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All in my head

OneshotAllgemein / P16 / Gen
04.06.2019
20.12.2019
7
5.152
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10.06.2019 824
 
Meine Augen sind geschlossen, ich liege auf dem Bett und versuche möglichst ruhig zu atmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Kurz halten und Ausatmen. Langsam beruhige ich mich wieder. Tränen laufen mir immer noch in Strömen über meine Wangen, aber ich schluchze nicht mehr so unkontrolliert wie noch vor ein paar Minuten. Doch schon schiebt sich wieder Matt`s Gesicht vor mein inneres Auge. Ich kuschle mich noch tiefer in mein Bett und vergrabe meinen Kopf in das Kissen.

Der Krieg ist nun schon ein halbes Jahr her und seit dem ist viel passiert. Jeder einzelne in meinem Umfeld schien sich in dieser Zeit weiterentwickelt zu haben und sich von den Strapazen und Verlusten, die wir durch den Krieg erlitten haben, langsam aber sicher zu erholen. Jeder außer mir. Ich bin immer noch genauso gebrochen, wie vor sechs Monaten. Besonders schlimm wurde mein psychischer Zustand immer, wenn ich in Lucas Nähe war. Jedes mal wenn ich ihn sehe, zerbricht etwas in mir und lässt sich nicht wieder zusammenflicken. Zu stark ist die Erinnerung daran, wie Lucas` Pfeil Matt`s Handgelenk durchbohrte und Matt tot auf den Boden sank. Erneut beginne ich zu schluchzen. Irgendwann kann ich nicht mehr, habe keine Energie mehr, und ich falle in einen tiefen Schlaf.

Als ich wieder aufwache fühle ich mich schwach und gerädert. Ich strecke mich ausgiebig und stehe dann auf. Langsam gehe ich Richtung Bad. Dort angekommen werfe ich einen Blick in den Spiegel. Ich sehe schrecklich aus. Ich berühre die kalte Scheibe des Spiegels, blicke in das blasse Gesicht, dessen – noch vom weinen gerötete und geschwollene - Augen mich verzweifelt ansehen. Verfilzte Haare, dunkle Augenringe, aufgesprungene Lippen – farblos, so anders als früher. Früher war ich bunter, ausgelassener – glücklicher. Wie konnte es so weit kommen? Vor einem Jahr habe ich noch mit meiner Familie in Spanien gelebt, ich wusste nicht mal, dass Matt existiert. Matt. Der einzige Mensch, für den ich je romantische Gefühle entwickelt habe, mit dem ich mir mehr hatte vorstellen können. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass er die Liebe meines Lebens war. Aber ich bin erst 16, also was weiß ich schon. Frustriert fahre ich mir mit den Fingern durch meine Haare und gehe wieder zurück auf mein Zimmer.

Dort angekommen setze ich mich aufs Bett und hole die Schachtel Schlaftablette aus meinem Nachttisch, die ich mir von Noel „geliehen“ hatte. Ursprünglich wollte ich mich direkt damit umbringen. Dad hatte mich gerade noch rechtzeitig gefunden. Damals hatte ich drei Tabletten geschluckt, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Ich war, kurz nachdem Dad in mein Zimmer kam, in seinen Armen eingeschlafen.
Ich öffne die Dose vorsichtig und betrachte die Tabletten eingehend. Sie sahen so ungefährlich aus und doch konnten sie tödlich seien, wenn nur die Dosis stimmte. Oft schon, habe ich so auf meinem Bett gesessen und überlegt, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn ich mich umbringen würde. Jedes mal machte ich mir im Kopf eine pro und eine kontra Liste. Wägte die Gründe ab, die ich hatte um weiter zu leben, gegen die Gründe, die für meinen Selbstmord sprachen.
Auf der pro-Liste steht definitiv meine Familie, vor allem meine „richtige“ Familie, also Jason, Hector und Dad. Meine drei Männer. Ich liebte sie so sehr, sie brachten mich immer zum lachen. Aber auch Cass, Onkel Castor und Tante Noel stehen auf der pro-Liste. Nicht zu vergessen Noels Essen, ihr Essen allein ist wahrscheinlich Grund genug am Leben zu bleiben. Es war wirklich himmlisch, und egal wie schlecht ich mich fühlte, wenn sie kochte ging es mir automatisch besser. Das war eine Lebensweisheit, die ich mir zu Eigen gemacht hatte: Gutes Essen macht alles besser.
Ein weiterer Punkt auf der pro-Liste sind meine Freunde. Ich hatte so viele neue Freunde hier auf Nantucket gefunden. Da waren Orion, Claire und Helen. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
Matt hat auch einmal zu diesen Freunden gehört. Ich musste schlucken. Und Lukas stand nicht auf der pro-Liste. Nicht mehr. Jedes mal, wenn ich ihn ansah, sah ich nur ihn mit einem Bogen in der Hand, Matt vor ihm tot auf dem Boden liegend. Mein lächeln erlischt wieder und ich trage wieder meine ausdruckslose, gleichgültige Maske.

Ich nehme eine der Tablette aus der Dose und halte sie fest zwischen meinen Fingern. Dann nehme ich das Wasserglas von meinem Nachttisch in meine freie Hand und schlucke die eine Tablette. Eine für Matt.
Ich nehme mir eine zweite Tablette aus der Dose und schlucke auch sie. Eine für Pandora.
Ich schlucke eine weitere Tablette. Eine für Mom.
Eine Tablette für jede Person, die von mir gegangen ist.

Schließlich lege ich die Tabletten auf die Seite und lege mich hin. Ich bin so müde. Meine Augenlider werden schwer, flattern und fallen schließlich ganz zu. Langsam aber sicher gleite ich in einen tiefen Schlaf hinein. Ich spüre noch, wie mir Tränen die Wangen runterlaufen, bis sich ein dumpfes und gleichzeitig berauschendes Gefühl der Gleichgültigkeit in mir breit macht.
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