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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
03.04.2021
68
116.270
4
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57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.01.2020 2.481
 
Pain, engl.: noun Schmerz, Qual
***

Die Zeit vergeht anders im Dunkeln, besonders wenn man darauf wartet, dass irgendwas passiert.
Erst wird sie zumindest gefühlt immer langsamer und scheint dann auf einmal ganz stehenzubleiben, kurz bevor man anfängt, durchzudrehen,  und Dinge zu sehen, die gar nicht da sind.
Stimmen zu hören die mit einem reden, obwohl in Wirklichkeit niemand redet.

Mein Name ist Tom und seit einer halben Ewigkeit hatte ich jetzt schon in diesem dunklen Loch gewartet.
Die einzige Abwechslung war "Narbenauge" gewesen, eine halbblinde Hork-Bajir-Wache, die immer wieder mal gekommen war, um mir was zu Essen zu bringen.
Einmal kurz nach dem Nemesh gestorben war, war sogar ein yirkanischer Sanitäter im Körper einer jungen Frau mit haselnussbraunen Haaren und hellbraunen Augen dabei gewesen, die meinen böse angeschwollenen Fuß untersucht, den Verband erneuert und meine unzähligen blauen Flecke und Quetschungen mit einem Hautregenerator geheilt hatte.
Sie hatte mir sogar eine Schüssel mit Wasser zum Waschen dagelassen und saubere Klamotten, aber ich hatte nichts davon angerührt, nicht einmal den synthetischen Nahrungsbrei.

War viel zu sehr am Boden gewesen, um an irgendwas zu denken oder auch nur zu essen.
War in meiner Ecke gehockt und hatte mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit gestarrt.
Mich auf das warme Brummen vom Schiffsantrieb der sich nur wenige Meter unter mir befand konzentriert, um mich von meinen Alpträumen abzulenken, wenn ich aus dem Schlaf hochgeschreckt war, denn dieses Brummen war das einzige konstante Geräusch in meiner kleinen Zelle gewesen, neben meinem eigenen Atem oder dem ständigen Magengrummeln natürlich.

Ich hatte auch gar keinen Sinn darin gesehen, irgendetwas anderes zu tun, weil ich eben genau gewusst hatte, dass es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis sie wieder kommen würden, einfach, weil ich trotz Nemeshs Mordplänen gegen Visser Drei immer noch wertvoll gewesen war, oder besser gesagt, mein Körper.
Er war ein  wichtiges Werkzeug des yirkanischen Imperiums, dass man nicht einfach so verschwenden durfte.

Nicht mal ein ranghoher Yirk wie Sub-Visser Neunzehn konnte es einfach so zulassen, dass ich mich zu Tode hungere.
Eine Schande, aber ich hatte es gewusst.
Trotzdem hatte ich mich gewehrt wie ein Verrückter, als sie dann nach meiner vierten ungegessenen Breischüssel tatsächlich gekommen waren, um mich zu holen.

Ich hatte um mich geschlagen, während zwei ausgewachsene Hork-Bajirs mich aus meinem Kerker zum nächsten Fallschacht geschleift hatten.
Ich hatte versucht, mich loszureißen und diese dreckigen Monster zu treten, ohne Rücksicht auf Verluste, als wir den "Reinigungsbereich" des schiffsinternen Poolareals erreicht hatten.

Jeder Yirkpool hat so einen Platz, weil uns Menschen (und auch den meisten anderen Aliens) von Zeit zu Zeit passieren kann, was eben passiert, wenn man gerade Todesängste aussteht und es weder die Möglichkeit zur Flucht, noch anständige Toiletten gibt.
Ich hatte wirklich erbärmlich gestunken und war auch nicht zum ersten Mal in einem "Reinigungsbereich" gewesen.
Hatte hundertprozentig gewusst, dass ich dort landen würde, wo die Poolwachen verheulte und verschwitzte Wirtskörper von Erbrochenem und anderen Körperprodukten befreien können, als sie mich aus dem Kerkerloch geholt hatten.

Trotzdem war das Licht plötzlich viel zu grell.
Das Wasser viel zu hart und zu kalt.
Eiskalt!
Es prasselte auf mich runter wie fieser Platzregen und ich schrie aus Leibeskräften, als sie mir die total verdreckten Klamotten einfach vom Leib rissen.
RAAATSCH!
"LASST MICH LOS IHR SCHWEINE! IHR VERDAMMTEN SCHEI-...Grrr..bbbrrr...grrkkk..."
Meine Worte gingen in Gurgeln und Spucken unter, als sie mich im selben Moment wo ich den Mund aufmachte, mit einem Wasserstrahl zum Schweigen brachten.
Wieder versuchte ich mich zu wehren, weswegen mir eine der Wachen einfach in den Bauch schlug.
WHAM!
SCHMERZ!...

Es war nicht fest für Hork-Bajir-Verhältnisse, aber für einen Menschenjungen immer noch fest genug, dass es ihm den letzten Rest Luft aus den Lungen jagte.

"Herunt-Gahal-Makdschar kämpfen?"
"Shig-Nanar! Dreck-schwach. Humpf, Humpf, Humpf! "

Der Hork-Bajir der mir grade noch die Arme auf den Rücken gedreht hatte, ließ mich einfach fallen wie einen nassen Sack.
Kurz wurde mir richtig schwarz vor Augen.
Am Boden liegend kämpfte ich würgend um Luft, während das eiskalte Wasser einfach immer weiter über meinen nackten Körper lief.
Weiter und weiter...
Mein Magen entschied sich dazu, sein letztes Bisschen Inhalt loszuwerden: Einpaar Mini- Schlucke Wasser, die ich in meiner Zelle getrunken hatte, kurz bevor sie gekommen waren.
Alles verschwand zusammen mit dem Dreck und dem scharfen seifenartigen Zeug mit dem sie mich eingerieben hatten im Abfluss.

Wie sie mich dann wieder auf die Beine zerrten, wehrte ich mich nicht.
Auch nicht wie sie mich mit einem rauen Tuch so grob abrubbelten, dass meine Haut davon ganz rot wurde, weil ich immer noch komplett betäubt war wegen der Kälte und am ganzen Körper zitterte.
Ausserdem war da natürlich noch mein verletztes Bein, wegen dem ich sowieso schon kaum stehen, geschweige denn vernünftig gehen konnte, auch ohne die "Spezialbehandlung" der Yirks, als sie mich zum Pool schleppten.
***

Eine riesige kuppelartige Halle ganz aus Metall.
Käfige.
Überall verdammte Käfige in schnurgeraden Reihen fein säuberlich getrennt nach Spezies.
Schreie, die klangen als würde man diesen armen Wesen glühende Nadeln ins Gehirn jagen.

Ein perfekt kreisrunder Pool mit mehreren Piers und gefüllt mit diesem ekligen grauen Schleim der aussah wie geschmolzenes Blei.
Deutlich kleiner als der Pool unter meiner Stadt, aber trotzdem immer noch gewaltig.

Noch einmal versuchte ich mich loszureißen, als wir das Ende "meines" Piers erreichten und sie mir von hinten gegen mein Bein traten, damit ich in die Knie ging.
Mehr aus Reflex, als weil ich es wirklich versucht hätte.
Flucht war nämlich ziemlich sinnlos.
Widerstand auch, das hatte ich schon lange gelernt.
Mein vollkommen zerfetzten Unterhemd, das einzige Stückchen Stoff, dass sie mir gelassen hatten, klebte mir nass und schweinekalt am Körper.

Als einer von ihnen mich bei den Haaren packte und meinen Kopf in die stinkende Brühe drückte, während der andere mich immer noch hielt und so fest zu Boden presste, war ich wie ausgeknockt.
Ich dachte nicht mehr an mein Bein das sich grade anfühlte, als würde mir jemand das Fleisch mit einem rostigen Messer vom Knochen sägen, nicht an den Yirk, oder die Atemnot.
Schon lange hatte ich meine ganz eigene Technik, auszublenden, wenn eins von den Dingen mein Gesicht berührte.
Den Schmerz, wenn die widerliche Schnecke in mein Ohr kroch.
Wenn Yirks meinen Körper stahlen, wieder und wieder und wieder.

Ich versuchte mich abzulenken, als meine Finger langsam taub wurden.
Viel langsamer als sonst...
Die Angst zu vergessen und die Wut.
Dem neuen Yirk keinen Grund zu geben, mich gleich am Anfang nach Strich und Faden fertigzumachen.
Keine Aktion ohne Reakion.
Zumindest bei Temrash war das immer die Regel gewesen.
Provoziere mich nicht, dann lass´ ich dich in Ruhe.

Nemesh hatte das natürlich nie davon abgehalten, mich trotzdem zu quälen.

SIE hatte mein Leben zu einer einzigen Hölle gemacht.
Mich geweckt, wenn ich schlafen wollte, nur um mich stundenlang zu bestrafen, einfach so.
SIE hatte meinen Vater töten wollen…
Diese anderen Yirks angeheuert, damit sie ihn erschießen, wenn es nicht klappt, Dad zu einem Controller zu machen.

SIE hatte vorgehabt, meinen kleinen Bruder zu töten.
Jake zu töten mit einem Dolch.
MIT GRANDPA G´s BESCHISSENEN NAZI-DOLCH!

JA, NEMESH!
Nemesh hat das getan aber nicht dieser Yirk!
Dieser Yirk ist neu.
NEU!


Panisch dachte ich nur dieses eine Wort.
Versuchte mich daran festzuhalten und alles andere aus meinem Verstand zu pusten als wäre "neu" irgendein bescheuertes Mantra.
Den Schmerz zu vergessen, den Hass.
Aber ich schaffte es nicht.
Nicht dieses Mal.
Es gab keinen Platz mehr.
Nichts wo ich mich verstecken konnte.

Der Ort wo sich die Qualen der letzten zwei Jahre wo ich ein Gefangener der Yirks gewesen war zu einem riesigen Berg aufgetürmt hatten, war schon lang rammelvoll.
Das letzte, was ich da brauchen konnte, war ein neuer Yirk der meine Familie aus dem Weg räumen oder infizieren wollte, sobald irgendwas schiefging.

Ein neues Schwein in meinem verdammten Kopf.
SCHWEIN!!
FAHR ZUR HÖLLE YIRK!!!

Nein.
NEIN!!!


Vor Panik schrie ich in Gedanken laut auf, als der altbekannte Memory-Search begann.
Ein wirrer, wild durcheinander geworfener, verrückter kleiner Gedankenfilm, der erst stoppen würde, wenn der neue Yirk sich komplett mit meinem Gehirn verbunden hatte.
Gleichzeitig würde er aber trotzdem schon alles von mir sehen und fühlen und mit alles meine ich absolut alles.

Das erste, was dieser Yirk nämlich von mir kriegen würde, ganz egal, ob ich das jetzt wollte oder nicht, war ein Rundumpaket Schmerzen und Hass.
Die meisten bestraften einen natürlich nicht einfach nur dafür.
Das wäre ein Endlosjob sogar für den sadistischsten  Yirk und unfreiwillig war da das goldene Stichwort.
Das bedeutet, man durfte für sich selbst und im eigenen kleinen Gehirnkämmerchen das sie einem zimmerten, hassen, wen immer man wollte und solange man wollte, aber sie konnten es absolut nicht ab, wenn man die Gedanken dabei direkt an sie richtete, weil es sich für die Schnecken dann so anfühlte, als würde man ihnen mitten in ihr nicht existentes, fieses Gesicht schlagen.
Ihn schlagen…

Die Bilder stoppten abrupt und ich konnte den neuen Yirk zum ersten Mal spüren.
Wie er sich auf mich konzentrierte.
Nein…

<Oh, ich denke doch und schlagen wäre tatsächlich eine gute Option, wenn deine Peinigerin noch leben würde, mein lieber Junge, aber wie ich sehe, hat sie bereits ihre gerechte Strafe erhalten. Ha, ha, bei Noor! Was für ein trauriges Ende für eine Jammergestalt, die ihren rechtmäßigen Platz an diesem Ort namens Hölle bereits eingenommen hat, sollte dieser denn tatsächlich existieren.
Bestimmt gibt es dort einen ganz besonderen Kreis der nur für Mörder und Foltermeister reserviert ist.>

Die Worte klangen belustigt und dieser Yirk  fühlte sich eindeutig an wie ein
"Er". Genauso wie Temrashs klang seine Gedankenstimme erwachsen, tief und dunkel aber auch älter als die von den anderen.
Eine angenehme Altmännerstimme...
Zumindest w ä r e sie angenehm gewesen, hätte sie wirklich zu einem Menschen gehört.
Aber das war nicht das einzige was mich völlig aus dem Konzept brachte sondern auch die Tatsache, dass dieser Yirk eindeutig wütend war, aber nicht auf mich.
Nein, absolut nicht auf mich!

Das erste Mal spürte ich die Emotionen von diesem neuen "Ding" in meinem Kopf und traute mich genauer "hinzusehen", wenigstens ein kleines bisschen...

Na ja, eigentlich war es wenn überhaupt nur ein mentales Blinzeln mit gleich-wieder-Augen-zukneifen.
Was ich aber "sah", verwirrte mich nur noch mehr, denn "Er" fühlte sich vollkommen anders an als Temrash, Nemesh oder alles andere womit ich gerechnet hatte, das heute aus dieser widerlichen Schleimpfütze kriechen würde.

Vielmehr war er interessiert und neutral mir gegenüber, aber vor allem eins: Alt. Genau wie seine Stimme wirkte auch der Rest von ihm einfach nur Uralt!
<Ja, das bin ich: Noorkan Sechs-Vier-Zwei-Zwei vom Sulp-Niar-Pool. Selbsternannter Übersetzer und Sprachforscher aber vor allem uralt.>
Der Yirk lachte in meinem Kopf.
Lachte , weil er spürte, wie extrem sein Verhalten mich grade aus der Bahn warf.
Instinktiv zuckte ich zusamen, verkroch mich in meine vertraute Ecke, möglichst weit weg von ihm.
Er ließ mich auch  in Ruhe.
Gottseidank!
Langsam, ganz langsam wurde die Angst weniger.
Wie auf ein Stichwort ging der Yirk auf Distanz, aber ich spürte auch was, das ich bei den Schnecken bislang nicht mal für möglich gehalten hatte:
Mitleid.
Reue!

Hätte ich die Kontrolle über meinen Körper gehabt, wäre mir sicher der Mund offengestanden.
<Nun Tom, Schmerz und Wut haben an einem Ort wie diesem durchaus ihre Berechtigung. Genauso  wie Verwirrung und Angst, besonders in deinem Fall. Aber auch Hoffnung und vor allem Mut sich auf neue Situationen einzulassen. Du wirst eine gute Portion von Beidem brauchen, wenn wir zusammenarbeiten sollen.>
Zusammenarbeiten?
Ich mit i h m ?
Sprachforscher?!...


Nemesh und Temrash waren beide hochrangige Soldaten gewesen, wie kam ich dann ausgerechnet zu sowas wie einem Sprachforscher?
Gibt es sowas überhaupt bei den Yirks und wenn ja, wozu und wobei sollte ich diesem Ding schon helfen, bei der Vernichtung der Menschheit?...
Nichts was dieser Yirk  zu mir sagte, ergab irgendeinen Sinn in meiner Welt.
Trotzdem kam ich aus meiner mentalen Ecke gekrochen, zumindest ein ganz kleines Bisschen.

Wieder lachte dieser neue Yirk der eigentlich Noorkan hieß lautlos, dieses Mal aber ohne eine weitere Erklärung abzugeben, bevor er sich von den Poolwächtern die mich gerade noch geschlagen und fast ersäuft hatten, aufhelfen ließ.
Er sagte auch etwas zu ihnen, irgendein Kauderwelsch in ihrer Sprache.
Ehrlich gesagt, ich verstand kein einziges Wort.
Trotz zwei Jahren Sklavenleben hatte ich es irgendwie noch nicht geschafft mein yirkanisches Vokabular aufzupeppen.
Aber allein durch Noorkans Emotionen die zu mir durchsickerten, ohne dass er was dran ändern konnte, war mir sofort klar, dass mein Yirk  ziemlich wütend war und seinen Artgenossen wegen der Behandlung vorhin eine Standpauke hielt.

Auch wenn mir allein die Tatsache dass er so wütend war  eine verfluchte Scheissangst machte was dazu führte, dass ich mich um ein Haar wieder vollkommen verkrochen hätte, tat es irgendwie auch verdammt gut, mal zu sehen, wie zwei von diesen verdammten Horror-Alien-Dinosaurien plötzlich auf Eidechsenformat zusammenschrumpften.

Sie sahen meinen neuen Yirk nicht mal mehr an, wie sie meinen kaputten, jetzt wieder fremdgesteuerten Körper dann sanft, wirklich sehr sanft diesmal- bei den Armen nahmen und endlich von diesem verfluchten Pool wegführten.

                                                                                                                                                               
                                                                                                                                                                              To be continued...

---


A/N:  Noorkan aus dieser Geschichte ist eigentlich ein OC aus Chais Geschichtenwelt. In ihrer Version lernen Tom und er sich auch ganz anders kennen, als hier, auch wenn es da wie dort Visser Neunzehn war, der Nemesh schlussendlich getötet hat.
Auch der "Yirk-Sanitäter" (Fenya/Eileen) gehören ursprünglich ganz allein ihr.

Auf diesem Weg möchte ich mich bei Chai  einfach nur herzlich dafür bedanken, dass ich mir hier und da Bausteine aus ihrem Animorphs-Universum ausborgen darf.
Danke!
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