Und wenn die Sterne tanzen geh'n

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
31.05.2019
31.05.2019
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Man sagt, dass jeder Mensch die Liebe finden kann, wenn er es nur wirklich möchte. Jeder Topf hat seinen Deckel, zu jedem Schuh passt ein Fuß – und Gegensätze ziehen sich an.
Das sind die typischen Standardsprüche, die ich mehr als nur gut kenne und die ich seit inzwischen mehreren Jahren regelmäßig zu hören bekomme. Sowohl von meinen Freunden, von denen ich zugegebenermaßen nur wenige habe, als auch von Bekannten und meiner Familie, die so ziemlich die einzigen, zwischenmenschlichen Kontakte sind, die ich in meinem Leben bislang geknüpft habe.
Das liegt nicht etwa daran, dass ich das nicht wollen würde – im Gegenteil. Ich würde nichts lieber tun als hinaus in die Welt gehen, stark und selbstsicher auftreten und offen mit neuen, möglicherweise interessanten Menschen ins Gespräch kommen.
Aber das ist für mich nicht wirklich einfach, was mehrere Gründe hat. Zum einen bin ich sozial ein äußerst unsicherer, scheuer Mensch und traue mich nicht wirklich, auf andere zuzugehen. Darüber hinaus tue ich mich sehr schwer damit, mich anderen Leuten zu öffnen und bin auch nicht gerne unter Menschen, woraus resultiert, dass ich nur äußerst selten mal etwas abseits meiner eigenen vier Wände unternehme. Und zu guter Letzt gibt es da noch die eine Sache, die mich erheblich von den anderen Menschen in meiner Umgebung unterscheidet und aus der mitunter meine jetzige Situation entstanden ist, sowie auch meine sehr große Hemmschwelle anderen gegenüber.
Aber ich sollte vielleicht nicht mitten in der Geschichte ansetzen, sondern alles ganz von Anfang an erzählen.
Zunächst einmal zu mir: Mein Name ist Timo. Timo Sommer. Ich bin einundzwanzig, habe dunkelblonde, kurz gehaltene Haare, giftgrüne Augen und bin – mal abgesehen davon, dass ich eine für mein Alter relativ zierliche Körpergröße und Statur habe – ansonsten eigentlich ein ganz durchschnittlicher Mensch wie jeder x-beliebige andere auch. Eigentlich. Wenn es da nicht eine entscheidende Sache gäbe, die mich gravierend von anderen unterscheidet.
Ich glaube, niemand würde vermuten, dass ich irgendwie anders bin als andere Männer meines Alters – zumindest nicht, solange man nicht ganz genau hinschaut. Sobald man mir jedoch Auge in Auge gegenübersteht, entsteht bei den meisten Leuten, denen ich begegne, ziemliche Verwirrung, wenn ich mich mit dem Namen Timo vorstelle und ich werde eine Weile gemustert, so als hätte ich gerade einen Mord gestanden.
Dass mein Name solch eine Verwirrung hervorruft, hat diverse Gründe, wobei es vorrangig natürlich an meinem Aussehen liegen wird, dass Leute mich dann betrachten als käme ich von einem fremden Planeten. Denn dass jemand wie ich Timo heißt, erzeugt bei den meisten oft ziemliche Verwirrung und Verwunderung.
Dabei ist es für mich eine absolute Selbstverständlichkeit, dass ich so heiße. Es ist mein Name und war es immer schon. Auch wenn ich – im Gegensatz zu anderen Menschen – dafür kämpfen musste, dass ich ihn trage.
Jedoch ist es oft weniger der Name an sich, der den bis eben noch neutralen Blickwinkel auf mich zumeist in Irritation oder sogar Ekel umschlagen lässt. Es liegt vielmehr an meinem Körper, genauer gesagt, an einer offen sichtbaren Eigenschaft meines Körpers, die mich plötzlich sonderbar erscheinen lässt, wenn ich mich mit einem offenkundig männlichen Vornamen vorstelle.
Im Gegensatz zu anderen Männern habe ich nämlich Brüste. Körbchengröße A, um genau zu sein. Falls das jetzt auch bei Dir für Verwunderung gesorgt hat, kläre ich an dieser Stelle mal auf: Ich bin ein Mann mit trans Vergangenheit.
Und nein – das heißt nicht, dass ich mal eine Frau war oder als Frau geboren bin. Ich bin ein Mann. Ich war immer schon ein Mann und werde auch immer einer bleiben. Nur dass mein Körper nicht so aussieht wie man es sich üblicherweise vorstellt, wenn man das Wort „Mann“ zu hören bekommt. Ich habe keinen Bart, keine sonderlich tiefe Stimme und keinen Adamsapfel, die in unserer Gesellschaft angeblich als „typisch männliche Merkmale“ interpretiert und angesehen werden. Ich bin kein durchtrainierter Typ mit Muskeln, habe kein kantiges, markantes Gesicht und auch nicht sonderlich viele Körperhaare.
Und trotzdem bin und bleibe ich ein Mann. Auch wenn mein Körper sich in der Pubertät anders entwickelte als der von anderen Jungs, weil ich leider erst später die Möglichkeit bekam, etwas dagegen zu tun, ändert das nichts an meinem Geschlecht.
Warum man das ausgerechnet von Körperlichkeiten abhängig macht und darauf festnagelt, das habe ich noch nie verstanden. Warum soll es bitte keine Männer geben, die Brüste haben, so wie ich? Oder Frauen, die tiefe, rauchige Stimmen haben? Oder Menschen, die weder männlich, noch weiblich, sondern etwas vollkommen anderes sind?
Warum soll ein bescheuerter Chromosomensatz mit dem Wert XX oder XY ausschlaggebend für mein Geschlecht sein? Und vor allem: Wann, abgesehen eventuell von medizinischen Belangen, soll das irgendeine Rolle spielen, welche Chromosomen ich habe? Mir fällt da ehrlich gesagt kein plausibler Anlass ein, in dem das tatsächlich von Relevanz wäre.
Dieses körperfixierte Denken hat mich schon immer gestört, auch lange bevor ich erkannt habe, dass ich ein Transjunge bin. Schon in meiner Schulzeit konnte ich nicht so recht verstehen, wieso manche Männer damit herumprahlen, dass sie im Gegensatz zu den Frauen im Stehen pinkeln können.
Ganz ehrlich: Es gibt doch auch Frauen, die das können. Um genau zu sein, kann das sogar jede Frau, wenn sie es will. Man muss nicht über einen Penis verfügen, nur um im Stehen pinkeln zu können. Das geht ohne ganz genauso.
Nur dass die wenigsten Menschen sich ernsthaft damit auseinandersetzen oder gar hinterfragen würden, WARUM man das eigentlich behauptet, obwohl es offensichtlich gar nicht stimmt. Aber das war jetzt nur mal so ein Beispiel, um zu verdeutlichen, was ich meine.
Diese immer und überall auftauchenden Geschlechterklischees, dieses Gerede von Unterschieden und klarer Trennung – und dieses pseudowissenschaftliche Festnageln auf den rein biologischen Körper.
Inwiefern hat der Körper bitte etwas mit meinem Geschlecht zu tun? Dann habe ich halt Brüste, na und? Dann habe ich halt Eierstöcke und kann im Falle des Falles schwanger werden. Was genau ändert das daran, dass ich ein Mann bin?
Und zwar einer, der sowohl mit sich als auch seinem Körper relativ zufrieden ist. Warum muss ich mich also ständig dafür rechtfertigen und erklären? Kein anderer Mensch muss das. Egal ob er dick ist oder dünn, ob er viel Haare hat oder wenig, ob seine Nase krumm oder gerade ist.
Auf solche Sachen achtet meiner Erfahrung nach niemand. Aber kaum stellt ein Mann, der Brüste hat, sich mit Timo vor, wird er automatisch gefragt, ob er denn mal eine Frau war oder ob er „untenrum“ was hängen hat oder nicht.
Und das von Leuten, die das noch nicht einmal im entferntesten etwas angeht. Menschen, die man gar nicht kennt, die einem fremd sind und mit denen man nie auch nur den Hauch einer näheren Bindung haben wird. Und trotzdem fragen sie wie selbstverständlich, ob ich „unten“ was dran habe oder nicht. Oder sogar noch wesentlich Intimeres.
Beispielsweise erinnere ich mich an ein Gespräch in einem Chatroom, in dem ich des öfteren mal bin, um mir die Langeweile zu vertreiben. Und weil ich ganz einfach ein ehrlicher und offener Mensch bin, habe ich in meinem Profil auch stehen, dass ich ein Mann mit trans Vergangenheit bin. Umgekehrt würde ich ja schließlich auch dieselbe Ehrlichkeit erwarten.
Aber statt dass diese Offenheit mal irgendwie honoriert wird, bekomme ich fast laufend skurrile und abstoßende Anfragen von irgendwelchen Perversen, die mich ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen darüber ausfragen, ob ich denn ein „Mann mit zwei Löchern“ wäre oder man mich „von vorne und hinten ficken“ könnte.
Ganz ehrlich: Solchen „Menschen“ würde ich nur allzu gerne mal sowas von mit Anlauf in die Fresse speien, dass sie sich ihr Leben lang nicht mehr trauen, so etwas auch nur zu denken. Ich weiß, dass das nicht sonderlich nett klingt – und dass manche es unter Umständen auch nicht so meinen, aber das ändert nichts daran, dass es unverschämt ist und einen auf die Palme bringen kann.
Zumal es in alltäglichen Situationen ohnehin nicht sonderlich anders läuft. Kaum wird klar, dass ich ein Transmann bin – schon werde ich mit unzähligen Klischees und aufdringlichen Fragen bombardiert, die man in einer normalen, zwischenmenschlichen Konversation nie stellen würde: „Wie hast du Sex?“. „Lässt du dich vorne auch rannehmen?“. „Willst du mal nen Penis haben?“. „Bist du operiert?“. „Bist du ein Mann mit Muschi?“.
Ganz ehrlich: Es ermüdet mich einfach nur. Immer und immer wieder denselben Blödsinn durchzukauen, nur um am Ende doch nicht verstanden zu werden. Sich rechtfertigen zu müssen für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist: Das eigene Geschlecht und der eigene Körper.
Wie und mit welchem Recht glauben denn Menschen, darüber urteilen zu können? Warum glauben sie, mir meine Männlichkeit absprechen zu müssen, nur weil ich ein Junge mit Brüsten bin? Warum fällt es Menschen so schwer, zu begreifen, dass Geschlechter unterschiedliche Körper haben können? Und vor allem: Woher wollen fremde Menschen beurteilen können, als was ich geboren bin? Woher nehmen sie sich bitteschön das Recht dazu, mir zu unterstellen, ich sei „ein Junge im falschen Körper“ oder „ein Mädchen, das eigentlich ein Junge sein will“ oder „sich als Junge fühlt“?
An meinem Körper ist genau gar nichts falsch. Wie und auf welche Weise ich ihn wahrnehme und beurteile, das ist einzig und allein meine persönliche Angelegenheit. Und ich habe mich auch noch niemals „als Junge gefühlt“.
Ich war einer, bin einer und bleibe einer. Und nur, weil ich das Pech hatte, nach meiner Geburt fälschlicherweise für ein Mädchen gehalten zu werden, war und bin ich deshalb noch lange keines. Meist kommt dann als typische Reaktion: „Ja, aber du bist doch auch ein Mädchen und willst ein Junge werden“.
NEIN, verdammt noch einmal. Nein, das bin ich nicht. Ich kann nichts „werden“, was ich ohnehin längst bin. Das ist ein Irrglaube, eine Mär, eine absurde Fantasie, um die Tatsache zu verleugnen, dass ein Junge sein nicht gleich bedeutet, einen Penis zu haben. Genauso wenig wie ein Mädchen sein bedeutet, eine Vagina zu haben.
Diese Lügen und Hirngespinste von angeblichen „Geschlechtswechseln“ und „operativen Umwandlungen“ sind nichts weiter als pure Märchen. Es hat sie nie gegeben, gibt sie nicht und wird sie niemals geben. Nur sind die Leute so festgefahren in ihren biologistischen Ansichten über Geschlechtlichkeit, dass sie überhaupt nicht realisieren, wie absurd das Ganze eigentlich ist.
Es gibt übrigens auch ein Wort für diese Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung nennt das „normal“ – ich hingegen bezeichne solche Leute als Cisgender oder Cissexuelle.
Falls Dir das kein Begriff ist, wovon ich ausgehe: Das sind Menschen, deren Geschlecht mit dem Geschlecht übereinstimmt, welchem sie bei der Geburt zugeordnet wurden. Und mit „zugeordnet“ meine ich nicht, welches Genital sie haben, sondern welches Geschlecht der Arzt nach der Geburt aufgrund ebendieses festgelegt hat.
Festgelegt daher, weil der Arzt das gar nicht wissen kann, genauso wenig wie irgendein anderer Mensch. Der sieht nur einen Penis oder eine Vagina – und allein anhand dessen macht er fest, welches Geschlecht das Kind angeblich hat.
Aber nicht alles, was einen Penis hat, ist männlich, genauso wenig wie alles, was eine Vagina hat weiblich ist. Das ist ein Trugschluss, der irgendwann mal von irgendwem festgelegt wurde und seitdem in der Mehrheit der Gesellschaft so praktiziert wird – ohne diese „Praxis“ und ihren Sinn dabei je zu hinterfragen oder für Verbesserungen zu sorgen.
Am besten finde ich aber immer die Argumente von Leuten, die das als „biologischen Fakt“ anpreisen. Und da möchte ich ihnen noch nicht einmal widersprechen. Es ist tatsächlich ein biologischer Fakt, dass ich mit Vagina geboren bin und in meiner Pubertät Brüste entwickelt habe. Und das werde ich auch gar nicht bestreiten.
Was ich aber bestreite ist, dass ich deshalb automatisch eine Frau bin oder als solche geboren – eben weil es schlichtweg Unsinn ist. Eine Vagina zu besitzen, impliziert nicht automatisch Weiblichkeit, wofür ich eines der vielen, lebenden Beispiele bin.
Und auch wenn Leute noch so vehement versuchen, sich das schönzureden oder ihrer Auffassung entsprechend zurechtzudrehen, so muss ich sie trotzdem alle enttäuschen: Ich bin keine Frau. Ich war nie eine und werde auch nie eine sein. Ich bin ein Mann.
Und das Verhältnis zu mir und meinem Körper ist einzig und allein mir selbst vorbehalten. Sonst niemandem. Und wenn ich niemandem sage, dann meine ich das auch so.
Wieso glauben Leute also, mir Empfehlungen geben oder mir einreden zu können, dass ich ja „im Grunde kein richtiger Mann“ wäre? Wieso glauben sie, mir vorschreiben zu können, dass ich einen Penis BRAUCHE, um ein Mann zu sein? Oder dass ich meine Brüste entfernen muss?
Reden kann man viel, wenn der Tag lang ist, aber was ändert es? Ich werde deshalb weder aufhören, ein Mann zu sein, noch wird sich meine Sichtweise auf meinen eigenen Körper dadurch in irgendeiner Form ändern.
Ich mag meinen Körper. Und was ich daran anpasse oder nicht, das bleibt einzig und allein mir selbst überlassen. Ich brauche keinen Penis, um männlich zu sein. Und ich muss auch nicht zwangsläufig meinen Körper ablehnen, nur um wirklich „trans“ zu sein.
Es ist meine verdammte Entscheidung, was ich tue und was nicht. Dadurch ändert sich weder was an meiner Person, noch an meinem Geschlecht. So einfach ist das. Und dass ich meine Brüste ja ablehnen MUSS, weil ich ein Mann bin, ist schlicht und ergreifend hirnverbrannter Schwachsinn.
ICH bestimme, was ich an mir mag und was nicht. Und ich mag meine Brüste. Ich mag auch meine Vagina. Und ich habe in keiner Weise vor, etwas daran zu verändern. Zumindest nicht im Augenblick.
Im Gegenteil: Ich bin glücklich mit meinem Körper. Zumindest weitestgehend. Und dazu habe ich jedes nur erdenkliche Recht.
Ich brauche keine flache Brust, um ein Mann zu sein. Ich brauche auch keinen Penis, um ein Mann zu sein. Ich BIN ein Mann. Ende der Geschichte. Und ich werde mich ganz sicher nicht verbiegen, nur um irgendwie in das klischeebehaftete Schubladendenken anderer Leute zu passen. Wer damit ein Problem hat oder versucht, mir was anderes einzureden, den ignoriere ich.
Und das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ich so zurückgezogen lebe und nur wenig sozialen Umgang habe. Ich mag einfach keine Menschen. Jedenfalls keine Cis-Menschen. Ich lehne sie ab.
Nur ein paar ganz wenige, die mir wirklich nahestehen, wie zum Beispiel meine Familie, akzeptiere ich so wie sie sind. Aber allen anderen gehe ich nach Möglichkeit aus dem Weg und suche bevorzugt Kontakt zu anderen Leuten, die trans sind.
Zum Beispiel bin ich schon seit längerem, ich glaube inzwischen fast zwei Jahre, in einer Stammtisch-Gruppe für transidente und genderqueere Menschen. Genau das sind die Leute, die ich mag und mit denen ich Umgang haben möchte. Aber sonst habe ich eigentlich nicht viel Kontakt zu anderen.
Und vermutlich ist auch das der Grund, warum ich mich in vielen Dingen des Lebens schwerer tue als andere. Vorrangig zum Beispiel, wie ich eingangs erwähnt hatte, in Sachen Liebe.
Damit habe ich, um ganz ehrlich zu sein, bisher nur schlechte und relativ wenig Erfahrung gemacht. Ich war noch nie ein Partygänger oder Clubbesucher – das war und ist ganz einfach nicht meine Welt.
Und während meiner Schulzeit, als die anderen sich langsam aber sicher ins soziale Leben eingefügt haben, bin ich meistens allein zu Hause herumgehockt und habe meine Zeit damit verbracht, entsprechende Hilfsangebote für meinen Weg und meine Transition zu finden.
Transition bezeichnet man übrigens den Prozess der Geschlechtsangleichung, was sowohl sozial und rechtlich, als auch körperlich gesehen bedeuten kann. Es hat ziemlich lange Zeit gedauert, bis ich wirklich wusste, was ich will – zumal es gerade während der Pubertät so einige Dinge an mir selbst gab, die mich immens gestört haben.
Nicht etwa mein Brustwachstum oder das plötzlich auftretende, sexuelle Verlangen – nein, damit kam ich eigentlich relativ gut klar. Es hat mich nie gestört, dass mir Brüste wachsen. Und ich hatte auch nie im Sinn, etwas dagegen zu unternehmen.
Und auch mit meiner Sexualität gab es nie größere Schwierigkeiten. Ich habe sie einfach ausprobiert und relativ schnell herausgefunden, was mir gut tut und gefällt. Einen Penis habe ich dabei nie vermisst, ich war zufrieden mit dem, was ich hatte und bin es auch heute noch.
Und schon damals wusste ich genau, dass derlei Maßnahmen, die für andere Transmänner wiederum unverzichtbar sind, für mich nicht in Frage kommen werden. Ich war und bin ja schließlich ein Junge. Daran hat auch mein Brustwachstum nichts geändert.
Das einzige, woran ich mich damals wirklich gestört habe, war mein „monatlicher Freund“, um es mal so zu umschreiben. Aber seit ich auf Testosteron bin, hat sich das glücklicherweise geändert. Was Hormone doch so alles bewirken können.
Nun, jedenfalls, um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe mich nie an meinem Körper gestört oder hatte das unbedingte Bedürfnis danach, etwas an dem, was ich habe, zu verändern. Es war und ist mein Körper – und egal, wie er aussieht, ändert er nichts an meinem männlichen Geschlecht.
Gewünscht und angestrebt habe ich damals nur eine Hormonersatztherapie, also die Gabe von Testosteron, um ihn noch weiter zu vermännlichen. Auch wenn er für mich natürlich schon immer männlich war.
Genau deshalb sagte ich ja, dass ich nicht „im falschen Körper“ bin. Ich bin männlich, also ist es auch mein Körper – etwas anderes wäre schlichtweg Quatsch. Und wie gesagt, muss ein Körper keinen Penis haben, um männlich zu sein. Das geht auch ganz ohne, wie man an mir erkennt.
Sicherlich habe ich auch ein paar Transmänner kennengelernt, die das anders sehen oder für die weitere Angleichungen, wie zum Beispiel die Entfernung ihrer Brüste, unabdingbar sind. Und das ist auch völlig in Ordnung so.
Nur weil etwas für mich gilt, muss es deshalb nicht auch für alle anderen gelten. Und umgekehrt auch. Nur weil etwas für alle anderen gilt, muss es deshalb nicht auch für mich gelten. Es ist total individuell. Von Person zu Person verschieden.
Aber genau da sind wir beim nächsten Problem: Cis-Menschen gehen nämlich wie automatisch davon aus, dass der Weg aller transidenten Menschen absolut gleich ist. Und das ist natürlich absoluter Blödsinn. Bloß weil ich etwas brauche, heißt das nicht, dass das auch alle anderen brauchen – und nur weil ich etwas ablehne, tun das nicht auch alle anderen.
Und genau da kommen wir an eine weitere Verständnisgrenze. Transmänner sind nicht alle gleich. Genauso wenig wie Cismänner alle gleich sind. Aber weil eben gern in Stereotypen gedacht wird, müssen sich natürlich ALLE Transmänner die Brüste entfernen lassen, müssen ALLE Transmänner auf Testo sein, müssen ALLE Transmänner einen Penisaufbau, in der Fachsprache Phalloplastik genannt, vornehmen lassen.
Nein, müssen sie eben nicht. Das hängt von jedem selbst ab, was er möchte und was nicht. Genau wie es zum Beispiel Transfrauen gibt, die ihr Glied behalten, gibt es auch Transmänner, die ihre Brüste behalten. Komm klar darauf, Gesellschaft. Es ist nicht alles schwarz oder weiß.
Um damit zurück zur eigentlichen Geschichte zu kommen: Abgesehen von dieser Sache bin ich ein Mensch wie jeder andere auch. Und wie jeder andere auch habe ich meine Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte.
Gerade weil ich inzwischen in einem Alter bin, in dem man eigentlich mehr Erfahrung in zwischenmenschlichen Beziehungen haben sollte, schäme ich mich oft dafür, dass das bei mir nicht so ist. Und jemanden zu finden, mit dem ich diese Erfahrungen sammeln könnte, gestaltet sich in meiner Situation mehr als nur vertrackt.
Ich lebe in einem kleinen Dorf mit gerade mal eintausend oder weniger Einwohnern, ein richtiges Kaff, um es mal so zu sagen. Kontakte zu anderen Menschen habe ich nur sporadisch, wenn ich zum Beispiel bei der Gruppe für Transidente bin. Ansonsten lebe ich eigentlich sehr zurückgezogen und gehe kaum raus, was mitunter an zwei Dingen liegt: Erstens die mangelnden Gelegenheiten – und zweitens die Tatsache, dass es, wenn überhaupt, der richtige Rahmen sein sollte.
Wenn, dann möchte ich Kontakt zu anderen trans Personen, zu Leuten, bei denen ich mich wohlfühle und auf die ich auch zugehen kann. Denn ohne es irgendwie böswillig zu meinen: Cis-Menschen lehne ich überwiegend ab.
Das hat weniger damit zu tun, dass ich Angst vor ihnen oder ihrer Reaktion hätte, sondern vielmehr, dass ich sie einfach nicht mag und mich schwer damit tue, ihnen zu vertrauen. Das fußt vor allem auf persönlichen Erfahrungen, die ich bislang gemacht habe, sowie teilweise auch auf der damit einhergehenden Verletzung.
Nicht, dass ich mich deshalb selbst fertigmachen würde – von mir aus denken andere über mich, was sie wollen. Aber die Reaktionen, die kommen, wenn ich mich als Timo vorstelle, diese Verwunderung und dieser Ekel, das Gefühl, ein Unding und sonderbar zu sein, hinterlassen mit der Zeit einfach ihre Spuren und man wird vorsichtiger, wem man sein Vertrauen schenkt und wem nicht.
Und inzwischen bin ich tatsächlich so weit, dass ich Cis-Menschen einfach nicht mehr vertrauen will und kann. Nicht nur deshalb, weil mich das immergleiche Gefrage nervt, sondern auch, weil ich ein Mensch bin – und kein Fetischobjekt, mit dem man machen kann, was man will.
Genau so werde ich aber meistens behandelt, gerade wenn es um das Thema Partnerschaft geht. Ich habe keinerlei Erfahrungen darin, hatte bis heute noch nicht einen Kuss oder wenigstens mal ein flüchtiges Händchenhalten.
Ich kenne mich mit Flirten und Dates nicht aus, weiß nicht, wie man näheren Kontakt aufbaut oder Interesse vermitteln kann, weil ich das noch nie gemacht habe. Und gerade deshalb möchte ich mit solchen Sachen nicht behelligt werden, sondern mich einfühlsam und vorsichtig in dieses Thema hineintasten.
Ich möchte erfahren, wie man liebt, wie man küsst und sich näherkommt – mit entsprechendem Vertrauen in den anderen und ohne das Wissen, dass derjenige bloß „Abwechslung für zwischendurch“ sucht. Wenn ich mich auf wen einlasse, dann langfristig und beständig – und nicht bloß als kleine Nummer nebenbei.
Und genau da wird es bei Cis-Menschen eben schwierig bis unmöglich. Da bin ich bloß das „nette Experiment“ oder „das Unbekannte“, aber niemals ein gleichwertiger, potentieller Flirt- oder Beziehungspartner.
Ich bin übrigens heterosexuell, um es am Rande zu erwähnen – das bedeutet, ich interessiere mich ausschließlich für Frauen. Nur ist ein „Mann ohne Penis“ für viele, um nicht zu sagen, alle Cisgender-Frauen scheinbar ein Unding oder etwas Unvorstellbares.
Wieso Genitalien da so eine überdimensional große Rolle spielen, verstehe ich nicht. Ein Mann ist ein Mann ist ein Mann ist ein Mann. Was macht es für nen Unterschied, ob er einen Penis oder eine Vagina hat, wenn ansonsten alles rundum stimmt?
Das ist ja letzten Endes nichts weiter als ein Stück Fleisch. Und weder guter Sex, noch eventuelle Kinderwünsche sind davon abhängig, weil es für beides mehr als genug Wege und Alternativen gibt.
Aber da sind wir wieder beim unsinnigen und unnötigen Genitalismus der Gesellschaft, der über dieses „Vagina = Frau“-Klischee nicht hinwegkommt.
Und selbstverständlich steht es jedem Menschen absolut frei, seine Präferenzen auszuleben und zu berücksichtigen. Wenn jemand mich nicht daten will, dann ist das in Ordnung. Aber es muss umgekehrt genauso in Ordnung sein, wenn ich jemanden nicht daten will.
Und da kommen wir dann zur nächsten Absurdität, die ich glatt beschmunzeln müsste, wenn sie nicht so lächerlich und armselig wäre. Inzwischen habe ich nämlich klar festgestellt, dass ich Transfrauen bevorzuge und mir ausschließlich mit ihnen eine Partnerschaft vorstellen könnte. Cisgender-Frauen dagegen lehne ich als Partner ab, genau wie sie auch meistens mich.
Wenn nun aber eine Cisgender-Frau Interesse an mir zeigt und ich sie zurückweise mit der Begründung, dass ich mir eine echte Frau als Partnerin wünsche, dann stößt das häufig auf Protest und Empörung. Wenn aber eine Cisgender-Frau mich ablehnt, weil sie sich einen „echten Mann“ wünscht, dann ist das natürlich total okay und selbstverständlich.
Um es anders ausdrücken: Ich als Transmann habe dieser Meinung nach die PFLICHT, einen Cis-Menschen als „echte“ Frau zu sehen – werde ich dagegen aber nicht als echter Mann gesehen, ist das natürlich was gaaanz anderes.
Nein, das ist es nicht. Man sieht dadurch nur mal wieder, wie sehr unsere Gesellschaft mit diesen absurden Normvorstellungen verseucht ist. Cis ist echt – trans ist es nicht. Cis ist normal – trans ist es nicht.
Wer den Spieß aber umdreht, der tickt nicht ganz richtig oder wird als psychisch krank hingestellt. Ich MUSS also eine Cisgender-Frau daten, ansonsten bin ich feindlich. Datet sie aber mich nicht, ist das „normal“.
Tut mir Leid, aber bei so einem Mist könnte ich glatt würgen. Wer für mich ECHT ist und wer nicht, das entscheide immer noch ich – und sonst niemand. Wenn ich eine Transfrau als normale Frau sehe, eine Cis-Frau aber nicht, dann ist das genauso in Ordnung wie wenn jemand es umgekehrt macht. Und damit muss jeder leben, ob ihm das nun passt oder nicht.
Ich für meinen Teil lehne Cis-Personen als Beziehungs- oder Sexpartner ab. Für mich kommen nur Transfrauen in Frage. Sonst niemand. Und wer behauptet, ich müsse aber, der soll sich zuerst einmal an die eigene Nase fassen. Ich MUSS gar nichts. Es ist meine Entscheidung, mit wem ich zusammen sein will und mit wem nicht. Punkt.
Nur leider führt diese Einstellung oft dazu, dass ich noch mehr angegiftet werde als ohnehin schon – nach dem Motto, ich solle froh sein, wenn sich überhaupt wer für mich interessiert. Und bei so einer verbohrten Sichtweise wundern sich Cisgender wirklich, warum ich sie ablehne?
Ich für meinen Teil würde so jemanden nie daten, geschweige denn mehr. Ich stehe auf Frauen, auf echte Transfrauen, und damit Punkt. Sicher mag es Transmänner geben, denen das egal ist und die darauf keinen Wert legen, dass ihre Partnerin oder ihr Partner ebenfalls trans ist. Ich tue es schon.
Und genau das wirft noch weitere Schwierigkeiten bei der Beziehungssuche auf. Zum einen, dass ich nicht viel unter Menschen bin, also keine Möglichkeit habe, potentielle Kontakte zu knüpfen. Zum anderen, dass ich ohnehin unheimlich schüchtern bin – und den Großteil meiner Mitmenschen als Partner sowieso ausschließe.
Viele haben mir schon oft gesagt, dass ich mein Umfeld verändern muss, um erfolgreich zu sein. Dass ich in eine Stadt oder ähnliches gehen muss, in der ich vielleicht wesentlich mehr Auswahl hätte als in so einem kleinen Dorf. Viele sagen, ich muss sozial kompetenter werden, mehr Kontakte im realen Leben suchen – und nicht bloß im Netz.
Aber einerseits traue ich mir das nicht zu – andererseits, selbst wenn ich in einen Club oder ähnliches gehen würde: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich dort ausgerechnet auf eine Transfrau treffe?
Die einzigen Kontakte, die ich momentan habe, sind die anderen Leute aus unserer Stammtisch-Gruppe, zu der ich einmal im Monat gehe. Aber leider waren dort bisher alle Mädchen, auf die ich ein Auge geworfen hätte, entweder vergeben oder lesbisch.
Und im Alltag ist es eher unwahrscheinlich, dass ich jemanden treffe. Das heißt, es kann sein, dass ich jemandem begegne, der potentiell in Frage käme – aber da muss ich dann vorher abklären, ob derjenige überhaupt trans oder cisgender ist.
Beim Online-Dating, welches ich auch aktiv betreibe, frage ich das auch immer sofort, damit ich direkt ausfiltern kann, wer in Frage kommt und wer nicht. Und wenn jemand dann schon so etwas antwortet wie „Ich bin normal“ oder ähnliches – dann liegt für mich eigentlich schon klar auf der Hand, dass er es definitiv NICHT ist.
Ein normaler Mensch würde mir die Frage nämlich korrekt beantworten können, ohne vorher irgendeinen Blödsinn von „Umwandlung“ und ähnlichem zu faseln. Ein normaler Mensch weiß nämlich, dass es eine „Geschlechtsumwandlung“ nicht gibt.
Außerdem besteht da auch die nicht unwesentliche Gefahr, an irgendwelche Verrückten oder Fetischisten zu geraten, die weiß der Geier was im Sinn haben. Daher dient diese Frage nicht nur als Idiotenfilter, sondern auch als persönlicher Schutzmechanismus vor irgendwelchen aufdringlichen Leuten.
Erfolglos bin ich bisher leider trotzdem. Ich musste zu meinem Bedauern feststellen, dass es eine riesengroße Anzahl von Transfrauen gibt, die suchen – allerdings lediglich Sex-Kontakte oder irgendwelche zwielichtigen Dienstleistungen. Ernsthafte Beziehungen streben da scheinbar die wenigsten an.
Zusammengefasst also: Im Alltag Fehlanzeige, online Fehlanzeige – und in Clubs oder ähnlichem sowieso Fehlanzeige. Was bleibt mir also noch übrig, um endlich DIE FRAU zu finden, auf die ich mich einlassen kann und die mich als gleichwertigen Partner ansieht? Gibt es sie überhaupt?
Ehrlich gesagt: Ich bezweifle es. Ich habe keine Ahnung, wie ich es trotz meiner Sozialphobie und mit meiner Unerfahrenheit schaffen soll, eine Frau nachhaltig von mir zu überzeugen.
Dabei spüre ich doch ganz genau, dass sie irgendwo da draußen ist und auf mich wartet. Ich weiß, es gibt sie – irgendwo, zwischen all den Menschen. Im Traum sind wir uns doch schon einige Male begegnet.
Aber ob wir uns in der Realität jemals finden werden, ob ich je lieben werde, jemals einen Kuss bekomme, das weiß einzig und allein der Himmel. Ich gebe zu, manchmal tut es verdammt weh, ganz besonders, weil ich eigentlich nichts lieber tun würde als rauszugehen und mein Leben zu leben.
Doch einerseits sind da meine sozialen Hemmungen – andererseits möchte ich wirklich nur ungern weg von hier und in die Stadt. Hier ist doch meine Heimat. Und ich möchte sie nur ungern verlassen müssen, zumindestens nicht länger als nötig.
Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Und allein schon der Gedanke, in einer Stadt zu leben, lässt mir sämtliche Haare zu Berge stehen. So ein Leben ist nichts für mich. Allenfalls nur, und da sind wir wieder beim Anfangsproblem, mit einer geeigneten Partnerin an der Seite.
Aber ohne Rausgehen kein Partner – und ohne Partner kein Rausgehen. Ein Teufelskreis also. Die einzige Hoffnung, die mir momentan noch bleibt, ist tatsächlich das Internet. Der Glaube, dass es irgendwo zwischen all den Websites und Werbebannern jemanden gibt, der mein Herz berühren kann.
Bis dahin bleibt mir lediglich mein Traum und meine Hoffnung, dass sie irgendwo da draußen auf mich wartet. Und dass wir uns irgendwann, wenn die Sterne am Himmel tanzen gehen, begegnen werden.
Auch wenn es vielleicht mein Leben lang dauert – ich glaube trotzdem fest daran, dass es irgendwann passiert. Dass ich die eine finde, bei der ich das Gefühl habe, endlich angekommen zu sein.
Und wenn dieser Moment da ist, dann werde ich sie im Arm halten und mit ihr tanzen. Genau so wie die Sterne am Himmel.
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