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Blutlinien

von Be Izzy
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Kankuro OC (Own Character)
28.05.2019
11.06.2020
24
77.012
3
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
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06.06.2019 1.748
 
So! Es geht weiter mit einem etwas längeren Kapitel als das Letzte.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
LG Aravae


Mehrere Tage vergingen, in denen Airi und Sae nur auf Wassersuche waren und sich sonst aus Schwierigkeiten heraushielten. Ken’ichi hatten sie seit dem Streit nicht mehr gesehen. So waren sie verwundert, als sie am dritten Tag gemütlich zu Abend aßen und die Tür aufgestoßen wurde. Ken’ichi setzte sich ohne Begrüßung an den Tisch und nahm sich eine Orange.
„Es ist auch schön, dich zu sehen“, murrte Sae, die einen warnenden Blick von Airi bekam. Genervt zerteilte sie daraufhin weiter ihren Apfel und nahm sich dann ein Stück Brot. Ihr Freund überging diese bissige Bemerkung und stopfte sich lieber mit den Früchten voll.
Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen zwischen den Freunden und Sae fragte sich, was er hier überhaupt zu suchen hatte, wenn er doch nur kam, um ihre Vorräte zu plündern. Viel getan hatte er dafür ja auch nicht. Nur sie und Airi hatten sich in Gefahr begeben und waren beinahe geschnappt worden.
„Was haltet ihr davon, wenn wir Sunagakure verlassen?“, schlug Ken’ichi vor. Die Frauen sahen ihn einerseits verwirrt, andererseits aber auch überrascht an. Woher kam die Idee denn jetzt?
„Und wie stellst du dir das vor?“, entgegnete Sae, „In den Dörfern fallen wir doch noch mehr auf“
Ken’ichi schüttelte den Kopf und wandte sich ganz an Airi, denn sie war es am Ende, die entschied, was zu tun war.
„Wir bauen uns ein Haus in der Wildnis und leben vom Wald“, erzählte er begeistert, „Kein Stehlen und kein Fürchten mehr“
Er hielt inne, als er Airis skeptischen Blick bemerkte.
„Dazu müssten wir die Wüste durchqueren“
„Ja, aber wir müssten nur noch einmal stehlen, damit wir dafür genug Vorräte haben“, merkte Ken’ichi an und das war für die Frauen tatsächlich der einzige Grund, um so ein Vorhaben zu wagen.
„Ich bin dagegen“, sagte Sae frei heraus und erntete einen wütenden Blick von ihm, den sie jedoch genauso wütend erwiderte. „Die Wüste ist viel zu gefährlich, um da ohne Vorbereitung durchzugehen“
„Also willst du weiter von Abfall und Dreck leben?“
„Die Diskussion hatten wir vor drei Tagen schon“, ging Airi genervt dazwischen. „Lasst uns morgen darüber sprechen“
Sae und Ken’ichi starrten sich feindselig an. Airi saß genervt dazwischen und fragte sich, wann das denn endlich mal aufhören würde.
„Ich jage wenigstens nicht irgendwelchen dummen Träumen hinterher, die sowieso nicht wahr werden“, giftete sie.
Ken’ichi ballte die Hände zu Fäusten und starrte sie weiterhin an. Airi ahnte, dass es bald zu einer Eskalation kommen würde, saß aber immer noch schweigend dazwischen. Sie verstand die Standpunkte ihrer Freunde, aber an dieser Stelle war selbst sie ratlos, was sie machen sollten. Es fühlte sich für sie an wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.
„Und ich kann nicht darauf hoffen, dass Mama und Papa plötzlich vorbeikommen und mich holen“
Das war genug für Sae. Schon seit sie dazu gestoßen war, wurde ihr dieser Fakt vorgeworfen. Was konnte sie bitte dafür, dass sie sich nicht erinnerte? Die ersten Monate hatte sie noch Hoffnung gehabt, dass jemand kam und sie rettete, aber sie hatte sich damit abgefunden und gehofft, dass sie nach so vielen gemeinsamen Erlebnissen endlich akzeptiert wurde.
Ken’ichi’s Aussage zeugte vom Gegenteil.
Sae stand ruckartig auf, sodass ihr Stuhl nach hinten kippte, und verließ den Raum, um sich allein auf den Dächern abzureagieren.

Dieser dämliche, arrogante Trottel!
Wutentbrannt ließ ich meine Hand Bekanntschaft mit dem Dach des Hauses machen. Immer und immer wieder schlug ich auf den Stein ein, bis der Schmerz meine Besinnungslosigkeit überdeckte und ich keuchend inne hielt. Meine Hände waren blutig und pochten unangenehm.
Nach allem, was ich mit ihnen erlebt hatte, wurde ich immer noch nicht vollwertig akzeptiert. Ich war eine Außenseiterin, ein Dorn im Auge jedes Bettlers, denn es war ja möglich, dass ich unverhofft zu Reichtum kam. Nicht, dass ich daran noch glaubte, denn in den zwei Jahren seit meiner Ankunft hatte niemand nach mir gefragt. Ich war ein genauso verabscheutes Straßenkind wie alle anderen auch.
Ich streckte meine Finger aus und spürte den ziehenden Schmerz. Warum fühlte ich mich dann nicht wie die anderen? Warum kletterte ich Abend für Abend auf die Dächer und bestaunte den Himmel, während die anderen schliefen und für den nächsten Tag Kraft zu tanken versuchten?
Ich ließ mich nach hinten fallen und bewegte vorsichtig die Finger meiner linken Hand. Sie hatte es schlimmer erwischt als die rechte und trotz des Blutes sah ich, wie sich die Knöchel langsam blau zu verfärben begannen. Zähneknirschend akzeptiere ich den pochenden Schmerz als etwas Notwendiges. So konnte ich wenigstens klare Gedanken fassen und meine Situation akzeptieren, wie sie war.
Ken’ichi würde mich nie als gleichberechtigt anerkennen. Er würde weiterhin auf mir herumhacken und mir vor Augen führen, dass ich seiner Meinung nach nicht zu ihnen gehörte. Und ich konnte nichts anderes tun, als zu hoffen, dass Airi das anders sah.
Diese Machtlosigkeit machte mich schier wahnsinnig!
Knurrend setzte ich mich auf und legte meinen Arm auf dem Knie ab. Es hatte keinen Sinn, noch weiter darüber nachzudenken. Entweder ich änderte etwas an meiner Situation oder ich tat es eben nicht und im Moment war ich trotz der Schwierigkeiten recht zufrieden mit meinem Leben. Warum es also ändern?
Gleichwohl wusste ich, dass ich auf diese Art niemals herausfand, was mit mir geschehen war. Meine Vergangenheit blieb weiterhin ein schwarzer Fleck in meinem Gedächtnis und die Frage, ob ich Familie hatte, würde für immer offen im Raum stehen. Das gab mir zu Denken.
Für den Moment konnte ich damit leben und meinen Status in der Welt akzeptieren, aber wie sah das in fünf oder zehn Jahren aus? Nein. Ich konnte und wollte das so nicht auf mir sitzen lassen und Tag für Tag dabei zusehen, wie Ken’ichi mich damit aufzog.
Er hatte in gewisser Weise Recht. Wir lebten ein bequemes Leben ohne Pflichten und Bürden, aber das konnten wir auf Dauer nicht halten. Wir mussten uns weiterentwickeln. Niemals würde ich ihm sagen, dass er in dieser Diskussion Recht gehabt hatte. Wenn wir nicht bald etwas änderten, dann blieben wir zeitlebens Bettler und Diebe.
Es wurde Zeit.
Morgen. Morgen würde ich mit den anderen reden und vielleicht – nur vielleicht – machte ich mich ja auf, um meine Herkunft zu ergründen. Ob Airi und Ken’ichi zu diesem Abenteuer ebenfalls aufbrachen, konnte ich ihnen nicht diktieren, aber ich hoffte, dass wenigstens Airi mir folgen würde.
Damit ich nicht völlig allein war auf dieser Welt.

Ein lauter, alles übertönender Schrei hallt durch Sunagakure und weckt die junge Frau aus ihrem unruhigen Dämmerzustand. Verwirrt springt sie auf, rennt zur Kante des Daches und wäre beinahe heruntergefallen. Schwankend bleibt sie stehen und ordnet ihre Gedanken. Der Schrei. Er kommt von ihrem Haus. Sie braucht einen Moment, um die ganze Situation zu realisieren, aber es ist ein Moment zu lange. Wieder hallt ein Schrei durch die nächtliche Stille.
Sie zögert, als sie in die Tiefe sieht. Zu klettern dauert viel zu lange, aber ein Sprung könnte sie das Leben kosten. Das Dach ist alt und modrig und hat sicher schon mehr Leben gesehen, als es sollte, aber sie reißt sich zusammen und springt ab. Ihre Freunde sind in Gefahr!
Krachend geben die Holzbacken unter ihrem Gewicht nach und sie landet unter wildem Geschrei im ersten Stock des Hauses. Es ist nicht ihr eigenes Zimmer, aber sie ist genau da gelandet, wo die Party stattfindet.
Fremde Männer sind überrascht zur Seite gesprungen und regen sich auch nicht, als sie sich stöhnend aufsetzt und sich den Rücken reibt. „Was zur Hölle ist hier los?“
Sae richtet sich zu ihrer ganzen Größe auf und blickt zu den fremden Männern, die ihren Schock überwunden haben und ihre Waffen auf sie richten. Sie glüht die ungebetenen Gäste wütend an und überblickt innerhalb von Sekunden die Situation.
Sechs Männer stehen in Airis Zimmer, die Waffen erhoben und mit grimmigen Mienen. Sie haben den kompletten Raum auf den Kopf gestellt und die junge Frau mehrmals ins Gesicht geschlagen. Die aufgeplatzte Lippe blutet und unter ihr Auge beginnt bereits, zuzuschwellen.
„Sae, verschwinde von hier“, ruft Airi. Sie wird von einem Mann mit Glatze und Vollbart festgehalten und wehrt sich heftig gegen den Griff. Saes Puls schnellt in die Höhe, denn sie bemerkt, dass die Angreifer sich von der Überraschung erholt haben.
„Schnappt sie euch!“, brüllt Glatze und während seine Männer auf Sae losgehen, zieht er Airi aus dem Zimmer und runter in das Erdgeschoss.
„Airi!“
Knurrend weicht Sae dem Axthieb ihres Angreifers aus, schnappt sich dessen Waffe und rammt ihm den Griff in die Magengrube. Leider nicht schnell genug, denn jemand packt sie von hinten und hebt sie hoch. Unter Aufbringung all ihrer Kräfte tritt sie ihm auf den Fuß, rammt ihren Ellbogen nach hinten und schlägt schließlich mit dem Kopf zu. Sterne funkeln vor ihrem Sichtfeld, aber der Griff lockert sich und sie kann sich befreien, bevor ein weiterer Angreifer das Schwert gegen sie schwingen kann.
Sie duckt sich unter dem Hieb, fegt dem Mann die Beine weg und kommt schneller wieder auf die Füße als die anderen reagieren können. Mit zwei Sätzen ist sie am Ausgang, schwingt die Tür hinter sich zu und ist ihrer Freundin auf den Fersen.
„Airi!“
Sae bleibt abrupt am Absatz der Treppe stehen und verengt die Augen zu Schlitzen. Im Licht mehrerer Kerzen sieht sie, wie der große Mann ihrer Freundin ein Messer an die Kehle hält und sie herausfordernd angrinst.
„Trau dich, kleiner Teufel“, höhnt er, „Mal sehen, wie deiner Freundin die Klinge schmecken wird“
„Lass sie los“, verlangt Sae, die vorsichtig in den Raum hineintritt und dabei auf jede Bewegung ihres Gegners achtet.
Schwere Fußstapfen sind im oberen Stockwerk zu hören und ihr wird klar, dass ihr die Zeit davonläuft.
„Sae, bitte verschwinde von hier! Sie werden dich töten!“, fleht Airi, die aber zum Schweigen gebracht wird, als der Kerl ihr die Klinge noch weiter in den Hals drückt.
Die Schritte kommen näher. Panisch wendet Sae ihren Blick nach oben und sieht, wie die ersten Männer nach unten stürmen. Knurrend dreht sie sich zu ihrer Freundin. Es sind zu viele, als dass sie mit ihnen fertig werden könnte.
Schweren Herzens trifft sie eine Entscheidung, die sie vielleicht ihr ganzes Leben lang bereuen wird, die ihr aber hier und jetzt das Leben rettet.
„Ich werde dich finden!“
Lachend wirft der Kerl das Messer nach ihr, als sie auf das Fenster zuspringt und sich im letzten Moment nach draußen rettet.
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