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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
03.04.2021
68
116.270
4
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.06.2019 1.686
 
trouble lurking, engl.: lauernder Ärger
***

<Sieht so aus, als lauerte Ärger hinter dieser Tür auf dich, Issrin vom Ya-Terash-Pool.>
<Halt den Mund, Mensch.>
<Nein, wirklich. Ich meine, Frau Doktor Meier kennt mich quasi seit meiner Geburt. Sie wird etwas finden, wenn sie mich untersucht, und dann...>
<Ich s a g t e, sei still. Zwing mich nicht, es ein drittes Mal zu wiederholen. Die Menschen sind primitiv und ahnungslos. Sie wissen nicht, wonach sie suchen sollen, deshalb wird auch dieses Exemplar scheitern.>

Issrins Gedankenstimme klang kühl und unbeteiligt, während sie eine Zeitschrift von einem der vielen Beistelltische des Wartezimmers nahm, um sich anschließend wieder neben meine Mutter auf das schwarze Kunstledersofa zu setzen, doch ich fühlte, dass sie... dieses ekelhafte Ding in meinem Kopf, unsicher war.
Eigentlich war schon seit gestern Abend, als meine Mama, kurz nachdem ich nach Hause gekommen war, plötzlich den leicht angetrockneten Film Yirkschleim in meinem Ohr entdeckt hatte, diese Emotion neben Verärgerung der ständige Begleiter des Alienparasiten, und ich genoss es in vollen Zügen.
Es tat gut zu wissen, dass dieses Wesen zumindest ein kleines bisschen Angst hatte.
Sehr gut.
Meine Mutter war nach ihrer Entdeckung nämlich total panisch geworden und hatte meinen Geiselnehmer nicht mehr in Ruhe gelassen.
Sie hatte sich schließlich sogar freigenommen, um mich höchstpersönlich zum Arzt zu schleppen.
Issrin hatte sich natürlich erst mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber schließlich doch klein beigegeben, damit sie sich nicht unnötig verdächtig machte, mit dem Ergebnis, dass sie jetzt genau da war, wo sie am allerwenigsten sein wollte: In der Nähe gebildeter Leute, die ganz genau wussten, was in einen menschlichen Körper gehört und was nicht.
Auch das war reinster Balsam für meine Seele, denn, und da war ich mir sicher, meine Hausärztin würde etwas finden. Irgendetwas, das darauf hindeutete, dass etwas in mir war, das da einfach nicht sein sollte, und...
<Und das wäre das Letzte, was sie tun würde. Wir würden sie nehmen, ganz genau so, wie wir d i c h genommen haben. Dasselbe würde auch für ihre Angehörigen gelten und für d e i n e>, ätzte Issrin plötzlich.
Sie versuchte, mir Angst zu machen und meine Freude zu dämpfen.
Wollte das letzte bisschen Hoffnung zerstören, das ich noch hatte.
Doch ich hörte nicht auf sie, oder versuchte es zumindest.

Stattdessen dachte ich ernsthaft darüber nach, wie man einen Yirk in einem menschlichen Wirt entdecken könnte.
Mit einem MRT oder mit Hirnstrommessungen?
Vielleicht auch einfach nur über das Blut oder spezielle Antikörper?
Irgendetwas musste doch einfach anders sein als sonst.
Irgendein Wert, der außerhalb der Norm war...

"Lou? Die Frau Doktor hat jetzt Zeit für dich."
Die Stimme von Erna, Frau Doktor Meiers Assistentin seit Urzeiten, die mir schon, als ich noch ein Kind gewesen war, immer lustige Gummitierchen oder Lollys geschenkt hatte, riss mich aus meinen Gedanken und sorgte gleichzeitig dafür, dass Issrin panisch von der Couch hochschnellte.
Bingo!

"Wollen Sie auch mit reingehen, Frau S.?", fragte sie auch meine Mutter und guckte sie über den Rand ihrer dicken Brillengläser hinweg freundlich an.
Wie immer saß jedes Haar ihrer blond gefärbten Dauerwelle an seinem Platz, genauso wie das Make-up in ihrem runden faltigen Gesicht, bei dem jeder Lidstrich stimmte.
"Ja sicher, gerne. Also ich meine, nur wenn ich darf, oder hast du etwas dagegen, wenn ich mitkomme?"
Ein wenig unsicher stand auch meine Mama auf und berührte mich leicht an der Schulter.
Mein Gott...
Hätte ich gekonnt, wäre ich in Tränen ausgebrochen, denn ich fühlte ihre Berührung, wenn auch wie von weit her, und es tat so verdammt gut, diese Berührung zu spüren.
So verdammt gut...
"Ja, ja. Kein Problem, Mama."
Issrin sagte es so, wie ich es gesagt hätte, jedes der Worte passte, aber nicht der Tonfall, und auch nicht ihre Emotionen.
Da waren Ärger und Hass.
So etwas wie Ekel, während sie unwillig die Hand meiner Mama abschüttelte, als sei sie nicht länger einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, sondern nur lästiges Ungeziefer.
Doch meine Mama ignorierte es, oder sie sah einfach nur nicht, wie anders ich geworden war in den letzten Wochen, seitdem dieses Alien Besitz von meinem Körper ergriffen hatte...
Wollte es nicht sehen.
Was auch immer.

Im Untersuchungszimmer meiner Hausärztin war aber alles wie immer.
Dieselben Bilder an den Wänden, derselbe Schreibtisch.
Das Einzige, das sich verändert hatte, waren die Fotos ihrer inzwischen erwachsenen Kinder auf diesem Schreibtisch, und Frau Doktor Meier selbst, die statt ihrer üblichen langen blonden Haare jetzt eine moderne Kurzhaarfrisur hatte.
Aber ihr fester Händedruck war noch immer derselbe, als sie meine Hand nahm.
"Hallo, Lou, Frau S. Lange nicht gesehen, aber schön, dass ihr heute hier seid. Was haben wir denn für ein Problem?", fragte sie lächelnd und zog die Augenbrauen hoch.
"Erna hat hier notiert: klarer Ausfluss im rechten Ohr’?"
"Ja."
Meine Mutter nickte eifrig und sah mich erwartungsvoll an, als aber nichts von Issrin kam außer einem genervten Augenrollen, wandte sie sich endgültig an unsere Hausärztin.
"Es war ein klarer Ausfluss im rechten Ohr. Er war schon ein bisschen eingetrocknet und geruchlos, aber irgendwie schleimig, ölig... Ach, ich weiß auch nicht."
"Aha."
Frau Doktor Meier richtete sich auf und rieb ihre schmalen Hände fröhlich aneinander, bevor sie zur Patientenliege hinüberging und einladend darauf klopfte.
"Dann schauen wir uns das mal an."
Issrin antwortete nicht, aber sie setzte sich schließlich nach kurzem Zögern doch auf die Liege.
Innerlich kochte sie allerdings vor Wut, die ihren Höhepunkt erreichte, sobald die Ärztin mir mit ihrem Otoskop ins Ohr fuhr.
<Ganz gleich, welche Vereinbarung ich mit dir getroffen habe, Mensch, deine Erzeugerin wird der erste Körper sein, den ich meinen Artgenossen zur Infestation bringe. Diese debile Kreatur b e t t e l t förmlich darum!>, zischte sie bebend vor Zorn, während sie meine Mutter durch meine Augen hasserfüllt anstarrte, doch ich hörte gar nicht hin.
Stattdessen konzentrierte ich mich ganz auf die Ärztin, die meinen Körper wahrscheinlich am besten kannte, na ja, von allen neben mir selbst natürlich.
Zwischen ernsten vor sich hingemurmelten Mhms und Ahas schien sie nämlich irgendetwas in meinem Ohr gefunden zu haben.
Irgendetwas, das dort nicht sein sollte.
Bingo!
<Deine Euphorie ist unangebracht!>, knurrte Issrin.

Schließlich zuckte sie sogar zurück, als ihr das Gestochere meiner Ärztin zu viel wurde, die daraufhin ihr Werkzeug endlich wieder aus meinem Ohr nahm.
"Und?"
"Sieht mir nach einer Entzündung aus", antwortete Frau Doktor Meier auf die Frage meiner Mama.
"Eine Entzündung?"
"Ja, und der Gehörgang ist leicht gereizt, obwohl..."
Gereizt?!
Wirklich?
Ich meine, seit über zwei Wochen verließ ein außerirdischer Parasit regelmäßig alle drei Tage meinen Körper durch meinen Gehörgang und zwängte sich nach zirka zwei Stunden wieder auf demselben Weg zurück in meinen Schädel.
Natürlich war der Gehörgang gereizt...
Bingo!
Endlich, endlich, endlich!


Endlich würde es jemand herausfinden! Endlich würde ein anderes menschliches Wesen herausfinden, was mit mir los war.
Frau Doktor Meier sah mich nämlich immer noch an, und ihr Blick war nachdenklich, was bedeutete, dass sie sich eindeutig Gedanken machte, weil irgendetwas an mir eben nicht der Norm entsprach.
Nur ein paar weitere Nachforschungen, vielleicht noch ein Blutbild, und dann...
<Abwarten, Mensch>, unterbrach mich die Yirk und sah meiner Ärztin ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen.
Doch ich spürte, dass sie unter dem prüfenden Blick der älteren Frau langsam nervös wurde, und gleich würde es so weit sein.
Gleich würde meine Ärztin irgendetwas sagen.
Gleich…
"Sag mal, Lou, bist du zufälligerweise Mitglied bei diesem neuen Verein? Beim Freundschaftsklub?"
Ja!
Sie erwähnte den Klub  das bedeutete, dass sie zumindest schon so was Ähnliches gesehen hatte wie gerade bei mir.
Bei anderen Menschen... anderen "Wirten", und dass sie etwas daran seltsam fand.
Bingo!...

Unnötig zu sagen, dass Issrin mindestens genauso verwundert war wie ich, oder besser gesagt war sie eher schockiert, und kurzzeitig blieb ihr sogar mein Mund offen stehen, aber sie fasste sich schnell wieder und ließ es darauf ankommen.
"Ja, bin ich. Wieso?"
"Oh, nichts weiter."

Frau Doktor Meier lachte leise und zwinkerte mir / Issrin verschwörerisch zu.
"Das ist eine ganz tolle Gruppe. Ich bin auch dabei, obwohl meine Söhne mich regelrecht hinschleifen mussten. Nur leider... na ja, wie soll ich sagen, leider vergessen viele von den jungen Leuten ziemlich oft, sich nach einer ausgiebigen Poolparty die Ohren vernünftig abzutrocknen, und dann haben wir genau so was hier."
Poolparty?!

Ich brauchte eine ganze Weile, bis der Groschen fiel, aber Issrin war da wesentlich schneller.
Beinahe augenblicklich schob sich ihr breites Grinsen in mein Gesicht.
"Ja, bei mir war es ähnlich. Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, aber dann… Bingo."
Nein!...

"Aha, und das heißt, davon kommt dieses... dieses..."
"Dieses Symptom, ja. Aber keine Sorge. Erna wird Lou eine spezielle Salbe mitgeben, quasi auf Kosten des Hauses, und dann hat sich das im Handumdrehen erledigt. Ich bin mir sicher, du wirst ab jetzt ein bisschen vorsichtiger mit deinen Ohren sein, nachdem du im Pool warst. So was wie das hier ist ja doch auch ziemlich lästig für alle Beteiligten."
"Auf jeden Fall. Danke, Frau Doktor."

Immer noch grinsend schüttelte Issrin die Hand der Frau, die einmal meine Hausärztin gewesen war.
"Immer wieder gerne... Ach ja, sehen wir uns morgen vielleicht im Klub?"
"Nein, leider. Ich bin erst wieder in zwei Tagen dort eingeteilt. Hoffentlich genießen Sie trotzdem die Sonne."
"Aber immer, wie hoffentlich auch du, komm gut nach Hause. Auf Wiedersehen, Frau S. Es warten noch eine ganze Menge Leute da draußen."
NEIN!...
Nein, nein, nein!

<Oh, ich denke, doch. Anstelle von Ärger, der hinter dieser Tür auf mich lauern sollte, hat hinter der Stirn deines Hoffnungsträgers etwas auf dich gelauert. Das ist sehr amüsant>, sagte Issrin zu mir.
Ihre Stimme triefte vor beißendem Spott, während sie zusammen mit meiner Mutter das Behandlungszimmer verließ...
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