Touchdown

von Tae
GeschichteDrama, Romanze / P16
29.05.2019
13.09.2019
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Hey! :) Zuerst mal wieder ein Dankeschön für die Reviews, Favoriteneinträge und Empfehlungen trotz des Sommerlochs! Es geht nun auch endlich weiter mit nur minimaler Verspätung, worauf ich doch ein wenig Stolz bin. Haha. Wie dem auch sei, habt Spaß beim Lesen. :)
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Kapitel 8 - Niemandsland


Ich wusste nicht, wie ich in jener Nacht zurück in mein Bett gekommen war. Irgendwann musste ich aufgestanden sein und den Rest des Weges zurückgelegt haben, aber ich konnte mich einfach nicht daran erinnern. Vielleicht, weil ich mich nicht erinnern wollte. Jedenfalls wachte ich am nächsten Tag in meinem Zimmer auf, das ich für mich allein hatte, wie ich mit Erleichterung feststellte. Mein Kopf schmerzte und meine Augen waren geschwollen, dessen war ich mir ganz sicher, als ich in die Sonne blinzelte. Wie spät war es? Stöhnend wanderte meine Hand über die Matratze, um nach meinem Smartphone zu suchen. Nein. Plötzlich hielt ich in der Bewegung inne. Würde ich wissen wollen, wie spät es war, müsste ich das Gerät einschalten. Ich hatte es gestern Nacht geistesgegenwärtig abgeschaltet und wollte es nicht wieder einschalten.
In dem Moment, in dem ich das Gerät einschalten würde, würde es versuchen sich mit dem Mobilfunknetz und dem Internet zu verbinden. Die Programme darauf würden prüfen, ob es entgangene Anrufe, eine Voicemail auf der Mobilbox, Text- oder Bildnachrichten, E-Mails oder andere Messages gab oder eben nicht. Vielleicht würde ich es schaffen und war schneller, sodass ich den Flugmodus aktivieren konnte, bevor all diese Prozesse starteten, vielleicht aber auch nicht. Das Risiko war mir zu hoch.
Seufzend schob ich das Smartphone beiseite, nachdem meine Fingerspitzen es auf dem Bettlaken ertastet hatten. Ich würde die SIM-Karte entfernen müssen, um ganz sicher zu gehen, dass ich es nicht aus Versehen einschaltete. Fürs Erste jedoch würde es genügen, es einfach nicht in die Hand zu nehmen. Ich wünschte mir, es würde einfach verschwinden. Es war eine Last, die ich in meinem Leben nicht brauchte. Etwas, das nur Leute brauchten, die andere Menschen an ihrem Leben teilhaben lassen wollten und genau das wollte ich gerade jetzt nicht. Ich drehte mich auf den Rücken und starrte an die Zimmerdecke.
Keine Ahnung, wie lange ich so dagelegen haben musste. Irgendwann wurde mir allerdings der Schmerz in meinem Knie bewusst, sowie die Tatsache, dass ich noch immer diese zerrissene Jeans trug. Meine Finger waren instinktiv an meinem Bein herabgeglitten, als der Schmerz stärker geworden war und ich hatte jeden der Risse im Stoff spüren können. Meine Augen klebten derweil noch immer an der weißen Decke. Es gab nicht einen Fleck auf dieser Fläche, was mir unfassbar erschien. Hatte man das Zimmer etwa frisch gestrichen, bevor ich es bezogen hatte? Warum? In Gedanken malte ich mir aus, was dazu geführt haben konnte, aber als ich bei Mord angelangt war, kam das selbst mir überzogen vor. Mit einem Seufzen richtete ich mich auf. Mein Rücken klappte einfach nach oben, sodass ich mit ausgestreckten Beinen und leerem Blick auf dem Bett saß. Ich musste dabei aussehen wie eine Besessene, aber wen interessierte das schon? Ich war allein.

Ich konnte nicht sagen, wie lange ich unter der Dusche gestanden hatte, aber das heiße Wasser war vollkommen aufgebraucht, als ich sie verließ. Mit tropfendem Haar blickte ich in den Spiegel über einem der Waschbecken unseres Gemeinschaftswaschraums und in mein Gesicht. War ich schon immer so blass gewesen? Meine Lippen waren so blau, wie meine Augen. Irgendwie taubengrau, wenn man gemein sein wollte, weil Tauben ja bekanntlich die Ratten der Lüfte waren. Oh, das war ein Vergleich, der Jenna sicherlich gefallen hätte. Wenn es mich nur interessiert hätte, was ihr gefiel und was nicht, aber das tat es nicht.
Lustlos trocknete ich mein Haar mit dem Handtuch, bevor ich mir ein weißes T-Shirt, sowie meinen ältesten Hoodie überwarf, in ein paar Leggings schlüpfte und zurück ins Zimmer humpelte. Das ich weitere Mädchen auf dem Flur ignorierte, die auf dem Weg in das Gemeinschaftsbadezimmer waren, interessierte mich ebenfalls nicht. Warum auch? Ich konnte zwar hören, wie sich meine Zimmernachbarin darüber beschwerte, dass ich ihre Begrüßung nicht erwiderte, was ziemlich unhöflich wäre, weil ich ihr direkt in die Augen gesehen hatte, aber das kümmerte mich nicht. Was machte es für einen Unterschied, ob ich es tat oder bleiben ließ? Würde ich mich besser fühlen, wenn ich so tat, als ob es mich interessierte, ob sie mich mochte oder nicht?
Der Weg zu meinem Zimmer war nicht weit, aber er kam mir heute unendlich lang vor. Der Flur war belebt und immer wieder huschten andere Studentinnen an mir vorbei, deren Namen mich anfangs noch interessiert hatten. Jetzt war das anders. Mit Erleichterung vernahm ich in meinem Rücken das leise Klicken des einrastenden Schlosses, nachdem ich die Zimmertür hatte zufallen lassen. Achtlos warf ich das Handtuch auf den Boden, ehe mir einfiel, wie sehr Jenna das hasste und es mit dem Fuß unter mein Bett schob. Dort würde es niemanden stören, selbst wenn es dort verrotten würde.
Von draußen drangen Stimmen und Gelächter gedämpft in das Zimmer und ich entschied, dass ich nicht den ganzen Tag hier verbringen konnte, wenn ich meiner Mitbewohnerin aus dem Weg gehen wollte. Ganz gezielt suchte ich nur nach dem Nötigsten: Eine Jeans mit Taschen, in die ich wechselte, meinen iPod Shuffle, den ich für gewöhnlich für meine Läufe benutzte, etwas Geld, das ich in meine Hosentasche stopfte, meinen Schlüssel und meine abgetragenen Sneaker, die meine Mutter so hasste. Das war alles, mehr brauchte ich nicht. Während ich das Gebäude durch den Seiteneingang verließ, fiel mir ein, weshalb ich überhaupt hier war. Zum Studieren. Hatte ich irgendwelche Hausarbeiten zu erledigen? Ich wusste es nicht und es war mir gerade auch egal.
Nichts war von Bedeutung. Es war Zeit zum Nachdenken.
Draußen war es kälter als ich erwartet hatte. Mit einem Stöhnen zog ich mir die Kapuze tiefer ins Gesicht, bevor ich meine Finger in den Ärmeln des Hoodies verschwinden ließ. Einen Fuß vor den anderen setzen, das war alles, was ich tat. Mein Körper funktionierte einfach, wie eine Maschine, die einem einfachen Ablaufplan folgte. Bis auf mein Knie natürlich, das mir immer noch nicht den Gefallen tun wollte, mich in Ruhe zu lassen. Die Straßen auf dem Campus waren weitestgehend leer. Nach dem Chaos des gestrigen Tages wirkte die Stille nun beinahe beängstigend, aber das sollte mich nicht stören. Ich genoss den Gedanken, dass der Campus nicht mehr als eine Geisterstadt war und fügte mich in das Bild. Den Blick auf den Boden gerichtet lief ich einfach dorthin, wo meine Füße mich eben hintrugen. An jeder Kreuzung entschied ich mich der Straße zu folgen, in der ich keine oder weniger Menschen vorfand. Irgendwann endete der Fußweg abrupt.

„Verdammt“, fluchte ich, als ich meinen Blick hob und mich vor der alten Schwimmhalle wiederfand. Ich war ein gutes Stück gelaufen, bis ich einen Ort erreicht hatte, der wirklich ein Niemandsland war.
Für diesen Ort interessierte sich niemand mehr, seit der neue Aqua-Sportkomplex eröffnet worden war. Da das Gebäude allerdings unter Denkmalschutz stand, war es unmöglich gewesen, die Halle und den Außenbereich mit den Becken verschwinden zu lassen. Es war ein Schandfleck geworden, den die Leitung der Universität einfach nur vergessen wollte. Langsam trat ich an den etwa zwei Meter hohen Maschendrahtzaun, den man um das gesamte Areal gezogen hatte.
Direkt daneben fand ich ein Schild mit der Aufschrift: ‚Betreten verboten!‘.
‚Na schön‘, dachte ich.
Lebensgefahr bestand wohl nicht, richtig?
Ich folgte dem Verlauf des Zauns einige Meter, wobei ich gedankenverloren meine Finger darüber gleiten ließ. Masche für Masche. Dann fand ich, wonach ich unbewusst gesucht hatte: einen Zugang. Ich wusste selbst nicht, warum ich das Gelände betreten wollte, aber das Bedürfnis hineinzugelangen wuchs. Wenn man mich dabei allerdings erwischen würde, dann wäre es widerrechtliches Betreten gewesen, vielleicht sogar Einbruch. Jedenfalls etwas, das Eva Howard, die Schwester von Casey Howard, niemals tun würde. Was aber, wenn ich es dennoch tat? Wer war ich dann? Wer wollte ich sein? Ich wusste die Antwort auf diese Frage nicht. Es gab vielleicht nur einen Weg, um diese Antwort zu finden, und so bewegte ich mich langsam auf die Öffnung im Zaun zu.
Ich war schon immer athletisch gewesen, auch wenn ich nicht so sportlich wie Casey war. Als Kinder waren wir gemeinsam über so viele Zäune geklettert, dass es ein Leichtes für mich war, mich an dem Zaun hochzuziehen und dicht an einem Pfosten darüber zu klettern. Natürlich nicht, ohne mich vorher noch einmal zu vergewissern, dass ich keine ungewollten Zuschauer bei meiner Missetat hatte. Mit einem Satz landete ich schließlich auf der anderen Seite, wobei ich allerdings strauchelte und auf die Knie fiel. Mit einem leisen Knirschen riss meine Jeans dabei am Knie auf, was mir nicht leidtat. Ich war vollkommen eingenommen von dem Anblick, der sich mir auf der anderen Seite des Zaunes bot.
Man hatte das Wasser der Außenbecken nicht abgelassen und nun glitzerte es in der Nachmittagssonne, wie tausend Meilen aus Feuer. Ich hielt den Atem an. Natürlich wusste ich, dass es keine tausend Meilen und auch keine Flammen waren, aber das war mir egal. Der Anblick war umwerfend. Fast wäre er ein Lächeln wert gewesen, wäre meine Stimmung nicht derart mies gewesen. Meine Augen nicht von der funkelnden Wasseroberfläche nehmend, schritt ich rückwärts am Beckenrand entlang auf die Sprungtürme zu.
Da sich das Gelände am Rande des Campus’ befand, war auf der anderen Seite nicht mehr als der alte Parkplatz vor einigen Wiesen, während sich in meinem Rücken das weitverzweigte Universitätsgelände befand. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie selbst auf dem Parkplatz mittlerweile die Natur sich ihren Raum zurückgeholt hatte und vereinzelt Gräser wuchsen. Auch nahe des abseits gelegenen Sprungbeckens wuchs Unkraut.
Wie in Trance kletterte ich die Leiter des Zehn-Meter-Sprungbretts hoch, um dann oben auf dem Turm bis an den Rand vorzuschreiten und hinabzusehen. Das Wasser, das von unten hoch geglitzert hatte, sah nun aus wie ein Scherbenhaufen. Mit einem Seufzen setzte ich mich an die Kante, wobei ich meine Beine einfach baumeln ließ und meinen Rücken auf dem massiven Sprungbrett aus Beton ablegte. Hier oben, in die tief stehende Sonne blinzelnd, hatte ich das Gefühl die Zeit stünde still.
„Perfekt“, stellte ich fest, während ich nach meinem iPod suchte. Nachdem ich ihn gefunden und die Kopfhörer aufgesetzt hatte, wusste ich genau, welchen Song ich suchen würde. Es dauerte keine Minute, bis ich ‚Anthem of Our Dying Day‘ gefunden hatte. Ich hörte mir den Song einige Male an, ehe ich mich aufrichtete und die Aussicht genoss. Die Sonne stand tief und von hier oben fühlte es sich an, als wäre alles, was dort unten geschah, keine große Sache. Tief atmete ich die von Chlorresten geschwängerte Luft ein. Es war Zeit meine Gedanken zu ordnen.

Was wusste ich?
Ich wusste, dass Casey Leo nicht leiden konnte und seinen Posten als Teamcaptain des Footballteams wollte. Ich wusste ebenfalls, dass Leo meinen Bruder verdächtigte etwas mit dem Drogenfund im letzten Semester zu tun zu haben. Casey hingegen stritt den Verdacht ab und hatte mir versichert, nichts damit zu tun zu haben, aber konnte ich ihm wirklich glauben? Die Fronten waren verhärtet, aber keine der Seiten konnte ihre Aussagen beweisen. Hier kam Abby ins Spiel. Sie wollte die nötigen Beweise liefern, um ihren Bruder zu entlasten und den eigentlichen Täter zu stellen. Ihre ersten Ermittlungen hatten sie allerdings in die Irre und zu Danny geführt, der seinerseits eine Chance sah sein Image aufzubessern, indem er jeglichen Verdacht gegen ihn ausräumte.
„Moment, mo-oh-ment“, murmelte ich und ging in Gedanken einen Schritt zurück.
Warum wollte Danny eigentlich unbedingt sein Image aufbessern, wenn er bisher vorgab, dass es ihn nicht interessierte, was die Leute hinter seinem Rücken über ihn sagten? Er war mit Sicherheit nicht der Typ, der sich um die Meinung anderer sorgte. Oh nein, die Gerüchte über ihn hatten seiner Beliebtheit bisher allem Anschein nach keinen Abbruch getan. Warum also plötzlich dieser Aufwand? Was hatte Danny zu verbergen? Was wusste ich überhaupt über meinen neuen besten Freund und seinen mysteriösen Gesundheitszustand?
Ich ließ meine Beine baumeln und stemmte meine Hände links und rechts von mir auf das Sprungbrett, weil mir einfach keine Antwort auf diese Frage einfallen wollte.
Weiter zur nächsten Frage also: Warum verdächtigte Leo Casey?
Nur weil mein Bruder immer wieder auf und abseits des Spielfeldes mit ihm aneinandergeraten war? Das machte keinen Sinn. Immerhin hätte Casey dann schon lange vor dem letzten Semester etwas unternehmen können, um seinen Teamcaptain loszuwerden. Ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass es mit seiner Geduld nicht weit her war.
Ich blinzelte in die Sonne, was das plötzliche Brennen meiner Augen erklärte. „Casey, wer bis du?“, fragte ich hier, wo er diese Frage niemals hören würde.
Der Casey in meinen Erinnerungen war ein anderer, als der, mit dem ich es in den letzten Jahren zu tun gehabt hatte. Was hatte diese Veränderung nur ausgelöst? Auch darauf wusste ich keine Antwort. Mit einem Stöhnen legte ich mich wieder auf das Brett, während die Sonne sich langsam zurückzog.

Ich hatte mir angesehen, wie der Feuerball am Horizont versunken war und die Lichter auf der Oberfläche des Wassers in den Schwimmbecken erloschen. Jetzt war es stockdunkel an diesem Ort und ein Teil von mir spürte Angst aufsteigen bei der Vorstellung, ganz allein den Nachhauseweg antreten zu müssen. Die alte Eva fürchtete sich.
Hart schluckte ich, ehe ich meinen Kopf schüttelte. „Das ist vorbei“, redete ich mir ein.
Mich dazu zwingend die Ruhe zu bewahren, ließ ich meinen Blick über das verlassene Gelände des Schwimmbads gleiten. Es herrschte vollkommene Stille. Ich war allein und sicher. Der Moment, sich den Gedanken zu stellen, die ich den ganzen Tag über zu verdrängen versucht hatte, war gekommen.
Warum hatten sich Abby und Danny mir angenähert?
Der Zwischenfall, der all die Ereignisse der letzten Tage ausgelöst hatte, ereignete sich vor Studienbeginn. Konnte ich daran beteiligt gewesen sein? Nur dann, wenn Casey mich mit auf den Campus und eine der Feiern genommen hätte. Niemand wusste, dass er eine Schwester hatte, was vielleicht verdächtig gewesen wäre, hätte irgendjemand aus dem Team mich schon einmal auf dem Campus gesehen. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es jemanden gab, der behauptete mich schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht als meine Eltern Casey besucht hatten und ich vor dem Wohnheim des Footballteams im Wagen gewartet hatte? Das wäre möglich gewesen, so wie es nun möglich erschien, dass Abby und Danny sich genau deswegen mit mir anfreunden wollten.
Was aber war mit Leo? Warum musste er soweit gehen, wenn er es nicht wollte?
Der Gedanke schmerzte, sodass ich mir schnell mit der Faust gegen den Brustkorb schlug und Luft holte. Warum schmerzte mich die Vorstellung nur so? Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass das passiert und ich benutzt worden wäre. Warum war es etwas anderes, wenn Leonard Rousseau mich benutzte, als wenn Abby es getan hätte? Es war vollkommen absurd, wie verletzt ich mich fühlte. Mein Verstand funktionierte einwandfrei, warum war da also bei diesem Gedanken ein Gefühl der Leere?
Er wollte mich nicht. Na und? Ich wollte ihn auch nicht. Nicht mehr. Müsste ich nicht eigentlich glücklich sein, weil ich nun mit dieser Schwärmerei, die mich in eine Idiotin verwandelt hatte, abschließen konnte? Ich konnte mich endlich wieder auf das konzentrieren, was zählte. Außerdem hatte ich das tun können, wovon unzählige Mädchen träumten und Leonard Rousseau tatsächlich geküsst. Irgendwie. Das zählte wohl irgendwie auch als Kompliment, oder?
„Echt jetzt?“ Ich konnte mir diesen Bullshit selbst nicht glauben. Wem versuchte ich also etwas vorzumachen?
Vielleicht hatte er den Kuss auch abgebrochen, weil ich so furchtbar schlecht gewesen war?
„Niemals“, winkte ich ab.
Was aber wenn doch?
Die Kapuze tiefer in mein Gesicht ziehend, bekam ich einen Wutanfall. Wenn er mich wirklich deswegen abserviert hatte, dann war dieser Blödmann es nie wert gewesen, ihm überhaupt erst hinterher zu trauern! Natürlich wusste ich, wie lächerlich sich das anhörte, aber es war besser, als sich der Realität zu stellen. Für einen Augenblick gab ich mich der Versuchung hin eine Ausrede zu erfinden, ehe ich mich aufrichtete und in die Dunkelheit unter meinen Füßen sah.
Was, wenn Leo mich nur benutzt hatte und deshalb alles beendet hatte, bevor es überhaupt hatte anfangen können? Was, wenn er sich nicht hatte weiter verstellen wollen, nur um die Wahrheit über meinen Bruder herauszufinden? Was, wenn er beschlossen hatte, dass es das nicht wert war und er fürchtete, ich würde zur Last werden? Was, wenn er genug davon hatte, nett zu mir zu sein und sich nicht weiter dazu zwingen wollte, in meiner Nähe zu sein?
Meine Lippen fühlten sich urplötzlich trocken an, während mir Tränen in die Augen stiegen, als ich zum finalen Schlag in mein Gesicht ausholte: Was, wenn Casey Recht hatte und ich es war, die nicht normal war?
Mal wieder wusste ich es nicht, aber allein die Möglichkeit dessen war genug, um den Schmerz in meinem Knie explodieren zu lassen. Nur deswegen brach ich in Tränen aus. Es gab keinen anderen Grund, als dieses blöde Knie, um jetzt und hier an diesem Ort zu heulen.

Es dauerte eine ganze Weile bis es mir gelang, wieder klar zu sehen. Dabei war es so einfach gewesen, die Unordnung in meinem Kopf loszuwerden. Am Ende blieben nur zwei zentrale Fragen.
Die Erste lautete: „Wer ist der Täter, wenn es nicht Casey war?“
Die zweite Frage war etwas schwieriger, aber auch sie sprach ich letztlich aus: „Wer will ich sein?“
Ich hatte in den letzten Jahren eine Chance gehabt herauszufinden, wer ich war. Ich war Eva Howard, die ihren Bruder voller Hingabe auf seinem Weg in den Profisport unterstützte und ihre Familie liebte. Ich war aber auch Eva, die mit Fremden mitgegangen war, Leonard Rousseau geküsst hatte und in das alte Schwimmbad eingebrochen war. Die Eva, die gegen all das rebellieren wollte, was andere Leute ihr aufzwangen und ihre eigenen Entscheidungen treffen wollte. Ich hatte im Lauf der letzten Tage begriffen, dass es unmöglich war, die in mir rivalisierenden Seiten zu vereinen. Würde ich mich für die eine dieser Seite entscheiden, dann musste ich die andere gehen lassen. Das war nicht meine Schuld, sondern das Gesetz der anderen. Meine Familie würde die unabhängige Eva niemals akzeptieren können, während ich nicht länger die Eva akzeptieren wollte, die ich an ihrer Seite geworden war. Es musste sich etwas ändern. Nein, ich musste mich ändern, um dieses Leben weiter ertragen zu können. Die Realität war, ich fand die Person, die ich aus mir hatte machen lassen, zum Kotzen.
„Ich habe genug“, sagte ich mit all der Entschlossenheit, die ich angesichts der Wut über mein eigenes Verhalten aufbringen konnte.
Genug war genug. Sicherlich war ich von meiner Familie ein Stück weit abhängig, aber ich war auch kein Kind mehr. Was es brauchte, um unabhängig zu werden, war kein Geheimnis. Ich brauchte keine Freunde oder andere Leute, was ich brauchte war einzig und allein Geld.

Gerade, als ich darüber nachdenken wollte, wieviel Geld ich brauchen würde, riss ein lautes Scheppern mich aus meinen Gedanken.
„Was zur Hölle?“, fragte ich, während ich versuchte, die Quelle des Lärms ausfindig zu machen.
Obwohl meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dauerte es einige Sekunden, bis ich sie fand: Jemand war gegen den Maschendrahtzaun gesprungen! Ich konnte nur einen Schemen erkennen, aber jemand war an den Zaun gesprungen und zog sich nun daran hoch. Die Bewegungen der Gestalt waren behände, als ob die Kletterei etwas Alltägliches für sie war. Ich war ein wenig geschickter und vor allem leiser gewesen, aber dennoch beobachtete ich, wie der Schatten den Zaun ohne größere Mühe überwand. Angst entdeckt zu werden hatte er wohl nicht, weil selbst der Absprung vom Zaun auf der anderen Seite nicht ohne erheblichen Lärm vonstatten ging.
Das gefiel mir nicht.
Jemand, der solchen Lärm an einem verbotenen Ort veranstaltete, der fürchtete sich nicht davor entdeckt zu werden. Dafür gab es nur zwei Gründe, entweder weil er sich hier nicht unerlaubt aufhielt oder weil er selbst im Fall entdeckt zu werden keinerlei Angst vor den Konsequenzen hatte. Die Wahrscheinlichkeit für ersteren Fall war allerdings gering, da jemand mit der Erlaubnis das geschlossene Schwimmbad zu betreten, wohl kaum über den Zaun hätte klettern müssen.
Das gefiel mir gar nicht.
„Scheiße“, fluchte ich leise, als ich vorsichtig meine Beine auf den Absprungturm zog und von der Kante zurückwich. Ich stand nicht auf, sondern bewegte mich gebeugt und sehr langsam, während ich darauf Ach gab, den Schatten nicht aus den Augen zu verlieren.
Die Gestalt bewegte sich einige Meter in Richtung der alten Halle, bis sie plötzlich stehen blieb und sich umdrehte. Im schwachen Licht des Mondes konnte ich das Gesicht nicht erkennen, aber anhand der Bewegungen und der zierlichen Statur, war ich mir ziemlich sicher, es mit einer Frau zu tun zu haben. Natürlich blieb eine Chance, dass ich vollkommen falsch lag, aber mir war auch nicht gerade daran gelegen, meine Vermutung zu überprüfen. Als die Gestalt sich in Richtung des Sprungturms umdrehte, warf ich mich nicht auf den Boden, sondern duckte mich langsam und lediglich tiefer. Viele Menschen machten den Fehler sich durch schnelle Bewegungen und dadurch verursachte Unachtsamkeiten oder Geräusche zu verraten, das würde mir nicht passieren. Ich blieb ruhig, obwohl mein Puls raste und ich einen Hauch von Angst in meinem Nacken spüren konnte, der meine Nackenhaare dazu brachte sich aufzustellen.
„Warum fürchtest du dich, Eva?“, fragte ich mich selbst tonlos.
Im Grunde war meine Furcht unbegründet, aber der Anblick des Schemens jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Noch immer stand die Gestalt da und blickte in Richtung der Außenbecken. Sie schien es nicht eilig zu haben, sondern nahm sich die Zeit das Gelände in aller Ruhe abzusuchen, wie es schien. Mir gelang es inzwischen auszumachen, dass der Eindringling ebenfalls eine große Kapuze trug, die das Gesicht vollkommen in Schatten verbarg. In meinem Kopf ging ich alle Möglichkeiten durch, die mir blieben. Ich konnte einfach herunterklettern und einen Scheiß darauf geben, ob dieser andere mich sah oder nicht. Was aber, wenn meine Angst begründet war und Gefahr von ihm ausging? Wir waren allein hier, oder? Hastig ließ ich meinen Blick über das Gelände wandern, um zu prüfen, ob wir tatsächlich allein waren. Panik stieg in mir auf bei der Vorstellung, einen zweiten Schatten übersehen zu haben. Vielleicht war das hier ein Treffpunkt gewesen? Nein. Hier war nur eine weitere Person außer mir zu sehen, wie ich mit Erleichterung feststellte.
Ich zwang mich dazu, mich wieder auf meine Möglichkeiten zu konzentrieren. Ich konnte auch einfach versuchen, die Distanz zu wahren und mich herauszuschleichen, sowie zu flüchten, falls ich bei diesem Vorhaben entdeckt wurde. Ich war leise, geschickt und eine Läuferin in vollem Training. Mich einzuholen wäre eine Aufgabe, die den meisten Menschen sehr schwer fallen dürfte. Selbst wenn mein Knie es nicht zuließ, dass ich eine Bestleistung ablieferte und meine Chancen senkte. Zumindest war das meine Hoffnung, als ich verfolgte, wie der Schatten sich schlendernd auf mich zu bewegte.

Ich musste mich beeilen, wenn ich meinen Plan in die Tat umsetzen wollte, denn mit jedem Schritt in meine Richtung reduzierten sich meine Erfolgschancen.
„Scheiße“, fluchte ich und zog mich weiter zurück, bis ich die Leiter erreicht hatte.
Zehn Meter blickte ich in die Tiefe, um mich dann wie in Zeitlupe an die Leiter zu hängen und meine volle Körperlänge ausnutzte, um eine Stufe soweit unten wie nur irgendwie möglich zu erreichen. Während ich hinabkletterte wäre ich am besten zu sehen, weshalb ich versuchte, meine Bewegungen auf ein Minimum zu reduzieren. Dennoch war es unvermeidbar einige Stufen nehmen zu müssen in Anbetracht der Höhe, wobei ich den Schatten stets im Blick behielt. Ich durfte ihn nicht aus den Augen verlieren. Gerade als ich meine Füße auf den Boden gesetzt hatte und Erleichterung mich durchflutete, geschah allerdings etwas Unerwartetes.
Die Gestalt blieb stehen und der Lichtkegel einer Taschenlampe schnitt plötzlich durch die Distanz zwischen uns.
Da war eine zweite Person! Mit Lichtquelle!
Erschrocken fuhr ich herum, konnte aber im letzten Moment verhindern in das Licht zu blicken und zu riskieren meinen Sichtvorteil zu verlieren oder trotz meiner Kapuze erkannt zu werden.
„Wer ist da?“, brüllte eine Männerstimme, die zum Startsignal wurde.
Wie in Trance rannte ich auf den Zaun zu, hinter dem der Träger der Lampe stand. Ich scherte mich nicht darum, ob ich Lärm verursachte oder nicht, als ich dagegen sprang und mich hochzog. Der Draht schnitt mir in die Finger, aber das Adrenalin in meinem Körper ließ mich den Schmerz ausblenden.
Da der Mann viel zu dicht am Zaun gestanden hatte, war er von meinem Körper getroffen worden, was ihn dazu veranlasste, einige Schritte zurückzutaumeln und schließlich zu stolpern. Ich sah all das nur aus dem Augenwinkel, weil ich meinen Blick in die Ferne gerichtet hatte. Weder blickte ich zurück zu dem Schatten zwischen den Außenbädern, noch zu dem am Boden Liegenden. Das durfte ich einfach nicht, wenn ich meine Flucht nicht vermasseln wollte. Ich musste mich voll und ganz auf mein Ziel konzentrieren: Abhauen.
Meine Turnschuhe trafen hart auf den Asphalt hinter dem Zaun, nachdem ich einfach gesprungen war. Ich hatte keine Zeit, mich um mein Knie oder meine Knöcheln zu sorgen, wenn ich meine Chance nutzen wollte. Ohne einen Blick zurück schoss ich aus der knienden Position los, wobei meine Kapuze nach einigen Metern von meinem Kopf fiel. Zu spät allerdings, um mein Gesicht den beiden anderen zu offenbaren, wofür ich zumindest ein Stoßgebet zum Himmel schickte. Ich war nicht sonderlich gläubig, aber es konnte in diesem Augenblick sicherlich nicht schaden.
In meinem Rücken waren Schreie zu hören, aber die waren nicht mehr mein Problem. Ich rannte einfach, bis meine Lunge brannte und ich wieder den offiziellen Teil des Campus’ erreicht hatte. Kaum dort angekommen, zog ich meinen Hoodie über meinen Kopf und formte ihn zu einem möglichst kleinen Ball zusammen, den ich im nächsten Papiercontainer entsorgte. Dort würde sicherlich niemand suchen und die Leerung erfolgte immer erst zum Wochenende, sodass ich den Pullover am nächsten Morgen einfach wieder abholen konnte. Jetzt war es erstmal wichtiger sicherzugehen, dass keiner der beiden anderen mich direkt wiedererkannte. Wer waren die überhaupt? Nach Luft schnappend öffnete ich mein Haar, das zu einem Knoten gebunden war, und schüttelte es in mein Gesicht. Das Haargummi stopfte ich in meine Hosentasche. Sehr gut, so würde mich immerhin niemand auf den ersten Blick identifizieren können.
Warum ich dort gewesen war, war mir kein Rätsel, aber was der Schatten und die Lampe dort zu suchen hatten schon. Schön, selbst wenn die Lampe zur Hausverwaltung oder Campuspolizei gehörte, erklärte das immer noch nicht, was der Schatten dort zu suchen hatte. Er war direkt auf das Gebäude zugegangen. Wohnte in dem verlassenen Schwimmbad etwa jemand? Das machte keinen Sinn, zumal es sich höchst wahrscheinlich um ein Mädchen handelte. Allerdings machte es ebenso wenig Sinn, warum ich an diesem Abend dort gewesen war.
Ich schob meine Überlegungen vorerst beiseite und bemühte mich, den Rest des Weges zu meinem Wohnheim ohne Eile und möglichst unauffällig zurückzulegen, versuchte aber ebenfalls, jedem bekannten Gesicht aus dem Weg zu gehen. Zweimal musste ich anhalten, um mir mit dem Shirt den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Ich wusste nicht, wie weit ich gelaufen war, aber mein Knie brachte mich wirklich noch um. Halb gehend, halb humpelnd erreichte ich das Wohnheim. Es musste inzwischen spät geworden sein, weil das Licht im Foyer aus war und nur die kleine Lampe über dem Schreibtisch des Empfangs noch brannte. Während ich mich fragte, ob ich durch den Vordereingang oder die Seitentür gehen sollte, machte ich einen entscheidenden Fehler: Ich vergaß zu kontrollieren, ob die Seitenstraße leer war.
„Eva?“
Mit vor Schreck aufgerissenen Augen fuhr ich herum.
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