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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
03.04.2021
68
116.270
4
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.02.2020 1.385
 
All my fault, engl.: Alles meine Schuld
***

"Erinnerst du dich noch an Annie?"
Zittrig rührte Mum seit unzähligen Minuten in ihrem Tee.
Ihre Hände zitterten dabei ein bisschen besonders die knochigen Finger.
Insgesamt war sie schmaler geworden in den letzten Jahren, aber wenigstens ging es ihr wieder gut.
Die Halluzinationen blieben weg und die Blackouts.

Trotzdem konnte ich es manchmal fast nicht glauben, wenn ich sie sah, dass sie dieselbe Frau war, die den Krieg überlebt hatte.
Die Frau, die sich vom ersten Tag ihrer Gefangennahme dem Yirk in ihrem Kopf wiedersetzt hatte.
Die Frau, für die ich als Kind alles riskiert hätte um sie zu retten, sogar meine eigene geistige Gesundheit.

Natürlich liebte ich sie nochimmer, trotz allem.
Aber es war trotzdem anders. Kühler, distanzierter.
Es war einfach zu viel passiert in den letzten Jahren und ich war auch kein kleiner Junge mehr, jeder machte sein Ding und hatte sein eigenes Leben.
Ich sah sie auch nicht oft.
Nicht öfter, als ich verkraftete.

"Annie-Wer?"
Geistesabwesend nippte ich an meinem Cappuccino.
"Annie! Annie Wilkerson. Sie war in meiner Selbsthilfegruppe. Sie haben ein Kind. Einen Sohn, Junnis. Er ist jetzt dreizehn."
Kinder, Selbsthilfegruppen...

Generell keine Themen für jemand wie mich auch, wenn ich manchmal an beides dachte.
Zwar nicht unbedingt in Kombnation oder absolut der Reihenfolge, aber trotzdem und ich erinnerte mich auch wirklich an eine Annie mit einem Sohn der Junnis hieß:
Eine Frau Mitte dreißig. Sehr schlank mit guter Figur und einem ziemlich unscheinbaren Gesicht, kinnlange brünette Haare.
Nett, aber auch irgendwie merkwürdig.
Ihr Mann war ganz genauso: Ein ziemlich großer kräftiger Kerl mit vielen, wahnsinnig vielen Locken und viel zu viel Bart.
Einer, der aussah wie Seth Rogan und ein totaler Softie war.
Beides absolut nicht mein Typ...

"Ja klar, die Wilkersons. Was ist mit denen?"
"Na ja sie... Annie hat mir etwas erzählt kurz nach… Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Issrin das letzte Mal bei dir gewesen ist, Marco."


Mum strich sich hastig eine Strähne hinter das Ohr.
Ihre Haare waren viel dünner geworden als früher. Fettiger splissig und stumpf wegen den Medikamenten.
Sie schaffte es nicht mal mich anzusehen als sie ihren Namen sagte und ich auch nicht.

Seit Issrin sich diesen verdammten Keshim zum Geschenk gemacht und lieber "der Sache" gedient hatte als bei mir zu bleiben, obwohl ich sie quasi darum angebettelt hatte es seinzulassen, hatte meine Mama nicht mehr von ihr gesprochen.
Ich wusste nicht was ich dazu sagen sollte, deshalb tat ich es auch nicht.
Versank lieber einfach weiter wortlos bis zur Nasenspitze in weichem warmen Milchschaum und versuchte ihn zusammen mit der alten Wut runterzuschlucken während meine Mum weiterredete.
Den schwelenden Hass auf diese Frau vor mir zu ignorieren.

Ich zwang mich nicht die harte kalte Person in ihr zu sehen, die sie mal gewesen war. Nicht den ehemaligen Wirtskörper von Visser Eins und nicht an das zu denken, was sie vor vielen Jahren im Tal der Horks gemacht hatte
Mit mir und Issrin.
Mit uns.

"Marco, ich... Ich weiß, dass du immer noch wütend auf mich bist und dass du dich vor der Welt versteckst, dort in deinem riesigen Haus, weil du ein trauriger Junggeselle bist und ein gebrochenes Herz hast.
Bis heute hast du niemanden länger als ein paar Nächte hintereinander für dich und ich habe bis auf Issrin nie jemanden kennengelernt, der dir irgendwie wichtig war. Du hast mir nie uch nur eins von den Mädchen vorgestellt und auch keinen der Männer.
Oft frage ich mich warum und lange hab ich gedacht, es liegt daran, weil ich nicht mehr ich selbst bin. Psychisch krank, hm? Ich meine niemand stellt seinem Partner gerne die gestörte Mutter vor, oder? Na ja aber dann habe ich nachgedacht. Heute weiß ich, dass es nicht nur das sein kann. Es liegt nicht am Jetzt, sondern an früher.
Ihr beide hättet vielleicht eine Zukunft haben können, wenn ich mich nicht eingemischt hätte wie..-"

Nein! Nicht das. Bitte noch mehr von den Wilkersons! Noch viel mehr belangloses Zeug um den Raum zwischen uns irgendwie zu füllen! A l l e s  nur nicht das!
Das ging zu weit.
Schmerzhaft weit, immernoch.


Bilder kamen vor meinem geistigen Auge hoch.
Bilder an ihre letzten Tage, die Issrin in meinem Haus verbracht hatte.
Momentaufnahmen und zersplitterte Erinnerungen rotierten in meinem Kopf wie in einem verrückten Kaleidoskop.
Trieben mir die Tränen in die Augen.
"Stopp Mum,halt! Du weißt, sowas tut dir nicht gut und mir erst recht nicht, okay? Ich meine das alles ist sowieso schon ewig her und... Ich will nicht drüber reden, klar? Nicht heute und mit dir. Mit wem ich wann ins Bett gehe und wen ich dir vorstellen will, ist immer noch ganz allein meine Sache. Ich bin erwachsen Mum! Ich bin es schon seit ich zwölf war, musste es sein, damit dieser verdammte Planet weiterexistiert und wir heute überhaupt hier sitzen können. Unter den Yirks hätten nicht sehr viele Cafes überlebt, oder?"

"Nein, wahrscheinlich kein Einziges und schon gar keines, dass von YPMlern geführt wird."
Mum lachte. Seltsamerweise glitzerten jetzt Tränen in ihren traurigen Augen.
Augen, die ich meistens nicht ansehen konnte, weil ich durch sie an alles erinnert wurde, was ich liebte und gleichzeitig hasste.
An alles, was ich hatte bevor es vom einen zum anderen Tag einfach weg gewesen war...


Alles, absolut alles in meinem Leben war soviel schwerer geworden, seit Nora tot und Dad abgehauen war.
"Aber du hast mir das trotzdem nie verziehen, nicht wahr?"
"Mum, bitte."
"Du hast gedacht, ich hätte dein Leben zerstört und verdiene es, dass meines genauso zerstört wird nach dem ich alle von mir weggestoßen, habe die, mir helfen wollten, wie die Krankheit gekommen ist: Dich, Peter, Nora. Ganz besonders Nora..."
"Mum!"
"Tja und ich habe es wirklich verdient, weil es grausam war was ich gemacht habe mit dir und den anderen. Über die Jahre sind Annie und ich nämlich gute Freundinnen geworden weißt du? Natürlich habe ich lange nicht gewusst, wer sie war oder was. Ha! Hätte sie es mir nur fünf Jahre vorher gesagt, hätte ich sie wahrscheinlich laut schreiend zum Teufel gejagt, aber so...
"Mum, bitte hör auf, ich...-"
"Nein!"
Mit ungewohnt starkem Griff fasste Mum quer über den Tisch und nahm meine Hand.

Ich hörte Gemurmel und schnappte Wortfetzen auf.
Spürte Blicke auf mir und hatte inzwischen das Gefühl, alle Leute im Gathering würden nur zu uns herschauen.
Am liebsten wäre ich auf der Stelle aufgestanden und gegangen, oder zumindest sang und klanglos im Erdboden versunken.

Ich wollte meine Hand frei schütteln, aber Mum ließ mich einfach nicht los.
"Nein Marco. Ich hab´ entgültig genug davon! Genug von allem und wie wir beide seit Jahren um dieses Thema herumschleichen. Ich weiß einfach, dass es falsch war, weil ich es gesehen habe, bei Annie und Julian.
Annie... Sie hat mich von Anfang an erkannt. Sie hat gewusst, wer ich bin und was in meinem Kopf gewesen ist, sie...-"
"Mum, ich glaube, es ist besser wir rufen einen Arzt, du hast einen Schub!"

Zittrig tastete ich mit der freien Hand nach dem Handy in meiner Sakkotasche, doch ich kam nicht dazu es herauszuholen, ein fester, fast schon schmerzhafter Druck an meiner anderen Hand ließ mich zusammen fahren.
"Marco! Verstehst du denn nicht? Sie hat mich erkannt, weil sie nach wie vor ist was sie war. Ihr richtiger Name ist Annis Vier-Sieben-Zwei und ich bin froh, sie zur Freundin zu haben. Froh! Sicher wäre ich auch froh gewesen, wenn Issrin bei dir geblieben wäre, oder ich hätte zumindest gelernt froh darüber zu sein. Irgendwann... Mit der Zeit...Es ist alles meine Schuld!"


Wieder taste meine Hand verzweifelt nach etwas, diesmal aber nicht nach dem Handy, sondern nach dem Wasserglas.
Ich brauchte dringend etwas zu trinken! Etwas hinter dem ich mich verstecken konnte um die Tränen, die mir immer noch im Hals steckten und hinter den Augen brannten runterzuspülen! Auf der Stelle! doch ich schaffte es nicht mehr.
Verfehlte es um Haaresbreite.

Zwei warme Linien bahnten sich ihren Weg meine Wangen runter und Mum hielt immer noch meine Hand, kurz bevor es klirrend zu Boden krachte...
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