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Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
21.08.2020
10
22.578
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Dieses Kapitel
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09.01.2020 2.330
 
Die Erdbeeren hinter dem Haus waren glücklicherweise durch das Dach ein wenig geschützt worden, sodass sie der Regen nicht komplett zermatscht hatte. Und sie schmeckten immer noch genauso gut wie die, die Fred ihr gestern schon mitgebracht hatte. Der Junge pflückte eine Frucht nach der anderen und befüllte eine blaue Tupperdose damit. Wenn Sprotte das gewusst hätte, hätte sie auch an eine Dose gedacht.

„Du hast nicht zufällig noch so eine?“, fragte sie, auf die Dose zeigend.
Fred klappte die volle Tupperdose zu und hielt sie ihr hin. „Möchtest du noch mehr?“
„Mehr?“ Verwirrt nahm sie den Behälter entgegen. „Sind die für mich?“
„Klar“, entgegnete er grinsend, während er sich lässig gegen die Hauswand lehnte und die Arme verschränkte.
„Wolltest du keine?“
Er zuckte mit einer Schulter. „Wie ich meinen Vater kenne, bringt der nachher noch ne ganze Wagenladung mit.“

„Ah“, machte Sprotte und betrachtete den Jungen nachdenklich. Er konnte ja richtig nett sein, wenn er wollte. Aber das hatte sie ja schon vorher gewusst. Und sie hatte es schon immer an ihm gemocht.
„Was? Hab ich irgendwas im Gesicht?“, fragte er spöttisch.
Sie schüttelte den Kopf. „Warst du schon immer so nett?“, fragte sie nur um ihn zu ärgern.
Er schnaubte. „Wie? Ist dir das noch nie aufgefallen?“
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Muss mir wohl entgangen sein“, entgegnete sie schulterzuckend.
„Frech“, kommentierte er, „Das kriegt man also dafür wenn man nett ist. Du könntest ruhig auch mal ein bisschen freundlicher zu mir sein.“
Sie zog eine Augenbraue hoch. „Tut mir Leid. Ich hab meinen Tagesvorrat an Nettigkeit leider schon aufgebraucht.“
„Na so ein Pech. Und was hast du für heute noch übrig?“
„Hm. Sarkasmus?“ Sie tat als überlegte sie. „Ironie und…“ Sie grinste. „Noch mehr Ironie.“
Fred schnaubte belustigt und schüttelte den Kopf. „Da bin ich aber froh, dass du wenigstens zu meinem Großvater nett warst.“

„Ich hab mir Mühe gegeben“, bemerkte sie. Das war nicht einmal gelogen. Bei diesen Worten änderte sich etwas in Freds Gesicht. Es war plötzlich weicher und… ernster irgendwie.
„Weißt du“, er biss sich auf die Lippen, als wüsste er nicht recht, ob er ihnen erlauben sollte weiterzusprechen. „Ich bin… wirklich… froh, dass du heute mit hergekommen bist.“
Sprotte steckte die Erdbeerdose, die sie immer noch in der Hand gehalten hatte in ihre Tasche und machte einen Schritt auf ihn zu. „Ich weiß“, sagte sie leise. Wie magisch wurde ihr Blick von seinen Fingern angezogen, die mit dem Saum seines hellblauen Sweatshirts herumspielten. Jetzt wirkte er wieder wie ein nervöser Junge.

„Und… er scheint dich wirklich zu mögen.“ Er lächelte.
„Meinst du?“ Er sagte das doch nicht nur so, oder?
„Klar, es hat ihn nicht einmal gestört, dass du seinen geliebten Kaffee verschmäht hast.“ Jetzt hatte sie ein schlechtes Gewissen.
„Ich hätte wenigstens probieren sollen“, murmelte sie stirnrunzelnd. Aber Fred lachte nur.
„Ist schon okay, wirklich. Er hat sich gefreut, dass du dabei warst. In so guter Stimmung hab ich ihn nicht mehr gesehen, seit das mit seinem Knie passiert ist.“ Sein Lächeln hatte jetzt etwas gezwungenes. Und sein Blick schien in weite Ferne gerichtet.

„Das hat ihn echt erschreckt, als er von der Leiter gefallen ist“, erzählte er leise, „er war gerade dabei einen kaputten Ast abzusägen. Ein Glück, dass die Säge im Holz stecken geblieben ist, sonst wär er noch in das blöde Ding reingefallen.“ Er lachte kurz auf, um die offensichtliche Sorge zu überspielen, aber seine Finger, die sich geradezu in den hellen Stoff krallten, verrieten ihr, wie sehr ihn das ganze immer noch beschäftigte. Sprotte nahm eine seiner rauen Hände in ihre und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken. Er seufzte leise. Sie konnte es sogar spüren.

„Dich hat es bestimmt auch sehr erschreckt“, sagte sie vorsichtig, während ihr Daumen sanft über seinen Handrücken strich.
Er antwortete nicht. Stattdessen legte er einen Arm um sie und zog sie an sich.
„Das wird schon wieder“, flüsterte sie zuversichtlich. „Ganz bestimmt.“
Fred schwieg weiterhin und Sprotte blieb nichts anderes übrig als ihm langsam über den Rücken zu streichen und zu hoffen, dass ihm das in irgendeiner Form Trost spendete. Sie merkte, wie er sich nach und nach entspannte und ruhiger wurde.

Schließlich schob er sie ein Stück von sich und betrachtete sie für einen Moment. Seine Finger strichen ihr ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Traurigkeit schien aus seinen blauen Augen verflogen. Da war etwas anderes in der Art wie er sie ansah. Etwas dass ihr ein nervöses Kribbeln über die Haut jagte.
„Sprotte, du… ich…“, begann er zu sagen, ließ den Satz aber unvollständig zwischen ihnen hängen.
„Ja?“, hauchte sie.
Er atmete tief ein, drehte dann aber seufzend den Kopf zur Seite. „Ach nichts.“
„Was ist mit mir?“
„Sag ich dir ein andermal. Vielleicht.“
Sprotte runzelte die Stirn. „Komm schon. Machs nicht so spannend.“
„Du willst wohl unbedingt frühzeitig Falten bekommen, was?“, scherzte er und tippte ihr auf die Stirn. Da war es wieder. Das Grinsen, bei dem ihr immer ganz flau im Magen wurde. Sie verdrehte die Augen. „Idiot“, sagte sie patzig, „War bestimmt sowieso nix Wichtiges.“

Sie war froh, dass seine gute Laune wieder zurück war. Trotzdem stapfte sie trotzig hinüber zum Geräteschuppen, wo ihre Räder standen.
„Warum hast dus überhaupt so eilig?“, rief er, während er ihr in den Schuppen folgte.
Sie seufzte. Sie hatte ganz vergessen ihm das zu erzählen. „Ich wollte nochmal bei den Hühnern vorbeischauen.“
„Ach so“, er grinste erleichtert, als hätte er gedacht sie konnte es gar nicht erwarten endlich nach Hause zu fahren. „Na dann wollen wir die Hühner nicht warten lassen.“
Sie biss sich unschlüssig auf die Unterlippe. In der Dunkelheit des Schuppens konnte sie ihn gar nicht richtig sehen.

„Wir… haben heut noch ein Bandentreffen“, flüsterte sie schließlich, „Ich… hab versucht es zu verschieben, aber die anderen hatten nur heute Nachmittag Zeit.“ Sie hoffte er würde es verstehen. Einen Moment lang war es still, dann sagte er: „Da kann man wohl nix machen. Komm, fahren wir noch ein Stück zusammen.“
Damit schob er sein Fahrrad aus dem Schuppen und ließ sie in der Stille des Raumes zurück.


Den ganzen Weg vorbei an Schrebergärten, Feldern und kleinen Waldstücken überlegte Sprotte, wie sie es ihm besser hätte erklären können. Fred sagte auch nichts mehr dazu. Er sagte überhaupt nichts. Wenn er sie noch ein Stück begleiten wollte, warum sagte er dann nichts? Bestimmt nahm er ihr das ganze übel. Aber was hätte sie denn machen können? Als sie noch etwa 25 Meter von dem Baumhaus der Pygmäen entfernt waren, bremste sie abrupt ab und lehnte ihr Rad an einen Baum. Verwundert drehte sich der Junge zu ihr um und bremste ebenfalls ab.

„Was ist denn?“, fragte er, während sie entschlossen zu ihm hinüberlief.
„Bist du böse wegen dem Bandentreffen?“, fragte sie zurück, „Ich wollte es dir ja schon vorher sagen, aber… naja… ich wollte den Nachmittag nicht verderben. Und dann hab ichs total vergessen.“
Fred betrachtete sie stumm für einen quälenden Augenblick. Dann stieg er von seinem Rad ab und ließ es ins Gebüsch sinken.
„Na, ich hätts schon besser gefunden, wenn die Hühner sich nicht den einen Tag zum Kaffeeklatsch ausgesucht hätten, den ich eigentlich… mit dir verbringen wollte.“ Er seufzte dramatisch und sie war kurz davor einfach zu sagen was solls, die anderen vermissen mich bestimmt sowieso nicht. Da grinste er sie schelmisch an und stellte sich direkt vor sie.
„Aber ich versteh schon. Die Pflicht ruft“, Er zuckte in einer ausladenden Geste mit den Schultern, „Ich stehl mir dann einfach wann anders ein wenig von deiner kostbaren Zeit.“ Er zupfte leicht an einer ihrer Haarsträhnen. Irgendwie schien er das zu mögen.

Sprotte versuchte nicht zu lächeln. Natürlich war er nicht böse auf sie. Doch nicht wegen so einer Kleinigkeit! Sie seufzte erleichtert. Am liebsten hätte sie ihn zum Wohnwagen mitgenommen.
Dann zuckte sie plötzlich zusammen und sah sich überrascht um. Sie hatte etwas gehört. Ein Knacksen. Wie von einem brechenden Ast.
„Was war das?“, flüsterte sie verwundert.
„Bestimmt nur ein Eichhörnchen oder so. Nen verrückten Axtmörder hab ich hier noch nie gesehen. Ehrlich.“
Das Mädchen verschränkte die Arme. Jetzt verspottete er sie auch noch. Nervös schaute sie sich um. Was wenn da doch jemand irgendwo im Gebüsch saß?
In dem Versuch sie zu beruhigen, legte Fred seine Hand auf ihre Schulter. „Keine Angst. Uns beobachtet niemand. Das ist der langweiligste Wald, den man sich vorstellen kann.“

Sie seufzte und blickte auf ihre Füße. „Das ist es nicht.“ Sie war schließlich kein Angsthase. Aber da drüben war doch gleich das Baumhaus…
„Sprotte“, begann er zögernd, „Es ist doch nicht… wegen… du weißt schon… wär es dir lieber wenn…“ er kämpfte merklich mit den Worten, „Ich mein – hab ich… hab ich irgendwas falsch gemacht?“
Ach verdammt! Das hatte sie nicht gewollt. Wie er sie ansah! So unsicher und… enttäuscht. Schnell schüttelte sie den Kopf.
„Nein, du hast überhaupt nichts falsch gemacht!“
„Bist du dir sicher? Du guckst immer so, als hättest du Angst in der nächsten Sekunde würde dich jemand bei etwas Verbotenem erwischen. Oder… als wärst du lieber ganz woanders…“ fügte er stirnrunzelnd hinzu.
„Das stimmt doch gar nicht! Es ist nur… das ist einfach alles so neu und ich… muss doch erstmal selber irgendwie damit klar kommen. Ohne, dass irgendjemand ständig blöd guckt oder doofe Bemerkungen macht.“
Er fuhr sich seufzend durch seine rostroten Haare. Aber er schien erleichtert.
„Mensch, Sprotte, sag das doch gleich! Und ich dachte schon ich hab das alles falsch verstanden und du wärst eigentlich viel lieber… mit jemand anderem zusammen.“ Er betrachtete seine Füße während er das sagte.

Mit jemand anderem? Maik… Dachte er immer noch an Maik? Sie selbst dachte nicht einmal mehr an ihn. Und überhaupt war das was sie für Maik empfunden hatte doch ganz anders gewesen. Unsicher hatte sie sich bei ihm gefühlt. Wie eine andere Sprotte. Und im Vergleich zu Frieda war sie sich so hässlich und dumm vorgekommen.

Fred dagegen… der konnte zwar nicht reiten, aber sein schiefes Grinsen war ihr fast ebenso vertraut wie Trudes Harmoniebedürftigkeit. Oder Mellis spöttisch hochgezogene Augengrauen. Oder Wilmas Eifer, wenn es ums Spionieren ging. Oder Friedas nie-endender Gerechtigkeitssinn. Mit ihm hatte sie das Gefühl… dass es in Ordnung war einfach sie selbst zu sein. Sie hatte ihn wirklich gern. Wieso war ihr das vorher nie aufgefallen? Zu gerne hätte sie ihm all das gesagt. Aber sie wusste nicht wie. Vielleicht konnte sie irgendwann den Mut aufbringen ihre Gefühle laut auszusprechen. Wieso war das bloß so schwer?

„Hm“, begann sie stattdessen, „also ehrlich gesagt, jetzt, wo ich deinen Großvater getroffen hab, find ich ihn fast irgendwie netter als dich. Er macht bessere Witze,“ zählte sie auf. „kleidet sich besser… kennt sich hervorragend mit Gartenarbeit aus… und du?“ Sie betrachtete ihn skeptisch und schüttelte den Kopf.
Fred schnaubte halb-belustigt und halb-empört. „Hey, das ist nicht fair. Mach dich nicht über meinen Großvater lustig.“
„Vielleicht mach ich mich ja über dich lustig.“ Sie grinste.
„Na du traust dich aber was,“ gab er zurück und stupste leicht gegen ihre Nasenspitze. „So vorlaut und dann zuckst du bei ein paar harmlosen Geräuschen zusammen.“
„Ich habs dir doch erklärt,“ sagte Sprotte ärgerlich. „Ich mag es einfach nicht… beobachtet zu werden.“ Dann fühl ich mich nur noch unsicherer, dachte sie. Wer weiß, was die andern aus der Klasse dann über mich denken? Über uns
„Außerdem ist das doch irgendwie nett, so ein kleines Geheimnis von dem sonst niemand weiß“, flüsterte Sprotte um die Stimmung ein bisschen aufzuhellen. Und weil sie wissen wollte ob das für ihn okay war.

Fred grinste. „Bis auf Frieda.“
„Stimmt. Hatt ich fast vergessen.“
„Hm“, machte er nachdenklich, „Ein gutes hat diese Geheimniskrämerei ja.“ So wie seine Augen schalkhaft aufblitzten, wollte Sprotte gar nicht fragen woran er dachte. „Wann hat man sonst die Gelegenheit für ein geheimes Lächeln oder... verschlüsselte Botschaften oder… oder stürmische Abschiedsküsse im Wald?“
„Was?“ Hatte sie ihn gerade richtig verstanden?
Er nahm sie bei der Hand und zog sie hinter den nächsten Baum. Sie konnte die knorrige Baumrinde in ihrem Rücken spüren. Und direkt vor ihr stand Fred. Was hatte er vor?

„Romantisch hier, oder?“, flüsterte er leise, während seine blauen Augen von ihren eigenen über ihre Nase zu ihrem Mund wanderten. Dann sprangen sie wieder nach oben und er sah sie irgendwie fragend an. Anstelle zu antworten lächelte sie ihn an und gab seiner Hand einen leichten Druck. Fred nahm das als Zeichen um sich zu ihr herunterzulehnen und sie zu küssen. Entgegen seiner Ankündigung war der Kuss nicht gerade stürmisch. Im Gegenteil. Sprotte würde ihn eher als sanft bezeichnen. Aber auch nicht unbedingt zurückhaltend. Auf jeden Fall fühlte es sich unglaublich schön an, wie er mit seinen Lippen langsam über ihre strich und einer seiner Arme sich leicht um ihre Taille legte.

In genau diesem traumhaft schönen Moment fiel Sprotte wieder Melli ein. Hatte sie nicht gesagt, dass Fred angeblich 'erstklassig' im Küssen war? Wo hatte er das gelernt? War das der Grund warum sich das so gut anfühlte? Oder lag es einfach nur an Fred, dass ihre ganze Haut schon wieder so kribbelte?

Bevor Sprotte noch weiter über diese Fragen nachgrübeln konnte, ertönte schon wieder ein lautes Geräusch, dass ihre Gedanken unterbrach. Es klang wie das Krachen eines umgefallenen Fahrrads. Nicht schon wieder, dachte sie, öffnete die Augen (Wann hatte sie die überhaupt geschlossen?) und drehte sich nach dem Geräusch um.

Die blauen Augen, die sie erblickte ließen ihr Herz für eine schreckliche Sekunde stillstehen. Alles was sie herausbrachte war ein einziges ersticktes Wort:

„Melli?“



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A/N: Also.... ich hoffe hier hat niemand ein Problem mit Cliffhangern... Falls doch... tut mir Leid. Ein bisschen :D Und wo wir schonmal dabei sind, sorry, dass das update so ewig gedauert hat. Nächstes sollte wieder schneller kommen. Gerade wegen des Cliffhangers :D Und... mir ist ein dummer Fehler aufgefallen, als ich die ganze Reihe nochmal gelesen habe. Die Hühner machen ihre Reiterferien im Herbst. Und irgendwie spielt dummerweise meine ff im Frühling/ Sommeranfang.... Erdbeeren und so :D Also, bitte einfach drüber hinwegsehen.
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