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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
15.04.2021
69
116.682
5
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.08.2019 2.057
 
Words, engl. noun, plur.: Wörter
   ***
   
   Wörter.
   Von allen Tierarten auf unserem Planeten ist der Mensch das einzige Lebewesen, das eine komplexe Sprache entwickelt hat und sprechen kann.
   Nicht nur nachplappern wie zum Beispiel Papageien, sondern wirklich sprechen.
   Früher hatte ich eigentlich nie viel darüber nachgedacht.
   Ich war wie die meisten anderen Siebzehnjährigen gewesen, denke ich mal, und hatte die Tatsache, dass ich mit dem einzigartigen Geschenk der Sprache     geboren worden war, einfach als etwas vollkommen Selbstverständliches gesehen.
   Etwas, das einfach zu mir gehörte, wie beispielsweise meine Fähigkeit zu sehen
   oder zu gehen. Die Tatsache, dass jeder einzelne Muskel meines Körpers meinem Willen gehorchte.
   Jetzt tat ich das nicht mehr und nachdem die erste Panik, die ich in einem merkwürdigen Zustand irgendwo zwischen Ohnmacht und Wachsein verbracht       hatte, sich gelegt hatte, wünschte ich mir nichts mehr zurück, als dieses Früher.
   Ein Früher, das vor gerade einmal zwei durchwachten Tagen und Nächten von einem Moment zum anderen einfach aufgehört hatte, zu existieren.
   Denn jetzt war ich zum Schweigen verurteilt und in mir selbst gefangen.
   Kein einziger Muskel gehorchte mir mehr, ich konnte nicht einmal blinzeln, so total war die Kontrolle des Yirks.
   Issrins Kontrolle über mich.
   Mein eigener Körper war, auch wenn ich weiterhin sehen, hören, schmecken, riechen
   und fühlen konnte, zu einem undurchdringlichen Gefängnis geworden und, wie
   wahrscheinlich auch Menschen in realen Gefängnissen, die aus Metall und Stein
   bestehen, hatte ich sehr viel Zeit zum Nachdenken, zumindest immer in den wenigen
   Momenten, wenn die Verzweiflung für einen kurzen Moment ihren Griff lockerte und
   sinnvollen Gedanken Platz machte.
   So wie in genau diesem Moment und je mehr ich nachgrübelte, desto mehr kam ich
   auch zu dem Schluss, dass nicht nur wir Menschen mit unserer Gabe zu sprechen
   und Wörter zu erschaffen, einzigartig auf unserem kleinen Planeten waren, sondern
   auch die Wörter selbst, einfach, weil es so viele besondere in unserem Leben gibt.
   Wörter, die wir als selbstverständlich hinnehmen, obwohl sie das gar nicht sind, zum
   Beispiel Liebe.
   Freundschaft.
   Vertrauen.
   Familie.
   Freiheit.

   Auf jeden Fall Freiheit, aber vor allem unsere Namen.
   Ein Name ist nämlich das erste Wort, das uns gegeben wird. Das erste Wort, das ein Kind versteht und mit sich selbst in Verbindung bringt.
   Ein Name ist so etwas wie ein verbales Bild von uns selbst.
   Eine Demonstration unserer Individualität und unseres freien Willens, aber auch ein
   hörbares Zeichen für die Liebe, denn zumindest in unserer Kultur bekommen wir
   unsere Namen in der Regel von den ersten Menschen, die uns lieben, trotz aller
   Mängel und Fehler, die wir im Moment haben, oder möglicherweise später haben
   werden, denn Eltern, oder zumindest die meisten, lieben ihre Kinder einfach nur, weil
   sie da sind.

   Diese Liebe ist frei von Zweifeln und völlig bedingungslos.
   Deswegen war mein Name, wenn man es so sehen will, auch das erste wichtige Wort in meinem Leben gewesen und gleichzeitig das erste, das Issrin mir gestohlen hatte, denn auch wenn die meisten Menschen zu dieser Zeit natürlich nichts von meinem Zustand wussten, ja nicht einmal ahnen konnten, was mit mir passiert war und „mich“ nach wie vor mit meinem Namen ansprachen, sprachen sie in Wahrheit mit ihr…
   
Alles, selbst der letzte Rest meiner Privatsphäre, meine Würde, absolut alles, das vor zwei Tagen noch Normalität und meins gewesen war, gehörte jetzt einem außerirdischem Ding, das in meinem Kopf lebte.
Einer merkwürdigen, körperlosen Stimme, die mir mit vollster Selbstverständlichkeit meine Freiheit genommen hatte.
So als hätte sie das Recht dazu.

Noch viel mehr andere, verworrene Gedanken drängten in mir hoch:
Wer hatte Issrin überhaupt ihren Namen gegeben?
Ihre Eltern?
Jemand, der sie liebt?
Lieben Yirks überhaupt irgendjemanden?
Haben sie Eltern?
Familie? Freunde? …

<Eine Laune der Evolution hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, andere Spezies zu kontrollieren. Eine zufällige Konvergenz, die absolut nichts mit deinen menschlichen Moralvorstellungen zu tun hat, hat eure Spezies nutzbar für unsere gemacht. Wir sind deiner Art überlegen, somit gilt das Recht des Stärkeren. Bezeichnungen sind eine logische Konsequenz ab einer gewissen Anzahl von Individuen. Alles andere, was du damit verbindest, ist absolut unnötig. T y p i s c h für deine Spezies, nicht für meine>, sagte Issrin plötzlich, als wäre Privatsphäre ihr Stichwort gewesen, mitten in meine Gedanken hineinzuplatzen.
Ihre lautlose Stimme, die mich nach wie vor mental zusammenfahren ließ, war voll beißendem Spott und sie fühlte sich seltsam gereizt an.

Seit dem Abend des zweiten Tages meiner Gefangennahme hatte sich diese Gereiztheit immer weiter gesteigert und war schließlich einer merkwürdigen
Ruhelosigkeit gewichen, die in dem Moment, wo Issrin mit meinem Körper schiefe steinerne Treppen hinunterging, die sie in einen schmalen dunklen Tunnel tief in die Erde führten, noch an Intensität zunahm und mich unwillkürlich an etwas Triebhaftes denken ließ.
An etwas, das man nicht ignorieren konnte. Vergleichbar mit menschlichem Durst oder Hunger.
Etwas, dem man auf kurz oder lang nachgeben muss.

Merkwürdig war es, die Emotionen eines anderen Wesens so nah neben den eigenen zu spüren und gleichzeitig mit absoluter Sicherheit zu wissen, dass sie nicht zu einem selbst gehörten.
Fremdartig, erschreckend.
Ich wusste auch, Issrin wartete auf eine Antwort von mir, aber ich sagte nichts.
Schwieg wie meistens in der Hoffnung, einfach nur vergessen zu können, alles. Ihre Anwesenheit in meinem Kopf, meine Hilflosigkeit
und vor allem die Bilder, die sie mir vor wenigen Stunden gezeigt hatte:
Weiches empfindliches Gewebe in einer zumindest für irdische Verhältnisse unnatürlichen Farbe.
Eine klaffende Wunde in einem eindeutig nicht menschlichen Schädel. Etwas, das sich plötzlich darin bewegte und das blaugrüne Aliengehirn wie eine hauchdünne Hülle bedeckte. Sich schließlich zurückzog, weil der Wirtskörper langsam aber sicher starb. Graugrün und schleimig, bedeckt mit blauschwarzem Blut...
L e b e n d i g!


Angewidert schob ich die Bilder und Erinnerungen daran weit von mir.
Gleichzeitig erfüllte mich Panik, weil Issrin ihre Schritte plötzlich beschleunigte und ich nach wie vor nicht wusste, was mich am Ende dieser Treppe überhaupt erwarten würde.
<Du enttäuschst mich, Lou. Ich hätte erwartet, dass du es ahnen würdest. W i e d e r e r k e n n e n.>
Zusätzlich zu ihrer Ungeduld und dem Spott kam jetzt auch Belustigung in Issrin hoch. Belustigung, die sich steigerte, als sie auf meine Erinnerungen zugriff und meinen Kopf mit noch viel mehr grauenhaften Bildern füllte:
So als wäre es gerade erst passiert, sah ich die große Höhle direkt unter dem Park vor meinem geistigen Auge:
Die Käfige.
Weinende schreiende Menschen, Hork-Bajirs, die diese Menschen packten, über einen metallenen Pier zerrten und ihre Köpfe schließlich in diesen Pool zwangen. In diese widerliche graue Kloake, damit ein Yirk in ihren Kopf schlüpfen konnte. So wie sie es mit mir gemacht hatten und dann …
I c h!
Wieder ich am Ende des Piers und dieses widerliche Gefühl an meinem Ohr. Der scharfe Schmerz, als Issrin...-

<NEIN! Nicht! Genug! Hör auf… B i t t e! Bitte hör auf!>
   
Ich richtete meine Gedanken direkt an den Yirk in meinem Kopf, noch bevor mir bewusst wurde, dass ich es überhaupt tat.
Gerne wollte ich weinen und schreien oder zumindest meinen Schädel gegen die felsigen Wände schlagen, einfach nur um mich selbst zu spüren.
Um irgendetwas zu spüren!
Nicht gedämpft und wie durch Watte, sondern wirklich. Real, wie ich es vor zwei Tagen noch tagtäglich gespürt hatte, ohne mir überhaupt irgendwann mal Gedanken  darüber zu machen, wie viel Glück ich hatte, doch sie ließ mich nicht.

Der Griff dieses Yirks war nach wie vor so eisern und so fest, dass ich nur einen Bruchteil der Welt rund um mich wahrnahm.
<Ah, du kannst antworten, wenn man das richtige Mittel kennt, um dich zum Reden zu bringen, gut.>
Issrin lachte lautlos und war von einem Moment zum nächsten pure Selbstzufriedenheit, während sie fortfuhr:
   <Dich diesen Körper beschädigen zu lassen, ist das Letzte, was ich tun werde. Aber ich kann dich zumindest beruhigen: Sowie ich mein Ziel erreicht habe, droht dir keineGefahr und du wirst frei sein.>
Frei?
F R E I?!

<Ja. Ich werde diesen Körper verlassen, zumindest für kurze Zeit. F r e i h e i t von mir, ist das nicht ein beruhigender Gedanke?>
Hohn, blanker Hohn, aber auch so etwas wie Frustration und Erschöpfung…
Ich kümmerte mich nicht darum.
Zeitgleich steigerte sich meine Verzweiflung zu Wut und meine Wut zu Hass.
Gott, in meinem gesamten bisherigen Leben hatte ich noch nie jemanden gehasst oder ihm den Tod gewünscht, aber jetzt tat ich genau das zum allerersten Mal.

Issrin hatte mir das Hassen in den letzten zwei Tagen beigebracht und auch wenn ich nicht „sprach“, war dem Yirk mein Gefühlsausbruch dieses Mal anscheinend Antwort genug.
<Bedauerlich. Aber möglicherweise änderst du deine Meinung über mich. Auf kurz oder lang wirst sogar d u erkennen, wie viel Glück du hast, weil ich mit dir spreche und dich für dein Verhalten nicht bestrafe. Du solltest mir dankbar sein.>
Dankbar?! Dankbar dafür, dass du mir alles gestohlen und mich zu deinem Gefangenen gemacht hast?
Dankbar dafür, dass du mich mit meinen eigenen Erinnerungen folterst und meinen Namen sagst, obwohl du es nicht mal verdienst, ihn zu kennen?!
Ich hasse dich!
ICH. HASSE. DICH.
Ich will, dass du verschwindest und…

<Du wünschst mir den Tod. Langsam. Qualvoll. Du willst, dass ich dich nicht anspreche. Dass ich deine Bezeichnung nicht verwende. Nie wieder.>

Issrin vollendete meine privaten Gedanken, noch bevor ich sie fertig gedacht hatte, doch im Gegensatz zu noch vor zwei Tagen schockte mich das nicht mehr.
Es war nur eine von ihren kleinen „Spielereien“, um mir zu demonstrieren, wie viel Macht sie über mich hatte.
Eine von vielen Arten mich zu quälen, ohne mir dauerhaft zu schaden, und noch die Harmloseste.
Ja.
Ein stummes Nicken.
<Mein Name ist das Einzige, was ich für mich haben will. Ich... ich werde nicht kämpfen, weil ich meine Familie beschützen will, aber ich werde nicht zulassen, dass du dir das auch noch nimmst! Ganz egal, was du mit mir machst, mein Name gehört mir, genauso wie alles andere! Du weißt, dass es falsch ist, was ihr mit uns macht! Du w e i ß t es!>
Mein längster Satz seit meiner Gefangennahme.
<Nein. Alles, was du unter Moral verstehst, ist für mich irrelevant und dieser Körper gehört mir nach wie vor. Aber deine Forderung ist etwas, das ich dir gefahrlos zugestehen kann, weil du nichts gewinnst, ganz gleich, wie ich dich bezeichne, oder ob ich mit dir spreche, M e n s c h. Ein einzelnes Wort ändert nichts an deiner Situation. Abgesehen davon wirst du nicht lange durchhalten. Dauerhaft zu schweigen ist gegen deine Natur>, antwortete Issrin.
   Wieder war da Spott, aber auch Verwirrung und ich wusste nicht, ob sie mich davon überzeugen wollte, oder viel eher sich selbst.
  Gleichzeitig machte ihr Verhalten mich auch fassungslos, weil sie anscheinend irgendwo auch hoffte, ich würde klein beigeben und nach einer Weile wieder freiwilligmit ihr sprechen.
Trotz allem schien sie das zu brauchen und sie empfand…
Mitleid war sicherlich ein zu großes Wort.
Aber zumindest war da so etwas wie Frustration und sie fühlte sich eindeutig unwohl mit der momentanen Situation.
Diese Emotionen konnte sie trotz allem nicht vor mir verbergen.

Das allererste Mal, seitdem ich zu ihrem Sklaven geworden war, war da ein kleiner Sieg und etwas an ihrem Verhalten, das uns einander ähnlicher machte. Etwas, das ich verstehen konnte.
Auch wenn sie mich belächelte, dieses Gefühl des Triumphs war eindeutig da und das allererste Mal seit zweieinhalb Tagen löste sich das bleierne Gefühl der Ohnmacht in mir und ich fühlte mich wieder wie ein Mensch.

Mein Name, das erste wichtige Wort in meinem Leben, mit dem ich so viele Gedanken, Erinnerungen und Emotionen verband, weil alles, was ich jemals erlebt hatte, unweigerlich damit verknüpft war, gehörte wieder mir!
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Betagelesen von der lieben Mirfineth, danke dafür!
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