Love Shots

KurzgeschichteRomanze / P18 Slash
04.06.2019
12.11.2019
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Liebe Leser,
nach einer längeren Pause nun mal wieder eine kleine, eher ruhigere Geschichte, nachdem ich die anderen Shorts etwas überarbeitet habe.  Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem.

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Oh mein Gott. Das war das Erste, was er dachte, sobald er die Augen aufschlug. Oh. Mein. Gott.
Er war nicht wie sonst erwacht, nicht träge und schwerfällig, sondern mit einem Schlag. Und das war erstaunlich, wenn er bedachte, wie er sich fühlte. Ein flaues Gefühl lag ihm im Magen, ein Pelz auf seiner Zunge, ein Dröhnen unter der Schädeldecke, als spielte eine Horde Affen Schlagzeug in seinem Kopf. Und er konnte seinen eigenen von Alkohol getränkten Atem regelrecht riechen.
Dennoch, er erwachte so abrupt aus seinem traumlosen, schwarzen Schlaf, als hätte ihm jemand Eiswasser ins Gesicht gekippt. Und was er erblickte, ließ ihn augenblicklich kerzengerade und mit weitaufgerissenen Augen im Bett sitzen. Trotz heftigem Kater war er noch nie so wach gewesen.
Durch die Luken oberhalb der Kabine fiel helles Tageslicht – es musste fast Mittag sein –, sodass das schwarze Haar auf dem Kissen neben ihm im Sonnenschein rostbraun schimmerte. Das dazugehörige, zerknitterte Gesicht war ihm nur allzu bekannt – und es gehörte ganz sicher nicht hier her.
Das Hausboot lag still auf dem See, trotzdem schwankte Milos Welt, als würden sie auf hohen Wellen schwimmen. Es drehte ihm fast den Magen um, aber er riss sich zusammen.
Er streckte eine Hand aus und hob vorsichtig die Decke des Schlafenden an. Ihm bot sich der Anblick des wohl schönsten Männerkörpers, den er je erblickt hatte, besser, als er es sich hätte vorstellen können. Nackt. Der Kerl war splitterfasernackt! Verschwitz, zerbissen. In seinem Bett. Schnell ließ er die Decke wieder fallen und schlug sich die Hand vor den Mund. Erst da fiel ihm die schwüle Hitze im Raum auf, als hätte jemand heiß geduscht – oder sich bei geschlossener Tür tatkräftig sportlich betätigt.
»Scheiße!«, fluchte er, als er sich den Boden der Kabine ansah. Klamotten, in großer Hast ausgezogen und achtlos hingeworfen, Schuhe, stolpernd abgestreift und in die Ecke gepfeffert, Unterwäsche … zerstreut. Er hob die eigene Decke an, nur um sie schnell wieder auf seine Blöße zu drücken.
»Fuck!« Damit hatte Milo innerhalb von wenigen Augenblicken mehr geflucht, als er es das ganze letzte Jahr getan hatte.
»Verdammte…« Hektisch sah er sich zum, suchte nach einer vernünftigen Erklärung, doch die Zeichen sprachen für sich. Ganz zu schweigen von seinem ausgeprägten Muskelkater und der Steifheit seiner Glieder. Außerdem fühlte er ein warmes Glühen in der Lendengegend, wie er es immer hatte, wenn er … einen Orgasmus gehabt hatte.
Oh Gott, oh Gott, oh Gott!
Er hörte Schritte über sich, das Klappern von Geschirr und das Aufschieben der Türen, Stimmengemurmel, leises Gelächter. Seine Familie war schon auf, vermutlich schon seit Stunden. Sicher würden sie bald nach ihnen sehen.
Milo schlang sich in plötzlicher Schüchternheit die Decke fest um die die Hüfte und kniete sich aufgebracht mit genügend Abstand zu dem anderen auf die Matratze. Sie war so fest, dass sie kaum einsank, ein Traum für jeden Rücken. Aber das brachte ihm gerade auch nichts. Aufgebracht rüttelte er den Schlafenden an der Schulter wach. Immer wieder und zischte leise dessen Namen, während sein panischer Blick immer wieder zur Tür schnellte, als erwartete er jeden Augenblick, von jemanden erwischt zu werden.
Hatten sie abgeschlossen?
Er erinnerte sich nicht, er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wie sie hier gelandet waren. Zusammen. Und was sie getan hatten.
Milo hatte den berüchtigten Filmriss während eines Alkoholkonsums stets für Schwachsinn gehalten, tatsächlich wurde er nun selbst ein Opfer davon, denn so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, was letzte Nacht geschehen war. Er wusste nur noch, wie sie auf Deck die Sterne bewundert und nach einem üppigen Mahl ein Glas Wein getrunken hatten, wie nach und nach alle zu Bett gegangen waren und Theo ihn bat, noch etwas mit ihm zu trinken. Sie hatten gescherzt, sie hatten gelacht, sie hatten getrunken. Viel getrunken. Da war ein Erinnerungsfetzen, wie er sich gekrümmt hatte, als er Theo prustend beichtete, dass er ihm schon seit Jahren heimlich nachschmachtete.
»Ich war ja so verliebt in dich!«, lachte er und schlug Theo auf die Schulter. »Schon als du das erste Mal zu uns kamst. Das erste, was ich dachte, als ich dich sah, war: Hat der vielleicht schöne Lippen!« Theo hatte gezwungen gelacht und in seine Bierflasche gestarrt. »Kannst du dir das vorstellen? Ich war so verschossen, all die Jahre… Gott, als ihr geheiratet habt, habe ich mir sogar vorstellt, ich stünde mit dir vor dem Altar!«
Oh Gott, nein! Hoffentlich war das nur ein Traum gewesen. Milo wurde schlecht, und das Gefühl verschlimmerte sich, als Theo grummelnd erwachte. Er wünschte, er hätte ihn nicht geweckt und wäre einfach aus der Kabine geschlichen.
»Hm?« Theo hob schwerfällig den Kopf und rieb sich mit einer Hand das müde Gesicht. »Was ist denn? Was machst du für einen Lärm?« Unter Milos fassungslosem Blick drehte er ihm den Rücken zu und legte sich das Kissen über den Kopf. Sein muskulöser, braungebrannter Arm zog einen Augenblick Milos ganze Aufmerksamkeit auf sich. Diese Sehnen, diese samtene Haut, die feinen Härchen und dicken Adern… Verdammt, Milo, reiß dich zusammen!
Aber… wie oft hatte er sich vorgestellt, eben jener Arm würde ihn umschlingen, er könnte jenen Arm berühren, die Sehnen und Adern nachfahren, in den Muskel beißen, während er unter dem athletischen Körper auf dem Bauch lag. Die Zähne genau dort in den harten Hügel des durchtrainierten Unterarms zu schlagen, wo sich an jenem Morgen ein verdächtiger Abdruck abzeichnete.
»Theo?« Warum war seine Stimme so hoch wie die einer Maus? »Theo, wir… wir … sollten …«
Stöhnend rollte Theo sich auf den Rücken, ließ das Kissen von seinem Gesicht rutschen und fuhr sich durch das schöne, dunkle Haar, das stets eine Spur zu lang war, aber nicht nachlässig, eher … verwegen. Als kümmerte ihn seine Frisur nicht – und doch saß sie immer wie gewollt, selbst jetzt, als sie zerwühlt war. Der Nacken und die Seiten waren aber stets frisch rasiert, sodass Milo sich fragte, ob sie nicht gewollt immer ein paar Zentimeter zu lang waren …
Er schüttelte den Kopf, musste sich von dem Anblick losreißen. Über Theos Haar hatte er schon einmal stundenlang nachgedacht, während er sich auf Deck einen schlimmen Sonnenbrand auf dem Rücken geholt hatte. Von Theos Augen wollte er gar nicht erst anfangen, dieses Nachtblau seiner Iriden war schlicht magisch und besaßen einen unheimlich faszinierenden Kontrast zu seinem dunklen Haar. Theos gesamtes Gesicht war wie aus einem Traum entsprungen, selbst die leicht krumme Nase, die von einem alten Bruch zeugte, war schlicht … perfekt. Dabei war Theos Gesicht keineswegs symmetrisch, der Schwung seiner Oberlippe war auf der linken Seite höher als auf der rechten, ebenso stand es um seine dunklen Augenbrauen. Und doch, selbst an diesem Morgen, als sich der Kissenbezug auf seiner Wange abzeichnete, seine nachtblauen Augen rot unterlaufen waren und die von Sommersprossen überzogenen Wangen bleich und eingefallen wirkten, konnte Milo sich nicht an diesem Gesicht satt sehen.
Theo lag einen Moment einfach da, atmete, brauchte eine Weile, um richtig zu erwachen. Und Milo starrte ihn einfach an, konnte nicht begreifen, wie dieser … dieser Mann, den er seit Jahren heimlich mit einem Gefühl der Sehnsucht betrachtet hatte, plötzlich in seinem Bett lag. Nackt.
Erneut erfasste ihn Panik, die sich dadurch verschlimmerte, dass Theo seine blauen Augen auf ihn richtete. Kühl. Unbefangen. Als wäre nicht passiert. Sie musterten Milo, seine nackte Brust, doch es war kein Aufblitzen von Erkenntnis oder gar Panik in ihnen zu sehen.
Theo verengte leicht die Lider. »Haben wir…?«
»Oh Gott!« Milos Übelkeit kehrte zurück.  »Oh Scheiße!« Er wandte sich von Theos kühler Musterung ab, setzte die Füße auf den Boden und bückte sich nach seinen Sachen, ein umgestoßenes Weinglas hatte seine Hose eingesaut, aber das war ihm gleich.
»Oh verdammte Scheiße…« Er fluchte weiter. »Was haben wir getan? Was haben wir nur…«
»Wie spät ist es?« Hinter ihm setzte sich auch Theo auf, allerdings sehr viel langsamer und weit entfernt jeglicher Panik.
»Wie spät?« Milos Angst machte ihn ungemütlich. »Woher soll ich das wissen? Ist doch egal. Oh Fuck.« Er hielt mit einem Strumpf in der Hand inne. »Was, wenn sie uns gesehen haben? Was, wenn sie es wissen? Was, wenn sie schon nach uns gesucht…«
»Jetzt reg dich mal ab!« Die Matratze hob sich, als Theo aufstand. »Wir haben gesoffen, das wars. Sind im Koma eingepennt, mehr ist nicht gewesen. Und niemand hat nach uns gesucht, sonst wären wir schon längst geweckt worden.«
Milo warf einen Blick über die Schulter und bereute es sofort. Theo stand nackt neben dem Bett, völlig ungeniert, mit der Boxer in der Hand, die er gerade entwirrte, um hinein zu steigen.
Milos Augen musterten den athletischen Körper, man sah Theo an, dass er Laufen ging und Rennrad fuhr, dafür aber keinerlei Krafttraining machte.
Wieder holte Milo ein Erinnerungsfetzen ein. Wie diese schmalen Hüften gegen ihn peitschten und er ins Kissen biss…
Mit hochroten Wangen wandte er den Blick ab, schluckte schwer und erwiderte: »Wir sind nackt.«
Auf den Konter hin zuckte Theo nicht einmal zusammen, er stieg in seine Unterhose. »Na und? Uns war warm. Wir haben uns mit Alkohol beschüttet. Zogen uns aus und schliefen ein.«
Milo bemerkte auf seiner Seite des Bettes etwas auf den Boden und bückte sich wie in Trance danach. Mit zwei Fingerspitzen hob er es auf und starrte es an. Langsam drehte er sich zu Theo um, dessen Lippen schmal geworden waren.
»Hm. Vielleicht war da doch mehr«, gestand er – für Milos Geschmack noch immer viel zu gleichgültig – ein, als er das benutzte Kondom erblickte.
»Oh Gott!«, jammere Milo erneut und ließ das Zeugnis ihres Ausrutschers wieder zu Boden in seinen Klamottenhaufen fallen.
»Hey, jetzt komm runter!« Theo sprang in seine Shorts und kam um das Bett herum. »Sowas kann passieren, okay? Kein Drama.« Er berührte zögerlich Milos Schulter, wobei deutlich war, dass er ihn nicht berühren wollte, ihm aber unbedingt versuchte, glaubhaft zu machen, alles sei in Ordnung.
Das machte es fast noch schlimmer.
Milo starrte ungläubig zu ihm auf. »Sowas kann passieren?!«, wiederholte er gereizt.
Theo zuckte mit den Schultern. »Ja, Milo, das kann passieren! Fehler sind menschlich. Und wir waren besoffen. Alles gut!«
Alles gut? Warum war er so ruhig, er war doch der Hetero von ihnen beiden! Wie um Himmelswillen konnte er so ruhig bleiben?
»Fuck, wir haben miteinander geschlafen, ist dir das klar?! Hier! Auf dem Hausboot meines Vaters. Hier. Gestern. Du und ich, während … Oh Fuck, was sollen wir sagen?«
»Gar nichts!«, fuhr Theo ihn plötzlich harsch an, sodass Milo zurückzuckte. »Gar nichts sagen wir, kapiert!«
Milo konnte ihn nur anstarren, ihm wurde die Brust ganz eng vor Übelkeit und Atemnot. Eine ganz miese Kombination…
Mit einem seltsamen Blick wich Theo zurück. »Hey, Milo, fang jetzt bloß nicht wieder an zu hyperventilieren, klar? Komm runter, atme tief durch – und dann vergiss die Sache!«
Es traf ihn wie einen Schlag. »Ver…vergessen?«, stammelte er.
»Ja, wir vergessen das!« Theo klaubte sein Poloshirt vom Boden auf und zog es regelrecht wütend über die nackte Brust. Und vorbei war der schöne Alptraum.
Milo wusste nicht, was er fühlte. Schuld, gewiss, aber auch eine Spur … Bedauern. Immerhin war er schon als Teenager heimlich in ihn verliebt gewesen. Und obwohl sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen ist, war es ein Alptraum.
»Es ist nichts geschehen«, sprach Theo ein wenig versöhnlicher auf ihn ein. »Wir sagen einfach, wir haben niemanden wecken wollen, deshalb habe ich bei dir geschlafen. Das nehmen sie ohnehin an, sonst wäre hier schon der Teufel los. Hörst du?«
Milo starrte vor sich hin ins Leere und nickte mechanisch. Er hörte Theo fluchen und dann seine leisen, aber bestimmten Schritte, die auf ihn zukamen.
»Hey! Milo, sieh mich an! SIEH MICH AN!«
Langsam hob Milo den Blick und wäre beinah vor dem intensiven Blau aus Theos Augen zurückgeschreckt.
»Niemand wird das annehmen, was wirklich passiert ist. Niemand! Das weißt du, ja?«
Tief in seinem Inneren wusste er das bestimmt – was sein Bedauern nur noch wachsen ließ – aber trotzdem hatte er die irrationale Furcht davor, man könnte es ihnen ansehen. Als stünde es auf ihrer Stirn. »Theo hat Milo wie einen Hund gefickt.«
Er blickte auf Theos Arm, auf den Abdruck seines Kiefers…
Theo folgte dem Blick, erkannte das Mal, und brummte unzufrieden. In seinem Kopf arbeitete es, aber nur ganz kurz, bis sich sein Blick aufhellte. »Das ist von gestern. Im Wasser. Wir waren Schwimmen, ich habe dich unter Wasser getaucht. Alle waren da, alle haben es gesehen!«, trichterte er ihm ein.
Milo nickte wie in Trance. Er hatte Theo unter Wasser nicht bei einem albernen Gerangel gebissen, aber er verstand, worauf Theo hinauswollte. Es war fast beängstigend, wie schnell sein Verstand Lügen hervorbrachte, Ausreden und allerlei. Als hätte er so etwas schon tausendmal gemacht.
Dabei hatte Milo ihn nie für einen notorischen Fremdgänger gehalten, er trat stets als treuer Ehemann auf…
Ihm wurde erneut schlecht.
Theo drückte ihm beide Schultern. »Milo, komm schon. Es ist nie passiert, okay? Es war nur ein Ausrutscher, Fehler passieren, das ist ganz natürlich und es hat keine Bedeutung. Wir räumen jetzt auf, dann gehen wir hoch und tun so, als hätten wir einen lustigen Abend gehabt. Kapiert?«
Milo nickte wieder, ohne etwas zu sehen. »Entschuldige mich«, flüsterte er, schob Theo zur Seite und stand steif auf. Dann wankte er ins Badezimmer und würgte den Restalkohol hervor.

*~*~*

»Du sieht ja grausig aus«, stellte seine Schwester fest, als er sich an der Küchentheke einen Kaffee gönnt und sie bereits damit beschäftigt war, den Fisch für das Mittagessen auszunehmen.
Es stank bestialisch, weshalb er die Nase tief über dem Dampf seiner Tasse hielt.
Tja, er fühlte sich auch so, wie er aussah. Trotz Dusche, trotz sauberen Kleidern – einem gelben Hemd ohne Ärmel und weißen Shorts, passend zum heißen Wetter auf dem See – fühlte er sich wie gekaut, runtergeschluckt, widergekäut und ausgespuckt.
»Das kommt davon, wenn man die ganze Nacht säuft.« Lobend schlug ihm sein Vater so fest auf den Rücken, dass er beinahe den Kaffee in seinem Mund über die Theke gespuckt hätte. »Hätte dich ja nicht für so standfest gehalten, Junge.« Er ging weiter, aus der Küche hinaus auf das sonnengeflutete Deck, eine Angel im Anschlag.
Milo knurrte in seine dampfende Kaffeetasse und trank noch einen Schluck. Natürlich grinste sein Vater heute über beide Pausbacken, hatte er doch stets seinen Sohn für eine Memme gehalten. Nicht, dass sie sich nicht verstanden hätten, aber… Nun ja, sein Vater war schwierig, eingefahren, unbewusst homophob, wenn auch nicht hasserfüllt. Er hatte Milo nicht verstoßen, aber immer durchblicken lassen, dass er ihn nicht verstand. Aber nach einer komplizierten Jugend hatten sie es geschafft, doch irgendwie wieder miteinander auszukommen, sich zu verstehen. Mehr oder weniger, so lange war Milos Jugend nicht her, er war erst zweiundzwanzig Jahre alt, aber sein Verhältnis zu seinem Vater war besser als vor acht Jahren. Was vermutlich auch dem Umstand geschuldet war, dass sein Vater sich von Milos kontrollsüchtiger, manipulativen Mutter getrennt hatte und mittlerweile mit einer aufgeschlosseneren, jüngeren Frau zusammen war, die ihm deutlich besser tat. Milo war der verzweifelte Versuch eines Ehepaares gewesen, ihre Beziehung zu retten, der nach hinten losging. Milo war der absolut klischeehafte »Nichtskönner« gewesen, der sich mehr fürs Lesen und Computerspiele als Sport und Angeln interessiert hatte. Der sich für Kunst und Gesang begeistert hatte und in Theaterstücken mitgespielt hatte. So hatte sich sein Vater seinen Sohn nicht vorgestellt. Das hatte Milo immer zu spüren bekommen. Als er sich mit vierzehn Jahren outete, war die Reaktion seines Vaters Entsetzen gefolgt von Wut gewesen. »Das kannst du doch jetzt noch gar nicht wissen!«, hatte er gewütet, ihn sogar zu einem Psychologen schicken wollen.
Letztlich hatte Milo nicht mehr darüber geredet, bis er eines Tages Freunde mit nach Hause brachte, die sein Vater geflissentlich ignorierte. Irgendwann, Milo konnte weder Ort noch Zeit benennen, war sein Vater wohl an den Punkt gelangt, dass er entweder stur bleiben und seinen Sohn verlieren oder es akzeptieren musste, denn irgendwann war er nicht mehr wütend gewesen. Vielleicht als er entschieden hatte, sich scheiden zu lassen, und damit sein eigenes Glück fand.
Er hatte sich verändert, sein Vater, so sehr, dass sie mittlerweile seit Jahren wieder Familienurlaube wie diesen unternahmen – er, sein Vater, dessen Frau und Milos ältere Schwester – und auch die Feiertage zusammen verbrachten. Weil sie es wollte, nicht etwa, weil sie mussten.
Gut, er gab zu, dieser Umstand war auch der Tatsache geschuldet, dass sein Vater von einer üppigen Rente lebte und sie sich dadurch Urlaube wie diesen leisten konnte, auf einem pompösen Hausboot, das ehe einer schwimmenden Villa glich, mit hochpolierten Möbeln, geräumigen Kabinen, protzigen Duschen und Hochglanzküche.
Trotzdem, er war gerne hier, er hatte auch seinen Vater gern, selbst wenn sie es sich nicht sagen konnten, weil solche Gefühlsausbrüche für seinen Vater nicht »männlich« waren.
»Na sieh mal einer an! Auch mal wach, du Ausreißer!«, rief seine Schwester plötzlich und strich sich sogleich kokett das blonde Haar hinter das Ohr.
Milo starrte angestrengt in seine Tasse, konzentrierte sich auf den Schaum seines Kaffees, während Theos frisch geduschter Geruch den Raum erfüllte, nach Moschus und einem Hauch Zitrone.
»Morgen, meine Schöne.« Theo ging um seine Frau herum und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, während er gleichzeitig nach der Schranktür mit den Tassen griff. »Tut mir leid, ich wollte dich gestern nicht wecken, hast du gut geschlafen?«
»Nicht so gut ohne dich, aber erholsam.« Svenja lachte lieblich. »Hatte ihr denn einen schönen Männerabend?«
Milos Blick streifte Theos, und für einen Moment hielten beide inne. Es dauerte nur eine Millisekunde, eine Schrecksekunde, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, da er in den Augen seines Schwagers versank.
Ein weiterer Erinnerungsfetzen schoss in Milos Verstand. Er hörte seine eigenen, ins Kissen geknurrte Worte. »Fester, fester, fester!« Eine Hand packte seine linke Pobacke und zog sie auseinander. »Brauchst du es echt so hart?«, grollte Theos Stimme, angestrengt von peitschenden Schwüngen.
»Muss …« - Hechel - »... dich …« - Keuch - »…ganz deutlich spüren …« Sonst hätte er es nicht geglaubt…
Es war, als sähe Milo die Erinnerung auch in Theos Augen, irgendwo in diesem tiefen Nachtblau glomm die Erinnerung genauso blitzartig auf wie bei ihm.
»Klar«, Theo wandte als Erster den Blick zu Boden, »war nett.«
Nett!?
Theo ließ von Svenja ab und schenkte sich einen Kaffee ein, Milo betrachtete ihn von der Seite, konnte nicht anders. Fühlte sich schuldig und sehnsüchtig zu gleich. Er liebte seine Schwester und hatte ihr nie etwas Böses gewollt, aber verdammt, er war schon in diesen treuen, lieben Kerl verliebt gewesen, als sie ihn damals vor all den Jahren das erste Mal mitgebracht hatte. Milo war damals gerade mal erst neun gewesen. Neun. Und Theo war sein Held gewesen, der coole Freund seiner (damals) zickigen Schwester, der immer freundlich zu ihm war, ihn nicht aus dem Zimmer seiner Schwester verbannte, mit ihm Zeit verbrachte, seine Bilder und Gesang lobte, der ihm Geschenke mitbrachte und ihn zu Ausflügen mitnahm, obwohl seine Schwester ihn nicht dabei haben wollte.
Seit zwölf Jahren sind die beiden zusammen, seit Svenja sechszehn und Theo siebzehn war, seit fünf Jahren waren sie glücklich verheiratet.
Bis zur letzten Nacht.
Oh Gott, Milo wollte den Kaffee sofort wieder auskotzen gehen. Er hatte das Leben seiner Schwester ruiniert. »Ich muss mich hinlegen«, murmelte er und stand steif auf.
»Halt! Warte«, empörte sich seine Schwester. »Es gibt gleich Essen. Und danach wollten wir doch alle mit dem Motorboot an Land und am Ufer wandern gehen!«
Oh ja. Milo hatte die geplanten Aktivitäten völlig vergessen. Die Vorstellung, einen ganzen Tag neben, vor oder hinter Theo herzulaufen, gezwungen zu sein, auf heile Familie zu machen, und seiner Schwester ins Gesicht zu grinsen, obwohl er mit ihrem Mann geschlafen hatte, versetzte ihn nicht gerade in Freude.
Er rieb sich den Magen. »Ich weiß nicht so recht, ich glaube, heute ist mir nicht nach wandern.«
Svenja wirkte enttäuscht, ihre grünen Augen waren trüb. Manchmal war er neidisch auf sie, sie hatte die schönen Augen ihrer Mutter geerbt, während Milo mit dem banalen Whiskybraun seines Vaters gestraft war. »Ach Komm schon«, quengelte sie sogleich, »du warst es doch, der das alles geplant hat. Ist doch nur ein Kater, wenn du was gegessen hast, geht es dir wieder gut.«
Allein der Gedanke, etwas zu essen, stülpte ihm den Magen um, sein schlechtes Gewissen hatte selbst seinen heißgeliebten Kaffee in Asche verwandelt.
»Geht ihr nur, ich muss mich hinlegen.« Um seinem Leid noch eins drauf zu setzen, massierte er sich die Schultern und verzog leidvoll das Gesicht. »Außerdem tut mir alles weh, als wäre ein Bulldozer über mich gekommen.«
Im Augenwinkel konnte er Theo den Blick noch weiter sinken sehen und zuckte innerlich zusammen, als ihm die Zweideutigkeit seiner Worte bewusstwurde. So hatte er das doch nicht gemeint.
»Geht ihr nur«, schnitt er seiner Schwester, die zu einem Protest anhob, das Wort ab. »Nachher bin ich bestimmt wieder fit, dann können wir schwimmen gehen.«
Bevor sie ihn noch einmal aufhalten konnte, steuerte er die Wendeltreppe an, die hinab zu den Kajüten führte. Er spürte Theos Blick im Nacken. Es musste Theos sein, denn nur dieser Blick prickelte so stark, dass er wie warmer Regen seinen Rücken hinabrieselte. Doch er drehte sich nicht noch einmal um, sondern ergriff die Flucht.

*~*~*

Sobald das Dröhnen des Motorbootes in der Ferne verklang, wagte er sich wieder aus seinem Loch. Mit einem Buch in der Hand ging er hinauf auf das Deck und lehnte sich für einen stillen Augenblick auf die Reling. Die spiegelglatte Oberfläche des Sees wirkte wie dunkle Seide, auf der das grelle Sonnenlicht reflektierte. Der See war riesig, Milo konnte nicht sein Ende sehen, sodass sein Verstand sich einbildete, sie würden auf einem Meer dümpeln. Um sie herum waren noch mehr Touristen auf Booten unterwegs, aber sie blieben der schwimmenden Festung fern. Er war allein und hatte seit dem Erwachen endlich das Gefühl, aufatmen zu können.
Was sollte er bloß tun? Sein schlechtes Gewissen war allgegenwärtig, kleiner, nerviger Elf, der auf seinen Schultern saß und ihm ins Ohr flüsterte, dass er ein ganz schrecklicher Bruder war. Ein ganz furchtbarer Mensch. Dass er für eine einzige Nacht mit seinem langjährigen Schwarm, das ganze Leben seiner Schwester zerstört hatte.
Es ist nie passiert.
Aber er wusste, dass es passiert war, er würde es immer wissen, und Svenja nie wieder ohne Schuld in die Augen sehen können.
Er sollte es ihr sagen. Ja ganz sicher sollte er es ihr sagen! Sie verdiente die Wahrheit. Er war ihr Bruder, er durfte ihr das nicht verheimlich. Und wenn es nur ein Fehler war, würde sie das auch einsehen.
Andererseits… sie hatte immer gewusst, wie er ihren Mann angeschmachtet hatte, sie würde wissen, dass es für ihn mehr als einen Ausrutscher bedeutete. Sie würde vielleicht sogar denken, er hätte es darauf abgesehen.
Stöhnend rieb er sich das Gesicht, wandte sich vom See ab und versuchte, sein schlechtes Gewissen auf stumm zu stellen, in dem er in seinem Roman versank.

*~*~*

Milo schaffte es tatsächlich, seine Familie auch am Abend abzuwimmeln, als sie zurückkamen und ihn zu Cocktails und einer Runde Schwimmen aus seiner Kajüte locken wollten. Er hatte sowohl das Flehen seiner Schwester als auch das Befehlen seines Vaters abgewehrt und sich halbtot gestellt.
Ida, die Frau seines Vaters, hatte nach ihm gesehen, sich an seine Bettkante gesetzt, als er so tat, als würde er schlafen, und ihm über den Kopf gestrichen, Wasser und ein Sandwich dagelassen, das er beides nur ihr zu Liebe angerührt hatte. Denn obwohl sein Magen knurrte, verspürte er keinerlei Hunger. Ihm war es, als wäre seine Kehle zugeschnürt und er musste jeden Bissen regelrecht runterwürgen. Er war schon immer ein weinerlicher Lappen gewesen, der nie eine Regel gebrochen hatte, weil er mit dem schlechten Gewissen nicht leben konnte.
Wie also sollte er je wieder essen und schlafen, nachdem er den Mann seiner Schwester gevögelt hatte? Er hätte sich am liebsten durchweg übergeben. Und er musste noch eine Woche durchhalten, bis der Urlaub beendet war.
Er musste es ihr sagen. Egal was sie dann von ihm hielt, so konnte er nicht weiterleben. Nicht mit diesem Geheimnis. Theo konnte das nicht von ihm verlangen.
Doch der gute Vorsatz war leichter erdacht, als umgesetzt.
Als er am nächsten Morgen gemeinsam mit seiner Familie frühstückte und seiner Schwester gegenübersaß, sank ihm der Mut. Wie könnte er ihr in die Augen sehen und ihr sagen, dass sie betrogen wurde. Mit ihm. Ihrem eigenen Bruder.
Milo trank seine zweite Tasse Kaffee, knabberte an der ersten Hälfte seines aufgebackenen Brötchens und lauschte nur mit einem Ohr den Gesprächen. Sein Vater und Ida wollten sich einen ruhigen Tag mit Lesen und Sonnen gönnen, seine Schwester und Theo wollten irgendwelche Touristenaktivitäten unternehmen, Wasserski fahren, einen Tauchkurs besuchen, und all sowas, wenn er richtig mitbekommen hatte, aber erst wollte Theo auf dem Laufband noch »eine Runde drehen«.
Vielleicht könnte Milo seine Schwester abfangen, während Theo Sport betrieb. Aber wäre das nicht der schlechteste Zeitpunkt, zwischen Tür und Angel damit raus zu platzen? Es ihr zu beichten, kurz bevor sie sich einen schönen Urlaub mit ihrem Mann machen wollte…
Andererseits: gab es je für so etwas einen »richtigen Zeitpunkt«? Wohl kaum.
Es ist nie passiert.
Ein Tritt gegen sein Schienbein ließ ihn zusammenzucken und aus seinen tiefen Grübeleien aufsehen. Theo – der ihn unter dem Tisch getreten hatte – starrte ihn mit auffordernden Augen und schmalen Lippen an.
Was war denn jetzt los? Unter dem funkelnden, beinahe wütenden Blick klopfte Milos Herz höher als das eines Kolibris. Vermutlich verkürzte sich sein Leben in diesem Moment um Jahrzehnte.
Warum sah Theo ihn so auffordernd an…?
»Milo?«
Er riss den Kopf zu seiner Schwester herum, die ihn besorgt betrachtete. »Jesus, was ist denn bloß los mit dir? Hörst du uns gar nicht mehr zu?« Sie lachte künstlich auf und sah sich ratlos nach ihrem Vater um.
»Junge, geht’s dir immer noch nicht gut?«, fragte sein Vater und musterte ihn mit engen, wissenden Augen, während er über den Rand seiner Zeitung blickte.
»Sind es immer noch die Rückenschmerzen?«, fragte seine Schwester und blickte betont auf Milos Hand, die nervös seine eigene Schulter knetete, wie er es immer tat, wenn sein Gewissen ihn plagte.
So ein Mist, er hatte gar nicht bemerkt, dass er das wieder machte.
Die Augen seines Vaters wurden noch schmäler. Theo versuchte angestrengt, nur seine Brötchenhälfte anzustarren und verteilte mehr als nötig Marmelade darauf. Eigentlich bevorzugte er nur einen hauchdünnen Film Fruchtaufstrich auf seiner Butter. Milo wusste das, Milo beobachtete ihn ständig. Milo war ein Volltrottel…
»Ähm«, er schob die Kaffeetasse hin und her und versuchte, nicht Theo anzustarren und um Hilfe zu bitten, die er ohnehin nicht erhielt. Warum war es für diesen nur so leicht, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Besaß Theo kein Gewissen?
Oder was noch schlimmer war: hatte es ihm so wenig bedeutet?
»Ja, die Matratzen sind hier nicht so gut.« Das war ein Fehler, alle am Tisch betrachteten ihn nun skeptisch, im Augenwinkel konnte er sehen, wie Theo ihm am liebsten den Kopf abgerissen hätte.
Die Matratzen waren ein Traum, jeder hier schlief gut.
»Ich meine, ich bin den alten Lumpen von zu Hause gewohnt«, murmelte er schnell und hob die Tasse an die Lippen. Die Augen seines Vaters wurden noch enger und durchbohrten ihn, weshalb er immer unruhiger auf seinem Stuhl hin und her rutschte.
Seine Schwester strich sich einen Krümel aus dem Mundwinkel. Sie sah so überaus korrekt aus, regelrecht perfekt, in ihren weißen Shorts und Polohemd, dem Pferdeschwanz und dem dezenten Make-up, wie eines dieser Tennis-Mäuschen. Wie sie so neben Theo saß, wurde Milo mal wieder schmerzhaft bewusst, wie gut die beiden zusammen aussahen. Beide groß, beide athletisch, beide dezent und schlicht elegant. Sie Versicherungskauffrau, er Automobilkaufmann. Fehlten nur noch die Kinder.
Ihm wurde wieder übel. Und was hatte er mit seinem Leben angefangen? Ein abgebrochenes Studium der Architektur und nun ein bezahltes Praktikum bei einer Maklerfirma, die Wohnung bezahlte sein Vater, und seine Liebhaber waren Einmalbegegnungen aus irgendwelchen Clubs.
»Wenn du Rückenschmerzen hast, dann lass dich doch von Theo massieren«, schlug seine Schwester zwanglos vor, während sie ein zweites Brötchen aufschnitt und sichtlich mit sich rang, ob sie es noch essen sollte, obwohl der Hunger offenbar da war.
Milo und Theo saßen plötzlich beide stocksteif in ihren Stühlen, als hätte die aufgehende Sonne sie zu Steinsäulen verwandelt. Ihre Blicke begegneten sich, schuldbewusst und erschrocken, ehe sie die Augen schnell wieder in verschiedene Richtungen richteten.
»Letztes Jahr haben wir auf unserer Hawaiireise einen Kurs gemacht, Theo war ein Naturtalent, stimmt´s, Schatz?« Svenja legte ihre perfekt manikürte Hand auf Theos Schenkel. Milo hätte kotzen mögen. Theo lächelte sie an, es wirkte nicht einmal gezwungen, er spielte eine perfekte Maskerade.
Svenja wandte sich wieder an Milo. »Lass dich massieren! Glaub mir, das hilft, danach kommst du mit zum Tauchkurs, wird bestimmt lustig.«
Normalerweise wäre er bei solchen Aktivitäten sofort dabei, er sagte nie Nein. Doch heute brodelte sein Magen und er wusste, er würde es nicht ertragen, die beiden zusammen zu sehen. Nun, nach dieser verhängnisvollen Nacht, war es sogar noch schlimmer als vorher, da er jetzt ganz genau wusste, was er verpasste – und was seine Schwester hatte.
»Ich weiß nicht«, brachte er mühsam hervor und schluckte, »mir ist immer noch so flau im Magen.«
Enttäuschung machte sich in Svenjas makelloser Miene breit.
Ida streckte einen Arm aus und befühlte gutmütterlich Milos Wange. Er zuckte kurz zusammen, aber ihre sanfte Art beruhigte ihn sofort wieder. Sie war die Mutter, die er gehabt hätte, ruhig und einfühlsam, liebevoll, nicht kontrollsüchtig. »Ganz blass ist der Junge. Vielleicht bist du seekrank?«
Milos Herz machte einen Satz, Erleichterung durchströmte ihn. Ida war ein Goldstück, die ihm gerade einen Fluchtplan eröffnet hatte.
»JA! Das könnte sein«, stimmte er eine Spur zu schnell zu.
Sein Vater schnaubte. »So ein Unsinn, die letzten Tage ging es ihm blendend.«
Seine Schwester nickte beipflichtend.
Und schon war seine Hoffnung zerschlagen, er könnte den Urlaub vorzeitig abbrechen. »Vielleicht habe ich das Essen nicht vertragen, ich bin doch so empfindlich.«
Sie aßen alle nicht sehr schwer und hielten die Diätkost ein, die sein Vater zu sich nehmen musste, seit er im letzten Jahr einen leichten Herzinfarkt gehabt hatte und auf seine Ernährung achten musste. Weshalb Milo auch dieses Mal nur Unverständnis entgegen schlug.
»Ich muss duschen«, murmelte er, ließ sein halbes Brötchen auf dem Teller liegen und nahm seinen Kaffee mit. Er spürte die bohrenden Blicke seiner Familie und wie sie sich zueinander wandten und ratlos flüsterten, aber vor allem spürte er Theos warnende, wütende Augen auf sich ruhen.

*~*~*

Milo hatte die Tür seiner Kabine noch nicht gänzlich geschlossen, da wurde sie bereits wieder aufgerissen.
»Hey, was stimmt denn nicht mit dir!«, zischte Theo ihn leise und zornig an.
Milo zog ungewollt den Kopf ein und wich zurück, während Theo die Tür wieder leise zudrückte und sich dann mit blitzenden Augen zu ihm umdrehte, die Stimme weiterhin zu einem scharfen Flüstern gesenkt.
»Könntest du aufhören, mit dieser beschissenen Schuldmiene rumzulaufen? Du verhältst dich verdächtig, Herrgott noch mal!«
Schuld und Scham ließen Milos Wangen rot glühen, doch dann besann er sich und spürte das Aufflammen von Wut in seinem brodelnden Magen.
»Verzeih mir, dass ich nicht einfach so tun kann, als wäre nichts gewesen, so wie du«, konterte er ironisch, »ich habe nun mal so etwas wie ein Gewissen!«
Theo blinzelte überrascht, angesichts Milos Bissigkeit, immerhin war er sonst immer der ruhige, schüchterne Typ gewesen, niemals aufbrausend oder gar zickig. Aber wenn Theo ihm Vorwürfe machte, hatte er ja wohl das Recht, zurück zu pfeffern.
Für einen Moment starrten sie sich einfach nur an, die Spannung knisterte und drohte, sich lautstark zu entladen, doch Theo atmete tief durch und strich sich durchs Haar. Herrlich seidig glitten seine Strähnen durch seine Finger, sodass Milo den Blick abwenden musste, sonst hätte er sich auf ihn geworfen und seine Theos Hand durch seine ersetzt.
Er ging zum Bett und setzte sich steif auf die Kante. »Wir müssen es ihr sagen«, seufzte er dann und sah flehend zu Theo auf.
»Nein!«, hielt dieser entschieden dagegen.
Milo konnte es nicht fassen, da glaubte man, jemanden zu kennen, und wurde so enttäuscht. Von Theo hätte er nie erwartet, dass er ein Lügner war.
»Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren!«, rief er leise, aber aufgebracht.
Theos nachtblauer Blick traf seinen und nagelte ihn fest. Manchmal konnte er dreinschauen wie ein Feldwebel. »Ach ja? Hat sie das? Das ist immer noch meine Sache, sie ist meine Frau!«
»Und meine Schwester!« Milo sprang wütend auf. »Du hast sie betrogen! Ich muss es ihr sagen!«
»Ja«, Theo grinste plötzlich kalt und deutete mit einem langen Finger auf Milos Brust. »Ich habe sie betrogen. Und zwar mit dir! Ihrem Bruder. Der seit Jahren in mich verknallt ist!«
Beschämt sah Milo zur Seite.
»Was wird sie wohl denken, wenn sie es erfährt«, setzte Theo hinterher. »Welcher Verrat trifft sie wohl mehr. Meiner? Oder deiner? Du bist ihr Bruder, von dir hätte sie das am allerwenigsten gedacht.«
Er versuchte, ihn zu manipulieren. Milo mahlte mit den Kiefern. »Ist mir egal.« Entschlossen sah er Theo ins Gesicht, das sofort in sich zusammenfiel. »Ja, es ist mir egal. Von mir aus soll sie mich hassen, nie wieder mit mir reden, aber zumindest kann ich behaupten, sie nicht angelogen zu haben. Ich bin ihr Bruder, das ist richtig, und eben deshalb verdient sie die Wahrheit von mir!«
Theo verengte plötzlich die Augen. »Geht es hier wirklich um deine Schwester – oder um dich?«
Verwirrt zog Milo den Kopf zurück. »Wie meinst du das?«
Bedrohlich schlicht Theo auf ihn zu, und Milo wusste nicht, ob er sich fürchten oder erregt sein soll.
»Du willst nur dein Gewissen bereinigen«, warf Theo ihm vor, »und dir ist deine Schwester scheißegal, es geht dir nur darum, dein Gewissen zu erleichtern, so ist es doch, oder? Du scheißt sogar darauf, Svenja das Herz zu brechen, ihre Ehe zu zerstören, nur damit du nachts ruhig schlafen kannst!«
Milo schnaubte, blinzelte. »Das ist ja lächerlich.« Er verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und lehnte sich vor Theo zurück, der sich über ihm aufbaute, wie er es früher immer getan hatte, wenn Milo etwas aufgefressen hatte. »Das ist ja lächerlich, ich…«
»Hast du mal darüber nachgedacht, dass sie es gar nicht wissen will?«, sprach Theo auf ihn ein. »Ich weiß, du fühlst dich schuldig, aber fühlst du dich wirklich besser, wenn du ihr alles beichtest und damit ihre Welt zerstörst? Wegen eines einmaligen, bedeutungslosen Ausrutschers? Weißt du, wie es ist, betrogen zu werden?«
»Oh ja, sehr gut sogar!« Es war das am meisten erniedrigende und zerschmetternde Gefühl seines Lebens gewesen, vor allem, weil es immer dann geschah, wenn er niemals damit gerechnet hätte.
»Und trotzdem willst du ihr das antun?«
Theo brachte ihn ins Grübeln. Wollte er seiner Schwester wirklich die Wahrheit sagen, weil er sie beschützen wollte – oder wollte er wohlmöglich nur sein Gewissen erleichtern? Ging es wirklich um sie oder doch nur um ihn?
Er wusste es nicht. Er wusste gar nichts mehr.
Theo atmete versöhnlich aus, strich sich abermals durchs Haar, sodass die schwarzen Strähnen hinterher wirr in seiner Stirn hingen und seine Augen untermalten. »Es hatte keine Bedeutung, Milo. Wir hatten Sex, na und? Es war nur Sex. Wir waren besoffen, wir waren geil, wir hatten ewig nicht mehr. Es war doch so abgemacht, oder?«
Milo schüttelte irritiert den Kopf. »Moment, was?« Er hob eine Hand, um Theo zum Schweigen zu bringen. »Abgemacht? Ewig nicht mehr? Du … du weißt, wieder wie … wie es dazu kam?«
Theo sah ihn plötzlich seltsam an. »Du etwa nicht?«
Milo hatte einen Tag und eine Nacht lang krampfhaft versucht, seine Erinnerungslücken zu füllen, jedoch vergebens. »Nein, ich … ich weiß gar nichts mehr…«, gestand er eine Spur verzweifelt und unterdrückte ein Schniefen. Oh Gott, warum war er nur so eine Heulsuse? Aber es hatte ja so kommen müssen, seit dieser Nacht mit Theo versuchte er, seine Gefühle zu unterdrücken, nun wollten sie sich bahnbrechen. All die Schuld, all die Sehnsucht, all das Chaos.
Theos Augen wirkt auf einmal trüb und er hauchte ein kaum verständliches: »Ich auch nicht.«
Milo runzelte die Stirn. Dass Theo nicht von seinen Erinnerungen sprach, war deutlich, aber wovon sprach er dann?
»Wir vergessen das, okay?«, sagte Theo da jedoch mit aufgesetzter Gelassenheit. »Wir sagen nichts und wir denken auch nicht mehr daran, und irgendwann wird es so sein wie früher, als wäre nichts gewesen. Es hatte keine Bedeutung. Also muss deine Schwester es auch nicht wissen. Es war ein Ausrutscher, kein Grund, sie tief zu verletzen.«
Als wäre nichts gewesen…
Milo starrte wie betäubt durch Theo hindurch. »Wie kannst du das sagen…?« Erst da begriff er, was ihn wirklich schockiert hatte. Dass es für Theo nichts bedeutet hatte, obwohl es für Milo … alles war, was er sich seit Jahren erträumt hatte. All die Zeit war er unglücklich verliebt gewesen, und dann hatte sich das Unmögliche ereignet, doch er konnte und durfte sich nicht darüber freuen. Er hatte kein Recht dazu.
Trotzdem … wie konnte es Theo nichts bedeuten?
»Milo…«, seufzte Theo und legte flehend den Kopf zur Seite, wie er es immer tat, wenn er selbst nicht weiterwusste. »Ich weiß, du … bist ein wenig verschossen in mich, aber … willst du deshalb wirklich deine Schwester und mich auseinanderbringen?«
Die Worte zogen Milo den Boden unter den Füßen weg. Er schüttelte nur noch den Kopf, sich nicht bewusst, dass er ihn überhaupt bewegte.
»Hey!« Theo umfasste sein Kinn und hob es an, seine Augen leuchteten warm und liebevoll, so wie früher immer, so wie Milo es von ihm gewohnt war. »Es wird alles wieder gut, in Ordnung? Bitte, Milo, versuch, es zu vergessen. Für mich! Für dich! Für deine Schwester. Mach nicht alles kaputt. Und ich bin für dich da, ja? Du bist mit deiner Schuld nicht allein, glaub mir, ich fühle mich auch mies, aber ich würde mich noch viel mieser fühlen, wenn meinetwegen eure Familie zerbricht.«
Milos Blick klärte sich ein wenig und er forschte in Theos schönem Gesicht, sah nur Güte und das Flehen um Verständnis, keine Furcht, keine Manipulation. Milo wurde es so warm ums Herz wie früher immer, wenn Theo sich um ihn gesorgt hatte.
»Wenn es dir zu viel wird, dann rede einfach mit mir, okay?« Theo streichelte sein Kinn und die Berührung prickelte. »Wir haben einen Fehler gemacht – von mir aus auch einen schönen Fehler – aber trotzdem einen Fehler. Das ist nicht das Ende der Welt. Wir stehen das durch, bis Gras über die Sache gewachsen ist, okay? Als Familie, ja?«
Milo spürte einen Klumpen im Magen und wusste, dass er vermutlich für sehr lange Zeit nicht richtig essen und schlafen würde vor Schuld und Sehnsucht. Aber er nickte trotzdem, weil er Theos Augen nichts abschlagen konnte.
Theo lächelte erleichtert. Als er Milo näherkam, zuckte er unter dem keuschen, zarten Kuss zusammen, den Theo ihm auf die Lippen hauchte. Dann zog er ihn noch einmal in die Arme und raunte ein »Danke« in Milos Ohr, während er ihn fast zerquetschte.
Aber alles, woran Milo denken konnte, war: Was sollte dieser Kuss bedeuten?

*~*~*

Er versuchte, sich normal zu benehmen, doch er spürte selbst, wie aufgesetzt sein Lächeln war, und wie er immer wieder in tiefe Gedanken versankt. Körperlich war er anwesend und machte alles mit, was seine Familie plante, doch sein Geist war noch nie so abwesend gewesen.
Immer wieder haderte mit sich, dachte darüber nach, es Svenja doch zu beichten, doch immer dann streifte ihn Theos Blick, der warm und flehend zu ihm sah, als könnte er Gedanken lesen.
Der Urlaub blieb ein Graus, aber Milo schlug sich durch.
Warum hatte Theo ihn geküsst, er konnte es nicht verstehen. Natürlich war es kein leidenschaftlicher Kuss gewesen, aber Theo hatte ihn noch nie geküsst, nicht einmal auf die Wange.
Warum jetzt? Warum nach dieser Nacht?
Noch zwei Dinge gingen ihm im Kopf herum. Theo hatte gesagt, sie hätten etwas in dieser Nacht »Abgemacht«, und dass sie beide ewig nicht hätten…?
Am vorletzten Abend des Urlaubs stand Milo allein oben an der Reling und beobachtete seine Schwester und Theo, wie sie im Wasser schwammen. Er beobachtete sie bereits seit Tagen so genau er konnte, suchte nach Anzeichen für Spannungen in ihrer Beziehung, suchte nach … allem, was ihm einen Aufschluss darauf gab, wie Theo plötzlich hatte in seinem Bett landen können.
Aber da war nichts, für Milo wirkten sie so verliebt wie immer. Bis auf … sie küssten sich weniger, Theo berührte Svenja nur noch bedürftig, sie waren liebevoll zu einander, aber nur verbal, nachts war es still hinter ihrer Tür – woher er das wusste, wollte er lieber nicht erklären müssen.
Aber vielleicht bildete Milo es sich auch nur ein.
»In Ordnung, was hast du ausgefressen?«
Überrascht sah Milo auf, als sein Vater sich auf leisen Sandalen näherte und ihm ein Glas Scotch und eine Zigarre reichte. Milo mochte weder Scotch, noch Zigarren, aber um seines Vaters willen lehnte er nicht ab. Vielleicht beruhigte der Alkohol ja auch seine Nerven.
»Ich weiß nicht, was du meinst«, nuschelte er um die Zigarre in seinem Mund herum, nachdem sein Vater sie ihm mit einem Streichholz angesteckt hatte.
Er paffte und beobachtete Theo, der an Deck kletterte, schmachtete nach jedem Zoll Haut, über die das Wasser perlte. Die Sehnsucht war zugleich ein warmes Kaminfeuer und eine reißende Flut in seinem Magen. Er hasste sich selbst dafür.
Sein Vater lachte kopfschüttelnd. »Ach Junge, verkauf mich nicht für dumm. So warst du früher schon! Wenn du etwas ausgefressen hast, wusste man es immer sofort. Diese schuldige Miene, dieses Schweigsame und das nervöse Kneten der Schultern. Ich kenn dich doch.«
Beschämt hörte Milo damit auf, sich selbst zu massieren, und griff stattdessen zu dem Glas, das auf der Reling stand. »Ich habe nichts angestellt.«
»Gut, dann nicht«, sein Vater wirkte beinahe pikiert, als er den Blick abwandte.
Milo schwieg einen Moment, und das Schweigen wurde unangenehm, wie ein zu warmer Mantel, unter dem sich immer mehr die Hitze staute, doch man traute sich nicht, ihn abzulegen, weil man schon verschwitzt war.
Schließlich hielt er es nicht mehr aus.
»Dad, hast du schon mal ein so schlimmes Geheimnis gehabt, dass du dich gefühlt hast, als würde es dich innerlich auffressen – und gleichzeitig kannst du nur davon fantasieren, es wieder zu tun?«
Sein Vater zuckte mit den Achseln. »Ja, ständig.«
Milo sah ihn überrascht an.
Sein Vater grinste. »Sogar gerade im Moment«, sagte er und hob die Zigarre.
Milo begriff und musste tatsächlich lächeln. Es war allerdings kein Geheimnis, dass sich sein Vater trotz Verbot hin und wieder – ein oder zweimal im Jahr – eine Zigarre und ein Glas Scotch gönnte.
Sein Vater wurde ernst. »Was ist es, Junge?«
Milo schlug die Augen nieder und schürzte die Lippen.
»Hast du jemanden umgebracht?«
Milo warf ihm einen warnenden Blick zu.
»Komm schon«, gluckste sein Vater, »mir kannst du es doch sagen. Ich spüre doch, dass du es loswerden willst. Jetzt oder nie, Junge. Jetzt oder nie.«
Milo holte tief Luft. »Ich … habe mit einem verheirateten Mann geschlafen.«
Sein Vater wusste für einen Moment nicht, was er sagen sollte, er sprach nie mit Milo über Milos Beziehungen oder Sexleben. Sie wollten das beide nicht. »Oh.« Er blickte über den See hinaus, wo sich der Sonnenuntergang wie ein feuriger Kegel im Wasser spiegelte. »Sieh an, die Schwulen begehen also auch Ehebruch, fragt sich, ob wir ihnen die Ehe für alle wirklich hätten gestatten sollen.«
Er meinte das nicht ernst, es war ein unbeholfener Scherz, aber Milo sah ihn trotzdem böse an.
»Ach, vergiss es!« Er wollte gehen.
»Warte!« Sein Vater zog ihn zurück und lachte in sich hinein. »Nun nimm das doch nicht immer so ernst.«
Milo mahlte mit den Kiefern.
»Also«, forderte sein Vater ungeduldig. »Wo ist das Problem? Hat er dir versprochen, sich für dich zu entscheiden, aber braucht noch etwas Zeit? Glaub ihm nicht, der lügt. Das tun wir alle.«
»Er ist mit einer Frau verheiratet«, erklärte Milo dann, »mit einer Frau, die ich … die ich sehr mag. Und ihm hat die Nacht nichts bedeutet, er … er ist hetero.«
»So hetero kann er nicht sein, wenn er mit dir geschlafen hat.«
Milo schnaubte, wusste nicht, was er sagen sollte. Er war selbst verwirrt über Theos Verhalten, und es schien, als wäre er sogar verwirrter als Theo.
Sein Vater betrachtete ihn eingehend, mit einem Wissen in den Augen, das Milo eine Gänsehaut bescherte.
»Ich weiß einfach nicht, ob ich es ihr sagen soll«, seufzte er schwermütig.
»Tu es nicht«, antwortete sein Vater trocken. Milo sah ihn sprachlos an. »Ich meine, was geht es dich an, Milo? Es ist nicht deine Ehe. Und welches Recht hast du, sie zu zerstören?« Sein Vater zuckte so gleichgültig mit den Schultern, dass es wehtat. »Ich meine, wenn es keine Bedeutung hatte, wenn es nur ein Ausrutscher war, dann musst du keine schlafenden Hunde wecken.«
Zweifelnd lehnte Milo sich wieder auf die Reling.
»Ich weiß«, sein Vater schnaufte, »ich bin nicht gerade ein moralischer Kompass, mein Junge, aber eines weiß ich: nur weil etwas geschehen ist, muss es noch lange nicht jeder wissen. Du hast ein Geheimnis, vielleicht wäre es moralischer, ehrlich zu sein, aber ist es nicht auch gerecht, jemanden schützen zu wollen, den man liebt?«
Das brachte Milo wieder zum Nachdenken.
»Es ist doch so, egal für was du dich entscheidest, es ist nie die richtige Entscheidung, denn ob du es verschweigst oder beichtest, macht es nicht ungeschehen. Vielleicht rettest du aber etwas, indem du schweigst, womit es dann fast so wäre, als wäre es nie geschehen. Was ist dir lieber? Mit einem Geheimnis zu leben, das nur dich belastet, oder damit zu leben, eine eigentlich intakte Sache, zerbrochen zu haben, weil dein Gewissen dich quält?«
Angewidert verzog er das Gesicht. »Das klingt mir zu sehr danach, als hättest du reichlich Erfahrung damit.«
Sein Vater sah hinab und betrachtete Theo und Svenja, die die Beine im Wasser baumeln ließen und den Sonnenuntergang genossen.
»Manchmal muss man den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen, Milo. Magst du den Kerl? Diesen … Ehemann?«
Milo nickte bereits, bevor er es wollte. »Ja. Sehr.« Er schluckte.
»Ich kann dir nicht sagen, was du tun solltest, aber eines weiß ich: wenn du diesen Kerl wirklich gernhast, dann zerstörst du ihm nicht sein Leben.«
Reuevoll sah er seinen Vater an.
Doch dieser war noch nicht fertig und fuhr einfühlsamer, als Milo es ihm je zugetraut hätte, fort: »Du kannst nur abwarten, Milo, vielleicht geht diese Ehe in die Brüche, dann bist du aber wenigstens nicht schuld. Vielleicht passiert auch gar nichts und dieser Kerl lebt glücklich bis ans Ende seiner Tage mit seiner Frau – oder unglücklich – trotz dieses Ausrutschers. Aber auch dann ist es nicht deine schuld. Du hast mit einem verheirateten Mann geschlafen, ja, aber du bist nicht verheiratet, du hast nicht die Pflicht, irgendetwas zu beichten. Also quäl dich nicht, hake es ab. Glaub mir, das ist am besten. Für dich! Und manchmal, mein Junge, muss man eben an sich selbst denken.«
»Hm.« Nachdenklich blickte Milo über den See, versuchte, das Ehepaar, das unter ihnen vom warmen Sonnenuntergang angestrahlt wurde, zu ignorieren. »Was, wenn die Ehefrau … jemand ist, der gegenüber ich trotzdem eine gewisse moralische …«
»Hast du nicht«, unterbracht sein Vater ihn gleich, »sie ist nicht deine Frau, du hast niemanden betrogen. In Ordnung?«
So einfach war das nicht, aber irgendwie fühlte er sich besser. Als hätte sein Vater mit einer Schippe einen Teil seines Schuldenberges abgetragen und im See versenkt. Es war nicht wieder gut, aber es war besser. Vielleicht würde es mit der Zeit sogar erträglich werden.
In einem hatte sein Vater jedoch recht, Milo konnte nicht Svenjas und Theos Leben zerstören, dafür hatte er beide zu gern.
Doch ihn ließ der Kuss nicht los und das, was Theo angedeutet hatte. Irgendetwas sagte ihm, dass etwas nicht stimmte, dass Theo nicht er selbst war, ein Problem hatte, vielleicht mit ihm reden wollte, es aber nicht getan hatte.
Aber sein Vater hatte recht, das war nicht seine Angelegenheit, nicht seine Ehe, nicht seine Schuld.
Manchmal musste man an sich selbst denken…

*~*~*

»Komm, ich helfe dir.«
Milo sah sich nervös um, als Theo sich bückte und seine Reisetasche in den Kofferraum hob.
»Was?«, Theo lächelte. »Darf ich dir jetzt nicht einmal helfen, ohne dass du dich gleich panisch umsiehst?« Er knuffte ihm in die Seite, und Milo durchzuckte es, als hätte er ihn geküsst.
Verdammt, Theos elektrisierende Wirkung hatte sich nicht verändert, trotz ihres seit dem Urlaub unterkühlten Verhältnisses. Trotz, dass Milo nun leider sehr genau wusste, wie er sich anfühlte, wie er sich bewegte, wie zärtlich und gleichzeitig bestimmt er sein konnte, wie er schmeckte…
Er musste schlucken und schnell den Blick abwenden. »Doch, klar. Ich … es ist nur … ich kann das selbst«, stammelte er ein wenig abweisend und warf den Kofferraum zu.
»Hey, warte mal«, Theo hielt ihn noch einmal am Arm zurück. Unwillig drehte Milo sich wieder zu ihm um, starrte aber seine Füße an. Wenn er die Nacht mit ihm vergessen sollte, dann brauchte er jetzt vor allem Abstand.
Theo atmete tief durch, eher begann. »Danke, Milo. Ich weiß, es ist nicht leicht für dich, dicht zu halten, aber danke. Und es tut mir leid, ja? Das … das sollst du wissen. Ich hab … hab mich auch dir gegenüber falsch verhalten.«
Verwundert hob Milo den Kopf. »Wie kommst du darauf?«
Aber Theo ging nicht näher darauf ein. »Du hast besseres verdient, als benutzt zu werden. Es tut mir aufrichtig leid, Milo, wirklich. Die Schuld liegt allein bei mir. Könntest du dich an die Nacht erinnern, dann … Ich …« Er brach ab und presste die Lippen zusammen.
Milo betrachtete ihn eingehend, bekam das Gefühl nicht los, dass Theo ihm etwas sagen wollte, es aber nicht über die Lippen brachte.
»Ich wollte nur danke sagen«, schloss Theo dann ab, »und dir versichern, dass ich deine Schwester vor dir nie betrogen habe, nie! Ich bin kein Schwein, ich will auch nicht, dass du das von mir denkst.«
Milo konnte nicht anders, als gerührt zu sein. Er seufzte versöhnlich. »Ich weiß, Theo.« Wer wüsste das besser als er? Er hatte Theo immer … auf ein Podest gestellt, immer zu ihm aufgesehen, ihn bewundert, ihn immer … geliebt, auf eine kindliche und auf eine absolut nicht kindliche Art und Weise…
»Theo!«, rief Svenja über den Parkplatz am Harfen, das Sonnenlicht des frisch erblühten Spätsommermorgens verfing sich in ihrem Haar und eine sanfte Briese verwehte ihren dünnen, hellblauen Schal. »Komm schon, Schatz, wir müssen fahren.«
»Komme«, rief Theo, drehte sich noch einmal zu Milo um, ein wehmütiger Hauch in den nachtblauen Augen. Milo durchzuckte ein Blitz, als er die sanfte Berührung an der Hand spürte, mit der sich Theo verabschiedete.
Er stand noch da, als sie an ihm vorbeifuhren, und stand auch noch zwanzig Minuten danach da, während die Berührung auf seiner Hand nachbrannte.

*~*~*

Es geschah drei Wochen nach diesem Urlaub. Drei Wochen, in denen Milos Leben wieder normal verlaufen sollte. Er hatte nach zwei Wochen fast sein schlechtes Gewissen unterdrückt, dachte nur noch in ruhigen Momenten daran, nachts holten ihn den wenigen Erinnerungen ein, die er an diese Nacht hatte, und obwohl er sich schuldig gegenüber seiner Schwester fühlte, versank er in Theos Augen, wie dieser in seinem Körper, und legte selbst Hand an, während die Erinnerungen sein Tun beflügelten.
Es war so … ungerecht. Er fühlte sich einsamer denn je. Sehnte sich so sehr nach Theo, dass es schon beschämend war. Manchmal erwischte er sich selbst dabei, dass er sich vorstellte, Theo würde plötzlich vor der Tür stehen, Theo würde mit ihm kochen, Theo würde zu ihm in die Dusche steigen, neben ihm schlafen, abends zusammen mit ihm auf dem Sofa liegen. Nur um sich gleich darauf gegenüber seiner Schwester schuldig zu fühlen. Es war zum kotzen und absolut nervig.
Er fühlte sich so einsam, dass er bereits überlegte, sich ein Haustier zuzulegen. Einen kleinen Hund, eine Katze vielleicht, irgendetwas Lebendiges, das auf ihn wartete, wenn er nach Hause kam. Irgendetwas, das dieses riesige Loch in seinem Inneren füllen konnte.
Er hatte nicht mal mehr Sex, keine Lust auf Clubs und Quickies, keine Lust auf all die hohlen, testosterongesteuerten Klischeetypen mit ihren aufgepumpten Körpern.
Aber … damit konnte er leben, und mit jedem weiteren Tag, verblasste das Gewissen, er brauchte nur Abstand. Doch als seine Schwester zum dritten Mal in Folge an einem Nachmittag anrief, konnte er sie nicht länger ignorieren. So penetrant war sie sonst nicht. Vielleicht war es wichtig, vielleicht war etwas mit ihrem Vater.
Als er ranging, hatte er bereits einen Herzsturz, denn das gequälte, geweinte »Milo« seiner Schwester, ließ ihn das Schlimmste annehmen.
»Ist was mit Vater?«, fragte er sofort und ohne Einleitung. Seit er damals von ihr angerufen und benachrichtig wurde, dass sein Vater im Krankenhaus lag wegen eines kleinen »Herzvorfalls«, fürchtete er sich vor diesem Anruf.
»Was?«, schniefte Svenja jedoch verwirrt. »Oh. Nein, nein! Oh Gott, Milo, das tut mir leid, deshalb rufe ich nicht an. Vater geht es gut, ich habe ihn erst heute Morgen gesprochen.«
Ihm fiel ein Stein vom Herzen, seufzend hob er die Zeitschrift vom Sofa und lief sich darauf fallen. Es war nicht mehr sehr bequem, ein altes Möbelstück seiner Schwester, er war zu geizig, sich etwas Neues zu Kaufen. Das hatte noch Zeit, sagte er sich immer vor.
»Was ist es denn dann?«, hakte er schließlich nach, nachdem er sich von seinem Schock erholt hatte.
Ein Schluchzen drang durch den Hörer und er war sofort wieder in Alarmbereitschaft. »Svenja?«, hakte er besorgt noch. »Hey, was ist denn?«
Ein einziges Wort kam durch das Geheule durch. »Theo«, weinte sie und schniefte noch mehr.
Milo sank das Herz in die Hose. Sie wusste es! Sie wusste es ganz sicher! Vielleicht hatte Theos Gewissen ihn doch dazu gebracht, reinen Wein ein zu schenken.
»Svenja, ich…«
»Er hat es dir gesagt, oder?«, schluchzte sie und er stellte sich vor, wie sie an ihrem runden Küchentisch saß, die Sonne fiel durch die Rüschenvorhänge und zeichnete Lichtspiele auf ihren Arm, den sie gehoben hatte, um das verweinte Gesicht in die Hand zu stützen.
Milo verstand gar nichts mehr. »Gesagt…?«
»Deswegen warst du so seltsam«, glaubte sie. »Wir wollten es euch eigentlich am Ende des Urlaubs sagen, aber … als ich deine Resignation bemerkte … ich konnte es einfach nicht, ich wollte eure Vorwürfe nicht hören.«
Milo kam nur ein Gedanke. »Ihr habt euch getrennt.« Er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte – sein durfte – oder ob er Angst haben sollte, weil er Theo vermutlich nicht wiedersehen würde, wenn er sich von seiner Schwester getrennt hatte.
Es blieb einen Moment still am anderen Ende der Leitung, er konnte die Überraschung seiner Schwester regelrecht spüren. »Was? Nein! Nein, nein, haben wir nicht. Ich …« Sie stockte. »Er hat dir gar nichts erzählt?«
»Ich … « Milo war ebenso ratlos. »Svenja, sag mir doch einfach, was los ist! Warum weinst du?«
Wieder dieses Schweigen, er hasste es, er musste unbedingt wissen, was mit Theo war…
»Wir wollten ein Kind, weißt du?«
Milo wurde wieder übel. »Ich … oh.«
»Ja, aber … nach dem wir es ein Jahr versuchten, dachte ich bereits, es länge an mir.« Plötzlich erinnere Milo sich an die seltsame Traurigkeit, die seine Schwester letztes Jahr um die Weihnachtszeit umgeben hatte und fühlte sich noch schuldiger. Warum hatte sie sich ihm nicht anvertraut?
»Wir gingen vorsorglich zum Arzt, und … kurz um, es stellte sich dann jedoch heraus, dass nicht ich, sondern Theo das Problem war. Er … er kann keine Kinder zeugen.«
Milo hatte plötzlich ein ganz komisches Gefühl, so als würde er gleich in Ohnmacht fallen, als drängte sich etwas in ihn…
»Ich … oh Gott, Milo, ich war so schrecklich zu ihm, war wütend, als könnte er etwas dafür. Er schlief sogar auf dem Sofa, wir hatten keinen Sex mehr, er ließ mir Zeit und Freiraum, schlug mir Samenspender oder Adoption vor. Aber …. aber ich wollte doch so gerne eines von ihm, verstehst du?« Sie weinte wieder. »ich war so stur, hab nur ihm die Schuld gegeben.«
Milo drängte sich ein Erinnerungsfetzen auf.

-     »Sie will die perfekte Familie, aber die kann ich ihr jetzt nicht mehr bieten«, sagte Theo matt und hing ratlos in seinem Liegestuhl. »Ich komm mir regelrecht kastriert vor, mir ist meine Frau entglitten.« Milo zog es bei seinem trostlosen Anblick das Herz zusammen, doch um nichts Voreingenommenes und Dummes zu sagen, trank er und hörte zu, bis er zu viel getrunken hatte.

»Svenja, ich…«
»Hat er es dir wirklich nicht erzählt?«, schniefte sie. »Ich dachte, weil du so distanziert warst, würdest du mich verurteilen, ich hatte so Angst, du…«
»Warte, warte!«, unterbrach er sie, während er sich aufsetzte und versuchte, ihr gleichzeitig sein Ohr zu schenken und die Erinnerungen festzuhalten, die sich ihm plötzlich wieder aufdrängten.
»Warum sollte ich dich deshalb verurteilen, du hast doch nichts verbrochen, du warst verzweifelt, das ist doch verständlich.«
Ein verzweifeltes Schluchzen ließ ihn innehalten, dann berichtete sie voller Reue und mehr heulend als gesprochen: »Ich habe ihn betrogen, Milo. Mit einem meiner Klienten. Und jetzt bin ich schwanger.«
Milo saß da wie erstarrt, wusste nicht, was er sagen sollte. Und da viel es ihm wieder ein. Alles. Er erinnerte sich, wie Theo sich ihm anvertraute, wie er, Milo, sagte, seine Schwester wüsste nicht, was sie an Theo hätte. Wie gerührt er war, als er hörte, dass Theo ihr verzeihen und bei ihr bleiben wollte, dieses fremde Kind mit ihr bekommen wollte, weil das ein guter Ehemann eben so macht. Erinnerte sich, wie er dann sturzbesoffen gegenüber Theo seine Liebe gestand, wie Theo erst gezwungen lachte, ihn aber dann durchdringend angesehen hatte. »Beweis es«, hatte er gesagt. Milo war beflügelt vom Alkohol, hatte ihn geküsst, sich gewundert, dass er erst zögerlich, dann leidenschaftlich zurück geküsst wurde. Wie er auf Theos Schoß glitt und dessen Hände seine Schenkel umklammert hatten, während ihre Zungen sich fanden. »Das ist so heiß«, hatte Theo geraunt. »Bist du nicht hetero?«, hatte Milo gelacht. Theo hatte die Schultern gezuckt. »Ich wollte das schon immer mal ausprobieren.« Der Weg zur Kabine war verschwommen, nur Küsse und Gefummel, gegen Wände gekrachte Rücken, leises, spitzbübisches Lachen. »Das bleibt unter uns, ja?«, wollte Theo wissen. »Versprochen, nur Sex«, hatte Milo geantwortet und die Hände unter Theos Shirt geschoben.
In der Gegenwart sprang Milo vom Sofa und lief unruhig in seinem kleinen Wohnzimmer auf und ab, fuhr sich über den Mund. Er hörte die Straße durch das gekippte Fenster rauschen, fast so laut wie dem Puls in seinen Ohren. Seine Schwester redete, weinte weiter, aber er hörte ihr kaum noch zu.
»…wollten das gemeinsam durchstehen, da wusste ich, was für ein Glück ich hab … aber seit dem Urlaub wirkt er so zurückgezogen … hat er was zu dir gesagt? … Letzte Nacht hatten wir wieder einen Streit, ich wollte mit ihm schlafen, aber er nicht mit mir … wollte Zeit … ich wurde wütend … er ging und kam nicht zurück … ich weiß nicht, was ich machen soll … Milo?«
»Ja, ja. Bin da.« Er fuhr sich durchs Haar und versuchte, sich zu sammeln. »Hör mal, ist schon ein hartes Stück.«
»Und er hat dir nichts gesagt? Durchblicken lassen, ob er noch wütend ist?«
»Natürlich ist er noch wütend.« Milo konnte es nicht fassen und wurde selbst wütend. »Du bekommst ein Kind von einem anderen Mann!«
Zu gut erinnerte er sich an Theos gebrochenen Blick. Es war ihm leider zu gut möglich, sich in Theos Lage hinein zu fühlen. Erst erfährt er, dass er seiner Frau nicht ihren größten Wunsch erfüllen kann, fühlt sich hilflos, dann kommt ein Fremder daher und bumst seine Frau an. Verdammt, Milo wäre an seiner Stelle nicht bei ihr geblieben. Aber so war Theo nicht – und das liebte er an Theo. Selbst in der tiefsten Scheiße konnte man sich auf ihn verlassen, selbst dann, wenn er allen Grund hatte, wütend zu sein, er ließ nie jemanden im Stich.
Svenja weinte und Milo bekam ein schlechtes Gewissen. »Hör zu, es tut mir leid, ja? Er braucht jetzt sicher etwas Zeit – Lass ihm Zeit. Er kommt schon wieder, es ist Theo! Er lässt dich nicht einfach im Stich. Sicher hat er nur Dampf abgelassen, irgendwo wird er schon auftauchen.«
Es klingelte und Milos Herz machte einen Satz.
»Ja«, schniefte Svenja ein wenig beruhigt. »Ich muss jetzt weiterarbeiten. Kannst du … kannst du versuchen, ihn zu erreichen, vielleicht redet er mit dir. Ich will nur wissen, ob es ihm gut geht, ja? Er muss nicht heimkommen, wenn er noch nicht will, aber ich muss wissen, dass…«
»Verstehe schon, ich versuche mein bestes«, unterbrach er sie, weil er mittlerweile an der Tür angelangt war und den Summer gedrückt hatte. »Da ist jemand an der Tür, ich…«
»Verstehe, ich will dich nicht aufhalten«, sagte seine Schwester schnell, aber ihre Resignation zeugte davon, wie enttäuscht sie war, dass er sie nicht tröstete, sondern abwürgte. »Melde dich, ja?«
Er öffnete die Tür mit rasendem Herzen. »Sobald ich etwas weiß«, versprach er. Es war eine Lüge. »Hab dich lieb.«
»Ich dich auch!« Sie verabschiedete sich mit einigen Kussgeräuschen, dann war die Leitung still.
Milo starrte den Mann auf der Schwelle an und nahm das Telefon vom Ohr, legte auf.
Theo sah beschissen aus, hatte einen ungepflegten Bartschatten, rote Augen und stank nach Alkohol. Aber er war schön wie eh und je. Für Milo zumindest.
»Ich weiß nicht, was ich tue«, sagte Theo mit brüchiger Stimme.
Milo schüttelte den Kopf, kam sich nicht mehr real vor. »Ich auch nicht.«
Und dann küsste Theo ihn und warf die Tür hinter sich zu.