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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
15.04.2021
69
116.682
5
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
13.04.2020 1.188
 
Forever, engl.: Für immer
***

Fünfkommaviereinssieben Prozent der durchschnittlichen Lebenserwartung.
Das war die Zeit die ein Nothlit im Körper einer fremden Spezies verbringen musste, bevor er wieder die Möglichkeit hatte zurückzukehren.
Die Macht des Morphens zu nutzen, die im eigenen fremden Körper so lange geschlafen hatte.
Unerreichbar gewesen war, aber wenigstens nicht verloren.
Natürlich kehrte man nicht zurück in den Geburtskörper.
Der war trotz aller Bemühungen der andalitisch-leeranischen Initiative unwiderruflich verloren, zerstört und kontaminiert durch die lebensfeindlichen Bedingungen des Z-Raums, aber zumindest gab es einen Weg zurück zum eigenen Volk.
Zu seiner eigenen Spezies.

Annie hatte diesen Zeitpunkt natürlich schon längst mehr als einmal überschritten.
Sie hatte geheiratet. Ein Kind gezeugt und großgezogen.
Der Verlobung ihres einzigen Sohnes beigewohnt.
Den Eltern der jungen Frau die er liebte Sympathie vor geheuchelt, obwohl allein der Geruch ihres Hauses sie mindestens so angewidert hatte wie die blasierte Art dieser Leute.
Hatte viele Wichtige und noch viel mehr triviale Dinge getan, die auch geborene Menschen normalerweise tun.


Der Raum, in dem sie sich nun befand, war trist und steril. Die Luft war zu trocken und es roch unnatürlich.
Nach Desinfektionsmittel.
Nach ungelüfteten Räumen, nach scharfer Seife und Handlotion.
Nach kaltem Schweiß und zu oft getragenen Socken.
Klinisch sauber und schmutzig zugleich.

Nur wenige Stühle an den kahlen Wänden, ein fader Flur der vor ihnen lag und eine Tür am anderen Ende.
Ein Kaffeeautomat.
Infobröschüren zum "Free The Nothlits"-Programm.
Alte Zeitschriften mit den ekelhaft-fettigen Fingerabdrücken Fremder übersät die im kalten Licht der Leuchtstoffröhren auf den Hochglanzumschlägen noch besser zu sehen waren.

Julian hielt nach wie vor ihre Hand, die ganze Zeit schon.
Ja.
Wenn Annie ehrlich zu sich selbst war, war es nie anders gewesen.
Er hatte immer ihre Hand gehalten, sogar schon, als sie noch gar keine Hände besessen hatte, die er hätte halten können.
Die Möglichkeit ein Nothlit zu werden, nicht auf eine Heimatwelt geschickt zu werden die ihr selbst in Wahrheit fremder gewesen war als die Erde und an seiner Seite bleiben zu dürfen, war damals unfassbares Glück und schreckliche Katastrophe in einem für Annis gewesen.
Der Neubeginn eines Lebens und zugleich grausamer Tod des  Alten vereint in einem winzigen Stück andalitischer Technologie.
Ermöglicht durch einen seltenen Akt der Gnade.

All die Jahre hatte sie danach nichts vermisst und zugleich alles.
Ihre Geschwister, ihre eigene Art zu denken. Das Band zwischen ihr und ihm, unwiderruflich zerschnitten.
Ihren Körper und ihren Geruch der sie von jedem anderen Yirk unterschied.

Trotz all der Indoktrination des Imperiums hatte sie sich selbst nie als wirklich minderbemittelt gesehen, oder als benachteiligt, viel mehr als frei.
Frei all die zusätzlichen Sinneseindrücke hinter sich lassen zu können.
Frei nicht tatsächlich zu den Spezies gehören zu müssen, deren Körper sie bewohnt hatte und dennoch all diese Körper zu nutzen, zu fühlen wie sie sich bewegten, lebten.
Nicht allein sein zu müssen mit dem eigenen Geist und eingepfercht in einen fremden Schädel…
"Annis Vier-Sieben-Zwei bitte, Ihre Geschwister sind eingetroffen."

Die Stimme einer jungen Frau riss sie aus ihren Gedanken.
Sie hatte feine blonde Locken und zarte Gesichtszüge.
Feengesicht.
Gedanken, viel zu viele davon in ihrem Kopf und vor allem viel zu menschlich für ihren Geschmack…
"Ja, hier."

Verwirrt schüttelte Annie den Kopf.
Dachte an Annis Vier-Sieben-Sieben und Adrak Vier-Sieben-Fünf die von all ihren Geschwistern die nach der Invasion noch am Leben gewesen waren und  während der Zeit des Krieges immer am meisten nach ihr selbst gerochen hatten, auch dann noch wenn ihre Körper durchtränkt gewesen waren von den fremdartigen Gerüchen ihrer Wirtskörper.
Sie ernnerte sich an die seltenen Momente, wenn sie sich im Pool begegnet waren, einander flüchtig berührt hatten, da das Imperium persönliche oder familiäre Beziehungen unter den Soldaten weitest möglich unterbunden hatte.

Viel Zeit seit damals und jetzt vergangen. Zwischen ihnen und ihr lag  eine gefühlte Ewigkeit, eine ganze Welt aber dennoch waren sie ihre Geschwister.
Sie wollten ihr helfen.
Ihr den Körper ihrer eigenen Spezies zurückgeben und damit auch einen Teil ihres Lebens den Annie in den letzten fünfundzwanzig Jahren für immer verloren geglaubt hatte.
Sie würde sie einfach nur berühren und im Geist einen neuen Körper aus den ihren generieren müssen, so wie sie es auch damals gemacht hatte als ein männlicher und ein weiblicher Mensch zögernd ihre plumpen stinkenden Finger nach ihr ausgestreckt hatten, damit sie sie mit ihren Fühlern berühren und zu Annie werden konnte.
Sie hatten beide nach Angst gerochen und nach Ekel.
Nach Hass...

Zumindest würde keines ihrer Geschwister diese Emotionen empfinden, wenn sie sie mit ihren jetzt ebenso menschlichen Fingern anfassen musste.
Sie hoffte es zumindest...
"Annis?"

"Entschuldigung!"
Hastig ließ Annie ihren Mann los und richtete sich auf.
Strich nervös ihre Haare glatt und umarmte Julian schließlich.
Natürlich war es kein Abschied.
Kein für immer.
Auch wenn er sich danach als ihr Wirt...
Als ihr Partner zur Verfügung stellen würde, würde es wieder nur ein Morph sein.

Sie würde immer noch Annie sein, solange sie das Zwei-Stunden-Limit nicht überschritt und hatte auch nichts anderes vor, immerhin hatte sie einen Gefährten, der mehr brauchte als nur ein "geistiges Band".
Sie hatte Freunde in dieser Welt, einen Beruf und Familie, würde als Mensch leben und sterben mit Julian und Junnis an ihrer Seite.

Trotzdem war da wieder die alte Unsicherheit.
Irrationale Ängste und Gedanken.
Dieselben die schon seit Tagen in ihrem Kopf kreisten.
Seit Jahren, wo sie immer mit der Möglichkeit gespielt hatte, mit dem "Was-wäre-wenn", aber erst jetzt wo es so weit war brachen ihre Emotionen die mit diesen Gedanken verbunden waren, alle zur selben Zeit einfach aus ihr heraus.
Manifestierten sich in Form eines einzigen Gedanken und wurden schließlich zu Worten, als sie Julian zögernd losließ.
"Wirst...wirst du mich immer noch lieben können, wenn ich wieder werde was ich bin? Denkst… denkst du…-"

Tränen lösten sich aus ihren Augen, während sie vor ihm stand.
Sie fühlte sich plötzlich nicht mehr euphorisch. Nur mehr unsicher, schwach.
Ein harter Kloß in ihrem Hals hinderte sie am Sprechen.
Machte aus ihren Worten ein unverständliches Schluchzen und Stammeln.
Sie schämte sich dafür, so labil und irrational zu sein in diesem wichtigen Moment, doch er lächelte nur, stand schließlich auf und zog sie wieder in seine Arme, sodass ihre Wange an seinem Hals lag.
Damit sie seinen Geruch einatmen und gleichzeitig seinen Puls spüren konnte.
Beruhigte sie ganz allein durch seine Anwesenheit und Nähe, so wie er das in den letzten fünfundzwanzig Jahren unzählige Male gemacht hatte und es war ihr schon Antwort genug.
Trotz ihrer degenerierten menschlichen Geruchszellen roch er ganz eindeutig nach ja.
Nach Aufregung und Freude bald wieder die Verbindung mit ihr zu teilen.

Menschliche Worte wären nicht nötig gewesen, aber dennoch sagte er es, als Annie sich schließlich von ihm löste:
"Ja, das werde ich, egal wer oder was du bist oder wofür du dich schlussendlich entscheidest,Annis Vier-Sieben-Zwei vom Culat-Noor-Pool. Annie Wilkerson. Ich werde dich ewig lieben und du wirst ein Teil von mir und unserer Familie sein, für immer."
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