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365

von GH0ST
GeschichteFamilie, Suspense / P18 / MaleSlash
Josuke Higashikata Jotaro Kujo Keicho Nijimura Noriaki Kakyoin Okuyasu Nijimura Rohan Kishibe
01.06.2019
10.02.2021
11
92.413
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05.11.2019 9.380
 
Stains of Coffee




Die Stille zog durch das Haus, nachdem Keicho und Okuyasu das Haus verlassen hatten. Der Schwarzhaarige hatte sich in der zwischen Zeit angezogen und auch gestyled, so dass er sich auch vor die Tür begeben konnte – in seinen Augen zumindest. Seine Frisur musste immerhin sitzen, selbst wenn er zu Hause war und den Tag dort verbrachte – es konnte immer einmal spontaner Besuch vorbeikommen. In dieser Hinsicht war er einfach ein wenig eigen. Jedoch war dies in jenem Augenblick vollkommen nebensächlich.
„Wie lang denkst du, sollen wir noch warten?“, fragte der Higashikata schließlich, als er wieder ins Wohnzimmer eintrat.
„Ich würde sagen, wir warten noch, bis ich duschen war und machen uns dann auf den Weg. Allerdings müssen wir dann einen kleinen Umweg machen, sonst kommen wir an dem Laden vorbei, in dem Keicho arbeitet. Wenn er uns sieht, fällt es auf – außerdem müssen wir dann noch einkaufen, bevor wir wieder hierherkommen.“, schlug der Gitarrist schließlich vor und wartete nur noch die Bestätigung ab, bevor er sich auch schon in das Badezimmer begab, um sich auch durch die Dusche noch einmal ein wenig wachzuhalten.
Alles andere würde immerhin von allein für seinen Wachzustand sorgen, wenn er sich erst einmal dauerhaft in Bewegung befand.

Nachdem Akira das Wohnzimmer verlassen hatte, blickte der Higashikata auf sein Handy. In jenem Augenblick hoffte er eigentlich auf eine Nachricht seines Neffen, doch eben jene blieb – wie bereits erwartet – aus. Im Grunde wusste er nicht einmal, aus welchem Grund er eigentlich noch darauf hoffte, wenn er es besser wusste. Immerhin kannte er Jotaro und wusste dementsprechend auch, wie wichtig dessen Studium war. Zudem konnte ihm die Weltuhr, welche er sich auf seinem Handy extra eingerichtet hatte auch deutlich sagen, das Jotaro um jene Uhrzeit mit anderen Dingen beschäftigt war. Schnaufend lehnte der Schwarzhaarige seinen Kopf in seinen Nacken und schloss die Augen, ihm ging es wirklich nicht gut. Dieser Zustand war wahrscheinlich das Ergebnis des Stresses, den er sich selbst machte; kombiniert mit dem Schlafmangel.
Warum hatte das Schicksal gerade ihn ausgesucht?
Wieso musste er sich mit diesen Gefühlen für seinen Neffen herumschlagen, wenn es nicht doch nur eine Schwärmerei war?
Aus welchem Grund musste er sich dabei eigentlich so unsicher sein?
Wie kam er zu dem Pech, von einem Fremden genötigt zu werden?
Was hatte er der Welt eigentlich getan und warum wirkte es auf ihn, als hätte sich einfach jeder gegen ihn verschworen?
Sinn machte all das schon lang nicht mehr – vor allem, wenn er es im Ganzen betrachtete.

Auf all diese Fragen versuchte er in jenem Moment eine Antwort zu finden. Gleichzeitig war er sich jedoch bereits sicher, dass er keine finden würde. Er scheiterte in jenem Moment doch bereits an den Ansätzen, somit konnte dieses ganze Thema einfach nicht gutgehen. Theoretisch lag es tatsächlich auf der Hand, auch wenn Josuke es in jenem Augenblick ganz sicher noch nicht wahrhaben wollte. So einfach wie er es sich vorstellte, war es immerhin nicht. All die Dinge in seinem Kopf waren nicht erklärbar, ließen sich nicht einmal logisch in irgendeine Reihenfolge bringen, ohne dass sie ihren Sinn verloren. Wahrscheinlich hatte es nicht einmal einen Sinn und Zweck, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, doch er konnte einfach nicht davon ablassen – nicht einmal während er die Zeit nutzte, um sich noch ein wenig mental vorzubereiten, sich bestenfalls schon einmal auf alles gefasst zu machen, damit jener Tag ihn nicht wieder derart überraschen konnte. Dieses Mal musste er einfach Herr der Situation sein; wie genau er das machte, war beinahe schon egal. Wenn er es dieses Mal nicht schaffte, der Herr der Situation zu werden, konnte er sein Selbstwertgefühl vergessen – wahrscheinlich für immer.

Schnaufend rieb er sich noch einmal über die Augen. Josuke musste einfach sein Möglichstes tun, um wenigstens wieder nachdenken zu können. Die Gedanken in seinem Kopf, welche um diesen Fremden schweiften, waren einfach zu laut. Bis sie endlich vom Geräusch des Föns vertrieben wurden, welches aus dem Badezimmer drang. Das musste bedeuten, das Akira fertig war und sie somit wahrscheinlich auch recht zeitnah losgehen konnten. Allerdings war er sich gleichzeitig auch sicher, dass es eine Weile dauern musste, bis er diese Haare getrocknet hatte und damit sollte er schließlich auch recht behalten. Sicher wartete er noch eine ganze Stunde auf den Musiker, bis dieser das Badezimmer endlich verließ doch beschweren wollte sich der Higashikata darüber auch nicht. Er selbst brauchte immerhin auch nicht gerade wenig Zeit im Bad.

Als der Straßenmusiker endlich wieder ins Wohnzimmer trat, stand Josuke auf und betrachtete ihn für einen Augenblick. Der Langhaarige trug ein schwarzes Hemd, bei welchem er die oberen beiden Knöpfe einfach geöffnet ließ, eine enge ausgewaschene Jeans und dazu schwarze Stiefel mit Absatz. Eine Sonnenbrille durfte in jenem Moment auch nicht fehlen, selbst wenn die Sonne nicht einmal den Anschein machte, an jenem Tag noch hinter den Wolken hervorkommen zu wollen. Wahrscheinlich machte er dies auch nur, um seine Augenringe zu verdecken, was der Higashikata deutlich verstehen konnte, doch bei dem Outfit Akiras hinterfragte man dies nicht einmal. Selbst der Schmuck, den der Rocker trug, schien für dieses Outfit ein Muss, so auffällig wie eben jener war. Für einen Moment konnte der Schüler wirklich verstehen, was Keicho an diesem Mann fand. Er war eindeutig ein Blickfang.
„So bleibst du den Menschen wirklich im Gedächtnis.“, schluckte die Schwarzhaarige.
„Das ist Sinn und Zweck der Sache. In der Musikwelt überlebst du nur, wenn du auffällig und anders bist. Je schriller das Outfit, desto mehr Blicke fängt es dir ein und den Rest muss dann dein Talent entscheiden.“, erklärte Akira, gab dem Schüler danach aber auch schon einen einladenden Handzeig.

Er deutete, das sie aufbrechen konnten, wenn der Higashikata sich dazu bereit fühlte. Kurz nickte der Schwarzhaarige und trat aus dem Wohnzimmer in den Flur, überprüfte noch einmal ob er alles bei sich trug, was er auch am Abend bei sich hatte und nickte schließlich noch einmal. Seinen Blick konnte er in jenem Augenblick nur schwer von dem Straßenmusiker lösen, hatte ihn zwar schon öfter in der Stadt gesehen, doch noch nie in solcher Kleidung.
„Ist das nicht manchmal anstrengend?“, fragte der Schüler schließlich als er seinen Blick von Akira lösen konnte, „Ich meine, so aufzufallen bringt wahrscheinlich nicht immer nur Gutes mit sich, oder?“
„Wenn man von dem Gerede absieht geht es eigentlich. Es gibt immer Leute, die ihre Klappe nicht halten können, oder mit unpassenden Kommentaren um die Ecke kommen. Solang sie aber nicht übertreiben kann ich das ganz gut ignorieren. Im Endeffekt ist auch schlechte Publicity irgendwie von Nutzen, weil sich das meist schneller rumspricht als alles andere und wenn wir heute auch noch zu den reichen Säcken gehen, wird es wieder eine Menge Gerede geben. Die fühlen sich dann nämlich ganz sicher in ihrer geheuchelten heilen Welt gestört, in welcher nur klassische Musik gehört werden darf. Aber wenigstens sind dann auch die Chancen geringer, das Keicho etwas davon mitbekommt, eigentlich halten wir uns immerhin beide von dort fern.“, grinste der Angesprochene, griff sich seine Gitarre sowie den Verstärker, welchen er am letzten Abend im Hausflur abgestellt hatte und öffnete schließlich die Haustür.

Bis zum Abend brauchten sie also nicht zurückzukehren. Keiner von ihnen hatte einen Schlüssel bei sich. Jene hatten nur Keicho und Okuyasu, was allerdings auch nicht verwunderlich war. Der Schüler musste gestehen, dass ihm die Einstellung des Straßenmusikers zusagte, doch er selbst würde mit diesem Gerede und den komischen Blicken wohl nicht wirklich umgehen können. Wenn der Higashikata allein darüber nachdachte, dass in der Schule die Mädchen noch immer über den Vorfall des letzten Tages sprachen, wurde ihm übel. Wahrscheinlich verbreitete sich die ganze Angelegenheit inzwischen schon wie ein Lauffeuer an der Schule.
„Ich beneide dich wirklich, du gehst so unglaublich locker mit all den Dingen um.“, gab Josuke wieder als er das Haus verließ, „Ich wünschte wirklich, dass ich diese Einstellung hätte. Das würde mir wirklich viel Ärger ersparen.“
„Sag das nicht. Die Einstellung ist nicht unbedingt ein Segen und es ist auch nicht schön, wenn dir irgendwann einfach alles scheißegal ist, weil du es sowieso niemandem rechtmachen kannst. Sei lieber froh, dass du bist wie du bist. Wärst du anders hätte der Fremde dich vielleicht nicht überfallen und dann müsstest du jetzt nicht nach ihm suchen – dann wäre dir aber vielleicht jetzt langweilig.“, hob Akira leicht die Schultern, wollte somit wenigstens versuchen, Josuke noch einen anderen Blickwinkel zu zeigen.

Für einen Augenblick musste der Schwarzhaarige leise lachen, schüttelte leicht den Kopf und blickte zu dem Langhaarigen.
„Natürlich, ich würde meine Einstellung nicht ändern, aber in manchen Situationen handelt mir meine Einstellung mehr Ärger ein, als ich möchte.“, lachte Josuke leicht, „Und Langeweile hätte ich vielleicht nicht, aber… Vielleicht könnte ich mich jetzt nicht ablenken.“
„Irgendwas Gutes hat es immer. Hoffentlich. Also im besten Fall zumindest.“, gab Akira schließlich einfach wieder und deutete den Weg, musste sich einen Umweg suchen, um nicht das Geschäft seines Vaters zu passieren, oder im besten Fall nicht einmal die Straße zu betreten.
Zumal er auch seinem Vater nicht über den Weg laufen wollte. Dieser war immerhin die letzte Person, welche er an jenem Morgen sehen wollte – zurecht, nach alldem, was geschehen war. Wichtig war dennoch erst einmal nur, dass sie ankamen. Alles andere würde sich mit Sicherheit ergeben.

Auch für Josuke war es selten, das er jenen Teil der Stadt betrat, doch als er nach einer ganzen Weile das Logo erblickte, an welches er sich auf dem Kaffeebecher erinnerte, hielt er noch einmal kurz Inne, konnte für einen Moment nicht anders als es anzustarren, was natürlich auch von Akira nicht unbemerkt blieb.
„Sieht nach einem Volltreffer aus, was? Also war es das Logo.“, bestätigte er sich die Worte beinahe mehr selbst als das er sie dem Higashikata bestätigte.
Dennoch schienen sie ihren Zweck zu erfüllen. Schnell, aber deutlich nickte der Schwarzhaarige und ging auf den Laden zu, er war in jenem Augenblick unglaublich aufgeregt. Der Hals des Schwarzhaarigen fühlte sich plötzlich unglaublich trocken an und jeder einzelne Schluckversuch schmerzte unheimlich.
„Ja, genau das war das Logo. Jetzt wo ich es wiedersehe, erinnere ich mich daran.“, nickte der Higashikata und blieb vor dem Laden stehen.

Auch Akira nickte in diesem Moment noch einmal bestätigend und sah sich schließlich auch schon nach einem geeigneten Platz, um spielen zu können, dabei aber dennoch den Coffeeshop nicht aus den Augen zu lassen. Wahrscheinlich war es die beste Möglichkeit, sich nicht allzu weit zu entfernen, auch wenn das nicht zwingend mehr Erfolg versprach.
„Dann würde ich vorschlagen, bleiben wir hier – so haben wir einen guten Blick auf den Coffeeshop, sind aber nicht zu nah dran, um das die sich vielleicht gestört fühlen. Bei all diesen reichen Schnöseln muss man ja vorsichtig sein, das ist ja gehobene Gesellschaft. Aber ich sage dir, wenn der Kerl wirklich hier jeden Tag Kaffee holt, muss der ziemlich flüssig sein – was das Geld angeht. Ein Kaffee, wirklich nur ein ganz normaler ohne irgendwas Besonderes kostet da drin schon 550 Yen.“, warnte der Musiker dann aber auch schon vor und bat den Jüngeren anschließend auch schon, ihm bei den Vorbereitungen zu helfen.
Viel Ausbeute erhoffte er sich an einem Ort wie jenem jedoch nicht. Er hoffte in jenem Moment einfach nur, das es wenigstens zum Einkaufen ausreichen würde, wenn sie Glück hatten.
„550 Yen? Das ist echt nicht billig…“

Bei dieser Zahl musste der junge Mann mit den schwarzen Haaren schlucken. Einen solchen Kaffee konnte er sich vielleicht einmal im Monat leisten, selbst wenn er bei seinem Nebenjob auch nicht zwingend schlecht verdiente. Doch versuchte er in jenem Augenblick nicht weiter darüber nachzudenken, half dem Straßenmusiker lieber bei den Vorbereitungen und setzte sich anschließend auf eine kleine Steinmauer, um Akira eine Weile zuhören zu können. Eben jene gehörte zwar zu einem fremden Grundstück, doch dieses wirkte zugegeben nicht unbedingt bewohnt, sah aus, als hätte man bereits seit Längerem keinen Fuß mehr hineingesetzt und dementsprechend machte sich der Schüler auch keine Gedanken mehr darum, dass sich vielleicht jemand darüber beschweren könnte. Zudem hatte er durch den leicht erhöht gelegenen Platz eine deutlich bessere Sicht auf die vorbeiziehenden Menschen, welche sich allmählich immer mehr häuften. Auch wenn er nicht glaubte, dass diese allein wegen Akira eintrudelten.

Akira spielte tatsächlich ziemlich gut, er hatte nicht zu viel versprochen als er doch ein wenig mit seinem Talent angegeben hatte. In diesem Fall war er tatsächlich einer der Menschen, welche es sich durchaus leisten konnten. Josuke hörte ihn in jenem Moment immerhin auch zum ersten Mal und war doch schon sehr von seinem Talent überzeugt. Zudem schien er – selbst in diesem Viertel – nicht der einzige zu sein, welcher Akiras Musik zu schätzen wusste. Immer wieder konnte der Higashikata einige Leute stehenbleiben sehen, vermutete, dass Akira dies nicht einmal wirklich bemerkte, da er sich anscheinend vollkommen in seinem Element befand. Es war beinahe als hätte er sich vollkommen von seinem Umfeld gelöst und würde sich auf einer anderen Ebene befinden, doch das machte den Klang auf eine gewisse Weise auch nur intensiver. Der Violetthaarige konnte genauso gut spielen wie die bekannten Gitarristen von den aktuell angesagten Rockbands und das bewunderte der Schüler auch, doch die Ausbeute fiel tatsächlich nur recht mager aus, auch wenn dies nicht zwingend eine Überraschung darstellte. Wahrscheinlich hätte es aber auch wesentlich schlechter ausfallen können. Die Menschen waren nicht spendabel, das waren sie noch nie. Sie behielten ihr Geld lieber für sich, kauften sich lieber teure Kleidungsstücke und gaben mit eben jenen an. Josuke musste gestehen, dass er diese Menschen immer weniger leiden konnte, selbst wenn manche von ihnen sich nicht aussuchen konnten, in solchen Familien zu leben. Nach einiger Zeit blickte der Schüler schließlich auf sein Handy und war erstaunt darüber, dass es bereits Mittag war. Der Higashikata hatte nicht einmal bemerkt wie die Zeit verging, hatte sich selbst ganz und gar auf die Musik und die vorbeigehenden Menschen fokussiert. Erblickt hatte er jedoch niemanden; keine einzige Person, welche diesem Fremden auch nur ähnlichsah.

Unterdessen begann Josuke sogar schon beinahe daran zu zweifeln, dass er sich die richtige Person gemerkt hatte, dass er vielleicht nur irgendetwas dazu dichtete und dieser Fremde vielleicht doch nicht so auffällig war, wie er zu Beginn geglaubt hatte. Durch die ganzen Designerkleidungsstücke, welche er in diesem Viertel sehen konnte, musste er gestehen, dass er und Akira wahrscheinlich sogar mehr auffielen als all die anderen Menschen dort. Wahrscheinlich hätte er für den Erfolg dieser Situation lieber Okuyasu mitnehmen sollen, auch wenn er selbst genau wusste, dass dies eigentlich nicht möglich war. Dennoch konnte er auch nicht leugnen, das sein bester Freund den Übeltäter wahrscheinlich besser gesehen hatte als er selbst. Wahrscheinlich wusste sogar jedes Mädchen an seiner Schule besser darüber Bescheid, wie der Typ aussah, der ihn geküsst hatte als er selbst und jener Gedanke war mehr als nur deprimierend. Leise seufzte der Schwarzhaarige und stand auf, wollte sich ein wenig die Beine vertreten und sich ein wenig in der Nähe des Cafés umsehen. Vielleicht übersah der Schüler einen wichtigen Hinweis, auch wenn er nicht einmal wusste was dieser Hinweis sein sollte. Auf eine gewisse Weise fühlte er sich als hätte er in einem Videospiel eine Geheimmission gefunden und musste diese unter allen Umständen zu lösen versuchen, weil er sonst einfach nicht weiterkommen konnte. Der Fremde war am gestrigen Tag mit dem Bus vor der Schule angekommen, hatte keinen Wagen gefahren, an den sich der Schwarzhaarige erinnern konnte. Doch irgendetwas musste es einfach geben, was noch hilfreich sein könnte. Einen Mann, wie er ihn gesehen hatte, konnte es doch nur ein einziges Mal in dieser kleinen Stadt geben. Doch je öfter er über die Situation nachdachte, umso unwirklicher wirkte sie und umso mehr begann er sie auch zu hinterfragen.

Es war definitiv geschehen – so viel stand fest, doch der Schlafmangel tat in jenem Moment wirklich sein Bestes, um ihn zu verwirren und vollkommen aus der Fassung zu bringen. Es brachte ihm einfach nichts weiter darüber nachzudenken, was er gesehen hatte und was nicht. Seine Gedanken waren zu wirr und durch den Schlafmangel bildete er sich wohlmöglich auch noch die verschiedensten Dinge ein. Seufzend schüttelte er schließlich den Kopf und lehnte eben jenen in den Nacken. Vielleicht sollten sie die Suche nach dem Fremden erst einmal abbrechen und noch einmal mit Okuyasu an diesen Ort zurückkehren, doch… Wenn Josuke ehrlich war, dann wollte er diesen Fremden allein zur Rede stellen, er wollte den Grund allein herausfinden, ohne dass ihm jemand dabei über die Schulter sah. Wahrscheinlich würde ihn das auch nur wieder nervös machen. Der Higashikata schüttelte schließlich den Kopf und versuchte sich so gut es ging an diesen Fremden zu erinnern, alles was er jedoch vor seinem inneren Auge sah, wenn er diese schloss, waren diese blaugrünen Haare und das auffällige Stirnband. Die wohl stärkste Erinnerung hatte der Geschmack dieses Kaffees in ihm hinterlassen, auch wenn der Schwarzhaarige sich wünschte eben dies endlich vergessen zu können.

Seufzend betrachtete er schließlich noch einmal Akira, wollte sich nicht noch einmal setzen, denn in seinen Augen machte dies genauso viel Sinn, wie das Herumstehen. Leicht schüttelte er den Kopf und sah noch einmal auf sein Handy, in weniger als fünfundvierzig Minuten hatte sie an jenem Tag Schulfrei, danach würde sein bester Freund noch zu Tonio müssen, um dort bis zum Abend zu arbeiten.
Vielleicht würde es Sinn machen, doch noch einmal bei sich zu Hause vorbeizuschauen?
Vielleicht sogar in nächster Zeit?
Josuke wusste in jenem Augenblick wirklich nicht mehr, was er noch tun sollte, bis er am Ende der Straße einen Bus halten sah. Das dort eine Bushaltestelle war, bemerkte er erst in jenem Augenblick. Vielleicht konnte er diesen Fremden unter all diesen Menschen ausmachen, in jenem Augenblick hoffte er es wirklich. Angestrengt betrachtete der Schwarzhaarige die Menschen, welche sich an der Bushaltestelle aufteilten. Manche von ihnen verabschiedeten sich von ihren Arbeitskollegen oder Freunden und Andere traten einfach ihren Heimweg an, verschwanden zuvor aber noch einmal in dem Café. Unter eben jenen Menschen, welche die Straße entlang schritten, erblickte der Higashikata schließlich einen auffälligen jungen Mann, der ein weißes Hemd mit auffälliger Stickerei und ein Stirnband trug – eines wie er es in Erinnerung hatte, jedoch in einer anderen Farbe; ein dunkler Gelbton. Vielleicht hatte der Schüler an jenem Tag doch noch einmal Glück, wenn dies wirklich der Fremde war, dann konnte er wenigstens eine Antwort erhalten. Ohne zu zögern nickte er sich selbst zu und überquerte die Straße, um zu dem Café zu gelangen auf welches der Mann mit den blaugrünen Haaren zusteuerte.

Sich an den ganzen Menschen vorbei zu manövrieren war jedoch noch lang nicht so einfach, wie er es sich in jenem Moment erhofft hatte. Das jenes Café um die Mittagszeit gefüllt sein würde, hatte er zwar bereits geahnt und es auch deutlich gesehen, doch es wäre von seiner Seite aus gelogen, hätte er auch nur versucht zu behaupten, dass er mit derart vielen Leuten im Bus gerechnet hatte. Somit verlor er ihn doch noch einmal aus den Augen, konnte gerade noch ausmachen, dass er anscheinend in dem Café verschwand. Wohl oder übel bedeutete das also, das er warten musste, bis er wieder herauskam – auch wenn es eine Weile dauerte. In diesem Moment hatte er sich dies selbst ausgesucht. Für einen Moment schluckte der Schwarzhaarige noch einmal und strich sich leicht über den Nacken, beobachtete noch zwei weitere Menschen, die in das Café eintraten und biss sich schließlich leicht auf die Unterlippe.
Wie sollte er den Fremden überhaupt ansprechen?
Dies war der erste Augenblick, in dem der Higashikata sich Gedanken darum machte, wie er dem Fremden überhaupt entgegentreten sollte. Doch eine bestimmte Vorgehensweise gab es nicht. Auch dieser Fremde hatte wahrscheinlich nicht lang darüber nachgedacht, bevor er ihn überfallen hatte. Er konnte nicht einmal lang darüber nachgedacht haben, war immerhin nur aus dem Bus ausgestiegen, was bedeutete, dass er den Higashikata vielleicht für wenige Sekunden gesehen hatte.

Der Entschluss stand fest. Es gab keinen richtigen Weg, ihn anzusprechen, keinen richtigen Weg, dieses Gespräch zu beginnen. Der Schwarzhaarige atmete noch einmal tief ein und aus, wollte sich wenigstes innerlich ein wenig darauf vorbereiten was geschehen könnte, doch dafür hatte der Schüler schließlich keine Zeit mehr. Josuke sah den Fremden langsam auf die Tür zugehen, hatte in jenem Augenblick den gleichen Becher in den Händen wie am Tag zuvor. Für den Higashikata gab es kein Zurück mehr, dieser Mann musste einfach sein Fremder sein, er konnte nicht anders. Die Tür zu dem Café öffnete sich langsam, der Schwarzhaarige konnte den jungen Mann mit dem gelben Stirnband deutlich erkennen, noch einmal schluckte der junge schwarzhaarige Mann und schüttelte schließlich den Kopf, als er nach dem Arm des Blaugrünhaarigen griff und eben jenen an sich heranzog. Vielleicht war es nicht richtig, doch in Josukes Augen war dies die gerechte Strafe, immerhin hatte der Fremde ihn ebenfalls einfach überrumpelt. Feuer konnte durchaus auch einmal mit Feuer bekämpft werden.

Erneut schien für einen Moment die Zeit stillzustehen, bis Josuke schließlich auch schon bemerkte, das er am Kragen gepackt und zurückgedrückt wurde, bevor er auch schon ein unangenehmes Gefühl auf seiner Brust spüren konnte, welches sich langsam ausbreitete und schon nach wenigen Sekunden schrecklich zu brennen begann. Viel zu warm. Rohan trat einen Schritt zurück, hatte das gleiche Gefühl ebenfalls bemerkt. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er schließlich realisierte, das Josuke bei der hefigen Kollision den Kaffeebecher eingedrückt und ihn somit auf ihnen beiden zum Teil ausgeleert hatte – zu aller Schande auf Rohans weißem Hemd. Dennoch störte ihn dies beinahe noch weniger als die Tatsache, dass er sich an dem Heißgetränk somit die Finger verbrannt hatte.
„Kannst du nicht aufpassen?“, folgte augenblicklich die mehr als nur gereizte Frage des Mangaka, während seine Hand sich unweigerlich im Stoff der Jacke des Higashikata verkrampfte.
„Du hast gestern auch nicht aufgepasst! Zwar war es gestern nicht der Kaffee, aber mein Leben!“, fauchte Josuke augenblicklich zurück und umgriff das Handgelenk des Blaugrünhaarigen, „Wegen deinem Hemd tut es mir leid, aber… Du bist selbst schuld.“
Nach jenen Worten schluckte der Schwarzhaarige und biss sich auf die Unterlippe, versuchte sich nicht anmerken zu lassen wie nervös er eigentlich war.
„Aha. Interessant.“

Sonderlich beeindruckt klang Rohan von jenen Worten ganz sicher nicht, empfand es schließlich erst einmal als wichtiger, dem Schüler sein Handgelenk zu entreißen und Josuke den demolierten Kaffeebecher in die Hand zu drücken. Anschließend schnaufte er auch schon schnell und richtete sich das Hemd wieder, welches durch den heftigen Schwung aus dem Bund seiner Hose gerutscht war und somit an einer Seite über dem schwarzen Gürtel seiner ebenfalls schwarzen Hose hing.
„Wie soll ich bitte schuld sein, wenn du hier an mir herumzerrst? Die Reinigung und einen neuen Kaffee kannst du mir dann bezahlen. Im Gegensatz zu dir hatte ich heute nämlich einen anstrengenden Vormittag – während du anscheinend nicht in der Schule warst. Da habe ich doch recht, oder?“, fügte er die Worte gleich noch hinzu und versuchte den Schaden auf eine gewisse Weise zu begrenzen, doch er konnte den Kaffee in diesem Moment nicht einmal trocknen.
„Weil ich kein Auge zubekommen habe, deswegen war ich nicht in der Schule, weil du mir gestern meinen ersten Kuss gestohlen hast und abgehauen bist. Natürlich werde ich dir die Reinigung bezahlen und auch den Kaffee werde ich dir ersetzen, doch nur unter einer Bedingung. Sag mir ob du hier wohnst, ich will… Einfach nur wissen ob du von hier kommst.“, konterte der Schwarzhaarige augenblicklich und räusperte sich, „Mein Name ist Josuke, ich komme hier aus Morioh… Wie heißt du eigentlich?“

Keine Antwort.
Er hätte es sich denken müssen. In jenem Augenblick sah Rohan den Higashikata einfach nur an und hob eine Augenbraue. Im Anschluss schnaufte er noch einmal und deutete auf die Türen des Cafés.
„Ich werde ganz sicher nicht auf irgendwelche Bedingungen von dir eingehen. Hol mir einen neuen Kaffee und ich denke vielleicht darüber nach, dir eine Antwort zu geben.“, wurde dem Jüngeren gleich entgegnet, während der Mangaka seine Arme vor der Brust verschränkte.
Schnell nickte der junge Mann und deutete dem Blaugrünhaarigen nur einen Moment zu warten. Er hob seine Hände resignierend und schluckte kurz.
„In Ordnung, warte nur einen Augenblick. Ich hole dir einen Kaffee, aber danach verrätst du mir wenigstens deinen Namen, oder irgendeinen Anhaltspunkt. Ich will wenigstens wissen, wer mir meinen ersten Kuss gestohlen hat, verstehst du?“, nickte der Schwarzhaarige und schluckte noch einmal.
In jenem Augenblick wartete er nur noch auf die Bestätigung. Rohan zuckte jedoch einfach nur mit den Schultern, was der Higashikata jedoch schon einmal nicht als eine Absage einschätzte. Im Grunde war es auch keine, doch das bedeutete auch gleichfalls noch nicht, dass er es ihm derart einfach machen würde. Seinen Namen würde er mit Gewissheit nicht einfach herausgeben – die Chance war zu hoch, dass er ihn möglicherweise anhand seines Namens erkannte und jenen Stress wollte er sich nicht auch noch antun. Wenn er ehrlich sein sollte, war er eigentlich ziemlich froh, in dieser kleinen Stadt seine Ruhe zu haben.

Jeden Tag einfach nur zu zeichnen, dass er von Fans nach Autogrammen gefragt wurde, war zwar kein Problem, doch machte in einer Storyline kaum etwas her und das, was während dieses einen Jahrs seine Aufgabe in dieser Zwangspause war, war für ihn mit Sicherheit kein Spaß oder Vergnügen und wenn es sich doch ergeben sollte, war es dennoch nur ein kleiner, nahezu minimaler Teil davon.
„Meinetwegen.“, schob der Künstler schließlich noch das einzelne Wort nach, welches seine Handlungen erklären sollte, bevor er den Higashikata auch schon in die Richtung der Tür schob, nur um schließlich einige Schritte vorauszugehen, sich schon einmal neu an der Schlange vor dem Tresen anzustellen.
Augenblicklich nickte der Schwarzhaarige und stellte sich neben den Mangaka, räusperte sich in jenem Augenblick noch einmal und lächelte schließlich.
„Du trinkst wahrscheinlich den extra starken Kaffee, richtig?“, versuchte er das Gespräch schließlich nicht verebben zu lassen.
Er wollte einfach mehr über diesen Mann herausfinden. Josuke konnte nicht mit dieser Ungewissheit leben, er wollte wissen wie die Person, die ihn geküsst hatte, wirklich war. Vor allem aber, wer er eigentlich war.
„Das wirst du sehen, wenn ich bestelle.“
Anscheinend hatte er deutlich andere Pläne als der Higashikata, klang in jenem Moment beinahe schon sichtlich genervt und Josuke konnte nicht einmal leugnen, dass auch ein leicht abwertender Tonfall in seiner Stimme eine Rolle spielte.

Gesprächig war er an jenem Tag auf jeden Fall nicht, kümmerte sich auch im Anschluss lieber während der Wartezeit um sein Handy, welches in seiner Hosentasche vibriert hatte. In Rohans Augen konnte der Schüler wirklich froh sein, das sein Handy in jenem Augenblick nichts von dem Kaffee abbekommen hatte, denn dies hätte er mit Sicherheit nicht ersetzen können – wobei es auch nicht einmal um den Wert, sondern mehr um die Kontakte ging. Kurz legte der Higashikata sich seine Hand in den Nacken, strich über eben jenen und schluckte noch einmal. Mit dieser abweisenden und sehr kühlen Art hatte der Schwarzhaarige nicht gerechnet, doch so leicht würde er nicht aufgeben. Er wollte so viel wie er nur konnte über diesen Fremden herausfinden, nur um zu lernen, wie man solche Menschen einschätzen musste.
„Stimmt.“, lachte er leise, „Kannst du mir irgendwas hier empfehlen?“
Wieso fühlte er sich in diesem Augenblick wie ein Idiot?
Wahrscheinlich, weil er sich wie einer benahm und wenn er selbst das bereits bemerkte, musste es mit Sicherheit ziemlich schlimm und auch für andere deutlich zu bemerken sein.
„Kannst du dir das überhaupt leisten? Du bist noch Schüler.“, folgte gleich der Konter, während der Mangaka seine Augen nicht einmal von dem Display abwendete und anscheinend nebenbei noch mit jemandem zu texten schien.

Auf jeden Fall schien er etwas zu tippen, doch erkennen konnte Josuke es nicht. Seine Bildschirmhelligkeit war derart niedrig, dass er sich bereits zu wundern begann, wie er selbst noch irgendetwas gut genug darauf erkennen konnte, um tippen zu können.
„Ich habe einen Nebenjob, bei dem ich eigentlich gut verdiene; ich bin Aushilfe in Tonios Restaurant, eines der besten hier in der Stadt. Recht nobel und das Essen dort schmeckt hervorragend.“, erklärte der junge Mann und betrachtete den Mangaka, „Also mach dir um das Geld keine Gedanken, ich kann mir das schon leisten.“
In jenem Augenblick war der Higashikata allerdings froh, dass er es sich in diesem Moment wirklich leisten konnte. Er verdiente als Aushilfe immerhin nicht viel, selbst wenn er einmal länger oder mehr arbeitete als er es musste, konnte er im Monat vielleicht 42.700 Yen verdienen, viel war dies bei weitem nicht, wenn er einmal bedachte das er die Utensilien für seine Schule selbst kaufen musste.
„Wenn du meinst. Die Reinigung wird wahrscheinlich teurer als ein einfacher Kaffee.“, klang er in jenem Moment schon beinahe ein wenig gedankenverloren, bevor er sein Handy anscheinend wieder sperrte und zurück in die Hosentasche schob.

Kurz danach waren sie endlich an der Reihe. Die Schlange hatte sich gelichtet, doch wahrscheinlich hätte Josuke sich bereits in jenem Moment klar sein müssen das Rohans erstes Anliegen sich zweifellos erst einmal auf einige Servietten belief, damit er wenigstens endlich den Kaffee ein wenig abtupfen konnte. Dieses nasse Gefühl störte ihn in jenem Moment wahrscheinlich mehr als es eigentlich sollte. Im Anschluss bestellte er einen Latte Macchiato mit zwei zusätzlichen Espresso-Shots und wank dann auch schon Josuke nach sich, damit dieser bezahlen konnte.
„Das ist mir schon klar.“, murrte der Schüler und seufzte bevor er an die Kasse herantrat.
Für einen Augenblick überlegte er, ob er ebenfalls etwas bestellen sollte, doch der Preis des Kaffees ließ ihn für einen Augenblick schlucken. Der Kaffee, den der Mangaka bestellt hatte, kostete 793,00 Yen. Wahrscheinlich kosteten die Espresso-Shots in jenem Moment mehr als er erwartet hatte. Dennoch schüttelte der Schwarzhaarige den Kopf, bezahlte und bedankte sich bei der Verkäuferin, welche ihn freundlich anlächelte. Erst danach drehte er sich wieder zu dem Blaugrünhaarigen um und nickte ihm zu.
„Also, wir hatten eine Abmachung.“, nickte der junge schwarzhaarige Mann und reichte ihm die Hand zur Vorstellung.
Das er jene Hand jedoch annahm, brauchte Josuke gar nicht erst zu erwarten. Rohan nahm einfach nur den Kaffee an und roch einmal kurz an dem Aroma, welches durch den Deckel des Coffee-to-go-Bechers drang.

Dennoch schnaufte er schließlich, bevor er sich dazu durchringen konnte, dem Higashikata eine Antwort zu geben – wenngleich er zuvor auch erst einmal das Café verließ. Immerhin musste er sich nicht zwingend länger unter derart vielen Menschen aufhalten als es notwendig war. Menschen, welche ihn zudem auch noch alle hätten hören können.
„Zeichen 2114 aus der Jōyō-Kanji-Liste. Du hast nie definiert, auf welche Weise ich es dir sage, dementsprechend fängt mein Name mit genau diesem Zeichen an. Das muss dir jetzt aber auch reichen, ich habe nämlich noch einiges zu tun. Außerdem scheint es als würde dein Babysitter nach dir suchen.“, merkte der Mangaka beinahe schon ein wenig beiläufig an, während er auf die andere Straßenseite deutete und Josuke schließlich auch vernehmen konnte, dass anscheinend jemand seinen Namen rief.
Akira.
In jenem Augenblick starrte der Schwarzhaarige dem Fremden kurz hinterher, schüttelte dann jedoch leicht den Kopf und wollte ihn noch einmal aufhalten, doch…
Würde der Fremde noch einmal mit ihm sprechen?
„Warte doch noch einmal! Wegen der Rechnung, wie willst du mich erreichen? Du weißt doch nicht einmal, wo ich wohne, geschweige denn hast du meine Nummer!“, rief er dem Blaugrünhaarigen nach, wollte wenigstens noch auf diese Frage eine Antwort erhalten.
„Brauche ich nicht, ich weiß, auf welche Schule du gehst. Wenn du morgen da bist, gebe ich es dir morgen früh und jetzt; viel Spaß.“, machte er schließlich noch einen leichten Fingerzeig und verließ danach auch schon das Cafégelände.

Jedoch ließ er sich auch nicht nehmen, wenigstens Akira noch ein Zeichen zu geben, das der Weggelaufene sich in jenem Moment bei dem Café befand.
„Sammel‘ ihn lieber wieder ein, bevor er noch mehr Schaden anrichtet.“, rief er über die Straße und köderte somit schließlich auch schon die Aufmerksamkeit des Straßenmusikers, welcher in jenem Augenblick anscheinend erleichtert aufatmete und im Anschluss gleich die Straßenseite wechselte – zusammen mit seiner Gitarre.
Dass er dabei nicht auf den Straßenverkehr geachtet hatte, verkündete schlussendlich auch schon ein lautes, mehrfaches Hupen, für welches er sich einfach nur kurz mit dem Anheben seiner Hände entschuldigte.
„Josuke! Wo warst du? Du warst einfach verschwunden als ich eine Pause gemacht habe.“, meinte er gleich, klang noch ein wenig außer Atem.
„Ich habe den Fremden gesehen und wollte dich nicht beim Spielen unterbrechen, tut mir leid.“, entgegnete der Schwarzhaarige und blickte dem Mangaka noch für einen Moment nach, bevor er den Kopf schüttelte und sich leicht auf die Lippe biss.
Es war der gleiche Geschmack, mit dem gleichen bitteren Nachgeschmack.
Für einen kurzen Moment musste der Schüler grinsen, betrachtete danach allerdings den Langhaarigen.
„Ich glaube, dass könnte eine interessante Freundschaft zwischen uns werden. Er ist wirklich besonders… Und er hat den Kuss erwidert.“
„Aber ich dachte, ihr wolltet euch aussprechen und nicht rummachen? Weißt du denn jetzt wenigstens, warum er das überhaupt gemacht hat? Und warum hat er gesagt, dass du Schaden anrichtest?“, folgte somit auch schon die doch ziemlich verwirrte Gegenfrage des Gitarristen, welcher sich in jenem Moment durch die Haare fuhr und sich die wirren Strähnen aus dem Gesicht strich.

In diesem Moment gab noch keines der Worte einen wirklichen Sinn. Fragen türmten sich in seinem Inneren und es schien in jenem Moment nicht einmal als hätte Josuke jene beantworten können. Nicht einmal eine einzige davon.
„Naja… Wirklich aussprechen konnten wir uns nicht, weil… Ich ihn geküsst habe, um ihm zu zeigen wie es ist überrumpelt zu werden. Er hat den Kuss aber nur erwidert, dabei allerdings ist sein Kaffeebecher zwischen uns geraten – wie du unschwer erkennen kannst. Ich habe ihm gesagt, dass ich die Reinigung bezahle, immerhin war es meine Schuld und… Zum Nachfragen, wieso er das gemacht hat, habe ich morgen immer noch Zeit.“, erklärte der Higashikata.
In jenem Augenblick verdrängte er jedoch den Fakt, dass der Blaugrünhaarige ihm am nächsten Tag wahrscheinlich nur die Rechnung geben wollte, nicht jedoch Zeit zum Reden einplante. Diese Zeit musste sich der Schwarzhaarige, wenn überhaupt, wahrscheinlich eigenständig erarbeiten, doch dies war für den Schüler kein Problem. Er hatte ein Ziel, er wollte mehr über diesen Mann erfahren, wollte vor allem jedoch erfahren, warum er den Kuss so großzügig und bereitwillig erwidert hatte. Gänzlich abgeneigt konnte er dementsprechend gar nicht sein.
„Das waren bestimmt Designerklamotten… Ich meine, der sieht schon aus als könnte er es sich leisten, täglich hier einen Kaffee zu trinken. Du kannst mir glauben, als Straßenmusiker kann ich Leute ziemlich gut einschätzen und der Kerl hat definitiv Geld. Was willst du also machen, wenn der Fleck nicht mehr aus dem Designerfummel zu entfernen ist?“, stellte Akira dann auch schon die berechtigte Frage.
„Dann finde ich mit Sicherheit eine andere Lösung, er weiß immerhin das ich noch ein Schüler bin. Vielleicht kann ich das dann eben in Raten bei ihm abzahlen, er wirkt immerhin auch auf seine eigene Art kooperativ.“, nickte Josuke und lächelte leicht, „Außerdem… Gibt es doch genug Reinigungsmethoden. Es ist zwar nicht so als würde ich mich damit auskennen, aber…“

Für wenige Sekunden sah Akira den Jüngeren einfach nur ein wenig ungläubig an, wusste nicht genau ob er nicht darüber nachgedacht hatte, wie sich seine Worte vielleicht anhörten oder ob er in dieser Hinsicht einfach nur naiv war.
„Bei ihm abbezahlen…? Ich komme bei dem, was zwischen euch läuft echt nicht mehr mit… Aber weißt du wenigstens wie er heißt, dann könnte man mal über ihn recherchieren.“, schüttelte Akira schließlich einfach nur den Kopf.
„Naja, sein Name beginnt mit dem 2114. Zeichen der Jōyō-Kanji-Liste, soviel hat er mir verraten. Ich denke, er will sich damit interessant machen und das schafft er auch.“, entgegnete der Schwarzhaarige leicht lächelnd, „Außerdem, was ist daran falsch, seine Schulden abbezahlen zu wollen? Du klingst dabei, als wäre es schlimm.“
Der Higashikata schüttelte leicht den Kopf und betrachtete den Langhaarigen nach dieser Geste wieder, konnte jedoch noch immer nicht aufhören zu lächeln.
„Das kommt auf die Art und Weise der Bezahlung an… Aber lassen wir das. Was ist das denn für eine Antwort? Als wenn man aus dem Stehgreif wissen kann, welches Zeichen das ist. Denkt der, dass jeder die kompletten Nummern von jeder Kanji-Liste im Kopf hat, oder was? Ich sehe es gar nicht ein, jetzt bis dahin zu zählen. Ich kann es schreiben, das muss reichen.“, konnte sich der Musiker in jenem Moment dennoch nur aufregen.

Wahrscheinlich hatte Josuke recht und er wollte sich mit dieser komischen Antwort einfach nur interessant machen, doch selbst dann gab es noch immer das Problem, das jenes Zeichen mit Sicherheit auch situationsbedingt anders gedeutet werden konnte. Akira selbst war sich auf jeden Fall sicher, dass er bei ihm mit einer solchen Masche fehl am Platz wäre, doch der Higashikata schien wirklich von den Mysterien angetan zu sein, welche sich um diesen Kerl rankten. Es war aber immerhin auch seine eigene Entscheidung, Akira hatte in dieser Hinsicht nicht einmal das Recht sich einzumischen – genauso wenig wie er das Verlangen dazu hatte.
„Sowas meine ich ganz sicher nicht mit Bezahlung!“, entgegnete der Schwarzhaarige verwirrt und schüttelte leicht den Kopf, „Was alles andere angeht, weiß ich es aber nicht genau, wahrscheinlich denkt er einfach, dass ich dadurch aufgebe, aber da hat er sich die falsche Person ausgesucht. Ich werde seinen Namen herausfinden, egal was es mich kostet.“
Josuke zog seinen Kamm aus seiner Tasche, richtete sich die Haare und sah dem Rocker dabei fest in die Augen. In den Augen des Higashikata war dieser Fremde gerade die beste Möglichkeit sich abzulenken und desto länger er an seinem Namen rätselte, desto länger konnte er sich auch mit diesem Kerl beschäftigen.
„Ist ja gut, ich verstehe deinen Standpunkt, aber es ist nur ein Name und wenn man sich bedenkt, dass er dir gerade einmal das erste Kanji zugestanden hat, weiß man auch nicht, ob er vielleicht die Wahrheit sagt. Ein Name ist doch relativ. Ich könnte dem nächstbesten jetzt auch erzählen, dass mein Name nicht Akira, sondern Keicho ist und Fremde würden mir das wahrscheinlich glauben.“

In einem solchen Moment musste man versuchen, rational zu denken, vielleicht erst einmal die Möglichkeiten durchgehen, bevor man handelte. Aber jemandem zu vertrauen, den man nicht einmal richtig kannte, erschien ihm selbst schon einmal nicht als sinnvoll, auch wenn er es dem Schüler auch nicht schlechtreden wollte. Josuke schien immerhin damit zufrieden zu sein. Josuke betrachtete den Langhaarigen für einen Moment, bevor er den Kopf schüttelte und noch einmal in die Richtung sah, in welche der Fremde gegangen war.
„Ich glaube nicht, dass er lügen würde. Ich meine… Stell dir einfach einmal vor, du hast vor dich für eine Person interessant zu machen, würdest du sie dann anlügen?“, entgegnete der Schwarzhaarige.
In seinen Augen war es vielleicht ein wenig komisch sich auf diese Art und Weise vorzustellen, doch konnte man aus jenem Grund nicht behaupten, dass der Fremde ihn anlog. Immerhin stellte jeder Mensch sich individuell vor.
„Das kommt ganz drauf an, wie man sich interessant machen will. Es gibt viele, die auch mal ein bisschen zur Wahrheit dazu dichten, nur um interessanter zu wirken. Leute anzulügen ist ja leider nichts Seltenes mehr. Zwar soll das auch nicht heißen, dass ich es ihm unterstelle, ich kenne ihn ja nicht. Ich meine einfach nur, dass du ein bisschen vorsichtig sein sollst – es ist übrigens meine Pflicht dir das zu sagen, weil mir Keicho sonst den Kopf abreißt. Anderenfalls wäre ich auch der Meinung ‚Was dich nicht umbringt, macht dich stärker‘, aber Keicho sieht das schon ein wenig… Anders. Am Ende ist es dann noch meine Schuld, wenn was schiefgeht.“, fügte er schließlich noch hinzu, sah im Anschluss aber auch noch einmal auf sein Handy.

Die digitale Anzeige sagte ihnen zweifellos an, dass es langsam, aber sicher auf den Nachmittag zuging. Aus diesem Grund wechselte er schließlich auch noch einmal das Thema, bevor Josuke auch nur irgendetwas darauf entgegnen konnte. Immerhin ging in jenem Moment die Frage vor, welche er noch stellen musste.
„Wann endet für euch eigentlich die Schule und muss Okuyasu heute arbeiten? Keicho kommt erst gegen sechzehn oder siebzehn Uhr zurück, aber wenn Okuyasu früher nach Hause kommt, wäre es komisch, wären wir nicht da oder würden wir nicht mindestens auf ihn warten.“
Erst wollte der Higashikata nicht auf dieses neue Thema eingehen, empfand das auch der Langhaarige zu unaufgeschlossen gegenüber diesem Fremden war, doch schüttelte er schließlich den Kopf. Er konnte auch später noch einmal darauf ansprechen, insofern er es bis dahin nicht vergessen hatte.

Diese Frage jedoch musste bedeuten, dass es bereits Zeit für sie war aufzubrechen, immerhin wollte Josuke seine Mutter noch mit Akira bekannt machen und fragen ob er wohl ein paar Nächte bleiben könnte.
„Okuyasu muss heute arbeiten, Tonio isst allerdings nach der Arbeit und kurz bevor er das Restaurant schließt noch immer mit ihm zusammen. Also wird er, denke ich einmal, erst gegen siebzehn oder achtzehn Uhr zuhause sein.“, entgegnete der Schwarzhaarige und seufzte, „Und Unterrichtsende haben wir heute um vierzehn Uhr. Das ist dementsprechend recht bald.“
„Dann haben wir noch ein bisschen Zeit, wollen wir dann noch mal den Standort wechseln oder hast du noch irgendwas zu erledigen?“, fragte Akira somit lieber noch einmal nach, benickte seine eigenen Worte in jenem Moment.
„Wir können erst einmal kurz zu meiner Mutter, damit ihr beide euch kennenlernen könnt. Dann kann ich sie auch gleich fragen, ob du ein paar Tage bei uns bleiben kannst.“, entgegnete der Schüler lächelnd und zog kurz seinen Kamm aus seiner Tasche, um seine Haare noch einmal zu richten.
In diesem Moment beruhigte ihn dieser kleine Tick einfach auf eine gewisse Weise.
„Ja, sicher. Dann räume ich nur noch die Sachen zusammen – für den Einkauf später sollte das ausreichen, was ich heute bekommen habe. Aber das hier ist echt nicht der beste Platz zum Spielen, bin aber froh, dass es sich für dich gelohnt hat.“, klopfte Akira ihm leicht auf den Rücken und begab sich schon einmal zurück zu seinem Verstärker.
Das Geld hatte er sich immerhin bereits eingesteckt. Geld ließ man selbst in einem solchen Viertel nicht offen herumliegen.

Schnell nickte der Schwarzhaarige, blickte noch einmal die Straße entlang und folgte dem Langhaarigen schließlich, bevor er dem Gitarristen half seine Sachen zusammen zu räumen. Viel mussten sie in jener Hinsicht immerhin nicht machen.
„Zur Not kann ich auch ein bisschen aushelfen, ich habe zwar auch nicht mehr so viel Geld in der Tasche, aber… Ich könnte dir auf jeden Fall etwas dazugeben.“, nickte Josuke und musste leise seufzen.
Wirklich viel Geld hatte er durch den Fremden wirklich nicht mehr, hatte er immerhin nur 1.213 Yen dabei, durch den Kaffee jedoch blieben ihm nur noch 430 Yen. Akira wank nach seinen Worten jedoch auch schon ab.
„Das musst du wahrscheinlich nicht, ich habe zirka 2.500 Yen verdient und für einen Tee – zusammen mit etwas Essbarem sollte das wohl ausreichen.“, entgegnete er gleich.
„Ich denke schon das, dass reichen wird. Allerdings hast du dann heute doch ziemlich viel verdient, nicht wahr? Ich meine 2.500 Yen sind nicht unbedingt viel, wenn man aber bedenkt das hier nicht so viele Menschen waren, dann reicht das für den Tag aus. Ich glaube aber, du verdienst in der Stadtmitte mehr, oder?“, fragte der Schwarzhaarige nach.
„Für gewöhnlich schon, aber ich will mich auch nicht beschweren. So schlimm ist es nicht, wenn mal ein bisschen weniger für mich rausspringt. Im Winter bekomme ich beispielsweise auch nicht so viel, einfach, weil dann weniger Leute nach draußen gehen. Im Sommer läuft es besser, oder während der Übergangszeiten, aber wie gesagt, ich beschwere mich nicht, solang es wenigstens etwas ist. Gierig zu sein, bringt auch nichts.“, entgegnete Akira gleich und schulterte den Verstärker schließlich am Trageriemen.
Mittlerweile hatte er sich an das Gewicht der Gerätschaft immerhin bereits gewöhnt.

Josuke nickte nur leicht und bewunderte Akira in jenem Augenblick, immerhin wirkte der Gitarrist beim Schultern seiner Gerätschaften so unglaublich gelassen, als wären sie leichter als sie es eigentlich waren. Auch er hatte den Verstärker immerhin kurz angehoben und empfand ihn doch noch als recht schwer – nicht untragbar, aber dennoch schwer.
„Das kann ich verstehen, es muss im Winter aber manchmal wirklich hart sein, dann draußen zu spielen. Hast du… Im Winter denn schon einmal über das Spielen in den Lokalen nachgedacht? Ich meine, hier in Morioh gibt es nicht unbedingt viele, aber vielleicht könntest du da einmal dein Glück versuchen, mehr als eine Absage kannst du immerhin nicht bekommen, richtig?“, entgegnete der Schwarzhaarige fragend, „Aber… Soll ich dir vielleicht etwas abnehmen?“
„Brauchst du nicht, ich mache das doch regelmäßig, das merke ich kaum noch. Aber was die Lokale angeht… Die haben keinen Platz für Live-Musik. Das ist denen zu viel Arbeit und den Platz für eine Bühne können sie sich auch nicht leisten, weil das dann zu viele Plätze kosten würde und Plätze sind gleich einnahmen. Je mehr Gäste sich auf engen Raum quetschen und doch noch bequem sitzen können, umso besser ist es für das Geschäft. Jemandem dann einfach blind zu vertrauen, der sagt, er hätte Talent, ohne das er eine bekannte Persönlichkeit ist – ich weiß nicht, würde ich an deren Stelle wahrscheinlich auch nicht machen.“
„Das ist schade, immerhin lohnt sich deine Musik wirklich.“, entgegnete Josuke, „Die Stadt ist leider einfach zu klein, vielleicht sollten du und Keicho zusammen in eine andere Stadt ziehen, wenn Okuyasu volljährig ist.“

Josuke seufzte leise als er jene Worte aussprach, immerhin hatte er selbst bereits darüber nachgedacht diese kleine Stadt hinter sich zu lassen, um zu seinem Vater und seinem Neffen nach Amerika zu ziehen, doch war seine Mutter strikt dagegen. Tomoko und sein Großvater waren zu besorgt um den Schwarzhaarigen, selbst wenn sie beide Jotaro – und in Tomokos Fall auch Joseph – ihr volles Vertrauen schenkten. Jene Gedanken wurden jedoch relativ schnell wieder von Akira unterbrochen als dieser auch schon leicht mit den Schultern zuckte.
„Wegzuziehen wäre schwachsinnig, das würde Keicho auch niemals wollen. Erstens müssten wir Okuyasu dann auf den Kosten des Hauses sitzenlassen und das wäre schlicht und ergreifend arschig und zweitens; wenn das Haus dann abbezahlt ist, wäre es doch Verschwendung, es gleich wieder zu verkaufen. Ja, es ist nicht das Neuste und wahrscheinlich muss auch noch viel gemacht werden, wenn es einmal abbezahlt ist, aber ich glaube, für Keicho und seinen kleinen Bruder hängen da zu viele Erinnerungen dran. Mehr kann ich dir aber auch kaum sagen, weil wir noch nie darüber geredet haben, von hier zu verschwinden.“, gab der Violetthaarige gleich wieder.
„Stimmt, die Kosten, daran habe ich nicht gedacht… Darüber hat Okuyasu auch nur einmal gesprochen.“, seufzte Josuke und schüttelte den Kopf, „Aber lassen wir das Thema, ich wollte dich eigentlich die ganze Zeit schon etwas fragen. Wann und wie bist du eigentlich darauf gekommen, dein Geld als Straßenmusiker zu verdienen?“

Der Schwarzhaarige ging langsam neben Akira her blickte auf die Straße vor sich und versuchte nicht weiter darüber nachzudenken, die Musik war in jenem Moment wahrscheinlich wirklich das beste Thema, um die letzten Worte zu vergessen. Für einen Moment musste Akira wirklich überlegen, konnte schließlich aber nicht zu einer plausiblen Erklärung kommen, selbst wenn er versuchte, die richtigen Worte dafür zu finden.
„Das kann ich gar nicht genau sagen, eigentlich habe ich nie wirklich etwas anderes gemacht. Ich habe mich schon als Kind für Musik interessiert und mit der ersten eigenen Gitarre fing es dann an. Ab dann habe ich mich fast nur noch damit beschäftigt. Mehr als mit der Schule. Das ich einen Abschluss habe ist reines Glück, aber dieses ganze, disziplinierte Zeug liegt mir sowieso nicht. Sind sowieso nur Nummern auf Papier.“, fand er schließlich eine passende Antwort, auch wenn das noch immer nicht wirklich alles aussagte.
Eine solche war jedoch wahrscheinlich auch nicht zu finden.

Kurz musste Josuke leise lachen und sah zu dem Langhaarigen, verstand in jenem Augenblick seinen Standpunkt doch musste er sagen, dass er sich so etwas niemals hätte leisten könnte. Seine Mutter versuchte wenigstens darauf zu achten, dass er sich immer um die Schule bemühte und auch immer entschuldigt fehlte, wenn es denn einmal zu einem Krankheitsfall kommen sollte.
„Wahrscheinlich wärst du mit etwas anderem auch nicht wirklich glücklich. So ein Bürojob wäre nichts für dich, in irgendeinem Geschäft stehen und Waren anpreisen so wie verkaufen ist wahrscheinlich auch nicht deins. Das einzige was man sich bei dir vielleicht noch vorstellen könnte, wäre als Kellner in einer Bar. Da fällt doch ohnehin niemand mehr auf, egal, wie man rumläuft.“, entgegnete er lächelnd, „Ich für meinen Teil weiß aber auch noch nicht was ich später wirklich machen will, vielleicht werde ich Krankenpfleger oder Arzthelfer, sowas liegt mir einfach. Aber sicher bin ich mir eben nicht.“
„Im Grunde hast du dafür auch noch genug Zeit. Du musst dich nicht sofort entscheiden oder festlegen. Manchmal ist es besser, wenn man länger wartet und sich dafür dann sicher ist als wenn man die Dinge überstürzt und dann schon nach zwei Wochen keine Lust mehr hat, weil es einfach vollkommen anders ist als man es sich vorgestellt hat.“, konnte der Musiker nur entgegnen und sah noch einmal zu Josuke herüber.

Dieser sah ihn in jenem Augenblick aber nicht an, blickte vor sich, achtete anscheinend auf die anderen Menschen, welche ihnen entgegenkamen, während sie den Weg absolvierten, welchen sie vor einigen Stunden in entgegengesetzter Richtung bestritten hatten. Der Schwarzhaarige nickte leicht nach den Worten des Otoishi, denn er wusste selbst das man seine Arbeit mit Bedacht wählen musste. Seine Mutter sprach viel zu oft davon, selbst wenn er es nicht hören wollte. Auch sein Großvater erzählte wirklich oft von seinen Erfahrungen und Entscheidungen, was Josuke ein wenig langweilte, mittlerweile zumindest.
„Man sollte sich immer Zeit lassen, egal um was es geht. Unüberlegte Handlungen in einzigartigen Situationen sorgen meist für Konsequenzen, mit denen man dann leben muss, auch wenn es vielleicht nur eine spontane Aktion ist. Ich wüsste allerdings nicht wie mein Leben aussehen würde, würde ich mich strikt an die Regeln und Richtlinien meiner Mutter oder meines Großvaters halten.“, erklärte der Schwarzhaarige ein wenig gedankenverloren, als er die Menschen weiterhin betrachtete.
„Dann erzähl‘ dass mal dem Kerl, der dich geküsst hat. Wahrscheinlich hat der sich vor dem Kuss auch keine Gedanken darüber gemacht, was er damit lostreten könnte.“, konnte sich der Gitarrist die Worte einfach nicht verkneifen und musste leicht grinsen.
„Ich glaube auch nicht, dass er sich dabei etwas gedacht hat. Aber… Als ich ihn vor dem Café geküsst habe, habe ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht, was passieren kann.“, entgegnete der Schwarzhaarige leise lachend, „Wir müssen jetzt mit den Konsequenzen leben, egal was auf uns zukommt. Er und ich sind die Auslöser, auch wenn ich der Meinung bin, dass er angefangen hat. Darüber lässt sich aber mit Sicherheit streiten.“

Josuke konnte in jenem Augenblick wirklich nicht sagen, wer den ersten Schritt gemacht hatte. Vielleicht war er in den Augen dieses Fremden zu auffällig, doch in seinen Augen hatte eindeutig der Blaugrünhaarige angefangen. Immerhin hat dieser unglaublich kühl wirkende junge Mann alles darangesetzt – wenn auch unabsichtlich – nicht vergessen zu werden.
„Dafür, dass du gestern noch so aufgebracht warst, scheinst du dich jetzt ganz gut damit zu arrangieren. Aber ich denke mal, dass du trotzdem noch rausfinden willst, warum er das überhaupt gemacht hat, oder?“, fragte Akira aber dennoch nach, konnte sich selbst nicht vorstellen, das Thema einfach auf sich beruhen zu lassen.
Ihm selbst hätte es wahrscheinlich keine Ruhe gelassen, aber vielleicht sollte er auch einfach nur froh sein, dass er mit Keicho keine derartigen Probleme hatte. Zwischen ihnen war alles recht normal abgelaufen – so normal wie es laufen konnte, wenn man jemanden eigentlich nur versehentlich mit der Gitarre niederschlug. Vielleicht hätte auch der Nijimura in diesem Moment ein bisschen mehr auf das achten sollen, was sich vor ihm befand, statt angeregt zu telefonieren. Denn begann Akira erst einmal seine Musik zu fühlen, existierte die Welt um ihn herum nur noch entfernt und konnte kaum noch zu ihm durchdringen. Wieder zurückzufinden funktionierte dann nur noch schwer. Zeit wurde relativ und meist bemerkte er erst viel zu spät, wie viel Zeit wirklich vergangen war.

Immerhin hörte er in solchen Momenten nicht einmal sein Handy, wenn es klingelte. Dies war etwas, an das auch Keicho sich erst einmal gewöhnen musste. Wenigstens rief er immer zurück, wenn er es denn bemerkte und entschuldigte sich für die verspätete Rückmeldung.
„Natürlich will ich das noch herausfinden. Eigentlich muss ich noch so viel über ihn herausfinden…“, entgegnete Josuke seufzend, „Vielleicht lohnen sich die Mühen aber und im Endeffekt freunden wir uns an. Auch wenn diese Freundschaft dann ein mehr als nur komisches Fundament besitzt. Aber die Freundschaft zu Okuyasu hat auch nicht wirklich normal angefangen.“
Leicht lachte der junge Higashikata und betrachtete weiterhin die Menschen, welche ihnen vereinzelt entgegenkamen. Trotz, dass es Nachmittag war, waren nur recht wenige Menschen zu Fuß unterwegs.
„Wieso, habt ihr euch auch erst mal geprügelt?“, musste der Violetthaarige unweigerlich lachen, hatte seine Worte in jenem Moment selbst nicht derart ernstgenommen, doch konnte schließlich auch nicht ahnen, dass dies vollkommen der Wahrheit entsprach.

Seine Worte hatten absolut ins Schwarze getroffen. Dies allerdings bemerkte er erst als der Schüler doch ein wenig sprachlos erschien, was ihn schließlich dazu veranlasste, zu ihm herüberzusehen.
„Ehrlich? Dann scheint das in der Familie zu liegen.“
„Du und Keicho etwa auch?“, stellte der Schwarzhaarige schließlich einfach nur die verwirrte Frage.
In jenem Augenblick glaubte er wirklich, dass es in der Familie lag. Denn damals, bei einem Schulfest hatte der jüngere Nijimura geglaubt der Schwarzhaarige würde sich über ihn lustig machen. Josuke hatte gelacht, als er ihn gesehen hatte weswegen Okuyasu schließlich begonnen hatte Josukes Frisur in fragezustellen und dies hatte ihn natürlich unweigerlich aufgeregt. Jedoch hatte sich nach der Prügelei und einer Abmahnung an beide Beteiligten herausgestellt, dass der Higashikata eigentlich über einen Witz gelacht hatte, den ein Klassenkamerad erzählt hatte und somit eigentlich nur ein Missverständnis vom Zaun gebrochen war.
„Naja, Keicho hat das Versehen, das ich ihn fast mit meiner Gitarre niedergeschlagen hätte, damals als Angriff gesehen. Aber wahrscheinlich waren zum Teil auch seine Überstunden daran schuld, dass er in dem Moment sowieso ein bisschen überreizt war. Heute redet da aber schon niemand mehr drüber, das hat sich schon vor einem knappen Jahr geklärt.“, erklärte der Musiker und hielt schließlich kurz inne, als sie das Haus der Nijimurabrüder passierten.

Den Rest des Weges würde Josuke selbst in die Hand nehmen müssen. Immerhin hatte Akira zwar herausgehört, das Josuke in unmittelbarer Nähe wohnte, doch das bedeutete noch lang nicht, dass er sich erklären konnte, welches Haus es genau war.
„Interessant, damals hat Okuyasu meine Frisur beleidigt, weil ich über einen Witz gelacht habe, den man mir erzählt hat. Er glaubte allerdings, ich lache über ihn.“, lachte Josuke leise.
Sie ließen das Haus der Nijimura Brüder hinter sich und der Schwarzhaarige deutete auf ein weißrotes Haus, welches nur noch ein paar Meter von ihnen entfernt lag.
„Dann liegt es wahrscheinlich wirklich in der Familie – aber… Wenn wir gleich da sind, gibt es irgendetwas, das ich beachten muss, damit ich nicht gleich in irgendwelche Fettnäpfchen trete? Ich meine, wer auch immer jetzt bei dir zuhause ist, wird sich wahrscheinlich wundern, dass es dir so schnell wieder besser geht.“, merkte er noch einmal an.
Immerhin war es sicher sinnvoll, nicht erwischt zu werden, wenn er sich schon einen freien Tag genehmigt hatte.

Für einen kurzen Moment überlegte der Schwarzhaarige und hielt für einen Moment inne, wollte seiner Familie immerhin auch nicht unbedingt unvorbereitet entgegentreten.
„Eigentlich gibt es nicht wirklich etwas zu beachten, immerhin bist du eigentlich nur mein Begleiter. Alles weitere werde ich erklären, nur Fragen zu deiner Person kann ich nicht beantworten.“, lachte Josuke leise, „Lass uns aber durch die Garage gehen, da kannst du dann auch alles abstellen. Meine Mutter hasst es unglaublich, wenn sie Dinge im Flur rumstehen sieht oder es unordentlich ist.“
„Alles klar, dann kommt ein Verhör auf mich zu, wenn ich deine Mutter kennenlerne?“, konnte der Musiker sich die Worte nicht verkneifen, folgte dem Higashikata dann aber auch schon und stellte seine Utensilien ab.
Endlich das Gewicht des Verstärkers abzulegen, fühlte sich für einen Augenblick wirklich befreiend an. Schnell streckte er sich noch einmal und massierte sich mit der einen Hand kurz die Schulter, auf welcher er die ganze Zeit den Verstärker getragen hatte. Vorsichtig bewegte er das Gelenk noch einmal, bevor er sich die Arme ausschüttelte und dem Higashikata zunickte, ihm damit symbolisierte, dass er bereit war, die Garage zu verlassen und sich endlich dem Verhör zu stellen. In diesem Moment wusste er immerhin noch nicht, dass die Mutter des Schülers nicht einmal zuhause war, sie dafür aber dessen Großvater empfing.
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