Fragmente

von Myrabelle
GeschichteHumor, Romanze / P16
Erik - das Phantom der Oper Madame Giry OC (Own Character)
26.05.2019
12.06.2019
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Lield mochte keine Tanzschuhe.
Sie mochte keine Absatzschuhe.
Darin kam sie sich unecht vor und es schränkte ihre Bewegungsfreiheit ein. Mit einem miesepetrigen Blick war sie in den Salon getreten, in dem Erik sie bereits erwartete. „Zieh sie aus.“, forderte er, nachdem er ihren säuerlichen Gesichtsausdruck wahrgenommen hatte, als sie wie ein Storch auf heißen Kohlen in den Salon gestackst kam.
Sie sah ihn ungläubig an. „Du kannst dich auch nicht entscheiden, oder?“
„Doch, aber du läufst schlimmer, als eine Katze auf dem Eis. Und was habe ich davon, wenn du dir womöglich die Knöchel brichst? Dann fällst du wochenlang aus und ich muss dich überall hintragen. Übe erst einmal, in solchen Schuhen zu laufen, bevor du darin tanzen willst.“ Den Spott in seiner Stimme konnte er nur schwer unterdrücken.
„Vorsicht, Phantom. Sonst werfe ich dir die Schuhe an den Kopf.“ Sie funkelte ihn böse an, zog sich aber die Schuhe aus. Und blieb provokant stehen, wo sie war.
„Was soll das?“
„Wer hat gesagt, dass ich tanzen lernen will? Ich habe diesem Unfug niemals zugestimmt.“ Trotzig schob sie das Kinn vor. Das reichte jetzt. Mit wenigen festen Schritten war er bei ihr und zog sie in die Mitte des Raumes. „Kennst du die Grundschritte vom Walzer?“ Unverständliche Blicke. „Also gut, ich zeige es dir.“
Er stellte sich neben sie und zeigte ihr die Grundschritte. Erst die für den Mann, dann die für die Frau. Ihr skeptischer Blick verriet ihm, dass sie bezweifelte, dass diese Aktion von Erfolg gekrönt sein würde. Er zeigte ihr die Grundschritte noch zwei -, dreimal, dann stellte er sich ihr gegenüber und legte ihr seine rechte Hand aufs Schulterblatt, während er mit seiner linken ihre rechte ergriff. „Leg deine freie Hand auf meine Schulter, so dass dein Arm auf meinem ruht.“ Zögerlich leistete sie seinen Anweisungen Folge.
Erst jetzt fiel ihr richtig auf, dass er sie gut zwei Köpfe überragte. Sie hatte immer geglaubt, ihr Bruder sei mit 1,83 Meter groß, aber Erik kratzte ja gut und gerne an der zwei Meter Marke. Das verunsicherte sie schon sehr.
„Konzentriere dich nur auf den Takt und folge meinen Schritten.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, begann er langsam zu tanzen. Es dauerte nicht lange, da trat sie ihm auf den Fuß.
„Du darfst nicht nach unten sehen.“, mahnte er. Und versuchte es erneut.
Mit dem gleichen Ergebnis.
„Dir ist schon klar, dass du die Frau bist, oder?“, fragte er gereizt.
Sie blinzelte ihn böse an. „Ja, dass ist mir klar.“
„Warum willst du dann führen?“
„Weil ich mir ungern was vorschreiben lasse.“
Dieses Weib..... Mit einem genervten Schnaufen löste er sich von ihr und nahm sein Halstuch ab. „Was hast du vor?“, fragte sie misstrauisch.
„Dir Vertrauen beibringen.“ Kurzerhand trat er hinter sie und verband ihr die Augen. „Was zum Teufel soll das?“
„So zwinge ich dich dazu, mir zu folgen und zu vertrauen.“ Er ging wieder um sie herum und nahm die Grundposition ein und zog sie näher an sich heran. „Konzentriere dich nur auf meine Stimme.“ Sie nickte schüchtern und er fing leise an zu summen.

Es brauchte eine weitere Woche, bis Erik vollständig genesen war. Nadir suchte ihn regelmäßig auf, um sicher zu gehen, dass es Lield auch gut ging. Er war überrascht, sie mit verbundenen Augen und ohne Schuhe zusammen mit Erik anzutreffen. Er hörte das Grammofon schrammeln und sah verwundert zu, wie die beiden tanzten.
Nun ja, wenn man das so nennen wollte.
Auf seinen fragenden Blick hin winkte Erik ab und übte einfach mit ihr weiter.
Er ließ Nadir eine Stunde lang warten, bevor er sich endlich dazu herabließ und sich zu ihm gesellte. „Ich frage lieber nicht.“, meinte der Perser knapp. „Ich bringe ihr Vertrauen bei.“
„Vertrauen? Du? Ihr? Offensichtlich hat diese Grippe dein Hirn angefressen.“, bemerkte Nadir bissig.
„Was willst du, Daroga?“
„Dir mitteilen, dass die Oper seit gestern wieder geöffnet hat. Ein paar sind noch krank und man musste die Aufführung des Nussknackers verschieben. Ich dachte, dass wüsstest du, bis mir Madame Giry sagte, dass du seit Wochen nicht mehr oben warst. Deswegen hielt ich es für nötig, dich zu informieren.“ „Meine Krankenpflegerin meinte, ich solle gesund werden, bevor ich wieder durch die Gewölbe streiche.“
Nadir zog eine Augenbraue hoch. „Du hörst auf jemanden? Allah lässt wirklich überall Wunder geschehen.“ Erik sah ihn kritisch an, sagte aber nichts. „Hast du alles, worum ich dich gebeten habe?“
„Sicher. So wie immer. Und noch ein paar Dinge für die junge Dame, um die sie mich gebeten hat. Merke dir den Unterschied gut, sie hat mich darum gebeten und nicht wie du, mir knurrend eine halb unleserliche Liste in die Hand gedrückt.“ Nadir sah Erik provokant an. Der ignorierte diese Spitze geflissentlich. „Kannst du dich wenigstens wieder an sie erinnern?“
„Es kommt langsam zurück. Ich möchte ihr aber keine falschen Hoffnungen machen.“
Nadir nickte verständnisvoll. „Was treibst du da eigentlich genau? Das du ihr Vertrauen beibringen willst, glaube ich dir nur halb.“
„Ich bringe ihr Klavier und Tanzen bei. Leider wurde bei ihrer vorherigen Ausbildung soviel falsch gemacht, dass sie sich auf normalem Wege nicht darauf konzentrieren kann.“
„Aha, deswegen die Augenbinde.“
„Genau. Wenn sie nicht sieht, was sie tut, dann muss sie sich auf ihren Partner verlassen. Vielleicht löse ich so ihre Blockade.“ Er musste an seine schmerzenden Füße denken. Trotz Augenbinde war sie ihm mittlerweile so oft draufgetreten, dass es auch ohne Schuhe gut weh tat. „Du bist verrückt, weißt du das?“ Erik lächelte ihn zur Antwort nur schmal an.


Zwischenspiel VI: Der Perser und die Schneiderin

Erik war wieder an der Oper unterwegs. Er hatte einige Briefe mitgenommen. Lield hatte ihn gebeten, nachzusehen, ob vielleicht Post für sie angekommen war.
Und sie brauchte Stoffreste. Die lagerten in großen Körben in der Abstellkammer des Ateliers und wurden irgendwann entsorgt.
Erik hatte sich über letzteren Wunsch gewundert, aber nun gut.
Während seiner Abwesenheit las sie wieder. Sie war so vertieft, dass sie Nadir gar nicht bemerkte, der neue Vorräte vorbei brachte. Als sie seiner gewahr wurde, begrüßte sie ihn höflich.
Nadir lächelte etwas verlegen. Daran würde er sich so schnell wohl nicht gewöhnen. „Wie ich sehe, geht es ihm wieder besser.“
„Oh ja, ich wusste gar nicht, dass er singen kann.“ Erik hatte ihr also seine Gesangskünste gezeigt. Das war etwas, dass nicht jeder hören durfte.

Nachdem Lield die Vorräte eingeräumt hatte, hatte sie Nadir einen Tee serviert. Er fand es unglaublich, mit welch einer Selbstverständlichkeit sie sich hier bewegte. Fast so, als würde sie in diese Welt gehören. „Ich fand es erstaunlich, dass Erik mir sagte, er hätte auf Sie gehört. Er hört normalerweise nur auf sich selber. Behandelt er Sie denn auch gut?“ Diese Frage überraschte sie. Sie nickte. „Gut, gut. Erik kann manchmal etwas roh und aufbrausend sein. Ich weiß nicht, wie viele seltene chinesische Vasen und wie viel edles venezianisches Glas in seinem Haus in Persien zu Bruch gingen, wenn er wütend war.“ Nadir seufzte. Nur ungern dachte er an diese Zeit zurück.
„Hat er Ihnen erzählt, wie er aus Persien fortging?“ Sie schüttelte den Kopf. „Er musste fliehen. Der Schah hatte ihn einen Palast bauen lassen und danach alle Beteiligten getötet. Auch Erik sollte sterben. Aber ich konnte ihm nicht weh tun. Also half ich ihm dabei, aus dem Land zu fliehen. Dafür landete ich im Gefängnis. Ich kam erst vor fünf Jahren frei. Da ich verbannt wurde, reiste ich nach Frankreich, weil seine Erzählungen mich so sehr gefesselt hatten. Ich führte ein erbärmliches Leben hier. Lebte auf der Straße. Eines Abends hielt eine Kutsche neben mir und die Tür ging auf. In dieser Kutsche saß Erik. Ich hätte ihn um ein Haar nicht erkannt. Er sah so anders aus.“ Nadir hielt kurz inne und trank einen Schluck Tee.
„Ich erfuhr, dass er sich in die Katakomben der Pariser Oper zurückgezogen hatte. Er fragte mich nach meinem Geschick und ich erzählte es ihm. Ich dachte, er würde es abtun, wie er es immer tat, wenn er jemandem nicht glaubte, aber er zeigte Mitgefühl und wir handelten einen Vertrag aus. Ich bin seine Augen und Ohren in der Stadt, kaufe für ihn ein und suche Sammlerstücke und er zahlt mir ein monatliches Gehalt. Davon kann ich ganz gut leben.“ Er lächelte. „Manchmal da fahre ich mit ihm in der Kutsche aus. Jedes Mal sah er aus dem Fenster und seufzte, wenn er eine Frau mit braunen Haaren sah. Ich habe das anfangs nicht verstanden, aber ich denke, es lag daran, dass ein Teil von ihm Sie niemals vergessen hat. Ich dachte, dass sollten Sie wissen.“
Lield sah ihn ratlos an.
Worauf wollte er hinaus? „Ich glaube, er mag Sie. Er zeigt das vielleicht nicht so offen, aber wenn er Sie nicht mögen würde, dann hätten Sie das schon zu spüren bekommen.“

                                                                                                                              **************

Lield bemerkte schnell, dass man unter der Erde und ohne Tageslicht jegliches Zeitgefühl verlor. Gewiss, es gab Uhren in der Höhlenwohnung, die ihr zeigten, wie spät es war. Außerdem gaben ihr Hunger oder Müdigkeit Hinweise auf die Tageszeit. Aber man gewöhnte sich wirklich schnell daran, nicht von der Sonne diktiert zu werden.
So zog die dritte Woche ins Land.
Nadirs Worte hatten sich in Lields Hirn festgesetzt. Ihre Fortschritte am Klavier und im Tanzen waren zwar langsam, aber stetig. Eriks Ungeduld in diesem Punkt trieb sie regelmäßig in den Wahnsinn und somit war der nächste Streit stets vorprogrammiert. Nadir bekam ein ums andere Mal mit, wie die beiden sich stritten. Dieses Mädchen war Erik ja haushoch überlegen.
Wenn sie nicht Klavier übte oder die Tanzschritte, trug sie die Tanzschuhe, um sich daran zu gewöhnen. Das brachte ihr etliche Blasen und viele Lacher von Meg und Mariann ein. Aber da musste sie durch.
Erik hatte sie damit konfrontiert, dass er ihre Forderungen nur erfüllen würde, wenn sie seine Forderungen erfüllte. Anfangs hatte sie gewohnt trotzig reagiert und Erik hatte geglaubt, er habe gewonnen.
Aber dann hatte sie sich gefügt. Er musste sich etwas neues einfallen lassen.
Also hatte er ihr gesagt, in Röcken durch die Keller zu streifen, wäre unklug, wegen der Ratten und Spinnen. Er hatte gehofft, dass sie loskreischte, aber stattdessen bestellte sie bei Nadir ein paar Hosen in ihrer Größe.
Als Erik sie darin gesehen hatte, hatte er nicht schlecht gestaunt. Mit hocherhobenem Kopf war Lield an ihm vorbei stolziert. „Wenn das deine Tante sieht, flippt sie aus.“ Bemerkte Erik bissig.
„Pah, mir doch egal. Viva la Revolution.“
Er hatte feststellen müssen, dass sie genauso stur war, wie er selbst und sich schlussendlich ergeben. Seitdem zeigte er ihr die sicheren Gänge, die sie zur Straße oder in die Oper führten. Falls wieder etwas passierte, konnte sie so wenigstens Hilfe holen. Er hatte eingesehen, dass es gut war, sie in seiner Nähe zu haben. Ohne sie wäre er an der Grippe gestorben. Das hatte er durch Zufall vom hauseigenen Arzt der Oper mitbekommen. Einige der älteren Arbeiter, die sich keine Hilfe leisten konnten, waren von der Krankheit in einem Tempo dahin gerafft worden, dass einem Angst machen konnte.
Aber er war noch da und das hatte er vor allem ihr zu verdanken. Da war es das mindeste, dass er ihr entgegen kam. Zu seinem großen Erstaunen fand sie sich gut in der Dunkelheit zurecht. Zumindest wenn er dabei war. Er zeigte ihr die Geheimtüren, durch die er auftauchen und verschwinden konnte, wie er lustig war.
Sie stellte fest, dass das Loch in ihrer Wand nur eines von vielen war. Die meisten Spiegel waren von seiner Seite durchsichtig, so das man in die Räume sehen konnte. Dann gab es noch unzählige Ritzen und Spalten, die dem gleiche  Zweck dienten. Lediglich die Umkleideräume und Bäder der Frauen waren tabu.
Er führte sie zu dem großen Spiegel in der Garderobe der Carlotta. Dort hatte er etwas wichtiges zu erledigen, wie er sagte. Er trug eine Pappschachtel bei sich, in der es verdächtig rappelte. „Du scheinst sie ja wirklich zu mögen.“, spöttelte Lield, nachdem er die Mäuse in eine Schublade der Primadonna gesteckt und sich wieder auf die andere Seite des Spiegels verzogen hatte. „Nein, aber es macht mir Spaß, sie zu ärgern. Diese Frau ist eine furchtbare Sängerin. Ich versuche schon lange, sie loszuwerden. Aber die Tölpel dieser Stadt lieben sie.“, knurrte Erik unwillig.
Wie aufs Stichwort stolzierte die Carlotta gerade in ihre Garderobe. Hinter ihr kam dieser komische Minihund herein. Ihre starke Parfümwolke drang sogar durch die Ritzen des Spiegels. Neugierig beobachteten Lield und Erik, was dann geschah.
Ein rascheln in ihrer Schublade erregte Carlottas Aufmerksamkeit. Unbedarft zog sie sie auf. Die panischen Mäuse sprangen ihr laut quiekend ins Gesicht. Einen spitzen Schrei ausstoßend fuchtelte sie herum, drehte sich um sich selbst und rannte dann hinaus. Hinter dem Spiegel kamen Lield vor Lachen die Tränen. „Ich möchte dir noch mehr zeigen, also lass uns gehen.“
Sie setzten ihre Runde fort. Erik zeigte ihr, wie sie in seine Privatloge kam. Es war schon spät, außer ihnen war niemand mehr unterwegs. Lediglich ein paar Lampen brannten noch, damit der Nachtwächter seine Runde drehen konnte. Lield hatte nicht schlecht gestaunt, als sie über den ganzen Saal und die Bühne schauen konnte. „Übermorgen findet die Aufführung der Nussknacker Suite statt. Ich dachte, vielleicht würdest du dir die gerne ansehen.“ Sie sah ihn erstaunt an. „Ist das dein Ernst?“ Erik nickte. Wurde er gerade rot? „Und ich darf in dieser Loge sitzen?“
„Natürlich.“
„Das ist wirklich toll, vielen, vielen Dank.“ In einem Anfall überschwänglichen Glücks fiel sie ihm um den Hals. Dabei machte sein Herze einen Satz nach oben. Er wollte gerade ihre Umarmung erwidern, als sie sich unvermittelt von ihm löste. „Oh, entschuldige.“
Er winkte ab. „Schon gut. Komm, ich möchte dir noch etwas zeigen, aber dafür musst du höhenfest sein.“

Erik führte sie direkt zu den Brücken über der Bühne. Als Lield sah, wie er katzenhaft über die schmalen Stege eilte, wurde ihr flau im Magen. Zaghaft tastete sie sich an den Rand der befestigten Wege. „Oh mein Gott.“ Keuchte sie entsetzt, als sie nach unten sah. Das waren mindestens vier Meter.
„Ich dachte, du bist höhenfest.“, spottete Erik.
„Ja, wenn es sicher ist. Das hier ist Selbstmord.“ Erneut wagte sie einen Blick hinab in die Tiefe. Mit einem halb erstickten „uhuhuhuhuh“ wich sie wieder zurück. Keine zehn Pferde würden sie da hinüber bringen.
„Halt dich nur an den Seilen fest. Da passiert nichts. Ich nutze diese Wege ständig.“ Betont lässig blieb er auf einer der Brücken stehen.
„Ja du. Aber ich habe nur wenig Lust dazu, da runter zu klatschen.“ Sie blieb wie angewurzelt stehen.
„Oh, also bist du gar keine Wildkatze, sondern ein feiges Hühnchen.“
Lield warf ihm einen so finsteren Blick zu, dass ihm ganz flau wurde. Aber er ließ sich nicht einschüchtern. Mit einem provokanten Funkeln in den Augen ahmte er das gackern eines Huhnes nach.
„Lass das.“
„Na dann komm und fang mich. Sonst werde ich dich die nächsten fünf Wochen nur vollgackern, du Hühnchen.“
Das war jetzt genug! Niemand nannte sie ein Huhn. „Hühnchen? Du nennst mich Hühnchen? Na warte.“ Ohne darüber nachzudenken, sprang sie hinter ihm her, über die Brücken hinweg.
„Na los, fang mich. Gack, gack.“ Zielsicher führte er sie auf die andere Seite und ließ sich von ihr fangen. Sie verpasste ihm einen schmerzhaften Knuffer gegen die Schulter. „Du hast es doch geschafft, Kätzchen.“
Verwundert drehte sie sich um. Tatsächlich, dieser Schuft hatte sie reingelegt. „Du hast jetzt die Wahl. Entweder du schlägst mich erneut oder du folgst mir.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, stieg Erik die Holztreppen hoch. Nach kurzem Überlegen folgte Lield ihm. Noch nie hatte sie die Oberkonstruktionen der Oper gesehen. Dieser Irrgarten aus Holzgerüsten, Seilen und schmalen Treppen, der nur den Bühnenarbeitern vorbehalten war. Unbeirrt führte Erik sie weiter, immer weiter nach oben. Er durchschritt eine unscheinbare Tür.
Als Lield ihm folgte, schlug ihr plötzlich die kühle Nachtluft entgegen. Sie standen auf dem Dachvorsprung, dort wie die überlebensgroße Apollonstatue mit stoischem Blick über die Stadt sah. Der Ausblick warf sie beinahe um. Vor ihren Augen erstreckte sich Paris. Sie Stadt leuchtete orange – gelb von den vielen Gaslaternen, die des Nachts die Straßen beleuchteten. Über ihr erstreckte sich der Sternenhimmel, so weit das Auge reichte. „Das ist der absolute Wahnsinn.“, hauchte sie völlig fasziniert. „Freut mich, dass es dir gefällt.“
„Kommst du oft hierher?“
„Ja. Hier finde ich Ruhe und kann nachdenken.“ Er ging um die Statue herum. „Hier ist übrigens auch eine versteckte Tür. Für den Fall, dass du eine andere nicht nutzen kannst. Diese hier ist immer zugänglich.“ Er zeigte ihr einen gut versteckten Schalter, der eine geheime Tür im rechten Bein der Statue öffnete. Lield sah ihn überrascht an. „Hast du das alles selber gebaut?“
Er zuckte mit den Schultern. „Teilweise. Die Oper wurde früher von den Kommunarden genutzt. Viele der Gänge stammen von ihnen. Die Mehrzahl der Fallen in meinem Labyrinth auch. Die Kommunarden gingen, die Gänge und Höhlen blieben. Ich habe sie quasi geerbt. Und teilweise ausgebaut.“
„Hast du dir mal überlegt, mit deinem Können Geld zu verdienen?“ Bei Lields Frage kniff er die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. „Das geht nicht gut. Mein „Können“ sorgt nur für Schmerz und Leid.“
Nadirs Worte kamen ihr wieder in den Sinn. Er hatte ihr während Eriks Grippe mehrfach erzählt, was Erik in Persien machen musste. Von den Folterkammern, die er für die Khanum errichtet hatte und den Schaukämpfen, in denen er mit seinen Fallen selbst den überlegensten Gegner besiegte. Besorgt sah sie ihn an.
Sie musste sich etwas einfallen lassen. Was hatte Nadir ihr gesagt? Lassen Sie bloß nicht zu, dass er in seine Melancholie verfällt. „Ähm, diese komischen Apparate in deinem Zimmer, funktionieren die?“ Das war zwar plump, aber etwas besseres fiel ihr nicht ein.
Erik sah sie verwirrt an. „Natürlich. Warum sollten sie auch nicht?“
„Beweis es. Erzählen kann man viel, mein Bester.“
In seinen Augen funkelte es auf. „Du zweifelst an meinen Fähigkeiten, Kratzbürste?“, fragte er mit einem drohenden Unterton in der Stimme. Trotzig verschränkte Lield die Arme. „Sicher tue ich das. Ich denke, du bist einfach nur ein abgehobener Schwätzer.“ „Dann komm mit und ich werde dir beweisen, dass ich nicht schwätze.“ Mit diesen Worten öffnete er die Geheimtür.


Als sie an diesem Morgen vor dem Käfig auftauchte, war Erik richtig entsetzt. Ihr ganzer Körper war mit Schrammen und Kratzern übersät. Ihre Lippe aufgeplatzt. Es schienen einige Haarbüschel zu fehlen. „Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.
„Ich habe drei Zigeunerbengel verprügelt.“ Meinte sie trocken. Auf seinen fragenden Blick hin, fügte sie hinzu: „Diese miesen Drecksbengel haben über dich schlecht geredet. Ich sagte ihnen, sie sollen ihre dreckigen Mäuler halten. Ich sagte ihnen, wahrscheinlich seien sie eh alle durch Inzucht gezeugt worden und grenzdebil. Das brachte natürlich nichts, also habe ich meine Fäuste sprechen lassen.“
„Aber du siehst furchtbar aus.“
„Nicht so schlimm, wie diese Bengel.“ Verkündete sie sichtlich stolz.
„Du prügelst dich meinetwegen?“
„Natürlich. Freunde müssen doch füreinander einstehen. Ich habe diesem Javert übrigens gesagt, er solle dich gefälligst rauslassen, aber der ist ja widerlicher, als der Arsch des Teufels.“
„Was hat er gesagt?“
„Er hat schmutzig gelacht und abgelehnt. Er meinte, du würdest nur abhauen und das er dich nicht gehen lässt., weil du sein Geldgarant bist.“ Sie seufzte schwer. „Ich habe meinen Bruder gebeten, mir zu helfen. Wir wollen dich befreien. Aber ich muss mir erst war überlegen.“
„Du willst mich hier rausholen?“, fragte Erik verblüfft. Lield nickte. Zum ersten Mal seit langem keimte wieder Hoffnung in ihm auf.


Er hatte geträumt. Wie so oft in letzter Zeit. Und immer wachte er mir Tränen in den Augen auf. Instinktiv versuchte er, diese Erinnerungen, die ihn allmählich überfluteten, zu verdrängen. Aber jeder Versuch endete darin, dass es sogar noch schlimmer wurde.
Jede Nacht sah er dieses neunjährige Mädchen vor sich sitzen. Die ihn behandelte, wie einen normalen Menschen. Ihm Witze erzählte und versuchte, ihm das schielen beizubringen, während er das gleiche bei ihr mit dem Bauchreden versuchte.
Weder das eine, noch das andere hatte funktioniert. Aber die beiden hatten herzhaft was zu lachen gehabt. Oft hatte er sich gewünscht, frei zu sein, mit ihr einfach spielen und toben zu können, wie normale Kinder. Sie wollte ihn befreien, aber irgendwas war gehörig schief gegangen. Er wusste aber nicht, was. Und er fürchtete sich davor, es heraus zu finden.
Seit seiner Genesung hatte er sich ihr nicht mehr unmaskiert gezeigt. Zum einen war es die Macht der Gewohnheit.
Zum anderen wusste er nicht, wie er mit ihr umgehen sollte.
Er fürchtete sich davor, ihr jetzt näher zu kommen. Sie wusste nichts von dem, was nach ihrer Flucht geschehen war. Das er nicht nur Javert getötet hatte. Spätestens seine Eskapaden in Persien würden sie abschrecken, wenn nicht gar zum davonlaufen zu bringen.
Ein ums andere Mal dachte er darüber nach, sie einfach weg zu schicken. Aber dann merkte er, dass es ihm schon Bauchschmerzen bereitete, wenn sie sich mit Meg traf oder loszog, um Einkäufe zu erledigen. Es war zum Haare raufen.
Er genoss ihre Nähe ungemein.
Die Unbefangenheit, die sie in sein Leben brachte.
Die Art, wie sie ihn immer wieder dazu brachte, einfach über nichts nachzudenken. Er mochte die Tanzstunden mit ihr oder wenn er ihr neue Stücke am Klavier vorspielte.
Andererseits scheute er sich davor, ihr sonst zu nahe zu kommen. Seine Gefühle fuhren Achterbahn und er wusste nicht, wie er das abstellen sollte. Auch heute war das wieder so gewesen und seine Qualen würden so schnell nicht enden, da er ihr ja versprochen hatte, sich mit ihr die Aufführung der Nussknacker Suite anzusehen. Dafür hatte er sich extra einen seiner schwarzen Anzüge angezogen. Er erwartete sie im Salon und war nervös.
Warum? Die Kleider hatte er doch selber gekauft und sie trug die meisten regelmäßig. Sie waren auch nichts besonderes. Nun gut, es waren keine groben Arbeitskleider, sondern schon etwas zum ausgehen. Darauf hatte er großen Wert gelegt. In seinem Kopf kreisten die Gedanken wild umher.
Als die Tür zu ihrem Zimmer aufging, sah er auf. Sie trug eines der blauen Kleider, dass er ihr gekauft hatte. Aber sie hatte etwas verändert. In der Mitte des V- förmigen Ausschnittes hatte sie eine Schleife genäht, die ihr Dekolleté sanft betonte. Der Rock reichte ihr bis zu den Schienbeinen. Sie trug flache Schuhe. Wahrscheinlich lag das daran, dass er ihr mal gesagt hatte, in den Gängen seien Absatzschuhe eher kontraproduktiv. Mal davon abgesehen, dass sie trotz regelmäßiger Übung nach wie vor höchstens sehr kurze Absätze trug. Über dem Kleid trug sie eine dunkelblaue Strickjacke.
Als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte, blieb sie stehen. „Sieht das nicht gut aus?“, fragte sie verunsichert. Erik schüttelte den Kopf. „Das fehlt nur was.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, ging er in sein Zimmer und holte einen schwarzen Umhang, den er ihr vorsichtig um die Schultern legte. „Wofür ist das?“ „Es wäre doch schade, wenn das schöne Kleid in den Gängen dreckig wird oder gar zerreißt.“ Sie sah an sich herunter. Der Umhang war ihr hoffnungslos zu groß.
„Warte, ich helfe dir.“ Mit ein paar gezielten Handgriffen zog er den Umhang so hoch, dass es aussah, als trüge sie eine Kapuze dazu und fixierte alles. Dann gab er ihr eine Laterne und führte sie in die Dunkelheit.

Es überraschte Lield nur bedingt, dass es einen Geheimgang gab, der direkt in die Loge fünf führte. Sie fand es durchaus praktisch, sich nicht durch das überfüllte Foyer schlagen zu müssen. Von hier oben aus konnte sie ganz bequem dabei zusehen, wie die Zuschauer in den großen Saal drängten und ihre Plätze suchten. Einige der Frauen trugen Kleider und Hüte, die Lield an einen Zirkus denken ließen.
„Ich glaube, ich bin underdressed.“, bemerkte sie spöttisch und zeigte dabei auf eine Frau mit einem hochgeschnürten Dekolleté. Sie trug ein schwarzes Kleid mit einem ausladenden Reifrock und riesigen Ärmeln. Dazu einen schwarzen Hut, der mit allerlei Nippes bestückt war. Feder, Schleifen, sogar ein künstlicher Vogel fanden sich dort. Sie schritt mir einer Arroganz den Gang entlang die Lield losprusten ließ.
Als Erik die Frau erblickte, schüttelte er sich. „Das ist ja wie die Carlotta in fünfzehn Jahren.“ Lield musste noch lauter lachen. Einige Besucher der anderen Logen drehten sich stirnrunzelnd zu ihnen hin. Hastig zog Erik sie aus deren Blickfeld. „Wir müssen leise sein.“ Er sah ihr in die Augen und fröstelte erneut. In ihrem Blick lag soviel ehrliche Zuneigung, dass er versucht war, sie einfach zu küssen.
Nach einem kurzen Augenblick hatte er diesen Gedanken erfolgreich verdrängt. „Ich zeige dir einen Ort, an dem du alles noch besser sehen kannst.“ Mit diesen Worten öffnete er eine weitere Geheimtür in der großen Statue, die in die Loge hineinragte. Ein wenig zögerlich kroch sie hinein. Der Kopf der Statue war ausgehöhlt und man konnte noch genauer auf die Bühne sehen, da die Augen hohl waren.
Die Aufführung aus dieser Perspektive zu sehen, war unbeschreiblich. Erik saß schräg hinter ihr. Es war ziemlich eng, aber was anderes war ja kaum zu erwarten. Es interessierte sie aber auch nicht, dazu war sie viel zu berauscht von der Musik und den Tänzern. Meg als Zuckerfee über die Bühne tanzen zu sehen war außergewöhnlich. Lield liebte dieses Stück fast noch mehr als den Sommernachtstraum. Im Laufe des Stücks ließ sie ihren Kopf langsam auf Eriks Brust sinken. Spürte, wie er sich kurz anspannte. Ihre Nähe tat so unglaublich gut. Er atmete tief durch und sah kurz auf sie herab. Ein scheues Lächeln huschte über sein Gesicht.

Erik saß wieder an seinem Flügel und spielte. Er musste den Kopf frei bekommen. Nach der Aufführung hatten sie noch eine Weile in der Statue gesessen. Erst nachdem die Hauptbeleuchtung gelöscht worden war, waren sie zurückgegangen. Lield hatte sich zurückgezogen und er spielte für sie ein Schlaflied. Zuerst bemerkte er gar nicht, dass er Gesellschaft hatte. Sie hatte sich umgezogen und sich neben ihn gesetzt. Ihre Haare standen offen, dass gefiel ihm. Ohne sein Spiel zu unterbrechen, sah er sie von der Seite an. Sie hatte die Augen geschlossen und lauschte der Musik.
Auch das mochte er an ihr. Ihre ungeteilte Faszination für seine Musik. Ihr Kopf sank langsam auf seine rechte Schulter. Um ein Haar verspielte Erik sich. Er atmete kurz durch und spielte weiter.
Plötzlich spürte er ihre Hand, die sich um seinen Rücken legte und auf seiner linken Taille zum Ruhen kam. Jetzt verspielte er sich wirklich, was sie mit einem kaum sichtbaren Schmunzeln kommentierte. Lield schmiegte sich noch enger an ihn. Das brachte sein Blut zum kochen. „Danke für den schönen Abend.“, murmelte sie leise. „Gern geschehen.“ Langsam ließ er das Stück ausklingen.
„Lield, ich muss dich was fragen. Warum konntest du mich damals nicht befreien?“ Er erhielt keine Antwort. Konnte oder wollte sie diese Frage nicht beantworten. Er sah zu ihr herunter. Sie war eingeschlafen. Er lächelte sanft. Dann stand er vorsichtig auf, nahm sie in seine Arme und trug sie in ihr Bett.


Sie hatte es geschafft. Sie hatte ihr erstes Klavierstück fehlerfrei gespielt. Erik stand neben dem Flügel und runzelte die Stirn. Ausgerechnet der Flohwalzer. Wahrscheinlich hatte sie die Noten vom Daroga, denn ihm war dieses Stück zu primitiv und vulgär. „Was, war das nicht gut?“, fragte sie verunsichert.
Erik winkte ab. „Doch, aber es gibt weitaus schönere Stücke als diese Ohrenvergewaltigung.“ Bedrückt sah Lield auf die Tasten und seufzte schwer. „An dich werde ich doch nie rankommen. Aber gut, ich werde das Lied nie wieder spielen.“ Täuschte er sich, oder kämpfte sie gerade mit den Tränen? „Es tut mir leid. Ich vergesse manchmal, dass du ein blutiger Anfänger bist.“ Er seufzte ergeben. „Wenigstens kannst du mittlerweile mit geöffneten Augen spielen. Also hege ich die Hoffnung, dass mir das auch beim Tanzen gelingt.“ Seine schmerzenden Zehen meldeten sich zu Wort. Gebrochen hatte sie zwar nichts, aber es tat immer noch weh.
Lield sah zu ihm auf. Da war er wieder, dieser spöttische Unterton, mit dem er sie so sehr provozierte. „Du bist ziemlich selbstgefällig, Phantom.“ Erik lächelte sie süffisant an. „Nein, ich weiß einfach nur, wo meine Stärken liegen, Kätzchen.“
„Püh, zwischen Stärken erkennen und Selbstgefälligkeit liegt kein großer Unterschied, Stinker.“
„Stinker?“
„Ja. Du nennst mich Kratzbürste, da habe ich beschlossen, dich Stinker zu nennen. Und es gibt Dinge, die kannst auch die nicht, Monsieur Le Fantôme.“
„Die da wären?“
„Das zum Beispiel.“ Sie schob ihre Zunge an ihre Nasenspitze und schielte dabei so heftig, dass sie fast von der Klavierbank fiel. Erik sah sie verdattert an. Nein, sowas beherrschte er tatsächlich nicht. „Und ich wette, du kannst auch nicht reiten.“, verkündete sie inbrünstig. „Nagele dich nicht darauf fest, Kätzchen.“ „Dann beweise es. Na los.“, forderte sie trotzig. Erik lächelte sie weiterhin süffisant an. „Zieh dir was über und komm.“

Sie kamen mitten in den Ställen raus. Anscheinend gab es für jeden Zipfel in der Oper einen Geheimgang. Lield war schon oft mit Meg und Mariann hier gewesen, um die Pferde zu streicheln. Sie wusste, dass man die hier untergestellten Tiere für einige Aufführungen einsetzte oder auch, um sehr hoch betuchte Gäste mit der hauseigenen Prachtkutsche abzuholen. Jetzt, am Abend, saß nur der alte Oberstallmeister in seinem Häuschen und schlief. Es würde sie also keiner bemerken.
Zielsicher führte Erik sie zu den hinteren Boxen. Dort standen nebeneinander ein schwarzer und ein weißer Friese. Liebevoll streichelte Erik dem schwarzen Tier über die Schnauze. „Das hier ist mein Pferd. Er heißt Juan.“ Lield sah ihn überrascht an. „Du hast hier ein eigenes Pferd?“
„Sogar zwei. Der weiße heißt Domino.“ Jetzt war sie noch überraschter. „Wissen die in der Oper, dass du denen zwei Pferde untergejubelt hast?“ Erik lächelte sanft. „Madame Giry weiß es. Außerdem werden beide für Aufführungen und zum Ausreiten eingesetzt.“ Mit diesen Worten öffnete er die Boxen. Lield staunte nicht schlecht, als die beiden Pferde Erik einfach folgten. Er führte die Tiere zu dem Tor, dass zur Stadt hin führte. „Brauchst du Hilfsmittel zum reiten?“ Der schnippische Tonfall gefiel ihr nicht. Lield zog eine Augenbraue hoch. Dann schwang sie sich kurzerhand auf Juans Rücken und stemmte die Fersen in seine Flanken. Mit einem schockierten wiehern bäumte der Hengst sich auf und sprang in die Dunkelheit. „Dieses Weib treibt mich noch in den Wahnsinn.“, fluchte Erik laut, sprang auf den weißen und folgte ihr.

Im vollen Galopp sprintete sie durch die Stadt. Erst in den Außenbezirken ließ sie Juan austraben. Sie lenkte das Pferd auf einen Feldweg in der Nähe des Flusses. Dort stoppte sie ihn, stieg ab und setzte sich auf den Rand der Böschung. Sie musste nachdenken.
„Sag mal, bist du lebensmüde?“, hörte sie Erik hinter sich rufen. Sie ignorierte ihn geflissentlich. Juan stand neben ihr und graste, als wäre nichts gewesen. „Ich habe gefragt, ob du lebensmüde bist.“ Wütend riss Erik sie auf die Füße und zwang sie, ihn anzusehen. Dabei hielt er sie schmerzhaft an den Schultern fest. Sie sah ihn betont ruhig an.
„Ich habe dir doch gesagt ich kann reiten. Wo liegt dein Problem?“
„Juan ist zu wild für dich. Du solltest Domino reiten. Warum musst du immer beweisen, dass du verrückt bist?“ Klang er jetzt wütend oder besorgt?
„Ich kam mit ihm ganz gut klar. Und ich habe schon viel wildere Pferde geritten. Es ist ja auch nichts passiert. Ich schätze mal, sowas hat er mal gebraucht.“ Juan schnaufte bestätigend und widmete sich dann wieder dem Herbstgras.
„Und wenn er dich abgeworfen hätte?“
„Hat er aber nicht. Herr Gott, Erik, ich bin kein kleines Kind mehr und auch keine Tussi. Warum regst du dich eigentlich so auf?“ Wütend schüttelte sie seine Hände ab und wich von ihm weg.
Die Frage war gut. Ja, warum regte er sich eigentlich so auf? Weil er den Gedanken nicht ertrug, dass sie sich bei so einer Aktion sämtliche Knochen brach oder sogar umkam? Er wusste es nicht. Unsicher starrte er sie an. Lield legte den Kopf schief. Sie fand diese Situation bizarr. Er konnte sich erst seit kurzem wieder an sie erinnern, provozierte sie bis zum Äußersten und vermied es nach Möglichkeit, ihr näher zu kommen, als nötig.
Andererseits benahm er sich, als hätten sie eine feste Beziehung. Kochte für sie, umsorgte sie und machte ihr Geschenke. Er führte sich auf, wie ein besorgter Liebhaber.
Unsicher sah sie zu den Pferden, die völlig gelassen die Böschung abgrasten. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit. Unwillkürlich fing sie an, rückwärts zu gehen. Auf ein kompliziertes Beziehungsdingdbums hatte sie keine Lust.
Sie fürchtete sich vor den Gefühlen, die sich in den letzten Wochen entwickelt hatten.
Gefühle, die sie nicht richtig verstand.
Gefühle, die sie am liebsten in seine Arme getrieben hätten.
Oh Gott, ich verliebe mich in das Phantom der Oper. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. Das war nicht gut. Sich zu verlieben bedeutete, sich an jemanden zu binden und die Freiheit zu opfern. Es bedeutete im Extremfall Heirat, Kinder, eingesperrt sein. Darauf hatte sie keine Lust. Sie war nicht bereit dazu und würde es wohl auch niemals sein. Schritt für Schrott bewegte sie sich weiter auf die Böschung zu.
Folgte er ihr etwa? So langsam wurde ihr das ganze unheimlich.
Plötzlich machte er einen Satz nach vorne und schloss sie fest in seine Arme. Entsetzt hielt sie die Luft an. „Du bist wirklich lebensmüde. Oder warum gehst du rückwärts auf die Böschung zu?“ Er klang wirklich besorgt. Seine Nähe machte sie ganz wuschig. Der Geruch seines Parfüms lullte sie regelrecht ein und raubte ihr die Sinne. Er sah ihr so tief in die Augen, dass ihr ganz schwummrig wurde. Unschlüssig schwirrte ihr Blick zwischen seinen Augen und seinen Lippen hin und her. In ihrem Bauch kribbelte es so sehr, dass ihr fast schlecht davon wurde.
Aber es war Erik, der ihr die Entscheidung abnahm. Wie ein Pfeil schnellte er nach vorne und presste seine Lippen auf ihre. Sie keuchte entsetzt auf, versteifte sich und versuchte im ersten Augenblick, ihn wegzustoßen. Doch schon nach einem Wimpernschlag sanken ihre Hände auf seinen Rücken und sie entspannte sich wieder. Irgendwie hatte sie sich ihren ersten Kuss anders vorgestellt. Nicht so impulsiv und stürmisch. Als sie seine Zunge spürte, die vorsichtig ihre berührte, zuckte sie kurz zusammen. Ihre Knie wurden weich. Dieses Gefühl war seltsam, aber ungemein berauschend. Zögerlich erwiderte sie seinen Kuss. Die Zeit schien dahin zu schmelzen, die ganze Welt schrumpfte auf sie beide zusammen. Als er sich von ihr löste, war sie sogar etwas enttäuscht. „Wir sollten zurück, bevor noch jemand die Pferde vermisst.“
 
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