Between evil voices and innocent hearts

GeschichteDrama, Horror / P16 Slash
04.06.2019
04.08.2020
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01.08.2020 4.897
 
Seit meinem ersten Besuch im sagenumwobenen – von Ciar verhassten – Echo-Institut waren zwei Wochen vergangen. Extrem creepy, dass tatsächlich schon so viel Zeit vergangen war. Erst recht wenn sie für einen selbst irgendwie still stand. An jedem neuen Tag war ich ganz schön verwirrt, sobald ich das Datum auf meinem Handy checkte und feststellen musste, wie weit sich die Welt bereits weitergedreht hatte. Ich könnte sowas von schwören, gerade eben erst von der Untersuchung bei Vane zurückgekommen zu sein.
Sogar die Erleichterung darüber, dass ich mich endlich einfach in meinem Zimmer auf's Bett hatte fallen lassen können, war für mich noch greifbar. Wäre Dad nicht da, der mir regelmäßig versicherte, mein Handy sei vollkommen in Ordnung und zeige das korrekte Datum an, hätte ich es auf das klägliche Versagen der Technik geschoben. Aber so musste ich mich damit abfinden, mit diesem surrealen Gefühl der verzerrten Zeitwahrnehmung – ha, ich kann richtig poetisch sein, so als Schulabbrecher.
Faul lag ich also überwiegend nur auf meinem Bett herum, immerzu mit dem Handy beschäftigt. Diese ominöse Textnachricht blieb verschwunden. Weg, nicht mehr im Speicher auffindbar – und ich hatte echt alle möglichen Ordner mehrmals danach abgesucht. Plötzlich war sie zu einer Einbildung geworden, wodurch sie niemals wirklich existiert hatte. Aber auch hierbei war ich mir sicher, dass sie da gewesen war. Natürlich schob Dad das auf meinen psychischen Zustand. Warum erzählte ich ihm solche Dinge überhaupt noch?
Zwar war er mein Vater, ging mir mit dieser therapeutischen Sichtweise aber gewaltig auf den Sack, genau wie die Sitzungen. Oder die Tabletten. Wir konnten uns nach wie vor nicht mal richtig aussprechen, unsere Unterhaltungen waren dafür zu zäh. Wie konnte Freude und Glück sich derart rasant wieder ins Negative umwandeln? Das war richtig abartig. Mir fehlte das warme Gefühl von Geborgenheit, als ich in Dads Armen lag und einfach nur froh war, mich an ihn zu erinnern.
In diesem Moment war aber auch Ciar in meiner Nähe gewesen. Zwei Wochen hatte ich ihn nicht gesehen, doch wenigstens waren in den letzten Tagen einige normale Textnachrichten von ihm bei mir angekommen. In denen regte er sich tierisch über das Echo-Institut auf, weil es ihm zurzeit viel zu viel Arbeit aufdrückte. Angeblich könnte er mich deswegen im Moment nicht mal besuchen kommen. Zu beschäftigt, hieß es. Obwohl er mir versprach, dass wir uns so bald wie möglich treffen würden, fühlte ich mich heftig abserviert.
„Bullshit“, knurrte ich leise, während ich auf das schwach beleuchtete Display meines Handys starrte, als wäre es das Tor zur richtigen Welt. „So etwas wie Arbeit hält dich doch sonst auch nicht von dem ab, was du willst.“
Vielleicht wollte Ciar mich gar nicht mehr sehen. Dieser Gedanke wuchs durch meine Zweifel immer mehr zu einem monströsen Tumor heran, der nicht mehr zu entfernen war. Was, wenn Ciar nach zehn Jahren letztendlich doch das Interesse an mir verloren hatte, weil er erkannte, wie sehr er sein Leben mit mir verschwendete? Oder es war jemand anderes in seinem Leben aufgetaucht, mit dem er seinen großen Plan viel effektiver durchführen konnte, weshalb er mich nicht mehr benötigte.
Ich hasste diesen teuflischen Gedankenstrudel.
„Was gefällt dir denn an mir auf einmal nicht mehr?“, stellte ich das Handy zerknirscht zur Rede. „Dass ich verkorkst und ein hoffnungsloser Jammerlappen bin, wusstest du doch schon vorher. Also was hält dich so plötzlich von mir fern? Stört es dich etwa doch, dass ich ein Kerl bin?“
Dabei waren wir als Kinder ein Herz und eine Seele gewesen. Mir waren inzwischen noch viele weitere Erinnerungen an damals durch den Kopf gegangen, ich hatte die kitschig blumenhafte Aura um uns herum vor meinem inneren Auge klar und deutlich erkennen können. So nahe hatten wir uns gestanden. Aber das war Vergangenheit, was ist mit der Gegenwart?
Liebte Ciar mich noch?
Seine aufdringliche Art fehlte mir. Er fehlte mir.
Seufzend sank mein Kopf nach hinten auf das Kissen und meine Hände fielen mir mitsamt dem Handy auf die Brust. Es war nicht nur die Sache mit Ciar, wegen der ich über dieses Thema wieder intensiver nachdachte. Ich glaubte auch, dass Dad sicher glücklicher darüber wäre, hätte Eri, meine kleine Schwester, den Brand damals überlebt, nicht ich. Jedenfalls wäre er besser dran mit einem lebensfrohen und aufgeschlossenem Mädchen, als mit einem verzweifelten Jungen, der ihm ständig Kopfzerbrechen bereitete.
Dann sag es.
Sofort schreckte ich auf. Ein dumpfes Geräusch ertönte, als mein Handy durch diese ruckartige Bewegung auf den Boden fiel.
Vor mir, auf meinem Bett, stand Eri. Das verbrannte, kleine Mädchen, an dessen Namen ich mich lange nicht mehr erinnern konnte, weil ich sie aus meinem Gedächtnis gelöscht hatte. Sie war so stark verbrannt, dass man sie eigentlich überhaupt nicht mehr wiedererkennen konnte. Trotzdem wusste ich, wer sie war. Schon zuvor hatte ich stets gewusst, dass es sich um meine Schwester handelte.
Alles an ihr war kohlrabenschwarz, Bröckchen aus Asche verschmutzten die Bettwäsche. Ihre Kleidung war vom Feuer gänzlich verschlungen worden, ebenso wie ihre Haare. Nur ihr abgemagerter, zerbrechlicher Körper war noch übrig. Wie ein Skelett, das auf unmögliche Weise durch eine dünne, verkohlte Haut zusammengehalten wurde.
Der Geruch von verbranntem Fleisch stach in meiner Nase und brachte mich ein wenig zum Würgen, aber ich riss mich zusammen.
„Eri“, sagte ich zögerlich.
Ich versuchte, mich auf ihre Augen zu konzentrieren. Sie waren das einzige, was man noch gut erkennen konnte. Leider fiel es mir schwer, ihren restlichen Körper nicht geschockt anzugaffen und dabei in Schuldgefühlen zu versinken.
„Du bist nur eine Einbildung“, wollte ich mich selbst beruhigen.
An so eine komische Nachricht glaubst du, aber an mich nicht?“, stellte sie gekränkt fest.
Recht hatte sie, ich wollte ihr ausweichen. „Es tut mir leid ...“
Dann sag es endlich“, forderte sie erneut. Ihre Stimme klang so hoch, es verursachte ein unangenehmes Piepen in meinen Ohren. „Sag es laut, dass du es willst.
Hätte ich aufstehen und zu Dad gehen sollen? Selbst wenn ich den Mut dazu besäße, ich wäre bestimmt nicht weit gekommen. Die Atmosphäre war gefährlich angespannt und die Luft schien immer dünner zu werden, was mich davon abhielt mich zu bewegen. Etwas in mir befürchtete, sofort in Flammen aufzugehen, sobald ich die Flucht ergriff.
„Was meinst du?“ Lange musste ich nicht überlegen. „Du meinst, eine Frau zu sein?“
Zuvor hatte Eri nur aufrecht und starr dagestanden, aber nach meinen Worten bewegte sie sich schwerfällig einen Schritt auf mich zu. Ihr gesamter Körper knackte und knirschte wie Holz, das kurz davor war zu zersplittern. Diese Laute ließen mich schaudern. Weitere Brocken Asche fielen auf das Bett hinab, einige davon glühten noch ganz schwach. Kaum sichtbare Rauchfäden stiegen von ihnen langsam in die Luft. Mein Blick fixierte sich darauf und ich bekam Panik, dass der Stoff anfangen könnte zu brennen.
Sag es!“, herrschte Eri mich an, ihr Kreischen klingelte laut in meinen Ohren.
Dann packte mich etwas kraftvoll am Hals und stieß mich gewaltsam wieder runter auf das Bett. Es passierte so plötzlich und unerwartet, dass ich erst einige Sekunden später Eri über mir wahrnahm, die mich mit ihren Händen würgte. Unbeholfen tastete ich nach ihnen und rang nach Luft. Obwohl ihr Körper kurz davor war in sich zusammenzufallen, besaß sie noch so viel Kraft. Mehr, als es jemals hätte möglich sein können. Sowohl für ein kleines Mädchen als auch für eine Einbildung.
Benutze deine Stimme und sag es!“, schrie Eri aus voller Kehle, mit dem Blick einer Wahnsinnigen. Ihre Augen waren so weit aufgerissen, dass sie jederzeit einfach herauszufallen drohten. „Wenn du dich so schwer tust mit dem Leben, dann tu es! Befehle es dir! Wünsche dir, eine Frau zu sein! Lass mich weiterleben und verschwinde!
Erfolglos versuchte ich ihren Namen zu sagen, aber ich bekam nicht mal ein Krächzen zustande. Obendrein füllte sich dann auch noch mein Mund mit etwas, dessen Konsistenz an Pappe erinnerte. Jeder einzelne Brocken Asche, der von Eri abgefallen war, schien zum Leben zu erwachen und kroch an mir herauf wie eine Spinne, jedenfalls fühlte es sich so an. Nach und nach zwängten sie sich durch meine Lippen. Sie bewegten sich wie durch Magie. Der pappige Geschmack trocknete meinen Mund aus und brachten mich abermals zum Würgen.
Ich wollte Eri wegstoßen, doch neben ihrer unmenschlichen Stärke fühlte ihr Körper sich tonnenschwer an und rührte sich keinen Millimeter. Innerlich war ich längst richtig panisch, zumal mir sogar schon schwindelig wurde und vor meinen Augen alles zu verschwimmen anfing. Wie sollte ich so einen Befehl aussprechen können? Wäre das überhaupt möglich, wenn ich es tun könnte? Erinnerungen auszulöschen war etwas ganz anderes, als mal eben so das Geschlecht zu wechseln.
Ich kniff die Augen zusammen, mein Kopf war wie leergefegt. Ein letztes Mal versuchte ich mich zu wehren und mich aus Eris Griff zu befreien. Mit ganzer Kraft rollte ich mich hin und her, bis wir tatsächlich über die Bettkante Richtung Boden fielen. Gleichzeitig hörte ich das Rasseln von Ketten. Mit voller Wucht kam ich seitwärts auf, landete mit der Schulter genau auf dem Handy.
Der Sturz musste Eri überrascht und sie abgeschüttelte haben, denn ich konnte mich auf einmal wieder bewegen. Würgend versuchte ich die Brocken auszuspucken, die in meinem Mund zu einer widerlich klebrigen Masse geworden waren. Anfangs schien es zwecklos zu sein, ich bekam das Zeug nicht richtig raus. Erst als ich mit den Händen nachhalf, konnte ich meinen Mundraum so weit befreien, dass ich endlich wieder anständig durchatmen konnte.
Hektisch nahm ich mehrere tiefe Atemzüge hintereinander, bis mich ein schmerzendes Kratzen im Hals stark husten ließ und ich weitere Reste von den Aschebrocken ausspuckte. Mühevoll zog ich mich mit den Händen auf die Seite und richtete mich ein Stück auf, so dass ich mich mit den Armen am Boden abstützen konnte. Hustend verharrte ich eine ganze Weile in dieser Position.
Ich benötigte viel zu viel Zeit, bis ich halbwegs normal atmen konnte und der Husten nachließ. Kaum war ich einigermaßen stabil, griff ich nach meinem Handy und wollte irgendeine Nummer wählen, um Hilfe zu rufen. Kurz bevor ich dieses Vorhaben wirklich umsetzen konnte, hielt ich inne. Meine Hände … sie waren total verkrampft, zittrig und weiß, als hätte ich mich mit aller Kraft an etwas festgehalten.
Nervös rutschte ich auf dem Boden herum, ohne zu wissen, wo ich eigentlich mit mir hin wollte. Mein Hals schmerzte höllisch, das Schlucken fiel mir schwer. Als ich mich umsah bemerkte ich, dass Eri verschwunden war. Weg, genau wie sich die seltsame Textnachricht einfach in Luft aufgelöst hatte. Nicht mal von der Asche war noch etwas zu finden, auch nichts von der ausgewürgten Masse. Dabei war mein Mund immer noch furchtbar trocken.
Konnte eine Einbildung so krass ausarten? Nein, jemand hatte mich eindeutig gewürgt, in der Realität.
„Scheiße“, krächzte ich heiser und schüttelte den Kopf. „Ich selbst?“
Hatte ich mir das selbst angetan? Traurigerweise war dieser Gedanke nicht mal abwegig, aber warum hatte ich dabei solch eine Halluzination von Eri gehabt? So durchgeknallt war ich eigentlich nicht. Wenn ich mich verletzte, tat ich das anders. Nicht so. Diesen pappigen Geschmack im Mund erklärte das auch nicht. Überfordert raufte ich mir die Haare.
Auf keinen Fall durfte Dad etwas davon erfahren, das war tatsächlich meine größte Sorge. Sonst erhöhte er nur die Dosis der Tabletten oder reimte sich irgendwelche Ursachen dafür zusammen. Was auch immer das für ein Anfall gewesen sein mochte, ich musste sofort alles tun, um das bestmöglich zu vertuschen. Eine Überreaktion von Dad war das letzte, was ich gebrauchen konnte.
Hastig stand ich auf, was mit weichen Knien und zittrigen Gliedern eine Kunst für sich war. Anschließend schlich ich mich zielstrebig aus dem Zimmer, huschte Richtung Bad. Dort wollte ich richtig zur Ruhe kommen und mir das ganze Ausmaß dieses Anfalls genauer ansehen.

***


Etwa zwei Stunden später fühlte ich mich gefasst und erholt genug, um nach unten ins Erdgeschoss gehen zu können. Mein Ziel dort war die Küche, denn ich brauchte dringend etwas zu essen und zu trinken, damit ich den ekligen Geschmack im Mund los wurde. Leider waren an meinem Hals deutliche Spuren zu sehen, darum trug ich einen Schal – zu meinem Glück war das in dieser kühleren Jahreszeit nicht allzu fragwürdig.
Als ich unten ankam, hörte ich zwei Stimmen aus dem Wohnzimmer. Irritiert runzelte ich die Stirn. Hatten wir Besuch? Einer von Dads Patienten konnte es nicht sein, denn in dem Fall würden sie sich im Behandlungszimmer aufhalten. Außerdem sprachen beide auffallend leise, wahrscheinlich meinetwegen, so dass ich nicht gestört wurde. Oder weil ich etwas nicht nicht mitbekommen sollte.
Vorsichtshalber kontrollierte ich nochmal, ob der Schal richtig saß und alles verdeckte. Erst dann beschloss ich, meine Neugier zu befriedigen und den Stimmen auf den Grund zu gehen. Klar, eine davon gehörte Dad. Je näher ich dem Wohnzimmer kam, umso mehr wurde mir bewusst, dass ich auch die andere Stimme kannte. Sie war mir verdammt vertraut, aber mir wollte kein Gesicht dazu einfallen.
Erst als ich schließlich im Türrahmen stand und das Wohnzimmer überblicken konnte, glaubte ich kaum, was ich sah – und noch weniger, nicht sofort darauf gekommen zu sein. Direkt stürmte ich regelrecht ins Wohnzimmer hinein, steuerte gezielt auf das Sofa und den Sessel zu. Letzteren besetzte Dad. Und die andere Person war …
„Ciar?!“, platzte es aus mir heraus, mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und Ärger.
Dad zuckte kaum zusammen, wandte mir jedoch zuerst den Blick zu und sprach gewohnt ruhig mit mir. „Ich dachte, dass du schon schläfst.“
Auf seine Aussage reagierte ich gar nicht, sondern ging um das Sofa herum, weil ich mit Ciar reden wollte. Mir brannte schon die empörte Frage auf den Lippen, warum er nicht auf mich reagierte und lieber hier unten alleine mit Dad zusammensaß, statt mit mir. Er hätte mich für ein knappes Hallo ruhig wecken können, wäre ich wirklich schon im Traumland gewesen.
„Tut mir leid, Ferris“, entschuldigte die andere Person sich. „Ich bin es nur.“
Jegliches Gefühl in mir erstarrte augenblicklich zu Eis. Auf dem Sofa saß nicht Ciar. Von hinten betrachtet hatten das schwarze Haar und die Haltung mein Gehirn automatisch in die Irre geführt.
„Oh ...“ Meine Glieder wurden schwer. „Hey, Kieran ...“
Natürlich, es konnte gar nicht Ciar sein. Er musste arbeiten. Seine Stimme klang zudem anders. Und Ciar würde sicher nicht mit Dad reden, solange er das nicht tun musste. Ciar hätte es nichts ausgemacht, mich zu wecken, schon um mich zu ärgern und sich an meiner Schläfrigkeit zu amüsieren. Dann wäre das Ganze in ein hitziges Wortgefecht ausgeartet.
Da wurde es mir klar. Ich war so enttäuscht, nicht Ciar vor mir zu haben, dass es mir die Kehle nochmal zuschnürte, obwohl diesmal niemand meinen Hals berührte. In mir breitete sich eine so große Leere aus, wie ich sie in der Form noch nicht gespürt hatte. Noch vor wenigen Monaten hätte ich alles dafür gegeben, Kieran zu sehen. Mein Herz wäre vor Aufregung durchgedreht, doch es tat sich nichts mehr.
Meine Gefühle für Kieran hatten sich verändert.
Ich mochte ihn immer noch, aber jetzt …
„Geht es dir nicht gut?“, hörte ich Dad besorgt fragen.
Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie er sich bereits aus dem Sessel erhob, wodurch ich aus meiner Trance erwachte und ihm rasch antwortete: „Ja, alles klar. Sorry, ich hab nur nicht mit Kieran gerechnet.“
„Sondern mit Ciar“, führte dieser weiter aus, ohne jeglichen Vorwurf in der Stimme. „Das ist verständlich. Darum habe ich darauf verzichtet, zu dir zu gehen und dich zu begrüßen, weil ich dir die Enttäuschung ersparen wollte.“
„So ist das nun auch nicht!“ Kierans Gefühle zu verletzen war niemals meine Absicht gewesen. „Es ist schön, dich mal wieder zu sehen. Echt.“
Sicher war ich mir nicht, aber es sah so aus, als würden sich Kierans Mundwinkel leicht heben, als er mir verstehend zunickte. Danach mischte sich schon Dad ein, der nun neben mir stand und mich besorgt aus der Nähe musterte.
„Was soll denn der Schal?“, wollte er wissen – das musste ja kommen.
„Ich hab etwas Halsschmerzen“, ratterte ich meine zurechtgelegte Lüge herunter. „Vielleicht kriege ich eine Erkältung oder so. Im Internet steht, dass Wärme hilft, also hab ich mir den Schal umgelegt. Ein Pullover wäre mir nämlich doch zu warm.“
Sich vor Dad nicht zu verraten war ein hartes Stück Arbeit. Sein Blick schien sich bis auf den Grund einer Seele zu bohren, wo er alles über einen herausfand. Da er mich auffallend lange musterte, befürchtete ich schon verloren zu haben, aber dann nickte er für sich selbst und deutete zu dem Sessel, auf dem er bis eben noch gesessen hatte.
„Setz dich. Ich mache dir einen Tee, das hilft am besten gegen Halsschmerzen.“
Nett gemeint, Dad, doch ich verabscheute heiße Getränke. Erst recht Tee. Igitt. Ohne Zucker war das Zeug kaum trinkbar.
„Nicht nötig“, lehnte ich dankend ab. Bevor Dad mich streng darauf hinweisen könnte, dass ich mit meiner Gesundheit nicht so leichtfertig umgehen sollte, warf ich eine Frage ein. „Warum bist du eigentlich hier, Kieran?“
Schweigend hatte er Dad und mich beobachtet, bis ich ihn wieder direkt ansprach, worauf er reagieren konnte. „Ich habe mich um einige Echos gekümmert, die sich vermehrt in dieser Gegend aufhielten. Zur Vorsicht wollte ich noch etwas in der Nähe bleiben und abwarten, ob sich weitere zeigen. Da bot es sich an, hierher zu kommen.“
Großes Staunen zeigte sich in meinem Gesicht. „Heißt das, du jagst Echos?“
Ausgerechnet der in sich gekehrte, eher schweigsame und zierlich wirkende Kieran? Sich das vorzustellen war schwer. Und dann knallte er mir das auch noch so direkt an den Kopf.
„Jemand muss sich um sie kümmern“, erklärte Kieran mit einem Tonfall, als wäre es nicht der Rede wert – seit wann konnte er auch so cool sein?
Dad war über Kierans Offenheit sichtlich unzufrieden. Sicher hätte er sich gewünscht, dass ich von den Echos in der Gegend nichts erfuhr, erst recht nichts von Jägern. So konnte ich mir aber zusammenreimen, wie dieser Anfall vor zwei Stunden zustande gekommen sein könnte. Wahrscheinlich hatte es an den Echos gelegen. Ihre Anwesenheit musste mich derart negativ beeinflusst haben, dazu waren sie mit Leichtigkeit fähig. Etwas daran kam mir dennoch seltsam vor, ich wusste nur nicht was. Ein entscheidendes Detail musste unstimmig sein.
Egal. Der Anfall war vorbei, ich wollte erst mal nicht mehr darüber nachdenken. Mich interessierte mehr, ob die gesamte Familie der Belfonds für das Institut arbeitete. Ihr Wohlstand in Form dieser Luxusvilla ließe sich dadurch erklären. Wenn sogar Reni irgendeinen Job für diese Organisation ausübte, grenzte das fast schon an einen Familienbetrieb.
„Du musst dir wegen den Echos keine Sorgen machen“, riss Dad mich aus meinen Gedanken. Seine Hände legten sich auf meine Schultern und lenkten mich ein wenig zum Sessel. „Kieran wird sich, wie er schon sagte, um sie kümmern. Du kannst also beruhigt sein.“
Konnte ich nicht. Warum sammelten sich Echos in der Nähe? Meinetwegen? Ein zweites Mal wollte ich das Szenario nicht erleben, wie mein Zuhause und meine Familie durch ein Feuer zerstört wurden. Als sich der Gedanke einschleichen wollte, dass der Unfall damals demnach doch meine schuld gewesen war, weil ich das Echo überhaupt erst angelockt hatte, schien mein Hals sofort noch schmerzvoller zu brennen.
„Wir-“
„Ich will zu Ciar“, unterbrach ich Dad, bevor er den Satz richtig anfangen konnte, und weigerte mich, auf dem Sessel Platz zu nehmen. „Nicht bald oder irgendwann demnächst, sondern jetzt.“
Zunächst war Dad von dieser Ansage wie gelähmt und schien in seinem Kopf sämtliche Möglichkeiten durchzugehen, wie er darauf reagieren sollte. Erstaunlich schnell entdeckte er dabei einen Einwand, der erschreckend logisch und nachvollziehbar war: „Jetzt? Ciar ist doch mit seiner Arbeit beschäftigt, oder nicht?“
„Das ist kein Hindernis.“ Halte mich nicht davon ab, Dad! „Dann helfe ich ihm halt dabei.“
„Auf keinen Fall“, widersprach Dad prompt, seine Mimik verfinsterte sich etwas. Da er mir dabei nicht mehr in die Augen sah, galt dieser Ausdruck wohl nicht mir. „Das ist viel zu gefährlich. Falls Ciar dir genauer erzählt hat, wie seine Arbeit abläuft und was sie beinhaltet, muss dir das bewusst sein. Auch, dass diese Arbeit nicht jeder machen kann.“
Zu gerne hätte ich offenbart, gegen wie viele Echos ich schon gekämpft und gewonnen hatte, nur um Dads ungläubiges Gesicht zu sehen. Mir war Ciars Arbeit vertraut, ziemlich gut. Und ich war verdammt großartig darin, Echos zu vermöbeln. Da ich sonst nie etwas Gutes über mich zu sagen wusste, konnte ich mir darauf ausnahmsweise etwas einbilden.
„Woher willst du das wissen? Du lässt es mich nicht mal versuchen.“ Langsam wurde ich wütend, immer nur ein Nein zu hören zu bekommen, besonders wenn es um Ciar ging. „Ich war lange genug geduldig! Darf ich Ciar überhaupt mal wiedersehen?! Mir kommt es so vor, als würden du und das scheiß Institut mich von ihm fernhalten wollen!“
Mitten in meiner Anschuldigung erkannte ich, wie dämlich ich gewesen war. Das musste die Erklärung für alles sein. Ciar bekam absichtlich mehr Arbeit vom Echo-Institut aufgedrückt, so dass ihm die Zeit dafür fehlte, sich mit mir zu treffen. Außerdem hakte Dad auch täglich öfters nach, ob ich schon mit Ciar getextet oder telefoniert hätte. Anscheinend nicht aus väterlichem Interesse, hier ging es nur um Kontrolle.
„Mit dieser Annahme liegst du vollkommen falsch“, kam es von Kieran, was er seltsam bestimmt und überzeugt sagte. „Zu solch hinterhältigen Taten greift das Institut ganz gewiss nicht. Das kann ich dir versichern.“
„Warum hält man mich dann so krankhaft hartnäckig davon ab, ihn zu sehen?!“, keifte ich nun auch Kieran an – etwas, wofür ich mich im Sommer noch selbst verflucht und verachtet hätte.
„Weil der Verdacht besteht, dass Ciar dich mit seiner Stimme manipuliert hat“, offenbarte Kieran mir, wobei er sich von meiner Wut nicht abschrecken oder gar kränken ließ.
„Wir hatten darüber gesprochen, noch eine Weile zu warten“, meinte Dad, enttäuscht über diesen Verrat; das sagte mir der leicht eisige Tonfall in seiner Stimme, was ich so noch nie bei ihm erlebt hatte. „Warum tust du das jetzt?“
Nicht nur Dad, auch Kieran überraschte mich mit seinem ungewöhnlichen Verhalten. Die Art, wie er dastand und das lebendige Leuchten in den sonst dunklen Augen zeigte mir, dass er kein bisschen an seiner Entscheidung zweifelte. So ähnlich waren sich Kieran und Ciar als Zwillinge sicher nur selten – unglaublich, es war also doch möglich.
„Zwei Wochen sind vergangen und Ferris litt in dieser Zeit nicht an Kopfschmerzen oder anderen Beschwerden, die darauf hingedeutet hätten, dass er einem Befehl nicht nachkommen kann. Die Ohrenschmerzen zwischendurch sind den von Echos Besessenen zuzuschreiben. Er verlangt von sich aus, Ciar zu sehen“, ging Kieran souverän auf Dads Frage ein. „Ich fand diesen Test ohnehin von Anfang an unnötig. Es wäre unter Ciars Würde gewesen, Ferris durch Zwang an sich zu binden und im Anschluss damit anzugeben. Dafür war er stets zu stolz darauf gewesen, Ferris als seinen Partner bezeichnen zu können.“
Geschah das hier gerade wirklich? Mir fiel es etwas schwer, dem Ganzen noch zu folgen. Still und heimlich hatte Dad mich also bewusst von Ciar fernhalten wollen? Nur wegen eines lächerlichen Verdachts? Falls Kieran die Wahrheit über das Echo-Institut sagte, dann war der Zufall meinem Vater unverschämt großzügig entgegengekommen. Traurig, jeder sah in Ciar offenbar nur etwas Schlechtes. Sogar Dad, so wie es aussah. Gerade jemand wie er hätte Ciar eine Chance geben sollen. Ruckartig riss ich mich von ihm los und wich vor ihm zurück. Meine Augen mussten vor Enttäuschung und Wut regelrecht glühen.
„Ich dachte, ich kann dir vertrauen“, gab ich bedrückt von mir.
Meine Worte trafen Dad sichtlich, sein Gesicht verzog sich leidend. Statt einer Ausrede oder Entschuldigung, konfrontierte Dad mich nach einigen Sekunden nur mit einer Frage: „Warum willst du zu Ciar?“
„Ich-“
„Denk gründlich darüber nach“, riet er mir, womit er mich unterbrach. „Ich bin nicht umsonst Therapeut, Ferris. Mir ist schon seit Beginn eurer Beziehung aufgefallen, dass etwas daran nicht stimmt.“
Ich sah ihn mit großen Augen an. „Was?“
„Sämtliche Gesten und Zeichen von Liebe gingen einzig von Ciar aus, während du sie einfach nur angenommen, vielmehr über dich ergehen lassen hast. Nichts davon hast du von dir aus richtig erwidert“, schilderte Dad mir seine Beobachtungen – mir wurde mit jedem Wort flauer im Magen. „Auch die anderen bestätigten mir das, als ich sie danach fragte. Daher sollte der Verdacht gegen Ciar absolut verständlich sein. Ich hätte gerne schon früher eingegriffen, aber ich war eben nun mal leider nur dein Therapeut.“
Darauf konnte ich nichts sagen, obwohl mir bewusst wurde, was Dad die ganze Zeit durchgemacht haben musste. Vor allem meine Übernachtungen bei Ciar hatten ihn bestimmt verrückt gemacht vor Sorge.
„Allerdings verbesserte sich dein Zustand dann bald doch sichtlich, was ich sehr begrüßte, also beließ ich es dabei, euch nur im Auge zu behalten.“ Kein einziges Mal brach Dad den Blickkontakt zu mir ab, was mir zeigte, dass er ehrlich zu mir sein wollte, es bislang aber einfach noch nicht sein konnte. „Das änderte trotzdem nichts an meiner Befürchtung, dass du nicht aus Liebe mit Ciar zusammen warst. Als dein Vater möchte ich dich nicht an so einer Beziehung zerbrechen sehen. Bevor ich dir erlauben kann, wieder zu ihm zu gehen, möchte ich, dass du dich selbst fragst, warum du bei ihm sein willst. Liegt es eventuell daran, weil Ciar dir das Gefühl von Sicherheit gibt? Weil er nicht nur Echos von dir fernzuhalten weiß?“
Das … brachte mich nun komplett durcheinander, von meiner Wut war nichts mehr übrig. Ja, ich hatte Dad in den vergangenen Monaten erzählt, dass ich mich mit Ciar sicher fühlte, sobald er sich nach unserer Beziehung erkundigt hatte. Auch jetzt war dieser Grund der erste, der mir in den Sinn kam, wenn ich an Ciar dachte. Bei ihm konnte mir nichts Schlimmes passieren – war das etwa alles?
Für jemanden wie mich war es das in der Tat. Mir gab das viel mehr, als je einer verstehen könnte. Gleichzeitig sah es so aus, als würde ich Ciar nur benutzen. Als wäre zwischen uns sonst nichts weiter.
„Die Tatsache, dass Echos um unser Haus aufgetaucht sind, unterstreicht meine Theorie“, fügte Dad hinzu. „Ohne Ciar fühlst du dich nicht sicher, das trübt deine Stimmung und lockt Echos an.“
Ein kaum vernehmbares Knirschen erfüllte die darauf folgende Stille. Krampfhaft biss ich die Zähne zusammen und starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Nichts. Dad konnte nicht recht haben. Wenn es mir einzig und allein um Sicherheit ginge, gäbe es auch andere Wege, die zu bekommen. Schon seit ich vom Echo-Institut wusste. Jeder beliebig Begabte von dort könnte mich vor Echos beschützen.
Dad irrte sich.
Dad wusste nichts von meiner gemeinsamen Vergangenheit mit Ciar.
„Die Echos sind nicht hier, weil ich mich schutzlos fühle“, begann ich, nachdem ich durchgeatmet hatte. „Ich habe keine Angst mehr vor Echos. Was sie anlockt, ist meine Sehnsucht nach Ciar.“
Vielleicht lag es daran, dass ich mich wieder an unser erstes Treffen in der Kindheit erinnern konnte, aber schon davor hatte ich gegenüber Ciar dieses Herzklopfen gehabt, von dem ich erst irritiert gewesen war. Mit ihm fühlte ich mich nicht nur sicher, sondern auch frei. Ich konnte bei ihm sein, wie ich bin, ohne Angst zu haben ihn zu verletzen oder ebenfalls zu deprimieren. Das war mir nur bei ihm möglich. Vor allen anderen verspürte ich immer den Druck, mich zusammenreißen zu müssen. Er hatte niemals versucht, mich zu verändern.
Ich war mir sicher.
Ich wusste jetzt ganz genau, was ich für Ciar fühlte.
Mehr Zeit, darüber nachzudenken, benötigte ich nicht mehr.
„Uns verbindet etwas, das du nicht verstehen kannst.“ Meine Gesichtszüge wurden weicher und der Ausdruck in meinen Augen wärmer. „Ich liebe ihn. So wie er ist. Er ist ein guter Mensch, glaub mir.“
Unser schweigsamer Blickkontakt hielt nicht lange an. Bald schon entspannte sich auch Dads Mimik und seine gesamte Ausstrahlung wurde von elterlicher Fürsorge eingenommen, was sein sanftes Lächeln untermalte. Ein herzliches, aufrichtiges Lächeln.
„Gut, du hast es ausgesprochen. Ich glaube dir“, sagte er zufrieden. „Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet. Von Ciar hörte man es immerzu, nur nicht von dir.“
„Idiot“, beleidigte ich ihn halbherzig. Mir war so viel leichter zumute. „Das hättest du mir auch einfach mal sagen können.“
„Du wärst dieser Frage nur ausgewichen.“
„Stimmt.“
Dad schmunzelte. „Dachte ich mir.“
Dieses ganze Theater könnte ich ihm so bald nicht verzeihen, aber wenigstens hatte ich dadurch erkannt, was ich für Ciar fühle. Da Kierans Anblick mich nicht mehr mit Schmerz erfüllte und auch mein Herz in seiner Gegenwart völlig ruhig blieb, hatte ich mir demnach nicht einfach nur einen Ersatz für ihn ausgesucht. Diese Sorge konnte ich ebenso begraben. Meine alte Liebe war Vergangenheit, was ohne Ciar nicht möglich gewesen wäre.
„Ich werde Ciars Schicht übernehmen“, kündigte Kieran an, der sich zum Schluss herausgehalten hatte. Wann der richtige Zeitpunkt zum Schweigen war, konnte er wahrlich gut einschätzen. „Dann kannst du sofort zu ihm fahren und bei uns übernachten.“
Mein Gesicht hellte sich merklich auf. „Echt?! Das machst du für uns?“
„Natürlich.“ Kieran wirkte ebenso erleichtert wie ich, was ihm kaum anzusehen war. „Ciar ist mein Bruder und du bist mein bester Freund. Es ist mir wichtig, dass es euch gut geht.“
„Und du scheinst dich wirklich zu freuen“, fiel Dad auf.
Das bestätigte ich, indem ich rasch zur Tür rannte und ungeduldig zu verstehen gab, nicht mehr warten zu können. Immerhin wusste Ciar noch nichts davon, dass ich seine Gefühle erwiderte. Also musste ich es ihm dringend mitteilen – und ich war gespannt auf seine Reaktion, vielleicht gelang es mir mal ihn etwas aus der Fassung zu bringen. Mich trennte nur noch eine Autofahrt davon. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, in meinem Leben kurz vor einem richtigen Happy End zu stehen.
Die Würgemale an meinem Hals waren schon in Vergessenheit geraten.
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