Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Verlorene Hühnerfedern

von zimtia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
25.05.2019
21.08.2020
10
22.578
6
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
05.10.2019 1.740
 
Natürlich fing es wieder an zu regnen, bevor sie den Schrebergarten von Freds Opa erreichten. Zum Glück regnete es aber nur ein bisschen. Anfangs. Dann wurde es langsam immer stärker. Die beiden schafften es gerade noch ihre Fahrräder in dem alten Schuppen neben dem kleinen Gartenhäuschen zu verstauen, ehe es richtig zu schütten begann. Dann flitzten sie schnell hinüber zur Eingangstür der Gartenhütte, damit sie nicht noch nasser wurden.

Von innen war das Häuschen angenehm warm und mit lauter Schnickschnack dekoriert, der dem ganzen etwas heimeliges und gemütliches verlieh. Oma Slättberg hätte womöglich die Hälfte davon als nutzlose Staubfänger verunglimpft. Sprotte gefielen die kleinen Kuriositäten. Bestimmt steckte hinter jedem einzelnen Gegenstand eine eigene Geschichte.

„Bist du sehr nass geworden?“, wollte Fred wissen, der gerade an ihrer Seite aufgetaucht war. Sie schüttelte den Kopf.
„Grade noch Glück gehabt“, erwiderte sie leise.
„Kommst du mit rein?“, fragte er etwas zögerlich. War er nervös wegen irgendwas?
Gerade wollte sie ihn fragen, was er damit meinte. Waren sie nicht schon drinnen? Da nickte er zu einer leicht geöffneten Tür am Ende des kurzen Flurs.

„Klar“, sagte sie leichthin. Mit einem Mal ergriff sie ebenfalls ein Gefühl von Nervosität. Gleich würde sie zum ersten Mal Freds Großvater treffen. Sie wusste, wie viel er ihm bedeutete. Was wenn er sie nicht mochte?
In diesem Moment fühlte sie kühle Finger, die sich mit ihren verschränkten. „Guck nicht so grimmig, Oberhuhn. So kriegst du noch Falten,“ witzelte der Junge, während er ihr spielerisch die Stirn glattstrich. Sie verdrehte die Augen. Aber er hatte sie zum Lächeln gebracht. Aufmunternd grinste er ihr zu und zog sie dann den Flur entlang in Richtung der offenen Tür.

„Friedrich, mein Junge, da bist du ja“, grüßte der ältere Mann, der an einem runden Tisch saß und etwas aus einem dampfenden Becher trank. Sein Haar war überwiegend grau mit vereinzelten rötlich-braunen Strähnen. Es stand ihm ein bisschen vom Kopf ab, als hätte er eine Mütze oder einen Helm getragen. Seine Augen funkelten blau und aufgeweckt. Vielleicht auch ein wenig überdreht. Er schien wie jemand, der immer bereit für ein Abenteuer war. Sprotte mochte ihn sofort.

„Und wen hast du mir da mitgebracht?“, fragte der Mann munter. Er grinste breit. Und zwinkerte Fred auffällig zu. Der Junge seufzte. War ihm das etwa peinlich? „Ich hab dir doch gesagt, dass ich Sprotte mitbringen wollte.“ Diese lächelte etwas schüchtern.

„Aaah“, sagte Freds Großvater langsam und setzte seine Tasse auf dem Tisch ab. „Du bist also das Mädchen von dem unser Friedrich ununterbrochen spricht?“
Großvater“, stöhnte Fred auf. Er war sichtlich verlegen. Das war ja fast noch besser als Babyfotos.

„Ach wirklich?“, fragte sie an den Jungen gewandt, „Was erzählst du denn so über mich? Nichts schlechtes hoff ich?“
„Ach, die verrücktesten Sachen“, plauderte der ältere Mann, „Meine Lieblingsgeschichte ist die, wo ihr mit euren Freunden ein paar Hühner vorm Schlachten gerettet habt. Das hätt ich zu gern miterlebt. Allein schon die Idee ist brilliant!“

„Es war Sprottes Idee“, sagte Fred beinahe stolz.
Der Raum kam dem Mädchen plötzlich noch wärmer vor.
„Ach was, ohne die Hilfe der Hühner und Pygmäen hätt ich das doch nie allein geschafft“, winkte sie ab.
„Hühner?“, hakte Freds Opa nach.
„Oh. Ähm, nicht die echten Hühner. Die Wilden Hühner“, erklärte sie leicht verlegen, „Unsere Bande heißt so.“

Der Mann tauschte einen amüsierten Blick mit seinem Enkel und wies dann auf die Eckbank zu seiner linken. „Setzt euch erstmal hin und dann will ich alles über diese Bandengeschichten hören. Es ist auch noch Kaffee da. Du trinkst doch Kaffee, oder?“, fragte er an Sprotte gerichtet. Diese warf Fred einen unsicheren Blick zu.

„Äh… gibt es denn noch was anderes?“, fragte sie.
„Sorry, aber es gibt leider nur Kaffee“, gab Fred schulterzuckend zurück. Das Mädchen runzelte nachdenklich die Stirn. Sie war nicht wirklich eine Freundin von Kaffee. Der schmeckte einfach so bitter.

„Ich… kanns ja mal ausprobieren“, entgegnete sie zweifelnd.
Da fing der Junge plötzlich an zu kichern. „Wir finden schon noch was anderes für dich“, sagte er, während er sie auf die Bank zuschob, „Hühner trinken nämlich nur Tee“, fügte er an seinen Großvater gewandt hinzu und sprang hinüber zur angrenzenden Küchenzeile. Sprotte warf ihm einen giftigen Blick zu. Er hatte Glück, dass er ihr den Rücken zudrehte. Der alte Mann neben ihr aber, hatte ihre Reaktion genau gesehen. Entschuldigend sah sie ihn an, merkte dann aber, dass ihn das ganze Schauspiel belustigte.

„Ich dachte ja zuerst er übertreibt“, flüsterte er gerade so laut, dass man es bis zur Küchenzeile hören konnte, „aber wie es scheint hat unser Friedrich wirklich das mutigste und tollste Mädchen der Stadt gefunden.“

Sprottes Augen weiteten sich und sie hörte, wie etwas auf den Boden klatschte. Sie wandte sich zur anderen Seite des Raumes und sah, dass es zum Glück nur die Teebeutelpackung war und nichts zerbrechliches. Mit zur Grimasse verzerrtem Gesicht hob der Junge sie auf und machte sich daran Wasser für den Tee zu kochen.

„Wenn du jetzt all meine Geheimnisse ausplauderst, bring ich Sprotte nächstes Mal nicht mehr mit“, murrte er, an den Wasserkocher gerichtet. „Außerdem hast dus nicht richtig erzählt.“ Fred pustete sich die Haare aus dem Gesicht und grinste sie schief an. „Du hast vergessen zu sagen, dass sie bei Weitem das schönste Mädchen ist.“

Sprottes Gesicht glühte. Sie fühlte es. Aber ihr Gesicht war nicht das Einzige was warm war. Sie hatte das Gefühl, die Sonne würde in ihrem Innern scheinen. Und obwohl das eindeutig eins der kitschigsten Dinge war, die sie je gehört hatte, verspürte sie dieses Mal nicht den Drang mit den Augen zu rollen.


Während leise im Hintergrund der Regen an die Scheiben klopfte, füllte sich das kleine Gartenhäuschen mit lauter Geschichten über Streiche und Abenteuer, Füchse und Strandgespenster, Wohnwägen und Baumhäuser. Und natürlich wollte Freds Opa die Geschichte von der Hühnerrettungsaktion noch einmal aus erster Hand hören. Als Sprotte dabei war von ihrer Oma und der Pistole zu erzählen, wollte er plötzlich ihren kompletten Namen wissen. Daraufhin stellte sich heraus, dass er Oma Slättberg tatsächlich noch aus der Schule kannte! Gerade wollte sie fragen, was ihre Oma denn zu ihrer Schulzeit so alles angestellt hatte, als ihr Blick erschrocken auf die Kuckucksuhr fiel, die über dem Eingang des Zimmers hing.

Fünf Uhr war es schon! Wenn sie noch zum Wohnwagen wollte, müsste sie demnächst aufbrechen. Wie schade. Es war so ein Vergnügen gewesen hier mit Fred und seinem Großvater zu sitzen und lustige Geschichten auszutauschen, bei ein paar salzigen Crackern und reichlich Kaffee. Oder Tee in ihrem Fall.

„Alles in Ordnung?“, fragte Fred, der neben ihr auf der Bank saß, weil sie plötzlich verstummt war.
„Klar“, gab sie zurück und überlegte wie lange man von hier zum Wohnwagen brauchte. Zehn Minuten? Fünfzehn?
Er folgte ihrem Blick zur Uhr. „Musst du schon los?“ Ein bisschen enttäuscht klang er. Wie gerne würde sie noch den ganzen Abend hier bleiben. Vielleicht sollte sie das einfach tun. Die anderen würden das schon verstehen… oder nicht? Sie runzelte die Stirn.

„Jetzt haben wir so lange geplaudert!“, meldete sich Freds Opa zu Wort, „Bestimmt habt ihr noch wichtigere Dinge vor, als mit einem alten Knaben über Vergangenes zu reden.“
Hastig schüttelte Sprotte den Kopf. „Ach, überhaupt nicht. Es hat wirklich Riesen-Spaß gemacht. Wir bleiben gerne noch ein bisschen länger. Oder?“
„Genau“, stimmte der Junge zu, „Wir wollten ja auch noch den Salat und die Kartoffeln einpflanzen.“ Stimmt! Deswegen waren sie ja gekommen. Und der Regen machte gerade auch eine Pause.

„Ach was“, winkte der Großvater ab, „Das kann dein Vater später machen, wenn er mich abholt.“
„Geht das auch wirklich in Ordnung?“, fragte Sprotte, die ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie diejenige war, die plötzlich alle in Unruhe versetzte.
„Natürlich!“, entgegnete der Mann grinsend, „Wir setzen unser Gespräch einfach beim nächsten Mal fort. Vielleicht spielt dann ja auch das Wetter besser mit.“
Sprotte warf dem Jungen neben ihr einen unsicheren Blick zu. Er zuckte nur mit den Schultern. Sehr hilfreich.

„Geht schon“, forderte der Großvater sie auf, „Sonst fängt es gleich wieder an zu regnen! Ich würd euch ja noch zur Tür bringen, aber mein Knie…“ Er patschte sich auf sein rechtes Bein und verzog das Gesicht.
„Bleib lieber sitzen, Großvater. Ich kenn den Weg ja.“ Fred stand auf und legte seinem Opa eine Hand auf die Schulter. „Brauchst du noch irgendetwas?“, fragte er ernst. Er wirkte so erwachsen in diesem Moment. So fürsorglich. Sprotte wurde schon wieder ganz warm dabei.

Der Mann schüttelte den Kopf und lächelte. „Bistn guter Junge“, gab er zurück, „Hinter der Hütte gibt es noch Erdbeeren. Seid so gut und nehmt euch noch welche davon mit. Ach und die Zeitung auf der Anrichte könntest du mir noch reichen.“
„Wird erledigt“, antwortete der Junge grinsend, während er besagte Zeitung holte und zusammen mit einem Kugelschreiber auf den Tisch legte. Die beiden klopften sich noch einmal gegenseitig auf den Rücken, bevor sie sich beinahe zur gleichen Zeit dem rothaarigen Mädchen zuwandten. Sprotte stand von der Bank auf und ging zu ihnen herüber.

„Nun denn“, begann Freds Opa, während er ihr seine Hand entgegenstreckte, „Es war mir ein Vergnügen dich kennenzulernen, Sprotte.“ Sein Händedruck war warm und fest. Aber nicht zu fest. Angenehm irgendwie.
„Ging mir genauso“, antwortete sie mit einem Lächeln, „Danke, dass ich heute mitkommen durfte.“
„Sei nicht albern. Freunde von meinem Friedrich sind mir immer willkommen. Ganz besonders so bezaubernde junge Damen wie du.“ Er zwinkerte ihr zu und ließ dann ihre Hand los. „Ich freu mich schon auf das nächste Mal.“
Sprotte nickte. „Da haben wir dann bestimmt auch mehr Zeit“, erwiderte sie zuversichtlich.

„Jetzt beeilt euch aber, ich kann den Regen schon in der Luft riechen.“ Er winkte sie zur Tür, während sie sich fragte, ob er das ernst gemeint hatte oder es ein Scherz gewesen war.
„Das kann er wirklich“, raunte Fred ihr verschwörerisch zu und ging dann Richtung Tür. „Bis bald!“, rief er, als er sich noch ein letztes Mal zu seinem Großvater umdrehte.
„Ja, bis bald!“, sagte auch Sprotte zum Abschied. Der Mann winkte noch einmal und wandte sich dann seiner Zeitung zu. Das war dann wohl das Zeichen zum Gehen.


___________
A/N:  Das gute an einem OC ist doch, dass er nicht out of character sein kann :) Genaugenommen ist Freds Opa ja kein OC aber er taucht nie konkret im Canon auf. Also, hier ist meine Version von ihm :D Humorvoll, bisschen verschroben. Auf jeden Fall jemand mit dem man gern seinen Nachmittag verbringt :D

Tippfehler der Woche: Kugelschreier
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast