Arndt

von FeelFree
GeschichteFreundschaft / P18 Slash
01.06.2019
14.09.2019
16
28512
4
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
Einige Reihen vor ihnen bewegte sich eine Welle durch die aufgestörten Zuschauer, als Arndt und sein Begleiter sich an ihren Sitznachbarn vorbei Richtung Ausgang drängten.

Ausnahmsweise war Mikey froh über Edgars Angewohnheit, bis zur letzten Zeile des Abspanns im Kinosessel sitzen zu bleiben. Er rutschte noch tiefer in seinen Sitz und versuchte, sich möglichst klein zu machen. Was wäre, wenn Arndt ihn entdecken würde? Arndt und der Andere mussten die Sitzreihe mit Mikeys zusammengekauerter Gestalt auf ihrem Weg nach draußen passieren. Mikey konnte Arndts Silhouette bereits deutlich aus dem Augenwinkel erkennen, als sie den Gang neben den Sitzen entlangliefen und immer näher kamen. Am liebsten hätte Mikey auch Edgar aufgefordert, sich etwas kleiner zu machen.

Wie ein Leuchtturm ragte er in der Dunkelheit neben Mikey in die Höhe. Selbst wenn sie den geduckten Mikey übersehen würden, wäre es fast unmöglich, Edgar nicht zu sehen, mit seinen leuchtenden Locken und den spiegelnden Brillengläsern.

Mikey konnte erkennen, dass der Begleiter Arndt an der Hand hinter sich her zog. Während jener den Blick auf den Ausgang gerichtet hielt, orientierte Arndt sich im Dämmerlicht an der Bodenbeleuchtung neben den Sitzreihen. Noch ein paar Meter trennten sie von Mikeys Reihe. Mikeys Nackenmuskeln spannten sich an, als er den Kopf starr auf die Leinwand gerichtet hielt und sein Rücken drückte sich immer fester in das weiche Polster der Sitzlehne.

Arndts Begleiter würde Edgar nicht erkennen. Aber wenn Arndt jetzt den Blick hob? Der Moment verstrich, Arndts Blick blieb auf die Fußleiste gerichtet und auch sein Begleiter beachtete sie nicht. Mikey atmete geräuschvoll aus.

„Mann, jetzt beruhig dich!“, stöhnte Edgar genervt. „Ist ja gleich vorbei!“, und meinte wohl den Abspann.

Mikey schüttelte nur den Kopf. Edgar hatte Arndt offensichtlich nicht gesehen und Mikey hatte gerade alles andere als Eile. Sonst hätte er auch vor dem Kino auf Edgar warten können.

Nach und nach wurde das Licht noch höher gedimmt. Arndt befand sich garantiert nicht mehr im Kinosaal.
Schweigend erhob Mikey sich, diesmal sogar nach Edgar, als auch der letzte Ton verklungen war, das Logo der Filmproduzenten ausgeblendet und die Leinwand schließlich endgültig dunkel blieb.
Je mehr sie sich dem Ausgang näherten, umso zögerlicher wurden Mikeys Schritte und umso flacher sein Atem. Kinogäste hatten die Angewohnheit, noch vor den Ausgängen zu verweilen und miteinander zu reden, oder?

„Beeindruckend!“, meinte Edgar, noch ganz im Bann des Films.

Mikey nickte und konnte schon das Licht der Straßenbeleuchtung erkennen.
Mikey und Edgar traten ins Freie. Mikey schaute sich unauffällig um. Gäste standen in Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Einzelne schienen noch auf ihre Freunde zu warten, schlenderten herum oder betrachteten die Werbeplakate für zukünftige Filme. Aber von Arndt keine Spur mehr. Erleichtert atmete Mikey aus und sog die frische Abendluft tief in die Lungen. Es ging ihm jetzt deutlich besser.
Hatte er tatsächlich vergessen zu atmen, nachdem er durch die Tür getreten war? Er war sehr froh, nirgendwo einen Händchen haltenden, seinen Begleiter  anstrahlenden Arndt zu sehen. Oder noch schlimmer, einen knutschenden, Zärtlichkeiten austauschenden Arndt! Allein bei der Vorstellung beschleunigte sich sein Herzschlag. Er wollte das nicht sehen, aber vor allem wollte er auch nicht daran denken und schob die Gedanken und Bilder auch diesmal schnell wieder weg.

„Und du bist noch ganz abgespact?“. Edgar lachte über Mikeys Schweigen.

Sie entfernten sich vom Kino, doch auch während sie durch die Seitenstraßen liefen und nach einer geeigneten Bar für ihren Absacker suchten, scannte Mikey die Umgebung, ob er irgendwo Arndt entdecken würde.

„Was ist denn jetzt mit Lena und dir?

Mikey zuckte zusammen. Hatte er Lena wirklich völlig vergessen? Und das obwohl er sie so schäbig behandelte? Er hatte ihr versprochen, dass sie sich am Wochenende treffen würden und er versetzte sie, traf sich stattdessen mit Edgar. Er war sowas von durch den Wind. Seine Gefühle fuhren Achterbahn und er bekam sein Beziehungsleben nicht mehr in den Griff. Weder mit einer Frau noch mit seinem besten Freund.

„Ey, hat’s dir jetzt die Sprache verschlagen? Aber wir trinken schon noch unseren Absacker, oder?“

„Sorry, Edgar...“. Mikey gab sich einen Ruck. Vielleicht sollte er tatsächlich mit Edgar darüber reden?
„Ich versteh mich grad selbst nicht.“

„Hast du das denn je?“

Ja, hatte er das je?

Edgar boxte ihn in die Seite und betrachtete ihn besorgt und ausnahmsweise ziemlich ernst.
„Los Mikey, spuck‘s schon aus!“

„Lena ist eine super Frau, ich bin in sie verliebt, aber....“
„Ja?“
„Ich weiß nicht, ob sie die Richtige ist.“
„Warum sollte sie das nicht sein? Ist doch genau dein Typ! Die Frau nach der du dir immer die Finger geleckt hast!“

„Das ist’s ja. Obwohl alles passt, passt es nicht.“

„Gibt’s sowas? Aber vielleicht genügt Perfektion allein manchmal nicht?“

„Lena ist bereit für mehr, aber ich bin es einfach nicht!“

„Aber wo ist dein Problem? Wenn dir alles zu schnell geht, dann lass es halt.“

Er spürte Edgars Blicke auf sich, Edgar hatte ihm sein Gesicht jetzt voll zugewandt.

„Ich fühl mich und benehm’ mich wie ein Arsch!“

Ja, er benahm sich wie ein Arsch. Lena gegenüber, und vor allem hatte er sich wie ein Arsch Arndt gegenüber verhalten. Und jetzt hatte er die Quittung dafür bekommen!

„Vielleicht machst du dir zuviel Druck?“

Es hatte weh getan, Arndt mit dem anderen zu sehen. Er machte sich nichts vor.

„Ich will das so nicht! Ich will, dass wir uns wieder öfter sehen!“

„Dann mach doch gleich morgen ein Treffen aus.“

„So einfach ist das nicht, wenn jemand so richtig sauer ist.“

„Nichts, was sich nicht wieder geradebiegen läßt, Mikey.“

„Vielleicht ist sauer auch nicht das richtige Wort. Ich mein, ich weiß nicht, ob sich das so schnell legt, wenn jemand so enttäuscht ist.“

„Wenn du’s nicht versuchst, wirst du’s nicht wissen und nicht ändern.“

„Aber was kann ich tun?“ Er zuckte hilflos mit den Schultern.
„Wenn ich anrufe, seh ich schon, wie ich weggedrückt werde!“

„Schreib doch ne WhatsApp!“

„Und wenn ich bei WhatsApp jetzt geblockt bin?“

„Warum sollte sie das tun? Ich bin mir sicher, sie wartet drauf, dass du dich endlich meldest!“

„Sie?“

„Lena! Oder gibt’s noch ne andere?“

„Ich meine doch Arndt!“

Edgar seufzte und legte den Arm um Mikey und drückte ihn kurz.
„Jetzt komm erst mal zu dir! Du bist ja völlig durch!“

Schweigend liefen sie weiter.

„Ey, jetzt entspann dich! Heute Abend löst du das sowieso nicht mehr!“

„Du hast wie immer recht, du Oberchecker!“

„Klaro! Arndt beruhigt sich schon wieder, wenn er nen anderen findet!“

Edgar drückte schließlich die Tür einer Kneipe auf. Schwüle Luft und der Geruch nach Bier, Essen und glimmenden Kerzendochten schlug ihnen entgegen. Es war gerammelt voll in den verwinkelten, schummrigen Räumlichkeiten. Bunt gemischte Besucher aller Altersstufen saßen gedrängt an den kleinen Tischen, standen an Stehtischen und verteilten sich um die Bar.

An einem der kleineren Tische wurde gerade gezahlt, die zwei Jungs und ein Mädel erhoben sich langsam und gemächlich, während sie noch ein wenig herumalberten. Schnell stürzten Edgar und Mikey sich zielstrebig auf die Plätze, bevor nachdrängende Gäste den Platz vereinnahmen konnten. Sie ließen sich stöhnend auf die Stühle fallen und lehnten sich erleichtert grinsend zurück. „Bring uns zwei Radler!“, meinte Edgar zur Bedienung, die die Gläser der Vorgänger noch schnell einsammelte.

Und dann wünschte Mikey sich plötzlich ganz weit weg, am Besten auf einen anderen Planeten.
Am Nebentisch saßen Arndt und sein Begleiter mehr als einträchtig nebeneinander! Eine Hand des Tätowierten lag auf Arndts Knie, Arndts Hände umschlossen eine Kaffeetasse. Beide waren gerade in einem Kuss versunken. Arndt hatte die Augen geschlossen, während ihre Lippen sich aufeinander bewegten.
Als sie sich voneinander lösten, schauten sie sich tief in die Augen und lächelten sich an, bevor sie ihre Blicke voneinander lösten und ihre Kaffeetassen an den Mund hoben. Der Flat-Top bemerkte Mikeys Blick zuerst und prostete ihm nickend mit der Tasse zu.

Mikeys Augen wanderten zu Arndt, der inzwischen die Neuankömmlinge auch bemerkt hatte und Mikey und Edgar wie zwei Außerirdische aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, bevor er seine Mimik wieder unter Kontrolle brachte.
„Hi...“, meinte er zögerlich und hob eine Hand zum Gruß.

Der Begleiter schaute zwischen Arndt und Mikey verwirrt hin und her. Doch dann klärte sich seine Miene. „Ach so, ihr kennt euch!“. Dann grinste er etwas breiter. Arndts Lächeln wirkte angespannt und etwas gezwungen als er schweigend nickte.

„Ich bin Santos, und du bist..?“
Seine Stimme klang rau und tief, als er versuchte, den Lärmpegel der anderen Gäste zu übertönen.
Auch Edgar hatte Arndt jetzt entdeckt, nachdem er die Getränkekarte zugeklappt hatte.

„Mensch Arndt!“, Edgar freute sich offensichtlich über die zufällige Begegnung. Er betrachtete Santos ungeniert.

„Ich bin Edgar und das ist Mikey!“, meinte er, da Mikey nach wie vor schwieg.

„Sagt bloß, ihr wart auch im Kino?“

Und schon war er mit Santos in ein Gespräch vertieft, während Mikey und Arndt schweigend versuchten, aneinander vorbei zu sehen.
Arndt griff nach Santos‘ Hand. Erschien es nur ihm so oder wollte Arndt Santos Hand vom Knie weghaben? Er bemerkte Arndts tastende Augen, als sich ihre Blicke aus den Augenwinkeln versehentlich begegneten.
Mikey spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Ging’s noch schlimmer?
Glücklicherweise  mied Arndt Mikeys Blick sofort wieder. Und Mikey konnte nur hoffen, dass seine Gesichtsfarbe in der trüben Kneipenbeleuchtung sowieso unsichtbar blieb.
Arndts Hände hielten Santos‘ Hand jetzt umschlossen, und Santos’ Daumen strich nun rhythmisch über Arndts Handrücken.

Ab und zu zwinkerte Edgar Mikey auffordernd und verschwörerisch zu. Anscheinend dachte der Checker tatsächlich, das wäre jetzt die beste Gelegenheit für seine beiden Freunde, in ungezwungener Atmosphäre wieder ins Gespräch zu kommen?

„Echt jetzt?“, Edgar verstand sich anscheinend prima mit Santos.

„Ja, ich arbeite wirklich im Katasteramt!“

Und nachdem Edgar lachte, bis er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischen musste, tippte Santos an seinem Smartphone herum und hielt es Edgar grinsend hin.

„Kannst ruhig weiter wischen, da kommen noch ein paar mehr!“

Auf dem ersten Bild trug Santos einen dunklen Anzug. Er wirkte sehr seriös, die Tätowierungen waren nicht zu sehen. Seine aufgeräumte Flat-Top-Frisur passte perfekt zum Outfit. Perfekt durchgestylt. Der perfekte Topmanager.

„Ein Schlips? Ich glaub’s nicht!“, Edgar lachte weiter und wischte weiter über das Display.

Santos in einem kariertem Freizeithemd, in seinem Tanktop, in seiner Badehose. Noch mehr Tattoos. Über den ganzen Oberkörper verteilt.

War das ein Mann, so wie Arndt ihn sich erträumte?
Wie passte Mikey da ins Bild?
Review schreiben