Ein Brief an den Rivalen

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
02.06.2019
02.06.2019
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Lieber Dorian,

nachdem ich lange nachgedacht habe, möchte ich heute die Gelegenheit nutzen und diesen Brief an Dich schreiben.
Es fällt mir zugegeben nicht leicht, das zu tun, in Worte zu fassen, worüber ich nachdenke und was mir durch den Sinn geht, besonders nicht deshalb, weil Du bisher ein Mensch warst, den ich sehr geschätzt und mit dem ich mich auch gerne unterhalten habe.
Versteh das jetzt nicht falsch – ich schätze Dich immer noch und bin auch froh darüber, dass wir uns kennen, denn ohne Dich wäre mir vielleicht so mancher wertvolle Tipp entgangen.
Aber seit dem Treffen im April ist es schwer für mich, Dir zu begegnen und mit Dir so offen umzugehen wie bisher, weil dieser Abend absolut alles verändert hat.
Noch immer kann ich nicht so recht glauben, was ich erfuhr und tue mich schwer, damit umzugehen, weil es sich trotz allem noch zu surreal und fremd anfühlt.
Du weißt vermutlich, wovon ich spreche, oder? – Genau. Es geht um Tristan. Genauer gesagt um Tristan und Dich. Und um die Tatsache, dass Du jetzt das hast, worauf ich sehr lange Zeit vergeblich hoffte: Eine tiefe, innige Beziehung zu ihm.
Ich bin mir sicher, Du hast Dir schon immer gedacht, dass er derjenige ist, für den ich Gefühle habe, nicht wahr? Du hast es bestimmt irgendwie geahnt oder gespürt – und vielleicht warst Du deshalb mir gegenüber die letzten Male auch so schweigsam.
Denn normalerweise fragst Du immer sofort nach, wie es mir geht oder was es Neues gibt – da hat es mich schon ein wenig verwundert, dass Du das die letzten paar Male nicht getan hast.
Und mit dem, was ich jetzt weiß, kann ich mir das nun auch endlich erklären: Du hast einfach gewusst, was ich für ihn empfinde. Ist es nicht so, Dorian?
Schließlich war ich selbst ja diejenige, die Dich überhaupt erst darauf gebracht hat. Du erinnerst Dich vielleicht: Ich hatte Dir mal davon erzählt, dass es in der Gruppe jemanden gibt, den ich sehr gern habe und bei dem ich hoffe, dass er meine Gefühle irgendwann einmal erwidern kann.
Und angesichts meines Verhaltens die letzten Male hast Du Dir möglicherweise schon Deinen Reim darauf gemacht. Falls dem wirklich so ist, dann kann ich Dich eigentlich nur beglückwünschen: Du hattest Recht mit Deiner Vermutung.
Ja, Tristan ist derjenige, den ich damals gemeint habe. In ihn habe ich mich wie noch niemals zuvor verliebt.
Aber als ich Dir das damals gesagt habe, da wusste ich natürlich noch nicht, was ich heute weiß und war stattdessen ganz offen zu Dir. Und wenn ich das richtig einschätze, dann hattest Du zu dem Zeitpunkt selbst noch keine Ahnung davon, dass es so kommen würde.
Und jetzt, etwa ein halbes Jahr später, bist ausgerechnet Du mit ihm zusammen. Ausgerechnet Du, Dorian.
Ich meine, dass Du nicht auf Frauen stehst, das war mir ja bekannt und ich habe mir auch nie großartig etwas daraus gemacht. Aber als ausgerechnet Tristan mir vor einiger Zeit offengelegt hat, dass er doch auf Männer steht und jetzt mit Dir zusammen ist – das hat sich ehrlich gesagt angefühlt wie ein Schlag ins Gesicht.
Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerrissen – ganz besonders, weil ich ihn wirklich aufrichtig geliebt habe und ein Stückchen auch immer noch liebe. Und weil ich mir, nachdem ich von seiner Trennung erfuhr, tatsächliche Hoffnungen gemacht und Chancen ausgerechnet habe. Aber hätte ich da schon gewusst, was Sache ist und dass DU der Grund für die Trennung warst, dann hätte ich vermutlich gar nicht länger gewartet und wäre inzwischen darüber hinweg.
Wobei – im Großen und Ganzen bin ich das eigentlich, zumindest rede ich mir das selbst unentwegt ein. Und solange ich mich ablenke und den Kontakt vermeide, komme ich auch wunderbar damit zurecht.
Aber – und das macht mir offen gestanden ein wenig Sorgen – was passiert, wenn ich ihn wiedersehe? Oder wenn ich Dich wiedersehe? Wie soll ich damit umgehen? Wie soll ich mit Euch beiden umgehen? Und vor allem: Schaffe ich es, mich normal mit Euch zu unterhalten, ohne Euch die Augen auszukratzen?
Ganz ehrlich, Dorian: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich reagiere. Genau deshalb war ich beim letzten Mal auch nicht da. Ich hatte Angst, Euch zu begegnen und Eure Zweisamkeit mitansehen zu müssen. Das hätte ich einfach nicht geschafft.
Und ich bin immer noch nicht sicher, wie ich es schaffen soll. Gerade Dir gegenüber fällt es mir besonders schwer, weil ich Dich bislang sehr gern hatte und nett fand.
Aber jetzt würde ich Dir am liebsten den Hals umdrehen. Auch wenn ich weiß, dass es nicht fair ist und es mir eigentlich gar nicht zusteht, eifersüchtig zu sein – ich bin es trotzdem. Und ich würde eigentlich nichts lieber tun als Dich von ganzem Herzen zu hassen für das, was Du mir da antust.
Dafür, dass Du das geschafft hast, was mir auf ewig verwehrt bleiben wird. Dafür, dass Du Tristans Hand halten und ihm nahe sein darfst, während ich nur zusehen und nichts dagegen unternehmen kann.
Klar – Du kannst im Grunde nichts dafür, genauso wenig wie er oder ich. Er hat sich nun einmal in Dich verguckt – und keiner weiß besser als ich, dass man gegen seine Gefühle absolut wehrlos ist.
Aber gerade deshalb, weil ich eben wehrlos bin, würde ich Dich gerne packen und so lange schütteln, bis Du ihn für mich freigibst.
Weißt Du, ich habe mich in meinem Leben noch nicht oft verliebt – aber das, was ich für Tristan empfand und teilweise immer noch empfinde, das geht über alles hinaus, was ich bisher gekannt habe. Er war meine ganze Welt, über ein Jahr lang mein Ein und Alles – und nichts habe ich mir mehr gewünscht als irgendwann einmal die Frau an seiner Seite zu sein.
Doch diese Chance gibt es jetzt nicht mehr – sie ist für immer dahin, weil er nun an einem Ufer wohnt, das ich niemals erreichen kann.
Und dennoch fällt es mir unglaublich schwer, ihn wirklich loszulassen und zu vergessen, auch wenn ich meine Emotionen mittlerweile zügeln und kontrollieren kann. Aber trotzdem – so ganz losgelassen habe ich ihn immer noch nicht, wenngleich inzwischen auch mein Herz begriffen hat, dass es für uns beide niemals eine Zukunft geben wird.
Die Botschaft ist angekommen – und trotzdem noch immer ein wenig unwirklich. Genauso wie die Tatsache, dass Du jetzt mit ihm zusammen bist.
Warum ist das so, Dorian? Warum muss ich in der Liebe ständig nur verlieren? Warum kommt jedes Mal, wenn ich denke, dass ich mein Glück gefunden habe, irgendetwas dazwischen? Warum fällt es anderen Menschen so leicht, nach einer vergangenen Liebe wieder eine neue zu finden – und ich tue mich so schwer damit?
Habe ich zu hohe Erwartungen? Liegt es an meinen oft überschäumenden Gefühlen? Verbeiße ich mich zu schnell? Oder soll es ganz einfach nicht sein?
Liegt es möglicherweise an meinen eingeschränkten Suchkriterien? Ist es falsch, dass ich mich so sehr auf trans* Personen fokussiere? Auch wenn genau die mich am meisten beeindrucken und faszinieren?
Und gerade für Transmänner wie Tristan oder Dich habe ich einfach eine besondere Schwäche.
Keinen Fetisch, nicht dass Du das falsch verstehst – ich bin schlicht und ergreifend beeindruckt und auch bewegt von den Lebensgeschichten, die sie zu erzählen haben. Und oft löst genau das die eigentliche Anziehung aus.
Anders kann ich mir auch nicht erklären, warum ich mich seit meiner letzten Beziehung nur mehr in trans* Personen verliebt habe. Es berührt mich einfach. Jedes Mal und immer wieder.
Wenn ich mal ganz ehrlich sein darf, Dorian: Auch auf Dich hatte ich am Anfang unseres Kontakts kurz ein Auge geworfen. Es war nicht so wie bei Tristan – aber vollkommen abgeneigt wäre ich Dir im Falle des Falles nicht gewesen.
Doch seit ich von Dir und ihm weiß, hat sich jegliche Faszination über Dich in reine Eifersucht verwandelt und ich habe den brennenden Wunsch danach, Dich so lange anzuschreien, bis ich heiser bin.
Natürlich ist mir bewusst, dass das nichts bringen würde – und dass weder Du, noch Tristan etwas dafür könnt, dass es so gekommen ist. Und trotzdem spüre ich endlosen Neid, wenn ich daran denke und wünsche mir sogar, dass Ihr möglichst schnell wieder getrennte Wege geht.
Ja, Dorian, es ist nicht fair. Aber es war ebenso wenig fair, dass ich nicht einmal die geringste Chance dazu bekommen habe, mit Tristan zusammen zu sein. Dabei habe ich so wie ihn noch nie jemanden geliebt. Und ich glaube auch, dass ich nie wieder jemanden so lieben werde.
Es tut immer noch weh – und ich bin mir auch nicht sicher, wie es sein wird, wenn wir uns wieder einmal begegnen. Vielleicht bin ich bis dahin vollständig darüber hinweg und kann das tun, wozu ich im Moment noch nicht fähig bin: Euch beiden alles Gute und viel Glück wünschen.

Bevor ich meinen Brief nun beende, noch eine letzte Sache. Auch wenn ich weiß, dass es seltsam klingen muss, möchte ich Dich gerne um eines von ganzem Herzen bitten:
Mir ist bewusst, dass ich ihn nicht gut kenne – aber trotzdem kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass Tristan ein ganz besonderer, außergewöhnlicher Mensch ist.
Tust Du mir deshalb bitte einen Gefallen, Dorian? Passt Du bitte gut auf ihn auf und kümmerst Dich um ihn, wenn er Dich braucht?
Ich wünsche mir, dass es ihm gut geht und an nichts fehlt. Außergewöhnliche Menschen wie er haben das verdient. Darum sei bitte für ihn da, in Ordnung? Das ist der einzige Wunsch, den ich jetzt noch habe.
Es fällt mir zwar immer noch schwer, aber trotzdem wünsche ich Euch nur das Beste. Ich wünsche Euch eine tiefe, innige Liebe, die in der Lage ist, alle Hürden des Lebens zu überstehen.
Bitte mach ihn glücklich, Dorian. Mach ihn glücklich und sorg dafür, dass er sein Lächeln niemals verliert. Er hat nämlich das schönste Lächeln der ganzen Welt.

Viel Glück Euch beiden. Auch wenn ich jetzt noch weine – das geht irgendwann vorbei. Und vielleicht bin ich auch eines Tages in der Lage, mich sowohl für, als auch mit Euch zu freuen.

Alles Liebe und bis irgendwann,
R.
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