Blutlinien

von Aravae
GeschichteAbenteuer / P16
Gaara Kankuro OC (Own Character)
28.05.2019
08.12.2019
15
43499
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
Schön, dass du dich hierher verirrt hast :) Mein Chara bewegt sich recht viel im Naruto - Universum, aber viele der auftauchenden Charaktere entspringen auch meiner eigenen Feder. Dennoch möchte ich noch betonen, dass ich kein Geld damit verdienen will.
Die Charakterliste für diese Geschichte werde ich nach und nach vervollständigen, um nicht schon im Vorfeld die Spannung herauszunehmen. Es werden also noch mehr Persönlichkeiten aus dem Narutouniversum vorkommen, als nur Kankuro.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!


Die Sonne zog in diesen Tagen ihren unerbittlichen Pfad über den Himmel und schonte weder Mensch, Tier oder Pflanze. Sobald sie aufging, flirrte die Wüste, und jeder, der sich nicht in einem kühlen Unterschlupf befand, suchte sich schnell einen. Die Unglückseligen, die sich noch in der glühenden Hitze befanden und Aufträge ausführen mussten, hielten den Kopf gesenkt und arbeiteten so schnell es ihnen möglich war.
Die Straßen in Sunagakure schmolzen förmlich unter den Strahlen dahin, sodass noch nicht einmal die allseits bekannten Marktschreier die Kraft fanden, aus ihren mit Stoffen überzogenen Ständen herauszuschauen. Es hätte sowieso keinen Zweck gehabt, denn es waren nur sehr wenige Bewohner unterwegs. Alle waren sie von Kopf bis Fuß in Tücher gehüllt, alle trugen sie ein Tuch vor dem Gesicht und sie alle versuchten, ihre Erledigungen schnell hinter sich zu bringen.
Hunde bellten und suchten unter den Tischen Schutz, Katzen fauchten um die Wette und selbst die Kinder spielten nicht so energiegeladen wie an anderen Tagen. Nur am Brunnen in der Mitte des Platzes fand sich etwas Abkühlung von der erhitzten Luft zwischen den vielen Menschen. Hier gönnten sich diejenigen, die früh genug da gewesen waren, um einen Platz zu ergattern, das kühle Nass. Es war der einzige in Ort in Sunagakure, an dem man es an diesem Tag noch aushalten konnte.
Die wenigen Rastlosen ignorierten die kleine Gruppe im Schatten einer Häuserwand, die aufmerksam das Treiben auf dem Markt beobachtete. Auch sie waren in Stoff gehüllt, um der Sonne ja keine Angriffsfläche zu bieten. Nur die Augen stachen hervor. Blau, schwarz und braun.
„Wann geht’s denn endlich los? Wir warten hier schon ne Ewigkeit“, murrte die rechte Gestalt mit männlicher Stimme, die einen Ticken zu hoch war, um zu einem Erwachsenen zu gehören.
„Halt den Mund, Ken’ichi“, knurrte die Person zur Linken zurück. Es war eindeutig eine Frau und sie konnte nicht älter sein als ihr Kollege. Angesprochener drehte sich zu ihr herum und hob drohend die Faust. „Du hast mir gar nichts zu sagen, Kleine“
„Kleine?“, fragte die Frau leise nach, wurde aber von der dritten Gestalt sofort aufgehalten, bevor etwas passieren konnte.
„Hört auf, ihr Zwei“, sagte sie ruhig und zog die Hand wieder ein, als sie bemerkte, dass zwischen den Beiden langsam Ruhe einkehrte, „Da kommt unser Ziel“
Jegliche Spannung wich von den Kontrahenten und sie wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Treiben auf dem Markt zu. Ein kleiner Wagen, der über und über mit Körben von Obst gefüllt war, fuhr ein und hielt am Rande der vielen Zelte. Der Mann auf dem Kutschbock sprang ab und streckte sich genüsslich. Seine braunen Haare waren ganz verwuschelt und dreckig von der Reise und in seinen stählernen Augen stand kalte Berechnung.
„Und den wollen wir wirklich beklauen?“, fragte die linke Frau skeptisch. Das schien ihr doch Alles recht suspekt zu sein.
„Ja wollen wir“, antwortete die andere Frau, „Wir gehen nach Plan vor“
„Na dann mal los“, sagte der Mann und lief los. Die linke Frau nickte, setzte sich ebenfalls in Bewegung und zog sich noch einmal das Tuch vor dem Gesicht zurecht.
„Mir gefällt das hier nicht“, sagte sie mit einem Blick auf die wenigen Menschen, die herumirrten. Es waren viel zu wenige, um unbemerkt wieder verschwinden zu können, und in mehreren Ecken standen sie sogar in kleinen Grüppchen herum.
„Willst du noch eine Woche hungern?“, entgegnete ihr Begleiter und sie schüttelte den Kopf. Ihr Magen knurrte allein schon bei dem Gedanken an etwas zu Essen.
Sie stellten sich wie beiläufig an einen Stand in der Nähe und beobachteten ihr Ziel, das dabei war, die Waren aus dem Karren zu laden und sich mit jemandem zu unterhalten.
Die Partnerin der Zwei betrat nun die Bühne, zog sich das Tuch aus dem Gesicht und lächelte freundlich in die Richtung des Verkäufers. Ihre Schritte waren fest und zielgerichtet und nichts in ihrer Miene deutete auf andere Absichten hin, als etwas kaufen zu wollen.
„Sie wird immer besser“, flüstert Ken‘ichi, der sich in der Sonne am Rande des Marktes einen Platz gesucht hat, wo er sich gegen die Mauer lehnte und die Arme verschränkte. Seine Begleiterin stand neben ihm und warf ihm einen bestätigenden Blick zu.
„Wir sollten unsere Deckung dennoch nicht aufgeben“
Sie sah zu ihrer Partnerin, die das Ziel erreicht hatte und sich nun freundlich mit ihm unterhielt. Der Mann schient ganz angetan von ihr zu sein, aber das war kein Wunder. Die eisblauen, strahlenden Augen wirkten exotisch – fast schon unnahbar – und ein paar einzelne, weißblonde Strähnen lugten unter der Kapuze hervor. Ohja. Sie wusste, wie sie sich in Szene zu setzen hatte, um ihre Mitmenschen um den Finger zu wickeln.
„Es geht los“, sagte sie und gemeinsam mit Ken’ichi schlich sie sich an den Karren heran. Niemand beachtete sie oder kam gar auf die Idee, sie aufzuhalten, als sie sich zwischen den Ständen hindurchschlängelten und hier und da beinahe mit jemandem zusammengestoßen wären.
Die Beiden hörten, wie ihre Freundin gekünstelt lachte und spielerisch mit den Wimpern klimperte, als gäbe es kein Morgen mehr. Die zweite Frau schüttelte über so ein Verhalten nur den Kopf, aber sie wusste sehr genau, dass derlei Spielereien bei den Männern immer gut ankamen.
„Lass uns schnell was nehmen und verschwinden“, raunte Ken’ichi ihr leise zu. Sie hockten hinter dem Wagen und sahen um die Ecke, damit der Verkäufer sie auch ja nicht überraschte. Der war aber viel zu sehr mit der fremden Schönheit vor sich beschäftigt und würdigte dem Rest seiner Umgebung keinen einzigen Blick.
Schnell schnappten sich die beiden Diebe so viel sie in ihre Taschen stopfen konnten und als sie fertig waren, stieß Ken’ichi einen Pfiff aus. Jetzt folgte der knifflige Teil der ganzen Aktion. Die Schönheit musste sich von ihrem Verehrer loseisen, ohne dabei ihre Kameraden zu verraten.
„Sae, los jetzt“, raunzte Ken’ichi ungeduldig, als die sich noch einen letzten Apfel einsteckte, umdrehte und endlich in dem Wirrwarr von Straßen untertauchen wollte, als ein gellender Schrei über den Markt schallte.
Erschrocken sprang sie herum und sah mit großen Augen dabei zu, wie der Verkäufer ihre Freundin an den Haaren gepackt hatte und sie mit sich zog. Das weißblonde Haar leuchtete in der Sonne wie flüssiger Honig und zog die Aufmerksamkeit einiger Reisende in der Nähe auf sich.
„Ich wusste doch, dass ich dich Luder kenne“, fluchte der Mann und packte noch fester zu. Als er nun auch noch die beiden Gestalten am Ende seines Karrens entdeckte, verzerrte sich sein Gesicht vor Unglauben, Wut und Fassungslosigkeit.
„Ihr verdammten Diebe!“, brüllte er so laut, dass Alle im Umkreis zusammenzuckten. Ken’ichi war schon auf dem Absatz umgedreht und davongerannt, bevor Sae überhaupt reagierte. Laut schreiend stürzte sie sich auf den Verkäufer, der gleichzeitig von ihrer Freundin bedrängt wurde. In einem großen Knäuel landeten die Drei auf dem Boden und rangen um die Oberhand. Sae bekam eine Faust in den Magen und fiel stöhnend zur Seite.
„Ich mach euch fertig“, stöhnte der Mann, der von der Frau festgehalten wurde, damit er nicht auf Sae losgehen konnte. Die stemmte sich gerade wieder hoch, schüttelte den Kopf und ordnete ihren Körper.
„Lauf, Sae“, schrie die Frau, die nur unter Aufbringen all ihrer Kräfte den Gegner zurückhalten konnte. Sae dachte gar nicht daran, starrte den Mann verärgert an und sprang ihn erneut an. Mit einem gezielten Schlag gegen den Hals, ließ er endlich los und stolperte ein paar Schritt zurück.
„Du Miststück!“, fluchte er.
„Komm, Airi“ Sae griff nach ihrer Hand und zog sie an mehreren Ständen vorbei, wo man versuchte, sie aufzuhalten. Das wurde langsam ganz schön brenzlig! Sae sprang über einen Tisch, erwischte den Besitzer mit dem Fuß an der Brust und schleuderte ihn damit von sich weg, um Airi den Weg frei zu machen.
Sie tauchte unter einem Mann hinweg, der sie greifen wollte, und sah sich panisch um. Airi war aus ihrem Sichtfeld verschwunden, aber dafür tauchten immer mehr Bewohner auf, die unbedingt der jungen Diebin einen Denkzettel verpassen wollten.
„Schnappt sie euch!“, brüllte der beraubte Verkäufer keuchend. Seine Nasenflügel bebten schlimmer als Blasebälge und sein Gesicht war tiefrot angelaufen. Ob vor Zorn oder Anstrengung, konnte Sae nicht sagen. Immer mehr Männer und Frauen schlossen sich seinen Rufen an.
Es half nichts. Sie kam auf keinen Fall zu ihrem vereinbarten Fluchtweg durch. Es blieb ihr nur, einen anderen Weg zu nehmen und zu hoffen, dass die Anderen in Ordnung waren. Sie spielte zwei Männer aus, die sich nicht einigten, wer denn jetzt zuerst seine Chance auf Ruhm bekam, und rannte in eine kleine Gasse, in die sie hoffentlich nicht viele verfolgten.
Sie sprintete bis zur nächsten Kreuzung, sprang um die linke Ecke und lehnte sich keuchend gegen die kalte Hauswand. Die Hitze und die vielen Kleidungsstücke forderten so langsam ihren Tribut. Saes Körper zitterte vor Anstrengung und Wärmestau.
Sie hielt den Atem an, als sie Schritte hörte. So leicht ließen sich ihre Verfolger noch nicht abhängen, weswegen sie sich zusammenriss und weiterlief. Zu oft hatte sie schon eine Nacht in einer Zelle verbracht und wenn sie jetzt schon wieder dort landete, lief sie Gefahr, länger dort zu bleiben.
„Wo ist das Miststück?“, hörte sie eine unbekannte Stimme fragen, kurz nachdem sie noch einmal abgebogen war und in einer kleinen, dunklen und verlassenen Sackgasse stand. Es stank entsetzlich nach vergammeltem Essen, Müll und den Hinterlassenschaften der Bewohner, weswegen Sae sich die Hand vor die Nase hielt und so flach wie möglich atmete. Es nützte nichts. Der Geruch fraß sich in ihre Atemwege, verursachte Übelkeit und nahm ihr jede Luft. In dem Jahr, das sie nun hier lebte, hatte sie noch nie so einen Ort erlebt, aber er bot ihr auch eine Gelegenheit.
Die Schritte hinter ihr kamen immer näher. Panisch suchte sie sich die dunkelste Ecke hinter einem Mülleimer und quetschte sich soweit es ging hinein. Niemand. Wirklich niemand ging freiwillig in so eine ekelerregende Ecke und sie hoffte, dass sie ihren Verfolgern nicht wert genug war, um solch einen Gestank auf sich zu nehmen.
Unter größter Selbstbeherrschung blieb sie sogar sitzen, als eine Ratte an ihrem Bein vorbeiwuselte, kurz verdutzt aufsah und sie beobachtete. Sae hielt sich den Mund selbst zu, um nicht laut loszuschreien, und hoffte, dass niemand auf das Tier achten würde.
„Hast du sie gesehen?“
Die Ratte erschrak über die plötzlichen Geräusche und verschwand in einer dunklen Ecke. Auch Sae war leicht zusammengezuckt und hielt den Atem an, als sie Schritte hörte.
„Die ist nie im Leben da drin“, sprach ein anderer Mann, „Lass uns weitersuchen“
Sie hörte, wie sich die Schritte entfernten und entspannte sich. Das war mehr als nur knapp gewesen. Seufzend richtete sie sich auf, spähte hinter dem Mülleimer hervor und wartete noch ein paar Minuten, um sicher zu sein, dass niemand umkehrte und doch die Ecke untersuchen wollte.
Als sich auch dann nichts regte, trat sie an die Ecke, sah sich um und lief in die entgegengesetzte Richtung davon, aus der sie gekommen war. Die Sonne bewegte sich langsam dem Horizont entgegen, warf lange Schatten zwischen den Häuserreihen und tauchte die Erde in samtenes Rot.
Sae wusste, dass sie viel zu spät dran war, aber sie tat sich selbst den Gefallen und lief langsamer, um mögliche Gefahren früh entdecken zu können.
Sie verließ die überfüllte, enge Innenstadt Sunagakures und betrat zehn Minuten später ein kleines, heruntergekommenes Haus. Die Besitzer hatten es schon vor Jahren verlassen und ihre Freunde waren wenig später darauf gestoßen. Seitdem war es ihr Unterschlupf und ihr sicherer Hafen inmitten einer sich stets wandelnden, gefährlichen Stadt.
Die Tür knarzte laut, als sie eintrat und sich einer angezündeten Lampe gegenübersah.
„Ich bin‘s“, rief sie in den stillen Raum, der kurz darauf nicht mehr leer war. Zwei dünne Arme schlangen sich um Saes Hals und drückten sie fest an einen Körper.
„Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr wieder“, heulte Airi und zog sie weiter in das Haus hinein.
„Kein Grund, mich zu ersticken“
Lachend ließ ihre Freundin sie los und trat ein paar Schritte zurück. Hinter ihnen beobachtete Ken’ichi misstrauisch die Straße, bevor er die Tür schloss und erleichtert aufseufzte.
„Du stinkst“, sagte er an Sae gewandt. Sie kniff die Augen zusammen und ging über diese äußerst subtile Art, sie an das Geschehene zu erinnern, hinweg.
„Was genau ist falsch gelaufen?“, fragte sie, als sie ihren Freunden in das Nachbarzimmer folgte. Hier hatten sie sich eine kleine Küche aufgebaut und sie setzten sich an den alten, gefährlich schwankenden Tisch.
Airi holte trockenes Brot hervor und goss ihnen Wasser in ein paar schmutzige Gläser. Dann setzte sie sich hin und sah sie betreten an.
„Der Mann muss mich aus meinem alten Dorf kennen“, erzählte sie, „Es tut mir leid, dass ihr deswegen in Gefahr geraten seid“
Sae beobachtete ihre Freundin genauer. Da steckte sicher noch mehr hinter diesem Vorfall, aber sie war klug genug, um nicht noch weiter nachzuhaken. Auf der Straße lebte grundsätzlich jeder für sich und sie hatte kein Recht, Antworten auf Fragen zu fordern, die am Ende des Tages nicht viel ändern würden.
„Wir müssen ab jetzt noch vorsichtiger sein“, fasste Sae das Unausgesprochene in Worte. Airi nickte, aber Ken’ichi schien darüber gar nicht erfreut zu sein. Er ließ sich auf seinem Stuhl nach hinten fallen und verschränkte die Arme.
„Und was denkst du, sollen wir das nächste Mal machen, mh? Ihr die Haare schwarz färben?“
Sae sah ihn nachdenklich an. „Wenn es sein muss“ Bis jetzt war die hübsche, junge Frau immer ihr Lockvogel gewesen, aber nach dem, was in diesem Tag geschehen war, konnten sie das nicht noch einmal riskieren. Viele Händler hatten ihr Gesicht gesehen. Zu viele.
„Und wie sollen wir dann an etwas zu Essen kommen?“, blaffte Ken’ichi weiter, „Außer natürlich, du willst dich als Lockvogel dahinstellen, Sae“
Sie wusste, dass dieser freche Ton aus reiner Panik entstand, aber sie knallte dennoch die Hände auf den Tisch und starrte ihn verärgert an.
„Du kannst jederzeit gehen“, sagte sie in leisem, gefährlichem Ton, „Da ist die Tür“
„Hört auf, ihr Zwei“, ging Airi entschieden dazwischen und sah zwischen den Streithähnen hin und her. „Ihr solltet euch mal zuhören. Keiner von uns überlebt allein da draußen, also reißt euch endlich mal zusammen“
Ken’ichi und Sae sahen sie überrascht an. Ihre Wut war vollständig verraucht und stattdessen las Airi Reue in ihren Gesichtern.
„Wir werden schon eine Möglichkeit finden, Essen zu beschaffen“, redete sie weiter, „Aber dafür müssen wir als Team arbeiten“
„Jetzt ist es erstmal wichtiger, dass du dein Gesicht verbirgst, bis sich die Unruhe wieder gelegt hat“, warf Sae ein. Airi seufzte. Sie kannte es schon von ihrer Freundin, dass diese nach einem Streit so tat, als wäre nichts gewesen, aber in dieser Situation war es mehr als nur ungünstig. Ken’ichi und sie kamen noch nie gut miteinander aus, aber jetzt war es umso wichtiger, dass die beiden sich vertrauten.
„Ich werde meine Haare unter der Kapuze verstecken, bis es wieder ruhiger wird“, versprach sie. Trotz all der Schwierigkeiten, die sie wegen der Farbe ihrer Haare hatte, wollte sie sie nicht abschneiden oder gar färben. Es war alles, was sie von ihrer Abstammung wusste und das wollte sie nicht auch noch verlieren.
Ihre Freunde verstanden das, aber es hatte sie schon mehrmals in schwierige Situationen gebracht. Wie lange es noch gut ging, konnte niemand sagen.
„Hier“ Ken’ichi reichte ein paar ihrer erbeuteten Früchte herum, die die Frauen dankend annahmen. Sae lief bei dem Anblick des roten Apfels das Wasser im Mund zusammen und sie verschlang ihn gierig. Wochenlang hatten sie von trockenem Brot und einem kleinen Stück Käse gelebt, da waren das Obst und Gemüse eine willkommene Abwechslung.
„Wir sollten uns das gut einteilen, damit wir die nächste Woche auf keine großen Streifzüge gehen müssen“, schlug Airi vor. Sae stimmte mit vollem Mund zu und riss sich ein Stück von dem Brot ab. Das sollte dafür sorgen, dass sie bis zum nächsten Morgen keinen Hunger litt. Gesättigt und zufrieden stand sie auf und verabschiedete sich. Ken’ichi hatte schon Recht gehabt: sie stank entsetzlich nach der Gasse, in der sie sich versteckt hatte, und sie wollte nichts lieber, als den langen Mantel endlich loszuwerden.
Sie ging die Treppe nach oben, bei der schon ein paar Stufen fehlten, und bog gleich nach rechts in ein kleines Zimmer ab. Eine zerfledderte Matratze lag auf dem Boden und daneben stapelten sich ein paar Kleidungsstücke. Sie hatte sie erst frisch in einem Brunnen gewaschen und so freute sich Sae darauf, sie endlich anziehen zu können.
Der Mantel, die braune Hose und das Hemd flogen in die von der Matratze am weitesten entfernte Ecke und Erleichterung machte sich in der jungen Frau breit. Morgen würde sie noch irgendwo ihre Haare waschen.
Sie streifte sich ein grünes Top und eine lockere, schwarze Hose über, die an den Knöcheln endete. Der Stoff war so leicht, dass sie die Hitze gut ertragen konnte, und außerdem widerstandsfähig genug, um noch nicht überall Flicken aufzuweisen, wie es ihre anderen Klamotten taten. Sae wusste nicht, warum jemand so gute Kleidung einfach vor die Tür warf, aber sie froh, dass es jemand getan hatte. Noch nie war sie in den Luxus solcher Stoffe gekommen und sie genoss es in vollen Zügen.
Airi beneidete sie sehr darum und sie hatten versucht, auch ihr solche Kleidung zu besorgen. Vergebens. Seit diesem Tag war nichts Vergleichbares mehr auf den Straßen aufgetaucht.
Sae gähnte und streckte sich genüsslich. Der Mond hatte schon längst seinen Weg über den Himmel angetreten und erleuchtete ihr tristes Zimmer. Sie spürte die Müdigkeit in ihren Knochen, aber noch wollte sie sich nicht ins Bett legen. Die Luft kühlte sich rapide ab und sie wollte die Gelegenheit nutzen, um auch die letzte Hitze des Tages aus ihren Gliedern zu vertreiben.
Sie öffnete die Fensterläden, schwang ein Bein über die Kante und griff vorsichtig nach oben, bis sie festen Halt bekam. Mit einem Ruck zog sie sich gänzlich aus dem Raum und prüfte ihren Stand auf dem Fenstersims. So lange sie hier auch schon lebte, sie unterschätzte nie das Alter des Hauses und war immer darauf vorbereitet, dass Alles einstürzte.
Mit wenigen, geübten Zügen zog sie sich nach oben auf das Dach, von wo aus sie an die Mauer des nächstgelegenen Hauses sprang. Es war höher als ihr eigenes und bot einen guten Ausblick auf Sunagakure.
Ächzend und stöhnend kroch sie über die Kante und blieb liegen. Der Halbmond stand hoch über ihr und wurde nur selten von einer verirrten Wolke verdeckt. Silbernes Licht ergoss sich auf die Wüstenstadt und ließ sie selbst in der Nacht majestätisch erstrahlen.
Schwer atmend richtete sich Sae auf, legte einen Arm um ihr Bein und schloss die Augen. Warmer Wüstenwind fegte ihr durch die schwarzen Haare und brachte überraschende Abkühlung. Sie genoss die Stille auf den Dächern Sunagakures, denn hier versuchte niemand, ihr zu schaden. Niemand jagte ihr nach, niemand wollte sie in eine Zelle werfen oder gar töten.
Es waren diese wenigen Stunden in der Nacht, die wahren Frieden über Sae brachten. Sie lauschte den Geräuschen in der Dunkelheit, fühlte den Wind auf ihrer Haut und roch die Stadt unter ihr. Ihre Sinne waren geschärft durch diese kleine Angewohnheit und sie hatten ihr schon mehrmals das Leben gerettet.
Aber es ging ihr um noch etwas anderes: seid sie vor mehr als zwei Jahren in dem Haus bei Airi und Ken’ichi aufgewacht war, konnte sie sich nicht daran erinnern, wo sie herkam und ob sie eine Familie hatte. Deswegen suchte sie jede Nacht Ruhe, um die Augen zu schließen und ihren Geist zu durchforsten, um vielleicht doch mehr über sich selbst herauszufinden. Doch auch an diesem Tag sollte die Erleuchtung nicht kommen und mit jeder Stunde sank ihre Hoffnung.
Sie sah hinauf zum Himmel und beobachtete die Sterne. Immer und immer träger wurden ihre Gedanken, während der Mond weiter seine Bahn zog und die Schatten der Nacht sich veränderten.
Review schreiben