte ich, was passiert war. Langsam lehnte ich mich zurück und entfernte mich einen Schritt von dem Geländer. Nur schleichend legte sich der Schleier um mich herum, durch den ich meine Umgebung nicht mehr wahrgenommen hatte, weil ich mich nur auf Ferris konzentriert hatte. Diese Schrägseilbrücke existierte überhaupt nicht in der Stadt, zumindest nicht in dieser Form. Sie schwebte mitten im Nichts, in einer Unendlichkeit, die einem Himmel ähnelte. Nur war dieser nicht blau, sondern bestand aus einer Mischung von verschiedenen Grüntönen. Kohlrabenschwarze Wolken schmückten das ganze aus, sie zuckten unruhig von einer Stelle zur anderen.
In der Ferne waren weitere Brücken zu sehen, genau dieselbe wie die, auf der ich gerade stand. Wie in einem Spiegel existierten unzählige Abbilder von ihr, allesamt in unregelmäßigen Abständen in diesem Himmel verteilt. Manche standen sogar auf dem Kopf oder lagen auf der Seite, zumindest von meinem Standpunkt aus wirkte es so.
Ein reißendes Geräusch dröhnte über diesen Ort hinweg, wie aus einem Nebelhorn geblasen, weshalb ich erschrocken zusammenzuckte. Im selben Moment erschien vor mir Ferris, der von oben heruntergestürzt kam. Um sein Hals schlang sich ein Seil, an dem sein Körper leblos hin und her baumelte. Die Leere in seinen Augen war derart schmerzhaft, dass mir der Atem stockte.
Obwohl dieser Körper eindeutig tot war, fing Ferris an zu sprechen, wobei er sogar die Lippen bewegte, wenn auch nur unheimlich krampfhaft und verzerrt: „Hast du es etwa vergessen?
Eine unmenschliche Flüsterstimme drang an mein Ohr, bohrte sich dort hinein und zersplitterte. Der Schmerz zog sich bis in meinen Kopf. Nur flüchtig bemerkte ich, wie nach und nach auch auf den anderen Brücken der tote Körper von Ferris erschien. An einem Seil erhängt, von der Spitze der Brücke baumelnd. Für jede einzelne Stimme, die sich anschließend zu Wort meldete:
„Wie lange willst du noch warten?“
„Wir nicht mehr.“
„Du hattest doch einen Plan.“
„Warum vernachlässigst du ihn?“
„Nicht gut.“
„Das wird gefährlich.“
„Hast du dein Ziel aus den Augen verloren?“
„Dabei hast du alles, was du brauchst.“
„Uns.“
„Deine Kraft.“
„Unsere Kraft.“
„Seine Kraft.“
„Mehr brauchst du nicht.“
„So war es geplant.“
„Oder hast du die Kontrolle verloren?“
„Zu schade.“
„Obwohl du einer von uns bist?“
„Hintergehst du uns am Ende?“
„Wage es nicht.“
„Du wirst es bitter bereuen.“
Tränen rannen über meine Wangen. Nicht, weil ich aus irgendeiner Emotion heraus weinte, sondern weil meine Augen so stark zu brennen anfingen. Die Hitze erfasste meinen gesamten Körper und mein Herz antwortete darauf, indem es kräftiger und schneller schlug. Es wollte aus meiner Brust ausbrechen und endlich wieder frei sein, sich entfalten. Auf die Stimmen seiner Brüder und Schwestern antworten.
Ich kann es ihm kaum verwehren.
Ich bin dieses Herz.
Grinsend legte ich den Kopf in den Nacken. „Was denn, was denn? Seid ihr etwa so nervös? Das verletzt mich. Ich dachte, es sei klar, dass ich meine wahre Familie nicht im Stich lasse?“
Ein protestierender Chor aus Stimmen preschte von allen Seiten her auf mich ein, griff mit gierigen Händen nach mir und versuchte, mich durchzuschütteln. Davon ließ ich mich aber nicht beeindrucken. Für mich war dieser Versuch der Kommunikation höchstens putzig, mehr nicht.
„Ich weiß, dass ihr es eilig habt“, entgegnete ich überlegen. „Und ihr wisst hoffentlich, dass ihr zu warten habt, bis ich den Zeitpunkt bestimme.“
Inzwischen war die einzige Farbe, die ich noch wahrnehmen konnte, Rot. Meine Augen zeigten gerade wahrscheinlich mehr denn je mein wahres Ich, was auch das Brennen erklären würde. Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf und legte eine Hand auf die Brust, hinter der mein Kern verborgen lag, umgeben von vielen anderen Herzen der Echos.
„Mir zu zeigen, wie Ferris krepiert, um mich zu testen und daran zu erinnern, wofür ich ihn brauche, ist überflüssig“, flüsterte ich bedrohlich. Mein Grinsen schwand. „Hört endlich auf damit, diese Nummer abzuziehen. Was ich mit meinem menschlichen Körper treibe, geht euch nichts an. Diese Art der Freizeitbeschäftigung könnt ihr sowieso nicht nachvollziehen.“
Aus den Tiefen des Flusses versuchte mich etwas magnetisch anzuziehen, doch ich schenkte dem nicht mehr Beachtung als nötig. Immerhin stand der Plan schon lange und ich ließ mich davon nicht abbringen. Niemand, weder Menschen noch Echos könnten mich aufhalten.
„Wir werden alles zerstören, was uns im Weg steht“, sagte ich finster, im Einklang mit den anderen Echos. „Um zu überleben, werden wir zerstören.“
Schon sehr bald. Nicht mehr lange, dann konnten wir diesen Plan in die Tat umsetzen. Beim Gedanken daran kribbelte mein Körper vor Erregung und das Brennen in meinen Augen wurde intensiver.
„Vergiss es nicht.“
„Wir beobachten dich.“
„Und wir wissen, was du getan hast.“
„Wenn du uns doch noch hintergehst, verraten wir ihm, dass es deine Schuld war.“
„Dieser Brand.“
„Genau.“
„Du weißt, wovon wir reden.“
„Ferris hat sein Haus und seine Familie nur deinetwegen verloren.“
„Und jetzt tust du so, als wärst du sein Freund.“
„Monster.“
„Du bist genau wie wir.“
„Bilde dir nichts ein.“
Ich spürte einen leichten Druck in der rechten Schulter, weshalb ich herumfuhr und direkt meine Wut in Flüche verpacken wollte, aber ich konnte rechtzeitig innehalten. Hinter mir stand Ferris, vollkommen lebendig, genau wie vorher. Wir standen auf der Treppe, die hinauf in den ersten Stock führte, wo sich mein Zimmer befand. Plötzlich war alles wieder vollkommen normal. Keine Brücken. Keine Stimmen. Alles normal.
„Wow, Sorry.“ Überfordert rieb Ferris sich die Augen, noch genauso müde wie vorher. „Du hast so lange gebraucht.“
Sofort wurden meine Gesichtszüge weicher und ich lächelte ihn an. „Oh, hat mich da etwa jemand vermisst?“
„Ich sollte jetzt aus Prinzip Nein sagen“, kommentierte Ferris grummelnd.
Er schnappte sich die Cola, die ich in einer Hand hielt, obwohl ich sie vorhin unten in der Küche abgestellt hatte – das musste also auch schon Teil der Illusion gewesen sein. Da Ferris im Anschluss gleich nach oben trottete, folgte ich seinem Beispiel und wir gingen gemeinsam ins Zimmer zurück. Dort war der Raum erfüllt von Ferris' Geruch, was äußerst beruhigend auf mich wirkte. Es war wie das Paradies.
Erschöpft ließ ich mich auf dem Bett nieder, wo ich meine Wasserflasche öffnete, mehrere Schlücke auf einmal nahm, um das brodelnde Feuer in mir zu löschen. Schon schlimm genug, dass sich meine Brust nach wie vor zu eng für mein Herz anfühlte, das diese Hitze verursachte. Wie konnten die Echos es wagen mir zu drohen? Dachten sie etwa wirklich, sie könnten mit mir spielen? Derjenige, der sich das erlauben konnte, war ich, sonst keiner.
„Alles okay?“, wollte Ferris wissen, der verschlafen an seiner Cola nippte.
Erfrischt ließ ich von der Wasserflasche ab und strich mit dem Handrücken über meinen Mund. Ich wollte lässig versichern, dass alles in Ordnung sei und er lieber mit mir rummachen sollte, statt dumme Fragen zu stellen, aber …
„Vertraust du mir?“, fragte ich unruhig, was mehr als untypisch für mich war.
Glücklicherweise war Ferris noch zu müde, deshalb nahm er das sicher noch nicht richtig wahr. Dennoch wirkte er natürlich überrascht und sah mich nachdenklich an.
„Hä?“
„Das ist keine anständige Antwort.“ Ein feiner Rotstich trübte meine Sicht immer noch ein bisschen. „Was auch immer passiert, du vertraust mir, oder?“
Überfordert fuhr Ferris sich durch die Haare. „Nun, ja. Schätze schon. Ich glaub nicht, dass ich wen lieben könnte, dem ich nicht vertraue.“
Schlagartig ging die Schwellung zurück und mein Herz schmerzte nicht mehr so sehr in meiner Brust wie vorher. Ich fühlte mich leichter. Jetzt war ich wieder Ich.
„Gut.“ Sanft zog ich Ferris näher zu mir, um meinen Guten-Mittag-Kuss einzufordern. „Ich werde alles tun, damit das so bleibt.“
Tief in mir tuschelten die Stimmen der Echos spöttisch miteinander und bemühten sich gar nicht darum leise zu sein: „Du machst dir selbst etwas vor, Ciar.“
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