Blutlinien

von Aravae
GeschichteAbenteuer / P16
Kankuro OC (Own Character)
28.05.2019
27.05.2020
23
70.873
2
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18.08.2019 3.701
 
Herzlich Willkommen zurück!
Das Ganze geht jetzt hier kurz und knapp: ich wünsche euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel und noch einen schönen Sonntag!

LG Aravae




Kankuro hat in seinem Leben schon mehr Freundlichkeit erlebt.
Die Menschen im Reich der Flüsse haben sie mit Misstrauen und Getuschel in ihrem Land empfangen und je weiter sie vordringen, desto mehr Augenpaare liegen auch auf der Gruppe. Abwartend, ängstlich, feindselig.
Zumindest empfindet er das so, als er die Bewohner und Häuser näher betrachtet.
Die Gruppe steht am Eingang zu einem kleinen Dorf, das erbärmlicher nicht aussehen kann. Die letzten Regenfälle haben die Straße in eine Schlammfalle verwandelt, durch die die Karren und Passanten nur schwerlich durchkommen. Die Häuser sind alt und halb verrottet, einige sogar schon so windschief, dass sie jeden Moment einstürzen können. Putz und Steinchen rieseln von den Wänden, das Holz macht sicher den nächsten Winter nicht mehr mit und die Farbe ist überall schon abgegangen.
Die Trostlosigkeit und Armut haben auch auf die Menschen Einfluss. Mit trübem Blick wandeln sie zwischen den Gebäuden entlang, registrieren kaum, was in ihrer Umgebung geschieht, und wechseln kein Wort miteinander.
„Die haben wohl noch nie Shinobi gesehen“, flüstert Hiroshi, einer der jüngeren Mitglieder seines Teams. Der junge Mann mit den freundlichen, braunen Augen und den hellblonden Haaren kann sich überall Freunde machen, aber hier ist es ihm bisher nicht gelungen, seinen Charme spielen zu lassen. Sogar die jungen Frauen machen einen Bogen um ihn und das hat er bisher nur selten erlebt.
Kankuro mustert den Trupp und runzelt die Stirn.
„Oder noch nie so viele“, gibt er zu bedenken. Immerhin wandern gerade Zehn durch das Dorf, als sei es das Natürlichste der Welt.
Er lächelt einer Frau mit Kind zu, aber sie zucken zusammen und verschwinden eilig in einer anderen Straße. Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht er ihnen nach und denkt sich seinen Teil.
Das ist jetzt schon das dritte Dorf, auf das sie treffen, und überall ist es das Gleiche. Die Menschen haben Angst und meiden jedes Gespräch mit ihnen.
„Vielleicht halten diese Gesetzlosen sie ja auch an der kurzen Leine“, mutmaßt Goro weiter. Er streicht sich über seinen Stoppelbart und behält nachdenklich eine Gruppe Männer im Blick, die ihn jedoch bemerken und sich schnell entfernen.
„Dann müssten sie sich ja bald zeigen“, entgegnet Kankuro.
Sie verlassen das Dorf und folgen einer kleinen Straße weiter nach Süden. An einer Kreuzung einigt sich die Gruppe, dass es besser sei, wenn sie sofort in Richtung Hauptstadt aufbrechen. Die Situation auf den Dörfern erlaubt es ihnen nicht, Informationen zu sammeln, aber vielleicht findet sich jemand in der Stadt, der bereit ist, zu sprechen.

Gähnend komme ich am nächsten Morgen aus dem kleinen Zimmer, das Yuuto mir zur Verfügung gestellt hat, strecke mich und bemerke den gedeckten Tisch.
„Du hast lang geschlafen“, stellt er fest. Der alte Mann kommt gerade aus der Küche und stellt die Teekanne ab. Wenn ich richtig sehe, dann ist jetzt alles fertig, und ich bekomme ein schlechtes Gewissen, das ich schnell von mir abzuschütteln versuche.
Gestern Abend bin ich eilig in mein Bett gekrochen, ohne mich noch näher umzusehen, aber jetzt nehme ich den Raum aufmerksam in Augenschein. Küche und Wohnzimmer haben in dem kleinen Zimmer Platz gefunden und werden durch eine schmale, alte Theke voneinander getrennt. Die Schränke an der Wand sind alt genug, dass die Türen nicht mehr richtig schließen und schräg heraushängen. Töpfe und Pfannen stehen bunt durcheinander und sehen aus, als wären sie lange nicht geputzt worden, genau wie die Kochplatten.
Naserümpfend wende ich mich der anderen Seite zu, aber da steht nicht mehr als ein Regal, das voller verstaubter Bücher ist.
Es gibt kein Anzeichen für andere Bewohner in diesem Haus, was mich erst einmal beruhigt. So wird es nicht noch weitere, unangenehme Überraschung hier geben.
Mir fällt ein, dass ich bisher auf seine Aussage nicht geantwortet habe und schaue ihn schuldbewusst an. Kurzangebunden nicke ich und setze mich an den rechteckigen Tisch, der keinen stabilen Eindruck macht.
„Vielen Dank“, sage ich höflich.
Ohne ein weiteres Wort mache ich mich über den Reis und das Gemüse her. Nach dieser unruhigen Nacht will ich nichts lieber, als wieder hinaus in die Wildnis zu gehen und mir die Sonne in den Nacken scheinen lassen. Zwar lauern auch da Gefahren, aber ich kann zumindest sicher gehen, dass niemand in der Nähe ist, der mich abschlachten will.
„Was hast du jetzt vor?“
Ich halte bei der Frage mitten in der Bewegung inne und sehe zu Yuuto.
„Sie wollen doch nichts über mich wissen“, schmatze ich.
Er lächelt mich an und trinkt entspannt seinen Tee aus, bevor er antwortet. „Ich sagte, dass ich nichts über deine Vergangenheit zu wissen brauche, aber deine Zukunft interessiert mich sehr“
Ich schlucke das Ei herunter. Mit diesem Punkt hat er doch tatsächlich Recht gehabt!
„Und da du hier so unhöflich hereingestolpert bist, schuldest du mir eine Antwort darauf“, fügt er grinsend hinzu. Ich weiß nicht, mit welchen Karten dieser seltsame Mann spielt, aber es können keine Guten sein.
Seufzend ergebe ich mich in mein Schicksal.
„Ich will jemanden befreien“
Er hebt seine Augenbrauen, bis sie nur noch eine Linie sind.
„Hast du denn Erfahrung mit solchen Dingen?“
Zögerlich schüttle ich den Kopf und meide seinen Blick. Er hat einen Punkt angesprochen, der mich schon beschäftigt seit ich Sunagakure verlassen habe. Bisher ist es nur wichtig gewesen, die Festung dieser Verbrecher zu erreichen, aber was dann?
Yuutos schallendes Lachen reißt mich aus meinen Gedanken. Er klopft sich auf den Oberschenkel, während ich ihn dabei anstarre und die Situation nicht einordnen kann.
„Wen willst du denn überhaupt befreien? Und von wem?“, krächzt er hervor. Ich fühle mich gefangen in einer absurden Welt, in der nichts – gar nichts – zu meinem Vorteil geschieht. Selbst dieser alte Mann hat noch genug Energie, um über mich zu lachen!
„Gesetzlose aus dem diesem Land haben meine Freundin entführt“
Genugtuung macht sich in mir breit, als er sich an seiner eigenen Spucke verschluckt, und das Lachen von Husten abgelöst wird. Ich beobachte ihn aufmerksam, während er sich beruhigt und wieder Atem schöpft. Er erwidert meinen festen Blick und räuspert sich.
„Mädchen, ich muss zugeben: du bist nicht nur ahnungslos, sondern auch wahnsinnig“
Ich lege den Kopf schief und bin mir nicht sicher, ob ich nicht so etwas wie Anerkennung oder Respekt in seiner Stimme gehört habe. Aber das kann gar nicht sein. Jetzt im Moment ist sein Gesicht eine Festung von Unverständnis und Unglauben, das wie ein Bollwerk vor mir aufragt und jegliche Zuversicht auf der Stelle vernichten will.
„Sie sind nicht der Erste, der mir das sagt“
Er nimmt einen Schluck von seinem Tee. Der Ausdruck auf seinem Gesicht ändert sich etwas. Es ist nicht mehr so verschlossen, aber noch immer ernst – wenn nicht sogar ein wenig ängstlich. Aber Angst wovor?
„Dann solltest du darauf hören“
Als ob das überhaupt eine Option ist! Vehement schüttle ich den Kopf.
„Ich bin es ihr schuldig“
Noch immer hängt die Schuld wie eine eisige Klammer an meinem Herzen und verringert nicht den Druck. Dass ich sie allein gelassen und mein eigenes Leben gerettet habe, werde ich mir niemals verzeihen.
„Sie sind erst vor wenigen Tagen hier gewesen, wie du sicher schon weißt“, erzählt er und ich nicke, „Dann weißt du auch, dass sie nach jemandem suchen“
Wieder ein Nicken.
„Dann wissen wir beide wohl, nach wem sie suchen und warum du dich so tief in die Wildnis geschlagen hast“, sagt er dunkel.
Unter dem Tisch balle ich meine Hand zu Faust, denn ich habe den Stimmungswechsel bemerkt. Wenn er mich angreift, muss ich ihn ablenken und so schnell rennen wie es irgendwie geht. Ausrüstung bekam ich noch irgendwo anders, aber jetzt ist es wichtig, dass ich zumindest am Leben bleibe, um mein Versprechen einlösen zu können.
Yuuto legt seinen Stock quer über seine Beine und sieht mich herausfordernd an. Ich spanne meine Kiefermuskulatur an und muss mir eingestehen, dass es eine schlechte Idee gewesen ist, in diesem Haus zu schlafen. Schon gestern Abend hat er mir bewiesen, dass er mir haushoch überlegen ist. Warum bin ich da nicht einfach gerannt?
Gedanke nach Gedanke rast durch meinen Kopf, sodass ich kaum Zeit habe, sie zu ordnen. Viele Szenarien wie das Ganze hier ausgehen könnte, schießen an meinem inneren Auge vorbei.
„Wie willst du sie retten?“
Ich halte inne und stutze. Die angespannte Stimmung ist mit dieser Frage völlig verschwunden und der Alte sieht mich an, als würde er mit einem langjährigen Freund über das Wetter plaudern.
Was ist nur falsch bei dem?
„Ich weiß es nicht“, stottere ich hervor. Ein kleines Schmunzeln zeichnet sich auf seinen Lippen ab und ich glühe ihn warnend an.
Er lehnt sich ein wenig zurück, starrt die Decke an und verschränkt die Arme.
„Tja… wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, könnten wir es versuchen. Aber so…“, murmelt er so leise, dass ich ihn fast nicht verstanden habe.
Ich beobachte ihn noch eine Weile weiter, wie er hin und wieder zusammenhangslose Sätze durcheinanderwirft, den Kopf schüttelt und schlussendlich seufzt.
„Ich muss sie um Hilfe bitten…“
„Alter Mann?“, unterbreche ich ihn zögerlich, „Worum geht es hier?“
Er zuckt zusammen, als hätte er vergessen, dass ich noch hier sitze, und sieht mich direkt an.
„Mädchen, es geht hier um die Entscheidung, ob ich es verantworten kann, dich einfach so weiterziehen zu lassen“
„Das ist ja wohl meine Entscheidung“, entgegne ich nüchtern.
„Du bist offensichtlich unvorbereitet losgestürzt, ohne über deine eigene Sicherheit nachzudenken“, erzählt er ungerührt weiter.
Ich versuche unter Stottern einen sinnvollen Satz herauszubringen, aber es will mir nicht gelingen. Mit jeder Stunde, die ich in diesem Haus verbringe, wird der Alte mir immer unheimlicher.
„Es ist möglich, Kleine“
Ich zucke erschrocken zusammen, als er energisch in die Hände klatscht und aufspringt.
„Was?“, frage ich leise.
„Komm mit“
Er schnappt sich seinen Stock und geht voraus. Für einen kurzen Moment überlege ich, einfach zu verschwinden, aber als er grinsend noch einmal den Kopf zur Tür hereinsteckt, verwerfe ich das schnell wieder.
„Na komm schon, Mädchen, wir werden nicht jünger“
Seufzend erhebe ich mich, schnappe mir eine Scheibe Brot und folge ihm nach draußen.
„Wo wollen wir denn hin?“, rufe ich, bekomme aber keine Antwort.
„Deine Ungeduld wird dich umbringen“, ruft er über die Schulter und geht weiter auf den Wald zu. Ich stolpere so schnell es geht hinterher, knicke fast in einem Loch um und strauchle vorwärts. Dieser dämliche Alte! Der wird mich noch umbringen!
Ich folge ihm eine Ewigkeit durch das Dickicht und frage mich, wie er nur so schnell sein kann. Obwohl ich mich gut erholt habe, schaffe ich es nicht, mehr als ein paar Meter an ihn heranzukommen. Kaum habe ich den Eindruck, näher zu kommen, wird er schneller und ich muss mich noch mehr anstrengen, Fuß zu halten.
„Wo wollen wir denn hin?“, keuche ich.
„Immer schön Schritt halten“, kommt als Antwort. Knurrend springe ich über einen umgefallenen Baumstamm und verkneife jeden weiteren Spruch oder gar eine Frage. Wahrscheinlich würde er sowieso nichts sagen, was einen Sinn für mich ergibt.
„Ah! Da sind wir ja“
Ich biege ein paar Äste zur Seite und finde mich an einer Flussgabelung wieder. Kies bedeckt einen großen Teil des Bodens und knirscht unter meinen Schuhen.
Yuuto steht vor einem großen Felsen, der zu einem Teil im Fluss versenkt ist, und sieht mich lächelnd an. Nicht ein Schweißtropfen ist an ihm zu erkennen, während mein Herz rast und meine Klamotten nass sind.
„Was machen wir hier?“, keuche ich und nähere mich ihm langsam. Er hält den Stock kampfbereit vor sich und wirft mir einen Blick zu, der mich stocken lässt.
„Verteidige dich!“, brüllt er.
Ich zucke bei der Stärke seiner Stimme zusammen und schreie auf, als er plötzlich hinter mir steht und mir seinen Stock in die Seite jagt. Japsend gehe ich in die Knie und halte mir die Stelle. Na, wenn das kein blauer Fleck wird.
„War das schon alles?“, knurrt Yuuto. Er holt wieder aus, aber dieses Mal bin ich vorbereitet und ziehe rechtzeitig den Kopf ein.
Dem Tritt weiche ich aus, indem ich mich zur Seite werfe und mich auf die Beine quäle. Meine Seite sticht bei jedem Atemzug und schränkt mich sehr in meinen Bewegungen ein, aber ich bin sicher, dass ich tot wäre, wenn Yuuto ernst gemacht hätte.
Wind kommt auf und weht mir einige meiner schwarzen Haare ins Gesicht. Heftig genug, dass ich für einen kurzen Moment abgelenkt bin, den Yuuto geschickt nutzt. Erneut fegt er mir die Füße weg, ich komme schreiend auf dem Boden auf und will mich wieder aufsetzen, als er mir schon das Ende seines Stocks gegen die Brust hält.
„Du bist jetzt schon zweimal gestorben“, stellt er trocken fest, nimmt den Stock weg und reicht mir seine Hand. Wütend über die Niederlage schlage ich sie aber weg und stehe aus eigener Kraft auf.
„Was soll das Ganze?“, fauche ich und balle meine Hände zu Fäusten.
„Ich will dir damit nur zeigen, dass du derzeit noch nicht einmal in der Lage bist, dich selbst zu verteidigen. Wie willst du dann deine Freundin befreien?“
„Ich schleiche mich rein“, antworte ich energisch, „Keiner von denen ist ein Shinobi“
„Und das weißt du woher?“
Ich stutze und starre ihn an. Meine Gedanken rasen. Woher will ich das bitte wissen? Es gibt auch Shinobi, die nicht zu einem der großen Dörfer gehören. Das beste Beispiel steht ja gerade vor mir und sieht mich grimmig an.
„Hör zu, Mädchen, ich mache dir einen gut gemeinten Vorschlag: bleibe eine Woche hier bei mir und ich versichere dir, dass du dein Vorhaben überleben wirst“
„Und was ist mit meiner Freundin? Werde ich sie sicher retten können?“
„Was du aus den Fertigkeiten machst, die ich dir beibringen werde, ist deine Sache. Ich kann dir nicht garantieren, dass du es schaffen wirst“, entgegnet er ruhig.
Unzufrieden knurre ich meine Wut in mich hinein.
„Und was werde ich bei dir lernen?“
Ein schiefes Lächeln ziert sein Gesicht, aber die Antwort bleibt er mir schuldig. So gern ich ihm eine reingehauen hätte für die Behandlung der letzten Stunden, ich beherrsche mich und atme tief durch. Dieser alte Zausel hat mir vor Augen geführt, dass ich nicht stark bin. Meine Fähigkeiten haben ausgereicht, um in Sunagakure über die Runden zu kommen, aber hierbei geht es um eine Bande von den Verbrechern, die mich ohne zu Zögern töten würden.
Ich bin viel zu leichtfertig losgelaufen. Die Erkenntnis brennt sich tief in mein Innerstes und drückt mein Herz zusammen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.
„Was soll ich tun?“
Er dreht sich herum und zeigt mit seinem Stock auf den großen Felsen, der halb im Wasser verschwindet.
„Wir fangen sofort an, um keine Zeit zu verschwenden. Deine erste Lektion wird darin bestehen, zur Ruhe zu finden“, erzählt Yuuto ruhig, „Du musst zuerst dein Chakra spüren können, bevor du damit arbeiten kannst“
Ich ziehe die Augenbrauen nach oben und mein Blick huscht zwischen ihm und dem Stein hin und wieder. Er seufzt und massiert sich die Stirn. Langsam beginnt er mir von dem Chakra und dem Gleichgewicht in der Welt zu erzählen und wie wichtig es ist, sich damit auszukennen. Im Kampf ist es eine unabdingbare Hilfe und selbst, wenn man – so wie ich – in ein Gebäude hineinschleichen will, ist es immer gut zu wissen, wo sich der Gegner gerade aufhält.
Begeistert über diese Erkenntnis, knacke ich mit den Knöcheln und sehe ihn motiviert an.
„Und was hat jetzt der Stein damit zu tun?“
Ich könnte ihn ja zertrümmern! Oder anheben. Oder an ihm trainieren, hart zu werden und jeden Schlag auszuhalten!
„Setze dich dort oben hin und meditiere, bis du nicht nur deine Chakrabahnen spürst, sondern auch die der Lebewesen um dich herum“
Entgeistert starre ich ihn an. Das soll ja wohl ein Scherz sein! Ich soll mich auf das bisschen kalten Stein setzen und meditieren, während meine einzige Freundin wer-weiß-wo sitzt und darauf wartet, dass jemand ihr zur Hilfe kommt?
„Verarschst du mich?“
„Ich bin ab jetzt dein Meister, Kleine“, entgegnet er mich wirsch, „Wenn du schnell vorankommen willst, dann vertrau mir und tu, was ich dir sage“
Wir liefern uns mehrere Minuten lang ein Blickduell, bei dem ich herauszufinden versuche, ob er das Ganze wirklich ernst meint. Yuuto weicht mir nicht einmal aus, starrt mich stumm an und seine Absicht steht ihm förmlich in den Augen geschrieben.
Ich verbeuge mich knapp und klettere, ohne ein weiteres Wort zu verlieren auf den Felsen. Meditation. Noch nie habe ich meditieren müssen, aber ich fange an, wie ich es auf den Dächern Sunagakures gewohnt war. Ich setze mich im Schneidersitz auf den Stein, falte die Hände ineinander und atme tief durch.
„Genauso. Atme tief durch und entspann dich“
Ich höre das regelmäßige Klacken des Stockes, als er sich entfernt, und dann bin ich allein. Allein mit meinen Gedanken, allein mit meiner Angst. Zweifel steigen in mir hoch, ob das hier wirklich die richtige Entscheidung ist.
Die Bilder meines Traums drängen sich mir auf, wollen endlich einen Sinn zugesprochen bekommen, aber ich schiebe alles verärgert zur Seite. Das ist weder die Zeit noch der Ort dafür, aber sie bleiben hartnäckig in meinem Kopf sitzen. Kaum bin ich zur Ruhe gekommen, drängen sie sich mir auf und stören mich in meiner Konzentration.
Verärgert darüber ziehe ich die Augenbrauen zusammen und rutsche auf dem Stein hin und her. Zu meinen Ängsten gesellt sich nun zu allem Übel auch noch die Ungeduld. Wie ein kleines Monster kommt sie angeschlichen, um mich im richtigen Moment zu überwältigen.
Kopfschüttelnd strecke ich meinen Rücken durch, lockere meine Schultern, atme tief ein und tauche meine Gedanken ins Nichts. Ich will nichts denken, nichts fühlen. Alles, was ich jetzt will, ist, die Natur um mich herum zu spüren, genau wie Yuuto es mir aufgetragen hat.
Gefühlt sitze ich Stunden auf diesem unbequemen Stück Stein, aber nichts verändert sich. Ich höre das Singen der Vögel, das Knistern der Tiere im Unterholz und das stete Blubbern des Wassers im Flussbett. Wieder einmal zeigt mir der Wald, wie lebhaft und laut er wirklich ist. Der Wind weht sanft durch die Blätter und bringt sie zum Klingen, ein Fisch platscht mit der Flosse und der Duft der Blumen umschmeichelt meine Nase.
Nach langer Zeit entspanne ich mich.
Ich löse die Verkrampfungen meiner Muskeln und lasse meine Energien fließen. Tief und bewusst atme ich ein, um die Luft dann langsam wieder auszustoßen. Mit jedem Zug spüre ich, wie sich ein Gleichgewicht in meinem Körper einstellt, das ich bisher nicht gekannt habe.
Moment.
Ich bin so überrascht, dass ich die Verbindung aus Angst beinahe wieder gekappt hätte, aber ich zwinge mich dazu, weiter zu lauschen. Energien fließen durch meinen Körper. Ich spüre, wie sie durch meine Venen zirkulieren und eine Verbindung zwischen mir und der Außenwelt schaffen. Ich lasse sie pulsieren und beginne vorsichtig, mit der Kontrolle zu spielen. In meiner Hand bringe ich den Fluss beinahe vollständig zum Erliegen und spüre, wie sie unangenehm zu kribbeln beginnt.
Das muss das Chakra sein, von dem Yuuto gesprochen hat!
Ich lasse einen kleinen Teil davon in meine Umgebung ab und schon höre ich nicht nur die Lebewesen in meiner Umgebung, sondern spüre sie auch. Ich weiß, dass ein kleiner Vogel in der Nähe gerade aus dem Fluss trinkt und ein Fuchs sich ihm nähert. Ein Reh stapft in der Nähe durch das Unterholz und Hasen mümmeln am Rande des Waldes das frische Gras.
Überwältigt von all diesen Eindrücken ziehe ich mich zurück und atme erschrocken ein. Das Kappen der Verbindung fühlt sich an wie ein Schock und ich fasse mir an die Brust. So viel Macht habe ich noch nie gespürt und so plötzlich ihrer beraubt zu sein, hat mich aus der Bahn geworfen.
„Gut gemacht“
Ich zucke zusammen, als ich die Stimme des Alten neben mir höre. Ich schlage die Augen auf und sehe, dass er mir eine Tasse Tee reicht.
„Aber du solltest die Verbindung von jetzt an nicht mehr so abrupt trennen. Das kann deinem Körper schaden“
Ich nicke und lasse eine kleine Tür offen. Tatsächlich fühle ich mich sofort wohler in meiner Haut und ich atme tief durch. Wie habe ich es nur all die Jahre ohne dieses befreiende Gefühl ausgehalten?
„Lektion 1 hast du bestanden und deswegen gehen wir auch gleich zur zweiten Lektion über“
Ich steige von dem Felsen hinab und wir trinken entspannt den Tee aus.
„Ich habe dich noch gar nicht nach deinem Namen gefragt“
„Sae“, antworte ich knapp.
„Ein schöner Name“
Er nimmt mir die leere Tasse aus der Hand und zeigt auf den nächsten großen Baum. „Klettere da hoch“
Ich sehe ihn verwirrt an. Klettern? Das kann doch jedes kleine Kind! Enthusiastisch stehe ich auf, halte aber bei seinem nächsten Satz inne.
„Ohne Hände“
„Wie soll das denn gehen?“, murre ich. Er zuckt mit den Schultern und reicht mir ein kleines Messer.
„Das ist ein Kunai. Markiere damit die höchste Stelle, die du erreichst, und versuche beim nächsten Mal noch höher zu kommen“
Skeptisch blicke ich zwischen dem Kunai und ihm hin und her. Wie zur Hölle soll ich das denn schaffen?
„Ich werde mir den Hals brechen“, sage ich trocken.
„Nein, das wirst du nicht und jetzt fang an“
Murrend und knurrend über die Idee, mich dem Training dieses Verrückten zu unterziehen, gehe ich auf besagten Baum zu, bleibe davorstehen und sehe nach oben. Ein Eichhörnchen turnt aberwitzig in der Baumkrone herum und verhöhnt mich und meine Unfähigkeit.
„Vergiss dein Chakra nicht!“, ruft Yuuto mir zu. Ich winke als Zeichen, dass ich verstanden habe, und gehe einige Schritte zurück. Tief atme ich ein und lenke meine Gedanken auf den Weg, der vor mir liegt. Einer Umarmung gleich empfängt mich der stete Fluss des Chakras und ein wohliger Schauer jagt mir über den Rücken.
Ich hetze los, springe an den Stamm und komme nicht einmal zwei Schritte weiter, bevor ich das Gleichgewicht verliere und nach hinten kippe. Geistesgegenwärtig strecke ich den Arm aus und markiere die Stelle.
Die Landung treibt mir die Luft aus den Lungen und ich bleibe einen Moment liegen. Mein Rücken schmerzt und protestiert, als ich mich aufsetze. Die Markierung ist vielleicht in zwei Metern Höhe. Ich puste mir eine nasse Strähne aus dem Gesicht und erdolche die Markierung mit meinen Blicken.
Das konnte ein langer Nachmittag werden.
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