Vesemirs Erinnerungen

von Iorweth11
GeschichteMystery, Fantasy / P12
Geralt von Riva Vesemir
30.05.2019
30.05.2019
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Der Schmerz

Der Junge klammerte sich im Dunkeln fest an mich und weinte still vor sich hin, Schweißgeruch mischte sich mit dem Gestank von faulendem Fleisch, kaltem Ruß und schimmelnden Steinwänden. Ich konnte nicht sagen, ob ich mehr vor Kälte oder vor Todesangst zitterte, während ich die schlurfenden Schritte der Alten näherkommen hörte.
Am Vorabend hatte das schauerliche Weib meinen Eltern, die fahrende Kaufleute waren, eine Falle gestellt. Über dem verwachsenen Waldweg lag ein Stamm, so dass der Wagen nicht vorbei konnte. Eine sehr einfältige Falle, zugegeben, aber meine Familie fiel darauf herein, da im dichten Gehölz immer wieder vom Sturm gestürzte Bäume lagen, die Platz für junge, gesündere Sprösslinge freigaben.
Hätte ich die geschärften Hexersinne schon zu diesem Zeitpunkt besessen, wäre mir aufgefallen, dass dieser Stamm jemand absichtlich mit einem Beil gefällt und uns in den Weg gelegt hatte. Aber damals war ich noch ein unwissender Knabe von knapp sechs Jahren, dessen mutigstes Abenteuer darin bestanden hatte, einem riesigen angeketteten Wachhund todesmutig mit der Faust eins auf die knurrende Schnauze gehauen zu haben.
Als meine Eltern mühsam den Stamm zur Seite rollten, brach eine graue, mit modrig feuchter Graberde bedeckte Gestalt aus dem düsteren Wald und griff die Erwachsenen an. Auf den Angriff völlig unvorbereitet, hatten sie dem Monster wenig entgegen zu setzen. Ich stand derweil bei den beiden Zugpferden, die in Panik verfielen, sich von mir losrissen und mit all unserer Habe in den Wald davon galoppierten. Unfähig zu schreien rannte ich kopflos in eine andere Richtung.
Das Dickicht zerrte an mir und kurz darauf hatte mich die monströse Alte auch schon eingefangen. Damals wusste ich nicht, dass ich in die Fänge eines Gruftweibes geraten war, die kleine Jungs, wie mich, mit Vorliebe in den eigenen Kochtopf zu stecken pflegte.
Sie brachte mich zu einer halbverfallenen, abgelegenen Hütte tiefer im Wald. Zwängte mich zu einem anderen Knaben in einen gut verschlossenen Holzverschlag in der Ecke. Ihr ständiges irres Gebrabbel, der unerträgliche Gestank und ihr bestialisches Tun brachten mich fast an den Rand des Wahnsinns. Nur die Tatsache, das ein zweiter Junge mein Schicksal teilte, minderte meine verzweifelte Angst. Und was unsere Augen in dieser Nacht, in der von einem Herdfeuer erhellten einsamen Hütte zu sehen bekamen, war der größte Alptraum überhaupt: das Monsterweib zerteilte die Leiche eines weiteren Jungen und machte daraus einen Eintopf.
Im Morgengrauen verschwand sie und ließ uns den Tag über allein zurück. Mir war klar, dass einer von uns in der kommenden Nacht als Mahlzeit auserwählt sein würde. Und mit den abgenagten Knochen dekorierte die Alte ihren ausgemergelten, hässlichen Leib.
„Ein feines Süppchen werd' ich mir gleich brauen“, brabbelte das Gruftweib, als sie mit ihren Dreiklauenhänden die Holztür aufschob, hinein huschte und sie wieder sorgsam verschloss. Sie hantierte im Dunkeln herum, entfachte das Feuer an der Herdstelle, das nichts mehr als ein Lagerfeuer mit einem dickbauchigen Kessel darüber war. Dann schlurfte sie zu unserem Verschlag, fingerte an dem Riegel herum und öffnete ihn.
Mein Leidensgenosse klammerte sich noch fester an mich. Ich erstarrte, als die Klaue zunächst nach mir zu greifen schien. „Komm zu Agga, kleiner strammer Bursche.“ Ein kehliges Kichern folgte und sie zerrte den braunhaarigen Jungen von mir fort. Ich wich zurück, während der Auserwählte zu schreien begann. Die Alte stopfte ihm einen Schlammball in den Mund und trug das zappelnde Bündel zu einem groben Holzbock, auf dem sie die besondere Zutat für gewöhnlich zerteilte.
Der Verschlag stand noch offen, doch mein Blut war zu Eis gefroren. Mit Entsetzen sah ich den Feuerschein auf dem Hackbeil blitzen, als die Monsteralte zum Todesschlag ausholte. Da brach etwas unerwartet durch den Eingang herein. Fahles Silber funkelte und trennte den erhobenen Arm ab. Das Gruftweib gellte und fluchte in einem und warf eine Ladung Schlamm dem Angreifer entgegen. Sie verfehlte ihn und mit dem nächsten Schwertstreich flog der totenkopfartige Schädel der Alten durch die Hütte. Ein stinkendes Bündel von Knochen, Erde und unbestimmbarer schleimiger Masse folgte.
Ich starrte den Mann an, ohne mir in diesem Augenblick bewusst zu sein, dass der unser Leben gerettet hatte. Ich sah nur seine unheimlichen Augen, die im Schein des Herdfeuers unnatürlich weiß loderten. Wie bei einer Katze, wenn nachts sich das Restlicht darin spiegelte, kam mir.
Der Retter hob ein übrig gebliebenes Kleidungsstück der getöteten Jungen auf und wischte damit die Silberklinge sauber, bevor er sie zurück in die Lederscheide steckte und diese auf dem Rücken verstaute. Er beruhigte den verängstigten Knaben am Holzbock mit einer sonderbaren, offenbar magischen Handgeste und bemerkte dann mich, der ich noch ängstlich im Verschlag kauerte.
„Komm heraus, Junge. Du bist in Sicherheit.“ Er hatte eine unangenehme, tiefe Stimme und reichte mir eine narbige, kräftige Hand entgegen. Ich ergriff sie zögerlich und von da an änderte sich mein Leben in eine völlig unerwartete Richtung.

Den Geruch des hässlichen Grabweibes noch in der Nase erwachte Vesemir und blickte sich orientierend um. Es war noch dunkel und zunächst glaubte der erfahrene Krieger, er wäre noch der verängstige Knabe von damals. Aber dann bemerkte er neben sich einen jungen Mann mit weißen Haaren der ruhig in seine Decke gehüllt schlief.
Der Hexer sog den Duft der Pferde ein, mit denen die beiden Männer das Nachtquartier teilten. Er erhob sich, ließ Rüstungsjacke und Schwerter zurück und verließ lautlos die Scheune. Das heugefüllte Gebäude stand am Rand eines kleinen Dorfes mit Namen Unterklippe. Einem Einhundert-Seelen-Ort irgendwo im östlichen Redanien.
Vor über einhundert Jahren war Vesemir hier einst durchgekommen. An der Seite des Hexers Jazeck, der ihn und den braunhaarige Knaben vor dem Gruftweib errettet hatte. Der Vater des anderen Jungen war der Dorfschmied gewesen und hatte den Hexer damals beauftragt nach seinem Jungen zu suchen, da zuvor schon einige andere Kinder verschwunden waren. Schnell stieß Jazeck auf die Spuren des Gruftweibes, tötete sie, brachte den Schmiedesohn zum Dorf zurück und kassierte die zuvor ausgemachte Belohnung.
Da jedoch niemand den blonden Jungen kannte oder bei sich aufnehmen wollte und von der herumreisenden Familie weit und breit nichts zu finden war, nahm der Hexer Jazeck den verwaisten Knaben Vesemir mit nach Kaer Morhen - zu der verborgen liegenden Festung in den Blauen Bergen im Norden Kaedwens. Dort sollte Vesemir, da Jazeck ihn als sein Überraschungskind sah, zum Hexer ausgebildet werden.
„Ich bin zu alt für solche Alpträume“, knurrte Vesemir in seinen vorhandenen grau-blonden Schnurrbart. Seine nachtsehenden Katzenaugen fanden sich in der Dämmerung gut zurecht und er schritt zum Bach hinunter, der an Unterklippe vorbei führte. Er suchte sich ein beschauliches Plätzchen, legte sich ins Gras und starrte müde zum verblassenden Sternenhimmel hinauf.

Kaer Morhen war ein gewaltiges Bollwerk, das sich vollkommen an den Berg anschmiegte, aus dessen Felsen die Mauern geschlagen worden waren. Dass sie elfischen Ursprung sein sollte, sah man den kantigen Mauern und dicken Türmen nicht an, zu wuchtig erhob sie sich den näher kommenden Besuchern und grüßte ihn mit furchteinflößendem Flair. Es war der Sitz der Hexer-Wolfschule.
Auf dem Weg dorthin erzählte Jazeck mir vieles über die Ungeheuertöter, den sogenannten Hexern. Er erzählte  auch von der Verwandlung, der Kräuterprobe, dem harten Training auf dem „Pfad“. Legte allerhand Vorteile offen, um mir nicht nur die Angst vor meiner neuen Heimat zu nehmen, sondern um mich regelrecht heiß auf die Hexerausbildung zu machen. Anfangs war ich von der Beweglichkeit und Schnelligkeit, von der Kampfkunst und den magischen Hexerzeichen fasziniert und strebte selbst diese Überlegenheit an.
Doch nach den ersten Einnahmen der besonderen Kräutermischungen und Höhlenpilze, die einem nur Übelkeit und Durchfall bescherten, änderte sich meine Meinung. Aber die ausgebildeten Hexer ließen uns Jungen selten aus den Augen, überwachten die Kinder akribisch und trieben sie tagtäglich zum Ausdauertraining.
Die eigentliche Kräuterprobe fand einige Zeit später statt. Hierzu wurden wir meist acht- bis zehnjährigen Jungen auf einen mit Metallrahmen speziell präparierten Tisch geschnallt. Dann wurden den armen Auserwählten Tränke mit Mutagenen eingeflößt, die ihre gesamte Physiognomie verändern sollten. Wenn sie diese schmerzvolle, mehrere Tage dauernde Prozedur überstanden, begann für sie das härteste Training aller Zeiten. Doch nur jeder vierte Junge überlebte diese Kräuterprobe überhaupt.
Ich überlebte und hatte die Schmach und den Schmerz der Kräuterprobe ganz tief im hintersten Winkel meiner Erinnerungen eingegraben. Wer will sich schon gerne an eine Prozedur erinnern, bei der sich der eigene Körper in Schmerzen, Fieber und Übelkeit nackt in einem Metallrahmen geschnallt windet und das Tage lang? Es gab keine einzige Zelle in meinem Körper, die nicht von den Mutagenen und Absuden verändert wurde.
Viel schlimmer ist es jedoch, dass ich viel zu oft selbst die Knaben auf diesen Tisch gefesselt und ihnen diese abscheulichen Tränke eingeflößt hatte. Ich habe am eigenen Leib das verändernde Leid gespürt und bin Jahrzehnte lang selbst für das Leid anderer Jungen verantwortlich gewesen... und oft genug auch für ihren Tod.
Etwa die Hälfte derer, die diese Kräuterproben überleben, sterben am unerbittlichen Kampf- und Ausdauertraining. Manchmal bricht sich ein angehender Hexer auf dem Pfad das Genick, weil er sich sicher wähnte und ein schwingender Stamm ihn in den Abgrund stieß. Jeder Gang über den Parcour beendete ich mit neuen blauen Flecken und einmal brach ich mir den linken Arm, weil ich auf einem Pflock falsch aufkam und mich das Pendel seitlich in den Graben stieß.
Ein weiterer Teil starb bei den unzähligen Prüfungen. Entweder unterschätzte man die eigene Trittsicherheit im gefährlichen Gelände oder man unterlag den Raubtieren und Monstern, denen man auf dem Prüfungsweg begegnete. Besonders gefürchtet war eine der letzten Prüfungen hinauf zum uralten Kreis der Elemente, dort wurden die frisch erhaltenen Wolfsmedaillons magisch aufgeladen. Um dort hoch zu kommen, musste man so manchen Höhlenpass durchqueren und konnte dort einem Steintroll oder gar einem Riesen begegnen.
Ich hatte allen Schmerz, alle Prüfungen und jeglichen Drill überstanden und war als fertiger Hexer auf Wanderschaft geschickt worden. Erschaffen, um den schwachen Menschen gegen allerart Ungeheuer zu verteidigen. Ausgerüstet mit einem Silber- und einem Stahlschwert, die wie unsere geschlitzten Katzenaugen und das Wolfsmedaillon unverkennbar zu unserem Markenzeichen wurden. Immun gegen jegliche Krankheit, weitgehend Schmerz unempfindlich, steril und mit übernatürlichen Reflexen ausgestattet.
Außenseiter der Gesellschaft und doch unentbehrlich für sie.

„Alter Mann, wach auf!“ Vesemir wurde unsanft aus seinem unruhigen alptraumhaften Schlaf geschüttelt.
Der ältere Hexer setzte sich schlaftrunken auf, blickte zu dem weißhaarigen Jüngling auf. Das Alter Mann verzieh er seinem Schützling, da er es auf seine ganz besondere Art mit viel Respekt in der kalten Stimme von sich gab.
Zudem war Geralt ein ganz besonderes Exemplar von Hexer und Vesemir erkannte in ihm überaus großes Potenzial. Schließlich hatte der Junge in seiner besonderen Ausbildung einiges mehr mitmachen müssen als andere Anwärter.
Eine zweite Kräuterprobe bescherte ihm die pigmentlosen Haare. Auch unterschied sich sein Charakter von dem der anderen und er akzeptierte sein Hexerschicksal mit stoischem Schweigen.
Geralt war für Vesemir sein Überraschungskind. Er hatte den Knaben von seiner Familie fortgeholt, als er sechs Jahre alt war. Er hatte seine Verwandlung überwacht, ihm seine Kräuterprobe und Prüfungen abgenommen, er hatte ihn im Schwertkampf trainiert und zu den Studien der Monsterlogie getrieben. Vesemir war ihm Mentor und Vater zugleich.
Er war immer an seiner Seite gewesen, auch als man an dem jungen Geralt mit der zweiten Kräuterprobe neue Mutagene ausprobierte und sein Leiden auch am fünften Tag nicht enden wollte. Vesemir war keine Minute von seiner Seite gewichen, hatte das Fieber mit kalten Umschlägen bekämpft, ihn in den wenigen wachen Momenten gefüttert und ihn gewaschen, wenn er sich erbrach oder sich unkontrolliert bepisste.
Der ältere Hexer machte sich oft zum Vorwurf, dieser unnötigen Prozedur zugestimmt zu haben. Vor allem weil er damals jede Stunde mit dem Ableben des zu diesem Zeitpunkt Sechzehnjährigen gerechnet hatte. Doch Geralt überlebte auch diese Kräuterprobe, mit sichtlicher Veränderung und sein weißes Haar würde ihm später den Beinamen Weißer Wolf – oder Gwynbleidd, wie ihn die Elfen rufen würden – einbringen.
Vesemir hatte es sich nicht nehmen lassen und war mit seinem Schützling Geralt ein Jahr später von Kaer Morhen aufgebrochen, um den jungen Hexer auf seinen ersten beiden Wanderjahren zu begleiten.
Nun blickte ein hübscher junger Mann auf ihn herunter, dessen nackenlanges Haar offen über die kräftigen Schultern fiel.
Müde lächelte Vesemir ihn an. „Es war nur eine schmerzvolle Erinnerung, Geralt. Dieser Ort birgt das Geheimnis meiner Vergangenheit.“  Vesemir erhob sich, zupfte sich Grasreste aus den grau-blonden Haaren und band das schulterlange Haar zu einem Pferdeschwanz am Hinterkopf zusammen. „Lass uns sehen, wie groß die Gastfreundschaft dieser Leute in Bezug eines Frühstücks ist.“
Die Gastfreundschaft erwies sich als relativ großzügig: ihnen wurde ein Laib Brot, ein Tiegel Schmalz und ein Krug Bier gereicht. Kurze Zeit darauf saßen die beiden Hexer auf der Wiese am Bach, aßen und blickten den Libellen nach, die am Bachufer umherflogen. Neben ihnen grasten ihre gesattelten Pferde und ihre Waffengurte mit den markanten Schwertern lagen daneben.
Geralt stopfte sich das letzte mit Schmalz bestrichene Stück Brot in den Mund und deutete auf die kleinen hellbraunen Schatten, die zwischen den Kiesel einher schwammen. „Was sind das für Fische?“
„Hm“, brummte Vesemir und lenkte seine blaßgelben Augen auf den Schwarm der winzigen Tierchen. „Das dürften Plötzen sein. Zu klein, um in der Pfanne zu landen. Doch für eine Fischsuppe allemal zu gebrauchen. Willst du welche fangen?“
„Plötze“, murmelte der weißhaarige Hexer gedankenverloren vor sich hin. Sein Gesicht blieb stets ernst – Vesemir hatte den Jungen nur sehr selten lachen gesehen. Dann schweifte sein Blick zu der kleinen braunen Stute und die Mundwinkel hoben sich doch zu einem schauerlichen Grinsen. „Plötze“, wiederholte Geralt.
„Was meinst du, mein Junge?“ fragte der ältere, der sich den letzten Schluck aus dem Bierkrug gönnte.
„Ich denke“, erläuterte Geralt, „ich hab nun endlich einen Namen für mein Pferd.“
„Aha.“ Vesemir zuckte desinteressiert die breiten Schultern und beobachtete seinerseits seinen Grauen. Er hatte den Wallach Mondschatten getauft.
Die Sonne schob sich heiß dem Zenit entgegen und eine Handvoll Kinder rannte schreiend zum Bach hinunter, um dort Frösche zu fangen oder die dürren Füße im fließenden Nass zu kühlen. Zwei Knaben rangen miteinander um ein Holzpferd, das nur noch drei Beine hatte, da ein Bein wohl bei einem früheren Streit abgebrochen worden war.
Diese Szene erinnerte Vesemir an ein Ereignis in seiner eigenen Kindheit...

Ich rannte zum unteren Burghof hinab, als ich hörte, dass Hexer zurückkehrten. Mein Atem rasselte, da ich einer der ersten sein wollte, der die heimkehrenden Männer begrüßte. Ich überholte Sôrgén, der ein Jahr älter als ich war und mich immer wieder hänselte. Auch jetzt, als ich an ihm vorbei stürmte, versuchte er nach mir zu schlagen. Geschickt bog sich mein sehniger Oberkörper zur Seite und entging so dem Treffer.
Die beschlagenen Hufe der fünf Pferde hallten im Torgang auf dem steinigen Pflasterweg wider. Dann tauchten die Reiter im Vorhof auf, zeitgleich mit mir, der ich von der inneren Gegenseite angerannt kam. Zuvorderst ritt der älteste der aktiven Hexer: der einäugige Vagnar, er soll über zweihundert Jahre alt sein. Gleich hinter ihm ritt  Jazeck, dessen langes, rotbraunes Haar von einem schwarzen Lederband gebändigt wurde. Ich rannte zu meinem Mentor und griff in die Zügel.
„Reib' Smaragd gut ab und gib ihm Hafer“, befahl Jazeck und wuschelte mir durch meine blonden, in alle Richtung abstehenden Haare. „Dann will ich mir nachher deine Fortschritte ansehen, Vesemir.“
Bei Jazeck sein zu dürfen, war für mich ein Highlight. Doch immer häufiger verließ er Kaer Morhen und kehrte erst im Spätherbst wieder, um nur noch über den Winter zu bleiben.
Ich versorgte sein Reittier und fand den Hexer später in der großen Halle wieder. Dort saß er mit den anderen Hexer der Wolfsschule am riesigen Tisch und stärkte sich bei Bier und gesottenem Gemüse mit Hühnchen. Jazeck befragte meine beiden Lehrer zu meinen Fortschritten, die zwar nicht die besten aber im besseren Durchschnitt lagen. Daraufhin holte er aus seinem Reiserucksack ein Messer von etwa einer Elle hervor.
„Pass auf, es ist sehr scharf“, Jazeck grinste über beide narbigen Backen hinweg. „Du bist groß geworden, Vesemir. Und dein Fleiß unübertroffen. Ich bin froh, rechtzeitig zu deiner Kräuterprobe angekommen zu sein.“
„Danke, Herr Jazeck.“ Ich zog die schlichte Waffe zur Hälfte aus der ledernen Scheide. Unterhalb am Griff wies das Messer eine kleine Kerbe auf und das Metall der Klinge war stumpf, aber das kümmerte mein junges Knabenherz nicht. Ich ließ das Messer zurückschnappen und drückte das Geschenk ehrfürchtig an meine Brust. Dann wurde ich von den Erwachsenen nach Draußen geschickt.
Ich rannte aus dem Hauptkomplex, die Stufen zum oberen Hof hinab und ging zur alten Eiche hinüber, die uns an heißen Sommertagen Schatten spendete. Ich vergaß die Welt um mich und liebkoste Jazecks Geschenk. Bis...
„Was hast du da?“ hörte ich Sôrgén rufen und schon schlenderte er mit zwei seiner innigsten Kumpels zum Baum hinüber, an dessen Stamm ich mich gelehnt hatte.
Missmutig gelang es mir nicht, das Geschenk vor ihm zu verstecken. Als er das Messer sah, stellte er sich provokant vor mir auf – gesäumt von Iean und Lurg – stemmte die Fäuste in die Hüfte, blickte hochnäsig auf mich herunter und verlangte: „Du bist viel zu klein und ungeschickt für so ein tolles Messer. Gib es lieber mir und wir verprügeln dich...“ - er überlegte kurz - „in den nächsten zwei Wochen auch nicht mehr.“
„Jazeck hat es extra für mich mitgebracht. Ich werde es um keinen Preis einem Gossenjungen wie dir geben“, antwortete ich trotzig und umklammerte Scheide und Griff noch fester.
„Du bist auch kein Überraschungskind, sondern nur ein Findling, den niemand wollte und vermisste“, fauchte Sôrgén und boxte mir seine Faust in den Bauch. „Dann hol ich es mir eben!“
Der Schlag trieb mir die Tränen in die Augen, aber als er nach dem Messer greifen wollte, hatte ich es bereits aus seiner Hülle gezogen und rammte es dem hochnäsigen Jungen in die Schulter.
Sôrgén brach brüllend unter mir zusammen. Iean und Lurg rannten schreiend zum Haupteingang. Ihr Lärmen unterbrach die Trainingsübungen. Kinder, Anwärter und Hexer kamen herbei geeilt. Ich stand nur schmollend da, mit dem blutigen Messer in der Hand, das ich wieder herausgezogen hatte, als Sôrgén zu Boden sank. Es war wirklich sehr scharf, stellte ich ungerührt fest.
Der Tumult um uns wurde dichter, mir war es gleich. „Es ist meins“ knurrte ich nur.
Dann nahm sich einer unserer Lehrer des verletzten Sôrgén an und trug ihn fort. Jemand schrie mich an, warum ich das getan hätte! Als ich nicht antwortete wurde mir das blutende Messer aus der Hand gerissen und eine saftige Ohrfeige schlug mich zu Boden und aus meiner Starre. Einen weiteren Schlag hielt Jazeck von mir ab. Er war es auch, der sich nun zu mir herunterbeugte und etwas fragte. Ich weinte, verstand ihn nicht, wollte nur das Messer zurückhaben.
Jazeck zerrte mich wütend auf die Beine und zog mich hinter sich her. Trotzig versuchte ich die Fersen in den Sand zu stemmen, ihm entgegen zu wirken. Unbeeindruckt hob er mich hoch, legte meinen strampelnden Körper über seine mächtige Schulter und trug mich in eines der leeren Lehrräume. Dort stellte er mich auf die Beine, kniete sich zu mir herab und hielt mich an den Händen, dass ich ihm nicht davon lief. „Was ist denn auf einmal in dich gefahren, Vesemir?“ wollte er mit seiner tiefen, grollenden Stimme wissen.
„Ich bin doch dein Überraschungskind?!“ schluchzte ich verzweifelt.

Einer der Jungen hatte den Kampf um das Holzpferd zwar gewonnen, aber das Spielzeug selbst büßte ein zweites Bein ein.
„Wir sollten nicht weiter herum trödeln“, murrte der ältere Hexer im schärferen Ton als sonst, „wenn wir irgendwann in unserem Leben noch Oxenfurt erreichen wollen.“ Er stemmte sich auf die Beine, gurtete sich die Schwerter und schwang sich in den Sattel.
Geralt folgte schweigend seinem Beispiel. Der frischgebackene Hexer war klug genug, um seinen mürrischen Mentor in solchen Situationen nicht zusätzlich mit neugierigen Fragen zu reizen.

Geralt war noch nie in einer Stadt gewesen, daher staunte er sichtlich, als sie Oxenfurt erreichten. Die Temerische Stadt, bekannt wegen ihrer kulturellen Vielfalt von Magie und Poesie, war nicht annähernd so groß wie beispielsweise Novigrad, erstreckte sich aber über zwei große Inseln im westlichen Pontar. Wuchtige Steinbrücken führten über den Grenzfluss und in die ruhmhaften Gossen, die in späteren Jahren ein berühmter Poet namens Rittersporn seine Heimatstadt nennen würde.
„Schließ' deinen Mund, Geralt“, fügte Vesemir grinsten an, „bevor die Mücken hineinfliegen.“ Ihm war es sicher ähnlich ergangen, als er zum ersten Mal Wyzima betreten hatte.
Obgleich in den Straßen genug Soldaten, bewaffnete Bürger und Anderlinge herumliefen, fielen die beiden Hexer auf und ernteten misstrauische, manchmal sogar verachtende Blicke.
An den unteren Docks fanden sie eine kleine Spelunke, namens Schwarzer Fischkopf, die auch noch ein freies Zimmer an sie vermietete. Ihre Pferde mussten sie zuvor bei einer Gutsstation für Reisende außerhalb der Stadt lassen. Deren Unterbringung verschlang die meisten Orens und Vesemirs Säckel leerte sich bedenklich.
Neben dem Eingang des Schwarzer Fischkopf, fand sich ein Aushangbrett mit Angeboten und Suchanzeigen. Vesemir sah die Aushänge durch, aber nichts schien davon lukrativ für ein Hexerduo zu sein. „Auf dem großen Marktplatz haben wir vielleicht mehr Glück. Doch das sehen wir uns morgen an. Komm, Geralt und überlass' mir das Reden.“
Im Innern des Schwarzer Fischkopf herrschte ein wenig Betrieb und so manches Gespräch verstummte, als die beiden Hexer zu einem der leeren Tische schlenderten. Vesemir bemerkte sowohl die verachtenden Blicke der Menschen, (die er gewohnt war) als auch den sorgenvollen Blick des weißhaarigen Hexers. Väterlich legte er dem Siebzehnjährigen die behandschuhte Hand auf die Schulter und dirigierte ihn zu seinem Platz. „An diese Reaktionen wirst du dich gewöhnen müssen, mein Junge. Je größer eine Ortschaft, umso unverblümter schlägt dir die Freundlichkeit, die uns Hexern entgegengebracht wird, entgegen. Die meisten Menschen erkennen unsere Nützlichkeit für die Gemeinschaft nicht an.“
„Warum helfen wir ihnen dann überhaupt?“ brummte Geralt leise.
„Es ist unsere Bestimmung. Wir sind nun einmal dazu erschaffen worden. Monster gieren nach dem Blut der Menschen und wir töten diese Monster.“
Mit ernstem Gesicht trat der Wirt heran, seine drecktrotzende Schürze kündigte mit ihren schwarzen Flecken und dem stark fischigem Geruch an, dass zu der Hauptspezialität des Hafengasthofs eindeutig auch schwarzer Fisch zu zählen schien.
Bevor der Wirt ihnen eine verbale Abfuhr erteilen konnte, zog Vesemir einen Silbertaler hervor und bestellte mit ruhiger, gelassener Stimme: „Ein Zimmer für die Nacht, je ein Krug mit Wasser und einen mit Wein und zwei Teller gebratenem Fisch, dazu Brot und saure Grütze.“
Kurz zögerte der Wirt, steckte das Geldstück ein, als die Gespräche im Raum wieder aufgenommen wurden. Anscheinend waren bisher noch keine Individuen zugegen, die sich mit den beiden Hexer anlegen wollten.
Den Rotwein verdünnte Vesemir mit dem Wasser und das bestellte Essen war genießbar. Das angemietete Zimmer war kaum größer als ein Verschlag, in dem die beiden Männer gerade mal so Platz fanden sich für die Nachtruhe in ihren Decken auszustrecken.
Sonst erinnerte der Raum eher an das vergitterte Erdloch, in dem Vesemir als Strafe, dass er Sôrgén das Messer in die Schulter gestoßen hatte, eine Woche eingesperrt worden war. Zu seinem Unglück regnete es an zwei Tagen fast unerlässlich und sein Gefängnis füllte sich hüfthoch mit kaltem Wasser.
Der Alptraum seiner Kindheit drohte ihn zu ertränken, doch Vesemir erwachte, die rechte Hand krallte sich in die schlecht verputzte Wand. „Ich bin zu alt für solche Alpträume“, murmelte der vernarbte Hexer.
„Willst du ihn mir erzählen?“ fragte nach kurzem Schweigen der junge Geralt leise. Die heftigen Bewegungen seines Mentors hatten auch ihn aus dem Schlaf gerissen.
Beide Männer lagen in ihre Decken gehüllt auf den Holzdielen und starrten an die Decke. Ihre mutierten Augen filterten das Restlicht und sie konnten das rhythmische Arbeiten einer Spinne beobachten, die ein neues Netz webte.
„Ich erinnere mich nicht mehr“, wisperte Vesemir, drehte sich auf die Seite und war nach wenigen Atemzügen eingeschlafen.



Das Schloss im Wald

Die Heimstätte der Hexer, Kaer Morhen, war eine kalte, schlichte Festung, dem das zweistöckige Bürgerhaus mit wohnlich warmem Luxus, mit dunklen Edelhölzern und weichen Teppichen entgegen hielt. Vesemir musste den weißhaarigen Jüngling erneut daran erinnern, seinen erstaunten Mund zu schließen, bevor irgendwelche Insekten hineinflogen. Aber wenn der ältere Hexer auch gegenüber sich selbst ehrlicher gewesen wäre, hätte er sich in seiner geflickten, zusammengesuchten Rüstung genauso deplatziert gefühlt, wie der um hundert Jahre jüngere Hexerneuling.
Der Diener, der sie naserümpfend ins Haus eingelassen hatte und nun Meldung bei der Herrin  machte, ließ sie im Flur stehen.
Vesemir wartete geduldig und verzog keine Miene. Während Geralt neugierig die Treppe hinauf starrte, als von der oberen Brüstung ein unterdrücktes Mädchengekicher zu hören war. Schließlich lugten zwei blasse hübsche Jungfrauengesichter zwischen der gedrechselten Holzverkleidung hindurch. Die geübten Katzenaugen der Hexer registrierten sofort, dass es sich bei den etwa vierzehnjährigen Töchtern des Hauses um eineiige Zwillinge handelte. Und obgleich die aufgeregten Jungfrauen in Aufregung der bewaffneten Monsterjäger flüsterten, konnte das feine Gehör dieser mannhaften Aufregung jedes Wort verstehen.
Und es wurde eifrig über die gefährlichen Schwerter, die kräftigen Körper, die Narben des älteren und das außergewöhnlich hübsche Gesicht des jüngeren mit seinem außergewöhnlich weißen Haar diskutiert.
Geralt rückte, unangenehm berührt, hinter seinem Mentor zurück und fixierte seinen Blick auf die außergewöhnliche Maserung der Kirschholztäfelung an der Wand zu seiner Linken.

Einfältige Gören, dachte Vesemir zähneknirschend und erinnerte sich an eine unangenehme Episode aus seiner Jugend...
Es geschah im ersten Wanderjahr, nach meiner Umwandlung zum Hexer, ich war kaum älter als achtzehn Jahre alt gewesen. In Kaer Morhen gab es das weibliche Geschlecht überhaupt nicht, umso unerfahrener und naiv begegnete ich ihnen damals. Der Anblick eines nackten Frauenkörpers war mir zwar nicht gänzlich unbekannt, aber er brachte mich stets in die allergrößte Verlegenheit.
Der Zufall wollte es, dass ich eines heißen Sommertages von dem fröhlichen Lachen der Mädchen angezogen wurde, die zum Fluss hinuntergegangen waren, um die Wäsche zu waschen. Nicht lange und sie planschten im hüfthohen Wasser und ihre schlichte Unterwäsche klebte auf ihren rosigen, rundlichen Körpern. Ich kam nichtsahnend die Uferböschung hinunter und sah mich unerwartet ihren engelsgleichen Spiel gegenüber. Ihr Anblick bannte mich und ich musste einige Zeit gaffend am Ufer gestanden haben, bis die vier Bauernmädchen mich entdeckten und ihr empörtes Geschrei mich zu verjagen suchte.
Hätte meine Mutation es zugelassen, dass ich rot wurde, ich wäre am liebsten krebsrot im Boden versunken. So blieb mir nichts, als unelegant die rutschige Böschung hinauf zu stolpern und mich davon zu machen.
Kurz darauf traute ich mich zurück auf den Weg. Ein mit Feldern von Sonnenblumen und Mais umsäumtes Bauerndorf lockte mich und da es bald Abend wurde, wollte ich um ein Nachtquartier fragen. Die Gegend war so idyllisch, dass ich hier sicherlich keine Arbeit für einen Hexer finden würde.
Jemand kam mir von der Obstbaumwiese entgegen gelaufen und ich erkannte in dem blonden Mädchen eines der badenden Wäscherinnen wieder. Sie holte mich ein, lächelte mich an. Ihre blauen Augen funkelten, als sie sagte: „Hat dir gefallen, was du vorhin gesehen hast?“
Zögernd nickte ich.
„Bist du ein Soldat?“ Sie hatte meine Rüstung und die beiden Schwerter bemerkt.
„Ich bin ein Hexer“, gestand ich ihr, „ich heiße Vesemir.“
„Ich bin Genda“, antwortete das hübsche Mädchen, nahm mich bei der Hand und führte mich zwischen den prallen Obstbäumen hindurch. „Willst du mehr sehen?“ Ihr Hand fuhr in ihr Mieder, streichelte liebevoll den Ansatz ihres zart-rosigen Busens.
Mein Nicken kam nun weniger zögerlich.
„Dann zeig mir, was ein Hexer, außer seinen beiden Schwertern, noch zu bieten hat.“ Sie lachte verheißungsvoll und mein Waffengurt fiel bereits ins hohe Gras.
Ich fingerte an den Schnallen meines Wamses herum, sie half mir und warf das Kleidungsstück, gefolgt von den beiden Stiefeln, weit von sich. Hemd und Hose landeten ebenfalls sehr schnell zwischen den Wiesenblumen. Genda lachte, tänzelte die ganze Zeit um mich herum und fingerte mir geschickt die Kleider vom muskulösen Leib. Es dauerte nur wenige Minuten, da stand ich entblößt vor ihr.
Ich griff nach ihr, denn nun sollte sie an der Reihe sein ihren Körper zu entblättern. Und gerne wollte auch ich ihr dabei so eifrig helfen, wie sie es bei mir getan hatte.
Doch sie entwand sich meinem grapschenden Griff und hinter den Bäumen kamen plötzlich die anderen drei Mädchen herbeigelaufen. Sie lachten lauthals und griffen sich meine Habseligkeiten. Sie schwangen meine Hose und die Stiefel über ihre Köpfe, lachten mich aus und rannten zwischen den prallen Obstbäumen davon. „Hol dir deine Sachen am Dorfbrunnen ab“ rief mir Genda noch entgegen, bevor sie mit meinem Hemd und der unschicklichen Unterhose entschwand.
Sie hatten mich hereingelegt und beschämend dafür bestraft, dass ich sie bei ihrem Bad angegafft hatte. Und das einzige das sie mir gelassen hatten, war der Waffengurt mit meinen Hexerschwertern. Ich muss wohl niemanden erzählen, wie peinlich mir mein nackter Auftritt in dem Dorf war. Ich wartete den Sonnenuntergang ab und bedeckte meinen Schritt mit einem Efeugeflecht, das ich unterwegs abgerissen hatte. Einen wesentlich älteren Hexer wäre eine solche Peinlichkeit sicherlich nicht passiert, aber ich war damals gerade jungfräuliche  achtzehn gewesen. Unerfahren.
Ich erreichte die kleine Siedlung und es begann ein Spießrutenlauf bis zum Brunnen. Dort wartete Genda breit grinsend und hatte meine Kleider vor sich am Boden liegen. Die Bewohner – der Name des Dorfes war mir längst entfallen und wollte mir auch nie wieder einfallen – amüsierten sich köstlich, lachten und scherzten lauthals über mich.
Es war wohl ein großes Glück für mich, dass ich nicht Rot werden konnte. Ich ging ruhig zu dem wartenden Mädchen hin, schwieg als ich meine Kleider aufhob und verließ dann mit den gleichen ruhigen Schritten wieder das Bauerndorf. Erst als ich sicher war, dass ich aus den hämisch lästernden Blicken der Bewohner verschwunden war, rannte ich in die Schatten eines Baumes und kleidete mich dort hastig an. In dieser Nacht fand ich sehr spät Schlaf und schlug mein Nachtlager unter freiem Himmel, weit fort jeglicher menschlicher Siedlung, auf.

Endlich kehrte der Diener zurück, die Zwillinge verschwanden  in ihr Zimmer im ersten Stock  und die Hexer wurden in den Salon geführt, in dem die alternde Hausherrin würdevoll auf sie wartete. Jedenfalls versuchte sie Würde zu bewahren, bis Vesemir ihr den Brief entgegen hielt, den er am Aushang am großen Marktplatz gefunden hatte.
Weinend brach sie auf der Chaiselongue zusammen, tupfte sich anmutig mit einem Spitzentuch die Tränen von der bebenden Wange.
Vesemir kniete neben ihr nieder, sprach sie sanft an und zeigte so sein Mitgefühl – das unwissende Leute den Hexern ebenfalls ableugneten. Geralt blieb verlegen an der Tür stehen und erhielt vom Diener einen kritischen Blick zugeworfen.
„Bitte, meine edle Dame, erzählt mir von eurem Problem“, mahnte Vesemir geduldig.
Die Herzogin Evina von Grünwalden fasste sich theatralisch an das üppig ausgestattete Dekolleté und zog sich eine rehbraune Haarsträhne zurück auf den Hinterkopf, wo die restlichen Haare ein kompliziertes Duttgeflecht bildeten. „Ich weiß gar nicht so recht, wo ich beginnen soll. Ach, vermutlich ist es längst zu spät und mein armes Lämmchen ist längst verloren.“
„In eurer Suchanzeige wurde der Verdacht geäußert, dass eure Tochter von einem Untier der Nacht entführt wurde. Könnt ihr vielleicht genauer erklären, was damit gemeint ist?“
„Natürlich, Herr Hexer“, wieder lenkte die besorgte Mutter die Aufmerksamkeit auf ihr Dekolleté, indem sie ihre hervorquellenden Brüste mit groß-beringten Fingern tätschelte. „Mein Mann macht... äh, machte in Edelsteinen. Auf seiner letzten Rückreise aus Mahakam kürzte er ab. Das Stückchen Wald war verflucht, das wusste jeder, aber dieser dumme Trottel hatte so große Sehnsucht nach seiner Familie, dass er den Kutscher zwang, den verbotenen Weg zu nehmen. Ach, wäre er doch nur darum herum gefahren, dann wäre er diesem verfluchten Unhold nie begegnet und mein süßes Töchterlein wäre noch bei uns und mein Mann nicht tot. Jedenfalls gerieten plötzlich die Kutschpferde in Panik. Mein armer Ehemann wurde herausgeschleudert, als er nach dem Rechten fragen wollte und da bereits die Nacht hereingebrochen war, verirrte sich mein Liebster.
Er fand die Tore eines verwunschenen Anwesens, die ihn auf magische Weise öffneten und einließen. Ach, hätte er doch nie einen Fuß in dieses finstere Schloss gesetzt. Aber in seiner Not war mein lieber Fridolin froh, ein Dach gefunden zu haben. Vor allem, da es auch noch bewohnt schien, denn eine Tafel mit den köstlichen Mahlzeiten erwartete ihn und es dauerte nicht lange, da tauchte auch der Hausherr des Palastes auf. Laut seiner Erzählung soll es sich hierbei um einen edlen Herrn mit königlichem Aussehen gehandelt haben. Sie unterhielten sich lange bis weit nach Mitternacht. Fridolin erzählte diesem Grafen von uns, pries besonders seine erblühten Drillingstöchter. Der Gastgeber lauschte aufmerksam, fragte nach, aber verriet kein Sterbenswort über seine eigene Person. Schließlich überkam meinem Mann die Müdigkeit und der Graf führte ihn in eines der unzähligen, ungenutzten Schlafzimmer. Bei seinem Abschied überreichte er meinem armen Fridolin einen makellosen taubeneigroßen Saphir.“ Die Herzogin stockte in ihrer Erzählung, holte tief und lange Atem.
„Euer Mann erwachte am anderen Morgen und entdeckte im Schloss noch weitere kostbare Edelsteine. Er jedoch konnte nicht widerstehen und steckte noch einige mehr davon ein?“ erläuterte Vesemir anschließend, der genau ahnte, wie die Geschichte endete.
Evina von Grünwalden nickte. „Verflucht seien die Gier meines Ehemannes, auch wenn er nur einen Rubin und einen weißen Diamanten mit einsteckte. Unbescholten konnte mein Liebster das Schloss verlassen und fand bei Tage die Straße, auf der ihm sein Kutscher entgegen kam, der erst – nachdem er die Nacht abgewartet hatte – mit seiner Suche begonnen hatte. Fridolin kehrte beladen mit drei besonderen Edelsteinen aus diesem verfluchten Schloss zu uns zurück. Doch bereits in der ersten Nacht plagten ihn Alpträume. In den folgenden Tagen wurde er immer kränker. Etwas laugte ihn aus, doch die Heiler, die ich kommen ließ, fanden keine Erklärung für sein Siechtum. Nach einer Woche hörten die Alpträume plötzlich auf, aber die jüngste meiner Töchter klagte nun über unruhigen Schlaf. Dann vor nun mehr als zehn Tagen entführte irgendwer Rosina, die zuletzt geborene meiner Drillinge. Mein Mann in seinem geschwächten Zustand verkraftete diese Nachricht nicht und verstarb. Er beschuldigte auf dem Sterbebett den Grafen aus dem verfluchten Schloss. Und auch ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Mann sich an uns rächte. Mir die liebste Tochter raubte, weil mein verstorbener Ehemann ihm diese Edelsteine stahl.“
„Hat jemand versucht, zu diesem Schloss im Wald zu fahren und dem Grafen sein gestohlenes Gut im Tausch gegen das Mädchen zu übergeben?“
Die Witwe schüttelte theatralisch den Kopf. „Niemand hatte den Mut, darum bat ich meinen Diener diesen Aushang anzubringen. Ehrenwerte Hexer-Herren, werdet ihr einer allein gelassenen, trauernden, hilflosen Frau helfen?“ Sie klimperte mit den verweinten Augen.
Vesemir erhob sich grübelnd und er hatte einen herrlichen Einblick von hier oben auf ihr bebendes Dekolleté. Der erfahrene Hexer war Manns genug, um geflissentlich darüber hinweg zu sehen, während Geralt bei der langen Erzählung seinen Blick permanent auf das geometrische Muster des dreifarbigen Teppichs gerichtet hatte und letztendlich zu dem Schluss kam, dass grau-weiß-rote Dreiecksmuster in ihm Erinnerungen an dunkle Höhlen voller Nekrophagen hervorriefen.
„Haben sie die drei Edelsteine aus dem Schloss noch?“ wollte Vesemir geschäftstüchtig wissen.
Die Herzogin rollte mit den Augen und antwortete mit einem knappen: „Nein, ich bedauere.“
„Wisst ihr in etwa die genaue Lage des verfluchten Schlosses, beziehungsweise des darum befindlichen Waldes?“
„Oh, da wird ihnen sicherlich unser Kutscher Hanso weiterhelfen können. Ich werde nach ihm rufen lassen.“ Und mit einem kurzen Befehl schickte sie ihren Diener los.
Als der die Tür zum Salon öffnete, ertappte er dabei die verbliebenen zwei Drillingstöchter, die sich heruntergeschlichen hatten, um zu lauschen. Geralts geschärfte Sinne hatten sie längst bemerkt und nun war er gezwungen seine ausgiebige Betrachtung der Einrichtung aufzugeben.
Vesemir winkte den beiden Mädchen und bat sie herein. „Vielleicht haben die jungen Damen etwas Auffallendes an ihrer verschwundenen Schwester bemerkt? Hatte sie vielleicht winzige Male am Hals? Oder vertraute sie ihnen den geheimen Besuch eines nächtlichen Verehrers an?“
Die beiden hübschen Jungfrauen zwängten sich an dem jungen Geralt vorbei und verschlangen ihn regelrecht mit ihren gierigen Blicken.
„Kommt herbei, erzählt es mir“, forderte Vesemir eindringlicher, der den mysteriösen Fall immer mehr zu interessieren begann. Zudem schienen hier edle Damen in ernsthafter Not zu sein.
„Das sind meine Töchter Carmen und Sybille, die einzigen, die mir noch geblieben sind.“ Wieder tupfte sich die Herzogin Krokodilstränen in das Spitzentüchlein. „Habt keine Angst vor diesen ehrenwerten Herren.“
Schließlich überwand Carmen, sie war die Erstgeborene der goldblonden Jungfrauen-Drillinge, ihre scheue Aufgeregtheit. „Kurz nachdem es unserem armen Vater etwas besser zu gehen schien, kränkelte unsere liebe Schwester. Eines Morgens erzählte sie mir, dass sie träumte ein dunkel gekleideter Edelmann stehe in ihrem Zimmer. Aber sie wisse nicht, was er mit ihr machte, denn er legte einen tiefen Schlafbann auf sie. Und wenn sie am Morgen erwachte fühlte sie sich völlig erschlagen, als hätte sie die ganze Nacht doch kein Auge zugetan.“
„An ihrem Hals bemerkte ich keinerlei Male“, wandte Sybille ein, „aber ich entdeckte nahe ihres Herzens einmal nur kurz einen sonderbaren Bluterguss. Ich dachte zunächst an eine Täuschung und habe es ignoriert und schnell vergessen.“
„Ich danke den jungen Damen für ihre Mithilfe und ich ahne, wer Rosina entführt hat. Sie verschwand vor zehn Tagen?“ Die drei Damen nickten hoffnungsvoll mit den frisierten Köpfen. „Mit etwas Glück lebt sie noch und wir können sie aus den Fängen dieses Grafen befreien. Komm Geralt, wir müssen dringend mit dem Kutscher Hanso reden.“

Kutscher Hanso zeigte ihnen auf der zerschlissenen Karte, die Vesemir stets mit sich führte, wo sich das verfluchte Waldstück befand. Der alte Hexer kannte sogar das angeblich verfluchte Schloss darin. In aller Eile verließen sie Oxenfurt, holten ihre Pferde von der Gutsstation und überquerten den Pontar über die Oxenfurter Brückenanlage. Sie mussten sich nordöstlich halten.
„Es muss mehr als fünfzig Jahre her sein“, gestand Vesemir seinem jungen Schützling, während sie im strengen Trab der staubigen Straße folgten, „als Vagnar den Fluch von dem Herrn des Schlosses nahm. Seitdem steht es leer. Ich wundere mich, dass dieses Schloss nicht längst völlig zerfallen und vom Wald zurück erobert wurde.“
„Vielleicht ist dort tatsächlich jemand eingezogen?“ fügte Geralt naiv ein.
„Unsinn, kein normaler Mensch zieht freiwillig in ein verwunschenes Geisterschloss.“
„Sagtest du nicht gerade, Vagnar hätte es entzaubert?“
Nach zwei Stunden scharfen Rittes erreichten sie den dicht wuchernden Wald. Dämmerlicht umfing sie, als sie ihre unruhig werdenden Pferde hineintrieben. Vögel zwitscherten, Insekten summten und zirpten, Wind raschelte in den immer grünen Baumkronen und hin und wieder hörte man ein Huftier durchs Dickicht brechen. Alles sehr gewöhnliche Geräusche für einen Wald, fanden die Hexer. Er roch auch ziemlich gewöhnlich nach Laub, Moos, Pilzen und leichtem Moder. Trotzdem warnte sie ihr Instinkt.
Ihre Medaillons vibrierten erst, als sie sich dem zerfallenen Schloss näherten. Inzwischen war die Nacht angebrochen und sie fanden die tiefen Abdrücke im getrockneten Morast, der ihnen bewies, dass der Edelsteinhändler Fridolin von Grünwalden tatsächlich vor einigen Woche hier gewesen sein musste.
„Du vermutest einen Vampir?“ fragte Geralt, als sie ihre Pferde sorgfältig am Tor anbanden.
Vesemir nickte. Sie gurteten sich ihre hexertypischen Silberschwerter um und schritten auf das düstere Herrenhaus zu. Ihre nachtsehenden mutierten Augen behielten die Schatten im Blick, bemerkten den schwachen Lichtschimmer, der vom Inneren des halbverfallenen Hauses durch die offenstehenden Eingangstür fiel.
„Es ist jemand zu Hause“ flüsterte der junge Hexer überflüssigerweise, denn sein erfahrener Mentor hatte längst seine silberne Waffe gezogen. Das leise schleifende Geräusch, als das Schwert aus der Lederscheide gezogen wurde, als Geralt es ihm nach tat, durchbrach die unangenehme Stille. Ihre Schritte waren auf dem grasigen Boden kaum zu hören.
Wie substanzlose Schatten näherten sich die beiden Männern der imposanten Ruine. Das Glas in den Fenstern war längst zersprungen, die Läden hingen schief herab und der Putz blätterte von den breiten Backsteinen. Im Fachwerk hatten sich Insekten eingenistet und verlassen hingen Schwalbennester unter den Giebeln. Efeu wucherte die Mauer empor und nahm fast die ganze linke Seite ein. Das Anwesen bot keinen einladenden Charakter und doch stand der Eingang weit genug offen, dass die beiden Hexer problemlos ins Innere schlüpfen konnten.
Der Vorraum wurde nur vom Staub der Zeit und dichten Spinnweben möbliert. Finster führte eine Treppe in den oberen Stock und drei Türen wiesen auf die ebenmäßigen Räumlichkeiten hin. Am Aufstieg vorbei lockte sie der schwache Lichtschimmer zu einer Spaltbreit offen stehenden Tür. Vesemir führte sie an, seine langsamen lautlosen Bewegungen waren zielsicher darauf gerichtet. Geralt folgte, wegen seiner unerfahrenen Jugend, zögerlicher und aufgeregter.
Der Grau-blonde schob die Tür weiter auf und spähte in den Raum dahinter. Eine Art Salon mit einem kalten Kamin, einem wurm-zerfressenen Tisch, um den sich vier gepolsterte Stühle drapierten, offenbarte sich seinem prüfenden Blick. Das Polster war noch angegriffener als der Tisch, auf dem ein fünfarmiger Kandelaber brannte und ein großes Tablett mit knusprig gebratenen Fleischstücken dampfte. Sie wurden erwartet, wie vor einiger Zeit der adlige Kaufmann ebenfalls erwartet und empfangen worden sein musste.
Keine weiteren Möbel befanden sich in dem von Staub der Zeit gekleideten Zimmer. Vesemirs Blick durchstreifte die schattigen Ecken, außer ihnen schien niemand weiteres anwesend zu sein. Geralt trat an den Tisch, beäugte misstrauisch die wohlriechende Mahlzeit.
„Zartes, frisches Hasenfleisch“, erklang die voll tönende Stimme eines Mannes, der kurz darauf aus den Schatten trat und mit einem Krug und zwei Zinnkelchen ausgerüstet war. Er trug Schwarz und hatte das markante Aussehen eines Edelmannes mit nackenlangem, schwarzem Haar. Die Augen jedoch lagen wie zwei dunkle Seen im tiefsten Schatten.
Deutlich spürten die Hexer das warnende Vibrieren ihrer Wolfsmedaillons unter ihren Wämsern. War dieser Mann ein Zauberkundiger oder doch ein vampirisches Geschöpf der Nacht?
„Willkommen, meine Herren.“ Der Gastgeber stellte Krug und Kelche neben das dampfende Tablett und fingerte sich eines der Fleischstücke heraus und ließ es in seinen Mund verschwinden. Ein einladendes Lächeln folgte und die Hexer bemerkten die Zahnreihen weißer, normaler Zähne – aber das musste nichts heißen, so manches Monster versteckte sich im Mantel einer menschlichen Gestalt. „Greift zu, es ist nicht vergiftet.“
„Danke, aber wir sind nicht hungrig“, gestand der ältere der Ungeheuertöter, während Geralt das Knurren seines hungrigen Magens zu unterdrücken versuchte. Seit dem Frühstück hatten sie nichts mehr zu sich genommen. „Sie haben uns erwartet?“
„Ich dachte mir, dass die Herzogin von Grünwalden irgendwann irgendjemanden hierher schicken würde“, gestand der dunkle Graf und behielt die Sitzgruppe zwischen sich und den Hexern, deren silberne Schwerter im Kerzenschein blitzten.
„Dann ist es auch nicht notwendig, lange um den heißen Brei herumzureden“, knurrte Vesemir boshaft. „Bitte übergebt uns Rosina von Grünwalden.“ Er gab Geralt ein kurzes Zeichen, sie teilten sich.
„Bedauere, aber das kann ich nicht tun“, wandte der Edelmann ein und trat zurück.
Die Hexer sprangen am Tisch vorbei, Geralt stieß dabei einen Stuhl zur Seite, doch der Vampir war einen Herzschlag flinker. Der Schatten, aus dem er zuvor getreten war, nahm ihn auf. Verschluckte ihn und fort war er.
Vesemir fluchte.
Geralts Klinge durchschnitt die Luft. „Wie macht der das?“
„Ein höherer, vermutlich auch verdammt alter Vampir“, brummte Vesemir. „Die haben noch andere nette Tricks auf Lager. Bleib also extrem wachsam, mein Junge!“
Sie entschlossen sich, das Haus gründlich zu durchsuchen und arbeiteten sich gemeinsam von den oberen Räumen bis runter in den Keller vor. In den gelangten sie durch eine Falltür im Küchentrakt. Aber nicht einmal dort fanden sie das geringste Anzeichen einer sargartigen Ruhestätte eines Hochvampirs. Auch von dem geraubten Mädchen fand sich nichts.
„Ich verstehe das nicht“, murmelte Vesemir, als sie sich nach ihrer erfolglosen Suche im Vorraum des Herrenhauses eingefunden hatten. „Haben wir etwas übersehen?“
„Oder er täuscht uns mit so starker Magie, dass selbst unsere Medaillons seinen Zauber nicht durchdringen kann?“
„Vielleicht“, brummte der ältere, „aber dann müssen wir uns deutlich besser auf den Hundsfott vorbereiten. Komm Geralt, die Nacht ist noch lang genug. Genehmigen wir uns einige Tränke.“

Mit Schwarzes Blut, Katze und Schwalbe im Organismus schlichen sich die Hexer in die unbewohnt scheinende Ruine zurück. Sie trennten sich und der junge Geralt nahm sich das obere Stockwerk vor, während Vesemir im Erdgeschoss verblieb.
Geralt fluchte lautlos, als eine morsche Stufe unter seinem Gewicht einbrach. Das Geräusch erschien überlaut, aber da täuschte ihn sein über-feines Gehör. Er erstarrte. Lauschte. Doch es blieb unverdächtig still. Nach kurzer Zeit und mit noch größerer Vorsicht setzte er seinen Weg nach oben wieder fort.
Den jungen Hexer empfing ein schummrig-staubiger Korridor, in dem ihn vier türlose Münder stumm entgegen schrien. Ein flackernder Lichtschimmer lockte Geralt zum ersten Raum auf der rechten Seite.
„Komm näher, junger Hexer.“ Mehr ein Flüstern in seinem Kopf, als gesprochene Worte. „Hilf mir!“
Die Zimmertür lag zerbrochen hinter dem Eingang und der junge Krieger wäre fast darüber gestolpert. In allerletzer Sekunde bemerkte er das morsche Holz und mit einem beherzten Satz stand er einen Herzschlag später am Rand eines modrigen Bettes. Neben dem Kopfteil leckten zwei Stumpenkerzen nach staubigen Spinnweben und warfen ihr unruhiges Licht auf ein schlafendes Mädchen.
Geralt blickte in das nette Antlitz das er schon kannte, goldblondes Haar umrahmte es. Er hatte Rosina von Grünwalden gefunden.
Zögerlich strich er über ihr Gesicht und prüfte ihren Atem. Er stellte fest, dass sie in einem tranceartigen Schlaf liegen musste, denn sie reagierte weder auf seinen Ruf, noch auf seine Berührungen.
Der Hexer schob das Silberschwert zurück in die Lederscheide am Rücken und hob sich das Mädchen auf die Arme. Sie war nicht viel jünger als er und wog erstaunlich wenig. Ihr Kopf ruhte an seiner Halsbeuge, Arme und Beine hingen schlaff herunter. Vorsichtig schritt er an den Trümmern vorbei, als eine kaum merkbare Bewegung durch ihren Körper ging. Kurz darauf spürte er ihren kalten Kuss am Hals, als sie ihre langen Fänge in seine Schlagader schlug und hungrig sein Blut zu saugen begann.

Instinktiv wandte sich Vesemir der Küche zu, fand dort den Abstieg in den kellerartigen Verschlag – bestehend aus zwei nachfolgenden Räumen, in denen einen normalgroßer Mann geradeso zu stehen vermochte. Im hinteren, der ihm zuvor verborgen gewesen war, fand der grau-blonde Hexer eine sargartige Holzkiste. Mit seinem Feuerzeichen Igni verbrannte er die leer vorgefundene Schlafstätte des höheren Vampirs.
„Wo bist du abgeblieben, Bastard“, knurrte Vesemir und mit einem lauten Krachen fiel über ihm die Kellerluke zu. Ein schauerliches Lachen folgte.
Doch bevor die Luke verstellt werden konnte, warf Vesemir sein Aard entgegen. Die Energiewelle  zerschmetterte das alte Holz in tausend Stücke und der Hexer sprang die kurze Leiter hinauf. Der Vampir verschwand im Schatten des Korridors, Vesemir eilte ihm mit gezücktem Silberschwert hinterher.
„Du kannst mir nicht entkommen“, rief der Hexer und sein vibrierendes Wolfsmedaillon wies ihm die Richtung.
Die Antwort darauf war ein grollendes Fauchen und aus dem Schatten flog eine schauderliche Kreatur heran. Eine geifernde riesige Fledermaus mit messerscharfen Klauen und Fängen, die dem Hexer in Stücke zu reißen gedachten. Ein Katakan, der im Schatten geboren war und sich unglaublich schnell bewegte.
Doch auch der mutierte Kämpfer durfte nicht unterschätzt werden. Vesemir rettete sich mit einem beherzten Sprung nach Vorne vor dem ersten Angriff des verwandelten Vampirs. Der Katakan setzte sofort nach und der Hieb schleuderte den Hexer gegen die Wand. Vesemir drehte sich, entkam, indem er sich durch die nächste Türöffnung zwängte, bevor der muskulöse Arm mit dem ledernen Flügel daran, ihn getroffen hätte. Putz bröckelte von der Wand und die Holzdielen knarrten, als das Schattengeschöpf ihm folgte.
Vesemir stieß ihm sein Silberschwert entgegen. Mit einem verachtenden Knurren schlug der Katakan die Klinge aus seiner Bahn. Feiner Rauch stieg auf, wo die scharfe Schneide den harten Arm des Vampirs unbedeutend verletzt hatte.
Schon musste sich der Hexer auf den nächsten Angriff einstellen, der diesmal in seinem Rücken erfolgte. Das Hexerschwert surrte durch die Luft. Der Katakan verfestigte sich an einer anderen dunklen Stelle und griff den Hexer von links an. Nur Vesemirs instinktive Reaktion rettete ihm davor, dass ihm nicht der Arm abgerissen wurde. Er spürte den Schmerz nicht, als er mitsamt eines morschen Schrankes zu Boden stürzte und dann erfüllte der markdurchdringende Schrei eines Mädchens das alte Herrenhaus.
Der Katakan verharrte nur einen Augenblick im Echo des Schreies. Der genügte, damit Vesemir ihm sein Silberschwert in die Brust jagen konnte. Das Todesbrüllen des Vampirs war kürzer, aber noch lauter als der Schrei des Mädchens. Zurück blieben die schnell faulenden Überreste einer großen, zweibeinigen Fledermaus.
„Ich werde langsam zu alt für diese Duelle“, murmelte Vesemir, zog seine Waffe aus dem Kadaver und steckte sie zurück in die Lederscheide, nachdem er sie gesäubert hatte. Einige Minuten verweilte er, zu Atem kommend, doch ohne Anzeichen von Erschöpfung.
Der Hexer trat in den Gang hinaus und lauschte. Sein feines Gehör nahm das schnelle Atmen zweier Personen auf. Schritte näherten sich der Treppe und stiegen nach unten. Vesemir ging ihnen entgegen.
Schon tauchte Rosina auf. Der Drilling war sichtlich verstört, ausgezerrt und zitterte am ganzen Leib. Ein dunkler Blutstropfen klebte an ihrer Unterlippe. Hinter ihr ging Geralt, führte mit silberner Schwertspitze die bebende Herzogstochter vor sich her.
Vesemir bemerkte die klaffende Bisswunde am Hals des jungen Hexers und wusste warum das Mädchen so geschrien hatte. Das mit Mutagenen angereicherte Hexerblut hatte auf die Vampirin wie Gift gewirkt. Doch als der Altvampir seinen Tod fand, wurde der Blutfluch von Rosina genommen, da er sie noch nicht vollends verwandelt hatte.
„Der Vampir ist tot“, fügte Vesemir an, „es war ein Katakan.“ Er ging zu dem zitternden Mädchen und prüfte sicherheitshalber ihr Gebiss. Nur normale weiße Zähne blitzten ihm entgegen. „Du bist gerettet, Kind.“
Rosina nahm die Botschaft mit einem erlösenden Weinkrampf auf und der ältere Hexer bettete sie in seine schützenden Arme. Beide Männer sanken im staubigen Korridor zu Boden und verharrten die restliche Nacht dort.
Als der Morgen graute, verließen die drei das verfallende Herrenhaus und schritten zu ihren Pferden. Rosina klammerte sich an Geralt und war gegen die Morgenfrische in eine graue Wolldecke gehüllt. Sie nahmen den gleichen Weg zurück, der sie zum verfluchten Anwesen geführt hatte. Die Hexer schwiegen und auch dem Mädchen fehlten jegliche Worte.
Es war Routine, das gerettete Opfer zur ihrer Familie zurückzubringen, deren überschwänglichen Dank und eine knapp-bemessene Belohnung entgegen zu nehmen und das ganze Ereignis mit einer sachlichen Lehrdiskussion bei Bier und Eintopf abzuhaken. Einige Tage später verließen die beiden Hexer Oxenfurt, folgten dem Pontar nach Osten und betraten nach wenigen Wochen Kaedwener Land.



Die Säuberung

„Sie haben bekommen, was sie verdient haben“, brüllte der wütende Holzfäller in meinem Griff. Doch meine Wut war eine noch viel größere, als sich die Gerüchte zu Tatsachenberichten manifestieren drohten.
Das gemeine Volk hatte schon immer eine gewisse Aversion gegen uns Hexer gezeigt und mit den langen Jahren der Wanderschaft entwickelte jeder eine gewisse Abgestumpftheit gegen die verachtenden Blicke, die die Menschen einem Mutanten entgegengebrachten. Die Anfeindungen wuchsen, Fanatiker traten mit Hassschriften und Reden gegen Zauberer und Hexer auf den Weg, doch wir alle ignorierten diese Anzeichen. Auch ich wollte die Bedrohung nicht wahrhaben. Nun neigte sich das Jahr und das Jahrtausend ihrem Ende zu und hetzte die Menschen gegen uns  Monsterjäger auf. Der Mob trat zusammen und lenkte sein Augenmerk auf die Hexerschulen. Bizarrerweise halfen bei dieser Vernichtung gerade die Zauberer. Und selbst Kaer Morhen – der Sitz der Wolfsschule im hohen Norden von Kaedwen – entging ihrem vernichtenden Hass nicht.
Mit Geralt hatte ich Ard Carraigh, die Hauptstadt Kaedwens, erreicht, als uns die ersten Menschen begegneten, die damit prahlten, bei der Vernichtung der Katzenschule dabei gewesen zu sein. Andere rühmten sich damit, Kaer Morhen's weiße Mauern mit dem schwarzen Blut der Hexer der Wolfsschule überflutet zu haben.
Solch ein Großmaul hielt ich nun wutschnaubend in meiner linken Hand und musste mit Bedauern feststellen, dass er nur mit seiner kranken Fantasie beim Sturm auf Kaer Morhen dabei gewesen sein konnte. Keiner der anwesenden Männer in diesem Gasthof, in dem ich die Nacht verbringen wollte, hätte das Zeug dazu gehabt, denn sie nahmen gebührend Abstand vor unseren blanken Schwertern.
Mutig näherte sich nun der bullige Wirt, verfilztes schwarzes Haar und eine schmutztriefende Schürze gaben ihm ein unsympathisches Aussehen. „Verschwindet hier, Hexer! Wir wollen keinen Ärger mit euch“, wandte der Wirt ein.
Der junge Geralt hielt mit gezogenem Stahlschwert sich die lauernde Meute auf Abstand und blickte fragend zu mir hinüber. Ich zögerte, hob nur etwas meine eigene Waffe an.
„Ich lass die Miliz rufen“, knurrte der Wirt und suchte in der Menge nach Mutigen, die ihm bei der Verteidigung seines Gasthofes helfen würden. Einige nickten ihm mutig zurück, hielten die Hände an den Griffen von Messern, Äxten und Knüppeln – ohne sie jedoch aus den Gürteln zu ziehen.
Angewidert drückte ich den Großmaul fester gegen den Stützbalken und ließ ihn schließlich los. „Komm, wir gehen“, murmelte ich meinem jungen Kameraden entgegen und machte mich daran das Gasthaus zu verlassen.
Bereitwillig, aber mit Hass in den Augen und so manchem Fluch auf den Lippen, bildeten die Menschen eine Gasse. Geralt ging voraus und ich deckte uns den Rücken. Sollte an den grausamen Gerüchten wirklich etwas dran sein, so konnte sich jeder Zeit auch hier der Mob auf uns werfen, um uns zu zerfleischen. Wir schritten zu unseren Pferden, schwangen uns in die Sättel und verließen Ard Carraigh noch am gleichen Abend.
Wenn wir Hexer selbst in so einer Absteige auf solch große Abneigung trafen, würden wir auch nirgendwo anders eine Unterkunft für die Nacht finden. Leider waren unsere Vorräte aufgebraucht, aber es lag so viel Spannung in der Luft, dass ich nichts zu riskieren dachte. Stumm folgte mir mein ehemaliger Schüler und es ging auf Mitternacht zu, als wir unser Nachtlager unter einer alten Linde aufschlugen. Wir verzichteten auf ein Feuer, da wir eh nichts zum Braten hatten und legten uns sofort schlafen.
Unterwegs mussten wir unsere Jagdkenntnisse im Bezug auf Hasen, Rebhühner und Eidechsen auffrischen. Sammelten Wildkräuter und essbare Beeren, füllten unsere Wasserschläuche an Bächen und machten einen Bogen um jede Siedlung, die – je weiter wir in den Norden auf die Blauen Berge zuhielten – sowieso immer rarer wurden.
„Glaubst du ihnen?“ Geralts Frage durchbrach die sonst recht schweigende Reise und mir wurde bewusst, dass mir selbst die blutige Nachricht den sonst regen Erzählfluss genommen hatte.
Obgleich wir einer alten Straße folgten, war uns kein weiterer Reisender, geschweige denn ein anderer Hexer begegnet. In meiner Vorstellung malte ich mir all das aus, was hätte sein können und was wir dort in Kaer Morhen wohl vorfinden würden. Das hatte mich ebenso schweigsam werden lassen, wie den weißhaarigen Geralt.
Da unsere müden Pferde bereits im Schritt gingen schaute ich nur nachdenklich zu dem jungen Hexer hinüber. Wie immer blickte mich ein ausdrucksloses hübsches Gesicht an, aus dem keinerlei Emotion zu lesen war. „Angst und Hass auf die Hexer wurden in den letzten Jahren von unbekannter Hand mit allem möglichen Unsinn geschürt. Das Massaker von Iello könnte der Auslöser dafür gewesen sein. Die Menschen unterscheiden nicht zwischen Katze oder Wolf. Für sie ist jedes Raubtier ein Feind, auch wenn sich der Feind als harmlos oder gar nützlich erweist.“
„Dann gibt es Kaer Morhen nicht mehr und wir könnten die letzten lebenden Hexer sein?“  Die Worte zeugten von Angst, aber in Geralts Stimme lag der kalte Zorn.
Ich zuckte mit den Schultern. Hoffte, dass er mit dieser negativen Prognose nicht Recht haben mochte. „Wir werden es wissen, wenn wir Kaer Morhen erreicht haben.“

Zwischen dem niedrigen Gras des staubigen Steinweges blitzten gelegentlich Stücke von Kleidung oder auch eine rostige Klinge. Manches lag sicherlich schon etliche Jahrzehnte dort, einstmals verloren von Wanderern aller Art. Doch je höher wir kamen und uns der alten Festung näherten, umso frischer wurden die Spuren von etwas, dass nun auch mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ.
Der Wind trug uns einen merkwürdigen Cocktail von altbekannten Düften in die Nase, die der Hexer gerne auch bei Monsternestern vorfand: modernde Fäulnis und Blut, Brandgeruch und der widerliche Gestank des Todes.
„Meister Vesemir?“
Auf Geralts Ruf antwortete ich, indem ich meinem Pferd die Absätze in die Flanken stieß und zum Galopp antrieb. Das letzte Stück den felsigen Hohlweg zur Festung hinauf hetzten wir im halsbrecherischen Galopp.
Am Eingang stand das Tor weit offen und die Zugbrücke hing über dem tiefen Graben. Eine Handvoll Gestalten arbeiteten dort, griffen aber unverzüglich zu ihren Waffen, als sie die zwei Reiter heran preschen hörten.
Ich schwang mich noch aus vollem Galopp aus dem Sattel, kam hart auf dem Holz der Brücke auf und wurde erkannt. Mein Pferd scheute, als es den intensiven Verwesungsduft roch und machte kehrt. Geralt stoppte und glitt dann langsam aus dem Sattel, doch auch er konnte seine Plötze nicht auf der Zugbrücke halten. Und das hatte einen makaberen Grund...
Der kräftige braunhaarige Hexer grüßte mich mit einem kurzen Nicken und hievte die beiden Kadaver vor seinen Füßen über den Rand. Erst jetzt bemerkte ich, dass das Holz der Zugbrücke mit einem glitschigen Bezug aus geronnenem Blut und verwesendem Fleisch beschichtet war. Mein Blick folgte den menschlichen Kadavern, hinab in den Graben, wo unzählig weitere lagen. An ihrer Größe und Kleidung konnte ich Hexer, Kinder, Bauern, Handwerker und sogar Zauberer erkennen, ihre Überreste wurden von Fliegen und Maden zersetzt. Unzählige Krähen saßen auf den Mauerzinnen und in den Baumkronen und protestierten mit lautem Gekrächzte. Das Massaker musste vor etwa einer Woche stattgefunden haben. Trotz der warmen Sonne durchzog nun eine eisige Kälte meine Blutbahn.
„Was tust du da, Berengar“, wollte ich von dem braunhaarigen Hexer wissen. „Wieso beerdigt ihr sie nicht!“
„Weil es einfach zu viel Tote sind!“ brummte Berengar und hinter ihm schleifte ein  dreizehnjähriger Junge den Leichnam eines etwa gleichaltrigen Kameraden heran. Berengar entriss ihm diesen und schleuderte ihn kommentarlos in den Abgrund.
„Hör auf damit!“ brüllte ich entsetzt. Ungewollt landete meine Faust am Kinn des Hexers.
Berengar steckte den Schlag mit seiner typischen Abgebrühtheit weg, die ich von dem groben Einzelgänger bereits kannte. Ihn hier in Kaer Morhen anzutreffen hätte mich verwundert, wären die Umstände nicht so niederdrückend gewesen. „Sieh dich erst einmal um, Vesemir“, sprach er mich schnaubend an, „bevor du urteilst.“
Und so ging ich schließlich tiefer hinein in die Festung, die viele Jahrzehnte meine Heimat gewesen und nun nicht mehr als solche erkennbar war. Überall Zerstörung und Tod. Mauern und Gebäude wiesen Brandspuren von magischen Feuern und zerstörenden Bomben auf. Im Innern war das Mobiliar zertrümmert und das kostbare Hexerwissen verbrannt worden. In den Trümmern faulten Angreifer und Verteidiger gleichermaßen vor sich hin. Der wütende Mob hatte nicht einmal vor den Kindern halt gemacht, die am Beginn ihrer Hexerausbildung gestanden hatten. Aber ihr größter Hass musste sich gegen die Hexer selbst gerichtet haben: sobald sie einen der mutierten Monsterjäger zu Fall gebracht hatten, war dieser regelrecht zerrissen worden. Oft fanden sich nur Teile eines Mannes zwischen den Trümmern.
Mein Innerstes versteinerte und wie aus weiter Ferne drangen die eindringlichen Worte Berengars an meine Ohren.
„Du kannst froh sein, nicht hier gewesen zu sein, als es passierte. Die Jungen Leo und Coên waren auf dem Rückweg von einer Kräutersuche und waren clever genug zurück in den dichten Wald zu flüchten. Die anderen aus ihrem Trupp waren weniger klug. Sie haben keinen am Leben gelassen. Es müssen an die eintausend Menschen gewesen sein und eine Handvoll Zauberer haben sie angeführt. Die Bastarde haben dem Mob mit ihrer Magie den Weg nach Kaer Morhen freigesprengt. Es muss hier eine gewaltige Schlacht gewütet haben, denn ich bin den Überlebenden begegnet. Nicht mehr als zwei Dutzend haben den Stahl meiner Klinge zu spüren bekommen. Eskel und der alte Georg kamen kurz nach mir an und halfen mir die zwei verletzten Hexer zu versorgen, die das Massaker überlebt hatten, weil sie unter den zerstückelten Leibern ihrer Kameraden gelegen und übersehen worden waren. Die Wolfsschule existiert nicht mehr, Vesemir. Die Bibliothek brannte noch lichterloh, als ich hier ankam. Es ist alles zerstört worden. Kaer Morhen ist zur unbewohnbaren Ruine geworden. Die Gebeine der Toten sollen zum Mahnmal dieses grausamen Massakers werden!“
Im Angesicht dieses unverständlichen Untergangs fühlte ich nichts. Hexer hatten keine Gefühle, die hatte man ihnen durch ihre Mutation entrissen. Nur ihr Jüngster, Coên, konnte angesichts dieses Grauens noch weinen. Es gab keinen Trost, die Tränen flossen ungehemmt und es waren auch die unseren – nie geweinter – Tränen.

Dies geschah kurz vor der Jahrtausendwende und fand in den Geschichtsbüchern aller Königreiche Aufmerksamkeit. Schnell zogen sich die Herrscher aus der Verantwortlichkeit und schoben die Schuld dem fanatischen Mob und einer Handvoll Zauberer in die Schuhe, die sich dessen eh nicht mehr erwehren konnten, da sie der Säuberung – wie die Vernichtung der Hexerschulen in den Schriften bezeichnet wurde – ebenfalls zum Opfer fielen. Die Hexer, die der Säuberung entgangen waren, fanden sich in einem zweifelhaften Frieden am Rande der Gesellschaft wieder.
Kaer Morhen geriet in Vergessenheit und nur noch eine Handvoll Hexer fand sich dort ein. Einer von ihnen war Vesemir und als der alte Georg verstarb, wurde er zum ältesten Oberhaupt der Wolfsschule. Das meiste geheime Hexerwissen ging verloren, doch zum Glück nicht alles. Unter den Übriggebliebenen wurde der weißhaarige Geralt einige Jahrzehnte später zur Legende...

Ende


©Nicole Seidel, Singen, Sept.'15 bis März'16