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GOLDEN GIRL

von P0LARIS
KurzgeschichteFamilie / P12 / Gen
Nijimura Shūzō OC (Own Character)
29.05.2019
29.05.2019
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Als langjähriger Klassenlehrer an einer Oberschule gehörten Elternabende für ihn genauso zum gewöhnlichen Alltag dazu wie das Korrigieren von Prüfungen oder das Vorbereiten von Lernmaterial. Meistens hatte er für die nervösen Elternpaare, die alljährlich mit schweren Schritten und angespannten Gesichtsausdrücken zu ihm ins Gespräch kamen als würden sie fürchten er würde die sofortige Exekution ihrer lernfaulen Sprösslinge veranlassen, nur ein müdes Lächeln übrig, hin und wieder vielleicht ein heimlich amüsiertes Schmunzeln, weil es ihm bizarr vorkam, wie zwei erwachsene Menschen sich deswegen derart unter Druck setzen lassen konnten. Damals war er aber noch kinderlos und zugegebenermaßen ziemlich hochmütig gewesen, weil er sich ernsthaft eingebildet hatte, er würde niemals so werden. Nein, er würde gelassen und gefasst sein, denn nichts würde ihn aus der Ruhe bringen können, mal davon abgesehen dass seine Kinder ganz bestimmt die besterzogensten und liebenswertesten Schüler überhaupt sein würden mit ihm als leuchtendes Vorbild.
Oh Mann, wie hatte er sich bloß getäuscht.

Auch wenn Shūzō versuchte sich seine Anspannung nicht anmerken zu lassen, konnte er nicht verhindern dass sein Fuß ungeduldig wippte, während Haruka ihm schon zum gefühlt zehnten Mal die Krawatte gerade zu rücken versuchte, auch wenn es mittlerweile eher so wirkte, als würde sie daraus einen der tausend Origami-Kraniche falten wollen, die einen nach Fertigstellung einen Wunsch erfüllen sollten. Er war sich sicher, sie wünschten sich insgeheim dasselbe – Nämlich dass dieses Gespräch schnell vorbei sein würde, dass sie gleich erwartete. Den Inhalt konnte er sich lebhaft vorstellen, zumindest wenn man von dem Zustand ausging, in dem seine Tochter heute von der Schule gekommen war.
Gerade als er die zitternden Finger von Haruka sanft von sich schob, bevor sie ihm noch einen Galgenknoten in die Krawatte knüpfte, an dem er sich noch aufhängen gehen würde wenn sie noch länger im kalten Flur der Mittelschule warten mussten, ging auch schon die Tür zum Klassenzimmer auf und ein gut gekleidetes Ehepaar trat heraus, vor dem sich die Lehrerin zum Abschied überschwänglich tief verbeugte, immer wieder leise Entschuldigungsbekundungen murmelnd. Shūzō zog die Augenbraue hoch, als das Paar ihnen schließlich entgegenkam und konnte sich gerade noch ein typisches unanmüsiertes Kräuseln seiner Oberlippe verkneifen, als er die Beiden erkannte.
„Honda-san“, begrüßte er mit gezwungener Höflichkeit den Mann und schenkte der Frau neben ihm eine angedeutete Verbeugung, als sie auf Augenhöhe waren. Intuitiv drückte er Harukas zarte Hand in seiner, die sich mit spürbarer Nervosität an ihm festhielt und keinen Ton von sich gab. Sein Gegenüber bemühte sich dagegen gar nicht darum überhaupt so zu tun als würde er Wert auf freundliche Konversation legen und erwiderte nur mit frostiger Stimme:
„Nijimura-san.“
Dann ging das Ehepaar Honda einfach an ihnen vorbei, ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Shūzō klickte gereizt mit der Zunge, als er ihnen nachsah, seufzte aber dann und streichelte Haruka stattdessen beruhigend über den Rücken, die niedergeschlagen den Kopf hängen ließ. Sie nahm sich die offene Abneigung um einiges mehr zu Herzen als er, vor allem da da es schon seit Jahren so ging.
Es war nicht ihr erstes und würde auch sicher nicht ihr letztes Aufeinandertreffen sein, denn schon seit langer Zeit kam der Sohn der Hondas – Ein ziemlich unerzogenes Bürschchen, wie Shūzō längst festgestellt hatte – und seine eigene gleichaltrige Tochter immer wieder in unvermeidbaren Konflikt miteinander. Was mit ein paar Kratzern und Haareziehen in der Grundschule angefangen hatte, hatte sich mittlerweile zu einer ausgewachsenen Prügelei in der Mittelstufe gesteigert, aus der seine Kleine ziemlich eindeutig als Sieger hervorgegangen war. Er war ein klitzekleines bisschen stolz darauf, aber das würde er natürlich niemals offen aussprechen, schon gar nicht Haruka gegenüber, die ohnehin schon kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Kein Wunder, sie hatte schließlich noch die naive Hoffnung dass aus ihrem kleinen und süß wirkenden Mädchen mal eine echte Lady werden würde und keine rebellische Yankee, die mit einem vernagelten Baseballschläger plündernd und brandschatzend durch die Straßen zog. Manchmal fragte sich Shūzō, ob das Universum ihn so dafür bestrafte dass er seine große Liebe seinem besten Freund ausgespannt hatte, in dem es ihm einen derartigen Wildfang als Tochter geschickt hatte, aber er verwarf den Gedanken schnell, als die wieder gefasste Lehrerin sie schließlich hereinbat. Ohne darauf zu achten, dass sich sein Hemdkragen sich plötzlich doch ziemlich eng um seinen Hals anfühlte, betrat er mit Haruka knapp hinter ihm den Raum und setzte sich an einen der zwei bereitgestellten Stühle, die Klassenlehrerin ihnen gegenüber am Lehrerpult. Obwohl es nicht sein erster Elternabend war, war es für Shūzō immer noch ein seltsames Gefühl auf der anderen Seite des Tischs zu sitzen. Geduldig wartete er darauf, dass sie das Gespräch anfing, aber stattdessen schob die schon etwas in die Jahre gekommene Lehrerin ihnen einen durchsichtigen Zipp-Verschluss-Beutel hin, den er eher in einem Krimi erwarten würde um belastende Mordbeweise aufzubewahren, als bei einem Eltern-Lehrer-Gespräch. Darin befand sich überraschenderweise ein ziemlich beeindruckendes Büschel abgeschnittenes kastanienbraunes Haar, das ihm nur zu bekannt vorkam. Haruka schlug mit scharf eingezogenen Atem die Hände vor dem Mund.
„Wie Sie sicherlich bemerkt haben, handelt es sich hier um das Haar Ihrer Tochter, das sie sich heute mitten in der Schule abgeschnitten hat, nachdem Honda Toshiyuki-kun sie deswegen anscheinend aufgezogen und danach von ihr ziemlich übel zugerichtet wurde. Was haben Sie als Eltern dazu zu sagen?“
Shūzō verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück. Seine anfängliche Anspannung war vergangen und stattdessen wurde er ziemlich ruhig.
„Nicht viel, außer dass es mir schwer fällt Mitleid mit dem Jungen zu haben, der es einfach nicht lassen kann meine Tochter immer wieder zu piesacken, obwohl er genau weiß dass er dafür eins auf den Deckel von ihr bekommt. Ich frage mich eher, wo Sie als Aufsichtsperson zu dem Zeitpunkt waren, als der Konflikt überhaupt anfing. Als Pädagogen haben wir schließlich die Pflicht es gar nicht so weit kommen zu lassen, das einer unserer Schützlinge sich handgreiflich gegen einen anderen Mitschüler wehren muss.“
Die um einiges friedliebendere Haruka übernahm kurzfristig das Wort, bevor die empört nach Luft ringende Lehrerin zu einer ebenso harschen Antwort ansetzen konnte und sie sich hier noch zum zweiten Mal an dem Tag sprichwörtlich in die Haare bekamen.
„Verzeihen Sie, Higuchi-san. Was mein Mann damit ausdrücken möchte ist nur, dass wir versuchen zu verstehen wie es zu diesem fürchterlichen Zwischenfall kommen konnte. Unsere Tochter ist vielleicht etwas temperamentvoll, aber-“
„Temperamentvoll?!“, unterbrach Frau Higuchi gleich mit schrill gewordener Stimme und deutete nochmal mit dramatischer Handgeste auf die Plastiktüte voller Haare. „Ihre Tochter ist eine drohende Gefahr für die Allgemeinheit! In all meinen Jahren als Pädagogin habe ich noch nie so ein aggressives Verhalten bei einem Mädchen erlebt, wie bei ihr! Der arme Toshiyuki-kun ist komplett verstört, neben der Tatsache dass er grün und blau geschlagen wurde. Dass die Hondas keine Anzeige erstatten ist nur der Tatsache zu verdanken, dass es für ihren Sohn schon demütigend genug war vor den Augen der gesamten Klasse lächerlich gemacht zu werden, ohne dass er sich einer Befragung durch die Polizei aussetzen muss. Glauben Sie mir, wäre ihr Kind ein Junge, dann würden Sie sich mit einem Anwalt und nicht nur mit mir herumärgern müssen!“
Nun konnte Shūzō sich wirklich nicht mehr beherrschen und schlug mit der flachen Hand ziemlich geräuschvoll auf die Tischplatte, um die keifende Lehrkraft zur Ruhe zu bringen, die sofort zusammenzuckte. Haruka richtete sich ebenfalls erschreckt in ihrer Haltung auf, sagte aber nichts. Mit einem erneuten tiefen Seufzen fuhr er wieder etwas ruhiger, aber dennoch nachdrücklich fort:
„Könnten wir um Himmels Willen dieses ständige Gerede über irgendwelche veralteten Geschlechterrollen lassen? Egal ob es sich hier um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, die Verantwortung liegt auf beiden Seiten. Ja, unsere Tochter hätte sicher eine andere Konfliktlösung finden können, anstatt dem Knaben – Und verzeihen Sie mir nun den Ausdruck – die Fresse zu polieren und sich dabei selbst halb zu skalpieren. Aber vergessen wir nicht, dass auch ein heranwachsender Junge mit der pubertär bedingten Gehirnkapazität einer Amöbe keinen Freifahrschein hat andere Menschen aus welchen Gründen auch immer zu mobben. Und ja, ich sehe sein Verhalten als Mobbing an, auch wenn Sie es vermutlich anders sehen. Wir sind schon lange aus dem Dinosaurier-Zeitalter der Sozialpädagogik heraus, in dem der Ausdruck 'Boys Will Be Boys' noch als Entschuldigung für Drangsalierungen aller Art herhalten darf.“
Frau Higuchi schnappte erneut geräuschvoll nach Luft und sah mit ihrem vor Wut Rot angelaufenen Gesicht wie eine aufgeplusterte Legehenne aus, auch wenn sie sich sichtlich zurückhielt, ihren Ärger direkt an Shūzō auszulassen, der nicht vor hatte von seinem Standpunkt zurückzuweichen. Stattdessen wandte sie sich zu dessen Frau, bei der sie sich weniger Gegenwehr erhoffte, aber auch Haruka, die sich normalerweise auf ihre konfliktscheue Art sehr bedeckt hielt, schien seiner Meinung zu sein, da sie seine Rede mit einem ebenso nachdrücklichen Nicken bestärkte. Sie waren sich als Eltern vielleicht nicht immer ganz einig, wie sie am Besten mit dem Verhalten ihrer gemeinsamen Tochter umgehen sollten, aber wenn es einen Konsens gab, dann dass sie ihr Kind uneingeschränkt vor allem beschützen würden, das ihr Unrecht oder Schaden zufügen wollte. Die Klassenlehrerin, die sich zerknirscht eingestehen musste dass sie mit irgendwelchen Diskussionen nicht weiter kommen würde, räusperte sich geräuschvoll und zog die Schultern zurück, als sie sich steif aufsetzte. Ihre Stimme klang pikiert, aber wenigstens nicht mehr gefühlt drei Oktaven höher.
„Wie...Wie auch immer, Fakt bleibt dennoch, dass so ein handgreifliches Verhalten auf unserer Schule nicht länger akzeptiert werden kann. Lassen Sie Ihrer wie auch immer gearteten Tochter endlich ein Mindestmaß an Erziehung und Disziplinierungsmaßnahmen angedeihen oder das nächste Gespräch findet beim Direktor persönlich statt, dem ich in dem Fall einen dauerhaften Schulverweis nahe legen werde, sollte es so weit kommen!“
Shūzō und Haruka sahen sich bei dieser offenen Drohung für einen Moment schweigend an, sie ihre Hand auf seinem Oberschenkel abgelegt, die er mit seiner eigenen drückte. Frau Higuchi verzog das Gesicht schon zu einer triumphierenden Miene, überzeugt davon endlich die Oberhand gewonnen zu haben, aber erstarrte dann, als das Ehepaar Nijimura sie mit ausgesprochen unbeeindruckter Gesichtsausdruck gelassen ansahen. Auf Harukas Lippen zeichnete sich gar ein angedeutetes Lächeln ab, das man fast schon als nachsichtig bezeichnen konnte, als würde sie ein Kind ansehen, das kreischend auf dem Boden eines Supermarkt tobte, weil man ihm die Süßigkeit nicht erlaubte.
„Nun, sollte es tatsächlich so weit kommen Frau Higuchi“,begann sie mit weicher, sanfter Stimme und sah dann ihren Mann an, der ihren Satz mit ebenso geschmeidiger, messerscharfer Tonlage für sie beendete: „Dann seien Sie sich sicher, dass wir beim Schulrat eine deutliche Beschwerde gegen Sie einlegen werden.“
Damit war das Gespräch schlagartig beendet und keine fünf Minuten später saßen Shūzō und Haruka in ihren Überzeugungen bestärkt und ein bisschen befriedigt darüber es dieser dämlichen Kuh von Lehrerin doch noch gezeigt zu haben, im Auto auf der Rückfahrt nach Hause.

Auf dem Weg dorthin hielten sie noch am Drive-In einer Maji-Filiale an, um diesen Abend wenigstens mit ungesunden, köstlichen Fastfood positiv ausklingen zu lassen, auch wenn es durchaus noch Gesprächsbedarf mit ihrer Tochter geben würde, was ihr Verhalten anging, aber für heute hatten sie sich genug damit auseinandergesetzt. Ändern konnten sie jetzt ohnehin nichts mehr daran, auch wenn Haruka sich doch noch ein, zwei Tränen verdrücken musste, wenn sie daran dachte dass ihr kleines Mädchen sich einfach so ihre wunderschönen langen Haare abgeschnitten hatte, auf die sie als Mutter doch immer sehr stolz gewesen war, vor allem wenn sie ihre Tochter dazu überreden konnte ihr eine nette Frisur zu machen. Hoffentlich konnte die Frisörin noch etwas retten, bei der sie morgen einen Termin vereinbart hatte. Ein niedlicher Bob auf Schulterlänge vielleicht, der ihr feminines Gesicht einrahme. Das könnte sogar ganz hübsch aussehen, dachte Haruka mit neu gewonnener Zuversicht, dass noch nicht alles verloren war und sperrte die Haustür auf, während Shūzō die Tüten mit dem noch warmen Essen hielt. Etwas fröhlicher, als sie noch zum Elternabend vorhin aufgebrochen waren, trat sie in ihr gemeinsames warmes Zuhause und rief nach ihrer Tochter, die sich den Geräuschen von fließenden Wasser nach im Bad nebenan zu befinden schien.
„Liebling, wir sind  Zuhause! Wir haben ausnahmsweise mal was vom Burgerladen mitgenommen, also komm schnell essen, bevor es noch kalt wird.“
Während Haruka sich noch den Cardigan auszog, ging nach ein paar Momenten die Badezimmertür und heraus trat eine goldener Schein. Zumindest war das das Erste, das Haruka wahrnahm, als sie geweiteten Augen und ungläubig geöffneten Mund zu ihrer Tochter sah, die mit noch leicht feuchten, strahlend blonden Haaren im Türrahmen stand, das vom Bleichmittel orange verfärbte Handtuch um den Nacken. Sie trug wie meistens Zuhause ein viel zu weites schwarzes Oberteil ihres Vaters, das ihr über die schmale rechte Schulter rutschte und ihre Figur darunter fast komplett verbarg. Aber noch strahlender als die Haare ihrer Tochter, die sie anscheinend auch noch nachträglich in Eigenregie etwas wilder zurechtgeschnitten hatte, war nur noch ihr ziemlich stolzes Grinsen, als sie auf sie beide zuging. Haruka war einer halben Ohnmacht nahe und musste sich an Shūzōs Arm festhalten, um nicht umzukippen. Ihr fehlten schlichtweg die Worte. Shūzō schwieg ebenfalls mit einem überraschten Blinzeln, während er Haruka stützte und zugegebenermaßen ziemlich beeindruckt von der plötzlichen Verwandlung war, auch wenn er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Haruka würde sonst noch die Scheidung einreichen, so blass wie sie zwischenzeitlich geworden war.
„Willkommen zurück, ihr habt ja echt lang bei der alten Higuchi gebraucht“, gab ihr spontaner Blondschopf nun fröhlich von sich und nahm gleich die vollen Tüten voller Essen an sich, um neugierig reinzusehen. „Oh super, Burger! Hatten wir ja ewig nicht mehr!“
Als Haruka schon mit einem aufgeplusterten Kugelfischgesicht zu einer gehörigen aufgebrachten Strafpredigt ausholte, zückte ihre Tochter wie ein Cowboy bei einem Schießduell ein Foto hervor, um es neben ihrem eigenen Gesicht hochzuhalten. Es war ein altes Bild von Shūzō, als er in ihrem Alter war. Ebenfalls dasselbe selbstbewusste Grinsen auf den Zügen wie sie. Und vor allem ebenfalls blond wie der Teufel persönlich.
„Ist es nicht toll, wie unglaublich ähnlich ich Papa jetzt damit sehe, Mama? Du meintest ja, dass du es fast schade findest dass ich nicht mehr von ihm geerbt habe~“
Dieses kleine hinterhältige Biest, dachte Shūzō noch mit einem definitiv amüsierten Schmunzeln, als die Worte Haruka steckenblieben, die immer noch komplett entsetzt war. Nachdem ihre Tochter sie mit so schwerwiegender Beweislast geschickt entwaffnet hatte, drehte sie sich nun zu ihm um und verlangte mit einer entsetzten Handgeste Richtung ihres Kindes, dass wenigstens er nun den autoritären Patriarchen raushängen ließ. Er sah zwischen den beiden hin und her, die ihn nun zu Zweit mit auffordernden Blicken penetrierten, sich auf ihre jeweilige Seite zu stellen. Kurz herrschte angespanntes Schweigen, als Shūzō schließlich ergeben aufseufzte und sich etwas ratlos über den Nacken fuhr, eher er vorsichtig nach den richtigen Formulierungen suchte, um nicht gleich von einer der Beiden gelyncht zu werden.
„Es wächst ohnehin irgendwann wieder raus, Haruka. Eigentlich steht es ihr ja gar nicht so schlecht, oder...?“
„Shūzō!“ protestierte Haruka noch, aber da warf sich ihre Tochter schon zwischen sie und umarmte stürmisch ihren Vater.
„Ich wusste du verstehst mich, Papa, du bist eben der Beste! Ich geh schon mal den Tisch decken, hab nen Bärenhunger~“
Und damit tänzelte ihr Goldenes Kind, bei dem Haruka sich manchmal fragte, ob sie tatsächlich die leibliche Mutter war, schon davon Richtung Küche, die vollen Tüten im  Arm. Mit einem Blick, der deutlich aussagte dass sie später im Bett noch eine ernsthafte Unterhaltung darüber führen würden, fixierte sie noch Shūzō, der sich ein leises Auflachen nicht mehr verkneifen konnte, wehrte sich aber nicht dagegen, als er sie versöhnlich auf den brünetten Haarschopf küsste.
„Mach dir nicht zu viele Sorgen, Haruka. Wie du siehst hab ich genau die gleichen Phasen wie sie gehabt und aus mir ist doch am Ende auch was ganz Anständiges geworden, hm?“
„Das 'Anständig' wage ich mal zu bezweifeln, Shuu-chan“, erwiderte sie mit leisem Schmollen, sah aber mittlerweile ein, dass sie an den vollendeten und totgebleichten Tatsachen, vor die sie ihre Tochter gestellt hatte, nichts mehr ändern konnte. Das erneute vertraute, etwas raue Lachen von Shūzō drang an ihr Ohr, das sie immer wieder ganz schwach machte. Manchmal war es schon unglaublich unfair, fand sie. Unfair, aber schön, als sie ihren Kopf etwas anhob und er sie auf die Lippen küsste. Sie verging regelrecht darin, aber bevor sie endgültig dahinschmolz, löste er den Kuss wieder.
„Komm, gehen wir ihr nach, bevor sie noch alles alleine aufisst. Auch wenn ich nicht weiß, wohin das ganze Essen bei so wenig Körpergröße bei ihr hin verschwindet...“
Haruka kicherte etwas, als sie ihm noch mit trietzender, bedrohlicher süßer Stimme entgegenflüsterte:
„Dann hoffe mal, dass es nicht wie bei mir die Oberweite ist, es war schon schwer genug sie von einem schlichten Sport-BH zu überzeugen. Ich will nicht wissen was sie macht, wenn sie erst ihre Periode bekommt. Aber das kannst du ihr dann gern vermitteln, so als 'Bester Papa der Welt'.“
Bevor Shūzō noch protestieren konnte löste sie sich von ihm und eilte dann in die Küche, um ihre Tochter davon abzuhalten ihnen nur noch die aus den Burgern rausgepopelten Essiggurken übrigzulassen. Sie würden sich schon an die neue  Haarfarbe gewöhnen...irgendwann. Viel Schlimmer konnte es ja nicht mehr werden.
„Achja, ich nenne mich jetzt übrigens 'Mari' und lass mich mit 18 wie Papa tätowieren!“
Shūzō, der gerade die Küche betreten hatte, machte sofort wieder auf dem Absatz kehrt und ergriff diskret die Flucht Richtung Arbeitszimmer, bevor er noch ein zweites Mal zwischen die Fronten geriet, während Haruka nun endgültig am Ende ihrer Geduld ein unerwartet lautes „GANZ BESTIMMT NICHT, JUNGES FRÄULEIN!“ donnerte.
 
 
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