Teufelsbrut

GeschichteHumor, Horror / P18
04.06.2019
21.08.2019
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Einleitung



Einst gab es das Nichts und es wurde wahrhaftig inmitten des Seins. Im Nichts lag nichts, obgleich es war. Im Sein lag alles, selbst das Nichts. Ich war im Nichts und somit war ich im Sein. Ich war zugleich alles und nichts.

Am Anfang da war ich und ich war vollkommen. In meinem Inneren lag die Unvollkommenheit. Sie versuchte mir zu entfliehen und obwohl ich die Kraft hatte, sie an mich zu binden, hatte ich kein Recht sie in mir zu halten.

Nach Freiheit schreiend und auf der Flucht vor mir, nannte ich sie Leben.



Prolog



Tropfen fallen stetig herab und kaum schlagen sie am Boden auf, verlieren sie ihre Bedeutung.



Capricornus starrte auf die Frau zu seinen Füßen, deren  zum Teil ergrauten Haare in allen Richtungen von ihrem Kopf abstanden und dabei wirkten wie ein graubrauner Fächer. Seine Mundwinkel zogen sich nach unten, als er sie auf den Rücken drehte und spürte, wie ihr Oberkörper unter dem Druck seiner Finger nachgab. Ihr Leib war formbar, so als würde er schon mehrere Tage hier liegen und doch roch es nicht nach verdorbenem Fleisch. Seine Pupillen verengten sich, als er ihre Rippen inspizierte, die wie Speere aus ihrem Körper ragten. „Als hätte sich ihr Körper nach außen gestülpt“, murmelte er: „Und doch ...“

Capricornus wandte sich zu dem Mann, der rechts von ihm, in seinem Schaukelstuhl hing. Sein kantiges Gesicht in Kombination mit seinen milchigen Augen erweckten den Eindruck, er würde ihn anstarren. Im Gegensatz zu den Rippen der Frau, waren seine brüchig und teilweise abgebrochen. Capricornus runzelte die Stirn. Auch der Mann war bereits dabei sich zu verflüssigen und auch seine Leiche, war blutleer.



Nur zwei weitere Tropfen, in einem Meer, das genährt wird von stetem Regen, der nichts bewässert, aber alles verschlingt.



Capricornus erhob sich, als die Tür des alten Hauses knarrte. Kurz darauf erspähte er den strohblonden Haarschopf seines Kameraden und den enormgroßen Bogen, der über diesen hinausragte. Seine lichtblauen Iriden huschten über die Frau, hin zu dem Mann und blieben letztlich an ihm haften. „Was ist hier passiert?“, fragte Sagittarius und zischte leise. Mit der Hand fächelte er auf und ab. „Uh, angenehm war das sicher nicht.“

Capricornus trat an ihm vorbei und stellte sich an das beschlagene Fenster. Von dort aus hatte er einen guten Blick auf den Abhang, der sich in wenigen Metern Entfernung befand und auf den kleinen Teich in seiner Tiefe.

„Sag“, murmelte er: „Falls sie ein Kind hätten, würde es Hinweise geben, oder?“

Der hölzerne Boden knarrte unter jedem Schritt, als Sagittarius sich auf Capricornus zubewegte und sich neben ihn stellte.

„Du denkst doch nicht, das sie das Ritual hier durchgeführt haben?“, fragte er und starrte ihn an. Capricornus erwiderte nichts. Seine Gedanken waren am Ufer des Teiches, an dem zwei steinerne Bänke standen. Sie waren getrennt von einer Eiche, die so riesig war, dass sie lange vor dem Bau des Hauses dort gestanden haben musste. Ihre massiven Äste breiteten sich wie schützende Arme über den Bänken aus und spendeten Schatten, wenn die Sonne unbarmherzig auf die Erde hinab schien. Bei Regen würde das Blätterdach zu einem undurchdringlichen Schirm und selbst Hagel, könnte ihr nichts anhaben. Diese Eiche war sicherlich für vielerlei Wesen ein kostbares Heim geworden und bestimmt hatte sie gute Geschichten zu erzählen.

„Wieso kann nicht alles Leben so heilsam sein“, seufzte er und wandte sich vom Fenster ab: „Hat Aries etwas gefunden?“ „Er war auf dem Weg zu einer Scheune, westlich von hier.“, erwiderte Sagittarius, wandte sich vom Fenster ab und trat ins Freie. Capricornus folgte ihm verzögert. Er ließ den Blick über den kleinen Garten schweifen, welcher an der südlichen Front des Hauses angelegt worden war. Er registrierte die frischen Fußstapfen darin und warf einen Blick zurück auf das Haus. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit, als er Sagittarius den Abhang hinab folgte.



Die Sonne war fast gänzlich hinter dem Horizont verschwunden, als Capricornus die Scheune erblickte. Ruine wäre das bessere Wort gewesen. Das Holz war alt und morsch und unzählige Löcher verschlangen die Wände. Unvermittelt stellte er sich vor, wie das Gebäude über ihm zusammenbrach.

„Da wären wir“, flötete Sagittarius und stieß die Türe mit dem Fuß auf, ehe er in den Stall trat. Seine Hände schossen an sein Gesicht und verdeckten sowohl Nase als auch Mund. Eine Blöße, die Capricornus sich niemals erlauben würde. Als ihm der beißende Geruch der Verwesung entgegenströmte, zischte er. „Das Vieh!“, keuchte Sagittarius neben ihm.

Die Balken, welche die Stabilität der Scheune sicherten, waren ebenso morsch wie die Wände und dem Dach fehlten zahlreiche Ziegel. In der Mitte des Raumes erspähte er Aries, der dort kniete, umgeben von sechs Pferdekadavern, in denen sich die Maden suhlten. Seine schulterlangen, violetten Haare verdeckten sein Gesicht, da er sich über eines der Pferde gebeugt hatte. Erst jetzt fiel Capricornus auf, dass er seinen Körper mit der Gnade umgeben hatte.

„Ich spüre nichts“, sagte Sagittarius und sah sich um. Capricornus schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht, dass hier noch Teufel sind.“

Aries schloss die Lider des Pferdes, ungeachtet der Maden, die sich dadurch auch auf seiner Haut tummelten. „Ihr geht also davon aus, dass es Teufel waren?“, fragte Aries und erhob sich.

„Das Ritual“, erwiderte Capricornus: „Alles deutet daraufhin, dass sie es durchgeführt haben.“

„Aber wo ist das Kind?“, entgegnete Sagittarius: „Wieso bist du dir so sicher?“

Aries Augen verengten sich. „Sechs Geschöpfe habe ich der Welt gestohlen, um dich an diesen Ort zu holen. Zwei Menschen liegen dir zu Füßen, zwei Geschlechter mussten büßen“, zitierte er und fing sich Sagittarius Blick ein. „Öffne deine Augen.“

Capricornus erinnerte sich zurück an das Ehepaar zu seinen Füßen. „Das kann doch nicht sein!“, schrie Sagittarius: „Wieso ausgerechnet in Latina!“

„Man findet alle Zutaten hier und es ist ausgesprochen perfide.“, antwortete Aries trocken.

Capricornus lächelte ohne Freude im Gesicht. Den Sinn des Lebens verstand er nicht, aber im Tod lag durchaus ein Nutzen. Er musterte die Kadaver. Sein Blick folgte einer Fliege, die sich auf das offene Auge eines Pferdes setzte und sich am letzten Rest Flüssigkeit labte. Genüsslich saugte sie an dem Augapfel und zersetzte mit ihren zahlreichen Geschwistern das Pferd, das sie zu Lebzeiten hätte zerquetschen können.

„Wo ist das Kind?“, fragte er und rieb sich die Nasenwurzel. Als niemand ihm antworte, sah er auf, direkt in die Augen von Aries. „Wo ist es?“

„Habt ihr das gehört?“, raunte Sagittarius und nahm seinen gewaltigen Bogen vom Rücken. Die lichtblauen Iriden waren erfüllt von Euphorie. „Vielleicht ist ja doch noch einer von den Mistkerlen hier!“

„Unwahrscheinlich“, erwiderte Aries: „Wir hätten ihn längst bemerkt.“

Capricornus wollte nach Sagittarius fassen, als dieser seinen Bogen spannte. Aber noch bevor er die Situation erfasst hatte, schoss Sagittarius den Pfeil ab. Im selben Moment sah Capricornus ein kleines Kind aus einem der Heubüschel huschen, direkt auf Aries zu, aber es war nicht schnell genug.

Capricornus sah, wie der Pfeil ohne Widerstand durch den Leib des Kindes stieß. Aber dann stand Aries mit dem Rücken zu ihnen, direkt vor dem Kind. Er hielt es mit seinem rechten Arm an seinen Körper gedrückt. Der Pfeil war einfach so an ihm abgeprallt.

„Unreifer, unbeherrschter Narr!“, zürnte Aries und richtete sich langsam auf, während das Kind sich an sein Bein klammerte. Sagittarius schluckte und wandte den Blick zur Seite.

„Du wusstest schon die ganze Zeit, das es hier ist“, flüsterte Capricornus und trat auf ihn zu. „Aries! Was denkst du, dass du tust?“ Aries antwortete ihm nicht. Er neigte seinen Haupt zur Seite und legte seine offene Hand an den Kopf des Kindes.

Capricornus keuchte, als er in die klauenförmige, noch frische Wunde entdeckte, die dessen linke Gesichtshälfte zierte. „Nein!“, zürnte er und rauschte auf das Kind zu, während Sagittarius krächzte: „Es ist verdorben!“

Als Sagittarius seinen Bogen erneut hob, ging ein Lichtblitz durch die Scheune. Die breiten Schwingen, die aus Aries Rücken ragten, versperrten sowohl Sagittarius als auch Capricornus die Sicht auf das Kind. Sein Schwert zeigte auf Capricornus, nur Millimeter trennten ihn und die Klinge.

Sagittarius sog die Luft ein und senkte seinen Bogen. „F-Für dieses ... dieses giftige Kind?“, keuchte Capricornus mit geweiteten Augen.

„Ich würde euch nur ungern töten“, erwiderte Aries unbeeindruckt und umfasste sein Schwert fester. „Du stellst das Leben eines Menschen, über das deiner Kameraden?“, knurrte Capricornus. Aries´ Klinge zielte erbarmungslos auf sein Herz.

„Ihr habt die Wahl“, fuhr Aries fort. „Wieso diskutieren wir überhaupt? Dieses Kind muss sterben!“, brüllte Sagittarius aus sicherer Entfernung.

Capricornus fehlten die Worte. Sein Schwert zeigte nicht auf Aries. Es hätte genauso gut stumpf sein können. Er ächzte und trat ein paar Schritte zurück.



Im nie enden wollenden Krieg fallen die Tropfen stetig herab. Blut strömt in Massen auf die verdorbene Erde. Unzählige Leben treten ins Reich der Toten ein und es nimmt kein Ende, jemals.



„Das Kind ist verflucht, so höre doch!“, appellierte Sagittarius: „Du kannst nicht ernsthaft ein Leben über das Schicksal der Welt stellen!“

Aries lachte. Seine Stimme hallte unerträglich laut in der Scheune wider. „Du kannst sagen, was du willst. Ich werde nicht zulassen, dass du ein Kind tötest“, rief er: „Wenn du nicht vor hast, gegen mich zu kämpfen, dann finde dich mit meiner Entscheidung ab!“

Capricornus wandte sich wortlos ab und trat aus der Scheune. Das Schwert in seiner Hand bebte. Er atmete tief ein, als er die Eiche in der Ferne erblickte, die ungerührt dastand und den Wandel der Welt belächelte. Sein Schwert lag ruhig in seiner Hand, als ihm bewusst wurde, dass es nicht an ihm lag. Er würde nichts tun.
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