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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
15.04.2021
69
116.682
5
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
09.12.2019 1.781
 
Streets:. engl. noun, Straßen, Gassen, Wege
***
Band 52, "The Sacrifice", Kapitel 20,  AU,  Ax
Fortsetzung zu Kapitel 94, "Last Hope"



Respekt ist keine Einbahnstraße.
Erwarte ihn nicht, wenn du nicht bereit bist, welchen zu zeigen.


Natürlich gibt es nicht wirklich eine Straße.
Die Menschen sagen es nur so.
Sie sagen zum Beispiel auch "Eine Kuh vom Eis holen" wenn sie ein Problem lösen müssen, das absolut nichts mit Kühen oder dem festen Aggregatzustand von Wasser zu tun hat, oder "dumme Gans" wenn die Gans eigentlich nur ein weiblicher Mensch ist, über den sie sich ärgern.

Zu anfangs waren diese sprachlichen Ausdrücke, bei denen Wörter oder eine Wortgruppe aus dem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen werden wirklich sehr verwirrend für mich, denn wir Andaliten kennen keine Mundlaute und unsere Gedankensprache ist präzise  mit nur wenigen Metaphern.
Aber ich habe gelernt damit umzugehen und in diesem einen Moment, während Rachel im Sterben lag und Prinz Jake Anweisungen gab, wie er es immer tat, fiel mir seltsamerweise genau diese Metapher ein und ich fragte mich: Wie viel Respekt hatte ich Lou und Issrin gezeigt, seit sie zu uns gehörten?

Erst war ich dagegen gewesen sie aufzunehmen, hatte nur Hass verspürt und mich geweigert mit einem Yirk zusammenzuarbeiten.
Erst seit Kurzem gelang es mir, sie als Teil der Gruppe zu sehen, ohne an meinen Bruder zu denken oder an die Enttäuschung  in den Augen meiner Eltern,  wenn sie mich sehen könnten.
Das Zucken meiner Schwanzmuskeln zu unterdrücken, wenn einer der Beiden sprach.

Mir war in den letzten irdischen Wochen und Monaten klar geworden, dass der Yirk und sein Wirt alles aufgegeben hatten, um für die Freiheit dieses Planeten zu kämpfen.
Sie hatten sich - und hier verwende ich selbst eine Metapher -  für eine von zwei Straßen entscheiden müssen, genauso wie die Mitglieder der Friedensbewegung, während ich nach wie vor nicht wirklich wusste, welche ich wählen sollte.
Wer Recht hatte und wer nicht.
Ob die Andaliten immer noch mein Volk waren nur, weil ich als einer von ihnen geboren worden war oder doch eher die Menschen meine Treue verdienten, mit denen ich zwar nicht meine DNA, aber dafür viele andere Dinge gemeinsam hatte.

Ob ich Kriegsprinz Jaham-Estalan-Forlans Befehl wirklich ausführen konnte, wenn es so weit war und das Blut von Unschuldigen für ewig an meiner Schwanzklinge kleben sollte, nur damit die Obersten unserer Regierung zufrieden waren.
Das Blut von unschuldigen Menschen und  Yirks …

<Prinz Jake!>
Die Worte waren da, noch bevor ich darüber nachdenken konnte ob ich sprechen sollte oder nicht.
"Ax, ich habe keine Zeit für noch mehr Probleme und Diskussionen, wir...-"
<Ich weiß, aber es geht um z w e i  Leben nicht nur um eines.>

Augenblicklich lagen alle Blicke meiner Freunde auf mir.
"Okay Ax was meinst du damit? Los, sag schon!"
Prinz Jakes Stimme klang hart und ungeduldig.
Es war offensichtlich, dass er nicht daran interessiert war, mir zuzuhören, aber ich redete trotzdem weiter.
<Diese Prozedur ist gefährlich für Rachel und Issrin. Die Weise wie eine Infestation durchgeführt wird und die Art der Verletzung... Es...es könnte sie beide töten. Ich  will nur sagen, das ich damit nicht einverstanden bin.>
"Gut,"
Jake nickte langsam und sah kurz zu Issrin die bereits neben Rachel kniete und mit einem Gesichtsausdruck den Menschen als "erstaunt" bezeichnen würden zu mir hersah.
"Wird zur Kenntnis genommen. Wir werden es aber trotzdem machen. Ich kann nicht einfach daneben stehen und zusehen wie meine Cousine stirbt, das ist dir sicher auch klar. Issrin, bitte!"
"Natürlich."
Issrin zögerte nur kurz, blinzelte um ihre offensichtliche Verwirrung abzuschütteln und rückte näher an Rachel heran. Legte sich schließlich neben ihren reglosen Körper, sodass Lous Ohr Rachels berührte.

Rund um die Beiden war es vollkommen still.
Nichts war zu hören bis auf Naomis Weinen.
Ihr Schreien, als Cassies Eltern kamen, sie plötzlich auf die Füße zogen und von Rachel wegführten, damit sie nicht eingreifen konnte in das was gleich passieren würde.
"Nein! Was habt ihr vor? Was macht ihr mit meiner Tochter?! WAS MACHT DIESES DING MIT IHR?! ES SOLL SIE NICHT ANFASSEN! ICH LASS ES NICHT ZU DASS ES SIE ANFASST! VERSCHWINDE UND LASS SIE ZU FRIEDEN DU MONSTRUM! CAPTAIN OLSTON, HILFE! HIIIILFEEE... LASST MICH LOS!"

"Was wird das mein Junge? Warum lässt du diese Frau nicht zu ihrem Kind, meine Sanitäter werden gleich hier sein und sich um deine Freundin  kümmern."
Captain Olstons Miene verfinsterte sich, aber er stand genauso wie die meisten Anderen noch unter Schock. Menschliche Körper neigen dazu sich in einer solchen Situation zu versteifen und er machte auch keine Anstalten Issrin aufzuhalten oder Naomi zu helfen.

Jake erklärte ihm, wie Issrin die Kontrolle übernehmen und für Rachel morphen sollte, wie die tödliche Verletzung dadurch verschwinden würde und dass Naomi mit ihrer Panik und ihrem Geschrei nicht dabei helfen würde sie zu retten, doch ich hörte nicht hin, sondern sah nur dabei zu, wie Issrin Lous Körper verließ und in Rachels Kopf schlüpfte.

In Gedanken kehrte ich zurück zu den Anfängen meiner Ausbildung.
Zu meinen ersten Jahren auf der Akademie.
Ich erinnerte mich daran, wie Professor Endalar-Kaffin-Nerefir den Übernahmeprozess erklärt und Holobvids vorgeführt hatte, in denen zu sehen gewesen war, wie Yirks ihre Neuronen an artfremde Nervenzellen anheften.
Wie sie Gehirnstrukturen nachahmen können und dabei eine spezielle Flüssigkeit die als eine Art Transmitter fungiert in jede einzelne Furche des Wirtsgehirns sickern lassen.
Ich erinnerte mich an den Hass in seinen Worten und den Ekel in seinem Gesicht.

Auch ich selbst konnte in diesem Moment nichts dagegen tun, Ekel zu empfinden, genauso wie ihn die meisten Menschen rund um mich empfanden.
Ein paar übergaben sich sogar, aber im Gegensatz zu ihnen hatte ich auch Respekt vor Issrins Mut.

"Mein Kind! Mein armes Mädchen lasst mich doch zu ihr!… Bitte lasst mich zu ihr!"
Naomis Geschrei war zu einem Flüstern geworden.
Sie kauerte auf dem dreckigen Boden umringt von Cassie und ihren Eltern. Die Hände waren voller Erde und Blut.
Ihr Schluchzen vermischte sich mit dem aufgeregten Murmeln und den Würgegeräuschen einzelner Soldaten.

Mehrere Erden-Minuten vergingen, doch Rachels Körper regte sich nicht.
Sie begann nicht zu morphen, obwohl Issrins Schwanzspitze schon lange in Rachels  Gehörgang verschwunden war und der Yirk-Schleim an ihrem Ohr bereits trocknete.
"Warum morpht sie denn nicht? Es kann unmöglich so lange dauern."
"Scheiße Mann, irgendwas ist schiefgelaufen, warum hast du das zugelassen? Warum? Sag ihr sie soll es  lassen und da rauskommen, sofort!"

Marco packte Jake plötzlich bei den Schultern und schüttelte ihn, bis ein dunkelhäutiger Soldat dazwischen ging.
"Hey! Sofort aufhören das bringt doch nichts"
"Ja, ihr helft weder dem Alien noch dem Mädchen, wenn ihr hier rumschreit und euch prügelt. Wahrscheinlich ist die Kleine sowieso schon längst tot"
"Ja armes Ding aber mutig."
"Hm, verdammt mutig und nicht viel älter als meine kleine Schwester"
"Ey hört auf zu quatschen und schaut euch das an! Ich glaube, das Ding kommt wieder raus, da!"

Sofort sahen alle wieder zu Rachel und dem blutigen Etwas das unglaublich langsam aus ihrem Ohr gekrochen kam, direkt in Lous zitternde Hände.
Sofort stieß Prinz Jake  Marco zur Seite und war bei ihr.
Packte sie grob bei den Handgelenken und zog sie hoch.
"Warum?"
Er sagte nur dieses eine Wort, aber wir alle wussten was er meinte.
Seine Stimme war nichts weiter als ein wütendes Zischen.
"Ich...ich weiß es nicht. Vie...vielleicht konnte sie keine Verbindung herstellen oder..."
"Setz sie zurück!"
"Was?!"

Panisch und verwirrt sah Lou zu ihm hoch.
"Du hast mich gehört! Setz sie zurück, sofort!"
" Jake, sie hat es doch schon versucht!"
"Dann versucht sie es eben nochmal! "
"SAG MAL HAST DU SIE NOCH ALLE!?"
Marco wollte Prinz Jake wieder angreifen, aber sein Vater hielt ihnzurück.
"Jake, bitte!"
"Nein Cassie, diesmal nicht! Ich werde nicht zulassen, dass Rachel stirbt nur weil Issrin ihren Job nicht machen will. Ihr habt gesagt, dass ich der Anführer sein soll. Jetzt bin ich der Anführer und ich sage, setz sie zurück!"
"Nein Jake!"

Das erste Mal seit sie zu uns gehörte, war Lous Stimme fest . Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und befreite sich aus seinem Griff.
"Das werde ich nicht tun. Es ist vorbei und Rachel ist tot. Das ist furchtbar und schrecklich und... Und sicher fühlst du dich schuldig weil die Kugel für dich bestimmt war und nicht für sie, aber das ändert nichts. Irgendwann muss jeder das akzeptieren, sogar du."
Dann drehte sie sich einfach um und ging weg.

Der Rest von uns blieb alleine zurück, Prinz Jake, Cassie und ich.
Marco der zwar nicht mehr auf Prinz Jake losging, aber dafür murmelnd mit zusammengeballten Fäusten hin und herging, während sein Vater auf ihn einredete.
Tobias, der mit aufgeplusterten Federn und unter den Flügel gezogenen Kopf neben Rachel kauerte.
Cassies Vater der Rachels Lebenszeichen überprüfte, während ihr Atem schwächer wurde. Naomi die immer wieder über das blasse Gesicht ihrer Tochter strich, das wie der Rest ihres Körpers langsam kalt wurde.


Dank meinen Stielaugen hatte ich im Gegensatz zu meinen menschlichen Freunden nicht nur einen Blickwinkel von dreihundertsechzig Grad, sondern konnte auch im Ultraviolett- und Infrarotspektrum sehen.
Ich konnte sehen, wie das Leben in ihr immer weniger wurde und schließlich ganz aufhörte.

Ihr Weg war zu Ende.

Olston und seine Männer waren aber immer noch da.
Sie machten Platz für die Sanitäter, die kurz darauf kamen und Rachels Leichnam zusammen mit Naomi und Rachels Schwestern wegbrachten.
Der Captain sah mich einen Moment lang an, der sich aufgrund der Umstände zu einer subjektiv gefühlten Ewigkeit ausdehnte.
Schließlich räusperte er sich, blickte erst zu der Stelle wo Rachels toter Körper gerade noch gelegen hatte, dann wieder zu Prinz Jake und er sagte plötzlich mit lauter Stimme, sodass es jeder auf dem Platz hören konnte:
"Mein Gott, ganz egal was es ist und was immer du brauchst mein Junge um diesen verdammten Monstern den Garaus zu machen, ich werde dafür sorgen, dass du es bekommst!",

Ich tat nichts und schwieg.
Meine  Schwanzklinge berührte beinahe den Boden, während ich Prinz Jake und dem Captain zuhörte aber zumindest eines hatte sich verändert: Die Zweifel waren verschwunden zusammen mit allen widersprüchlichen Gedanken in meinem Kopf.
Mir war klargeworden, dass es mehr als zwei Wege gab und welchen davon ich nehmen würde.
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