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120 Grubs -  Outtakes, One-Shots & Alternate Scenes (120er Projekt)

von Ravaari
SammlungFantasy, Sci-Fi / P16 / Div
Cassie Jake Marco OC (Own Character) Rachel Tobias
02.06.2019
15.04.2021
69
116.682
5
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
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28.02.2020 907
 
post-war,OC, AU

Emotionless, engl. adj: emotionslos
***

12 Stunden …
Seit 12 Stunden hatte sie das Gefühl, sich aufzulösen im Schmerz, zu sterben während sie mühsam nach Luft schnappte.
Sie sagten, es wäre normal für das erste Mal.
Er sagte, sie wäre stark, obwohl sie schrie und weinte.
Fluchte.

Hielt ihre schweißnasse Hand ohne Unterbrechung, obwohl sie seine Finger quetschte, bis das Fleisch weiß wurde.
Obwohl sie ihn beschimpfte, weil er ihr das angetan hatte und es jetzt aber ganz allein an ihr lag, es aus ihrem Körper zu pressen.

Das Bett war zerwühlt und fühlte sich feucht an.
Kalter Schweiß.
Sie konnte es riechen.
All diese Körperflüssigkeiten und Sekrete, die in den Stoff gedrungen waren und sie fand es widerlich.
Auch als sie ihre Hand nahmen und schließlich zwischen ihre Beine führten, als der Druck nachließ, damit sie es fühlen konnte, war sie völlig emotionslose.
Sie empfand nichts, nur Erleichterung.

In Wahrheit war sie zu erschöpft, um neugierig zu sein auf dieses Wesen.
Diesen Parasiten, der neun Monate lang in ihr gelebt hatte.
Schlafen.
Ihn wegschicken.
Alles vergessen...

Sie wollte nichts weiter als das, aber sie ließen sie nicht.
Ein dünnes Quäken zerriss die plötzliche Stille.
Ein Schrei.

"Hier Annie, das ist ihr Sohn.  3250 Gramm, 51 Zentimeter und vollkommen gesund."
51 Zentimeter... Mehr als doppelt so lang wie ihr Körper.
Der Körper, mit dem sie geboren worden war und den sie vor drei Jahren aufgegeben hatte für dieses Leben.
Für  Julian...

Rote Ärmchen und strampelnde Beinchen eingewickelt in ein blütenweißes Handtuch.
Ein winziger Kopf mit einem zarten Flaum schwarzer, blutverschmierter Haare...
Es unterbrach sein Geschrei für einen Moment und runzelte die Stirn. Starrte sie an, wie sie es anstarrte.
Ihn...

Annis Vier-Sieben-Zwei sah hin, obwohl sie nicht wollte und fühlte sich seltsam dabei.
Das hier war so anders.
Nie hätte sie damit gerechnet.
Hatte den Wünschen ihres Partners schließlich nachgegeben, obwohl sie ihn gewarnt hatte, dass es nicht funktionieren könnte.
Da waren keine Gefühle gewesen, nie.
Nicht beim ersten Ultraschallbild, nicht bei den ersten Tritten und auch jetzt war da nichts.
Bestimmt nicht.

Annis war sich ganz sicher.
Dennoch nahm sie das Bündel schließlich an sich.
Sie wehrte sich auch nicht, als sie ihn ihr das erste Mal an die Brust legten, starrte ihn nur weiter an, während er trank und schnaufend die Laktatflussigkeit einsaugte, die ihr Körper produzierte um das Neugeborene am Leben zu halten.
Sein winziges Fäustchen krallte sich halt suchend in ihr Nachthemd.
Finger gerade Mal so lang wie die Hälfte ihres kleinen Fingers.
Winzig nach menschlichen Maßstäben, aber gleichzeitig riesig nach ihren eigenen...

Vorsichtig beruhrte Annis das Wesen.
Legte eine Hand auf seinen Rücken, atmete seinen Geruch ein...

Julian war immer noch da. Sah sie an, mit Tränen in den Augen und lächelnd.
Annis lächelte nicht.

"Ein Junge, Annie. Wir haben einen Sohn."
Flüsterte er plötzlich.
Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch, überschlug sich vor Glück.
Sein warmer Atem kitzelte ihre Wange. Roch nach viel zu viel Kaffee.
"Wenn es ein Junge wird, darfst du entscheiden, wie er heißt, weißt du noch?"
Fragte er hoffend.  Aber gleichzeitig wollte er etwas ganz Anderes: Eine Regung von ihr. Irgendein Zeichen von Zustimmung oder Zuneigung.
Irgendeine Gefühlsregung als Bestätigung, dass sie bleiben würde. Hier, bei ihm und diesem Wesen.
Julian...

Auch er und sie waren eins geworden, trotz allem was er wusste.
Trotz der Tatsache, das viele Nothlits aggressiv oder ablehnend reagierten auf ihren Nachwuchs. Völlig überfordert waren mit ihrer neuen Rolle und schlussendlich scheiterten.

Dieser Mensch für den sie Dinge empfand, die sie nicht in Worten oder Taten ausdrücken konnte- zumindest nicht in diesem Körper..

Er wusste alles über sie so wie sie von ihm.
Es gab keine Heimlichkeiten die sonst für Menschen so üblich waren, kaum unausgesprochene Gedanken, auch jetzt nicht wo sie nicht mehr in seinem Kopf war, es nie wieder sein konnte...

Julian glaubte an sie, ließ keine Zweifel zu.
Hatte immer an sie geglaubt, erst als ihr Wirt und dann auch als ihr Partner.
Genauso wie dieser neue Mensch in ihren Armen sie vom ersten Moment an als seine Erzeugerin akzeptiert hatte.
Sich zu einem Teil von ihnen Beiden gemacht hatte...
Immer gewesen war.
Winzig klein zu anfangs, entstanden aus zwei willkürlichen, miteinander verschmolzenen Zellen, um dann neun Monate später aus ihrem Körper gepresst zu werden, während sie das Gefühl gehabt hatte, dabei  innerlich zu zerreißen. Zu sterben...

Eigentlich war es gar nicht so anders als das was wir tun, nur mit dem Unterschied dass ich es überlebt habe, dachte Annis plötzlich.
Die Hand auf dem winzigen Rücken des Babys bewegte sich zaghaft.
Unter den prüfenden Blicken des besonders geschulten Personals, die ihr beim geringsten Anzeichen von Aggression das Bündel sofort wieder abnehmen würden, wurde das vorsichtige Tasten zu unbeholfenem Streicheln.

Vielleicht würde sie es doch können.
Mit Julians Hilfe und wenn sie es nur genug versuchte.
Vielleicht hätte sie Erfolg, als Eine von Wenigen.
Vielleicht würde sie doch nicht gehen, sobald sie wieder bei Kräften war.
Zumindest vorerst...

"Junnis."
Sagte sie schließlich tonlos, während das Klinikpersonal sich langsam entspannte und Annis die Augen wieder öffnete, um Julian anzusehen, der ihren Blick erwiderte und verband ihrer beider Namen in derselben Weise , wie es seit Seerows Güte Tradition geworden war.
Verband sie, wie sich ihre Keimzellen  mit Julians verbunden hatten, um etwas Neues zu erschaffen.
"Sein Name ist Junnis."
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