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Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe

von nasturka
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
Anthony Lockwood
31.05.2019
31.05.2019
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31.05.2019 1.035
 
Hier ist mein Beitrag zum Wettbewerb »Träume«  von Ribelle.

Charakter: Anthony Lockwood
Prompt Nummer: 16 (Brille)
Max. Länge: 1000 Wörter



»Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.«
- Elias Canetti



Lockwood hasste es zu träumen.
Er hasst diese Machtlosigkeit, die man empfand, wenn man seinen inneren Dämonen gegenüber stand.
Er hasste die Geister, die ihn des Nachts heimsuchten.
Um den quälenden Träumen zu entgehen, brachte er seinen Körper nicht selten an den Rand seiner Belastung und auch darüber hinaus.
Die Schmerzen waren ihm durchaus willkommen. Je mehr er sich verausgabte, wuchs die Wahrscheinlichkeit in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen und das allein war die Strapazen wert.

Doch an Tagen, an denen sie keinen Auftrag hatten, wo es keine Ablenkungsmöglichkeit gab, wo er an das Haus in der Portland Row gefesselt war, holten sie ihn wieder ein. An Tagen wie diesem.
Es war über all die Jahre meist derselbe Traum gewesen. Nur dass es mit der Zeit immer mehr Menschen wurden, die an ihm teilnahmen.
Es begann, wie so oft, dass Lockwood als kleines Kind in seinem Zimmer im Dachgeschoss aus dem Fenster blickte und im Untergehen der Sonne die Schemen seiner Eltern ausmachte. Er hatte damals schon begriffen, was dies bedeutete, dennoch war er von einer tiefen Ruhe aus Unglaube und Endgültigkeit erfasst. Er verstand, was er da sah. Er verstand, dass sie tot waren und doch schlug sein Herz gleichmäßig in seiner Brust.
Sein Blick glitt von seinen Eltern weg zu seinem kleinen Nachtschränkchen und verfing sich an der Lesebrille seines Vaters. Er hatte sie dort am Vortag vergessen, als er ihm Peter Pan vorgelesen hatte.
Doch dann bekamen die Gläser einen Sprung, kleine Glasscherben vielen heraus und es erschienen kleine Blutstropfen, ganz so, als wäre die Brille bei dem Unfall dabei gewesen.
Angst durchfuhr seinen Körper und er wusste rein instinktiv, dass seine Eltern nicht länger im Garten, sondern direkt hinter ihm standen. Ohne sich umzudrehen rannte er los. Er musste zu Jessica. Sie war die Einzige, die ihm helfen konnte.
Seine Eltern verfolgten ihn nicht. Dennoch spürte er ihre vorwurfsvollen Blick im Nacken und als er die Tür erreichte, setzten die Hilferufe ein.
Er rannte die schmale Treppe hinunter und mit jeder Stufe wurden die Rufe lauter. Wütender.
Jeder Atemzug, jeder Schritt brannte und sein Körper fühlte sich an, als ob er von innen heraus verbrennen würde. Doch das Gefühl verflog so schnell wieder, wie es gekommen war, genauso wie die Stimmen. Stattdessen brach die Kälte erbarmungslos ein, die aus Jessicas Zimmer strömte. Es war eine bedrückende, unnatürliche Kälte. Jede Faser seines Körpers schrie ihn an nicht in das Zimmer zu gehen.
Doch er konnte nicht anders. Er musste zu seiner Schwester. Seine Eltern würden es ihm sonst nicht vergeben. Er  könnte es sich nicht vergeben.
Langsam näherte er sich der Tür mit dem schweren Eisenbeschlag aus der ein heller Totenschein drang. Er wünschte sich seine Sonnenbrille herbei, um seine Augen wenigstens ein bisschen von dem grausamen stechenden Licht zu schützen. Das war wohl die Macht der Gewohnheit.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er schließlich die Tür. Obwohl er genau wusste was für ein Anblick ihm sich dort bot, erfüllte es ihn jedes mal aufs neue mit unvorstellbarem Grauen.
Jessica lag reglos auf ihrem Bett. Ihre starren Augen schauten ihm voller Entsetzen, Angst, Trauer und Tod entgegen. Den hämisch grinsenden Geist ihr gegenüber nahm er gar nicht wahr. Er war in diesem Traum nicht von Bedeutung.
Nein, er war von Bedeutung, aber Lockwood hatte keine Kraft mehr ihn zu bekämpfen, er war es einfach Leid.
Alles schien an seinem Platz festgefroren, doch dann bewegte sich Jessica. Eigentlich bewegte sich nur ihr Mund, der Rest lag weiterhin reglos da, die leeren Augen schauten durch ihn hindurch. Sie rief um Hilfe. Erst ganz leise, dann lauter und plötzlich stimmten auch seine Eltern wieder ein.

Lockwood rannte los. Er musste aus diesem Haus raus. Es gehörte ihm nicht. Es gehörte ihnen.
Immer mehr Stimmen stimmten in die Hilferufe ein, die immer mehr an Panik gewannen. Die Krüge und Masken an den Wänden verzogen sich und warfen obstruse Schatten. Die Gänge verloren an Struktur, das Haus wurde zu einem Labyrinth und tief im Innern wusste Lockwood, dass die Eingangstür nicht mehr war. Er war hier eingesperrt.
Die Welt verschwamm vor seine Augen, so, als ob er George Brille mal wieder ausprobiert hätte.
Alles verlor an Konturen und ging in sich über. Farben vermischten sich und je mehr er sich bemühte was zu erkennen, desto unklarer wurde es. Selbst wenn er die Augen fest zusammendrückte hörten die Bilder nicht auf. Stechende Kopfschmerzen breiteten sich langsam aus.
In den Gängen, die nicht zu dem Haus gehörten und doch gleichermaßen ein Teil von ihm waren, erhaschte er Schatten in den Nischen. Er konnte sie nicht unterscheiden und doch wusste er, dass sie alle da waren. Ausnahmslos.

Jack Carver. Robin. Mr Barnes. Flo. Kipps. Holly. George. Lucy.

Und dann kam er mehr blind als sehend im Wohnzimmer an und auf einem Schlag war alles wieder klar. Alles war ruhig, es schien, als hielte das ganze Haus die Luft an. Auf dem Couchtisch thronte der Schädel. Mit seinem toten Lächeln schien es so, als ob er ihn verspottete. Neben ihm lag die kaputte, mit Blut befleckte Brille seines Vaters, die eben noch in seinem Zimmer gewesen war. Doch dann verwandelte sich die Brille, vor seinen Augen, in die von George.
Und dann begriff er. Er war ein Gefangener. Ein Gefangener in seinem eigenen Haus. Umgeben von den Geistern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Jeder musste irgendwann sterben.

Auch er. Ein Platz war schon für ihn reserviert. Dann würden sie alle nicht mehr um Hilfe rufen. Er wäre bei ihnen.

~oOo~


Als er am Morgen in die Küche ging, saßen die Anderen bereits am Tisch. George putzte in üblicher Manier seine Brillengläser.

»Morgen, na gut geschlafen?«

Sein Blick glitt vom Küchentisch mit dem weißen Tuch und den neuesten Kritzeleien auf den Tresen. Dort stand der Schädel. Genau wie in seinem Traum war er dematerialisiert und in den schwarzen, tiefen Augenhöhlen schien ihn etwas zu beobachten. Zu lauern. Ihm kam es vor, als ob der Tod ihn verfolgte.
Lockwood setzte sein strahlendes Lächeln auf.

»Bestens.«

1000 Wörter
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