Blutlinien

von Aravae
GeschichteAbenteuer / P16
OC (Own Character)
28.05.2019
08.12.2019
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An alle, die neu sind: Herzlich Willkommen!
An alle Wiederholungstäter: Herzlich Willkommen zurück!
Ich fasse mich kurz, wünsche euch viel Spaß  und noch einen schönen Sonntagabend :)
LG Aravae

                                                                                                                                   


Stöhnend komme ich auf die Füße und sehe hoch zum Baum. Die neueste Markierung befindet sich in ungefähr zwölf Metern Höhe und lacht mich aus. Meine Beine zittern, als ich einen Schritt nach vorne mache, und Schweiß tropft auf das grüne Gras. Stoßweise versuche ich, meine Lungen mit Luft zu füllen, aber selbst das reicht nicht aus. Meine Sicht verschwimmt zu einem Meer aus allen möglichen Farben.
Airi…
Ich schüttle den Kopf, verbanne sämtliche Gedanken ans Aufgeben und stürme erneut auf den Stamm zu. Mit jedem Schritt kontrolliere ich mein Chakra, lasse es fließen und konzentriere mich auf mein Ziel.
Als das Holz unter mir nachgibt, springe ich ab, markiere die Stelle und lande sicher wieder auf dem Boden. Beim Aufprall knickt mir das rechte Knie weg und ich stöhne auf, als ein stechender Schmerz hindurchfährt. Nicht, dass es meine erste Verletzung ist. Mein ganzer Körper ist übersäht mit blauen Flecken und Prellungen.
Mit jedem Mal wird es schwerer, wieder auf die Beine zu kommen, aber ich schaffe es und stürme erneut auf den Baum zu. Yuuto, den Wald, ja sogar die aufkommenden Gewitterwolken habe ich ausgeblendet. Alles, was zählt, ist, dass ich vorankomme. Ich darf mich von dieser kleinen Aufgabe nicht aufhalten lassen!
Brüllend erstürme ich den Stamm und dieses Mal gelingt mir etwas Neues: ich erreiche einen breiten Ast und lasse mich sofort darauf nieder. Niemals. Niemals hätte ich gedacht in vierzehn Meter Höhe auf einem Baum zu sitzen und dies aus eigener Kraft geschafft zu haben.
Neben mir erschreckt sich das Eichhörnchen, fiept mich beleidigt an und verschwindet auf einen anderen Baum. Ich blicke ihm hinterher und mir kommt eine Idee.
Ich sammle Chakra und springe von dem Ast auf einen weiteren. Zwar habe ich die Menge an benötigtem Chakra genau abgepasst, aber mein Gleichgewichtssinn hat sich an die neuen Gegebenheiten noch nicht gewöhnt und ich schwanke bedrohlich auf dem Holz.
Ohje!
Panisch kralle ich im Stamm fest und sehe nach unten in mein Verderben. Das ist verdammt weit bis zum Boden!
Auf einmal wird mir bewusst, was ich hier mache. Die Shinobi in Sunagakure haben sich auch immer so über die Dächer der Stadt bewegt. Das jetzt auch zu können, erfüllt mich mit tiefer Zufriedenheit, denn es bedeutet, dass ich verschwinden kann, wann ich will, und kaum jemand kann mir folgen. Vielleicht kann ich sogar Airi befreien, ohne dass Blut fließen muss!
Ich nehme all meinen Mut zusammen und lasse mich fallen. Früher hätte ich mir bei so einem Sprung sämtliche Knochen gebrochen, aber jetzt leite ich Chakra in meine Füße und lande so sanft, als wäre ich nur die Stufe einer Treppe heruntergestiegen.
Ich blicke zu Yuuto, der mit einer Tasse Tee auf einer Decke sitzt und mich zufrieden betrachtet.
„Lektion 2 beendet“
Ich gehe zu ihm und lasse mich auf die Decke fallen. Bis jetzt wusste ich nicht, dass ich so viele Muskeln in meinem Körper habe, aber jetzt schmerzen sie alle auf einmal und machen mir ihre Existenz bewusst.
Donner hallt über das Land, gefolgt von weiteren Blitzen und sturmartigen Wind. Es dauert nicht mehr lange, bis das Unwetter uns trifft, aber Yuuto ist die Ruhe in Person. Respektvoll warte ich darauf, dass er das Wort erhebt.
Stattdessen steht er auf und greift nach seinem Stock. Ich tue es ihm nach, bleibe aber stehen, als er Abstand zwischen uns bringt.
„Lektion 3. Greif mich an“
„Nein“
Er hebt die Augenbrauen nach meiner Antwort. „Denkst du etwa, ich kann mich nicht verteidigen?“ Sein Ton ist verärgert, fast schon wütend.
Ich reiße die Augen auf, als er vor mir verschwindet und ich sein Chakra plötzlich hinter mir spüre. Bevor ich reagieren kann, werden mir die Füße vom Boden gezogen und ich lande zum wiederholten Mal am heutigen Tag hart auf dem Boden.
Yuuto sieht auf mich herab und stampft seinen Stock neben meinem Kopf in den Grund.
„Denkst du immer noch, dass du bereit bist?“, raunzt er, „Du hast noch viel zu lernen, Kind, und ich bin hier, um dir das beizubringen“
Ich schlucke schwer. Er ist so verdammt schnell!
„Und jetzt komm endlich hoch und kämpf gegen mich“

Als Yuuto mich zum Training aufgefordert hat, habe ich mit vielem gerechnet. Ungeduldig wie ich war, wollte ich es so schnell wie möglich abschließen und Airi zu Hilfe kommen, aber so langsam beginne ich, zu begreifen. Ich weiß nun, dass diese kleine Welt, in der ich lebte, eine Illusion war. Wir lebten Tag für Tag in der größten Stadt des Windreiches, kümmerten uns um nichts und mussten nur dafür sorgen, dass wir am Abend etwas zu Essen auf dem Tisch hatten. Aber die Welt tickt anders. Sie ist voller Gewalt, Gefahren und Leid. Und ohne Gnade.
Yuuto verwendet seinen Stock meisterhaft, um mich Demut zu lehren. Ein ums andere Mal schlägt er mich nieder, trifft mich an sowieso schon verletzten Stellen und jagt mich quer über die Wiese. Vor geraumer Zeit hat der Sturm eingesetzt, der meine Situation noch weiter erschwert. Der Boden wird matschig und so zu einer absoluten Rutschgefahr, meine Kleidung ist triefend nass und ich sehe kaum noch etwas.
„Greif mich an, Mädchen“, brüllt der Alte über den Sturm hinweg. Ich will aufgeben. Ich will mich auf den Boden legen und ungehemmt weinen, bis ich keine Tränen mehr habe, denn die ganze Situation ist zu viel für mich. Noch nie musste ich gegen jemanden kämpfen. Ich weiß nicht, wie ich jemanden schlage oder trete oder Angriffe abwehren muss, während Yuuto offensichtlich jahrelange Erfahrung hat.
Und wenn ich gegen einen alten Mann nicht ankomme, wie soll ich dann Airi aus der Hand der Banditen befreien?
„Gibst du schon auf?“ Yuuto erscheint direkt vor mir und jagt mir seinen Stock in den Bauch. Ächzend breche ich zusammen.
„Was ist mit deiner Freundin? Wo ist dein Wille geblieben, sie zu retten?“
Hasserfüllt sehe ich zu ihm auf und stemme mich hoch. Er hat Recht. Wenn ich Airi wirklich befreien will, dann muss ich das hier überstehen. Und ohne einen festen Willen wird es nicht gehen.
Ich schlage zu, aber er weicht wie immer mühelos aus. Ich sehe den Stock auf mich zurasen, aber im Gegensatz zu den Malen davor, blocke ich nicht direkt ab sondern ducke mich blitzschnell. Nun trete ich mit aller Kraft zu, aber Yuuto nutzt seinen Stock, um sich in die Luft zu katapultieren. Diese Technik kenne ich schon, denn er hat sie schon einmal verwendet, und ich weiß bereits eine Antwort darauf. Ich packe ihn an den Füßen und schleudere ihn wieder zurück zum Boden.
Bevor ich jedoch weiter angreifen kann, befreit er sich aus meinem festen Griff und geht auf Abstand. Selbst über diese Entfernung sehe ich die Überraschung in seinem Blick.
Der Regen prasselt immer noch unerbittlich auf mich ein und Blitze zucken unaufhörlich über den nachtschwarzen Himmel. Ich streiche ein paar Strähnen meiner schwarzen Haare nach hinten, damit sie nicht weiter mein Sichtfeld einschränken, aber das hätte ich mir auch sparen können. Die steten Wassertropfen machen es sowieso unmöglich, mehr als zwei Meter zu sehen.
Yuuto hat sich mittlerweile so weit von mir entfernt, dass er nur noch als schwache Silhouette erkennbar ist. Ich wische mir über die Augen und kneife sie angestrengt zusammen. Viel helfen tut es nicht.
Ich muss mich vollkommen auf meine Sinne verlassen in diesem Sturm und noch dazu beten, dass ich jedem herumwirbelnden Ast ausweichen kann. Eine Situation, die meine Fähigkeiten bis aus Äußerste fordert und ich beginne zu begreifen, dass Yuuto das genauso beabsichtigt hat.
Tief durchatmend bereite ich mich auf meinen nächsten Angriff vor und stürme auf meinen Meister zu. So lange ich Chakra habe, werde ich kämpfen. Denn ich habe ein Ziel vor Augen und das werde ich unter keinen Umständen verraten.

Die ganze Nacht attackieren sich die beiden und keine Seite ist gewillt, nachzugeben. Selbst, als der Sturm sich schon längst verabschiedet hat und nur noch eine ferne, graue Masse am Horizont ist, stehen sich Sae und Yuuto gegenüber. Abwartend, analysierend, auf den nächsten Schritt des Gegenüber gespannt.
Die junge Frau ist von zahllosen Wunden übersät und zittert am ganzen Körper. Ihre Kleidung ist schon zu Beginn des Unwetters triefend nass gewesen und jetzt hängt sie matt an ihrem dünnen Körper herunter. Wärmen tut sie sie schon lange nicht mehr.
Auch der alte Mann wirkt erschöpft, aber er hat schon bei Weitem Schlimmeres überstanden und zuckt nicht einmal mit der Wimper, als Sae ihn angreift und an der Schulter erwischt. Ganz im Gegenteil: er wirkt sogar zufrieden. Seine Schülerin hat in den wenigen Stunden schon bemerkenswerten Fortschritte gemacht – trotz ihrer offenkundigen Erschöpfung. Ihre Bewegungen sind geschmeidiger geworden, ihre Angriffe überlegter. Sie hat gelernt, sich zu beherrschen und selbst in der Hitze des Gefechts nicht den Kopf zu verlieren.
Yuuto bleibt lächelnd stehen, blockt lächelnd den letzten Angriff seiner Schülerin und zieht ihr die Füße weg. Nicht einmal ein Stöhnen kommt über ihre Lippen, als sie in den Matsch fällt und liegen bleibt. Sie ist einfach zu erschöpft.
„Lektion 3 bestanden“, flüstert er, denn sie hat schon längst die Augen geschlossen und ist in einen tiefen Schlaf gefallen.
Niemals hätte er gedacht, noch einmal einem so vielversprechendem Anwärter zu begegnen. Es wirkt an manchen Stellen schon fast, als kenne Sae die einzelnen Bewegungen und müsste sich nur wieder an sie erinnern. Eine wirklich seltsame Tatsache, denn das würde bedeuten, dass sie früher bereits trainiert worden ist. Aber sie wusste bei ihrer ersten Begegnung noch nicht einmal, was Chakra ist.
Der alte Mann beschließ, sich die Fragen für später aufzuheben, und ruft seinen vertrauten Geist, der ihm dabei hilft, Sae in das Haus zu schleppen. Ein paar Stunden darf sie ihre Pause genießen, bevor ihr straffes Training weitergeht. Immerhin kann selbst der beste Shinobi der Welt ohne Chakra nur wenig ausrichten.

Ich bin ein Wrack. Ein kaputtes, gestörtes Wrack.
Müde blinzle ich der Helligkeit entgegen und drehe den Kopf. Es ist Tag. Wann zum Teufel ist es Tag geworden und wie bin ich auf der Matte gelandet?
Stöhnend ziehe ich mich an dem Schränkchen neben mir hoch und wäre am liebsten wieder nach hinten gekippt. Jeder verdammte Muskel in meinem Körper tut weh. Warum habe ich überhaupt so viele Muskeln? Wo kommen die alle so plötzlich her?
Voller Verwunderung begutachte ich die Verbände, die Yuuto mir angelegt hat. Meine Arme und meine Beine bis hoch zu Oberschenkel sind fest in weiße Tücher gewickelt und geben mir ein wenig Sicherheit. Einige der Prellungen habe ich mir bei dem Kampf zugezogen und ich will nicht wissen, in welchen Farben die gerade erblühen. Sogar mein Brustkorb ist fest in Bandagen eingewickelt worden und ich denke mit Scham daran, dass der alte Mann mich halb nackt gesehen hat.
„Ah, das Dornröschen ist aufgewacht“ Wenn man vom Teufel spricht…
Yuuto humpelt mit einem Tablett in das Zimmer und stellt es direkt vor meiner Nase ab. Mit großen Augen starre ich auf das Brot, die Suppe und den Tee und mein Magen fängt sehnsüchtig an, zu knurren. Sogar meine aufkommende Schamesröte erlischt, als mir der köstliche Dampf in die Nase fährt.
Trotz der Schmerzen schnelle ich nach vorn und mache mich über das Essen her, als hätte ich wochenlange nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Eines muss ich dem Alten ja lassen: kochen kann er. Genüsslich zerteile ich das noch warme Brot und tunke es in die Suppe.
Nach dem Mahl lehne ich mich zufrieden zurück und seufze wohlig. Niemals hätte ich gedacht, dass eine Suppe so satt machen kann.
„Was ist die nächste Lektion?“, frage ich voller Tatendrang.
„Zieh dir trockene Kleider an und komm mit“, befiehlt er, „Oh, und keine Sorge. Eine alte Freundin hat sich um deine Wunden gekümmert“
Bloß nicht rot werden!
Ich warte, bis er den Raum mit dem leeren Tablett verlassen hat, und schlüpfe dann schnell in trockene Kleider. Yuuto hat mir eine braune Hose und ein hellbraunes Hemd zur Seite gelegt, die zwar etwas groß sind, aber mich in meinen Bewegungen nicht einschränken.
Noch im Gehen befestige ich meine Haare mit einem Band zu einem Hochzopf und betrachte stirnrunzelnd den Aufbau vor mir. Zielscheiben. Fünf an der Zahl und alle in unterschiedlicher Entfernung aufgestellt.
„Ich habe zu wenig Zeit, um dir alle Geheimnisse beizubringen, deswegen konzentrieren wir uns auf das, was du in der kurzen Zeitspanne lernen kannst“
„Einverstanden“
Er reicht mir zwei kleine Taschen – eine mit und die andere ohne Gürtel -, in denen Kunai und noch andere Waffen liegen.
„Befestige sie“, befiehlt er. Ich nicke und lege die neuen Sachen an. Die Tasche mit den anderen Waffen kommt an mein linkes Bein und die mit dem Gürtel befestige ich an der Hose. Es fühlt sich seltsam an, so plötzlich die Gewichte zu spüren, aber es gibt mir auch ein Gefühl der Sicherheit.
Yuuto wartet nicht weiter, bis ich mich daran gewöhnt habe und beginnt, zu erklären, was ich in den nächsten Stunden bis zum Sonnenuntergang tun werde. Ich höre aufmerksam zu und beginne dann mit den Übungen. Ich habe genau fünf Kunai und fünf Shuriken von ihm bekommen, die ich nun unter seiner Anleitung in der Bewegung auf die Zielscheiben werfe. Meine Augen sind vor Konzentration zu Schlitzen verengt, aber als ich die unterschiedlichen Ziele abschreite, trifft nicht eine meiner Waffen.
Wütend knurre ich in mich hinein, sammle die Waffen ein und beginne von Neuem. Den ganzen Nachmittag übe ich verbissen an den Zielscheiben, aber ein großer Fortschritt scheint sich nicht einzustellen. Nach stundenlangem Training treffen ungefähr die Hälfte der Waffen den äußeren Ring.
Frustriert schreie ich los und lasse mich ins Gras fallen. Das kann doch einfach nicht wahr sein! Ich bin losgezogen, um Airi zu finden und zu retten! Stattdessen sitze ich nun hier und ärgere mich über ein paar blöde Messer, die nicht im Ziel landen.
„Gibst du so schnell auf?“, fragt Yuuto höhnisch.
„Was wissen Sie schon?“, belle ich und springe auf. „Ich habe keine Zeit mehr dafür“ Hoch erhobenen Hauptes will ich an ihm vorbeigehen, um meine Sachen zu holen und endlich zu verschwinden, als er mit seinem Stock nach mir schlägt. Meine Sinne sind jedoch geschärft und ich weiche blitzschnell aus.
Verärgert schnalzt er mit der Zunge, setzt nach und zieht mir die Füße weg. Kreischend gehe ich zu Boden und puste mir eine Strähne aus dem Gesicht, um ihn auch so böse wie möglich anglühen zu können.
Er sieht mich nicht weniger schlecht gelaunt an.
„Denk ja nicht, dass ich schon mit dir fertig bin, Mädchen“, knurrt er, „Glaubst du wirklich, dass du schon so weit bist, jemandem im Kampf gegenüberzutreten, he?“
Ich zucke unter seiner schneidenden Stimme zusammen und sämtliche Wut ist verraucht. Uns ist klar, dass er Recht hat. Ich bin blind und naiv Airi hinterher gelaufen in der Hoffnung, meine Gegner totreden zu können. Dabei ist es fast sicher, dass das Ganze nicht gewaltfrei über die Bühne gehen würde. Die Kerle haben uns in unserem eigenen Haus aufgelauert und waren fest entschlossen, mich außer Gefecht zu setzen – vielleicht sogar zu töten. Ich bin nur mit sehr viel Glück aus der Sache lebend herausgekommen und noch einmal kann ich mich darauf nicht verlassen.
Zähneknirschend stemme ich mich hoch und verfluche den Tag, an dem mir Yuuto Vernunft eingeprügelt hat.
„Mach weiter“, knirscht er und kehrt zum Haus zurück. Ich mache auf dem Absatz kehrt und sammle meine Waffen ein, um die ganze Übung von vorn zu beginnen.
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