Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
21.08.2020
10
22.578
6
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.02.2020 1.039
 
Die Augen weit aufgerissen. Die Schultern hochgezogen und der Mund von beiden Händen bedeckt. Die hellblauen Turnschuhe mit Schlamm befleckt, der von dem Fahrrad neben ihr zu allen Seiten gespritzt war. So stand Melanie da und sah sprachlos von Sprotte zu Fred und wieder zurück. Dann sanken ihre Hände langsam von ihrem Gesicht und auf ihren pinken Lippen entfaltete sich ein breites, amüsiertes Grinsen.

„Ich fass es ja nicht! Sprotte, du…?“ Sie sprang aufgedreht auf und ab und sah aus als würde sie gleich platzen. „Hast du nicht gesagt, du wolltest deiner Oma helfen?“
Bevor Sprotte sich auch nur eine Antwort überlegen konnte, kippte Melli vornüber, hielt sich den Bauch und begann lauthals zu lachen.

„Dass ich das nochmal miterlebe“, prustete das Mädchen, „Ich habs doch gewusst. Hab ichs dir nicht gesagt?“ Sie richtete sich wieder auf und japste nach Luft. Ganz rot war sie vor Lachen. „Schade irgendwie. Ich hatte mich schon darauf gefreut Fred zu erzählen, wie verknallt du in ihn bist.“ Sie zwinkerte dem Jungen zu, woraufhin er Sprotte einen erstaunten Blick zuwarf. Sie wollte im Erdboden versinken. Oder das andere Mädchen von einer hohen Klippe stoßen.

„Sei still! Das geht dich überhaupt nichts an!“, zischte sie. Gerade noch konnte sie sich davon abhalten mit dem Fuß aufzustampfen. Sie war schließlich kein Kindergartenkind. „Und verknallt bin ich auch nicht!“, fügte sie verärgert hinzu.
Melli lachte spöttisch. „Das sah grad eben aber anders aus“, entgegnete sie mit hochgezogener Augenbraue. Sprotte hätte sich am Liebsten auf sie gestürzt und sonst was mit ihr angestellt, da meldete sich Fred zu Wort.

„Lass mal gut sein, Melli“, riet er ihr, „Sprotte sieht so aus als würde sie dir gleich die Augen auskratzen.“ Er klang beinahe schon wieder stolz. Was er wohl gerade dachte? War ihm das ganze genauso unsagbar peinlich wie ihr? Nach außen schien er so gelassen wie immer. Wie sie ihn darum beneidete.

„Das soll sie erstmal versuch-“, begann Melli, ehe sie sich selbst unterbrach und fast schuldbewusst den Boden betrachtete. „Ach Mist, ich wollte ja eigentlich-“ Sie sah auf. Etwas entschuldigendes lag in ihren blauen Augen. „Kommst du noch mit zum Wohnwagen?“
Sprotte verzog das Gesicht. Eigentlich hatte sie da jetzt überhaupt keine Lust mehr drauf.
„Die andern bringen mich doch um, wenn sie hören, dass du meinetwegen nicht kommst“, sagte Melli leise.

Für einen Moment schloss Sprotte fest die Augen. Vielleicht wäre ja alles vorbei, wenn sie sie nur fest genug zukniff. Dann öffnete sie sie mit einem Seufzen und nickte.
„Na schön“, gab sie zurück, „aber nur wegen den Hühnern.“
Melli lächelte. Nicht schadenfroh oder amüsiert. Einfach erleichtert irgendwie. Und schon fühlte sich das ganze nicht mehr ganz so schlimm an. Sie lächelte zurück.

„Dann trennen sich hier wohl unsere Wege, Oberhuhn“, sagte Fred dramatisch und stellte sich vor sie. Was hatte er vor? Beunruhigt schielte Sprotte zu Melli hinüber, die sie neugierig beobachtete. Sie hörte den Jungen seufzen.
„Melli“, rief er, „dreh dich doch mal für nen Moment um.“
Das blonde Mädchen verdrehte die Augen, drehte sich aber überraschenderweise trotzdem um. Schnell wie der Blitz beugte sich Fred zu Sprotte herunter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Sofort fing die Stelle an zu kribbeln. Fast spürte sie die Berührung immer noch, obwohl sie nicht länger als einen Wimpernschlag angedauert hatte.  Dann nahm er ihre Hand und strich ihr behutsam über den Handrücken.

„Bis morgen dann, Sprotte“, flüsterte er so leise, dass es außer ihr niemand hören konnte. Seine Finger lösten sich widerstrebend von ihren und für einen kurzen Moment, dachte sie er würde dort etwas für sie hinterlassen. Einen Zettel? Wie zuvor? Aber da war nichts. Nur das kalte Gefühl des Abschieds.
„Bis morgen“, flüsterte sie zurück. Mit einem letzten Grinsen zupfte er an einer ihrer Haarsträhnen und machte sich schließlich auf den Weg zu seinem Fahrrad. Wie gerne hätte sie den Pygmäen einfach zum Wohnwagen mitgenommen.

Neben ihr schnaubte Melli spöttisch. Wann war sie zu ihr herübergekommen? Fred saß bereits auf seinem Rad und drehte sich nochmal zu den Mädchen um. „Du kannst mir dann ja morgen erzählen was Melli mit ‚verknallt‘ gemeint hat.“ Wie unverschämt er sie angrinste!
Sprotte spürte wie ihr wieder die Röte ins Gesicht schoss. „Blödmann!“, rief sie ihm hinterher. Jetzt war sie beinahe froh, dass er nicht mit ihnen mitkam. Melli kicherte.

„Was erzählst du denn auch so nen Blödsinn“, giftete Sprotte sie an.
Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Ist doch wahr“, murmelte sie. Verärgert stapfte Sprotte zu ihrem eigenen Rad. Wenn sie sich beeilte, könnte sie ihn noch einholen. Aber was dann?
„Vergiss ihn. Er ist doch bloß ein blöder Junge“, meinte Melli. Und aus ihrem Mund waren diese Worte so schockierend, dass Sprotte beinahe der Lenker aus den Händen glitt.

„Was ist denn mit dir los?“, wollte sie verwundert wissen.
Melli grinste. „Hab ich nicht so gemeint.“ Sie rollte mit den Augen. „Und das eben war auch nicht so gemeint. Hier für dich.“ Das blonde Mädchen schob ihr eine Packung Schokolade zu. Ihre Lieblingssorte. Mit der Nougatfüllung, die immer so schön auf der Zunge zerging.
Melli seufzte. „Dafür, dass ich dich in der Schule so verärgert hab. Friedas Idee.“
Wortlos nahm Sprotte die Schokoladentafel entgegen.

„Meine Güte, die hat mich fast gezwungen dir was als Wiedergutmachung mitzubringen. Sonst wär ich bei dem Regen ganz bestimmt nicht nochmal losgefahren. Ich mein, schau dir bloß mal meine Schuhe an. Alles voller Matsch!“ Melli konnte viel erzählen und wahrscheinlich war das mit der Schokolade wirklich Friedas Idee gewesen. Trotzdem wusste Sprotte, dass das blonde Mädchen so gut wie nie etwas tat, was sie auch nicht tun wollte.
„Danke, Melli“, sagte Sprotte und steckte die Schokolade zu den Erdbeeren in ihre Tasche.
Sie drehte den Kopf zur Seite, aber Sprotte sah dennoch wie sie lächelte.

„Also“, sagte sie dann mit einem spöttischen Unterton, „wie lange geht das schon mit euch beiden?“
Sprotte stöhnte. Sie hatte sich scheinbar zu früh gefreut. Vielleicht hörte Melli ja von selbst auf, wenn sie ihre Fragen einfach ignorierte.
„Erzähl schon! Ist er wirklich so gut im Küssen, wie ich gehört habe? Sprotte? Sprotte!“
Aber Sprotte hatte sich auf ihr Fahrrad geschwungen und radelte bereits Richtung Wohnwagen. Manche Dinge änderten sich wohl nie.

_________

A/N: Haha xD Melli ist einfach super!
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast