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Ark - Revolution Evolved

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
27.05.2019
27.05.2019
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Er atmete erleichtert aus, als das blaue Licht ihn einhüllte. Es war soweit.
Lautes Knattern hallte durch die Luft, die Erde bebte und er hörte in der Dunkelheit die Schreie seiner Mitmenschen.
„Mit einem Abitur von 1,6 den besten Durchschnitt seines Jahrgangs, Gratulation!“
Eine laute Sirene übertönte den Krach, es war das Zeichen! Das Zeichen zur Flucht!
„Soldat, also? Da braucht man aber ein bisschen mehr als nur hübsche Zahlen auf einem Fetzen Papier.“
Harte Schläge trafen seinen Magen, jemand fiel auf ihn.
„Überragende Ergebnisse, gegen aller Erwartungen. Willkommen in der Armee, Kadett.“
Freund?! Feind?! Seine Finger krallten sich um sein Messer, seiner treusten Waffe.
„Ich erkenne Ihre Fähigkeiten zur Heimlichkeit. Schon einmal was von den Guerilla-Einheiten gehört?“
Das Knattern ertönte wieder, und die Frau über ihm schrie laut auf, als die Kugeln sich in ihren Leib bohrten. Sie war augenblicklich tot.
„So hat man dich hierher geschickt, Bürschchen? Mach dir nichts vor, hier bist du reines Kanonenfutter.“
Sie hatte ihm das Leben gerettet, und er war froh, als die Erinnerungen an den Terror, die Schmerzen und die Schuld, sich von ihm lösten, sich aus seinem Gedächtnis lösten; das Trauma in seinem Kopf verbrannte, brennend in blauen Flammen, die in seinem Schädel loderten …
Und als das Feuer übergriff und sich in ein schieres Inferno entwickelte, verstand er und schrie vor Angst.

Die Schreie durchdrangen als erste sein Gehör und störten die Ruhe. Erschrocken schlug er die Augen auf und blickte in eine penetrante Bläue – sofort richteten sich seine Nackenhaare auf, obwohl er nicht wirklich sagen konnte, warum er sich vor dem Himmel fürchten sollte. Er richtete sich kopfschüttelnd auf und blickte an sich herunter. Den Körper erkannte er – die athletische, hochgewachsene Figur, die ausgeprägten Muskeln an seinen Extremitäten und die kleinen Leberflecken, die verstärkt an seinem Oberschenkel auftraten. Aber da war noch mehr. Etwas völlig Fremdartiges. Helle Streifen, Erhebungen und Einbuchtungen – Narben. Woher? Und ein rotes Stück Metall, das in seinem Arm, direkt unterhalb seiner Hand saß und beunruhigend pulsierte.  Er berührte es leicht, spürte ein leichtes Kribbeln im Finger und erschauderte. Was war das?!
Und weshalb war er nur so spärlich bekleidet?!
Er richtete sich sofort auf, taumelte kurz in dem nachgebenden Sand des Strandes und atmete tief durch, als die Welt vor ihm ins Schwanken geriet. Eins nach dem Anderen, ermahnte er sich und studierte seine Umgebung: es war ein Strand, der sich kilometerweit nach links und rechts erstreckte, übersät von Treibgut, Holz und Steinen. Vor ihm,  um die hundert Meter entfernt, erhob sich ein niedriger, dichter Wald, dessen Blätterdach keinerlei Sonnenlicht einließ und ihm den Blick hinein verwehrte.
Ich erkenne nichts wieder, stellte er beunruhigt fest und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand im Zenit, es musste die heißeste Zeit des Tages sein! In welcher Klimazone befand er sich denn?!
Doch jeder Versuch, sich zu erinnern, etwas über den gestrigen Tag, die letzte Nacht oder vorher zu erfahren, war vergebens. Als würde er gegen eine Wand laufen, so stieß er doch immer wieder gegen die Schwärze in seinem Kopf – als gäbe es da nichts. Als wäre er so eben gerade geboren worden.
Dabei war er doch … wie alt?
Er sah an sich hinab und spürte es in seinem Hinterkopf pochen – er wusste es! Schätzen tat er sich auf Mitte Dreißig, vielleicht älter. Besonders durch die Narben, sie kamen von irgendwo her und nicht alleine aus der Kindheit.
Verwirrt blickte er auf, wollte seine Gedanken ordnen und kam schon wieder ins Staunen: zwischen zwei hohen Steinen, die sich aus dem Wasser erhoben, trat eine Kreatur, eine Schildkröte, aber größer … viel größer! Er schnappte nach Luft und sah schnell zu den Bäumen zurück – war er geschrumpft?! Offensichtlich nicht, die Bäume standen noch immer so niedrig wie zuvor, aber …
Die Schildkröte kroch auf allen Vieren durch den Sand und gab laute Geräusche von sich, schien aber kaum Notiz von ihm zu nehmen.
Was war das nur für eine Ausgeburt des Meeres?!
Ein lautes Kreischen erfüllte die Luft, der Gestrandete sah an den riesigen Steinen empor und erblickte das nächste Geschöpf – eine gigantische Kreatur mit langem Schnabel und Lederschwingen, einer Fledermaus nicht unähnlich, thronte darauf und schrie laut gen Himmel. Er folgte der Richtung der Schreie und entdeckte noch mehr dieser … Tiere durch die Lüfte fliegen, leise mit den Schwingen schlagend und ebenso laut schreiend.
Sie kamen ihm aber seltsam bekannt vor, als hätte er sie schon einmal gesehen. Nur wo?
Und wo war er nur gelandet?!
Auch wenn er sich an nichts erinnern konnte, so wusste er sehr wohl, das keine Tiere der natürlichen Ordnung so aussehen konnten oder durften! Waren das hier Gen-Experimente?!
Was mache ich dann hier?!
Angst machte sich in ihm breit, er wandte sich ab von diesen Geschöpfen und schleppte sich in Richtung des Waldes. Er brauchte eine Orientierung, irgendeine Idee davon, wo er sich befand und wo er die nächsten Menschen antreffen konnte.
Ein Dorf, oder eine Stadt, dachte er und nickte zufrieden. Das war ein Plan – von einem Berg oder einem Hügel würde er sicher irgendwo Rauch finden können, Dächer oder andere hohe Einrichtungen!

Im Schatten der Bäume wurde es augenblicklich kühler. Beinahe sogar kalt. Das Sonnenlicht fiel nur durch kleine Löcher auf den Waldboden, der völlig überwuchert, aber zum Teil niedergetrampelt war. Seine Augen brauchten eine Weile, um sich an die Schatten zu gewöhnen, schnell aber erkannte er die eng stehenden Bäume und ihre Wurzeln, die hoch aus der Erde ragten, aber auch weitere Tiere, wie die faustdicken Libellen, die träge durch die Luft schwirrten.
Er führte seinen Weg fort, bahnte sich langsam einen Weg um die Bäume herum und schlug eine lästige Libelle fort, die seinen Kopf umschwirrte. Sie flog unkontrolliert einen Meter zur Seite, korrigierte ihren Flügelschlag und flog direkt auf ihn zu. Und nicht nur sie, sondern alle Libellen im nahen Umkreis schienen dies Verhalten zu übernehmen! Der Angreifer machte sich erst noch die Mühe, sie mit der flachen oder geballten Hand fortzuschlagen, doch es waren zu viele, und zwei  schafften es tatsächlich, sich auf seine Arme zu setzen und ihn mit großen Scheren am Kopfende zu beißen! Keuchend schlug er sie fort, bückte sich unter zwei dieser Tiere hindurch und begann zu laufen.
Fliegend hatten die Tiere aber einen deutlichen Vorteil ihm gegenüber – während er über Baumwurzeln, kleinere, ihm unbekannte Tiere und Steine stolperte, flogen sie geradewegs auf ihn zu, bissen ihn beim Passieren und rissen offene Wunden in seine ungeschützte Haut. Er stöhnte laut, schlug die Aggressivsten unter ihnen von sich und stockte geblendet, als der Wald plötzlich endete und er wieder unter der sengenden Sonne stand.
Eine große Wiese erstreckte sich vor ihm, bevölkert von großen, bulligen Tieren, die einen gigantischen Schild als Schädel trugen, von dem drei Hörner abgingen. Sie kamen ihm ebenfalls seltsam vertraut vor, sogar ein Bruchteil ihres Namens hallte in seinem Kopf herum - „Tri ...“ - aber zum Nachdenken blieb ihm keine Zeit – die Libellen summten noch immer um seinen Kopf und bissen ihn in den Nacken. Wütend schlug er nach ihnen, schrie sogar vor Zorn und stürmte weiter vorwärts. Steine lagen verstreut über die Wiese verteilt, klein genug, um sie in der Hand tragen zu können! Er hob einen besonders Handlichen im Vorbeilaufen auf, wandte sich um und schlug nach der nächsten Libelle. Er traf sie direkt am Kopf, es knirschte laut und ein lebloser Körper flog ihm entgegen, klatschte an seine Brust und fiel dumpf zu Boden.
Das klappt!, dachte er erfreut und schlug nach der nächsten Kreatur. Er verfehlte ihren Kopf knapp, schlug sie aber fest genug, um sie zu Boden zu werfen. Er trat auf sie, mit all seinem Gewicht, und spürte Panzer und Knochen unter ihm bersten. Angewidert taumelte er zurück, spürte das grüne Sekret an seinem Fuß, das  nun auch Gräser und Erde an ihm haften ließ, und schlug nach weiteren Libellen, die noch immer nicht aufgegeben hatten. Es waren nur noch zwei an der Zahl, sie zogen sich leicht zurück und gewannen an Höhe, als wollen sie Abstand zu dem Mörder ihrer Artgenossen nehmen.
Erleichtert atmete er durch und ließ den Stein wieder auf den Boden fallen. Sein Puls beruhigte sich wieder einigermaßen, aber der Schreck saß noch immer tief – was war das hier nur?! Was hatte er an einem Ort wie diesen verloren?!
Ein lautes Aufschreien riss ihn aus seiner Erholung – die großen Dreihörner auf der Wiese waren in Aufruhr geraten. Er blickte rasch um sich, griff zur Sicherheit wieder nach seinem Stein, aber sie schienen nicht an ihm interessiert zu sein. Zwei große Tiere auf zwei Beinen und langen Schwänzen liefen panisch über die Wiese und sahen dabei immer wieder zurück, als würden sie flüchten. Er tat auch einige Schritte rückwärts, während die großen, gehörnten Kreaturen ein drohendes Schnauben von sich hören ließen und den Tieren entgegenblickten.
Und als ein weiteres Tier aus den Schatten der Bäume trat, schrien sie laut auf ebenso wie der Fremde. Das neue Tier war kleiner als die Flüchtenden, aber sein Maul stand offen und war voller langer Zähne, die im Sonnenlicht aufblitzen. Ein langer Schwanz wedelte hinter ihm her, als er mit weiten Schritten hinter seiner Beute herlief und Geifer aus seinem Maul tropfen ließ. Und noch ehe er die Gefahr realisiert hatte, brannte sich die Bezeichnung der Kreatur in seinen Schädel: ein Raptor! Bilderbuchseiten aus seiner Kindheit tauchten vor seinen Augen auf, daher kannte er auch die Dreihörner und die Flugsaurier!
Einer der flüchtenden Dinosaurier stieß ihn beinahe zu Boden, als er ihn anrempelte und völlig blind wieder in den Wald hineinlief. Der Fremde tat ein paar Schritte zurück, wich dem nächsten Flüchtenden aus und beobachtete das spektakel vor ihm – die Dreihörner (Triceratops!) brüllten den Raptoren laut an und stampften auf den Boden, wedelten bedrohlich mit ihren Hörnern. Und tatsächlich stockte das Raubtier in seiner Verfolgung! Es stockte, tat ein paar Schritte zur Seite und schien wirklich seine Chancen abzuwägen, gegen die großen Lebewesen zu gewinnen, als sein Blick den des Menschen traf. „Scheiße.“, flüsterte der Mann, als etwas in den animalischen Augen aufblitzte und das Raubtier wieder zu laufen begann, zwischen den Hörnern hindurch, direkt auf ihn zu.
Er wandte sich ab und lief einfach seinen Leidensgenossen hinterher, wieder hinein in den dichten Wald. In der ganzen Eile und dem Adrenalin erkannte er jedoch seine Umwelt überraschend scharf – er bückte sich unter niedrigen Ästen hindurch, sprang über die Wurzeln und bog rechtzeitig ab, als er weitere Dinosaurier durch die Bäume hindurch erkannte! Rechts von ihm tat sich ein Abhang auf, der die Sicht auf eine Art bewachsenen See freigab, der sich einige Meter tief unter ihnen erstreckte. Springen?!, schoss es ihm durch den Kopf, als die Schritte hinter ihm immer lauter, immer schneller wurden! Er hörte den Raptoren hinter sich keuchen, im Takt zu seinen Schritten, und spürte beinahe seinen Atem im Nacken, es würde nicht mehr lange -
Laute, wilde Schreie ertönten plötzlich neben ihm, etwas rammte ihn fest in die Seite und riss ihn von den Füßen. Er schrie auf, als das Gewicht noch immer nicht verschwand, sie die Kante verfehlten und hart auf den steinernen Abhang prallten. Es ging alles viel zu schnell, eine feste Umarmung machte ihn bewegungsunfähig, als er mit seiner Last die steinerne Wand hinabrollte und Steine seine Haut aufrissen, bis sie in das kalte Wasser fielen, das ihm die Luft aus den Lungen trieb. Er schrie auf, stieß aber nur Luftblasen in das grüne Gewässer und versuchte aufzutauchen, aber etwas lastete auf ihm, drückte ihn in das seichte Wasser, tastete nach seinem Gesicht und drückte es weiterhin in den schlammigen Grund!
Er kämpfte gegen den Angreifer, tastete blind über Wasser und handelte sogar noch, ehe er wirklich nachdenken konnte – er riss seine Beine an die Brust und schwang seinen Unterleib hinauf, raus aus dem Wasser. Kräftig trat er nach seinem Gegner, stieß ihn von sich und fühlte erleichtert den Druck von seiner Kehle weichen. Er tauchte auf, atmete tief durch und prustete, als Reste des modrigen Wassers in seine Lunge gerieten. Sein Gegner ging aber wieder zum Angriff über, er warf sich wieder auf ihn und versuchte ihn wieder in das Wasser zu werfen. Diesmal war der Namenlose aber vorbereitet, er hielt sich mit aller Macht noch im Gleichgewicht und wehrte den nächsten Schlag mit seinem Unterarm ab. Schmerz entbrannte an der Stelle, auf den er aber nicht achten konnte – sein Gegner war menschlich! Ein Mann, bärtig und ungepflegt, aber zumindest äußerlich kein Tier!
Warum kämpfen wir?!, wollte er fragen, doch als er seinen Mund öffnete, stieß sein Gegner einen weiteren wilden Schrei aus, der einige kleine vogelähnliche Tiere in nahen Bäumen aufschreckte, und stürmte wieder auf ihn los. Waffenlos, wie er wohl war, kämpfte der Wilde nur mit den Fäusten, versuchte Hiebe und Haken, die der Namenlose mit seinen Unterarmen abwehrte, bis er ihn während eines versuchten Angriffs am Handgelenk packte, an sich heranzog und mit einem Tritt sein Bein wegzog. Der Wilde stürzte schreiend ins Wasser, und wollte sich aufraffen, der Gestrandete schlug ihm aber sein Knie in den Rücken und presste ihn in den Grund des Sumpfes. Er packte den Angreifer an den Haaren und zog seinen Kopf nur knapp über die Wasseroberfläche, sodass jede seichte Welle sein Gesicht benetzte. „Wer bist du?! Was soll das?!“, schrie er, völlig aus der Puste und gepumpt vom Adrenalin des Kampfes.
„Lass mich los!“
Falsche Antwort, dachte er und drückte sein Gesicht wieder unter Wasser. Er wartete, bis keine Luftblasen mehr aufstiegen, dann riss er ihn abermals hinauf. „Wer bist du?!“
„Dein Henker, wenn du mich -“
Wieder drückte er seinen Kopf unter Wasser und hielt ihn dort, solange große Blasen an die Oberfläche kamen. Er konzentrierte sich, er wollte ihn nicht umbringen, aber ein lautes Lachen riss ihn aus seiner Konzentration. Es kam von oben, vom Abhang!
Ein Mann stand oben auf dem Abhang und sah auf ihn herab, rief sogar etwas, aber auf einer anderen Sprache. Russisch vielleicht. Oder polnisch.
Als er sein fehlendes Verständnis mit einem Achselzucken mitteilte, korrigierte der Zuschauer seine Sprache und rief mit breitem, russischen Akzent: „Gute Arbeit, Kamerad!“
„Wer seid ihr?!“, rief der Namenlose, als er sein Opfer wieder an die Oberfläche holte. „Was wollt ihr von mir? Wo sind wir?!“
Das Lachen ertönte von Neuem. „Das ist doch nicht dein Ernst, oder? Gerade erst aufgewacht?“
Er musterte ihn skeptisch und nickte zögerlich. Dabei ließ er sein Opfer keine Sekunde aus seinem Blickfeld, er griff sogar fester zu und riss dabei schmerzhaft an seinem verfilzten Haar.
„Die Unschuld vom Strand also.“ Der Alte dort oben schüttelte den Kopf und lehnte sich auf einen langen, hölzernen Stab, den er in der Hand gehalten hatte. „Töte ihn.“
Sein Herz übersprang einen Schlag. „Was?!“
„Er hat einen Zweikampf verloren. Die Natur verlangt es.“ Der Alte grinste diabolisch. „Natürliche Auslese.“
Das Aussterben der unangepassten Art, hallte es in seinem Kopf. „Warum sollte ich auf dich hören?!“
„Wenn ich wollte, hätte ich dich schon längst umgebracht.“ Der Alte nickte zu dem Wilden im Wasser. „Er hat es versucht, und mit >Versuchen< überlebst du hier nicht.“
Der Fremde betrachtete erst den Alten, der völlig ruhig auf der Anhöhe stand und auf sie hinabsah, und auf den Wilden zu seinen Füßen. Er strampelte noch immer gegen seinen Griff an und fluchte, sobald er kein Wasser mehr im Gesicht hatte.
„Töte ihn!“, rief der Alte plötzlich von oben. „Oder bist du zu feige?! Ich töte Feiglinge, wenn ich muss.“
Wut machte sich in ihm breit, er packte  den Wilden fest am Kopf, drückte ihn tief unter Wasser und wartete. Der Wilde schrie unter Wasser, kämpfte gegen den Druck am Hinterkopf und wand sich unter dem Knie des Fremden, aber das trieb die Luft nur weiter aus seiner Lunge – das Zappeln nahm immer weiter zu, seine Hände glitten an seine Kehle, umfassten die gefluteten Lungen und versuchte wohl künstlich seine Atmung zu unterbrechen, doch es war zu spät. Sein Körper zuckte noch ein paar Mal, bäumte sich mit ängstlicher, animalischer Verzweiflung gegen den Fremden auf und blieb still.
Er war tot.

Der Gestrandete ließ von ihm ab und erschauderte. An meinen Händen klebt menschliches Blut!, dachte er resigniert, aber nicht so verstört, wie er es erwartet hatte. Zumal seine Hände durch ihre Sauberkeit gar nicht so dramatisch wirkten; sie glänzten nur feucht vom Wasser im Licht der späten Sonne.
„Gut gemacht.“, rief der Alte oben und lachte abermals. „Nun komm rauf, Kamerad. Und vergiss dein Opfer nicht.“

Der Alte wartete oben am Abhang bereits auf ihn. Er war tatsächlich älter, um die fünfzig, und ein dichter, grauer Bart umschloss sein Kinn. Gekleidet war er in geschmeidiges Leder, das aus mehreren Stücken geschneidert zu sein schien, und hielt den blutverschmierten Speer in ebenso verschmierten Händen. Der Grund dafür war wohl der Raptor, der ihn vorhin noch verfolgt hatte, und nun tot zu seinen Füßen lag; in einer großen Blutlache, die aus Maul und Bauch sickerte. Offenbar hatte der Alte ihn bereits ausgenommen.
„War auch mal Zeit, Paolo hat nichts als Ärger gemacht in letzter Zeit.“, sagte der Russe schließlich, als er den Leichnam des Wilden sah. Dann fiel sein Blick auf den Namenlosen. „Wen darf ich beglückwünschen?“
Der Fremde zuckte nur mit den Schultern.
„Dein Name, Kamerad!“
„Ich kenne ihn nicht.“
Der Alte lachte laut. Jetzt, wo man ihm nahe war, dröhnte es in den Ohren. „Ach, du bist ja neu.“ Er schüttelte den Kopf und trat langsam auf ihn zu. Mit wenigen Handgriffen löste er drei Kugeln, die um seinen Speer baumelten und fesselte damit die Hände des Fremden – und zwar schnell genug, um keine Reaktion befürchten zu müssen. „Und jetzt mein Gefangener.“
Der Fremde wich zurück und funkelte ihn wütend an. „Was soll das?!“ Die Bola schnürte und ließ keinerlei Freiraum für Bewegungen der Hände, womit er sie nicht mehr als Waffen benutzen konnte.
„Du hast meinen Stammesbruder getötet, das darf nicht unbestraft bleiben!“, lachte der Alte, nahm seinen Speer und deutete auf den Leichnam, aus dem noch immer das modrige Sumpfwasser sickerte. „Meinst du, ich lass dich das durchgehen?!“
„Du hast es doch gefordert!“
„Also tust du alles, was man dir sagt?“
Der Fremde wollte widersprechen, verstummte aber. Genau das hatte er doch getan! Scheiße, dachte er und senkte sein Haupt.
„Na also. Ein Killer bist du.“ Der Alte schulterte den Leichnam mit einer Leichtigkeit, die den Fremden erstaunen ließ und nickte in eine schier willkürliche Richtung, fort vom Sumpf. „Komm mit. Wo bist du aufgewacht, Kamerad?“
„Wo geht es hin?“
„Zu meinem Stamm. Die Hohe Dame soll entscheiden, wie man mit dir verfahren soll.“
„Dein Stamm?!“ Waren das etwa Eingeborene?!
„Wirst du schon sehen.“ Der Alte nickte ungeduldig und wartete wohl auf ihn. „Ich lass dich frei laufen, wenn du aber irgendwelche Mätzchen versuchen, werde ich dich sofort umbringen, haben wir uns verstanden?“
„Wer sagt, dass ich dich nicht auch töte?“
Der Alte schnaubte. „Die Fesseln. Außerdem würdest du keinen Tag ohne mich überleben.“ Der Fremde wollte erst widersprechen, als sein Häscher die Hand hob und ihn herausfordernd musterte. „Glaubst du ehrlich, den Raptor hättest du überlebt?!“ Er spuckte verächtlich aus. „Hätten wir nicht eingegriffen, wärst du tot, Kamerad.“
„Ihr hättet mich doch auch umgebracht!“
Der Alte zuckte mit den Schultern. „Paolo wusste, worauf er sich einließ. Wer kämpft, kann sterben – so einfach ist das.“
„Aber warum der Angriff?!“
Der Alte zuckte mit den Schultern. „Verwilderung, Faschismus, wer weiß. Die Wildnis macht einiges mit dir, wenn du nicht aufpasst.“
„Die Wildnis?“ Der Fremde holte schnell auf und begab sich auf eine Höhe mit seinem Häscher. „Dann gibt es hier keine Städte? Keine Zivilisation?!“
„Zivilisation gibt es wohl! Nur nicht, wie du es vermutlich erwartest!“ Der Alte lachte wieder so dröhnend, dass es in den Bäumen widerhallte. „Du weißt doch eh nicht mehr, wie dein Leben vor deinem Erwachen hier war, also wirst du auch nichts missen, Mann.“
Darauf wusste der Gefangene nichts zu erwidern. Schweigend folgte er ihm durch den Wald, obwohl tausende Fragen in seinem Kopf herumspukten: waren sie in der Geschichte zurückgereist?! Diese Tiere durften gar nicht existieren, sollten seit Jahrtausenden ausgestorben sein, das wusste er selbst ohne die Kenntnis seines eigenen Geburtsjahres, geschweige denn des aktuellen Kalenderjahres. Das Metall in seinem Arm und die Amnesie ... und Stämme, das Leben nach der natürlichen Selektion – das alles war doch kein Leben nach Recht und Gesetz!
„Pssst, runter.“, sagte der Alte plötzlich, als sie den Wald verließen und hockte sich zwischen zwei Gebüschen hinunter. Das Gewicht des Leichnams schien ihn dabei kaum zu belasten. „Siehst du die?“ Er deutete mit dem Speer vage auf eine Gruppe winziger Tiere, die sich um einen Kadaver tummelten. Sie reichten dem Fremden gerade einmal an den Knöchel und waren schnell zu übersehen, gerade in dem Schlamm, der sich zwischen den flachen Seen befand. „Compys. Die schlimmsten Aasfresser auf dieser Insel – alleine sind sie harmlos, aber eine so eine Horde kann dich schon das Bein kosten, Kamerad.“
„Und jetzt?“
„Gehen wir einen anderen Weg.“ Der Alte winkte ihn mit sich und bewegte sich in der Hocke weiter durch das Geflecht der letzten Dickichte. Er steuerte wohl den Berg an, der sich vor ihnen erstreckte, jedoch wieder vom sumpfartigen Gewässer umgeben war. Dort, wo der Kadaver lag, war ein halbwegs trockener Schlammweg, der den Wald mit dem Berg verband, doch da die Aasfresser den Weg versperrten, mussten sie einen der flachen Seen durchqueren. „Pass nur auf, was um deine Beine herum geschieht, Kamerad. Piranhas und Blutegel bevölkern die Wasser, und noch schlimmere Raubtiere haben hier ihr Revier aufgeschlagen.“
„Und das ist wirklich der richtige Weg?“
„Für dich mach ich doch keine Umwege, Mann!“ Der Alte wandte sich genervt zu ihm herum und ließ plötzlich den Leichnam zu Boden sinken. „Warum trag ich denn eigentlich für ihn?! Trag du ihn, du hast ihn schließlich auch getötet.“
„Ist das dein Ernst?!“
„Jeder trägt seine Beute, so läuft das hier.“ Der Alte klopfte sich auf einen Beutel aus Tierfell, wie es schien, und grinste, wobei er eine Reihe abgestumpfter, verfärbter Zähne zeigte. „Außerdem erfüllt der Tote noch einen Zweck für dich.“
„Welchen?“
„Das siehst du dann. Komm mit.“

Die Durchquerung des Sees verlief glücklicherweise problemlos. Auch war der Aufstieg nicht weiter gefährlich, obwohl der Alte ihn vor den Adlern warnte, die ihre Nester auf den hohen Steinen aufgeschlagen hatten. „Die reißen dir die Augen raus, wenn du dich mit ihnen anlegst! Oder sie packen dich mit ihren Krallen und tragen dich in ihr Nest, wo du von ihren Küken zerrissen wirst.“
Der Gestrandete seufzte und schüttelte mit dem Kopf. Die Schauermärchen gingen ihm langsam auf die Nerven, zumal der Alte ohne das Gewicht der Leiche sehr viel leichtfüßiger und gewandter wandelte, während er selbst sich wegen der Leiche auf seinem Rücken die ganze Zeit vornüber bücken musste, um sie nicht zu verlieren. „Ammenmärchen.“
„Sag das nicht!“ Der Alte hob einen Finger und starrte ihn mahnend an. „Der alte Nikolaj weiß, was er da redet!“ Er zeigte auf eine Narbe, die sein Auge verunstaltete. „Das war eine Argentavis-Kralle, Kamerad! Hätte mir beinahe das Auge gekostet, also mach da keine Witze drüber!“
Der Fremde zuckte nur mit der Schulter. Er besaß auch Narben, zu denen er sich abenteuerliche Geschichten ausdenken konnte – das hatte also nichts zu heißen. „Nikolaj also?“
„So nennt man mich im Stamm, ja.“
„Und außerhalb?“
„Es gibt kein außerhalb.“, murrte der Russe und musterte ihn skeptisch. „Es gibt unseren Stamm. Und dann gibt es die Kreaturen.“
Der Fremde erschauderte und rückte mit leichtem Wippen den Toten auf seinem Rücken wieder zurecht, da seine Hände noch immer gefesselt waren.  „Woher weißt du deinen Namen? Und woher wusste der Tote, wie er hieß?“
„Im Lager gibt man dir einen Namen. Der Weise hat Verbindungen zum Göttlichen, er wird wissen, wie du heißt.“
„Dem Göttlichen?!“
„Ruhe jetzt.“ Nikolaj machte eine mahnende Handbewegung, als sie den Gipfel erreichten und vor ihnen ein hohes, hölzernes Tor thronte. Ebenso hölzerne Mauern erstreckten sich bis zu den natürlichen, steinernen Wänden des Kraters. Ob das einst ein Vulkan war?, fragte sich der Fremde und spürte sein Herz nervös pochen. Das war das Lager des Stammes, ganz sicher. Dort war der Weise, der ihn wohl seinen Namen nennen konnte. Und auch Zivilisation, wenngleich spartanisch und primitiv, so waren es doch Menschen!
Doch genau dieser Gedanke beunruhigte ihn zur gleichen Zeit – es waren Menschen, aber was für welche? Waren sie ihm gut gesonnen? War er nun wirklich ihr Gefangener? Oder waren sie wirklich schon verwildert, wie der tote Angreifer?
„Keine Angst.“ Nikolaj klopfte ihm fest auf die Schulter. „Die Hohe Dame wird schon Gnade walten lassen.“
„Bitte?!“
Doch der Alte hörte ihn schon nicht mehr. Er war einige Schritte voran gegangen und kramte in seiner Beutel. Mehrmals blitzte Licht auf dem Tor auf, was den Fremden auf ein Fernglas schließen ließ. Warum öffneten sie nur nicht das Tor?! Nikolaj fand wohl, was er gesucht hatte – ein großes, gewundenes Horn, wie das eines Steinbocks – und blies mehrmals kräftig hinein. Laute Töme entfuhren dem Horn und ließen noch mehr Gestalten auf dem Tor auftauchen. „Öffnet das Tor!“, rief jemand, das Blitzen wiederholte sich mehrmals, als das Fernglas weitergegeben wurde und das Tor setzte sich ächzend in Bewegung.
„Das gute Ovis-Horn ist unter Ticket für den Eintritt! Jeder Jäger besitzt eines.“, erklärte Nikolaj stolz und verstaute das Horn wieder im Beutel. „Lass mich reden, Kamerad. Und keine Mätzchen!“
„Verstanden.“ Er nickte bestimmt, unterließ es aber zu Lächeln. Er würde wohl kaum dem Mann sein Leben anvertrauen, der ihn zu einem Mord angestiftet und ihn anschließend verhaftet hatte.

Doch als das Tor offenstand und der Fremde darauf zuschritt, wusste er nicht, dass sein Leben schon längst in fremden Händen ruhte …
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