Spiegelbild

KurzgeschichteMystery, Angst / P18 Slash
Litauen Preussen
01.06.2019
01.06.2019
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Klirrende Kälte strich seinen Rücken hinauf. Ruckartig setzte sich Preußen auf. In seinem Kopf blitzen einzelne Sequenzen auf. Russland. Sibirien. Arbeitslager. Doch die dicke Daunendecke sagte etwas anderes. Es war nicht mehr 1945. Es war sechsundvierzig Jahre später. Noch weniger eine Dekade, bis dieses schreckliche Säkulum vorbei. Ein neues Millennium würde beginnen.

Ein erneuter kalter Luftzug zog durch sein Zimmer. Zweifelnd blickte er zu seinem Fenster. Verschlossen. Von daher konnte diese nervige Kälte also nicht kommen. Vielleicht gab es wieder ein Heizungsproblem. Wie vor einer Woche. Ein Rohr war undicht gewesen und alles bliebt kalt. Vielleicht sollte er dort nachsehen.

Und sich eine neue Wohnung suchen. Hier mitten im Herzen von ehemals Ost-Berlin waren die Wohnverhältnisse eher… bescheiden. Um es nett zu formulieren. Seine Wohnung besaß zwar erstaunlich viel Platz, ansonsten machte sie aber keine gute Figur. Besagte Heizung hatte Probleme am laufenden Band. Warmes Wasser gab es nur Erdgeschoss, und er wohnte im fünften Stock. Außerdem hielt sich der Geruch von alten Marmeladenkeksen in seiner Wohnung.

Eingehüllt in einen warmen Morgenmantel und dicken Hausschuhen, handgemacht von Ukraine, durchquerte er sein Schlafgemach. Eine Melodie stimmte in seinem Kopf an. Preußen wunderte sich zwar woher sie kam, kümmerte sich aber nicht allzu sehr darum.

Mit einem Mal hörte er ein Lachen. Es klang hohl und weit entfernt. Aber dennoch sehr nahe. Mit einer vor Angst, reiner nervöser Vorsicht, er, Preußen, hatte keine Angst, zitternden Hand drückte er die Klinke zu seiner Schlafzimmertür herunter.

Schock. Ein purer Schock breite sich ihn ihm aus. Ebenso machte es sich eine unangenehme Übelkeit in seinem Magen ein gemütliches Plätzchen. In seiner Stube stand Ostm- Österreich. Preußen sollte sich echt diesen Namen abgewöhnen. Als wäre es das normalste der Welt stand Österreich in seiner Stube und spielte Violine.

Auf seinem Sofa, eigentlich nicht direkt seines, es gehörte seinen Vormietern, saß Norditalien. Die Augen geschlossen und die Knie angezogen. Ein Lächeln auf den Lippen. Doch es schien nicht wirklich Norditalien zu sein.

„Veneziano? Österreich?“, fragte Preußen. Er kam sich seltsam vor. Doch keiner von beiden reagierte. Österreich spielte weiter auf seiner Violine und auch Italien reagierte sich nicht. Gewissermaßen tat er das schon, nur nicht auf Preußens Frage. Als wäre noch eine andere Frage in der Luft gewesen, antwortete er auf diese.

„Es stimmt es wirklich schade,“ lautete seine Antwort. Verwunderte fragte Preußen nach: „Was ist schade?“ Doch erneut wurde er ignoriert. Stattdessen führten seine beiden, unerwarteten, aber nicht unwillkommen, Gäste ihr Gespräch weiter. Österreich hatte die Geige heruntergenommen.

„Wieso schade? Er ist ein Einfallspinsel. Aufgeblasen und herablassend. Nichts wert. Er hat seinen eigenen Bruder mit den morbiden Folgen eines Krieges alleine gelassen.“ Als unfreiwilliger stummgestellter Zuschauer fragte sich Preußen im Stillen, welchen Kriegsanfang er verpasst hatte.

„Wie recht du doch hast, Ostmark. Ich frage mich wieso er überhaupt noch hier ist. Preußen ist kein Land mehr. Selbst das Generalgouvernement ist besser als diese witzlose Nation. Er ist tossico. Hoffentlich holt ihn seine Mortalität ein. Oder Russland.“ Feliciano lachte. Es klang hohl. Weit entfernt. Wie ein altes Radio.

Schaudernd trat Preußen in die Mitten der zwei Nationen. Er fühlte sich wie in einem Kino. Nur hatte jemand den schlechtesten Film eingelegt, den es gab. Tausend kleine Ameisen liefen über seine Rücken, als er an die Zeit des zweiten Weltkrieges dachte. Er wusste es. Das was er getan hatte war unverzeihlich.

„Hast du es noch nicht gehört?“, fuhr Österreich fort, „man hat ihn in die Vergangenheit gesteckt. Er ist in Auschwitz. Und weißt du auch wieso? Wegen seines Albinismus. Wie früher.“ Beide Nationen fingen an zu lachen.

„Die Forderung. Dass Auschwitz nicht noch einmal sein, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglichen anderen voran, dass ich weder glaube sie begründen zu müssen noch zu sollen“, flüsterte Preußen. „Nie wieder Auschwitz. Nie wieder Auschwitz.“ Wie ein Mantra wiederholte diese Worte. „Nie wieder Auschwitz.“

„Ich hoffe doch, dass er auch… ‚duschen‘ gehen muss“, sagte Norditalien. Seine Anführungszeichen machte klar, was er meinte. Und sie entfachten die tiefe Wut in Preußen. Mit einem Schrei lief er auf den lachenden Italiener zu. Die Arme geöffnet. Bereit um diese halbe Portion einer Nation wach zu schütteln.

Doch er griff… nichts? Verwunderte blinzelte er. Und noch ein zweites Mal. Wie ein Idiot stand er vor dem geblümten Sofa und umarmte die Luft. Wurde er jetzt verrückt? War es langsam seine Zeit sich zu verabschieden?

Vielleicht war er einfach nur zu müde. Die schwere Standuhr zeigte halb drei in den Morgenstunden. Eher in den Nachtstunden. Aber halb drei ohne Zweifel. Die hatte Preußen an seiner psychischen Stabilität. War es nicht ein Zeichen, dass er Menschen sah, die nicht da waren?

Sich aus seiner Starre lösend setzte er seinen Weg in die Küche fort. Dort befand sich der Schlüssel für seinen Heizschrank. Ein Konzept, dass Preußen nie verstanden hatte. Wer kam auf die bescheuerte Idee einen großen Heizschrank in ein Badezimmer zu stellen? Positiver Weise gesehen musste er so nicht in den Keller laufen.

Knarrend öffnete er die Küchentür. Das erinnerte ihn daran, dass er die Tür ja eigentlich ölen wollte. Schon seit er hier eingezogen war. Vor über einem Jahr. Mensch, er war wirklich schon seit einem Jahr hier? Die Zeit in Russlands Haus schien alles verzerrt zu haben.

Offensichtlich auch seine Sehwahrnehmung. Oder seinen mentalen Zustand. Denn anderes konnte er sich nicht erklären, dass in seiner Küche zwei Nationen saßen und sich unterhielten, als sein es das normalste in der Welt. Lettland und Estland saßen in seiner Küche und schienen sich um nichts zu sorgen. Auf dem Herd stand ein Topf.

Letztes war an sich sehr schön. Die Zeit, welche er mit ihnen verbracht hatte, war nicht unbedingt von glücklichen Memoiren beschrieben. Halbverrückte Nationen waren für diese Umstände zu verantworten. Plural. Aber hier wird niemand diskriminiert.

„Bist du dir sicher Eduard?“, fragte Lettland zitternd. Die Balten waren einige der wenige Nationen, und die einzigen die Preußen kannte, die einander mit ihren menschlichen Namen ansprachen. Preußen war sich nicht sicher woher diese Angewohnheit kam. Er glaubte sich erinnern zu können, dass Litauen ihm etwas dazu erzählt hatte. Irgendwas von passiven Wiederstand.

„Ganz sicher, Raivis. Wie viele seiner Art kennst du noch?“, erwiderte Estland. Einen Moment überlegt Lettland, bevor er sagte: „Einen weiteren. Aber dieser ist schon lange tot. Seine Dorfbewohner haben ihn ertränkt.“

Verwirrt hob Preußen eine Augenbraue. Überlegend in welcher Zeit die beiden festhangen und sich innerlich auf die Schulter klopfend für diese Bewegung. Als Lettland lächelte, hatte er das Gefühl ein Eiszapfen würde seinen Rücken hinunterrutschen. Es sah falsch aus. Denn in den Augen der kleinen Nation konnte er Hass ausmachen.

Estland fing an zu lachen. Es klang nicht schön. Wie eine alte Blechdose. „Leedu hat diesen Egoisten besiegt. Jemand war von sich zu sehr überzeugt. Was soll ich noch sagen.“ Jetzt stimmte auch Lettland in das Gelächter ein: „Was für ein Holzkopf. Ein absoluter Nichtsnutz. Wie hat er es überhaupt geschafft an uns zu kommen?“

Preußen blickte in seine Vergangenheit. Sommer. 1410. Eine bitterböse Niederlage gegen die polnisch-litauische Union. Beide lachend. Er mit hängend Kopf. Eine absolute Schande. Er hatte gegen einen Heiden und ein Mannsweib verloren. Zuhause würden sie alle über ihn lachen.

Mit einem Ruck riss er sich zurück. Oder er wurde zurück gerissen. Von dem Gift in der Stimme Lettlands. „Oh… Viņš ir joks. Nekas labs.“ Witzfigur? Er? Das mussten diese zwei gerade sagen. Die drei Balten waren Feiglinge.

Dunkle Schatten legten sich über die Gesichter der zwei Nationen. Dunkle Zeiten. Dunkle Gesichter. Estland sprach wieder: „Райвис, послушай меня! Что бы ни говорила вам Пруссия, не верьте этому!“ Schmerz. Nicht körperlich. Aber emotional. Als hätte ihn jemand für einen Vampir gehalten.

„Делаю я. Ни одного слова.“ Schreiend lief er auf die kleine Nation zu. Er hatte genug. Genug. Genug. Die beiden sollten aufhören zu reden! Ruhe! Still sein! Déjà-vu. Erneut griff er ins nichts. Erneut. Erneut nichts. Langsam wurde er definitiv verrückt. Verrückt. Verrückt.  

Kälte. Eisige Kälte. Sibirern. Russland. Arbeits… Nein! Er musste zurückkommen. Hier in die Gegenwart. Ins Hier und Jetzt. In das Jahr 1991.

Zittrig atmete er ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Gut. Er wollte den Schlüssel holen. Den für den Heizschrank. Der Schlüssel befand sich rechts über der Spüle. Direkt neben den Topflappen. Der Heizschrank befand sich im Badezimmer. Das Badezimmer befand auf der linken Seit des Flures. Gegenüber seinem Schlafzimmer. Gut.

Die Schlüssel klimperten, als Preußen erneut durch Stube lief. Diesmal allerdings ohne Zusammentreffen mit anderen Nationen. Oder was auch immer das gewesen war. Vielleicht seine langsam verschwinde Existenz.

Vor der Tür rutschte er plötzlich weg. Der Holzboden war glatt. Nass. Moment. Ein nasser Boden? Vor seiner Badezimmertür? Preußen hatte alles Wasser ausgestellt. Naja, im Grunde genommen nicht. Das Wasser stellte sich selbst ab. Wahrscheinlich um den Vermieter Geld zu sparen.

Mit einem Kopfschütteln sammelte er den Schlüssel wieder ein. Er wurde echt zu tollpatschig. Mit sich selbst schimpfend trat er durch die Tür. Und ließ gleich nochmal seinen Schlüssel fallen. Mit einem klirrenden Geräusch traf er auf die Fliesen.

Jemand lag in seiner Wanne. Nein. Nicht jemand. Litauen. Er war nicht schockiert eine Nation in seiner Wohnung zu finden. Nicht mehr. Aber es waren die Umstände, die ihn erschaudern ließen.

Durch das Wasser waberte Blut. Echtes Blut. Rotes Blut. Litauisches Blut. Das Blut von Litauen. Blut. Blut. Rot wie die Liebe. Denn Liebe schmerzte.

Eine Träne lief über Litauens Wange. Über ein verzerrtes Lächeln. Bis sie mit einem leise in das Badewasser tropfte. Ein Messer lag zittrig in den Händen der Nation. Durchtrennte die Haut. Mehr Blut färbte das Wasser.

„Siehst du es?“, fragte Litauen zittrig. Mehr Tränen liefe über seine Wangen, tropften ins Wasser. „Ist es das was du wolltest“, fuhr er fort. Das Messer lag auf der Ecke der Wanne. Beide Nationen zuckten zusammen, als der zerstörte Arm ins Wasser getaucht wurde.

Сука. Schlampe.

„Du hast mich immer so genannt.“ Mehr Tränen. Immer noch lächelnd. „Du hattest Recht. Ich bin nur eine Schlampe. Die russische Hure. Ich habe meinen Körper verkauft, um Raivis und Eduard zu schützen. Und selbst das habe ich nicht geschafft.“ „Nein,“ flüsterte Preußen.

Das Lächeln verzog sich. „Wieso warst du nicht da? Du hast gesehen wie es mir ging. Und du hast einfach ignoriert. Bin ich dir wirklich so wenig wert? Oder bin ich generell so wenig wert? Ich habe deine Liebe nicht verdient. Du verdienst jemand besseres. Keine russische Hure.“

„Nein!“, schrie Preußen. Doch keiner seiner Muskeln wollte reagieren. Er konnte nur mitansehen. Erneut wurde das Messer genommen. Ein so schöner Gegenstand. Und ein so hässlicher Gebrauch. Ein Werkzeug zum Töten.

Ein einzelner Schnitt. Ein Ruck. Durch die Kehle. Er hatte sich aus seiner Starre gelöst. ZU spät. Viel zu spät. Für einen Moment stand er nur da. Bewegungslos. Emotionslos. Sah zu. Wie langsam das Leben aus den schönen, grünen Augen Litauens verschwand. Wie der letzte Funke erlosch. Sein Liebster. Tot.

Weinend brach er zusammen. Weinte. Schluchzte. Die Hände über die Augen gepresst. Die Knie auf den kalten Badezimmerfliesen. Mehr Tränen. Mehr. Und mehr. Und mehr. Tränen wie die von Litauen. Wie die von Polen. Lettland. Sein eigener Bruder. Dänemark. Norwegen.

Alte Bilder tauchten in seinem Kopf. Von den Kindern aus Auschwitz. Ihre dunklen Augen. Hohlen Wangen. Verurteilend Blicke. Alles seine Schuld. Alles seine Schuld. Er war an all dem Schuld gewesen.

Er hob den Kopf. Doch er sah niemanden. Dort lag niemand in seiner Wanne. Kein Tropfen Wasser. Kein Tropfen Blut. Die Wanne war sauber und trocken. Kein Messer. Kein Toter. Jetzt wurde er definitiv verrückt.

Mit wabbligen Knien stand er auf. Sammelte den Schlüssel ein. Zittrig amtete er ein. Er musste nur noch zum Heizschrank. Dann konnte er zurück in sein Bett. Und vergessen. Alles was passiert vergessen. Zurück in die angenehmen weites des Traumlandes. In eine Welt, die Krieg nicht kannte.

Mehrmals verfehlte das Schlüsselloch. Daran waren, aber nicht seien zitternden Hände schuld. Sondern… das Schlüsselloch! Genau, das war viel zu klein.

Sein Heizproblem stellte sich selbst pfeifend in Show. Eine Dichtung schien undicht. Ein Problem, dass er nicht schnell und vor allem alleine erledigen konnte. Morgen musste er wohl mal einen Fachmann anrufen. Und einen Psychologen. Nein, keinen Psychologen. Er war nicht verrückt. Oder?

Mit einem lauten Knall ließ er die Tür zufallen. Den Schlüssel legt er einfach auf das Waschbecken. Er war müde. Übermüdet. Er sah Dinge, die es nicht gab und wenn er nicht bald in sein Bett zurückkehrte, würde er die Fliesen als erdenkbare Schlafmöglichkeit betrachten.

Zu Erschöpfung. Anspannung. So sahen Preußens Gefühle ungefähr aus. Es war zu früh. Zu spät. Er war körperlich erschöpft. Und mental. Er war verrückt geworden. Er hatte Angst. Angst vor sich selber. Vor dem was er sah. Vor dem was nicht da war. Und er wollte schlafen. Jetzt.

Halt. Stopp. Da war noch jemand. In seinem Schlafzimmer. Sein Bruder. Deutschland. Und Russland. Angespannt. Redend. Mit dem gleichen Lächeln, dass auch die andern getragen hatten.

„Warum wartest du noch, Deutschland? Folge mir. Er wird nicht kommen,“ versucht Russland seinen Bruder zu überzeugen. Doch dieser schüttelte den Kopf: „Nein. Ich warte noch.“

Fröhlich lachte Russland. Aber daran erschaudern ihn nichts mehr. „Ich war wirklich traurig, als Preußen zu mir kam. Ich mochte dich lieber. Ich mag dich immer noch lieber. Du bist eine starke, junge Nation. Dein Bruder ist nur ein alter Hall. Wir zwei hätten so viel erreichen können“

Mit einem Ruck stand Deutschland auf. „Geh schon mal,“ sagte er zu Russland, „Ich komme gleich nach.“ Glücklich pfeifend trat Russland durch die geöffnete Tür in den dunklen Flur hinaus. Katyusha. Er kannte das Lied.

„Bruder.“ Er schrie auf. Eine Welle Angst-Konzentrat schwappte durch seien Körper. „Bruder. Preußen. Hör mir zu. Ich will dir nichts,“ versuchte Deutschland ihn zu beruhigen. Mit Erfolg. „Ich will nur, dass du mir zuhörst.“

Preußen nickte. Zuhören. Das hatte schon den ganzen Abend gemacht. Aber das Lächeln auf den Lippen seines Bruders schien wie eingefroren. Es war grotesk. Deutschland lächelte nicht viel.

„Sag mir, Bruder, warum hast mich alleine gelassen? Als ich klein war?“ Er wollte antworten, kam aber nicht dazu. „Du hast mich auch jetzt alleine gelassen. Während des Krieges. Beiden Kriegen. Nach dem Krieg. Ich war am Boden zerstört. Und du hast mich einfach dort gelassen. Du hast dich nur um dich gekümmert.“ Er wollte schreien. Deutschland entgegenschreien, dass er das nicht wollte.

„Immer hast du dich nur um dich gesorgt. Nie um mich. Du hast mir nie gezeigt, wie man lebt. Wie man liebt. Nur wie man kämpft. Du hast dich nicht wie ein Bruder benommen. Sondern wie ein Führer.“ Schaudernd stand Preußen einfach nur da. Es war schrecklich all da zu hören. Schrecklich. Vernichtend.

„Du bist für all dieses Leiden verantwortlich. An deinen Händen klebt das Blut von Unschuldigen. Du warst es doch der mir gesagt, dass man die auslöschen soll, die einem im Weg stehen. Hast du doch? Sieh dir deine Hände an. An dir klebt das Blut von all den Unschuldigen. Du bist ein Verräter. Verräter. Schwach.“

Blut. Blutverschmiert. An seinen Händen klebte Blut. All das Blut von den Menschen, die für seine Verbrechen starben. Er war ein Mörder. Ein Monster. Erschöpft wischte er sich über die Stirn. Verschmierte das Blut immer mehr. Zerkratzte sein Arme. Versuchte das Blut los zu werden.

Schließlich trat er vor seinen Spiegel. Manisch lächelte ihn sein Spiegelbild an. Blut im Gesicht verteilte. Aufgekratzte Schultern, Arme. Gesichter. Körper. Hinter ihm. Er schloss die Augen. Ruhe. Er wollte Ruhe. Frieden. Kein Krieg. Geborgenheit.

Kalte Arme schlossen sich um ihn. Kalt. Dennoch angenehm. Preußen ließ seinen Kopf hängen. Es war alles zu viel. Viel zu viel. Er war nicht stark genug.

„Guck mich an. Guck uns an,“ flüsterte ihm eine Stimme zu. Erschöpft öffnete er die Augen. Hinter ihm stand Litauen. Hatte die Arme um ihn geschlungen. Doch war etwas falsch an dem Bild. Blut tropfte aus einem Schnitt an seinem Hals auf den Boden.

„Sieh uns alle an. Sieh was du getan hast,“ flüsterte Litauen. Löste seine Arme. Preußen blickte sich um. In seinem Schlafzimmer standen vierschieden Nationen. Alle die er verletzt hatte. Alle halbtot.

Norditalien. Ein roter Fleck breite sich über seinem Bauch aus. Österreich. Das Hemd über dem Herzen zerfetzt. Polen. Abgemagert. Mit Würgemalen. Dänemark. Von beiden Armen auf den Boden tropfen. Lettland. Die Augenhöhlen blutausgekratzt.

Er brach zusammen. Schrie. Weinte. Schlug um sich. Sie sollten verschwinden. Ihn in Ruhe lassen. Doch alle sprachen zusammen: „Du bist schuld. Du bist schuld Schau uns an. Du bist schuld.“

„Du bist schuld.“

„Schuldig.“

„Schau uns an. Sie was du getan hast.“

„Nein!“, schrie Preußen. Schweratmend. In seinem Bett sitzend. War das alles nur ein Traum gewesen. Ein Alptraum? Sein Wecker zeigt halb acht. Zeit, um aufzustehen. Er fühlte sich nicht, als hätte er geschlafen.

Erschöpft lief er durch sein Wohnzimmer. Verwundert über die Violine. Wahrscheinlich hatte er sie nur irgendwie übersehen. Weiter in die Küche. Hatte er wirklich diesen topf stehen lassen? Zurück ins Bad.

Ein blutiges Messer. Auf seiner Wanne. Wie aus seinem Traum. Oder war es ein Traum?

„Schau uns an. Du bist schuld.“

Ein schepperndes Lachen. Nein.

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Raivis [Galante] = Lettland
Eduard [von Bock] = Estland
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Ostmark war der Name den Österreich bekommen hatte, nachdem es in das Deutsch Reich eingegliedert wurde.
Das Generalgouvernement war der Verwaltungsbereich Polens, der von dem Deutschen Reich besetzt war.
In Auschwitz wurden die Insassen in einen Duschraum geführt, welcher dann mit dem Giftgas Zyklon B gefüllt wurde.
Das Zitat, das hier genannt wird, stammt aus dem Jahr 1966 von dem Philosophen Theodore W. Adorno.
Im Sommer 1420 hat der Deutsche Orden gegen Polen-Litauen verloren.
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tossico = (Italienisch) giftig
Leedu = (Estnisch) Litauen
Viņš ir joks. Nekas labs. = (Lettisch) Er ist eine Witzfigur. Ein Nichtsnutz.
Райвис, послушай меня! Что бы ни говорила вам Пруссия, не верьте этому! = (Russisch) Raivis, hör mir zu! Egal was Preußen dir erzählt, glaub es nicht! [Rayvis, poslushay menya! Chto by ni govorila vam Prussiya, ne ver'te etomu!]
Делаю я. Ни одного слова. = (Russisch) Mach ich. Kein einziges Wort [Delayu ya. Ni odnogo slova.]
Сука = (Russisch) Schlampe [suka]
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