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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
15.04.2021
69
116.682
5
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.01.2020 1.753
 
ca. zw. Bd 28 u 29, OC, AU

Healing, engl. noun: Heilung
***
"Fortsetzung" bzw. Abschluss zu Caged"

... "Nein, Issrin! Bitte nicht!"
Panisch riss ich die Augen auf und schnappte nach Luft.
Meine Hand kribbelte immer noch und fühlte sich an, als würde sie brennen, während ich in die Dunkelheit starrte.
Mir war, als könne ich die Schmerzen immer noch spüren, die Wundnadel...
Schlagartig wurde mir schlecht.
<Es war nur ein Traum.>
"Ja leider nicht nur."
Ich seufzte. Atmete ein paar Mal tief durch, bis das eklige Gefühl im Magen endlich nachließ.

Seitdem Issrin zurück war, kamen die Albträume wieder in regelmäßigen Abständen.
Manchmal war auch Sub-Visser Zweihundertdreiundsechzig dabei, meine Mama, Emily oder die Animorphs.
Manchmal spielten die Träume in meinem alten Haus, oft in diesem Behandlungszimmer von Frau Doktor Meier, doch meistens unten.
Am Pool.

<Du hättest nicht zurückkommen sollen.>
Schuldgefühle kamen in mir hoch. Nicht meine eigenen, sondern ihre.
Issrin fühlte sich distanziert an, aber auch beschämt.
Anders als früher.

<Kann sein, aber das hast du mir jetzt schon mindestens zehn Mal gesagt, und es war m e i n e Entscheidung. Ich habe dich nur zurückgeholt, weil ich will, dass du mir hilfst, zu verhindern, dass anderen Menschen das Gleiche passiert, was mir passiert ist.  Dass sie mit ihnen das machen, was d u mit mir gemacht hast.>
<Ich weiß.>
<Ich will, dass du blutest, so wie ich geblutet habe. Nur symbolisch, aber trotzdem.>
<Das habe ich.>
<Wirklich, wann? Bevor dieser Y i r k bevor er mir die H a n d aufgeschnitten und wieder zusammengenäht hat, oder nachher?>
Wut kam in mir hoch.
Verzweiflung.

<Beides. Die sensorische Wahrnehmung lässt sich nicht vollständig unterdrücken, weder für den Wirt noch für den Yirk. Ich...->
<W a s?>
<Ich habe dein Leben zerstört.>
<Nicht nur meins. Auch die von meiner Mama und Emily.>
<Ja. Beides bedauere ich... Sehr.>
War Issrins Stimmung bereits auf dem Tiefpunkt, sackte sie jetzt noch weiter ab, so wie meine eigene.
Da, wo gerade noch Wut gewesen war, war jetzt nur noch Traurigkeit.
Es tat so furchtbar weh, an meine Familie zu denken, und wenn Joseph wirklich Recht hatte, würde es wahrscheinlich immer wehtun.

Issrin sagte nichts mehr, während ich mich wieder ins Bett legte und die Arme unter dem Polster verschränkte.
Hier zu schlafen, in Alisons Zimmer, fühlte sich immer noch komisch an, genauso wie wieder einen Yirk im Kopf zu haben.
Meinen alten neuen Yirk.
Den Yirk, der mich gefoltert hatte.
Den Yirk, der mir geholfen hatte, Visser Sechzehns Leuten zu entkommen

<Stimmt.... Stimmt es wirklich, was du mir in dem Flugzeug gesagt hast, dass... Dass du es einfach nicht geschafft hast, mich zu hassen?>
<Nein. Was ich meinte, war Sympathie. Alle Versuche, in dir nur einen Wirt zu sehen, sind gescheitert. Dasselbe gilt für deine Familie.>
<Und für andere Menschen.>
<Ja..>
<W i r t s s y m p a t h i e... Das bedeutet, wir waren für d i c h genauso gefährlich wie du für uns. Du hast mir die Kontrolle über meine Hände gegeben, damit ich mit Em dieses Videospiel spielen konnte, und meine Familie vor Sub-Visser Zweihundertdreiundsechzig verteidigt, weil du mich gemocht hast, und du... Du hast diesem anderen Yirk erlaubt, mir ohne Narkose die Hand aufzuschneiden, und mich behandelt wie... Wie das letzte Stück D r e c k aus  d e m s e l b e n  Grund?!>
<Ja. Ich wollte jede Sympathie ausmerzen.>
<Oder zumindest erreichen, dass ich d i c h hasse.>
<Präzise. Beides ist mir nicht gelungen.>
<Oh, glaub mir, Issrin, ich h a b e dich gehasst, besonders an d i e s e m Tag.>
Und manchmal hasse ich sie immer noch...

<Ja, aber nicht permanent. Trotz allem hast du mich einem anderen Yirk vorgezogen, als Shalif dich vor die Wahl gestellt hat. Du hast mich vor dem Tod durch die Voor-Har-Infektion bewahrt und vor dem Hungertod. Du hast mich z u r ü c k g e h o l t.>
<Anscheinend habe ich das.>
Mehr sagte ich nicht dazu.
Der Rest meiner Gedanken war leer und
Mehrere Minuten lagen wir einfach nur da.
Alles, was ich wahrnahm, war die Stille um mich herum.
Meine eigenen Gefühle und ihre.

Seit zwei Wochen war ich wieder ihr "Wirt" und bisher hatte sie sich nicht einmal bei mir entschuldigt, oder zumindest nicht so, wie Menschen das tun würden, aber ich spürte wenigstens, dass sie es tun wollte, jeden Tag.
Das war auch eines der Dinge, die mir halfen, ihre Anwesenheit zu ertragen.
Eines von vielen...
<Ich werde gehen.>
Die mentale Stimme meiner Yirk durchbrach plötzlich die Stille und beförderte mich wieder in die Gegenwart.

Gehen...
Eigentlich konnte sie das ja nicht wirklich, nicht auf Dauer.
Aber meistens nach einem Albtraum oder einfach, wenn ich diese Nähe zu ihr nicht mehr länger aushielt, verließ sie meinen Körper, obwohl wir nicht am Yirkpool waren.
Sie erkannte auch immer lange vor mir, wann es wieder so weit war, und für die Nacht hatte ich aus diesem Grund immer eine kleine, mit Wasser gefüllte Schüssel im Zimmer stehen.

Die erste Woche hatte Issrin überhaupt mehr Zeit in diversen Gefäßen irgendwo in Josephs Haus verbracht als in mir, und immer, wenn sie mir angeboten hatte zu gehen, hatte ich bisher sofort zugestimmt.
Ich hatte es jedes Mal gar nicht abwarten können, bis sie endlich wieder aus meinem Kopf verschwunden war, doch dieses Mal zögerte ich.

Zum ersten Mal seit ihrer "Rückkehr" war ich mir nämlich nicht mehr sicher, ob es mir ohne sie wirklich so viel besser gehen würde...
<Ich soll bleiben?>
Issrins eindeutige Verwunderung mischte sich mit meiner eigenen.
Verwirrung kam dazu und... nicht unbedingt Freude, aber zumindest war es ein vorsichtiges Hoffen.
<Ich weiß nicht, ja vielleicht.>

Meine Antwort war kein Ja und kein Nein, genauso wie wahrscheinlich mein Gefühlschaos, aus dem nicht mal ich selbst schlau wurde, aber Issrin blieb.
Wieder schwiegen wir uns an, bis sie schließlich ihre Aufmerksamkeit auf mich lenkte.
Eigentlich war es nicht mehr als ein vorsichtiges mentales Tasten, bevor sie sagte:
<Du solltest mit jemandem darüber sprechen. Über alles. Auch darüber, was ich dir angetan habe... Medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Illim und Fenlin haben das ebenfalls vorgeschlagen.>
Zu einem Psychologen gehen, oder besser, zu Mister Simmons.
Das war es eigentlich, was Issrin damit meinte.

Er war ein netter Mann um die Fünfzig, auch Mitglied beim CYM und Psychotherapeut.
Bislang hatte ich ihn erst zweimal bei unseren Treffen gesehen, aber ich wusste, dass er in seiner Freizeit auch Gespräche mit ein paar von den ehemalig unfreiwilligen Wirten führte, die Jetzt zu Naleks Bewegung, oder zum YPM gehörten...

Joseph war selbst bei ihm gewesen, kurz nachdem er mit Nalek Frieden geschlossen hatte, nach der "Kandronakrise" und er ging ab und zu immer noch hin.
Genauso wie Mister Tidwell.
Die zwei hatten mir auch schon mal vorgeschlagen, sie zu begleiten, und ich hatte nichts dazu gesagt, außer dass ich zumindest darüber nachdenken würde.
Aber dass jetzt plötzlich dasselbe ausgerechnet von Issrin kam...
Dass sie sich tatsächlich Sorgen um mich machte und es noch dazu absolut ehrlich meinte, war noch immer ein bisschen zu viel für mich.

Ehrlich gesagt wusste ich im ersten Moment nicht einmal, was ich darauf antworten sollte.
<Eine Antwort ist unnötig. Ich werde dir nicht sagen, was du tun sollst.>
<Hm, die Zeit ist lange vorbei.>
<Ja.>
<...>
<...>
<Issrin?>
<Ja?>
<Vielleicht... also ich weiß natürlich nicht, ob das geht, aber vielleicht solltest d u auch mit irgendjemandem sprechen.>
<Ich bin kein Mensch, Lou. I c h habe keinen Schaden genommen, im Gegensatz zu dir.>
<Nein, wahrscheinlich nicht...>
Ein unangenehmes Gefühl machte sich in mir breit, während Issrins Verwirrung meinen Verstand flutete.
<Keine Ahnung, aber vielleicht gibt es trotzdem irgendetwas, worüber du gerne reden willst. Es muss ja nicht mal unbedingt was wegen mir sein...>
<Vielleicht.>
Kurz spürte ich, wie Issrin nachdachte.
Eine unangenehme Pause entstand, und sie fühlte sich dabei an wie ein einziges Stirnrunzeln, bevor sie hinzufügte:
<Aber ich bezweifle, dass Mister Simmons mit mir sprechen wird.>
<Das weiß ich auch nicht>, gab ich ehrlich zu.
<Aber du kannst ihn wenigstens fragen, oder ich könnte das machen... Sicher ist es überhaupt schon mal gut, dass ich mit dir rede. Du weißt, so als ein Zeichen der H e i l u n g. Ich meine, das jetzt ist wahrscheinlich unser längstes Gespräch seit du wieder da bist.>
<Vermutlich ist es das, bedauerlicherweise...>
<Ja?>
<Ich sollte mich jetzt regenerieren.>

Von jetzt auf gleich brachte Issrin Distanz zwischen uns.
Die Art von Distanz, kurz bevor sie meinen Körper verließ.
Das holte mich aus meiner gedanklichen Warteschleife.
<Nein! Ich meine, okay... Es ist o k a y, wenn du da bleibst.>
<Bist du sicher?>
Die Yirk kehrte mit ihrer Aufmerksamkeit wieder zu mir zurück. Sie zögerte einen Moment.
<Ja, ich... Ich glaube schon.>
<Lou, ich...>
<Ja?>
<...Danke.>
Danke...
Das war neu, so wie alles andere.

Augenblicklich spürte ich, wie sich Issrin wieder entspannte und ihre "Präsenz" in mir ruhig wurde.
So als ob diese ganzen buntschillernden Spitzen, Höhen und Tiefen ihrer Gedanken sich langsam aber sicher in ruhige silbergraue Linien und sanft geschwungene Kurven verwandeln würden, die ruhig und gleichmäßig neben meinem eigenen Verstand dahinglitten.
Ein merkwürdiges Gefühl, das ich zum letzten Mal gespürt hatte, kurz bevor wir Joseph und Nalek begegnet waren.
Lange vor Ravan...

Früher, als unfreiwilliger Wirt, hatte ich immer sehnsüchtig darauf gewartet, bis sich Issrin endlich wieder regenerieren musste.
Ich hatte darauf gewartet und gehofft, nur um ein paar Stunden alleine in meinem eigenen Kopf zu sein, oder zumindest selbst unbeobachtet ausruhen zu können, aber dieses Mal war es anders.
Zum ersten Mal beruhigte es mich.

Ich war mir sogar ziemlich sicher, für den Rest der Nacht von weiteren schlechten Träumen verschont zu bleiben, während ich selbst in den Schlaf sank.
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