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Waldwächter

von LadyAgi
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12
31.05.2019
30.06.2019
9
15.206
 
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31.05.2019 1.963
 
Löschi starrte abwesend auf das Bild des Schwarzwaldes an der Wand. Es war irgendein Motiv irgendeines namenlosen Künstlers, das der Band jedoch gefallen hatte und seitdem im Proberaum hing.

Immer wieder erinnerte dieses Bild ihn an irgendetwas, es schien ihn anzuziehen, doch er konnte es nicht zuordnen. Zwar wurde ihm detailliert erzählt, was damals geschehen war, doch er konnte sich kaum daran erinnern. Er wusste nur noch, wie sie spazieren gewesen waren, doch das nächste, woran er sich erinnerte, war wie sie alle am Boden saßen und sich verwirrt angesehen hatten. Dazwischen klaffte in seinen Erinnerungen ein Filmriss.

Und irgendetwas war dazwischen passiert, denn seitdem fühlte er sich merkwürdig. Als wäre er nicht mehr er selbst, als hätte jemand die Kontrolle über ihn übernommen und er hatte sie nicht wieder vollständig zurück. Irgendetwas fehlte ihm.

Dieses Gefühl trieb ihn langsam, aber sicher, immer mehr in den Wahnsinn.

Er floh in die Musik, komponierte, sang und verschrieb sich voll und ganz seiner Band Waldkauz.

Müde lehnte er sich in dem Sofa zurück und fokussierte sich wieder auf Nornea, die damit beschäftigt war, ihre Instrumente zu sortieren und zu stimmen. Die Geräusche, die sie dabei erzeugte, drangen kaum an sein Ohr.

„Ich gehe ein bisschen raus“, kündigte er schließlich an und Nornea nickte abweisend, während sie gerade wieder die Bordun auf das Hümmelchen schraubte.

Draußen setzte er sich auf den Bordstein der kaum befahrenen Straße und versuchte dem Drang in den Wald zu gehen zu widerstehen. Diesen hatte er seit dem Vorfall vor einem halben Jahr ständig, doch er traute sich nicht mehr. Anscheinend hatte er sich in eine Art Waldgeist verwandelt und hatte die Anderen angegriffen. Nur durch Cernunnos Mithilfe waren sie gerade so dem Desaster entronnen. All das war schwer zu glauben. Obwohl er felsenfest davon überzeugt war, dass es die Götter gab, von denen sie in ihren Lieder sangen, so war es doch noch einmal etwas Anderes, wenn man ihm versuchte weiß zu machen, dass er mit Cernunnos daselbst gekämpft hätte.

Eine Weile saß er da, ließ sich die Strahlen der späten Herbstsonne in das Gesicht scheinen.

Irgendwann gesellte sich Nornea zu ihm.

„Wie geht es dir?“, wollte sie wissen und warf ihm einen Seitenblick zu. Er zuckte mit den Schultern. „Wie immer“, murmelte er und wich ihrem Blick aus.

Natürlich hatte er sich dadurch verändert, aber das würde jeder Mensch, wenn man ihm sagte, dass er versucht hätte, Menschen zu töten. Auch wenn er es offensichtlich nicht selbst gewesen war. Er ging davon aus, dass Leshy, der böse Waldgeist, seinen Körper besetzt hat und durch ihn gehandelt hat. Er war ruhiger geworden seitdem, seine Gedanken kreisten die meiste Zeit um diesen Vorfall, ließen ihn nachts nicht schlafen und tagsüber abgelenkt sein.

„Kann ich dir helfen?“, fragte Nornea leise, wohl wissend, was den Anderen umtrieb.

„Nein“, antwortete Löschi kühl.

„Na gut“, gab Nornea auf, „Mir ist das ein bisschen zu kalt, ich mache drinnen mal weiter. Komm einfach wieder rein, wenn dir danach ist“. Löschi nickte und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie strich beruhigend über seine Schulter, dann stand sie auf und ging.

Manchmal wünschte er sich, sich an Cernunnos erinnern zu können. Zwar hatten die Anderen versucht ihm zu beschreiben, wie er gewirkt hat, doch er konnte es nicht fühlen. Und es war wohl eine Erscheinung, die keiner missen wollte. Immer, wenn sie von dem Gott erzählten, wirkten sie so glücklich, zufrieden und im Reinen mit sich selbst. Bei Calia merkte man das am Meisten. Sie war wesentlich entspannter und glücklicher geworden seitdem, hatte durch ihn eine Kraft gefunden, die sie antrieb. Ein wenig war er eifersüchtig darauf. Warum ausgerechnet wurde den Anderen so eine Ehre erwiesen und er war der, der den Bösen spielen durfte und jetzt mit den Folgen zu kämpfen hatte? Es war wie in einem schlechten Actionfilm. Dann war er der Antiheld, der den Helden half, zu ihrem Ruhm zu kommen, und selbst dabei meistens drauf ging.

Vielleicht sollte er einfach selbst nach Cernunnos suchen. Aufstehen, dem Drang in den Wald folgen und sich einfach seinem Schicksal ergeben.

Er überlegte, haderte mit sich selbst. Dann stand er schließlich auf, zog sich die Kapuze seines schwarzen Hoodies tief ins Gesicht, steckte die Hände in die Taschen und lief langsam los. Er ertastete seinen Stressball, den er seit dem Vorfall immer bei sich trug. So überprüfte er immer wieder, ob er die Kontrolle über seinen Körper hatte. Das Kneten brachte sein Bewusstsein über seine Finger in den Vordergrund. Er holte ihn raus, spielte ein wenig damit, lenkte sich zum Einen damit ab, zum Anderen prüfte er, ob er noch er selbst war. Nicht, dass er seit dem Vorfall je wieder zu Leshy geworden war, aber er hatte eine unheimliche Angst, es wieder zu werden.

Der innere Drang, gegen den er den lieben langen Tag kämpfte, führte ihn wie von selbst zu dem Wald. Doch sobald er die ersten Bäume um sich spürte hielt er inne, stellte sicher, dass er noch die Zivilsation in greifbarer Nähe und Sichtweite hatte. Der Drang wurde stärker, versuchte ihn tiefer in den Wald zu locken, doch er gab nicht nach. Stattdessen knetete er wie ein Irrer den Ball in seinen Fingern.

Außer ihm war keiner da.

Vorsichtig wagte er noch einen Schritt weiter in den Wald hinein, drehte sich immer wieder nach der Zivilisation um, um sich zu vergewissern, dass er noch in der Realität war.

Er zitterte am ganzen Körper. Zum einen musste er nun wirklich seine ganze Kraft aufwenden, nicht einfach loszurennen, zum anderen packte ihn die unbändige Furcht mit ihren eiskalten Fingern.

Vielleicht war das genug für heute und er sollte wieder zurück gehen.

Er drehte sich um und ging genauso langsam zurück, versuchte sich auf die Häuser zu fokussieren, die zwischen den Bäumen hindurch schienen. Weit kam er nicht, denn plötzlich rollte eine Welle von Kopfschmerzen über ihn und riss ihn von den Füßen. Er sank auf alle Viere, atmete schwer und packte den Ball in seiner Hand fester.

„Bitte nicht“, flehte er leise und krümmte sich zusammen. Er versuchte weiter voran zu kommen, kroch nun in die Richtung der Häuser. Doch seine Sicht verschwamm und er beeilte sich. Vielleicht schaffte er es noch hinaus. Er spürte regelrecht, wie der Wald nach ihm riss, ihn willenlos machte und seinen Geist umfing.

Entgegen aller Schmerzen richtete er sich auf, sammelte seine letzten Kraftreserven und rannte nun.

Es war wie in einem Albtraum, er rannte und rannte, doch die Häuser schienen sich nur noch weiter von ihm zu entfernen. Er keuchte nun, seine Seiten schmerzten und seine Muskeln brannten.

„LESHY!“, rief plötzlich jemand und in diesem Moment realisierte er, dass er verloren hatte.

Er brach zusammen, ließ sich auf den Boden sinken und rollte sich zusammen. „Geh weg!“, flehte er leise, nicht wissend, wen er damit ansprach. „Bitte, gib mir meinen Körper zurück“, sagte er noch flehend, da trat ihn jemand gewaltig in die Seiten und ihm wurde schwarz vor Augen.

Sein Ball rollte ihm aus der Hand.

--

„Löschi, sitzt du immer noch draußen?“. Nornea riss die Tür auf und blickte auf… nichts.

„Löschi?!“, fragte sie entsetzt und sah sich nach beiden Richtungen um, doch weit und breit keine Spur von ihm. Sie sprintete zurück in den Proberaum, griff nach ihrem Handy – aus Fehlern lernte man schließlich – und machte sich auf den Weg zum Wald. Oft hatte er ihr von dem Drang erzählt, von seiner Sehnsucht und seiner Angst. Und für Nornea gab es kein Zweifel, dass er ihm dieses eine Mal vermutlich nicht widerstanden hatte. Immerhin wagte er sich inzwischen kaum noch alleine vor die Haustür. Es war nicht schön anzusehen gewesen, wie er sich das letzte halbe Jahr verändert hatte. Er gab sich die Schuld für alles, dachte, er wäre ein Mörder und machte sich deshalb schier wahnsinnig.

Sie beeilte sich und begann schließlich zu rennen. Weit wäre er vermutlich eh nicht in den Wald gegangen. Vielleicht versuchte er nur einfach den Drang zu stoppen?

Doch am Waldrand angekommen war wieder keine Spur von ihm. „Löschi?“, rief sie seinen Namen mehrmals, doch bekam keine Antwort. Unschlüssig, was sie jetzt tun sollte, wiegte sie ihr Handy in den Händen. Die Polizei verständigen? Die Band zusammentrommeln? Doch was sollte sie denen sagen? Die Polizei würde die Geschichte, die sich vor einem halben Jahr zugetragen hatte, nicht glauben. Nornea selbst erschien es zurückblickend so unwirklich, doch waren die Erinnerungen stark und greifbar.

Sie entschied sich für die Band.

Während sie auf die Anderen wartete, rief sie noch ein paar Mal nach Löschi und schließlich nach Cernunnos. Dieses Mal nur vorsichtig, fragend. Doch er tauchte nicht auf. Kein Hirsch erschien auf dem Waldweg, sie verscheuchte mit ihren Rufen nur die normalen Waldbewohner.

Sie gab auf und setzte sich auf einen Baumstumpf, behielt die Bäume im Blick. Dabei fiel ihr Blick auf etwas unnatürlich Blaues, welches sich deutlich von den braunen Blättern am Boden abhob. Sie stand auf, schob mit dem Fuß die Blätter zur Seite und legte schließlich einen vertrauten Ball frei.

Während sie die ganze Zeit noch überraschend ruhig geblieben war, bekam sie es jetzt doch mit der Angst zu tun. Löschi verlor seinen Ball nicht. Und schon gar nicht im Wald, wo er ihn wohl mehr als alles andere brauchte. Sie hob ihn auf und drehte ihn in den Händen.

Jedenfalls war Löschi definitiv hier gewesen, dem war sie sich nun sicher. Ängstlich umklammerte sie das einzige Lebenszeichen ihres Freundes etwas fester und sah sich wieder nach ihm um. Sonst gab es keine Anzeichen nach ihm. Keine Fußspuren, keine umgeknickten Zweige, kein aufgewühlter Boden.

Mechanisch setzte sie sich wieder auf den Baumstumpf. Überfordert mit der Situation vergrub sie ihre Hände in ihren Haaren, umklammerte die blonden Dreadlocks wie einen letzten Strohhalm.

„Nornea! Was genau ist passiert?“. Pan war als erstes aufgetaucht, dicht gefolgt von Calia und Elrond. Sie hatte kaum Zeit gehabt den Anderen am Telefon zu berichten.

Sie zeigte den Ball. „Löschi ist weg. Und ich glaube, es hat was mit damals zu tun“, sagte sie geknickt und ließ den Kopf wieder hängen. „Mit der Leshy Sache?“, fragte er genauer nach. „Ja, ich glaube schon“, brachte sie hervor und ließ kontrolliert Luft aus ihren Lungen strömen. Bloß nicht den Kopf verlieren, sagte sie sich selbst. Wenn du hier jetzt zusammenbrichst so wie damals, ist keinem geholfen. Pan legte ihr beruhigend einen Arm um die Schultern.

Elrond stapfte etwas tiefer in den Wald hinein, durchsuchte die Gegend nach Anzeichen, doch schien wohl auch nichts zu finden.

Calia dagegen umklammerte das Stück Geweih des Gottes, welches sie seitdem als Kette immer bei sich trug und starrte konzentriert zwischen den Bäumen hindurch. Dass sie damals Cernunnos gerufen hatte, hatte sie für sich behalten. Sie zweifelte, das jetzt wieder zu können, dennoch hockte sie sich nieder und versuchte die Energie die Natur zu ertasten.

Fast wie erwartet war da nichts. Frustriert seufzte sie auf und sah wieder zu Nornea. „Haben wir einen Plan?“, fragte sie. Doch diese zuckte nur mit den Schultern. „Nein“, meinte sie. „Wir könnten natürlich los und ihn suchen gehen“, fügte sie dann noch hinzu, wohl wissend, dass das wahrscheinlich der dümmste Plan war, den man im Moment haben konnte. „Damit sich das vom letzten Mal wiederholt?“, sprach Elrond der Gedanken aller aus, „Nein. Keine Ahnung, was das damals war, aber wir hatten verdammt viel Glück und ich würde das nicht herausfordern“.

Ratlos sahen sie sich an. „Und sollen wir jetzt einfach zurück in den Proberaum gehen und darauf hoffen, dass Löschi einfach wieder auftaucht?“, streute Pan ein. „Nein. Wir können ihn nicht hier draußen lassen und hoffen, dass ihm nichts passiert ist!“, Nornea sah traurig zu ihm auf.

„Vielleicht sollten wir einfach noch etwas abwarten und dann bei der Polizei eine Vermisstenmeldung aufgeben oder so“, schlug Elrond vor und da keiner eine bessere Idee hatte, verblieben sie dabei.
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