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Handschuhe

von GinDoe
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Angst / P6 / Gen
Joseph Oda Juli "Kid" Kidman Sebastian "Seb" Castellanos
31.05.2019
31.05.2019
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Wie jeden Morgen stellte Joseph den Pappbecher mit brühend heißem, schwarzen Kaffee auf den Schreibtisch seines Partners, mit einem leisen: „Bitteschön.“.
Und wie jeden Morgen sah Sebastian auf den Becher hinab, scheinbar unsicher, was er sagen sollte, obwohl er immerhin ein: „Danke“, hinter her brummte, kaum das Joseph an seinem eigenen Tisch Platz genommen hatte.

Dieses Mal jedoch war es anders.
Sebastian nahm nicht sofort einen kräftigen Schluck, wobei man sich fragen musste, ob er sich dabei nicht auf fürchterliche Art Zunge und Kehle verbrannte, sondern sondierte weiterhin seinen Partner, als dieser damit anfangen wollte, den Papierkram ihres letzten Falls zu bearbeiten.

Während Sebastian ihn mit zusammen gekniffenen Augen sondierte und scheinbar telepathisch versuchte Kontakt zu ihm aufzunehmen, damit Joseph auf sah und er ihm seine Frage an den Kopf werfen konnte, fuhr dieser seinen Computer hoch und breitete die Akten neben sich aus, damit er sie vorschriftsmäßig in die Datenbank eingeben konnte.

Seine behandschuhten Finger schlossen sich um den Pappbecher und er spitzte die Lippen, um vorsichtig zu pusten, damit er sich nicht gleich verbrannte, ehe er einen Schluck nahm, was, wie Sebastian vermutete, kein einfacher schwarzer Kaffee war, sondern irgendein hippes süßes Zeug, das sich als Kaffee ausgab.
Entweder Vanille oder Karamell.
So etwas hatte er zum Beispiel schon über seinen Partner in Erfahrung gebracht.

Was er jedoch noch immer nicht wusste, nach all der langen Zeit, die sie nun schon zusammen arbeiteten, war der Grund, warum Joseph immer diese schwarzen Lederhandschuhe trug. Wenn Sebastian ehrlich zu sich war, dann könnte er selbst das gar nicht haben, wenn seine Hände den ganzen Tag in solchen stickigen Handschuhen steckten.
Ihm würde es auf die Nerven gehen, wenn er die Sachen, die er anfasste nicht richtig fühlen konnte oder sie ihm womöglich, dank der glatten Oberfläche, aus der Hand rutschten.

Joseph schien damit jedoch gar kein Problem zu haben und Sebastian hatte ihn noch nie ohne gesehen. Doch all diese Sachen, die ihm missfielen, schienen Joseph gar nicht zu kümmern.

Das leise Klackern der Tastatur war das einzige konstante Geräusch im Raum, mal abgesehen von den leisen Schlucken, die Joseph von seinem Kaffee nahm und das gelegentliche Durchdrehen des Druckers und erst, als er vorsichtig seine Brille wieder zurecht rückte, merkte er, dass Sebastian gar nicht arbeitete, sondern ihn nur belämmert von der Seite anstarrte.

„Ist alles okay mit dir?“, wollte Joseph besorgt fragen, kam jedoch nicht umhin, wenigstens zu versuchen, den belustigten Unterton komplett zu unterdrücken.
„Ja klar, aber-“, er brach abrupt ab und beobachtete für einen Moment fasziniert, wie Joseph kontrolliert einen Kugelschreiber zwischen seinen Fingern drehte (Sebastian wäre er mit den Handschuhen vermutlich schon längst weggeflogen), „Nimm das jetzt bitte nicht persönlich, aber warum trägst du die ganze Zeit diese Handschuhe?“

Ein überraschter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, der für einen kurzen Moment, kaum merklich, dem eines Unwohlseins wich. Doch Joseph fasste sich ebenso schnell wieder und zuckte unbekümmert mit den Schultern: „Als Markenzeichen?“, er lächelte, doch dieses Lächeln erreichte nie seine Augen.
„Du meinst wie Michael Jackson und der Moonwalk? Oder die seltsame Lady, die sich nie die Beine rasiert?“

Nun unterdrückte der junge Mann doch ein Lachen und seine Mundwinkel bogen sich nach oben, doch hielt er die Lippen geschlossen, sodass er nicht los prusten musste: „Nicht ganz das, was ich als Vergleich genommen hätte, aber ja, so in etwa.“
Sebastian schmunzelte und nahm schließlich doch noch einen Schluck von dem bitteren Getränk vor ihm, das leider schon recht abgekühlt war.

Vielleicht hätte er es dabei belassen und es wirklich einfach nur als einen kleinen Tick abgetan, wenn der restliche Tag ihn nicht eines Besseren belehrt hätte.

Als sie sich gerade in ihre Pause begeben wollten, Joseph seine Dateien abspeicherte und den Computer in einen Stand-by Modus versetzte, kam Kidman durch die Tür gepoltert und sah sie beide gehetzt an, als ihr fragende Blicke entgegen kamen.
„Notruf! In der 48sten gibt’s 'nen Pyromanen. Die Feuerwehr ist schon da, aber da sind noch Leute im Gebäude!“

Die Worte verhallten noch im Raum, da war sie schon längst wieder aus der Tür raus, die beiden anderen Polizisten direkt hinterher: „Kid, warte!“, doch die junge Polizisten hatte gar nicht vor auf ihr Gespann zu warten, sondern eilte direkt zu ihrem Einsatzwagen und war die Erste, die sich auf den Rücksitz beförderte.
Erst einige Sekunden später tauchten Sebastian und Joseph auf und ließen sich auf Fahrer- und Beifahrersitz fallen, ehe sie mit Sirenen zum Einsatzort fuhren.

Dicke, schwarze Rauchsäulen waren schon von Weitem zu sehen und je näher sie kamen, desto mehr Menschen standen im Weg. Wie üblich, Sebastian konnte diese gaffenden Massen nicht ausstehen, die sie daran hinderten vernünftig zu arbeiten.
Rot-blaues Licht wurde von den Einsatzwagen an die umstehenden Gebäude geworfen und mehrere Feuerwehrleute waren bereits dabei, das Feuer zu löschen, dessen Flammen aus den Fenstern züngelten.

Sebastian parkte mehr oder weniger galant mitten auf der Straße und stieg sofort aus, direkt gefolgt von Joseph und Juli. Zusammen bahnten sie sich einen Weg durch die Menschenmenge. Alle tuschelten und in der vorderen Reihe hob das Stimmengewirr an, einige schienen Bewohner zu sein und flehten die Arbeiter an, sie mögen doch endlich das Feuer löschen, Kinder oder gar Hab und Gut retten.

Dem Dreiergestirn voran erreichte Sebastian als erstes den leitenden Feuerwehrmann und sprach ihn in seiner üblichen groben Art von der Seite an: „Was ist hier passiert?“
Sichtlich verärgert über diese Art sah der Mann, der einen guten Kopf größer war, auf den Polizisten hinunter und antwortete nicht minder grob: „Einer der Anwohner hat ein Feuer gelegt, warum wissen wir nicht. Mehrere Personen werden noch vermisst, ein Team ist bereits drinnen.“

Ihre Blicke richteten sich auf das Gebäude und sie versuchten in den Fenstern Personen auszumachen, konnten aber niemanden erkennen.
„Und der Kerl, der das Feuer gelegt hat?“
„Befindet sich auch noch drinnen. Wir vermuten, dass er eine Geisel hat.“
„Die werden noch beide drauf gehen“, mischte sich Kidman von der Seite ein und der Feuerwehrmann nickte bestätigend, doch sein Kommentar klang alles andere, als freundlich: „Nicht jeder hat so ein helles Köpfchen wie sie, Fräulein.“

„Geben Sie mir eine Ausrüstung, ich geh rein“, forderte Sebastian und ging direkt an dem Mann vorbei, um sich an einem der roten Wagen das Verlangte zu holen. Während Juli dem Mann noch einen fiesen Blick zuwarf und ihn von oben bis unten taxierte, eilte Joseph direkt hinter seinem Kollegen her: „Das ist zu gefährlich, Sebastian.“
„Ist es das nicht immer?“, fragte er und warf einen flüchtigen Blick zu Joseph, wobei er schockiert feststellen musste, dass dieser noch blasser um die Nase herum aussah, als sonst.
Doch er fragte nicht weiter nach.

Stattdessen gesellte er sich direkt zu einem der anderen Männer, dieses Mal ein älterer Herr und verlangte von ihm, dass man ihm eine Gasmaske gab, sodass er auch das Gebäude betreten konnte, doch als dieser sich weigerte und auch Joseph von der Seite noch ein mal versuchte ihn eines Besseren zu belehren, doch er ließ sich einfach nicht beirren, ließ sich ausstatten und drückte seinem Kollegen ein Funkgerät in die Hand, sodass sie miteinander kommunizieren konnten, falls etwas schief gehen sollte.

Joseph geleitete ihn noch einige Schritte Richtung Eingang: „Seb, lass solche Sachen lieber die Feuerwehr machen, die ist speziell dafür ausgebildet.“
„Aber nicht was die Kommunikation mit wahnsinnigen Geiselnehmern angeht.“
Mit einem letzten Blick bedachte er seinen Kollegen und runzelte die Stirn. Normalerweise war Joseph ein rational denkender Polizist, der wusste, worin seine Stärken lagen und bei Einsätzen immer systematisch vorging.

Doch dieses Furchtlose war wie weg geblasen. Joseph sah kreidebleich aus und in seinen dunklen Augen spiegelte sich Angst wieder. Ob es sich dabei um Angst vor diesem Job, oder um Angst um seinen Kollegen handelte, konnte er nicht sagen.
Er legte die Hand auf Josephs Schulter und spürte direkt, wie sich die Hand mit den ledernen Handschuhen um seinen Unterarm legte.
„Keine Sorge, wenn mir etwas passieren sollte, weiß ich ja, dass ich mich auf euch verlassen kann“, er drückte noch ein mal zu und wandte sich schließlich ab, „Kanal sieben. Nicht vergessen.“

Mit diesen Worten verschwand er durch den Hauseingang und ließ seine Kollegen zurück, die gebannt auf das Walkie-Talkie stierten und hofften schnell eine positive Nachricht zu hören.
Doch die Minuten zogen sich und es kam noch immer nichts seitens Sebastian. Mittlerweile war Joseph so bleich wie ein Kissenüberzug geworden, dass sogar Kidman sich Sorgen machte, er könne jeden Moment umkippen und war losgezogen, um ihm etwas zu trinken zu holen, damit dies am Ende nicht auch noch wirklich passierte.

Als Juli außer Sichtweite verschwunden war, begann das Funkgerät zu Knistern und zu Rauschen, ehe sich Sebastian kaum verständlich meldete.
„Ich kann dich nicht hören. Seb, was ist da los?“, Joseph hielt sich mit einer Hand das Ohr zu, als wenn das helfen würde und wartete auf eine Antwort, doch zuerst kam wieder nur das Knacken und Knistern und dann nicht mal eine richtige Antwort. Joseph hörte seinen Kollegen auf der anderen Seite fluchen und donnern, als würde er den ganzen Tag zum Teufel wünschen und dann vermischten sich die Worte mit einem Mal mit Schmerzenslauten.

Joseph lief es eiskalt den Rücken hinunter und in einem Kurzschlussmoment hatte er bereits seinen Plan gefasst und ging zurück zu dem riesigen, roten Laster und sprach den älteren Herrn nun genauso grob wie Sebastian zuvor von der Seite an: „Ich brauche Ausrüstung.“
Der Mann sah ihn verständnislos an: „Tut mir leid, Bursche, da kann ich dir nicht helfen.“
„Hören Sie, mein Kollege da drinnen braucht Hilfe und ich muss zu ihm“, kurzzeitig schien sein Kopf sich auszuschalten und er packte den Mann am Kragen und sah ihn wohl so flehentlich an, dass der es sich doch noch ein mal anders überlegte.

Joseph spannte sich die Maske um den Kopf und eilte schnurstracks zum Eingang, damit er sich auf die Suche nach seinem Kollegen machen konnte, der vielleicht gerade in diesem Moment bedroht, oder gar verschüttet irgendwo in diesem Haus sein Leben lassen musste.

So gut es ging, hielt er sich geduckt am Boden, obwohl er eine Maske gegen den Qualm auf hatte. Er versuchte sich seinen Weg anhand der Wand zu suchen und stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock, sobald er sie gefunden hatte.
Nun stellte sich nur noch die Frage, wo genau sich sein Kollege gerade befand.
„Seb? Wo bist du?“, im ersten Moment erkannte er seine eigene Stimme kaum wieder, weil die Maske sie dermaßen dämpfte.

Er kämpfte sich die Treppen hinauf und hielt Ausschau nach seinem Partner, doch das einzige, was er fand, je höher er kletterte, waren nur zu Asche verbrannte Möbel und Männer in roten Uniformen, die ihm gelegentlich entgegen kamen, entweder mit einem Schlauch in der Hand, um das Feuer zu bekämpfen, oder aber mit einer Person unterm Arm, um sie in Sicherheit zu bringen.

Sie sahen ihn nicht ein mal schief an oder fragten sich, was er denn hier mache. Dafür war Josephs Blick umso bohrender, doch egal, wer ihm entgegen kam, Sebastian war es nicht.
Er kämpfte sich schließlich zu einer höheren Etage durch und suchte sie ab, während er immer wieder versuchte Sebastian mit dem Funkgerät zu erreichen, doch alles, was er als Antwort bekam, waren unzusammenhängende Worte und Flüche.

Rings um sich herum hörte er nur Knistern und Knacken und je weiter er sich ins Innere begab, desto unruhiger wurde er.
Was hatte er sich nur dabei gedacht, hier einfach hinein zu stürmen. Er atmete nun bereits schon schnell und schwer, bis er feststellen musste, dass er sich scheinbar verlaufen hatte, denn um ihn herum waren nur schwarze Rauchschwaden zu sehen.

Das ganze setzte diesem Unterfangen noch die Krone auf, als er sich scheinbar in einem Wohnzimmer wiederfand und unter lautem Krachen und Knallen ihm fast wortwörtlich die Decke auf den Kopf fiel.
Es hätte nur einen halben Meter gebraucht und er läge begraben unter irgendwelchen Balken und Schutt und Asche. Nun sah er sich jedoch das erste Mal dem wütenden Feuer entgegen, dass dieses Haus zu einer Ruine verkommen ließ.

Die Flammen züngelten empor und warfen unheimliche Schatten an die Wände. Er konnte die Hitze auf seiner Haut spüren, die ihn trotz des Abstands zu verbrennen schien.
Leichenblass und erschüttert bis aufs Mark, stierte er die Flammen an und versuchte sich nach hinten zu robben, stieß mit dem Rücken jedoch gegen eine Wand. Hektisch blickte er sich um und suchte einen Ausweg, während das Pochen seines Herzens in seiner Brust immer manischer wurde.
Angst schnürte ihm die Kehle zu und ließ ihn wie festgefroren auf einer Stelle verharren.

Er wusste nicht, wie lange er in das Feuer starrte, doch sicher wäre es um ihn geschehen, wenn ihn nicht eine kräftige Hand an der Schulter gepackt hätte und auf die Beine zog. Er konnte im ersten Moment gar nicht zuordnen wem diese Hand gehörte, doch man brachte ihn sicher wieder aus dem Gebäude hinaus.
Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, doch als er das Licht des Tages erblickte, riss er sich automatisch die Maske vom Kopf und fiel auf die Knie, damit er panisch Luft in seine Lungen saugen konnte.

„Hey, Jojo, rede mit mir. Ist alles okay?“, eine vertraute Stimme drang an sein Ohr und er spürte wieder die kräftigen Hände an seinen Schultern, die ihn hoch zogen. Seine braunen Augen versuchten sich zu orientieren, noch war ihm alles so unklar und er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nachdem er so knapp seinem Albtraum entkommen war.

Noch immer mit einem schockierten Gesicht, blickte er schließlich zu seinem Kollegen auf, der ihn gegriffen hatte und nun versuchte ein Wort aus ihm heraus zu bekommen. Doch mehr, als seinen Mund zu öffnen, bekam er in diesem Moment nicht auf die Reihe.
Erst, als Sebastians eigene Hände von seinen Schultern hinunter, über seine Arme, bis hin zu seinen Händen wanderten, schien der junge Mann aus seiner Starre zu erwachen und zog sie ruckartig weg.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen beobachtete Sebastian diese Reaktion und warf einen fragenden Blick über Josephs Schulter zu Kidman, die hinter ihm stand und ebenso dreinschaute, wie er.
„Ist alles okay, Joseph? Was ist los mit dir?“, fragte er noch ruhiger nach und ließ vorsichtig die Hände sinken. So hatte er seinen Kollegen noch nie erlebt und er konnte sich auch keinen Reim darauf machen, warum dem so war.

Mehrere Male atmete der Asiate ein und aus und begann schließlich sich zu beruhigen, er fasste sich erschöpft an die Stirn und schüttelte den Kopf.
Trotz der noch immer währenden Unruhe auf seinem Gesicht wandte Sebastian sich ab und meinte: „Wir fahren. Der Wahnsinnige ist gefasst und die Feuerwehr ist auch so gut wie fertig.“
Er ging voran Richtung Dienstwagen und die anderen beiden folgten ihm.

Kidman setzte sich wieder nach hinten, wo nun auch ein Mann mittleren Alters saß, der ein wenig herunter gekommen aussah, Schmauchspuren im Gesicht hatte und dessen Hände mit Handschellen auf dem Rücken festgemacht waren.
Noch immer ein wenig desillusioniert ließ Joseph sich auf den Beifahrersitz fallen und schloss die Augen. Er brauchte wirklich ein wenig Ruhe, die ganze Sache hatte ihm unheimlich zugesetzt.
So bekam er die Fahrt zurück zum Revier kaum mit.




Dieses Mal war es an Sebastian einen Bericht zu schreiben. Das einzige Geräusch war wieder mal das Klackern der Tasten, nebst dem gelegentlichen Schlucken von Joseph, der sich einen Beruhigungstee gemacht hatte und dem üblichen Durchdrehen des Druckers.
Sebastians Augen huschten immer wieder zu seinem Kollegen, der ein wenig apathisch in seinem Stuhl saß und auf den Computerbildschirm starrte.

„Okay, kannst du mir jetzt bitte verraten, was das vorhin war?“, obwohl die Worte recht unhöflich gegrummelt waren, konnte man auch nur zu gut die Besorgnis heraus hören.
Joseph sah ihn an, schwieg sich jedoch aus.
Sebastians Züge lockerten sich und er setzte hinterher: „Bitte?“

Sichtlich unwohl rutschte der Andere nun auf seinem Stuhl herum und seufzte schwer, ehe er anfing zu berichten: „Kurz nach meiner Ausbildung in Kanada hatten wir einen ähnlichen Fall wie diesen heute“, er erzählte vollkommen ruhig und emotionslos, atmete schwer ein und aus, während er immer wieder zwischen einzelnen Wörtern eine Pause einlegte, „In dem Gebäude befand sich noch ein kleines Mädchen, übermütig bin ich rein und hab versucht sie zu retten und... na ja...“

Ein trauriger Ausdruck überschattete sein Gesicht, als er die Tasse mit dem Tee beiseite stellte und ein letztes Mal tief durch atmete, bevor er sich die bekannten schwarzen Lederhandschuhe von den Fingern zog.
Er hielt die Augen geschlossen, oder den Blick zumindest gesenkt, sodass er nicht Sebastians schockiertes Gesicht sehen musste, als er sah, was sich unter ihnen verbarg.

Dieser sah tatsächlich schockiert aus und öffnete lautlos den Mund, als er zum ersten Mal Josephs Hände, ohne diese Dinger sah. Und das, was er erblickte erschütterte ihn zutiefst, wobei er mit einem Mal auch begriff, warum Joseph sich mit einem Mal so benommen hatte.

Seine Hände waren komplett vernarbt, runzlig und rötlich-pink.
Eindeutige Brandnarben.

Sebastian wollte gar nicht allzu genau wissen, wie er zu diesen Wunden gekommen war, doch es musste verdammt weh getan haben und er wollte sich auch nicht vorstellen, was Joseph zu der Zeit hatte durchmachen müssen.
Die Schmerzen, all der psychische Leid und dann noch die darauf folgende Angst.

„Tut mir leid, Joseph“, brachte der Ältere schließlich hervor und beobachtete, wie sein Kollege die Handschuhe schnell wieder überzog.
„Du wusstest es nicht“, mittlerweile schien er sich wieder gefasst zu haben, denn seine Stimme klang ein wenig stärker, als zuvor.
„Ja. Und trotzdem bist du mit auf den Einsatz gekommen.“
„Weil es mein Job ist.“

Sebastian verzog missbilligend den Mund, doch Joseph beachtete ihn gar nicht weiter, widmete sich stattdessen wieder seinem Computerbildschirm.
„Aber du hättest etwas sagen können.“
„Und dann? Dann würdest du vielleicht noch immer in diesem Haus feststecken und-“
„Du auch.“

Joseph hob den Blick und sie funkelten einander an.
Entgegen aller Erwartungen war Sebastian es, dessen Züge sich als erstes lockerten und er entschuldigte sich leise: „Trotzdem bin ich froh, dass du mir gefolgt bist.“
„Ich weiß“, antwortete Joseph direkt und er sah ein wenig unwohl zur Seite. Trotzdem rutschte er nun mit dem Stuhl nach vorne und nahm endlich seine Arbeit auf, mit einem schweren Seufzer der Erleichterung dies nun endlich von der Seele zu haben.
„Kannst du mir trotzdem berichten, was jetzt genau in dem Gebäude vorgefallen ist?“

Sebastian schmunzelte und war innerlich ebenfalls erleichtert über die nun wieder etwas lockere Stimmung: „Natürlich, wie willst du sonst deine Hausaufgaben vernünftig abliefern?“
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