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Scarlet Eyes

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Grimm
03.06.2019
03.06.2019
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Er spürte es noch. Das Echo des Pochens unter seinem Panzer.
Abgespalten von dem Herz schlug es dennoch in ihm weiter. Unter seinen Flügeln legte er eine Hand auf seine Brust und spürte das Schlagen.
Dann hob Grimm den Blick und betrachtete seine Truppe, die neben ihm her ging, die Novizen mit ihren Fackeln, die Albträume, rotgewandt vom Herz geschickt, und die beiden großen Käfer, deren Masken auf langen Hälsen ruhten.
Auch sie blickten hin und wieder zu ihrem Meister und Grimm musterte sich in einer Pfütze, um zu sehen, was sie sahen.
Scharlachrote Augen brannten in einem weißen Antlitz von zwei Hörnern gekrönt, schwarze Flügel umhüllten seinen Körper und endeten in Ranken, die sich um seinen Hals und seine Beine kräuselten. Als er an dem Wasser vorbeiging und sich aus den Augen verlor, musterte er die Schwingen und dachte, ob er wohl mit ihnen fliegen könnte.
Sie schienen ihm zu klein, fühlten sich schwach an und er wusste auch nicht wirklich wie er sie bewegen sollte. Vorher war er nur eins mit dem Herz gewesen und besaß noch keine Flügel. Er raschelte ratlos mit ihnen, indem er sich schüttelte, und entdeckte dabei etwas Helles. Er legte den Kopf schief. Der Schacht, durch den seine Truppe zog, lag in Dunkelheit da, Schatten auf Stein, nur dort rieselte Weißes zu Boden. Mit einem kurzen Blick zu seinen Leuten entfernte Grimm sich von ihnen und ging auf es zu, hockte sich davor hin und musterte es. Es schien pulvrig zu sein und als er es berührte fühlte es sich… nicht warm an.
Immer noch mit einer Hand auf dem Hellen gab er ein leises Krächzen von sich und schaute nach oben, zu einem Loch zwischen den Balken, durch das das Weiße begann auf ihn zu fallen.
Feuer fühlte sich warm an, soviel wusste Grimm, doch wonach fühlte sich das an?
Ein Knirschen ertönte aus der Richtung seiner Truppe und er blickte auf, der Boden unter ihm begann seltsam zu zittern. Risse splitterten durch die Balken, die den Tunnel stützten und sich nun unter seinem Stein neigten, Staub wirbelte in der Luft.
„Meister!“ Einer der Novizen wollte auf ihn zu schweben, doch die ersten Geröllbrocken fielen zwischen sie und trennten Grimm von den anderen. Er schaute hoch. Wo keine Decke war konnte auch nichts einstürzen.
Die Flügel eng um seinen Körper geschlungen presste er sich an die Wand unter dem Loch und kniff die Augen zu, hörte und spürte nur das Beben, die krachenden Steine, brechendes Holz. Als mit einem Klackern ein Steinchen gegen sein Bein rollte sah Grimm wieder hin.
Der Staub biss in seine Augen, verbarg jedoch nicht die Felsmauer, die den Schacht blockierte und von deren anderen Seite gedämpft die Rufe seiner Truppe zu ihm drangen. Sich den Dreck abklopfend suchte Grimm nach einer Lücke zwischen den Steinen; das Herz schlug schnell unter seinem Panzer.
Irgendwann gab er es auf und drehte sich zu der Öffnung in der Decke. Sie schien sein einziger Weg zu sein. Trotz des Einbruchs und seines Alleinseins breitete sich ein warmes, prickelndes Gefühl ihn im aus, als er nach oben zu dem Weißen sah.
Was wohl über diesen Tunnel war? Er schob einige Steine zu der Wand und türmte sie auf. Oder gab es kein Oben und darüber war wieder nur ein Tunnel unter einem Tunnel? Rauer Fels schabte an seinen Händen, er stützte sich daran ab und kletterte auf seinen Turm, streckte seinen Kopf nach oben durch das Loch.
Weiß.
Alles war weiß, der Boden, die Decke, sogar der Wind. Ein Gestöber aus hellen Flocken umtobte ihn und seine Flügel flatterten von den Böen, als er sich nach draußen zog. Sogar sein Atem wurde weiß und schwebte als Wölkchen vor seinem Gesicht. Grimm versuchte danach zu greifen, doch es zerstob zwischen seinen Fingern.
Wie seltsam und neu es hier war! Er reckte seinen Kopf und schloss die Augen, während der Wind an seinen Flügeln zerrte und Weißes auf ihn fiel. Nicht warm, aber was dann?
Das Feuer des Albtraumherzens, seines, war warm, er ließ es zwischen seinen Fingerspitzen aufflackern.
„… lfe…“
Bei einer weiteren Windböe wirbelten seine Schwingen auf und ihre Innenseiten umzüngelten ihn wie Flammen, außen wie dunkler Rauch. Er betrachtete ihr Flattern und dachte wieder an das Fliegen. Sein Herz pochte bei dem Gedanken. Mit vor seinem Panzer verschränkten Armen versuchte er sich auf die Flügel zu konzentrieren, die bisher nur als Fetzen an ihm heruntergehangen hatten.
Grimm schloss seine Augen. Kurz nach seiner Abspaltung von dem Herz hatte er bereits seine Arme und Beine bewegen können, nur die Flügel nicht. Er hörte ihr Schnalzen um ihn herum.
Doch da war noch etwas anderes im Wind.
„… ilfe…“
Eine Stimme, leise und unklar. Er schnappte nach seinen Flügelspitzen und zog sie fest um sich, damit ihr Rauschen ihn nicht ablenken konnte, dann sah er sich in dem weißen Gestöber um, wandte sich schließlich zwei in die Höhe ragenden Felsnadeln zu. Dort kam die Stimme her und darauf trugen ihn seine Beine zu. „Hilfe… jemand?“ Nun begann er zu Laufen, Wind pfiff um seine Hörner und entriss die Flügel seinem Griff.
„Bit…te…“
Zwischen den Felsen stoppte er vor einer Erhebung. Grimm trat näher heran und senkte seinen Kopf mit einem Krächzen, ging aber wieder einige Schritte zurück, als das Weiße sich bewegte und zwei halb geschlossene Augen sich auf ihn richteten. „Jung…e?“ Ihre Stimme zitterte so wie der Rest von ihr und Grimm fragte sich, ob ihr Gesicht deshalb so faltig aussah. Er kam zu ihr und hockte sich neben den Kopf der Käferfrau.
„Mein… Bein“, krächzte sie und deutete auf einen Felsrutsch, halb unter Hellem vergraben. Grimm stand auf und trat daneben, musterte die Steine, schob die obersten dann beiseite. Beim Abtragen des Gerölls lauschte er dem schweren, von Hustern durchbrochenem Atmen der Frau und fragte sich ob sie Flügel hatte. Wenn ja, könnte sie ihm ja das Fliegen beibringen?
Das warme, prickelnde Gefühl breitete sich wieder unter seinem Panzer aus und er schob einige Brocken beiseite, als er auf einen großen Felsen stieß. Mit schief gelegtem Kopf musterte er ihn und drückte probeweise dagegen, der alte Käfer zog scharf die Luft ein. Grimm wandte sich zu ihr um. „Nein… mach weiter. Es… geht.“ Bei ihren Worten verzog sich ihr Mund nach oben und sie kniff die Augen zusammen. Über ihr fremdes Verhalten mit den Flügeln raschelnd drehte er sich wieder zu dem Felsen und legte die Hände darauf, versuchte ihn zu bewegen, irgendwann stemmte Grimm seinen Körper dagegen.
Steinchen bröckelten und das Wimmern der Alten ging in einem Zischen auf, als der Stein ruckte, doch von der Felsnadel rollten bereits weitere Felsen herunter und Grimm ging erschöpft neben dem Brocken auf die Knie. Seine Schultern zitterten, die Flügel zuckten, er richtete seinen brennenden Blick auf den Stein vor ihm, wieder fast von einer Wehe des Weißen verborgen und von losen Geröll. So würde sie ihm nicht beim Fliegen helfen können… Er krächzte frustriert.
Die alte Käferfrau, das Gesicht vor Schmerz verzogen, streckte einen Arm nach ihm aus: „Ist schon… gut… mein Junge. Du hast es ja ver… sucht.“ Immer noch auf den Knien rutschte er wieder neben sie und hüllte sich fest in seine Schwingen. Sie hob ihre Hand an seine Wange. „Dir muss… kalt sein.“ Mit der Anderen wickelte sie etwas Graues von ihrem Hals und legte es um seine Schultern und die Ranken an seinen oberen Flügelrändern, rückte es etwas zurecht und hatte wieder diesen fremden Ausdruck ihm Gesicht.
Er hob beide Hände und legte sie an das Graue. Es fühlte sich weich an. Warm. Er wickelte es fester um sich, dann schaute er die Frau an. Grimm öffnete seinen Mund mit den spitzen Zähnen, verzog ihn nach oben und schloss halb seine Augen.
„Du hast ein hübsches… Lächeln. Zeig… es öfter.“
Er blieb bei ihr bis es dunkel wurde, die Hand von seiner Wange abfiel und die Alte von Weißen begraben wurde.
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