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Between evil voices and innocent hearts

GeschichteDrama, Horror / P16 Slash
04.06.2019
12.08.2020
27
91.333
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04.06.2019 1.009
 
Überall war Blut, eine zähflüssige Substanz. Sie bedeckte beinahe vollständig den Boden und klebte auch an mir, dadurch nahm ich den modrigen Geruch noch deutlicher wahr. In zahlreichen Farben fluoreszierte das Blut in der Dunkelheit magisch, wie ein kunstvolles Werk auf einer schwarzen Leinwand.
Einzig mein schwerer Atem verhallte in der Nacht, ich fühlte mich ausgelaugt und wurde müde. Die Stille um mich herum verstärkte das Gefühl der Erschöpfung in mir. Vielleicht klangen meine Atemzüge deswegen seltsam wohltuend, weil sie mir sagten, dass ich noch lebte.
Obwohl mein Herz wie verrückt raste und jeder einzelne Schlag mir noch mehr Luft zu rauben schien, spürte ich eine unbeschreibliche Leichtigkeit in meiner Brust. Mein Kopf war wie leergefegt, keinerlei Gedanken beschäftigten mich in diesem Moment. So frei habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Keuchend beugte ich meinen Oberkörper ein Stück nach vorne, hockte mich hin und stützte mich mit einer Hand auf meinem Knie ab, in der anderen hielt ich das Schwert fest umklammert.
Mit dieser Waffe hatte ich diesem Wesen den Garaus gemacht und immer wieder die Klinge in es hineingebohrt, bis irgendwann nur noch eine große Lache unter mir war, die aus den kläglichen Überresten meines Opfers bestand. Ich und mein Schwert waren der Richter gewesen, zum ersten Mal in meinem Leben. An diese Rolle könnte ich mich durchaus gewöhnen, ganz wie er es mir vorhergesagt hatte.
„Das fühlt sich gut an, hm?“, hauchte seine Stimme mir verführerisch ins Ohr. „Du hättest das schon viel früher haben können.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich bekam Gänsehaut. Zwischen meinen Atemzügen schluckte ich schwer und schüttelte den Kopf, ohne zu wissen, was ich mit dieser Geste ausdrücken wollte. Immerhin waren sämtliche Gedanken fort und mein Körper musste sich erst mal von dem Adrenalinschub erholen, dabei hätte der ruhig länger anhalten können.
Sacht tätschelte er mir den Kopf, als wollte er ein kleines Kind loben. „Jedenfalls warst du großartig. Selbst als Zuschauer war das richtig anregend, mein Körper hat sich an deiner Energie gelabt.“
Schweigend legte ich den Kopf in den Nacken und sah ihn mit gerunzelter Stirn an, meine Lungen verlangten nach wie vor nach mehr Luft. Er schmunzelte aber nur leicht und erwiderte meinen Blick, mit einer unerschütterlichen Stärke und Überzeugung. Woher nahm er dieses Selbstvertrauen nur, das er ausstrahlte? Seine Stimme, seine Blicke und sogar seine Haltung, jedes Detail an ihm strotzte geradezu vor Selbstsicherheit. Bei ihm erlebte man niemals einen einzigen schwachen Moment.
„Ich will damit sagen, dass du und ich in Kombination unschlagbar wären, unsere Energien würden hervorragend miteinander harmonieren.“
Seufzend sackte mein Kopf wieder nach vorne. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie das Blut sich zu verändern begann. Die wirre Mischung aus Farben kam in Bewegung. Winzige Würfel bildeten sich aus der klebrigen Flüssigkeit und hoben sich nach und nach ab, versuchten, sich voneinander zu lösen und federleicht in die Luft aufzusteigen. Jedes einzelne Teil bestand nur aus einer Farbe, womit sich das Wirrwarr auflöste und sie wieder klarer zu erkennen waren.
Bald flogen haufenweise dieser bunten Würfel herum und glühten schwach, doch kurze Zeit später lösten sie sich in Asche auf und verschmolzen mit der Dunkelheit. Nur einer blieb übrig, er war etwas größer als die anderen und strahlte stärker, in einem hellen Rot. Gebannt starrte ich auf den Würfel vor mir und kam plötzlich schnell zur Ruhe.
Flink schnappte sich mein Begleiter den Gegenstand aus der Luft, blieb jedoch dabei hinter mir stehen und rückte dichter an mich heran. Spielerisch drehte er den Würfel zwischen seinen Fingern und hielt ihn genau vor meine Augen, die sich davon gefangennehmen ließen.
„Ich werde dich nicht nochmal fragen, sondern gehe davon aus, dass du dich entschieden hast“, flüsterte er eindringlich. „Du wirst deine Entscheidung nicht bereuen. Lass uns zusammen das Leid in uns einfach auslöschen und gleich alles andere mit dazu, das uns wieder verletzen könnte. Wir können zusammen unseren Frieden finden.“
Kein Widerspruch kam über meine Lippen, nicht mehr. Im Moment fühlte ich mich zu gut, als etwas gegen diese Pläne einwenden zu können. Ich war sorglos, und wenn ich mich mit ihm zusammenschloss, wäre es möglich, das auch in Zukunft erleben zu können. Egal, ob er nur wegen meiner Energie so besessen davon war, mich für sich zu gewinnen, oder es einen anderen Grund gab, er hatte mich überzeugt.
Gegen seine Worte kam ich nicht an, seine Stimme haftete sich in meiner Seele fest, und schlich um mein Herz herum, das sich wirklich nur nach einem friedlichen Leben sehnte.
Fordernd drückte er den Würfel gegen meine Lippen, die sich wie von selbst öffneten. Plötzlich brannte es schmerzhaft auf meiner Zunge. Stöhnend kniff ich die Augen zusammen und wollte den Würfel wieder ausspucken, aber er hielt mir den Mund mit einer Hand zu und drückte die andere gegen meine Brust.
„Komm, du musst dich nur noch einmal zusammenreißen, dann wirst du keine Probleme mehr haben. Schluck es runter.“
Da ich keine Kraft mehr dazu hatte, mich aus seinem Griff zu befreien und den Würfel nicht mehr loswerden konnte, tat ich einfach, was er sagte, und schluckte. Es brannte so sehr, wie richtiges Feuer. Vor Schmerz liefen mir Tränen über die Wangen, dabei war ich viel schlimmere Dinge gewohnt. Eigentlich war das hier im Vergleich dazu ziemlich angenehm.
„Tut mir leid, gleich wird es besser“, beruhigte er mich und küsste meinen Nacken. „Alles wird besser sein, von jetzt an.“
Durch den Würfel, der sich durch meine Speiseröhre drängte, konnte ich darauf nichts sagen. Mit geschlossenen Augen ließ ich mich einfach auf dieses Spiel ein, aber ich konnte nichts dagegen tun, dass das Gesicht desjenigen vor mir erschien, in den ich immer noch verliebt war. Die Tatsache, ihn an jemand anderen verloren zu haben, schmerzte wesentlich mehr als dieses höllische Brennen in meinem Hals, mit dem sich der Wunsch nach noch mehr Zerstörung einschlich.
Zerstörung, flüsterte etwas in mir erwartungsvoll und löste dabei einen Zustand der Euphorie aus. Zerstören! Lass uns alles zerstören, das uns Schmerzen zufügt. Zerstören wir einfach alles!
Etwas nistete sich in mir ein und schlug seine ersten Wurzeln.
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