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Blutlinien

von Be Izzy
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Kankuro OC (Own Character)
28.05.2019
11.06.2020
24
77.012
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20.02.2020 3.408
 
Es überrascht mich immer wieder, wie gut Menschen zusammenarbeiten können, wenn sie ein gemeinsames Ziel haben. Nachdem der erste Schreck überwunden war, hat jeder, der dazu in der Lage war, mit angepackt, um Recht und Ordnung wieder herzustellen. Die Leichen der Banditen wurden bereits am nächsten Morgen eingesammelt und irgendwo im Wald verbuddelt, wo niemand sie je wieder findet und die Erinnerungen an diesen grauenvollen Tag erneut in das Gedächtnis der Menschen rufen kann.
Mit den Gefallenen auf Seiten des Dorfes sieht es anders aus. Eng in meinen Umhang geschlungen sitze ich auf der Veranda zu Daisukes Haus und beobachte die Dörfler, wie sie ihre traditionelle Begräbniszeremonie durchführen. Insgesamt haben drei Angehörige den Angriff nicht überlebt, darunter ein kleiner Junge, der bei seiner Flucht einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist.
Drei ganze Tage lang hat die Mutter ihre Klagelieder gesungen und den Körper des Kleinen nicht herausgerückt. Es hat an den Nerven eines jeden im Dorf gezerrt, aber niemand sagte es etwas gegen sie, denn sie alle ahnten, dass es auch sie hätte treffen können. So ließen sie die junge Frau in Ruhe, bis sie bereit war, ihr Kind zu Grabe zu tragen.
„Gehst du nicht mit hin?“, fragt Tadashi von der Seite. Ich blicke zu ihm auf und schüttle den Kopf. Er trägt an diesem Tag eine weiße Hose und ein weißes Hemd und seine Haare sind ausnahmsweise gekämmt.
„Das ist eine Sache des Dorfes und ich gehöre nicht zu euch“
Er lehnt sich gegen den Pfeiler, verschränkt die Arme und nickt. Sein Blick ist auf die Gruppe gerichtet, aber ich ahne, dass seine Gedanken abschweifen. Seit Daisuke bei dem Angriff verletzt worden ist, hat er die wichtigen Entscheidungen getroffen und ist an dieser Aufgabe auch ein Stück weit gewachsen. Seine Miene ist ernster, die Haltung gerader und wenn er noch vor einer Woche eine Fremde blindlings angegriffen hat, so versucht er nun, zu jeder Zeit einen kühlen Kopf zu bewahren.
Diese Entwicklung ist unter den Dörflern nicht unbemerkt geblieben und viele äußerten sich positiv darüber, aber niemand kann die Schatten unter Tadashis Augen übersehen.
„Ich bin sicher, dass sie nach den letzten Tagen anders denken“, sagt er leise, sodass selbst ich ihn kaum hören kann. Noch einmal richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Gruppe, die in einer Entfernung zum Stehen gekommen ist und von der aus einige Worte zu uns herüberwehen.
Zwei Tage habe ich durchgeschlafen, ehe ich mich aufraffen und den Dorfbewohnern bei ihren Aufräumarbeiten unterstützen konnte. Zu Anfang wurde ich noch misstrauisch beäugt, aber als auch der letzte begriffen hat, dass ich nur helfen will, wurde ich jedes Mal mit freundlichen Grüßen und breiten Lächeln begrüßt.
Aber das ändert trotzdem nichts daran, dass ich eine Außenseiterin bin und ihre Mienen mir gegenüber verschlossen bleiben. Genauso wie ihre Zeremonien.
„Du solltest gehen“, lenke ich ab, „Deine Leute brauchen dich“
Tadashi wirft mir einen prüfenden Blick zu, nickt und stößt sich von dem Pfeiler ab. Ich beobachte ihn, wie er zu der Gruppe dazu stößt; die Schritte federnd und die Arme entspannt an den Seiten schwingend. Selten habe ich ihn in den letzten Tagen so gesehen.
Seufzend erhebe ich mich und klopfe den Staub von meiner hellbraunen Hose, die an den Knöcheln zusammengebunden wird und durch einen Gürtel extra Halt an meiner Hüfte findet. Youko hat sie mir erst gestern mit einem Naserümpfen ausgehändigt und mir noch einmal eingeschärft, dass ich es mir hier nicht allzu gemütlich machen soll.
Nicht, dass ich vorhatte, noch länger an diesem Ort zu bleiben. Die Woche, die Yuuto mir versprochen hat, ist um und damit auch meine Erholungspause. Die meisten Wunden sind sowieso nur noch blasse Schatten auf meiner Haut, die Prellungen und Stauchungen nicht mehr der Rede wert und meine Muskeln haben sich ordentlich von den Strapazen erholen können.
Während ich durch den Flur gehe, kann ich Youko in der Küche werkeln hören, und lächle dabei. Mit einem ans Bett gefesselten Daisuke ist sie noch nervöser und arbeitswütiger als sonst schon und lässt kaum eine Gelegenheit aus, um mich oder die Jungs für unser angebliches Fehlverhalten zu schelten. Ginge es nach ihr, wäre ich schon längst über alle Berge, aber zum Glück haben einige Dorfbewohner und Tadashi ein gutes Wort für mich eingelegt und bekräftigt, dass ich in meinem geschwächten Zustand kaum eine Reise überstehen könne.
Zum Glück für mich.
Die Schiebetür quietscht, als ich sie aufschiebe und in mein Zimmer trete. Neben meinem Bett steht ein zum Bersten gefüllter Rucksack, eine Kunaitasche, die mir ein Mann namens Ronin zum Dank geschenkt hat, und ein kleiner Beutel, der an meinem unteren Rücken befestigt wird und allerhand Arzneimittel enthält.
Auf dem Bett liegt meine neue Ausrüstung. Kunai und Shuriken, Rauchbomben, einige Senbon und brandneue Kleidung. Der schwarze Stoff ist von zwei älteren Damen perfekt auf meine neue Aufgabe abgestimmt worden und die Maße haben sie selbst vor einigen Tagen genommen. Die kurze Jacke hat eine weite Kapuze, die mich gut vor den Blicken anderer schützen kann, und die Ärmel enden kurz vor meinen Handgelenken, um mir genug Freiraum zu gewähren. Das dunkelgraue Top liegt zwar eng an, ist aber besonders leicht und widerstandsfähig. Die lange Hose endet an meinen Knöcheln und verfügt über viele Taschen, in denen ich die Waffen verstauen kann und die Frauen haben mir aus dem übriggebliebenen Stoff noch ein Tuch genäht, das mein Gesicht optimal verdeckt, wenn ich das denn will.
Noch nie habe ich solche gut gearbeiteten Kleidungsstücke besessen und ich habe mehr als einmal alles Geld angeboten, das ich noch besitze, aber die Frauen wollten partout nichts davon hören und gaben mir die Münzen jedes Mal wieder zurück.
Mein Lächeln wird zu einem Grinsen, als ich über das Top streiche. So gut ausgerüstet und mit meinen neuen Fähigkeiten wird sich mir niemand mehr in den Weg stellen. Von hier aus sind es einige Tagesmärsche bis in die nächste Stadt, wo ich neue Informationen sammeln kann, aber die Dörfler haben mir schon genug verraten, um die Position der Festung auf einige wenige Quadratkilometer einschränken zu können.
Die helle Hose und das weite Hemd landen in meinen Rucksack und ich schlüpfe in die neuen Klamotten. Wenn alles gut geht, werde ich mich spätestens morgen auf den Weg machen, und ich will davor wenigstens meine neuen Sachen ausprobieren.
Draußen auf der Veranda bleibe ich stehen, blinzle bei der plötzlichen Helligkeit und überblicke das Dorf. Die meisten sind immer noch mit der Zeremonie beschäftigt und die anderen schenken mir keinen Deut ihrer Aufmerksamkeit. Einige Stellen im Gras sind noch braun von getrocknetem Blut und neben einem Haus liegen die Waffen der Banditen auf einem Haufen. Soweit ich weiß sollen sie eingeschmolzen werden, um daraus neue Äxte und anderes Handwerkzeug zu schmieden.
Ich springe von der erhöhten Veranda herunter und schlage einen lockeren Trott ein, der mich in den Wald hinein führt. Die Waffen in meinen Taschen klirren bei jeder Bewegung und das Gewicht an den Seiten ist noch ungewohnt.
Tief atme ich die frische Luft des Waldes ein und genieße die Sonne, die immer wieder durch das Blätterdach auf meinen Kopf scheint. Nach den Strapazen der letzten Tage ist es so unwirklich, durch einen friedlichen Wald zu laufen und keine Angst haben zu müssen, hinter dem nächsten Baum angegriffen zu werden. Leider haben meine Sinne das noch nicht ganz verstanden und ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich Unterholz etwas knackt oder ich am Rand meines Blickfeldes eine Bewegung erahne. Immer wieder fährt meine linke Hand über die Kunaitasche und jedem Idioten wäre aufgefallen, dass ich in der Laufbewegung zögere, um meine Umgebung besser in Augenschein nehmen zu können.
Kopfschüttelnd bleibe ich stehen. Das ist doch lächerlich! Ich habe mich mit den Banditen angelegt, bevor ich wusste, wie ich eine Waffe benutze, aber jetzt, wo ich das alles weiß, habe ich Angst vor ein bisschen Wald? Wenn Yuuto mich gerade sehen kann, lacht er mich bestimmt zusammen mit Aoi aus.
Mit aller Kraft jage ich ein Kunai in den nächsten Baum und stelle zufrieden fest, dass die Klinge bis über die Hälfte im Holz verschwindet. Ihm folgen noch weitere, die alle eng beieinander und zitternd im Holz stecken bleiben. Als ich keine mehr habe, folgen die Shuriken, aber mit denen bin ich bei Weitem nicht so bewandert und runzle bei dem Ergebnis die Stirn. Nur zwei haben tatsächlich etwas getroffen und die sind links und rechts von dem eigentlichen Baum in zwei Kiefern stecken geblieben.
Naserümpfend stapfe auf die kleine Baumgruppe zu, um meine Waffen einzusammeln. Wenn die Shuriken kaum eine Trefferquote aufweisen, dann brauche ich mit den Senbon gar nicht erst anfangen.  
Wieder einmal wird mir schmerzlich bewusst, dass Yuuto mir noch so einiges hätte beibringen können. Wie gut wäre ich, wenn diese Verbrecher nicht aufgetaucht wären? Mein Training bei ihm wäre fast beendet gewesen und ich bin mir sicher, dass er so einige Geheimnisse mit ins Grab genommen hat.
Ich lasse ein Kunai in meiner Hand kreisen und beobachte, wie das Licht von der Klinge gebrochen wird. Sollte ich den Weg weitergehen wollen, werde ich früher oder später einen neuen Meister brauchen. Und da die meisten Shinobi einem der großen Dörfer angehören, sieht das eher schlecht für mich aus.
Aber wie sagt man doch so schön? Bis dahin fließt noch sehr viel Wasser den Fluss herunter.

„Wie geht es Onkel?“
Tadashis Stimme ist das einzige, das an diesem Abend die Stille beim Abendessen unterbricht und wir alle heben unseren Blick, um ihn anzusehen. Youko hat mitten beim Anheben ihres Sushi plötzlich vergessen, dass es da in der Luft hängt, und die Stirn in Falten gelegt. Ihr Blick ist ausdruckslos und sie lässt sich viel Zeit für ihre Antwort.
„Besser, aber er wird noch ein paar Tage schlafen“
Tadashi nickt und widmet sich wieder seinem eigenen Essen. Wieder breitet sich eine drückende Stille über uns aus, die ich nicht wage, zu unterbrechen. Nicht einmal zehn Minuten sitze ich gemeinsam mit Tadashi, Youko und Riku am Tisch und es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.
„Du Sae?“, spricht mich da plötzlich der Kleine von der Seite an, „Bleibst du jetzt für immer bei uns?“
Meine Augen werden groß, während ich den Jungen betrachte und mir eine passende Antwort zurecht lege. Youko, die mir gegenübersitzt, spannt sich merklich an und kneift die Lippen zusammen. War die Stille vorher schwer, so kann sie jetzt mit einem Messer zerschnitten werden.
„Das geht leider nicht, Riku“, sage ich leise und betone dabei jedes Wort überdeutlich, damit auch ja jeder am Tisch sie versteht. Sofort verschwindet ein Teil der Anspannung aus dem Raum, aber es bleibt noch immer genug übrig, um mein Unwohlsein zu steigern.
„Aber wieso denn nicht?“
Ich beiße mir auf die Zunge und sehe zu Youko. Wie viel kann ich sagen? Wie viel will sie, dass ich sage? „Hör mal, ich-“
„Sae ist in Wahrheit ein Shinobi“, geht Youko plötzlich dazwischen, „Und einen Shinobi soll man nicht von seiner Mission abhalten“
Einen langen Moment starrt Riku mich an, die Augen groß und der Mund ein Stück weit offen. Ich sehe buchstäblich, wie es in seinem kleinen Kopf rattert. „Das ist ja cool! Magst du mir mehr über deine Mission erzählen? Wie ist dein Sensei so? Und warum hast du mir das nicht früher erzählt?“
Youko hat es mit ihrer Aussage nur gut gemeint, aber die Flut an Fragen ist wahrscheinlich das komplette Gegenteil von dem, was sie erreichen wollte. Ich blinzle mehrmals, zeige ein kleines Lächeln und strubbel ihm durch die Haare. „Das ist alles streng geheim, verstehst du?“
Riku wehrt meine Hand ab und verzieht das Gesicht. Er wirft mir einen perfekten Schmollmund entgegen, der mir einen Stich ins Herz versetzt. Noch ein paar Jahre und der Kleine könnte der Liebling des ganzen Dorfes sein – wenn er es denn nicht schon ist.
„Bitte, Sae! Ich werd‘ auch nichts verraten“
Youko wirft ihm einen strengen Blick zu und rümpft die Nase. „Riku, benimm dich“
Das bringt den Jungen nur noch weiter auf und er verschränkt trotzig die Arme und weigert sich, sein Essen weiter anzurühren. Ich schüttle leicht den Kopf und wende mich meinem eigenen Essen wieder zu. „Wenn ich meine Mission abgeschlossen habe, komme ich her und erzähl dir alles, okay?“
„Hmpf“, mache ich, als sich plötzlich ein Gewicht gegen mich wirft und ich nur mit aller Mühe verhindern kann, zu Boden zu gehen. Dünne Arme schlingen sich um meinen Nacken und ich höre unangenehm laut an meinem Ohr: „Danke, danke, danke! Und ich verspreche, dass ich mich bis dahin um das Dorf kümmern werde! So wie Tadashi“
„Jetzt reicht es aber, Riku!“, schreit Youko, „Geh wieder auf deinen Platz und iss dein Sushi“
Der Kleine zuckt bei diesem Ton heftig zusammen und sieht zu, dass er diesem Befehl nachkommt. Ich werfe ihr einen dunklen Blick zu und setze mich gerader hin. Musste der Ton denn unbedingt sein? Riku hat sich doch nur gefreut und dem Ganzen Ausdruck verliehen. Ich an ihrer Stelle wäre glücklich, einen so lieben und energetischen Jungen zu haben.
Obwohl...
Ich werfe einen Blick zu ihm und hebe die Augenbrauen. Wenn ich ihn den ganzen Tag an der Backe hätte, würde ich wohl auch irgendwann durchdrehen.
Wir essen den Rest des Abendessens schweigend und Youko überlässt Tadashi und mir das Geschirr, um den maulenden Riku ins Bett zu bringen.
Ich bemerke Tadashis Blick auf mir, während ich die Teller staple, und schaue zu ihm auf. „Ist was?“
Er zuckt zusammen und wendet sich ab.
„Wie lange willst du noch hier bleiben?“
Ich senke meinen Kopf und starre auf das dreckige Geschirr in meinen Händen. „Der Plan ist, spätestens morgen früh abzureisen. Aber ich denke eher, dass es irgendwann in der Nacht so weit sein wird“
Tadashi nickt und wir wechseln in die Küche. Dort schnappe ich mir ein Geschirrtuch und warte nur noch darauf, dass er endlich mit dem Abwasch anfängt.
Noch während das Wasser läuft, sieht er mich an und zum ersten Mal kann ich seinen Blick nicht richtig deuten. Ist es Angst, die ich da sehe? Nachdenklichkeit? Entschlossenheit?
„Du willst dich allein auf die Reise machen?“, fragt er so leise, dass ich ihn kaum über das Rauschen des Wassers verstehen kann. Ich ziehe eine Augenbraue nach oben und greife nach dem ersten Teller.
„Was soll die Frage?“
Er wirft mir einen Seitenblick zu und konzentriert sich dann wieder darauf, das Geschirr ordentlich sauber zu bekommen. „Ich möchte dich begleiten“
Ich wollte gerade einen Teller zurück an seinen Platz legen, aber die Hand bleibt mitten in der Bewegung stehen und ich starre ihn offen an. „Das ist nicht dein Ernst!“
Er hält kurz in seiner Arbeit inne und wirft mir einen todernsten Blick zu. Dieses Mal kann ich ihn sehr gut lesen, denn diesen Blick sehe ich jeden Morgen im Spiegel. Entschlossenheit und Wut blitzen mir entgegen und ich schlucke. Der Teller findet seinen Platz auf dem Ablaufgitter und ich zerknülle das Geschirrtuch in meiner Hand. Was erwartet mich jetzt?
„Tadashi, ich kann dich nicht mitnehmen. Dein Dorf braucht dich“
Er schnaubt und trocknet sich die Hände ab. „Diese Schweine haben meinen Onkel fast getötet und du verlangst jetzt von mir, dass ich still in meinem Dorf sitzen bleibe, während du sie allein suchen gehst?“
„Ja, das tue ich“
Vier ruhig ausgesprochene Worte reichen, um ihn aus der Bahn zu werfen. Er blinzelte einmal, zweimal und ballt die Hände zu Fäusten. Sofort mache ich einen Schritt zurück und bereite mich innerlich auf einen Angriff vor.
„Du kannst mir keine Befehle erteilen“, sagt er harsch, „Wenn ich dich begleiten will, dann werde ich das tun“
„Und was ist mit Youko und Riku? Wenn Daisuke nicht aufwacht, ist niemand mehr da, um sie zu beschützen“
Kaum habe ich den Satz beendet, muss ich einem Schwinger ausweichen und sehe mit aufgerissenen Augen, dass er ein Messer in der anderen Hand hat und es gegen mich einsetzen will. Flink greife ich nach dem Handgelenk und verdrehe es so sehr, dass er gezwungen ist, in die Knie zu gehen und die Waffe fallen zu lassen.
Er knirsch mit den Zähnen, gibt aber keinen Schmerzenslaut von sich. Eines muss ich ihm lassen: Schmerzen kann er aushalten. „Ich lasse nicht zu, dass du durch deine Rachegelüste deine Familie in Gefahr bringst“
„Als ob du weißt, was ich fühle“, speit er aus, „Du hast keine Familie!“
Knurrend verdrehe ich ihm das Handgelenk noch weiter, dass er endlich einen Schrei von sich lässt, und halte mein Gesicht nur wenige Zentimeter vor seinem.
„Die Bastarde mögen deine Familie angegriffen haben, aber MEINE haben sie einfach eines Morgens entführt“, knurre ich, „Erzähl mir also nichts von Verlust und Wut“
Er schluckt und entspannt sich. Als ich sicher bin, dass er mich nicht sofort wieder angreifen wird, lasse ich ihn los und trete einen Schritt zurück. In mir brodelt die Wut wie heiße Lava, aber ich reiße mich zusammen und atme durch. Tadashi hätte mich niemals so angegriffen, wenn er nicht selbst gestresst und frustriert gewesen wäre und nach einem Ventil dafür gesucht hätte.
Er reibt sich das Handgelenk und sieht mich grimmig an. Stille senkt sich über den Raum, die nur durch die Vögel vor dem Fenster unterbrochen wird und sich schwer auf mein Gemüt legt. Sein Ausdruck ist unleserlich und ich frage mich, ob ich mich für einen neuen Angriff wappnen muss.
„Mein Onkel wird schon bald wieder auf den Beinen sein“, sagt er fest, „Aber du wirst Hilfe gegen diese Verbrecher brauchen“
Mein Auge zuckt und ich balle die Hände zu Fäusten. „Was erlaubst du dir eigentlich?“ Meine Stimme ist gesenkt, aber ich bin mir sicher, dass er jedes einzelne Wort verstanden hat. „Ich bin dir und deiner Familie dankbar, dass ihr euch um mich gekümmert habt, aber das gibt dir kein Recht, deine Hilfe aufzuzwingen“
„Aber-“
Mit einer energischen Handbewegung unterbreche ich ihn und sehe ihn scharf an. „Diese Verbrecher sind gefährlich! Was würde Daisuke sagen, wenn ich dich mitnehme und du stirbst? Hast du mal daran gedacht?“
Tadashi macht den Mund auf und wieder zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er ist angespannt, das kann ich an seiner Haltung sehen, und bevor er noch etwas dazu sagen kann, drücke ich ihm das Geschirrtuch in die Hand und gehe zum Ausgang.
„Es ist meine Entscheidung, ob ich gehe oder nicht“, ruft er, „Und wenn du mich nicht dabei haben willst, dann mach ich es eben allein!“
In der Schwelle bleibe ich stehen und wende mich ihm zu, die Augenbrauen zusammengezogen und die Hand um den Türrahmen verkrampft. Dass er ausgerechnet eine solche Aussage gegen mich wirft, ist unterstes Niveau. Was soll ich jetzt tun?
Lange starre ich ihn an und gehe meine Optionen durch. Dass er es ernst meint, kann jeder eine Meile gegen den Wind riechen, aber wie ernst meine ich es mit meiner Position? Kann ich ihn einfach so ins Blaue aufbrechen lassen, so wie ich es getan habe? Daisuke würde mich häuten, wenn er davon erführe!
Seufzend lasse ich die Schultern hängen und reibe mir die Nasenwurzel.
„Fein“, sage ich, „Wenn du unbedingt mitkommen willst, dann werde ich dich nicht daran hindern“
Tadashis breites Grinsen versetzt mir einen Stich in die Brust und ich starre ihn in Grund und Boden.
„Wir treffen uns zum Sonnenaufgang vor der Tür. Und wehe, du kommst auch nur eine Minute zu spät! Dann gehe ich ohne dich“
Ohne auf eine Antwort zu warten drehe ich mich nun endgültig um und gehe in mein Zimmer. Für diesen Tag habe ich genug Diskussionen gehabt.

                                                                                                                                                                         

Heyho :D
Es ist eine ganze Weile her und ich entschuldige mich viemals dafür! Aber  jetzt habe ich es doch endlich geschafft. Ein Kapitel, endlich habe ich ein Kapitel fertig bekommen ^^
Um ehrlich zu sein, habe ich die kleine Pause auch gebraucht, um meine Gedanken und Ideen zu ordnen und mich auch anderen Projekten mal zuzuwenden. Jetzt bin ich aber wieder da und habe meine Motivation aus der tiefsten, mit Spinnetzen dekorierten Ecke meines Hirns gezogen und abgeputzt :D

Ich wünsche euch ein wunderschönes (und hoffentlich sturmfreies) Wochenende!
Aravae
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